Gerade, kreuz und quer – eine Buchbesprechung

Für mich ist das Buch von Rahel Straubel und Dirk Reuber ein ganz Besonderes. Schon allein deshalb, weil ich die beiden gut kenne und weil sie meine Leidenschaften teilen. Radfahren und wandern; dabei Kultur, Natur, Land und Leute kennenlernen.

Als Dirk mir vor gut zwei Jahren von dem Buchprojekt erzählte, hatte ich sofort einige schöne Bilder und Geschichten aus der Region vorm geistigen Auge. Wie schön, dass die beiden mich freundlicherweise auch noch baten, eine Story zum Inhalt beizutragen. Sie kannten mein Blog und meinen Stil. So fing das Ganze für mich an. Und für Dirk und Rahel stand ein ordentliches Paket Arbeit ins Haus.

Vorige Woche hielt ich das 240-seitige Ergebnis ihres Schaffens freudig und erwartungsvoll in Händen. Es ist gut gelungen, das sage ich schon einmal vorab.

Rahel und Dirk haben sich nicht die üblichen Ziele und Wege vorgenommen, die schon vor ihnen viele Autoren beschrieben haben. Sie haben genau hingeschaut im westlichen Brandenburg.

“ Die Tage sind hell, kein Berg begrenzt die Sicht. Die Nächte sind oft so dunkel, dass man dem Sternenhimmel ganz nah zu sein scheint“

“ Uns interessiert Kultur besonders jenseits großer Namen oder wichtiger Stätten“

So haben die Autoren ganz besondere Orte mit interessanten Menschen entdeckt und beschrieben. Sie sind eingetaucht ins Land und ihre Begeisterung fürs Unspektakuläre wird greifbar. Ganz im Sinne des großen Fontane, der im Vorwort zu seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg schrieb: “ Der Reisende in der Mark muß sich mit einer feineren Art von Natur- und Landschaftssinn ausgerüstet fühlen. Es gibt gröbliche Augen, die gleich einen Gletscher oder Meeressturm verlangen, um befriedigt zu sein. Diese mögen zu Hause bleiben“.

Rahel und Dirk beschreiben in ihrem Buch eine Reihe von kreativen, engagierten und mutigen Menschen, die in kleinen Dörfern, oft weit abgeschieden, Initiativen entwickelt haben und für den Ort und die Region Positives bewegen. Sie machen all das im Text und mit den Fotos greifbar und erlebbar.

Gerade, kreuz und quer“ sind sie gewandert, mit dem Rad gefahren und mit dem Hausboot über die Seen geschippert. Wanderrouten und parallel etwas längere Radtouren in der jeweiligen Region führen an den schönen, an den einsamen, an den interessanten Orten vorbei. Beim Lesen habe ich spontan Lust bekommen, aufzubrechen und dorthin zu fahren, wo ich bisher noch nicht war, wo auch für mich „Kreuz und quer-Radler“ Neuland zu entdecken ist. Umso schöner, wenn das so greifbar beschrieben ist und auch noch zu jedem Ziel eine Karte hinzugefügt ist mit der besten Wander- oder auch Radroute.

Warum nicht einmal auf der Pilgerroute von Hennigsdorf nach Bad Wilsnack zur Wunderblutkirche laufen… Die Autorin Ute Gottesmann beschreibt ihre sechs Pilgertage und 130 Wanderkilometer kurzweilig und anschaulich.

Oder einmal bei Vehlefanz und Schwante um den Mühlensee laufen und anschließend ein Salonkonzert bei Monta Wegmann im ehemaligen Stall neben dem Wohnhaus erleben und dabei mit den Künstlern ins Gespräch kommen und ein Glas Wein trinken…

Gerade, kreuz und quer ist ein herrliches Buch zum Lesen, zum Nacherleben, zum Verschenken an jeden, der Land und Leute besser kennenlernen will.

Danke Rahel und Dirk!

LESEN!

Rahel Straubel/ Dirk Reuber, Gerade, kreuz und quer. Wandern & Radfahren durchs westliche Brandenburg

240 Seiten, Broschüre, 16×22 cm, ISBN 978-3-95894-240-0

18 Euro

Überall im Buchhandel oder unter http://www.omnino-verlag.de

Adonisröschen an den Pontischen Hängen

„Wo das Blut des schönen Jünglings ( Adonis) hintropft, sprießen die Blüten der Adonis aestivalis, der roten Verwandten unseres gelb blühenden Frühlings-Adonisröschens.“ So lese ich es nach in einem Beitrag des NABU über die Pontischen Hänge von Lebus an der Oder. Schon 1921 wurde hier ein kleines Naturschutzgebiet eingerichtet, um die seltene Pflanze zu schützen.

Es geht Adonis gut an den Pontischen Hängen. Die Blume stammt ursprünglich aus der Gegend des Kaukasus und Südsibiriens. Am Ende der letzten Eiszeit vor etwa 12000 Jahren hat sich die Pflanze in mehreren Schüben entlang der Flüsse Weichsel, Oder und Warthe schrittweise nach Westen vorgearbeitet. Das Adonisröschen hat also einen eindeutigen Migrationshintergrund. Es fühlt sich dennoch bei uns wohl, wird geschützt und geschätzt. Bei all meinen Fahrten „nad Odra“ hatte ich es bisher nicht in Blüte erlebt. Entweder war ich zu spät im Jahr auf Suche gegangen, oder ich war einfach zu bequem, die Feldwege zu fahren und zu schieben bis dorthin. Also wartete heute eine kleine Aufgabe auf mich. Endlich Adonisröschenblüten sehen und dann aufs Foto bannen.

Aber halt, bis zur Oder hin dauert es um die vier Stunden für den Kultur-Randonneur, denn er will ja auch auf der Anreise zum Tagesziel sehen und erleben. „Der Weg ist das Ziel.“ Frischer Westwind ist angesagt an diesem Aprilmittwoch und genauso frische 8 Grad, vielleicht noch ein Graupelschauer dazu… Ich packe sicherheitshalber meine Gore-Shakedry ein und streife mir für die ersten kalten Kilometer Langfingerhandschuhe über. Das Granfondo-Titan kommt zum Einsatz.

Die Grundschule ist schon seit 2003 geschlossen

Es freut sich genauso wie ich auf eine ordentliche Granfondo-Distanz. In eine kleine Thermosflasche, die gut in den Halter passt, fülle ich heißen Ingwertee, in die normale kommt 0,6 l Isogetränk. Dazu stecke ich noch einen dicken Eiweißriegel in die Trikottasche. So sollte ich ohne Hungerast notfalls über den Tag kommen. Nach einem Frühstück mit Kaffee, Vollkorntoast, Käse, Honig und Marmelade sitze ich um 9.30 Uhr auf dem Rad. Dann rolle ich mich über Bernau, Tempelfelde, Heckelberg ein. Durch den langen Wald nach Haselberg, und schon habe ich das Oderbruch formatfüllend vor Augen. Auf den ersten 60 Kilometern sind mir gerade mal zwei Rennradler begegnet. Meinem Radlerfreund Wolfgang schreibe ich hinter Schulzendorf eine WhatsApp mit diesem anhängenden Foto:

Ich bin fies, ich will ihn neidisch machen. Vor einem Jahr waren wir hier gemeinsam unterwegs, heute sitzt der Arme im Büro und arbeitet sich an einer Excel-Tabelle ab. Die Sonne lacht, der Wind schiebt mich mit 45 km/h hinunter nach Vevais, wo die Kolonisten, vom Alten Fritz angeworben, ihre neue Heimat im Jahr 1752 nach ihrer alten tauften. 17 Familien bauten sich ein neues Leben auf.

Keramik-Skulptur von Inge Müller

Eine Keramikskulptur erinnert an die ersten Siedler, die wahrscheinlich aus der französisch-sprachigen Schweiz am Genfer See stammten. Vevais – nach Vevey am Genfer See. Genau vor einem Jahr stand ich auch an dieser Stelle und fotografierte das Werk von allen Seiten.

Ich steige wieder auf mein Granfondo, sonst fange ich noch an zu frieren. Die dunklen Wolken, aus denen vereinzelt Graupel fällt, ziehen knapp nördlich an mir vorbei. Glück gehabt. Kurs Ost, nächster Halt Alt-Lewin, mit zwei Dutzend Häusern für 55 Einwohner. herumgruppiert um die Kirche, ein Angerdorf. Bei den Siedlungen für die Kolonisten, die immer mit „Neu“ anfangen, handelt es sich meistens um Straßendörfer.

Der heiße Ingwertee tut gut und wärmt. In Alt-Lewin lässt sich kein Mensch blicken, still liegt der Ort. Die lange Eichenallee, Ortwiger Kruschke genannt, führt mich nach Ortwig. Am Ortseingang biege ich ab in die Bauernstraße mit einem genauso dominanten wie hässlichen alten, grauen Mietshaus, das offensichtlich noch freie Wohnungen zu bieten hat.

„Selig sind, die Frieden stiften“, lese ich an der teilrestaurierten Dorfkirche, die in den letzten Tagen des Krieges in Trümmer gelegt wurde. Zwei Glocken haben in den Fensteröffnungen der Südwand einen neuen Platz gefunden. Die kleine evangelische Gemeinde hat in den vergangenen 30 Jahren mühevoll und in kleinen Schritten innerhalb der Grundmauern wieder einen Gedenkraum gestaltet.

Noch zwei Kilometer bis zur Oder, bis Groß Neuendorf – einem Ort, in dem wieder mehr als 350 Menschen wohnen, auch Zugezogene aus der Hauptstadt, die am Wochenende hier leben und in Berlin arbeiten. Sogar übernachten kann man in einer Ferienwohnung im alten Verladeturm und – sehr originell – in alten Zugwaggons, die einen freien Blick auf die Oder erlauben.

Am 26. April aber erlebe ich Groß Neuendorf ohne jede Gastlichkeit. Der Radlergarten samt Haus steht zum Verkauf, das Maschinenhaus sucht einen neuen Pächter, und auch das Landfrauencafé ist geschlossen. Möge die beginnende Saison reichlich Rad- und sonstige Touristen an die Oder locken, damit wieder Leben einkehrt und die Menschen lachen können. Landschaft und Leute haben es wahrlich verdient.

Auf meiner Suche nach heißem Kaffee werde ich auch in Kienitz und seinem Kirchen-Café nicht fündig. Es hat nur freitags bis sonntags geöffnet.

Also rolle ich um die nächste Dorfecke, am Panzer vorbei und dann südwärts. Und hier wartet dann eine echte Überraschung auf meinen nach Speis und Trank lechzenden Körper.

„Bitte sind Sie so nett und klingeln, ich bin in 1 Minute da – bis gleich, freue mich“

Ich klingele. Nach wenigen Augenblicken öffnet eine freundliche Frau die Türe und bittet mich herein. Auf einem Blech liegt ein frisch angeschnittener Apfelstreusel. In einer Kanne wartet heißer Kaffee. Als ich bezahle und die Gastfreundschaft mit drei Euro Trinkgeld belohne, werde ich meinerseits durch ein „da freu ick mir aber janz dolle“ wertgeschätzt.

Gut gelaunt biege ich wieder auf den Deichweg ein. Küstrin lasse ich heute „links liegen“, ich will schließlich mein Tagesziel, die Pontischen Hänge in Lebus, noch zeitig erreichen. Der Reitweiner Sporn, ein langgestreckter Hügel, erhebt sich aus der Bruchebene auf 80 Meter empor. Dann schließt sich das Lebuser Plateau südlich an. Die Adonishänge kommen näher. Der Radweg macht im unteren Teil von Lebus einen Bogen wieder auf die Hochfläche hinauf. Ich bleibe diesmal nahe an der Oder und folge einem Fußpfad und dem Hinweisschild zum Adonis.

Diesmal lachen die Röschen mich an, sie stehen in voller Blüte und leuchten in klarem Gelb. Harmlos sehen sie aus, sind aber überaus giftig und zum Verzehr nicht geeignet. Das wissen auch die Schafe und Ziegen, die hier weiden und die Hänge von Unkraut freihalten und eine Verbuschung verhindern. Sie knabbern alles weg, lassen aber die Adonis-Pflanzen stehen. Gut so.

20 Minuten verweile ich hier, sauge die Farben und die Düfte auf und genieße den Blick in die Oderauen. Dann stiefele ich den Feldweg durch das Buschwerk hoch, um wieder auf den Radweg zu gelangen. Von hier oben reicht der Blick bis hin zu den polnischen Oderhängen auf der Ostseite. Traumhaft.

Die Wildkirschen stehen in voller Blüte und leuchten in strahlendem Weiß. Ich muss mich geradezu losreißen von diesen An-und Ausblicken. Bis hinunter nach Frankfurt begleitet mich diese Frühlingsorgie noch. Da braucht es keine gemütsaufhellenden Drogen. Die Natur macht das alles noch besser und leistet einen wunderbaren Beitrag zur seelischen Gesundheit. Also, liebe Leser, macht euch auf an die Oder, es lohnt sich.

Nach 150 Kilometern in den Beinen und dem Kopf voller schöner Eindrücke steige ich in Frankfurt in den leeren RE und gleite entspannt gen Berlin.

Welche Träger, welche Taschen?

A never ending story! Auch nach mehr als 100000 Kilometern Touren mit mehr oder weniger Gepäck bin ich immer noch am Optimieren.

Dabei macht es natürlich einen Unterschied, ob ich eine lange, aber eher gemütliche Etappentour plane oder ob ich bei Paris-Brest-Paris unterwegs war. Es gibt immer eine besonders geeignete Konfiguration, die für das jeweilige Projekt gut passt. So war ich in den vergangenen Tagen auf der Suche nach meiner persönlichen Optimierung für eine Mehrtagestour im Frühling, bei der ich in Pensionen oder kleinen Hotels übernachten will und möglichst wenig mitschleppen möchte.

Beim jungen Randonneurkollegen Ole hatte ich den traumhaft leichten Träger samt Tasche von Tailfin gesehen. Top-Konstruktion, nur eben mit etwa 500 € auch leider ganz schön teuer. Also fing ich an, das Internet zu durchforsten nach ähnlichen Konstrukten.

Und stieß dabei auf das Blog von Torsten Frank, der so gründlich, so umfangreich, so detailliert getestet, verglichen, optimiert hat. Lange habe ich mich in seine Beiträge vertieft. Ja. Sehr lange! Weil er eben überaus genau vergleicht: Gewicht, Stabilität, Aerodynamik und und. Was soll ich sagen, so könnte ich das nicht. So habe ich die Möglichkeiten noch nie getestet.

Abschreiben wäre unfair. Also habe ich den Torsten gefragt, ob ich seine Seite mit der meinigen verlinken kann. Seine positive Antwort kam prompt.

Ganz herzlichen Dank dafür, Torsten. Mögen viele Langstreckler, Tourenradler, Randonneure den Nutzen haben, den auch ich sehe.

Hier der Link zum Blog

https://torstenfrank.wordpress.com/category/bikes-gear/

Also entweder hier klicken oder in meinem Seitenmenü wählen.

Viel Erkenntnisgewinn wünsche ich.

Berlin: Ansichten – Aussichten – Besonderes und Absonderliches

Die Sonne lacht endlich wieder, Ostern steht vor der Tür. Nach meinem letzten Ausflug zum Lieblingsstorch in Kraatz verspüre ich Lust auf Stadtluft. Das Taurine ist für ein solches Unterfangen ein ideales Gefährt. Wendig, mit dicken Reifen, die locker Randsteine und bröckeliges Pflaster überrollen. Ein Mountainbike für die City, den Großstadtdschungel eben.

Einfach losrollen, immer der Nase nach, grobe Richtung sonnenwärts, nach Süden. So durchkurve ich das Märkische Viertel, das mittlerweile in bunten Farben leuchtet. Die Menschen scheinen gut gelaunt, kein einziger raunzt mich an, als ich lange auf den Gehwegen rolle. Total untypisch für Berlin, geradezu befremdlich. Aus der Architektur der 70er bewege ich mich hinein in die „Weiße Stadt“, einer Siedlung der klassischen Moderne, Unesco Welterbe und in den späten 20er Jahren entstanden. Irgendwie mutet die Architektur hier viel langlebiger und schöner an als die neuen Betonklötze der sogenannten Europacity auf dem Gelände des ehemaligen Lehrter Bahnhofs. Südwärts rolle ich hinein in das nächste Kulturerbe, die Schiller-Siedlung, auch Englisches Viertel genannt. Bristol- , Edinburger- und Dubliner Straße umrahmen den riesigen Schillerpark, den ich mir genauer anschauen will. Eine Parkanlage mit einer Fläche von 29 ha. Und das mitten in einer Großstadt! Mehr als 29 Fußballfelder groß.

Friedrich Schiller und seine vier Musen ziehen mich in den Park hinein.

Schillerdenkmal im Schillerpark

Irgendwie kommt mir die Skulptur bekannt vor. Beim Sinnieren sehe ich den marmornen Schiller auf dem Gendarmenmarkt vor dem Konzerthaus vorm geistigen Auge. Es trügt mich nicht. Hier handelt es sich um einen bronzenen Abguss der Originalstatue. In der Parkanlage, die nach Plänen des Magdeburger Architekten Friedrich Bauer in den Jahren 1909 – 1913 entstand, war Schiller zunächst nur als namensgebender Geist vorhanden, erst im Jahre 1942, also mitten im Zweiten Weltkrieg, wurde die riesige Bronzestatue hier aufgestellt. Das Gussmaterial stammt, wie ich nachlesen konnte, aus dem eingeschmolzenen Rathenaubrunnen. Im Jahr 1934, nachdem Walter Rathenau und sein jüdischer Vater Emil, AEG-Begründer, im Dritten Reich in Ungnade gefallen war, ließ man das moderne Bronzedenkmal im Volkspark Rehberge abreißen und kurzerhand einschmelzen. Hier die Geschichte dazu: https://weddingweiser.de/kuriose-geschichte-dreier-denkmaeler/

Die Story dazu würde allein locker für einen langen Beitrag ausreichen, nur treibt es mich an diesem Frühlings-Sonnentag weiter. Zunächst auf die andere Parkseite, von wo ich die gesamte Anlage samt „Bastion“ übersehen kann. Reichlich Platz zum Laufen, Spielen, Liegen… Getreu dem Motto des Architekten Bauer bei der Ausschreibung: „Freude schöner Götterfunken – zur körperlichen wie seelischen Erholung der Großstadtmenschen. Sport bei frischer Luft und im Licht der Sonne“.

Ich fahre weiter auf der Edinburger Straße und schaue leicht verwundert auf die leerstehenden Ex-Läden des „Schiller-Centers“. Riesige Front, viel Glas und nichts drin! Seit 2021 gibt es im Objekt des Immobilien-Investors Aroundtown keinen einzigen Mieter mehr. Wie wäre es mal mit einem großzügigen Zuschuss zur Neubelebung aus der leeren Kasse der großen Stadt!? War nicht ernst gemeint, es schüttelt mich nur innerlich durch beim Anblick von dergleichen Investitionsruinen.

Auf den nächsten Kilometern in Richtung Stadtmitte rolle ich am Virchow-Klinikum vorbei und dann heran an den Spandauer Schifffahrtskanal. Auf dem Radweg lässt es sich entspannt fahren. Am Nordhafen, wo eine neue Fußgängerbrücke auf die Seite der noch neueren „Europacity“ führt, wechsle ich die Kanalseite. Nicht, weil es hier so schön ist, nein, weil ich heute mal richtig rein will in den neuen Beton.

Auf den dicken Betonklötzen lese ich: “ Wann werdet ihr merken, dass man Beton nicht essen kann?“

Als ich ein paar Meter weiter nach rechts abbiege auf einen Fußweg, wird mir die Bedeutung schlagartig deutlich.

Bedrückende Realität: Obdachlosenzelte und Behausungen neben neuen Bürobauten beim Hauptbahnhof und hinter der sogenannten neu entstehenden Europacity, wo noch reichlich Wohnungen zum Kauf angeboten werden. 100 Quadratmeter für 750000 Euro. Geradezu ein Schnäppchenpreis für Mittellose.

Die Gegensätze können größer kaum sein: Eine Ecke weiter biege ich auf den Innenbereich des Geschichtsparks für das ehemaligen Zellengefängnis Moabit ein. Hierhin „verirrt“ sich kaum je ein Tourist. Auch ich bin heute hier das erste Mal seit 25 Jahren Berlin. Seit fast zwei Jahren hausen hier Menschen ohne festen Wohnsitz, ohne Arbeit, die meisten kommen wohl aus Rumänien. Aus einem EU-Land! Ist das nun besonders liberal und tolerant seitens des Bezirkes Mitte oder wird einfach hilf- und konzeptlos weggeschaut? Et läuft doch – irgendwie…

Im Innenbereich des Geschichtsparks Moabit ist nichts von dem Elend ein paar Meter weiter zu sehen und zu hören. Überhaupt scheint sich kaum jemand in das Innengelände zu verlaufen. Es gibt auch leider kaum Schilder und Hinweise. Die Eingangstore sind optisch durch Wände abgedeckt und schlecht erkennbar. So laufen denn die Menschen hier einfach vorbei. Nicht wissend, dass hinter den alten Gefängnismauern schon als 17-Jähriger der Schuster Wilhelm Voigt, später bekannt als „Der Hauptmann von Köpenick“, hier drei Jahre Haft absaß. Die Schriftsteller Wolfgang Borchert und Ernst Busch waren hier als „Wehrkraftzersetzer“ in den letzten Kriegsjahren weggesperrt. Nur 35 von 306 registrierten Gefangenen überlebten die NS-Herrschaft.

„Von allem Leid, das diesen Bau erfüllt, ist unter Mauerwerk und Eisengittern ein Hauch lebendig, ein geheimes Zittern“ Dieses Zitat aus einem Gedicht von Albrecht Haushofer, einem Schriftsteller, der im April 1945 hier hingerichtet wurde, ist auf der ehemaligen Gefängnismauer in großen Lettern eindrücklich und nachdenklich stimmend zu lesen.

Ganz nah von hier pulst das Bahnhofsleben. Viele Menschen sind unterwegs – gerade in Berlin angekommen oder auf dem Weg in den Osterurlaub. Berlin wirkt südlich des Hauptbahnhofs modern, wach und attraktiv. Gegensätze. Berlin eben!

Das Cube-Bürohaus mit seinen abgeschrägten Glasflächen wetteifert mit den Laternenskulpturen auf der Moltkebrücke. Die gut gelaunten, flanierenden Menschen wissen nichts vom Elend der Obdachlosen hinterm Bahnhof. Mich bringen sie und der Anblick vom „neuen Berlin“ auf positive Gedanken. Reichstag und Kanzleramt strahlen im Sonnenlicht. Geradezu unschuldig.

Die Politiker und Entscheider sind ausgeflogen in Osterurlaub oder auf Dienstreise.

Weiter kurbele ich auf der Spur der Mauer, auf dem Mauerweg.

Mittendurch und dann nach Süden, Park Gleisdreieck: Wuselnde, Laufende, Spazierende, Spielende, Schauende, Trinkende … hier ist was los!

Neue Kunst, alte Kunst, Wandkunst, Skulpturen … reichlich Nahrung für alte und junge Augen und Köpfe. Man muss nur hinschauen. Friedrich der Große ließ für seine Generäle der Schlesischen Kriege Denkmäler errichten. Der Graf von Schwerin schwenkt seine Fahne dekorativ vor der Landesvertretung Thüringens am Zietenplatz. Die europäische, deutsche und die Thüringer Flagge flattern dekorativ im Gleichklang.

Auf den nächsten Kilometern in Richtung Südwest wird die Stadt ruhiger, fast beschaulich. An der Domäne Dahlem vorbei, zur Linken die Freie Universität, vor mir schon der Grunewald. Das Berlin der Vornehmen, der Wohlhabenden, der Alt- und der Neureichen. Dazwischen Botschaftsgebäude mit Polizeibewachung, neu gekaufter Protz und auch geerbter Wohlstand. Alles nebeneinander.

In der ehemaligen Villa Walther residiert jetzt die Botschaft des Kosovo. „Eklektizismus“ wird die Architekturrichtung genannt, bei der sich verschiedene Stile mischen, Hauptsache pompös und eindrucksvoll. Der Baurat, der sich mit der riesigen Villa finanziell in den Ruin stürzte, hat sich angeblich 1907 im Turmzimmer aus Kummer erhängt. So weit die Geschichte, auf die sicher reichlich andere in den Folgejahren folgten.

Alfred Kerr, der große Kritiker, hat über 20 Jahre in der Villenkolonie gelebt und manche der Abendgesellschaften beschrieben, an denen er teilgenommen hatte. Mit der ihm eigenen Boshaftigkeit hat er die Grunewalder charakterisiert: “Die Mehrzahl der Bewohner des Grunewaldes waren einfach schwere Kapitalisten. Gepflegte Bauern im Millionärskaff.”

Wer mehr über die Villenkolonie im Grunewald erfahren will, der lese hier nach: https://www.berlin.de/ba-charlottenburg-wilmersdorf/ueber-den-bezirk/geschichte/artikel.181129.php

Am Halensee mache ich einen Bogen nach Norden und halte zielsicher auf den Funkturm an der Messe und das ICC zu. „Internationales Congress Centrum“ – Welch ein Name, was für ein Koloss von Bauwerk. Im Jahr 1979 eingeweiht und 2014 geschlossen. Das war es! Im „zarten Gebäudealter“ von 35 Jahren in den Ruhestand geschickt, seitdem steht es nur noch da. Verwittert, vergammelt, kostet Unsummen pro Jahr nur für die Erhaltung von Lüftung, Strom-und Wasserleitungen und dafür, dass es nicht durch das Dach regnet. Bauherr und auch heute noch Eigentümer: die Stadt Berlin.

2019 schließlich unter Denkmalschutz gestellt und vor dem Abriss bewahrt. Stillstand, keine Sanierung der Asbestbelastung, kein Konzept für eine zukünftige Nutzung. EIN SKANDAL! Nur es kümmert kaum jemanden hier. Dit is Berlin!

Ich rolle an der Längsseite entlang, ganze 300 Meter Beton und Alu. Zukunftsarchitektur wurde das noch 1979 genannt. Ohne Zukunft! Als ich mein Taurine Carbon MTB am ICC vorbeischiebe, denke ich an die Zeit, als ich das Bauwerk vital erlebt habe, mit vielen Menschen drin, mit großen Veranstaltungen und 5000 Besuchern in einem Saal. Am 16. Februar durfte ich als Mitorganisator der Mercedes-SL-Markteinführung die begeisterten Teilnehmer erleben. Begeistert von der Architektur und begeistert vom neuen Roadster. Schön war das. Und dann noch einmal 22 Jahre später, im Juni 2001, spielte Mark Knopfler im zarten Alter von 51 virtuos und stimmungsvoll mit seiner Band. Ein starkes Erlebnis. Wieder 5000 Zuschauer. Dann, im Jahr 2014, war die Daimler-Hauptversammlung die letzte große Veranstaltung, bevor der Riese in den Dauerschlaf geschickt wurde – aus dem er bekanntlich bis heute nicht geweckt worden ist

Nachdenklich, auch zornig über die unfähigen Politiker und Entscheider, setze ich mich wieder auf mein Taurine und fahre gen Norden. Nächste Station: Ex-Flughafen Tegel. Ich erinnere mich an einen Urlaubsflug nach Irland im Jahre 2012, nach dem wir dann nur eine Woche später, nach dem geplanten Schnellumzug des Flughafenbetriebs zum Willy-Brandt-Flughafen, voller Neugier auf die neuen Prachtterminals landen sollten. Es kam aber bekanntlich anders. Lächerliche neun Jahre später ging der BER dann wirklich in Betrieb.

Auf meiner Rückfahrt heimwärts arbeite ich mich am Rand des alten Flughafens Tegel am Begrenzungszaun entlang. „Militärischer Sicherheitsbereich“ ist alle paar Meter zu lesen. Der Zaun wittert vor sich hin, auf dem weiten Feld bewegt sich nichts. Füchse, Wanderfalken und Bussarde sind die neuen Bewohner des Geländes.

Die Anflugbefeuerung wird von der tief stehenden Sonne zum Leuchten gebracht. Fast ist mir, als hörte ich eine Boeing 737 anfliegen. Eine Illusion! Ich lese später, dass auf dem Riesengelände bald die Urban Tech Republic entstehen soll mit 20000 Beschäftigten und 2500 Studierenden, daneben das Schumacher-Viertel mit Wohnungen für 5000 Menschen. Aber halt: Das Projekt ist noch in der Vorplanung. Und das dauert bekanntlich in Berlin gaaanz lange. So ist auch die Vorfreude länger, schmunzle ich in mich hinein.

Nach meiner 75-Kilometer-Runde durch die Stadt ist wieder einmal deutlich: Berlin ist einfach alles: besonders, absonderlich, schön, modern, altmodisch, bürokratenhaft langsam, Startup-ultraschnell, nie langweilig.

Immer für neue Entdeckungstouren gut.

Grauer Himmel an der Oder…

An diesem Februartag will ich meine mäßige Stimmungslage mit einer Fahrt an die Oder aufhellen. Das hat bislang immer noch funktioniert. Wobei heute der Himmel grauverhangen ist. Dafür schiebt der frische Westwind mich erst einmal kräfteschonend hinein in die Wellen des Barnim. Mein Basso-Crosser freut sich, dass ich ihn endlich wieder in die Landschaft führe. Die Straßen sind noch regennass, ich bin froh, dass ich die langen Schutzbleche von SKS montiert habe. Für ein Winterrad gehört sich das schließlich so. Bernau liegt bald hinter mir, die Windräder vor Tempelfelde empfangen mich mit vernehmbarem Rauschen. An einem Waldrand bei Heckelberg haben Anwohner ein Plakat mit „Keine Photovoltaikanlagen auf Ackerflächen“ am Zaun befestigt.

Dahinter ist eine eher barackenähnliche Unterkunft zu erkennen. Einnahmen aus solchen Anlagen wären sicher hilfreich für ein Sanierungsprojekt des Anwesens. Und den Anblick von Landschaft und der übrigen riesigen Ackerflächen würde das auch nicht beeinträchtigen. Meine ich. Offensichtlich sehen das ein paar Menschen hier anders. Ein paar Dörfer weiter prangt an einer Scheunenwand „Keine Windkraftanlagen in der Barnimer Heide“

Und wo soll zukünftig der Strom herkommen? Aus dem Kohlekraftwerk Jänschwalde und aus Northstream 2 jedenfalls nicht. Sollte sich das noch nicht bis in diese Gegend herumgesprochen haben?

Nachdenklich und auch mit Unbehagen im Bauch rolle ich weiter. Dann genieße ich die Abfahrt hinunter ins Oderbruch über Falkenberg und dann nach Freienwalde. Am Ortsrand kann man im Schlachthausgebäude aus 1899 immer noch Fleischwaren einkaufen.

Mein Magen knurrt zwar schon unangenehm, aber als Flexitarier rolle ich lieber weiter zur Bäckerei vom NETTO neben dem Freienwalder Bahnhof. Hier ist die Bedienung nett und Milchkaffee nebst Käsebrötchen sind von bester Qualität. An der Wand hängt das Informationsangebot des Tages in Form von BILD und MOZ. Ich erfahre, dass Tony Marschall kaum Vermögen, dafür aber mehr als 50 Perücken hinterlassen hat. Der Wetterdienst warnt vor Sturm mit Böen bis 80 km/h. Soll mir recht sein, solange die Windpower mich hin zur Oder und rauf nach Schwedt treibt. Es bleibt bei einigen, wenigen Regentropfen, die kaum die Nässefestigkeit meiner neuen Gore-Thermo-Trail auf die Probe stellen. In Schiffmühle biege ich in Richtung Oder ab, vorbei am Haus von Fontanes Vater.

In Hohensaaten bin ich endlich an der Oder. Der Ort ist eine Radlerhochburg, lese ich auf dem Schild im Rahmen eines angegammelten Zweirads aus vergangenen Zeiten. Dahinter steht schief und verwittert der Wegweiser zur Ostsee. Heute ist irgendwie alles grau.

Von den knapp 700 Hohensaatenern sind mehr als die Hälfte Senioren. Daraus leitet sich der Titel „Ältestes Dorf Brandenburgs“ ab. Als um 1900 die Schleusen zur Verbindung der Oder an die Oder-Havel-Wasserstraße gebaut wurden, lagen hier die Schiffe der Wohlhabenden vor Anker. Heute wandern immer mehr junge Menschen ab. Die Alten werden weniger. Seit der Eingemeindung nach Bad Freienwalde gibt es keine Bevölkerungsstatistik mehr. Keine Ärzte, keine Schulen, keine Geschäfte…

Erst ein paar Kilometer weiter, in Lunow, kann der hungrige und durstige Radler sich stärken. In der Gaststätte Quilitz gibt es Knacker vom Auerochsen, gegenüber beim Fleischer Künkel Eintopf, Kaffee oder auch Bier.

Und in Stolpe, unterhalb des dicken Turms, betreiben seit Sommer 2022 zwei junge Männer das Café „Milchbuben“– in der Nachfolge vom „Fuchs und Hase“. Angebot und Ambiente sind geblieben. Ich freue mich schon auf meine nächste Tour, die ich auf die Öffnungstage Do-So legen werde.

Es wird langsam dämmrig, so richtig hell ist es eh heute nicht geworden. Kalt und feucht und windig. Da heißt es weiter kurbeln, warm bleiben. Und vom fiesen Wetter nicht die Laune vermiesen lassen.

Die Kopfweiden, die in langen Reihen am Deich stehen, sind frisch beschnitten. Bald werden sie wieder austreiben und mit ihrer Wuchsgeschwindigkeit beeindrucken. In früheren Zeiten wurden aus Weidentrieben Körbe, Reusen und Geflechte für das Fachwerk der Häuser gefertigt. Alte Weidenbäume sind wahre Refugien für Insekten, Würmer und Vögel.

Bei Criewen, schon nahe bei Schwedt, sind die Oderauen überflutet. Die Natur kann Wasser tanken, speichern und sich von den Monaten der Trockenheit erholen. Der Radweg verläuft zwischen der Alten Oder oder Faulen Oder, dem Oder-Havel-Kanal und dem Hauptfluss. Dazwischen mäandern zig Kleinarme und bilden den Nationalpark Unteres Odertal.

Gegen 16.30 Uhr rolle ich ein in Schwedt, einer Stadt, die wie kaum eine andere von Krieg, Nachkriegszeit, Nachwendezeit und jetzt der Zeit der „Zeitenwende“ gebeutelt und geprägt ist. Am Ende des 2. Weltkrieges waren nach heftigsten Kämpfen 85 % der Gebäude und Infrastruktur zerstört. In den 50er und 60er Jahren erlebte die Stadt einen industriellen Aufschwung, der hauptsächlich der Raffinerie zu verdanken war, in der bis zu 8000 Menschen beschäftigt waren. Über die Ölpipeline „Druschba“ – Freundschaft, wurden mehr als 10 Mio. Tonnen russisches Erdöl pro Jahr angeliefert und zu Benzin, Diesel und Kerosin verarbeitet. In alter Zeit, im 18. Jhd. gab es hier Tabakfabriken und das größte Tabakanbaugebiet Deutschlands.

Nur ganz wenige alte Gebäude haben die Zeit überdauert. Einen historischen Stadtkern sucht man in Schwedt vergebens. Nur der Berlischky-Pavillon, eine ehemalige Kirche der Französisch-reformierten Kirche aus dem Jahre 1777 steht vereinsamt an der B 166, der Lindenallee, die ansonsten von Mietskasernen flankiert ist.

Artwork am Plattenbau – schöne Illusion
Berlischky-Pavillon
Liebespaar – Axel Schulz 1965

Und gegenüber, passenderweise vor dem Standesamt, steht diese kleine Skulptur des Bildhauers Axel Schulz.

… Und ich hatte gedacht, der Axel wäre ein Schwergewichtsboxer.

Neben dem Pavillon führt die Straße zum Bahnhof, den ich zum Tagesziel auserkoren habe. Wieder einmal, schon wieder. In den vergangenen Jahren bin ich geschätzt 20-mal allein oder mit Freunden hier angekommen. Von hier fährt der Regio jede Stunde nach Berlin. Und vor dem Bahnhof, der kein eigenes Gebäude besitzt, steht das Steakhouse Mendoza, in dem wir regelmäßig unsere Wartezeit verkürzt haben. Heute bleiben mir nur 20 Minuten – für ein großes, gezapftes Bier reicht die Zeit.

Mein Basso darf mit in den Zug. Für Pendler sind die Bikeboxen ideal, um die Räder sicher zu parken.

Um 20 Uhr komme ich bei Nieselwetter und grauem Himmel und eiskaltem Wind guter Laune wieder zu Hause an.

„Wenn du niedergeschlagen bist, wenn dir die Tage immer dunkler vorkommen, wenn dir die Arbeit nur noch monoton erscheint, wenn es dir fast sinnlos erscheint, überhaupt noch zu hoffen, dann setz dich einfach aufs Fahrrad, um die Straße herunterzujagen, ohne Gedanken an irgendetwas außer deinem wilden Ritt.“ – Arthur Conan Doyle

Artfahren und mehr in Berlin

Im Frühjahr 2016 kam der Blogger-Kollege „Kreuzbube“aus Dresden auf die Idee, einen kleinen Wettbewerb zu veranstalten, den er „Artfahren“ taufte. Es ging darum, mögliche viele zeitgenössische Skulpturen zu finden und dann samt eigenem Rad zu fotografieren. Bei mir hat es damals sofort „klick“ gemacht, und bei meiner nächsten Ausfahrt wurde ich zum Objektsucher. Bis zum Herbst entdeckte und identifizierte ich ingesamt 156 Kunstwerke in Berlin und Brandenburg. Auch nach dem Artfahren habe ich nicht aufgehört, mit suchenden Augen durch Stadt und Land zu fahren. Mein Blick war sensibilisiert und geschärft.

An diesem Februarmorgen lacht die Sonne aus einem stahlblauen Himmel. Klar, dass dann die Olympus tough in die Oberrohrtasche muss. Um 10.30 Uhr sitze ich auf meinem Basso und wähle als erstes Ziel Tegel, wo ich den Betonbogen an den Seeterrassen in bestem Licht erwische. Schon im Jahr 1954 hatte der Bildhauer Gerhard Schultze-Seehof im Rahmen des Berliner Wiederaufbauprogramms den Auftrag für einen Mosaikbogen erhalten, in dem er Fliesen und Keramik-Teile aus Trümmerschutt der Umgebung eingesetzt hat. 2015 wurde das marode gewordene Bauwerk sorgfältig restauriert und strahlt wie neu an diesem Morgen.

Mosaikbogen von Gerhard Schultze-Seehof am Tegeler See

Nach wenigen hundert Metern Fahrt auf dem Borsigdamm erreiche ich die Hochhäuser der riesigen Wohnsiedlung, wo 2015 das erste 42 Meter hohe „Mural“ – Wandbild entstand. Mittlerweile zieren acht riesige Kunstwerke die Fassaden der vier gewaltigen Blöcke zwischen Wasserwerk Tegel und Emstaler Platz.

https://www.visitberlin.de/de/artpark-tegel – Gute Infos zu den Objekten des Art-Parks Tegel.

Heute fotografiere ich die Murals von der Südseite, wo sie im Sonnenlicht strahlen und sich wunderbar vom blauen Himmel abheben. Tegel-Besuchern kann ich nur empfehlen, die vier Hausblöcke komplett zu umrunden. Es lohnt sich!

Von Borsigwalde aus nach Siemensstadt. Von Reinickendorf nach Spandau. Die Backsteinfabrikhallen und Arbeitersiedlungen künden von der vergangenen Industriekultur, der Blütezeit der Siemens- und der Borsigwerke. Siemens bot schon in den 1920er Jahren mehr als 30000 Menschen Arbeit, Brot und Wohnungen. Man stelle sich vor, dass heutzutage ein Großunternehmen für die Beschäftigten Wohnanlagen samt Schulen und Kindergärten zur Verfügung stellen würde. Ja, warum eigentlich nicht? Oder warum nicht mehr? Fortschritt ist immer relativ. Wenn ich über die Siedlungen in historisierendem Stil bis zur Bauhausarchitektur staune, tausende von Wohnungen, dann hören sich die nicht gehaltenen Versprechungen der Politik zur Schaffung von „neuem Wohnraum“ in unseren Tagen hohl an.

Torbogen zur Siemens Werkssiedlung am Schuckertdamm

Kurz vorm Überqueren der Nonnendammallee stehe ich auf dem Platz vor der Siemens-Verwaltung, auf dem seit 2017 die Alu-Skulptur „Wings“ von Daniel Libeskind prangt. Glänzend, glitzernd, spiegelnd. Beeindruckend besonders im Sonnenlicht. 10 Meter hoch und 15 Tonnen schwer soll sie Sinnbild für die digitale Zukunft des Unternehmens sein. Ich hoffe sehr, dass sie wirklich eine starke Zukunft symbolisiert.

Direkt an der Nonnendammallee thront ein riesiger Adler auf dem Denkmal für die im 1. Weltkrieg gefallenen Siemens-Arbeiter. Blick zurück und in die Zukunft nah beieinander.

Siemens-Denkmal für die Weltkriegsopfer

Den folgenden Text habe ich auf der Startseite Siemensstadt 2.0 gefunden:

Neue Arbeits- und Lebenswelten in der Siemensstadt Arbeiten, Forschen und Wohnen vereinen! Das wollte man bereits bei der Gründung der Siemensstadt vor mehr als einem Jahrhundert. Und das gilt auch für die Zukunft: In den kommenden Jahren sollen auf dem Siemens-Gelände in Berlin-Spandau neue Arbeits- und Lebenswelten entstehen. 
Das historische Verwaltungsgebäude und sein Umfeld werden der erste Baustein der Siemensstadt 2.0 sein. Im Frühjahr startet ein Hochbauwettbewerb, um für das Verwaltungsgebäude ein Nutzungskonzept zu erarbeiten und für die Neubauten im Umfeld im Wettstreit die besten architektonischen Lösungen zu finden. Dafür wird derzeit die Aufgabenstellung – die sogenannte Auslobung – erstellt.

Da bin ich gespannt, wie schnell oder wie langsam hier Siemensstadt 2.0 entstehen wird.

Auf dem Weg in den Kern der großen Stadt umrunde ich den Lietzensee mit seinen altherrschaftlichen Gebäuden, dann rolle ich entspannt auf dem breiten Radstreifen der Kantstraße bis hin zum Kranzler Eck. Für viele Wessies bis heute die Mitte von Berlin. Neue Hochhäuser, viel Glas und Beton und natürlich die unvermeidlichen Bären. Hier als prächtiges Gespann:

Ich genieße das Wetter und die gut gelaunten Menschen. Kein Berliner motzt mich an, Autofahrer lassen mich bereitwillig den Ku’damm queren. Schön hier heute. Nächster Halt Euref-Campus mit dem Gasometer. Ich will nachsehen, wie weit das Bauprojekt gediehen ist.

Immerhin, vor genau einem Jahr sah ich hier noch ein blankes Stahlgerippe, heute ist der Gasometer schon verglast. 2024 sollen 28000 Quadratmeter Büroflächen, Eventbereiche und eine Skylounge in 66 Metern Höhe eingeweiht werden. Die Deutsche Bahn will von hier aus mit 2000 Mitarbeitern!!! die Digitalisierung und die Zukunft der Bahn nach vorn treiben, lese ich. https://euref.de/entry/gasometerschoeneberg/

Zunächst bedeutet das Ganze über 200 Mio Euro Invest. Ich hoffe, dass noch genügend Geld für neue Schienen und Züge übrig bleibt. Skepsis scheint angebracht. Als ich 1997 auf dem neu errichteten Potsdamer Platz aus meinem Büro ehrfürchtig hinüber auf den „Bahntower“ schaute, in dem Hartmut Mehdorn die Zukunft ( oder war es doch eher die Abwicklung) der Bahn plante, gab es auch große Ziele. Wenig davon wurde umgesetzt. Ich frage mich gerade, warum die Mitarbeiter im Gasometer bessere Ideen und Pläne haben sollten als vor 20 Jahren im prächtigen Glastower.

Der Bahntower am Potsdamer Platz erscheint irgendwie verwandt mit dem neu entstehenden Tower im Gasometer. Er sieht aus Wie ein Halb-Gasometer, fällt mir auf. Wenn das kein Omen ist?! So lese ich parallel, dass über die nächsten zwei Jahre der Bahntower kernsaniert werden muss??? Dann erst können die zukünftig fast 2000 Zentral-Bahner wieder einziehen und denken und planen und verwalten. Moderne Bauwerke scheinen ungemein kurzlebig zu sein. Muss ich mich jetzt fürchten in unserem Holzhaus, das wir auch genau im Jahr 2000 gebaut haben? Ich kann als Laie noch keine Verfallserscheinungen erkennen. Offensichtlich gab es seinerzeit auch Bausubstanz, die für einen weit längeren Zeitraum wohntauglich bleibt.

Ohne zu wissen, dass ich eigentlich nur vom neuen DB-Turm zum alten DB-Turm geradelt war, schaue ich mir mit etwas nostalgischen Gefühlen die Berlinale-Vorbereitungen an. Der Rote Teppich wird ausgerollt, die Fans stehen Schlange, alles ist ganz so wie vor über 20 Jahren, als ich aus meinem Büro die Stars auf dem Teppich von oben ansehen konnte. Es war einmal.

Die Berlinale-Fans werden in diesen Tagen dem Areal wieder kurzzeitiges, frisches Leben einhauchen. Wobei man heute nicht mehr durch die Arkaden flaniert, sondern eher ein paar Meter zum Leipziger Platz mit der „Mall of Berlin“ weiterzieht. Moderne Vergänglichkeit.

Auf dem Heimweg kurve ich durch den Tiergarten und lasse mich vom Beethoven-Haydn-Mozart-Denkmal einfangen, das wunderbar im Licht der tief stehenden Sonne funkelt.

Mozart und Beethoven – auf der Rückseite steht Haydn

Mit den Klängen der Musik der großen Meister im Kopf fahre ich gut gelaunt nach Hause.

Diese Stadt hat einfach alles: Alte Geschichte, neuen Protz, alten Protz, Schönes, Hässliches, und auch Zukunft weisendes. Berlin eben.

Streetart – Checkpoint – Drinkpoint Berlin

„Jakarta meets Berlin“, so nennt sich das „Mural“ in der Heidestraße. Hier ist in den vergangenen Jahren die sogenannte Europacity hochgezogen worden. Ein teures Büro- und Wohnviertel auf dem ehemaligen Gelände des Verschiebebahnhofs, an dem ich 15 Jahre lang auf dem Weg ins Büro vorbeigefahren bin. Viel Beton, wenig Grün, viel Einfalt, wenig Vielfalt. Zumindest in der Architektur. Hier haben sich die Investoren so richtig austoben dürfen. Ein Städteplaner aus Kopenhagen, der das Gelände kürzlich besichtigte, zeigte sich bestürzt. Er hatte die blumigen Ankündigungen vor Baubeginn gelesen und stand nun ungläubig vor soviel Gleichförmigkeit. Wegfall Ideen.

Genauso wie auf den Dänen wirkt das neue Viertel auf mich. Schöne Lage, was hätte hier alles entstehen können. Bezahlbarer Wohnraum ist es jedenfalls nicht geworden. 2 Mio Euro für 113 Quadratmeter wunderbares Wohnen. Ein echtes Schnäppchen für junge Familien!

Zwischen Beton und Glas führt der Weg am Kanal entlang, an der Rückseite des Hamburger Bahnhofs – „Nationalgalerie der Gegenwart“ benannt. Hinter soviel neuen Mauern sieht das Museum viel kleiner aus als vorher . Am Hauptbahnhof vorbei, an der Charité vorbei, am Futurium vorbei, dann durch die „Schönste Shopping Mall“ Berlins mit Durchblick zum Bundesratsgebäude.

Jetzt nach links, schon stehe ich vor dem Bundesfinanzministerium am Platz des Volksaufstandes von 1953. Wieder einmal zieht mich das Wandgemälde „Aufbau der Republik“ von Max Lingner in den Säulengang am Detlev Rohwedder-Bau. Heroisch sind hier Handwerker, Bauarbeiter, Pioniere und ganze FDJ-Klassen auf Meißner-Fliesen gemalt. Und ein Jahr später gingen die Menschen auf die Straße, um gegen die frische Republik zu demonstrieren. Und wurden blutig niedergeschlagen.

Im Gebäude des ehemaligen Luftfahrtministeriums, dem damals – mit über 2000 Räumen größten Bürogebäude Berlins, residiert heute der Bundesfinanzminister. Der ursprüngliche Empfangsbereich hinterm Tor ist eine Baustelle. Die Türen sind mit Holzplatten verrammelt. Fehlt hier Geld oder fehlen die Handwerker?

Ich wechsle auf die gegenüberliegende Seite der Wilhelmstraße und schiebe mein Taurine in den illustren Durchgang zur Mauerstraße neben dem Museum für Kommunikation.

Ein echter Backstein-Leckerbissen

Dann quere ich die Mauerstraße, und schon stehe ich auf dem Bethlehem-Kirchplatz mit seiner mächtigen Stahlskulptur. Daneben der sogenannte „Houseball“ von Claes Oldenburg, der an die böhmischen, protestantischen Glaubensflüchtlinge erinnert, für die auch die im zweiten Weltkrieg zerbombte Bethlehemskirche im Jahr 1735 errichtet worden war.

Nur 100 Meter sind es bis zum Checkpoint Charlie, dem ehemaligen Übergang vom Amerikanischen zum Sowjetischen Sektor.

An der Wand des Checkpoint-Museums hängt „die letzte Kreml-Fahne“. Seit Beginn des Ukraine-Krieges haben diese Symbole eine aktuelle, ganz neue Bedeutung bekommen.

Nachdenklich geworden steige ich wieder auf mein Taurine und folge dem Hinweisschild zum Jüdischen Museum.

Am Moses-Mendelssohn-Platz residiert seit neuestem der Radanbieter ROSE-Bikes.

Vor der Michael Blumenthal Akademie patrouilliert ein Polizist, der sich frierend die Hände reibt. Ich komme mit ihm ins Gespräch und erfahre, dass er seinen Job hier seit über zehn Jahren macht. Ende des Jahres geht er in Rente. Das hört sich gleichsam erleichtert und melancholisch an. Wir wünschen uns „Gute Gesundheit in Zukunft“ und verabschieden uns voneinander.

Weiter führt mich mein Weg Richtung Mehring-Platz, wo besonders eindrucksvolle „Mural-Art“ zu sehen ist. Hier habe ich locker und ungeordnet meine Fotos zur Galerie zusammengestellt.

Allen, die sich für diese Art von Kunst interessieren, kann ich nur das Quartier rund um den Mehringplatz wärmstens für eine Besichtigungstour empfehlen.

Schluss für heute!

Oder doch noch nicht: Bei der Heimfahrt mache ich noch einen Bogen durch den Volkspark Rehberge und erde mich mit den zwei nackten Ringern vom Bildhauer Fritz Haverkamp aus dem Jahr 1906.

Berlin – Anblicke und Einblicke

Zu langen Strecken bin ich noch nicht aufgelegt an diesen nasskalten Tagen mit wenig Licht. Aber raus muss ich. Stubenhocken ist nicht mein Ding. Lieber rolle ich ein paar Kilometer am Rand der großen Stadt oder auch hinein in den wuseligen Kern. Es gibt immer etwas Neues zu entdecken oder auch Bekanntes aus neuer Perspektive zu betrachten.

2. Februar

Der Himmel ist grau, zwei Grad plus zeigt das Thermometer, wetteronline verspricht Auflockerungen und etwas Sonne am Nachmittag. Einzelne Schauer sind möglich. So wähle ich meine bewährte Gore-Winterjacke, eine gut wärmende lange Hose und die wasserdichten Mavic-Schuhe. Merino-Unterwäsche sorgt für wohliges Gefühl. Heute ist mein Basso Crosser mit Schutzblechen das Rad der Wahl. Der frische Nordwest schiebt mich sanft über Berlin-Buch in die Barnimer Feldflur. In Berlin-Marzahn, am Rande des Westparks blüht eine mächtige Blume. Sie blüht das ganze Jahr über. Sie ist aus Stein und mit buntem Mosaik bedeckt. Das Künstlerehepaar Christine Gersch und Igor Jerschov haben das 2,50 m hohe, „Echinacea“ genannte Sitzobjekt 2005 hier aufgestellt.

Echinacea von Gersch und Jerschov

Marzahn und die Plattensiedlungen Wartenberg und Lindenberg waren Vorzeigeprojekte des Sozialistischen Wohnungsbaus, ähnlich wie auf der Westseite das Märkische Viertel mit seinen Wohnklötzen. Nach Osten arbeite ich mich Kilometer um Kilometer aus der Stadt heraus. Als ich ein Schild mit dem Hinweis auf Dahlwitz-Hoppegarten lese, bekomme ich Lust, mir die berühmte Pferderennbahn anzusehen. 45 Minuten später erreiche ich den Rand des riesigen Geländes. Zäune, geschlossene Tore, wo ist denn hier ein Eingang? Es fängt an zu regnen als ich ein offen stehendes Türchen entdecke. Ich schlüpfe samt Basso hindurch und staune über leere Pavillons und die riesigen Tribünengebäude. Kein Mensch ist hier zu sehen, geschweige denn ein Pferd. Als der Regen richtig loslegt, kann ich mich unterstellen und das gesamte Ensemble auf mich wirken lassen.

Trostlos, verlassen und angegammelt, so sehen Gelände und Gebäude aus. Ich hatte erwartet, eine gepflegte, eher herrschaftliche Anlage vorzufinden. Weit gefehlt.

Als im Jahre 2008 ein Investor die Liegenschaften vom öffentlichen Träger übernommen hatte, sollte es wieder aufwärts gehen mit den Pferderennen. Es ging – aber eben etwas langsamer als sich Investor und wahrscheinlich auch die Gemeinde Dahlwitz-Hoppegarten gewünscht hatten. In den Zeiten, als die Rennbahn ein VEB-Betrieb war, strömten regelmäßig 40000 Gäste auf Tribünen und Anlage. Heute gilt es als Erfolg, wenn 4000 Gäste gezählt werden.

Ich erlebe an diesem Tag die altehrwürdige Rennbahn im Winterschlaf. An den Tribünengebäuden blättert der Putz ab, Geländer und Fenstergitter rosten vor sich hin, Die Holzbuden brauchen dringend einen neuen Anstrich.

Ostersonntag ist Saisoneröffnung. Dann rennen hier die schnellen Pferde und die Damen mit den großen Hüten zeigen sich auf den Tribünen. In der Holzbude werden dann Polnische Schaschlik angeboten. Bis dahin gibt es noch einen Menge zu tun.

Der Regen ist abgezogen, mein Basso möchte endlich wieder rollen. Nach Berlin zurück. Der Himmel ist tiefblau, die Sonne zeigt ihre wärmende Kraft.

Langsam aber stetig arbeite ich mich von Osten her in die Stadt hinein. Mittlerweile gibt es wesentlich mehr vernünftige Radstreifen auf den breiten Straßen als noch vor fünf Jahren. Es hat sich etwas getan. Auf dem Hackeschen Markt werden die Stühle rausgestellt. Ein Pianoplayer spielt auf der noch regennassen Friedrichsbrücke. Ich genieße die friedliche Stimmung. Dann steige ich ab und schiebe mein Basso kreuz und quer durch die Kolonnaden vor der Nationalgalerie, entdecke eine Gruppe junger Frauen, die offensichtlich – als Engel verkleidet, eine Performance proben. Fotografieren lehnen sie ab. Ich kann es verstehen. Dafür kann ich die Linse meiner Olympus Tough auf die historischen Gebäude richten. Das Licht ist herrlich, die Schattenrisse der Skulpturen wunderbar.

Vor der Humboldt-Uni liegen alte Zeitungen und Bücher aus. „Papierflohmarkt“. Ich staune über die Schlagzeilen der 60er.

Das Brandenburger Tor ist offensichtlich völlig unbeeindruckt von dem heftigen Crash eines rasenden Mercedes-Fahrers, der vor ein paar Tagen seine Fahrt an einer Säule ruckartig und tödlich beendete.

Reichstag und Paul-Löbe-Haus präsentieren sich im Postkartenlicht. Ich fotografiere „Das Auge des Kanzlers“, wie der Berliner die kreisrunden Öffnungen gerne nennt. Zu Zeiten der Kanzlerschaft von Helmut Kohl wurde der riesige Gebäudekomplex entworfen und gebaut. Gerhard Schröder zog dort ein, Angela Merkel regierte sagenhafte 16 Jahre lang von hier aus. Weiter am Seeufer entlang passiere ich das Schloss Bellevue, die Institute der TU Berlin, dann erreiche ich den „Siemenssteg“ , eine Fußgängerbrücke aus dem Jahre 1900, die hinüber führt zum Kraftwerk Charlottenburg. Werner von Siemens soll hier in der Nähe seine Villa bewohnt haben.

Siemens-Steg – wieder einmal in Renovierung

Ab hier wird die Stadt wieder ruhiger, die Spree biegt am Schloss Charlottenburg vorbei nach Norden ab. Ich erreiche den Berlin-Spandauer Schiffahrtskanal und rolle auf dem Radweg am Ufer bis zur Tegeler Brücke, wo ich über die Bernauer Straße durch den Forst der Jungfernheide kurbele. Ruhig ist es hier, nebendran schläft der ehemalige Flughafen Tegel. Die meistens niedrig über die Straße anfliegenden Jets vermisse ich geradezu. Es ist dämmrig geworden, und so schalte ich meine Festbeleuchtung ein. Zwei Rücklichter und die alte Sigma Sport vorne.

Die Runde hat bei mir die Lust auf weitere Erkundungsfahrten geweckt. Es gibt noch so viel zu entdecken in dieser schönen, vielfältigen, widersprüchlichen, immer im Umbruch befindlichen Stadt. Berlin ist immer Baustelle, wird niemals fertig. Trotzdem oder gerade deswegen bin ich hier so gerne unterwegs.

Bis zur nächsten Runde.