Berlin im Winterlicht – eine kleine Fototour

1. Februar, 10.00 Uhr. Aus dem Wolkengrau macht die Sonne Himmelblau. Das Thermometer zeigt vier Grad an, mein Cannondale Taurine ist froh, dass ich es aus dem Winterschlaf wecke. Ich habe Lust auf eine kleine Fototour mittenhinein in die große Stadt. Im Zickzack rolle ich mit der Sonne im Südosten als Wegweiser. Schnell bin ich in Afrika, genauer im Afrikanischen Viertel im Wedding, wo schon 1929 die Architekten Mebes, Emmerich und Bruno Taut die Friedrich-Ebert-Siedlung entwarfen und bauten: erschwinglicher Wohnraum, modern, zeitlos. Wohnungen mit 44 bis 62 qm Fläche und mit Zentralheizung, die über Balkon oder Loggia, dazu ein Bad verfügten. Innerhalb von nur zwei Jahren Bauzeit entstanden über 1400 Wohnungen. Auch heute, fast 100 Jahre später, wirkt die klare Formensprache modern und zeitgemäß.

Friedrich-Ebert-Siedlung im Wedding

Ich lese die Namen Ghana-, Togo- und Swakopmunder Straße. Volkspark Rehberge, Plötzensee mit seiner unrühmlichen Geschichte, dann bin auf dem Radweg am Spandauer Schifffahrtskanal, der über den Invalidenfriedhof zum Hamburger Bahnhof, dem Hauptbahnhof, an der Charité vorbei ins Regierungsviertel führt.

Ich rolle am Hauptbahnhof und dem herrlich spiegelnden City-Cube vorbei und bin wieder einmal fasziniert von der Architektur. Start-Stopp-Foto, Start-Stopp – nächstes Motiv und so weiter. Es ist immer wieder ein Erlebnis, hier hindurchzukurven. Das Winterlicht und der dynamische Wolkenhimmel beleuchten die Szenerie filmreif. Unter den Linden tauche ich ein ins alte Berlin mit Humboldtuniversität, Oper und Berliner Dom; Friedrich der Große sitzt, den Dreispitz auf dem Kopf, den Blick nach Osten gerichtet, auf seinem Lieblingspferd Conde. Die mächtige Bronzeplastik ist ein Meisterwerk von Christian Daniel Rauch, geschaffen 1839-51.

Hier, an der Museumsinsel, an der Schlossbrücke, am Humboldtforum, ist für mich Berlin am schönsten. Also kurve ich noch ausgiebig herum und lande vor der Baustelle des Einheitsdenkmals, genannt Einheitswippe. Allein: Es wippt noch nichts! Beschlossen vor 16 Jahren, Baubeginn vor drei Jahren… Und bis heute eine Baustelle! Blamabel! Peinlich! Einfach nur übel.

2,5 Mio € fordert die Baufirma nach, weil die Kosten gestiegen seien, und der Bund tut sich offenbar schwer, Mittel nachzuschießen. Jetzt ist also Pause, bis Geld und Material kommen.

Beeindruckt von so viel Schnelligkeit und Entschlusskraft setze ich mich wieder auf mein Taurine und schaue mir die Vorderseite des Stadtschlosses und das Replikat des altindischen Sanchi-Tores an. Demnächst werde ich mir dann das Museum für Asiatische Kunst im Humboldtforum gönnen. Heute lehne ich mein Taurine vorsichtig an den Sockel und suche die beste Fotoperspektive.

Wie klein doch der Fernsehturm ist, obwohl er mit einer Höhe von 368 Metern das höchste Bauwerk Deutschlands ist. Bei der Fertigstellung 1969 der ganze Stolz der DDR. Geradezu mitleidig wurde der nur 148 Meter messende Messeturm in Westberlin belächelt. Allerdings steht der schon seit dem Jahre 1926.

Ein paar Meter weiter begrüße ich die Herren Marx und Engels auf dem gleichnamigen Forumsplatz. Gegossen in „Dünnschichtbronze“, sitzen die Erfinder des Sozialismus seit April 1986. Geschaffen vom Bildhauer Ludwig Engelhardt. Das beliebte Fotomotiv haben die Berliner prompt „Sacco und Jacketti“ getauft.

Karl Marx und Friedrich Engels schauen nach Osten, hatten also schon bei der Einweihung ihres Gedenkmonuments dem ehemaligen Palast der Republik, auch „Palazzo Prozzo“ genannt, den Rücken gekehrt.

Im Blick haben die beiden zwei überaus unterschiedliche Kunstwerke: zum einen acht Stelen aus Edelstahl mit eingeätzten Fotos – auf einem Erich Honecker inmitten freundlicher DDR-Bürger. Andere zeigen Menschen von Arbeiteraufständen auf der ganzen Welt. Daneben die Bronzereliefs “ Die Würde und Schönheit freier Menschen“ der Mecklenburgischen Künstlerin Margret Middell.

Die Doppelstelen mit dem Sichtspalt bieten sich an für Fotos durch sie hindurch mit Blick auf den Fernsehturm.

Ich nehme ein paar Schlucke aus der Trinkflasche und wecke das Taurine wieder auf. Nächste Station: Potsdamer Platz. Ein Ort, den ich vor 25 Jahren bei der Eröffnungsfeier erlebt habe, an dem ich fast 10 Jahre meines beruflichen Lebens verbracht habe, oft bis in die Nacht hinein. „Der Daimler“ war der Hauptinvestor des „Neuen Potsdamer Platzes“. Und so zog der gesamte deutsche Mercedes-Vertrieb von Stuttgart nach Berlin. Nicht alle haben sich gefreut … Heute blicke ich zurück mit etwas Wehmut auf die Zeit im Richard-Rodgers-Gebäude mit dem markanten Eckturm.

Das Arkaden-Einkaufszentrum, das sich längs zwischen den Gebäuden erstreckt, war in den 2000er Jahren ein echter Publikumsmagnet. Aus meinem Büro konnte ich hinüberschauen zum Marlene-Dietrich-Platz vorm Musical-Theater und die Berlinale-Stars auf dem roten Teppich von oben betrachten. Der Daimler hat seinen Teil des Platzes schon 2016 an einen US-Investor verkauft und ist zum Ostbahnhof umgezogen.

Der Verkehrsturm steht seit 100 Jahren am Potsdamer Platz. Als erste Verkehrsregelanlage dieser Art in Deutschland. Der Vorläufer der heutigen Ampelanlagen.

Als ich wieder gen Westen, Richtung Philharmonie vom Platz rolle, grüße ich die herrliche Skulptur „The Boxers“ von Keith Haring, die hier seit 1987 steht und immer noch leuchtet und wirkt. Bald ist wieder Berlinale, und der Platz wird sich wieder wie neu anfühlen.

Als ich den Westhafenkanal nach Norden quere, lese ich auf dem Geländer den für mich passenden Spruch des Tages: „Some souls feel each other, even miles apart“

Weiter geht es durch Schrebergartenkolonien hin zum Ex-Flughafen Berlin-Tegel

In Tegel habe ich schon oft die riesigen „Mural Art“- Hochhausmalereien fotografiert. Heute gefällt mir dieses Kunstwerk des Künstler-Teams London Police am besten: Es verströmt spontan gute Laune und bringt mich frohgemut wieder nach Hause.

Rollen, schauen, staunen, Neues entdecken, Schönes und Schauerliches sehen, zurückblicken, und dann wieder nach vorn. Dort ist die Zukunft!

Fläming, Elbe, Elster

Drei Tage Traumwetter, drei Tage ohne irgendwelche Termine, drei Tage auf dem Rad.

Am besten der Nase nach, am besten los mit dem Wind im Rücken, „easy-riding for an old man“. So sollte es gehen, denke ich mir am Mittwochabend und packe meine Sachen zusammen.

Ich werde auch die neue Ortlieb-Trunkbag-Tasche testen. 12 Liter Inhalt, wasserdicht, schmal bauend, 800 g leicht. Mein vorerst letzter Schritt zur Gepäckminimierung für kleine Etappentouren im Frühjahr und Sommer. Als ich die Tasche bestellte, hatte ich nicht berücksichtigt, dass mein Tubus-Airy-Titan-Gepäckträger nur 60 mm schmal ist. Da hängen die beiden Gravelpacks seitlich wunderbar dran, aber 6 cm Stegabstand ist zu wenig für die Befestigungsklauen derTasche. Die Lösung des Problems ist die Verbreiterung mittels zweier Alustäbe rechts und links am Träger. Verdrehfest mit Kabelbindern und zwei vorgebohrten Aluprofilen befestigt. Kosten 10 Euro. Zeitaufwand 90 Minuten. Der Trunkbag sitzt nun bombenfest auf dem Airy.

Am Donnerstagmorgen gegen 10 Uhr mache ich mich auf den Weg. Noch sind es frische 13 Grad, Brevet-Jersey, dünne Armlinge, Windweste drüber und an den Beinen die schön wärmenden X-Bionic-Beinlinge. So rolle ich mich ein und wähle einen Track, der an Berlin westlich vorbeiführt, hin nach Falkensee, über Seedorf nach Potsdam, nach Caputh am Schwielowseee und dann hinein in den Fläming.

Ich verlasse die geteerten Wege und tauche ein in die Wiesen und Auen. Zwei Störche überfliegen mich in wenigen Metern Höhe. Ein erhabener Anblick. Einfach innehalten, wahrnehmen und genießen.

Die Sandpassagen auf den nächsten Kilometern bremsen mich zwar, die gute Laune können sie aber nicht trüben. Barockkirchen in Rosa, ein Ortsname wie im Voralpenland: Salzbrunn.

Hier wurde schon im 16 Jhd. nach Salz gebohrt. Eine Saline sollte entstehen. Alle Mühe war vergebens, der Salzgehalt war viel zu gering. Allein der Ortsname erinnert an das frühe Projekt der Kurfürsten. Im Fläming muss man nur die Hauptrouten verlassen, um immer wieder Erstaunliches zu entdecken.

Barockkirche in Reesdorf

In Treuenbrietzen erkenne ich die Dahlbeck-Bäckerei wieder, bei der Peter, Matthias und ich die erste Pause auf der Etappentour 2016 nach Tschechien und Bayern eingelegt hatten. Heute teste ich die Qualität des Milchkaffees erneut. Bestanden. Lecker. Nur doppelt so teuer wie vor sieben Jahren.

Noch 30 Kilometer bis zu meinem Tagesziel Wittenberg. In einem kleinen Bogen nach Südosten arbeite ich mich über Zahna an die Stadt heran. Die Lutherstadt strahlt seit den mit großem Aufwand betriebenen Restaurationsarbeiten zum 500-jährigen Jubiläum der Reformation im Jahre 2017 in neuem Glanz. Eine vorzeigbare Innenstadtzone ist entstanden. An diesem herrlichen Donnerstagabend flanieren nur wenige Menschen in der Stadt. Nur im Bereich vom Marktplatz mit Luther-und Melanchthondenkmal tummeln sich einige Touristen.

Hinter der Schlosskirche schießt ein Mann mit einem langen Blasrohr auf einen kleinen Luftballon. Aus sicher mehr als 50 Metern Entfernung. Als ich respektvoll näher zu ihm gehe, zeigt er mir mit einigen präzisen Schüssen seine Pustekunst. Irgendwie passend zum den mächtigen Turm umgreifenden Spruchband: “ Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen“.

Noch mehr Kunst gibt es in Form der Skulptur “ Die unerträgliche Leichtigkeit“ des Bildhauers Frank Seidel zu bestaunen. Sie balanciert auf einem rostrot in der Sonne leuchtenden Sockel. Es ist 19 Uhr geworden und ich sollte bald eine Bleibe für die Nacht finden. Booking.com lotst mich in Richtung Bahnhof und zum Hotel Acron. Die Dame an der Rezeption kann ich davon überzeugen, dass mein Granfondo besser im Zimmer als im Radschuppen auf dem Hof untergebracht ist. Duschen, umziehen, Stadt erkunden. Nach 15 Minuten bin ich unterwegs und laufe durch die Gassen.

Dreimal hin und wieder zurück, Luther, Melanchthon, Thesentür, dann endlich ein Italiener, kein historischer, nein, einfach ein guter Gastgeber mit einem guten Koch. Satt und zufrieden wandere ich zurück zum Hotel und gönne mir noch ein Absacker-Bier. Danach falle ich in einen erholsamen Tiefschlaf.

Am nächsten Morgen lacht die Sonne aus einem klarblauen Himmel herab. Das Grün der Elbauen bildet einen filmreifen Kontrast dazu. Genuss pur für Körper und Seele! Es rollt wunderbar. Querab von Torgau enden die Ortschaften fast alle auf – witz. Kein Witz! Triestewitz, Kathewitz, Adelwitz, Ammelgoßwitz… Besonders in Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Sachsen ist diese Endung häufig anzutreffen und weist meistens wohl auf den Gründer oder Erbherren des Ortes hin. Also: Kathewitz – die zu Kathe Gehörigen.

In Prettin rolle ich am Schloss Lichtenburg vorbei. Das teilrestaurierte, riesige Gebäude hat eine ziemlich illustre Geschichte: Erbaut im 16. Jahrhundert als Wittwensitz der sächsischen Kurfürstinnen, wurde das Anwesen im Jahr 1812 umfunktioniert zum kursächsischen Gefängnis und danach zur Strafanstalt für über 500 Insassen. Im dritten Reich begann das finstere Kapitel als Konzentrationslager. Man mag kaum glauben, was hinter den Mauern der Schlossfassade alles geschehen ist über die Jahrhunderte. Heute residiert hier ein Museum zum Gedenken an die KZ-Opfer.

In Triestewitz wird das ehemalige Rittergut als Hotel genutzt, direkt daneben verfallene Gutsanlagen und rostendes Landwirtschaftsgerät. Die Zeit steht still.

In Großtreben backt der Bäcker Schröder in großem Stil und betreibt auch noch einen netten Bäckerladen samt Café. Der Milchkaffee mundet und das Hefeteilchen bringt verbrauchte Energie im Nu zurück. „Heimat, Handwerk, Herzlichkeit“, lese ich hinter der Sitzecke. Kann ich so bestätigen!

In Belgern setze ich mit der Seilfähre über auf die Westseite der Elbe. Der Elbe-Radweg führt im Zickzack-Kurs durch die Auen und Hügel. Genau richtig für Menschen, die keine Eile haben und gerne viel sehen wollen. Also ideal für mich in diesen Tagen. Blumenwiesen, zufrieden wiederkäuende Rinder, eine prächtige Kastanie in voller Blüte. Dann ein gelber Hochzeitstrabbi mit Blumenschmuck vorm Standesamt in Strehla und als vorläufiger Höhepunkt des Tages die Entdeckung des ganz besonderen Flugplatzes von Riesa.

Als ich auf der linken Seite die Fliegerhalle und den Tower entdecke, wundere ich mich darüber, dass die Startbahn auf der gegenüberliegenden Straßenseite anfängt. Obacht! Flugzeuge queren die Fahrbahn. Alles gut geregelt, denn der Flugleiter schaltet die Ampel auf Rot, der Sportflieger rollt quer über die Straße, mein Granfondo staunt.

Neugierig, wie ich bin, rolle ich danach noch zur Halle, vor der gerade ein Doppeldecker startbereit gemacht wird. Sieht alt aus, ist aber ein gänzlich neues Ultraleicht-Fluggerät, wie mir später der Erbauer und Besitzer stolz erzählt. Wir ratschen über alte und neue Zeiten – schließlich habe ich auch in grauer Vorzeit solche Flugzeuge geflogen. Eine halbe Stunde später verlasse ich den Verkehrslandeplatz Riesa Göhlis und nehme den letzten Teil meiner Tagesetappe ins Visier: Meißen. Auf den nächsten Kilometern könnten die Gegensätze nicht größer sein: Auf der Ostseite der Elbe die riesigen Anlagen von Wacker Chemie, auf meiner Seite blühende Landschaften.

An der Wäscheleine am Ufer trocknen Büstenhalter und Unterhosen. Daneben grasen friedlich wunderbar braune, gescheckte und gelbweiße Rinder. Dann kommt die mächtige Albrechtsburg in mein Blickfeld und wird immer größer. In der Altstadt von Meißen herrscht rege Betriebsamkeit, die Stadt ist heute Abend im sportlichen Ausnahmezustand. Aufgeblasene Zielbögen, Getränkestände, Streckenabgrenzungen… Ich staune und schiebe mich und mein Granfondo durch die Menschenmassen. Als ich im Zielbereich ankomme, biegen gerade die Schnellsten der vierten Klassen um die letzte Kurve. Beifall brandet auf.

Bei der Suche nach einer Unterkunft habe ich Glück. Ich bekomme ein Zimmer im Hotel Am Markt. Mein Granfondo residiert selbstverständlich wieder einmal gemeinsam mit mir. Jetzt beginnt der sportkulturelle Genussteil des Tages. Erst duschen, umziehen, dann wieder hinein in den Trubel. Fast wie beim Sechstagerennen ist es hier, man kann inmitten der Sportveranstaltung essen und trinken und es sich gut gehen lassen. Drumherum schwitzen die Läuferinnen und Läufer. Ich genieße derweil ein Glas Wackerbarth Rosé.

Fast 22 Uhr ist es , als die Letzten ambitionierten Amateure nach ihrer Marathonstrecke ins Ziel kommen. Der Mond leuchtet herunter auf die Altstadt. Eine friedliche Stimmung. Ich bin zufrieden mit diesem Tag, mit den Menschen um mich herum und der atmenden alten Kultur dieser Stadt.

Am nächsten Morgen starte ich gut gelaunt und nehme wieder Kurs auf Berliner Gefilde. Zurück auf der Ostseite der Elbe, entlang an den Weinbergen hin bis Riesa und dann das Elstertal hinauf. Mit der Bahn will ich das letzte Stück fahren. Allein die Bahn hat ein Problem. Ein Stellwerk ist ausgefallen, der Zug kann nicht weiter, ich setze mich wieder aufs Rad und ziehe noch einmal 50 km durch bis Jüterbog, dann bekomme ich eine Verbindung nach B. Als es dunkelt, rolle ich wieder vor der Haustür aus. Eine echte Kultur- Genusstour war es. Wittenberg, Meißen, die Elbauen. Herrlich! Verlangt nach baldiger Wiederholung, weil es immer wieder Neues zu entdecken gibt.

Gerade, kreuz und quer – eine Buchbesprechung

Für mich ist das Buch von Rahel Straubel und Dirk Reuber ein ganz Besonderes. Schon allein deshalb, weil ich die beiden gut kenne und weil sie meine Leidenschaften teilen. Radfahren und wandern; dabei Kultur, Natur, Land und Leute kennenlernen.

Als Dirk mir vor gut zwei Jahren von dem Buchprojekt erzählte, hatte ich sofort einige schöne Bilder und Geschichten aus der Region vorm geistigen Auge. Wie schön, dass die beiden mich freundlicherweise auch noch baten, eine Story zum Inhalt beizutragen. Sie kannten mein Blog und meinen Stil. So fing das Ganze für mich an. Und für Dirk und Rahel stand ein ordentliches Paket Arbeit ins Haus.

Vorige Woche hielt ich das 240-seitige Ergebnis ihres Schaffens freudig und erwartungsvoll in Händen. Es ist gut gelungen, das sage ich schon einmal vorab.

Rahel und Dirk haben sich nicht die üblichen Ziele und Wege vorgenommen, die schon vor ihnen viele Autoren beschrieben haben. Sie haben genau hingeschaut im westlichen Brandenburg.

“ Die Tage sind hell, kein Berg begrenzt die Sicht. Die Nächte sind oft so dunkel, dass man dem Sternenhimmel ganz nah zu sein scheint“

“ Uns interessiert Kultur besonders jenseits großer Namen oder wichtiger Stätten“

So haben die Autoren ganz besondere Orte mit interessanten Menschen entdeckt und beschrieben. Sie sind eingetaucht ins Land und ihre Begeisterung fürs Unspektakuläre wird greifbar. Ganz im Sinne des großen Fontane, der im Vorwort zu seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg schrieb: “ Der Reisende in der Mark muß sich mit einer feineren Art von Natur- und Landschaftssinn ausgerüstet fühlen. Es gibt gröbliche Augen, die gleich einen Gletscher oder Meeressturm verlangen, um befriedigt zu sein. Diese mögen zu Hause bleiben“.

Rahel und Dirk beschreiben in ihrem Buch eine Reihe von kreativen, engagierten und mutigen Menschen, die in kleinen Dörfern, oft weit abgeschieden, Initiativen entwickelt haben und für den Ort und die Region Positives bewegen. Sie machen all das im Text und mit den Fotos greifbar und erlebbar.

Gerade, kreuz und quer“ sind sie gewandert, mit dem Rad gefahren und mit dem Hausboot über die Seen geschippert. Wanderrouten und parallel etwas längere Radtouren in der jeweiligen Region führen an den schönen, an den einsamen, an den interessanten Orten vorbei. Beim Lesen habe ich spontan Lust bekommen, aufzubrechen und dorthin zu fahren, wo ich bisher noch nicht war, wo auch für mich „Kreuz und quer-Radler“ Neuland zu entdecken ist. Umso schöner, wenn das so greifbar beschrieben ist und auch noch zu jedem Ziel eine Karte hinzugefügt ist mit der besten Wander- oder auch Radroute.

Warum nicht einmal auf der Pilgerroute von Hennigsdorf nach Bad Wilsnack zur Wunderblutkirche laufen… Die Autorin Ute Gottesmann beschreibt ihre sechs Pilgertage und 130 Wanderkilometer kurzweilig und anschaulich.

Oder einmal bei Vehlefanz und Schwante um den Mühlensee laufen und anschließend ein Salonkonzert bei Monta Wegmann im ehemaligen Stall neben dem Wohnhaus erleben und dabei mit den Künstlern ins Gespräch kommen und ein Glas Wein trinken…

Gerade, kreuz und quer ist ein herrliches Buch zum Lesen, zum Nacherleben, zum Verschenken an jeden, der Land und Leute besser kennenlernen will.

Danke Rahel und Dirk!

LESEN!

Rahel Straubel/ Dirk Reuber, Gerade, kreuz und quer. Wandern & Radfahren durchs westliche Brandenburg

240 Seiten, Broschüre, 16×22 cm, ISBN 978-3-95894-240-0

18 Euro

Überall im Buchhandel oder unter http://www.omnino-verlag.de

Adonisröschen an den Pontischen Hängen

„Wo das Blut des schönen Jünglings ( Adonis) hintropft, sprießen die Blüten der Adonis aestivalis, der roten Verwandten unseres gelb blühenden Frühlings-Adonisröschens.“ So lese ich es nach in einem Beitrag des NABU über die Pontischen Hänge von Lebus an der Oder. Schon 1921 wurde hier ein kleines Naturschutzgebiet eingerichtet, um die seltene Pflanze zu schützen.

Es geht Adonis gut an den Pontischen Hängen. Die Blume stammt ursprünglich aus der Gegend des Kaukasus und Südsibiriens. Am Ende der letzten Eiszeit vor etwa 12000 Jahren hat sich die Pflanze in mehreren Schüben entlang der Flüsse Weichsel, Oder und Warthe schrittweise nach Westen vorgearbeitet. Das Adonisröschen hat also einen eindeutigen Migrationshintergrund. Es fühlt sich dennoch bei uns wohl, wird geschützt und geschätzt. Bei all meinen Fahrten „nad Odra“ hatte ich es bisher nicht in Blüte erlebt. Entweder war ich zu spät im Jahr auf Suche gegangen, oder ich war einfach zu bequem, die Feldwege zu fahren und zu schieben bis dorthin. Also wartete heute eine kleine Aufgabe auf mich. Endlich Adonisröschenblüten sehen und dann aufs Foto bannen.

Aber halt, bis zur Oder hin dauert es um die vier Stunden für den Kultur-Randonneur, denn er will ja auch auf der Anreise zum Tagesziel sehen und erleben. „Der Weg ist das Ziel.“ Frischer Westwind ist angesagt an diesem Aprilmittwoch und genauso frische 8 Grad, vielleicht noch ein Graupelschauer dazu… Ich packe sicherheitshalber meine Gore-Shakedry ein und streife mir für die ersten kalten Kilometer Langfingerhandschuhe über. Das Granfondo-Titan kommt zum Einsatz.

Die Grundschule ist schon seit 2003 geschlossen

Es freut sich genauso wie ich auf eine ordentliche Granfondo-Distanz. In eine kleine Thermosflasche, die gut in den Halter passt, fülle ich heißen Ingwertee, in die normale kommt 0,6 l Isogetränk. Dazu stecke ich noch einen dicken Eiweißriegel in die Trikottasche. So sollte ich ohne Hungerast notfalls über den Tag kommen. Nach einem Frühstück mit Kaffee, Vollkorntoast, Käse, Honig und Marmelade sitze ich um 9.30 Uhr auf dem Rad. Dann rolle ich mich über Bernau, Tempelfelde, Heckelberg ein. Durch den langen Wald nach Haselberg, und schon habe ich das Oderbruch formatfüllend vor Augen. Auf den ersten 60 Kilometern sind mir gerade mal zwei Rennradler begegnet. Meinem Radlerfreund Wolfgang schreibe ich hinter Schulzendorf eine WhatsApp mit diesem anhängenden Foto:

Ich bin fies, ich will ihn neidisch machen. Vor einem Jahr waren wir hier gemeinsam unterwegs, heute sitzt der Arme im Büro und arbeitet sich an einer Excel-Tabelle ab. Die Sonne lacht, der Wind schiebt mich mit 45 km/h hinunter nach Vevais, wo die Kolonisten, vom Alten Fritz angeworben, ihre neue Heimat im Jahr 1752 nach ihrer alten tauften. 17 Familien bauten sich ein neues Leben auf.

Keramik-Skulptur von Inge Müller

Eine Keramikskulptur erinnert an die ersten Siedler, die wahrscheinlich aus der französisch-sprachigen Schweiz am Genfer See stammten. Vevais – nach Vevey am Genfer See. Genau vor einem Jahr stand ich auch an dieser Stelle und fotografierte das Werk von allen Seiten.

Ich steige wieder auf mein Granfondo, sonst fange ich noch an zu frieren. Die dunklen Wolken, aus denen vereinzelt Graupel fällt, ziehen knapp nördlich an mir vorbei. Glück gehabt. Kurs Ost, nächster Halt Alt-Lewin, mit zwei Dutzend Häusern für 55 Einwohner. herumgruppiert um die Kirche, ein Angerdorf. Bei den Siedlungen für die Kolonisten, die immer mit „Neu“ anfangen, handelt es sich meistens um Straßendörfer.

Der heiße Ingwertee tut gut und wärmt. In Alt-Lewin lässt sich kein Mensch blicken, still liegt der Ort. Die lange Eichenallee, Ortwiger Kruschke genannt, führt mich nach Ortwig. Am Ortseingang biege ich ab in die Bauernstraße mit einem genauso dominanten wie hässlichen alten, grauen Mietshaus, das offensichtlich noch freie Wohnungen zu bieten hat.

„Selig sind, die Frieden stiften“, lese ich an der teilrestaurierten Dorfkirche, die in den letzten Tagen des Krieges in Trümmer gelegt wurde. Zwei Glocken haben in den Fensteröffnungen der Südwand einen neuen Platz gefunden. Die kleine evangelische Gemeinde hat in den vergangenen 30 Jahren mühevoll und in kleinen Schritten innerhalb der Grundmauern wieder einen Gedenkraum gestaltet.

Noch zwei Kilometer bis zur Oder, bis Groß Neuendorf – einem Ort, in dem wieder mehr als 350 Menschen wohnen, auch Zugezogene aus der Hauptstadt, die am Wochenende hier leben und in Berlin arbeiten. Sogar übernachten kann man in einer Ferienwohnung im alten Verladeturm und – sehr originell – in alten Zugwaggons, die einen freien Blick auf die Oder erlauben.

Am 26. April aber erlebe ich Groß Neuendorf ohne jede Gastlichkeit. Der Radlergarten samt Haus steht zum Verkauf, das Maschinenhaus sucht einen neuen Pächter, und auch das Landfrauencafé ist geschlossen. Möge die beginnende Saison reichlich Rad- und sonstige Touristen an die Oder locken, damit wieder Leben einkehrt und die Menschen lachen können. Landschaft und Leute haben es wahrlich verdient.

Auf meiner Suche nach heißem Kaffee werde ich auch in Kienitz und seinem Kirchen-Café nicht fündig. Es hat nur freitags bis sonntags geöffnet.

Also rolle ich um die nächste Dorfecke, am Panzer vorbei und dann südwärts. Und hier wartet dann eine echte Überraschung auf meinen nach Speis und Trank lechzenden Körper.

„Bitte sind Sie so nett und klingeln, ich bin in 1 Minute da – bis gleich, freue mich“

Ich klingele. Nach wenigen Augenblicken öffnet eine freundliche Frau die Türe und bittet mich herein. Auf einem Blech liegt ein frisch angeschnittener Apfelstreusel. In einer Kanne wartet heißer Kaffee. Als ich bezahle und die Gastfreundschaft mit drei Euro Trinkgeld belohne, werde ich meinerseits durch ein „da freu ick mir aber janz dolle“ wertgeschätzt.

Gut gelaunt biege ich wieder auf den Deichweg ein. Küstrin lasse ich heute „links liegen“, ich will schließlich mein Tagesziel, die Pontischen Hänge in Lebus, noch zeitig erreichen. Der Reitweiner Sporn, ein langgestreckter Hügel, erhebt sich aus der Bruchebene auf 80 Meter empor. Dann schließt sich das Lebuser Plateau südlich an. Die Adonishänge kommen näher. Der Radweg macht im unteren Teil von Lebus einen Bogen wieder auf die Hochfläche hinauf. Ich bleibe diesmal nahe an der Oder und folge einem Fußpfad und dem Hinweisschild zum Adonis.

Diesmal lachen die Röschen mich an, sie stehen in voller Blüte und leuchten in klarem Gelb. Harmlos sehen sie aus, sind aber überaus giftig und zum Verzehr nicht geeignet. Das wissen auch die Schafe und Ziegen, die hier weiden und die Hänge von Unkraut freihalten und eine Verbuschung verhindern. Sie knabbern alles weg, lassen aber die Adonis-Pflanzen stehen. Gut so.

20 Minuten verweile ich hier, sauge die Farben und die Düfte auf und genieße den Blick in die Oderauen. Dann stiefele ich den Feldweg durch das Buschwerk hoch, um wieder auf den Radweg zu gelangen. Von hier oben reicht der Blick bis hin zu den polnischen Oderhängen auf der Ostseite. Traumhaft.

Die Wildkirschen stehen in voller Blüte und leuchten in strahlendem Weiß. Ich muss mich geradezu losreißen von diesen An-und Ausblicken. Bis hinunter nach Frankfurt begleitet mich diese Frühlingsorgie noch. Da braucht es keine gemütsaufhellenden Drogen. Die Natur macht das alles noch besser und leistet einen wunderbaren Beitrag zur seelischen Gesundheit. Also, liebe Leser, macht euch auf an die Oder, es lohnt sich.

Nach 150 Kilometern in den Beinen und dem Kopf voller schöner Eindrücke steige ich in Frankfurt in den leeren RE und gleite entspannt gen Berlin.

Grauer Himmel an der Oder…

An diesem Februartag will ich meine mäßige Stimmungslage mit einer Fahrt an die Oder aufhellen. Das hat bislang immer noch funktioniert. Wobei heute der Himmel grauverhangen ist. Dafür schiebt der frische Westwind mich erst einmal kräfteschonend hinein in die Wellen des Barnim. Mein Basso-Crosser freut sich, dass ich ihn endlich wieder in die Landschaft führe. Die Straßen sind noch regennass, ich bin froh, dass ich die langen Schutzbleche von SKS montiert habe. Für ein Winterrad gehört sich das schließlich so. Bernau liegt bald hinter mir, die Windräder vor Tempelfelde empfangen mich mit vernehmbarem Rauschen. An einem Waldrand bei Heckelberg haben Anwohner ein Plakat mit „Keine Photovoltaikanlagen auf Ackerflächen“ am Zaun befestigt.

Dahinter ist eine eher barackenähnliche Unterkunft zu erkennen. Einnahmen aus solchen Anlagen wären sicher hilfreich für ein Sanierungsprojekt des Anwesens. Und den Anblick von Landschaft und der übrigen riesigen Ackerflächen würde das auch nicht beeinträchtigen. Meine ich. Offensichtlich sehen das ein paar Menschen hier anders. Ein paar Dörfer weiter prangt an einer Scheunenwand „Keine Windkraftanlagen in der Barnimer Heide“

Und wo soll zukünftig der Strom herkommen? Aus dem Kohlekraftwerk Jänschwalde und aus Northstream 2 jedenfalls nicht. Sollte sich das noch nicht bis in diese Gegend herumgesprochen haben?

Nachdenklich und auch mit Unbehagen im Bauch rolle ich weiter. Dann genieße ich die Abfahrt hinunter ins Oderbruch über Falkenberg und dann nach Freienwalde. Am Ortsrand kann man im Schlachthausgebäude aus 1899 immer noch Fleischwaren einkaufen.

Mein Magen knurrt zwar schon unangenehm, aber als Flexitarier rolle ich lieber weiter zur Bäckerei vom NETTO neben dem Freienwalder Bahnhof. Hier ist die Bedienung nett und Milchkaffee nebst Käsebrötchen sind von bester Qualität. An der Wand hängt das Informationsangebot des Tages in Form von BILD und MOZ. Ich erfahre, dass Tony Marschall kaum Vermögen, dafür aber mehr als 50 Perücken hinterlassen hat. Der Wetterdienst warnt vor Sturm mit Böen bis 80 km/h. Soll mir recht sein, solange die Windpower mich hin zur Oder und rauf nach Schwedt treibt. Es bleibt bei einigen, wenigen Regentropfen, die kaum die Nässefestigkeit meiner neuen Gore-Thermo-Trail auf die Probe stellen. In Schiffmühle biege ich in Richtung Oder ab, vorbei am Haus von Fontanes Vater.

In Hohensaaten bin ich endlich an der Oder. Der Ort ist eine Radlerhochburg, lese ich auf dem Schild im Rahmen eines angegammelten Zweirads aus vergangenen Zeiten. Dahinter steht schief und verwittert der Wegweiser zur Ostsee. Heute ist irgendwie alles grau.

Von den knapp 700 Hohensaatenern sind mehr als die Hälfte Senioren. Daraus leitet sich der Titel „Ältestes Dorf Brandenburgs“ ab. Als um 1900 die Schleusen zur Verbindung der Oder an die Oder-Havel-Wasserstraße gebaut wurden, lagen hier die Schiffe der Wohlhabenden vor Anker. Heute wandern immer mehr junge Menschen ab. Die Alten werden weniger. Seit der Eingemeindung nach Bad Freienwalde gibt es keine Bevölkerungsstatistik mehr. Keine Ärzte, keine Schulen, keine Geschäfte…

Erst ein paar Kilometer weiter, in Lunow, kann der hungrige und durstige Radler sich stärken. In der Gaststätte Quilitz gibt es Knacker vom Auerochsen, gegenüber beim Fleischer Künkel Eintopf, Kaffee oder auch Bier.

Und in Stolpe, unterhalb des dicken Turms, betreiben seit Sommer 2022 zwei junge Männer das Café „Milchbuben“– in der Nachfolge vom „Fuchs und Hase“. Angebot und Ambiente sind geblieben. Ich freue mich schon auf meine nächste Tour, die ich auf die Öffnungstage Do-So legen werde.

Es wird langsam dämmrig, so richtig hell ist es eh heute nicht geworden. Kalt und feucht und windig. Da heißt es weiter kurbeln, warm bleiben. Und vom fiesen Wetter nicht die Laune vermiesen lassen.

Die Kopfweiden, die in langen Reihen am Deich stehen, sind frisch beschnitten. Bald werden sie wieder austreiben und mit ihrer Wuchsgeschwindigkeit beeindrucken. In früheren Zeiten wurden aus Weidentrieben Körbe, Reusen und Geflechte für das Fachwerk der Häuser gefertigt. Alte Weidenbäume sind wahre Refugien für Insekten, Würmer und Vögel.

Bei Criewen, schon nahe bei Schwedt, sind die Oderauen überflutet. Die Natur kann Wasser tanken, speichern und sich von den Monaten der Trockenheit erholen. Der Radweg verläuft zwischen der Alten Oder oder Faulen Oder, dem Oder-Havel-Kanal und dem Hauptfluss. Dazwischen mäandern zig Kleinarme und bilden den Nationalpark Unteres Odertal.

Gegen 16.30 Uhr rolle ich ein in Schwedt, einer Stadt, die wie kaum eine andere von Krieg, Nachkriegszeit, Nachwendezeit und jetzt der Zeit der „Zeitenwende“ gebeutelt und geprägt ist. Am Ende des 2. Weltkrieges waren nach heftigsten Kämpfen 85 % der Gebäude und Infrastruktur zerstört. In den 50er und 60er Jahren erlebte die Stadt einen industriellen Aufschwung, der hauptsächlich der Raffinerie zu verdanken war, in der bis zu 8000 Menschen beschäftigt waren. Über die Ölpipeline „Druschba“ – Freundschaft, wurden mehr als 10 Mio. Tonnen russisches Erdöl pro Jahr angeliefert und zu Benzin, Diesel und Kerosin verarbeitet. In alter Zeit, im 18. Jhd. gab es hier Tabakfabriken und das größte Tabakanbaugebiet Deutschlands.

Nur ganz wenige alte Gebäude haben die Zeit überdauert. Einen historischen Stadtkern sucht man in Schwedt vergebens. Nur der Berlischky-Pavillon, eine ehemalige Kirche der Französisch-reformierten Kirche aus dem Jahre 1777 steht vereinsamt an der B 166, der Lindenallee, die ansonsten von Mietskasernen flankiert ist.

Artwork am Plattenbau – schöne Illusion
Berlischky-Pavillon
Liebespaar – Axel Schulz 1965

Und gegenüber, passenderweise vor dem Standesamt, steht diese kleine Skulptur des Bildhauers Axel Schulz.

… Und ich hatte gedacht, der Axel wäre ein Schwergewichtsboxer.

Neben dem Pavillon führt die Straße zum Bahnhof, den ich zum Tagesziel auserkoren habe. Wieder einmal, schon wieder. In den vergangenen Jahren bin ich geschätzt 20-mal allein oder mit Freunden hier angekommen. Von hier fährt der Regio jede Stunde nach Berlin. Und vor dem Bahnhof, der kein eigenes Gebäude besitzt, steht das Steakhouse Mendoza, in dem wir regelmäßig unsere Wartezeit verkürzt haben. Heute bleiben mir nur 20 Minuten – für ein großes, gezapftes Bier reicht die Zeit.

Mein Basso darf mit in den Zug. Für Pendler sind die Bikeboxen ideal, um die Räder sicher zu parken.

Um 20 Uhr komme ich bei Nieselwetter und grauem Himmel und eiskaltem Wind guter Laune wieder zu Hause an.

„Wenn du niedergeschlagen bist, wenn dir die Tage immer dunkler vorkommen, wenn dir die Arbeit nur noch monoton erscheint, wenn es dir fast sinnlos erscheint, überhaupt noch zu hoffen, dann setz dich einfach aufs Fahrrad, um die Straße herunterzujagen, ohne Gedanken an irgendetwas außer deinem wilden Ritt.“ – Arthur Conan Doyle

Artfahren und mehr in Berlin

Im Frühjahr 2016 kam der Blogger-Kollege „Kreuzbube“aus Dresden auf die Idee, einen kleinen Wettbewerb zu veranstalten, den er „Artfahren“ taufte. Es ging darum, mögliche viele zeitgenössische Skulpturen zu finden und dann samt eigenem Rad zu fotografieren. Bei mir hat es damals sofort „klick“ gemacht, und bei meiner nächsten Ausfahrt wurde ich zum Objektsucher. Bis zum Herbst entdeckte und identifizierte ich ingesamt 156 Kunstwerke in Berlin und Brandenburg. Auch nach dem Artfahren habe ich nicht aufgehört, mit suchenden Augen durch Stadt und Land zu fahren. Mein Blick war sensibilisiert und geschärft.

An diesem Februarmorgen lacht die Sonne aus einem stahlblauen Himmel. Klar, dass dann die Olympus tough in die Oberrohrtasche muss. Um 10.30 Uhr sitze ich auf meinem Basso und wähle als erstes Ziel Tegel, wo ich den Betonbogen an den Seeterrassen in bestem Licht erwische. Schon im Jahr 1954 hatte der Bildhauer Gerhard Schultze-Seehof im Rahmen des Berliner Wiederaufbauprogramms den Auftrag für einen Mosaikbogen erhalten, in dem er Fliesen und Keramik-Teile aus Trümmerschutt der Umgebung eingesetzt hat. 2015 wurde das marode gewordene Bauwerk sorgfältig restauriert und strahlt wie neu an diesem Morgen.

Mosaikbogen von Gerhard Schultze-Seehof am Tegeler See

Nach wenigen hundert Metern Fahrt auf dem Borsigdamm erreiche ich die Hochhäuser der riesigen Wohnsiedlung, wo 2015 das erste 42 Meter hohe „Mural“ – Wandbild entstand. Mittlerweile zieren acht riesige Kunstwerke die Fassaden der vier gewaltigen Blöcke zwischen Wasserwerk Tegel und Emstaler Platz.

https://www.visitberlin.de/de/artpark-tegel – Gute Infos zu den Objekten des Art-Parks Tegel.

Heute fotografiere ich die Murals von der Südseite, wo sie im Sonnenlicht strahlen und sich wunderbar vom blauen Himmel abheben. Tegel-Besuchern kann ich nur empfehlen, die vier Hausblöcke komplett zu umrunden. Es lohnt sich!

Von Borsigwalde aus nach Siemensstadt. Von Reinickendorf nach Spandau. Die Backsteinfabrikhallen und Arbeitersiedlungen künden von der vergangenen Industriekultur, der Blütezeit der Siemens- und der Borsigwerke. Siemens bot schon in den 1920er Jahren mehr als 30000 Menschen Arbeit, Brot und Wohnungen. Man stelle sich vor, dass heutzutage ein Großunternehmen für die Beschäftigten Wohnanlagen samt Schulen und Kindergärten zur Verfügung stellen würde. Ja, warum eigentlich nicht? Oder warum nicht mehr? Fortschritt ist immer relativ. Wenn ich über die Siedlungen in historisierendem Stil bis zur Bauhausarchitektur staune, tausende von Wohnungen, dann hören sich die nicht gehaltenen Versprechungen der Politik zur Schaffung von „neuem Wohnraum“ in unseren Tagen hohl an.

Torbogen zur Siemens Werkssiedlung am Schuckertdamm

Kurz vorm Überqueren der Nonnendammallee stehe ich auf dem Platz vor der Siemens-Verwaltung, auf dem seit 2017 die Alu-Skulptur „Wings“ von Daniel Libeskind prangt. Glänzend, glitzernd, spiegelnd. Beeindruckend besonders im Sonnenlicht. 10 Meter hoch und 15 Tonnen schwer soll sie Sinnbild für die digitale Zukunft des Unternehmens sein. Ich hoffe sehr, dass sie wirklich eine starke Zukunft symbolisiert.

Direkt an der Nonnendammallee thront ein riesiger Adler auf dem Denkmal für die im 1. Weltkrieg gefallenen Siemens-Arbeiter. Blick zurück und in die Zukunft nah beieinander.

Siemens-Denkmal für die Weltkriegsopfer

Den folgenden Text habe ich auf der Startseite Siemensstadt 2.0 gefunden:

Neue Arbeits- und Lebenswelten in der Siemensstadt Arbeiten, Forschen und Wohnen vereinen! Das wollte man bereits bei der Gründung der Siemensstadt vor mehr als einem Jahrhundert. Und das gilt auch für die Zukunft: In den kommenden Jahren sollen auf dem Siemens-Gelände in Berlin-Spandau neue Arbeits- und Lebenswelten entstehen. 
Das historische Verwaltungsgebäude und sein Umfeld werden der erste Baustein der Siemensstadt 2.0 sein. Im Frühjahr startet ein Hochbauwettbewerb, um für das Verwaltungsgebäude ein Nutzungskonzept zu erarbeiten und für die Neubauten im Umfeld im Wettstreit die besten architektonischen Lösungen zu finden. Dafür wird derzeit die Aufgabenstellung – die sogenannte Auslobung – erstellt.

Da bin ich gespannt, wie schnell oder wie langsam hier Siemensstadt 2.0 entstehen wird.

Auf dem Weg in den Kern der großen Stadt umrunde ich den Lietzensee mit seinen altherrschaftlichen Gebäuden, dann rolle ich entspannt auf dem breiten Radstreifen der Kantstraße bis hin zum Kranzler Eck. Für viele Wessies bis heute die Mitte von Berlin. Neue Hochhäuser, viel Glas und Beton und natürlich die unvermeidlichen Bären. Hier als prächtiges Gespann:

Ich genieße das Wetter und die gut gelaunten Menschen. Kein Berliner motzt mich an, Autofahrer lassen mich bereitwillig den Ku’damm queren. Schön hier heute. Nächster Halt Euref-Campus mit dem Gasometer. Ich will nachsehen, wie weit das Bauprojekt gediehen ist.

Immerhin, vor genau einem Jahr sah ich hier noch ein blankes Stahlgerippe, heute ist der Gasometer schon verglast. 2024 sollen 28000 Quadratmeter Büroflächen, Eventbereiche und eine Skylounge in 66 Metern Höhe eingeweiht werden. Die Deutsche Bahn will von hier aus mit 2000 Mitarbeitern!!! die Digitalisierung und die Zukunft der Bahn nach vorn treiben, lese ich. https://euref.de/entry/gasometerschoeneberg/

Zunächst bedeutet das Ganze über 200 Mio Euro Invest. Ich hoffe, dass noch genügend Geld für neue Schienen und Züge übrig bleibt. Skepsis scheint angebracht. Als ich 1997 auf dem neu errichteten Potsdamer Platz aus meinem Büro ehrfürchtig hinüber auf den „Bahntower“ schaute, in dem Hartmut Mehdorn die Zukunft ( oder war es doch eher die Abwicklung) der Bahn plante, gab es auch große Ziele. Wenig davon wurde umgesetzt. Ich frage mich gerade, warum die Mitarbeiter im Gasometer bessere Ideen und Pläne haben sollten als vor 20 Jahren im prächtigen Glastower.

Der Bahntower am Potsdamer Platz erscheint irgendwie verwandt mit dem neu entstehenden Tower im Gasometer. Er sieht aus Wie ein Halb-Gasometer, fällt mir auf. Wenn das kein Omen ist?! So lese ich parallel, dass über die nächsten zwei Jahre der Bahntower kernsaniert werden muss??? Dann erst können die zukünftig fast 2000 Zentral-Bahner wieder einziehen und denken und planen und verwalten. Moderne Bauwerke scheinen ungemein kurzlebig zu sein. Muss ich mich jetzt fürchten in unserem Holzhaus, das wir auch genau im Jahr 2000 gebaut haben? Ich kann als Laie noch keine Verfallserscheinungen erkennen. Offensichtlich gab es seinerzeit auch Bausubstanz, die für einen weit längeren Zeitraum wohntauglich bleibt.

Ohne zu wissen, dass ich eigentlich nur vom neuen DB-Turm zum alten DB-Turm geradelt war, schaue ich mir mit etwas nostalgischen Gefühlen die Berlinale-Vorbereitungen an. Der Rote Teppich wird ausgerollt, die Fans stehen Schlange, alles ist ganz so wie vor über 20 Jahren, als ich aus meinem Büro die Stars auf dem Teppich von oben ansehen konnte. Es war einmal.

Die Berlinale-Fans werden in diesen Tagen dem Areal wieder kurzzeitiges, frisches Leben einhauchen. Wobei man heute nicht mehr durch die Arkaden flaniert, sondern eher ein paar Meter zum Leipziger Platz mit der „Mall of Berlin“ weiterzieht. Moderne Vergänglichkeit.

Auf dem Heimweg kurve ich durch den Tiergarten und lasse mich vom Beethoven-Haydn-Mozart-Denkmal einfangen, das wunderbar im Licht der tief stehenden Sonne funkelt.

Mozart und Beethoven – auf der Rückseite steht Haydn

Mit den Klängen der Musik der großen Meister im Kopf fahre ich gut gelaunt nach Hause.

Diese Stadt hat einfach alles: Alte Geschichte, neuen Protz, alten Protz, Schönes, Hässliches, und auch Zukunft weisendes. Berlin eben.

Berlin – Anblicke und Einblicke

Zu langen Strecken bin ich noch nicht aufgelegt an diesen nasskalten Tagen mit wenig Licht. Aber raus muss ich. Stubenhocken ist nicht mein Ding. Lieber rolle ich ein paar Kilometer am Rand der großen Stadt oder auch hinein in den wuseligen Kern. Es gibt immer etwas Neues zu entdecken oder auch Bekanntes aus neuer Perspektive zu betrachten.

2. Februar

Der Himmel ist grau, zwei Grad plus zeigt das Thermometer, wetteronline verspricht Auflockerungen und etwas Sonne am Nachmittag. Einzelne Schauer sind möglich. So wähle ich meine bewährte Gore-Winterjacke, eine gut wärmende lange Hose und die wasserdichten Mavic-Schuhe. Merino-Unterwäsche sorgt für wohliges Gefühl. Heute ist mein Basso Crosser mit Schutzblechen das Rad der Wahl. Der frische Nordwest schiebt mich sanft über Berlin-Buch in die Barnimer Feldflur. In Berlin-Marzahn, am Rande des Westparks blüht eine mächtige Blume. Sie blüht das ganze Jahr über. Sie ist aus Stein und mit buntem Mosaik bedeckt. Das Künstlerehepaar Christine Gersch und Igor Jerschov haben das 2,50 m hohe, „Echinacea“ genannte Sitzobjekt 2005 hier aufgestellt.

Echinacea von Gersch und Jerschov

Marzahn und die Plattensiedlungen Wartenberg und Lindenberg waren Vorzeigeprojekte des Sozialistischen Wohnungsbaus, ähnlich wie auf der Westseite das Märkische Viertel mit seinen Wohnklötzen. Nach Osten arbeite ich mich Kilometer um Kilometer aus der Stadt heraus. Als ich ein Schild mit dem Hinweis auf Dahlwitz-Hoppegarten lese, bekomme ich Lust, mir die berühmte Pferderennbahn anzusehen. 45 Minuten später erreiche ich den Rand des riesigen Geländes. Zäune, geschlossene Tore, wo ist denn hier ein Eingang? Es fängt an zu regnen als ich ein offen stehendes Türchen entdecke. Ich schlüpfe samt Basso hindurch und staune über leere Pavillons und die riesigen Tribünengebäude. Kein Mensch ist hier zu sehen, geschweige denn ein Pferd. Als der Regen richtig loslegt, kann ich mich unterstellen und das gesamte Ensemble auf mich wirken lassen.

Trostlos, verlassen und angegammelt, so sehen Gelände und Gebäude aus. Ich hatte erwartet, eine gepflegte, eher herrschaftliche Anlage vorzufinden. Weit gefehlt.

Als im Jahre 2008 ein Investor die Liegenschaften vom öffentlichen Träger übernommen hatte, sollte es wieder aufwärts gehen mit den Pferderennen. Es ging – aber eben etwas langsamer als sich Investor und wahrscheinlich auch die Gemeinde Dahlwitz-Hoppegarten gewünscht hatten. In den Zeiten, als die Rennbahn ein VEB-Betrieb war, strömten regelmäßig 40000 Gäste auf Tribünen und Anlage. Heute gilt es als Erfolg, wenn 4000 Gäste gezählt werden.

Ich erlebe an diesem Tag die altehrwürdige Rennbahn im Winterschlaf. An den Tribünengebäuden blättert der Putz ab, Geländer und Fenstergitter rosten vor sich hin, Die Holzbuden brauchen dringend einen neuen Anstrich.

Ostersonntag ist Saisoneröffnung. Dann rennen hier die schnellen Pferde und die Damen mit den großen Hüten zeigen sich auf den Tribünen. In der Holzbude werden dann Polnische Schaschlik angeboten. Bis dahin gibt es noch einen Menge zu tun.

Der Regen ist abgezogen, mein Basso möchte endlich wieder rollen. Nach Berlin zurück. Der Himmel ist tiefblau, die Sonne zeigt ihre wärmende Kraft.

Langsam aber stetig arbeite ich mich von Osten her in die Stadt hinein. Mittlerweile gibt es wesentlich mehr vernünftige Radstreifen auf den breiten Straßen als noch vor fünf Jahren. Es hat sich etwas getan. Auf dem Hackeschen Markt werden die Stühle rausgestellt. Ein Pianoplayer spielt auf der noch regennassen Friedrichsbrücke. Ich genieße die friedliche Stimmung. Dann steige ich ab und schiebe mein Basso kreuz und quer durch die Kolonnaden vor der Nationalgalerie, entdecke eine Gruppe junger Frauen, die offensichtlich – als Engel verkleidet, eine Performance proben. Fotografieren lehnen sie ab. Ich kann es verstehen. Dafür kann ich die Linse meiner Olympus Tough auf die historischen Gebäude richten. Das Licht ist herrlich, die Schattenrisse der Skulpturen wunderbar.

Vor der Humboldt-Uni liegen alte Zeitungen und Bücher aus. „Papierflohmarkt“. Ich staune über die Schlagzeilen der 60er.

Das Brandenburger Tor ist offensichtlich völlig unbeeindruckt von dem heftigen Crash eines rasenden Mercedes-Fahrers, der vor ein paar Tagen seine Fahrt an einer Säule ruckartig und tödlich beendete.

Reichstag und Paul-Löbe-Haus präsentieren sich im Postkartenlicht. Ich fotografiere „Das Auge des Kanzlers“, wie der Berliner die kreisrunden Öffnungen gerne nennt. Zu Zeiten der Kanzlerschaft von Helmut Kohl wurde der riesige Gebäudekomplex entworfen und gebaut. Gerhard Schröder zog dort ein, Angela Merkel regierte sagenhafte 16 Jahre lang von hier aus. Weiter am Seeufer entlang passiere ich das Schloss Bellevue, die Institute der TU Berlin, dann erreiche ich den „Siemenssteg“ , eine Fußgängerbrücke aus dem Jahre 1900, die hinüber führt zum Kraftwerk Charlottenburg. Werner von Siemens soll hier in der Nähe seine Villa bewohnt haben.

Siemens-Steg – wieder einmal in Renovierung

Ab hier wird die Stadt wieder ruhiger, die Spree biegt am Schloss Charlottenburg vorbei nach Norden ab. Ich erreiche den Berlin-Spandauer Schiffahrtskanal und rolle auf dem Radweg am Ufer bis zur Tegeler Brücke, wo ich über die Bernauer Straße durch den Forst der Jungfernheide kurbele. Ruhig ist es hier, nebendran schläft der ehemalige Flughafen Tegel. Die meistens niedrig über die Straße anfliegenden Jets vermisse ich geradezu. Es ist dämmrig geworden, und so schalte ich meine Festbeleuchtung ein. Zwei Rücklichter und die alte Sigma Sport vorne.

Die Runde hat bei mir die Lust auf weitere Erkundungsfahrten geweckt. Es gibt noch so viel zu entdecken in dieser schönen, vielfältigen, widersprüchlichen, immer im Umbruch befindlichen Stadt. Berlin ist immer Baustelle, wird niemals fertig. Trotzdem oder gerade deswegen bin ich hier so gerne unterwegs.

Bis zur nächsten Runde.

Eine alte Eiche, viel Landschaft und ein Energiedorf

Nach einer ruhigen und erholsamen Nacht genieße ich das Frühstück im Hotel am See. Auf dem Badesteg sitzen die Enten und wärmen sich in der Morgensonne. Als ich die Tür zum Hantel-und Fahrradschuppen öffne, lacht mir mein Granfondo schon erwartungsvoll entgegen. Besser kann Tag zwei meiner Tour nicht beginnen. Den Track habe ich von Löcknitz aus in Richtung Ueckermünde gelegt, einen kleinen Umweg muss ich aber unbedingt machen, denn ich habe schon am Abend beim Spaziergang ein Hinweisschild auf eine 1000-jährige Eiche entdeckt. Und nachdem ich in den vergangenen Jahren bereits die meisten alten Bäume der Region gesucht und auch gefunden habe, kommt mir dieser Zufallsfund gerade recht. Der Weg führt mich am See entlang nach Osten. Fünf Minuten später steht der Baumriese vor mir.

Der Stamm ragt hoch auf, bevor die Krone in die Breite geht. Nur ein einziger, mächtiger Ast streckt sich wie ein Teil eines riesigen Kandelabers zur Seite und dann nach oben. Ursprünglich hatte die Eiche offensichtlich eine ganze Reihe von dicken, früh zur Seite auskragenden Ästen. Die wurden aber bei einer oder mehreren Sanierungen wegoperiert, vielleicht aber vorher schon bei Sturm oder Gewitter herausgebrochen. Die Öffnungen im Stamm wurden mit Lochblechen verschlossen. Seltsam anzuschauen und nicht besonders gelungen oder gar schön zu nennen. Auf einer in einem Findling eingelassenen Infotafel lese ich die Geschichte des Baumes samt zugehörigem Gedicht.

Im Jahre 1127 soll Irmtrud, die den Burgvogt Conrad de Lokenitz besuchen wollte , vom Tempelpriester Sweno gefangen genommen worden sein. Gegen ein saftiges Lösegeld, das Conrad an Sweno zahlte, wurde sie freigelassen und pflanzte dann aus Dankbarkeit eine Eiche, so geht die Sage. Die Irmtrudeiche wäre nach meiner Rechnung heute 895 Jahre alt. Wenn da nicht ein paar Fakten im Wege stünden: Der Baum hat heute einen Umfang „in Brusthöhe“ von 6,80 m. Das Alter einer Eiche mit normaler Wuchsgeschwindigkeit wird geschätzt, indem man den Umfang mit 0,8 multipliziert. Ergibt ein ungefähres Alter dieses Baumes von um die 500 Jahre. Irmtrud wird also bestenfalls den Ahnbaum des heutigen gepflanzt haben, und wenn in der Sage ein wahrer Kern vorhanden ist, mag die 1000-jährige Eiche von Löcknitz vielleicht in der Zeit des 30-jährigen Krieges aus einer Frucht der ursprünglichen Irmtrudeiche gewachsen sein. So, wie ein 8-jähriger Sprössling von Irmtruds Eiche im Jahr 2000 umgepflanzt wurde und nun am Parkplatz des Seehotels wächst und gedeiht.

Nach soviel Eichengeschichte und -Geschichten mache ich mich endlich auf den Weg hin zum Stettiner Haff.

Den herrlichen Rindern auf der Weide bei Rothenklempenow sind meine Mutmaßungen zur Eiche vermutlich vollkommen egal. Jedenfalls strecken sie mir mehrheitlich ihr Hinterteil entgegen.

An der Grenze von Brandenburg zu Mecklenburg-Vorpommern, eigentlich hier zu Pommern, sind die Rinder gegenüber den Menschen, die ich zu Gesicht bekomme, in der Überzahl. Von Westen her schiebt sich eine Regenfront ganz langsam zu mir herüber. Die ersten Tropfen fallen, der optimistische Wetterbericht wird Lügen gestraft. Ich suche Schutz unter dem Vordach des Gemeindehauses von Glashütte. Auch hier ist keine Menschenseele zu erspähen. Nur auf der Straße gischtet ein LKW vorbei.

Ein Maulwurf hat hier ganze Arbeit geleistet und Hügel um Hügel aufgeworfen. Warum läuft das Tier nicht einfach auf der Wiese, sinniere ich… Und das Fachwerkhaus im nächsten Dorf steht am Ende, ist aber nicht am Ende, sondern in einem sehr ordentlichen Zustand. Der Regen lässt nach, meine Gedanken werden auf die vor der abziehenden Regenwand herrlich erleuchteten Bäume gelenkt.

Balsam für die Seele. Dann an einer langen Mauer an der Straße aufgesprüht die Parole: „Arbeitsplätze statt Asylanten“. Von wem fühlen sich die Menschen bei einem Ausländeranteil von 4% bedroht? Wie bemerkte doch schon der von mir so verehrte Alexander von Humboldt: „Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung derer, die die Welt nie angeschaut haben“.

In der Gegend von Eggesin fahre ich kilometerweit an Hinweisschildern „Militärischer Sicherheitsbereich“ vorbei. Alte Kasernen, neue Kasernen. Ein ältlicher Bundeswehrbulli kommt mir entgegen. Ich hoffe sehr, dass die Ausrüstung der Soldaten, die hier Dienst tuen, neueren Datums ist. Über Eggesin und den Nachbarort Torgelow lese ich seitenweise über deren Militärhistorie. Ganz wenig ist geblieben, nur um die 1000 Soldaten sind noch stationiert . Riesige Kasernenblocks stehen zum Verkauf und gammeln vor sich hin. Die Einwohnerzahlen von Eggesin und Torgelow haben sich seit der Wende nahezu halbiert. Angesichts dieser Entwicklung ist es schon erstaunlich, in welch gutem Zustand sich die Infrastruktur zeigt. Eine Eisengießerei, die vor kurzem dem Besitzer gewechselt hat, ist mit 300 Mitarbeitern der größte Arbeitgeber der Stadt.

Ich rolle weiter südwärts in Richtung Pasewalk. Schon von Weitem macht sich das riesige Getreidesilo am Horizont breit. 64 Betonröhren konnten 80000 t Getreide speichern. 1975 von einem VEB erbaut, gab die Anlage 200 Menschen Arbeit, heute werden zur Erhaltung noch ganze drei Personen benötigt. Fortschritt?

Neben dem ausgedienten Riesensilo steht noch die Großkantine des ehemaligen VEB-Betriebes, der 2021 Drehort für den launigen Film  „McLenBurger – 100 % Heimat” war. Als ich hier vorbeifuhr, wusste ich davon nichts, und die wunderbaren Burger, die von Steffi Kühnert und Martin Brambach gebraten wurden, sind leider nur Fiktion.

In Pasewalk walken nur wenige Menschen durch die Stadt, auf dem Marktplatz werden gerade Stände aufgebaut, eine Dönerbude hat geschlossen, die andere in einem Untergeschoss stößt mich mehr ab als sie mich anzieht. Also schiebe ich mir ersatzweise einen Eiweißriegel zwischen die Zähne und verlasse den Ort südwärts. Auf den Grundmöränenhügeln bei Pritzwalk stehen die neuen Wahrzeichen der Region, die Windkraftanlagen.

Nicht jedem gefällt die Verspargelung der Landschaft mit immer höher werdenden Propellertürmen. 240 Meter hoch sind die neuesten Anlagen, die hier Strom erzeugen. Dann entdecke ich im 100-Seelen-Örtchen Nechlin ein Stück Windkraftzukunft: Einen Windwärmespeicher, in dem überschüssige Energie aus Windkraftspitzen dazu genutzt wird, 1000 Kubikmeter Wasser zu erwärmen und damit per Wärmenetz die Häuser des Dorfes heizt. Überhaupt ist in diesem Dorf die Energiewende greifbar umgesetzt. Solaranlagen und Wärmespeicher stellen ganzjährig den Energiebedarf von Nechlin zu geringen Preisen ökologisch vorbildlich sicher.

Ein erstaunliches Beispiel für das, was schon heute machbar ist. Warum gibt es das nur in einem Örtchen in der Uckermark, das kaum jemand kennt? Machbar ist offensichtlich schon heute viel mehr als derzeit realisiert wird.

Nachdenklich rolle ich weiter, arbeite mich Hügel um Hügel weiter nach Boitzenburg und dann nach Templin. Für einen kalten Knacker in der Bahnhofskneipe reicht die Zeit gerade noch, dann fährt der Zug ab, der mich nach Oranienburg bringt. Dann noch mal 20 km per Rad bis unter die heimische Dusche. Dann gönne ich mir ein großes Glas Rotwein und lasse 170 Tageskilometer durch eine herrliche Herbstlandschaft Revue passieren.