Voriges Jahr war ich mit Peter an Kocher und Jagst unterwegs. Vier Tage lang kurvten wir an den Flüssen entlang und genossen abends leckeres Essen, Bier und Wein. Als wir uns in Aalen verabschiedeten, er nach Regensburg und ich nach Berlin zurückfuhren, hatten wir schon eine Tour für den Folgesommer im Kopf. Irgendwann im Frühjahr machte ich den Vorschlag, doch den Main abwärts zu erkunden. Nahrung für Körper und Geist. Auf den Spuren der fränkischen Bierbrauer und Winzer, der Historie von Dörfern und Städten.
Am 14. August radle ich zum S-Bahnhof in Berlin-Frohnau und bin gespannt, was die Deutsche Bahn heute für mich an Überraschungen bereit hält auf der Etappe nach Bamberg. 7 h 37 min. , fünf Umstiege. Ein Arbeitstag in der Bahn erwartet mich. Was soll ich sagen, es tritt ein, was selten eintritt: Die Züge fahren pünktlich! Mein Granfondo samt Gepäck bekommt immer einen ordentlichen Platz. So rolle ich gegen 17 Uhr gut gelaunt vom Bahnsteig des kleinen Ortes Küps und suche den Einstieg auf den Radweg an der Rodach entlang, Kurs Michelau, wo ich im Hotel Spitzenpfeil ein Zimmer gebucht habe. Redwitz, Zettlitz, Schwürbitz, dann nach 18 Kilometern endlich der Zielort. Ich überrede den Gastwirt an der Rezeption, dass ich mein Titanrad doch besser auf mein Zimmer mitnehme. Eine leichte Übung, denn ich muss nur um die nächste Hausecke mit eigenem Eingang. Duschen, umziehen und raus ins Getümmel. Besser gesagt, in den fast menschenleeren Ort. Nach einer halben Stunde Ortserkundung bin ich einigermaßen gefrustet. Kein offener Gasthof, kein Laden, einfach nüscht! Nur ein Korbflechtermuseum, ein Tattoostudio…





Und dann doch die Erlösung: In einem Hinterhof sehe ich an langen Tischen Menschen reden, essen, trinken, lachen. Schon habe ich einen Platz gefunden und werde von einer netten, wild tätowierten Dame nach meinen Essenswünschen gefragt. 20 Minuten später duftet vor mir ein Bolognaiseschnitzel mit Pommes, dazu ein Leikeimer Bier. Ein halber Liter für drei Euro. Das gibt es noch! Und wunderbar schmecken tut es auch. Satt und zufrieden liege ich um 23 Uhr im Bett. Die Hitze will nicht weichen, und abdunkeln lässt sich das Zimmer auch nicht. Irgendwann schlummere ich ein.
Der Wirt, der mir am Abend zuvor die Zimmerschlüssel überreicht hat, bereitet auch die Frühstückstafel. Viel geschlafen hat der fleißige Mann ganz sicher nicht. Personalnot oder Sparsamkeit. Oder vielleicht beides. Um 9 Uhr schiebe ich mein Granfondo auf den Hof und rolle gen Bamberg los. Gegen Mittag sollte Peter am Bahnhof eintreffen. Lichtenfels ist der erste Ort mit Fotomotiven. Wieder einmal Flechtwerk, aber auch moderne Kunst. Vor der Kirche, aus der am Tag von Mariä Himmelfahrt Chorgesang schallt, sind riesige Körbe aufgereiht. Dann stehe ich staunend vor einer Skulptur und dem „Archiv der Zukunft“ der Stadt Lichtenfels. 25 Tonnen Stahl sind zu einer „Weidenplastik“ verarbeitet, zur Darstellung des Baumes, aus dem die Körbe und Geflechte gewonnen wurden und werden.


Vierzehnheiligen, Staffelstein – ich kurbele an der fränkischen Historie vorbei. Am Radweg entdecke ich ein seltenes Bierflaschen-Schuhkunstwerk.

Mein Zeitplan, Peter um die Mittagszeit am Bahnhof Bamberg in Empfang zu nehmen, beginnt zu wackeln, als ich versuche, die gesperrte Brücke in Scheßlitz zu umkurven. Wenige Hinweise auf den Verlauf des Mainradweges! Auch andere Radler sind suchend unterwegs. Ich mache einen Umweg von mindestens 10 Kilometern, bis ich wieder auf Kurs Bamberg bin. Sauerei! Am Ende aber überhaupt kein Problem, weil auch Peter nicht zur vereinbarten Zeit in Bamberg einrollen kann. Ich habe alle Zeit der Welt, um den Bahnhof und das Verpflegungsangebot kennenzulernen und zu testen. Gegen 13 Uhr rollt endlich der Zug aus Regensburg ein, und ich kann Peter in Empfang nehmen.



Peter ist im Nebenerwerb auch Reiseführer. So zeigt er mir als Startschmankerl erst einmal ein paar Sehenswürdigkeiten der historischen Stadt Bamberg. Ein leckeres Bier unter schattenspendenden Platanen schlürfen wir zur Vorbereitung auf unsere erste gemeinsame Etappe auf dem Mainradweg. Guter Start!




Das Granfondo vor dem Alten Rathaus in Bamberg
Reden, schauen, kurven … heute nachmittag werden wir keine Rekordetappe fahren! 40 Kilometer stehen ab Bamberg auf dem Zähler. Bei mir sind es von Michelau aus 85. In Zeil finden wir das Hotel Kolb, wo wir sehr freundlich empfangen werden. Peter und ich haben eine Menge zu bereden, schließlich haben wir uns seit über einem Jahr nicht gesehen. Gutes Essen, leckeres Bier, nette Wirtsleut … was will man mehr!

Es ist halb drei, als wir schließlich am Main entlang in Richtung Zeil rollen. Gemütliche, beschauliche 40 Kilometer werden es heute noch, bis wir im Hotel Kolb einchecken.
Am nächsten Morgen müssen wir unsere „Biobikes“ zunächst einmal hinter den davor geparkten, klotzschweren Elektrobikes hervorholen. Dann starten wir in einen herrlichen Blauhimmeltag. In Hassfurt folge ich den kombinierten Radweg-/ Flugplatzschildern. Irgendwie magisch zieht mich wieder, wie zu meiner Hobbypilotenzeit, eine Startbahn an. Es begrüßt uns ein Starfighter aus den 70ern, eine F 104 G. Ein Oldie, der hier als Blickfang auf dem Vorfeld steht. Die Luftwaffe hatte in der Zeit des Kalten Krieges insgesamt 916 F 104 beschafft und im Einsatz. In dieser Zeit machte sich der Mach-2-Jäger als Witwenmacher einen traurigen Namen. 300 von ihnen gingen durch Unfälle verloren, 269 davon stürzten ab, 108 Piloten kamen ums Leben. Eine unfassbare Serie in den Jahren von 1960 bis 1990.

Auf dem Flugplatz erwacht langsam der Betrieb. Eine Absetzmaschine startet mit Fallschirmspringern, die wir allerdings nicht beim Sprung zu sehen bekommen. Wir reißen uns schließlich los und kurven wieder auf den Radweg ein. Der Main macht bei Schweinfurt einen Bogen nach Süden. Die beiden mächtigen Kühltürme des stillgelegten Atomkraftwerks Grafenrheinfeld kommen in Sicht. Wir entdecken erste Sperrungen von Straßen, die hin zum Atommeiler führen. Auf den kleinen Rastplätzen stehen untypisch viele Autos. Fotostative werden in Stellung gebracht, Ferngläser ausgepackt. Was ist hier nur los, fragen wir uns und dann schließlich Google. Aha: Die Menschen warten gespannt auf die Sprengung der beiden Kühltürme, die für etwa 19 Uhr geplant ist. Wir haben gerade Mittagszeit, und wir wollen noch mindestens vier Stunden Strecke machen. Außerdem schauen wir lieber auf altes Fachwerk als auf zusammenstürzenden Beton.




In Volkach sind wir in Weinfranken angekommen, nur gut, dass es hier auch alkoholfreies Weizenbier gibt, ein wohlschmeckendes iostonisches Getränk. Bis Kitzingen sind es nur noch 20 Kilometer. Es wird Zeit, eine Bleibe für die Nacht zu suchen. Im „Richthofen-Circle“, einer Kombination aus Reiterhöfen, Hotel und einer Wohnanlage, bekommen wir im Hotel Cavallestro ein herrschaftliches Zimmer – in den Gebäuden der ehemaligen Kasernen, die der deutschen Wehrmacht und dann nach Kriegsende den Amerikanern mehr als sechs Jahrzehnte als Garnisonsstandort diente. Peter sinkt in einen ausladenden Sessel, in dem vielleicht schon mal die Offiziere Whiskey und Guinness getrunken haben.


Im Biergarten mit Burger-Restaurant werden wir bestens vom Portugiesen Thiago bedient und unterhalten. Wir sind heute die letzten Gäste.
Am nächsten Morgen starten wir auf unsere dritte Etappe. Bisher stehen 174 Kilometer auf der Uhr. Heute sollen knapp 100 Kilometer dazukommen. Der Mainradweg ist ja eher ein Genusstrack als eine sportliche Herausforderung. Bis Ochsenfurt strömt der Main nach Süden, um dann wieder nach Nordwesten, in Richtung Würzburg zu fließen. Vor dem Goldenen Rosshof des schönen Fachwerkstädtchens greift Peter spontan zum Hörer des dort stehenden Telekom-Rufturmes. Wahrhaft ein Zeichen der neuen, digitalen Zeit. Oder ist es doch nur ein Relikt der vergangenen Jahrzehnte?!



Nach einer Pause mit Kauzen-Weissbier, natürlich alkoholfrei, sind wir kaum richtig in Schwung, da werden wir schon wieder von Kultur- und Genussangeboten gebremst: In Würzburg müssen wir unbedingt einen „Brückenschoppen“ zu uns nehmen.




Peter meint, wir sollten uns erst einmal mit einem Frankenwein stärken. Die Vernunft sorgt dafür, dass wir uns mit einem Achtel begnügen. Dazu noch ein Glas Mineralwasser. Die Urlauber flanieren durch die Altstadt und machen in den Andenkenläden Umsatz. Wir setzen uns wieder auf die Räder und sind im Nu im Himmel, Pardon, in Himmelstadt.

Nach dem Würzburger Brückenschoppen brauchen wir ein paar Kilometer, um wieder ins Rollen zu kommen. Peter will unbedingt ein paar Seitenbacher Proteinriegel und ein Röhrchen ISO-Tabletten kaufen. Nur, hier einen DM-Laden zu finden ist nicht so leicht. Endlich, in Karlstadt, werden wir fündig und können uns versorgen. Es ist 16.30 Uhr, als wir wieder auf Kurs gehen. In Lohr habe ich das Hotel „Bike-Lodge Spessart“ gefunden. Vielversprechend! Aber noch mindestens 30 Kilometer bis dorthin. Bei Gemünden und Langenprozelten rücken die Berghänge immer näher heran an den Main. Die lieblichen Weinberge haben wir hinter uns gelassen. Und der Radweg ist von mäßiger Qualität, zumindest der auf der rechten Mainseite. Unsere Kommunikation wird immer spärlicher, Peter kommt langsam an seine Grenzen. Er hat allerdings auf seinem alten „Göpel“, wie er sein 26″-MTB aus den 90ern nennt, auch wesentlich mehr Tretarbeit zu leisten als ich auf meinem Titan-Granfondo. Also bin ich einfach mal ruhig. Fast 100 Kilometer haben wir geschafft, als die Holzhäuser der Bike-Lodge zu sehen sind, allerdings auf der anderen Mainseite. Also müssen wir noch bis Lohr treten, dann über die Brücke und zurück nach Steinbach. Peter hat schlechte Laune ob des Umweges.


Als wir auf dem Innenhof der Bike-Lodge ankommen, verfliegt die mäßige Laune schnell. Nette Menschen, eine wunderbar gestaltete Anlage im Holzbau. Leckeres Bier und das richtige Futter, um die Kohlenhydratspeicher wieder zu füllen. Christoph von Hutten und seine Frau Eli haben hier, ganz nahe dem Familiensitz Schloß Steinbach, die Bike Lodge Spessart aus dem Holz der eigenen Lärchenwälder gebaut. Respekt! Hier können sich Radler, Wanderer, Touristen wohlfühlen.

Am nächsten Morgen starten wir gut gelaunt auf Etappe Nr. 4 nach Wertheim und Miltenberg. Der Main macht jetzt wieder einen großen Bogen nach Süden. Es hat geregnet in der Nacht, und es soll auch tagsüber nass werden. Zumindest werden wir an diesem Tage auf unsere Sonnenschutzcreme verzichten können. Auf den Kilometern nach Wertheim über Marktheidenfeld und Triefenstein können wir allerlei Historisches, aber auch Skurriles entdecken.






Am Main aufgereihte Markt- und Imbissstände. Präsentationen des örtlichen Handwerks, alles in bunter Reihenfolge. Dann stehe ich vor vergammelten Garagen, davor ein vergammeltes Wohnmobil mir den Aufschriften und Lehrsprüchen einer alternativen Szene. Das hätte ich bis jetzt eher in Berlin-Neukölln verortet, weniger am beschaulichen Main.

Die Stadtoberen sind stolz auf ihre Unternehmen und Unternehmer. Den Titel „Stadt der Weltmarktführer“ dürfen sie auf offiziellen Schildern aber nicht verwenden. Ist auch etwas zwiespältig: Denn Wertheim hat zwar pro Einwohner gerechnet die meisten Weltmarktführer. Das ist aber dann im Vergleich zu Stuttgart, Berlin, München und Hamburg doch wieder wenig. Denn Wertheim zählt ganze 24000 Einwohner. Wie auch immer: Stolz sind sie hier im Ländle der Tüftler und Erfinder. Mögen ihnen auch zukünftig nie die Ideen ausgehen.



Wertheim
In Freudenberg erreicht uns endlich das von Wetteronline versprochene Regengebiet. Rechtzeitig können wir uns unter der Mainbrücke unterstellen und kommen mit einer Gruppe holländischer Radler ins Gespräch, die auf dem Weg nach Wien sind. Sie stecken uns mit ihrer guten Laune an. Eine halbe Stunde später lässt der Regen nach, wir ziehen unsere Regensachen über und kurbeln hinein ins Nass.



Endlich kühlendes Wasser von oben.
Eine Mainkurve noch, und schon rollen wir in Miltenberg ein, wo wir im Hotel Zipf freundlich empfangen werden. Unsere Räder dürfen wir in der Weinbar abstellen. Höchst sicher und komfortabel.
Wir ziehen uns um und machen eine erste kleine Stadtrunde. Hier ein paar Impressionen aus Miltenberg: Viel Historie, viel sorgfältige Restaurierung, Altes und Neues. Angestaubtes und Frisches. Tattoo-Studios neben einer Parfümerie mit 4711-Kölnischwasser. Alte und neue Hüte.











Im Gasthof essen wir erstklassig und genießen den Hauswein. Danach starten wir zur kleinen Erkundung der historischen Altstadt. Es lohnt sich!


Unser Frühstück können wir im Café gegenüber einnehmen.



Heute rollen wir auf unsere letzte gemeinsame Kurzetappe nach Aschaffenburg. Peter wird wieder in Regensburg gebraucht.


Wir wundern uns über diverse Radwegsperrungen – Einheimische sehen das so locker wie wir: Wir fahren einfach weiter. Ein kleiner Bagger baggert ein kleines Loch. Wir schieben 10 Meter, und schon ist wieder der Weg frei. Deutsche Vorschriften für Baustellen und Wegeführung können schon mal leicht irritierend sein.
In Aschaffenburg gibt es für Peter ein 29-Euro-Bayern-Ticket, mit dem er bis zum nächsten Morgen per Bahn durch den Freistaat fahren kann. Diverse Zugausfälle sorgen dafür, dass er das Ticket voll auskosten kann und dann erst spät sein Ziel erreicht. Was soll´s, sagt er, die Beleuchtung will ja auch mal getestet werden.
Ich darf noch einen Tag dranhängen und fahre von Aschaffenburg bis Hanau, dann per Bahn bis Marburg, wo ich im Haus Sonneck, das von Diakonissen geführt wird, ein kleines Zimmer bekomme. Mein Granfondo darf mit und findet eine Bleibe im Bad, wo ich dafür sorge, dass alles so sauber bleibt, wie ich es angetroffen habe.



Am nächsten Morgen gönne ich mir noch eine kleine Tour an der Ohm entlang bis zum Bahnhof Stadtallendorf und steige in die Bahn, die mich mit Umstiegen in Kassel und Dessau, nur einem Zugausfall mit Verspätung wieder nach Berlin bringt. Um 21 Uhr bin ich wieder zu Hause und resümiere die Maintour bei einem kühlen Glas Weißwein.
Schön war es. Schön, mit einem alten Freund zu radeln, gemeinsam zu schauen, zu erleben, zu reden. Danke, lieber Peter, es war mir ein Genuss.
P.S:. Die Hotels, in denen wir übernachtet haben, könnt ihr anklicken zur Info.
Eine Karte mit unserem Track habe ich nicht eingefügt, weil es sehr leicht ist, dem Mainradweg zu folgen. Unter dem Link gibt es umfangreiche Infos und GPS-Tracks zum Runterladen.
Für Genussradler ist der Main ein herrliches Ziel. Einfach MACHEN!


























































In Annaburg kommt dann die nächste Überraschung: Raketen, Panzer, Kriegsgerät – alles käuflich zu erwerben bei SFOR. Mich schüttelt es. Ein kleiner Schützenpanzer für den Vorgarten vielleicht? „S.F.O.R. will dabei helfen, Träume zu verwirklichen.“, schreibt der Anbieter auf seiner Homepage. Alpträume bekomme ich, wenn ich das lese!






























































































































Essen bei Röhrl mit dem gleichnamigen Bier. Eine Riesenportion Semmelknödel mit Pfifferlingen, die in einer sämigen Sauce schwimmen. Köstlich. Dann später launige Gespräche in einer Bar, die nach Berliner Maßstäben schon bevor der eigentliche Abend beginnt, gegen 22.30 Uhr den Ausschank schließt. Da musste eben schneller trinken, meint Peter. Wir kommen auf diese Weise wieder zeitig in die Betten und sind fit für die kleinen 55 Schlusskilometer am letzten Tag nach Regensburg.








