Zwei Oldies unterwegs am Main

Voriges Jahr war ich mit Peter an Kocher und Jagst unterwegs. Vier Tage lang kurvten wir an den Flüssen entlang und genossen abends leckeres Essen, Bier und Wein. Als wir uns in Aalen verabschiedeten, er nach Regensburg und ich nach Berlin zurückfuhren, hatten wir schon eine Tour für den Folgesommer im Kopf. Irgendwann im Frühjahr machte ich den Vorschlag, doch den Main abwärts zu erkunden. Nahrung für Körper und Geist. Auf den Spuren der fränkischen Bierbrauer und Winzer, der Historie von Dörfern und Städten.

Am 14. August radle ich zum S-Bahnhof in Berlin-Frohnau und bin gespannt, was die Deutsche Bahn heute für mich an Überraschungen bereit hält auf der Etappe nach Bamberg. 7 h 37 min. , fünf Umstiege. Ein Arbeitstag in der Bahn erwartet mich. Was soll ich sagen, es tritt ein, was selten eintritt: Die Züge fahren pünktlich! Mein Granfondo samt Gepäck bekommt immer einen ordentlichen Platz. So rolle ich gegen 17 Uhr gut gelaunt vom Bahnsteig des kleinen Ortes Küps und suche den Einstieg auf den Radweg an der Rodach entlang, Kurs Michelau, wo ich im Hotel Spitzenpfeil ein Zimmer gebucht habe. Redwitz, Zettlitz, Schwürbitz, dann nach 18 Kilometern endlich der Zielort. Ich überrede den Gastwirt an der Rezeption, dass ich mein Titanrad doch besser auf mein Zimmer mitnehme. Eine leichte Übung, denn ich muss nur um die nächste Hausecke mit eigenem Eingang. Duschen, umziehen und raus ins Getümmel. Besser gesagt, in den fast menschenleeren Ort. Nach einer halben Stunde Ortserkundung bin ich einigermaßen gefrustet. Kein offener Gasthof, kein Laden, einfach nüscht! Nur ein Korbflechtermuseum, ein Tattoostudio… 

Und dann doch die Erlösung: In einem Hinterhof sehe ich an langen Tischen Menschen reden, essen, trinken, lachen. Schon habe ich einen Platz gefunden und werde von einer netten, wild tätowierten Dame nach meinen Essenswünschen gefragt. 20 Minuten später duftet vor mir ein Bolognaiseschnitzel mit Pommes, dazu ein Leikeimer Bier. Ein halber Liter für drei Euro. Das gibt es noch! Und wunderbar schmecken tut es auch. Satt und zufrieden liege ich um 23 Uhr im Bett. Die Hitze will nicht weichen, und abdunkeln lässt sich das Zimmer auch nicht. Irgendwann schlummere ich ein.

Der Wirt, der mir am Abend zuvor die Zimmerschlüssel überreicht hat, bereitet auch die Frühstückstafel. Viel geschlafen hat der fleißige Mann ganz sicher nicht. Personalnot oder Sparsamkeit. Oder vielleicht beides. Um 9 Uhr schiebe ich mein Granfondo auf den Hof und rolle gen Bamberg los. Gegen Mittag sollte Peter am Bahnhof eintreffen. Lichtenfels ist der erste Ort mit Fotomotiven. Wieder einmal Flechtwerk, aber auch moderne Kunst. Vor der Kirche, aus der am Tag von Mariä Himmelfahrt Chorgesang schallt, sind riesige Körbe aufgereiht. Dann stehe ich staunend vor einer Skulptur und dem „Archiv der Zukunft“ der Stadt Lichtenfels. 25 Tonnen Stahl sind zu einer „Weidenplastik“ verarbeitet, zur Darstellung des Baumes, aus dem die Körbe und Geflechte gewonnen wurden und werden.

Vierzehnheiligen, Staffelstein – ich kurbele an der fränkischen Historie vorbei. Am Radweg entdecke ich ein seltenes Bierflaschen-Schuhkunstwerk.

Flasche mit Schuh – Künstler unbekannt

Mein Zeitplan, Peter um die Mittagszeit am Bahnhof Bamberg in Empfang zu nehmen, beginnt zu wackeln, als ich versuche, die gesperrte Brücke in Scheßlitz zu umkurven. Wenige Hinweise auf den Verlauf des Mainradweges! Auch andere Radler sind suchend unterwegs. Ich mache einen Umweg von mindestens 10 Kilometern, bis ich wieder auf Kurs Bamberg bin. Sauerei! Am Ende aber überhaupt kein Problem, weil auch Peter nicht zur vereinbarten Zeit in Bamberg einrollen kann. Ich habe alle Zeit der Welt, um den Bahnhof und das Verpflegungsangebot kennenzulernen und zu testen. Gegen 13 Uhr rollt endlich der Zug aus Regensburg ein, und ich kann Peter in Empfang nehmen.

Peter ist im Nebenerwerb auch Reiseführer. So zeigt er mir als Startschmankerl erst einmal ein paar Sehenswürdigkeiten der historischen Stadt Bamberg. Ein leckeres Bier unter schattenspendenden Platanen schlürfen wir zur Vorbereitung auf unsere erste gemeinsame Etappe auf dem Mainradweg. Guter Start!

Das Granfondo vor dem Alten Rathaus in Bamberg

Reden, schauen, kurven … heute nachmittag werden wir keine Rekordetappe fahren! 40 Kilometer stehen ab Bamberg auf dem Zähler. Bei mir sind es von Michelau aus 85. In Zeil finden wir das Hotel Kolb, wo wir sehr freundlich empfangen werden. Peter und ich haben eine Menge zu bereden, schließlich haben wir uns seit über einem Jahr nicht gesehen. Gutes Essen, leckeres Bier, nette Wirtsleut … was will man mehr!

Marktplatz Zeil im Abendlicht

Es ist halb drei, als wir schließlich am Main entlang in Richtung Zeil rollen. Gemütliche, beschauliche 40 Kilometer werden es heute noch, bis wir im Hotel Kolb einchecken.

Am nächsten Morgen müssen wir unsere „Biobikes“ zunächst einmal hinter den davor geparkten, klotzschweren Elektrobikes hervorholen. Dann starten wir in einen herrlichen Blauhimmeltag. In Hassfurt folge ich den kombinierten Radweg-/ Flugplatzschildern. Irgendwie magisch zieht mich wieder, wie zu meiner Hobbypilotenzeit, eine Startbahn an. Es begrüßt uns ein Starfighter aus den 70ern, eine F 104 G. Ein Oldie, der hier als Blickfang auf dem Vorfeld steht. Die Luftwaffe hatte in der Zeit des Kalten Krieges insgesamt 916 F 104 beschafft und im Einsatz. In dieser Zeit machte sich der Mach-2-Jäger als Witwenmacher einen traurigen Namen. 300 von ihnen gingen durch Unfälle verloren, 269 davon stürzten ab, 108 Piloten kamen ums Leben. Eine unfassbare Serie in den Jahren von 1960 bis 1990.

Auf dem Flugplatz erwacht langsam der Betrieb. Eine Absetzmaschine startet mit Fallschirmspringern, die wir allerdings nicht beim Sprung zu sehen bekommen. Wir reißen uns schließlich los und kurven wieder auf den Radweg ein. Der Main macht bei Schweinfurt einen Bogen nach Süden. Die beiden mächtigen Kühltürme des stillgelegten Atomkraftwerks Grafenrheinfeld kommen in Sicht. Wir entdecken erste Sperrungen von Straßen, die hin zum Atommeiler führen. Auf den kleinen Rastplätzen stehen untypisch viele Autos. Fotostative werden in Stellung gebracht, Ferngläser ausgepackt. Was ist hier nur los, fragen wir uns und dann schließlich Google. Aha: Die Menschen warten gespannt auf die Sprengung der beiden Kühltürme, die für etwa 19 Uhr geplant ist. Wir haben gerade Mittagszeit, und wir wollen noch mindestens vier Stunden Strecke machen. Außerdem schauen wir lieber auf altes Fachwerk als auf zusammenstürzenden Beton.

In Volkach sind wir in Weinfranken angekommen, nur gut, dass es hier auch alkoholfreies Weizenbier gibt, ein wohlschmeckendes iostonisches Getränk. Bis Kitzingen sind es nur noch 20 Kilometer. Es wird Zeit, eine Bleibe für die Nacht zu suchen. Im „Richthofen-Circle“, einer Kombination aus Reiterhöfen, Hotel und einer Wohnanlage, bekommen wir im Hotel Cavallestro ein herrschaftliches Zimmer – in den Gebäuden der ehemaligen Kasernen, die der deutschen Wehrmacht und dann nach Kriegsende den Amerikanern mehr als sechs Jahrzehnte als Garnisonsstandort diente. Peter sinkt in einen ausladenden Sessel, in dem vielleicht schon mal die Offiziere Whiskey und Guinness getrunken haben.

Im Biergarten mit Burger-Restaurant werden wir bestens vom Portugiesen Thiago bedient und unterhalten. Wir sind heute die letzten Gäste.

Am nächsten Morgen starten wir auf unsere dritte Etappe. Bisher stehen 174 Kilometer auf der Uhr. Heute sollen knapp 100 Kilometer dazukommen. Der Mainradweg ist ja eher ein Genusstrack als eine sportliche Herausforderung. Bis Ochsenfurt strömt der Main nach Süden, um dann wieder nach Nordwesten, in Richtung Würzburg zu fließen. Vor dem Goldenen Rosshof des schönen Fachwerkstädtchens greift Peter spontan zum Hörer des dort stehenden Telekom-Rufturmes. Wahrhaft ein Zeichen der neuen, digitalen Zeit. Oder ist es doch nur ein Relikt der vergangenen Jahrzehnte?!

Nach einer Pause mit Kauzen-Weissbier, natürlich alkoholfrei, sind wir kaum richtig in Schwung, da werden wir schon wieder von Kultur- und Genussangeboten gebremst: In Würzburg müssen wir unbedingt einen „Brückenschoppen“ zu uns nehmen.

Peter meint, wir sollten uns erst einmal mit einem Frankenwein stärken. Die Vernunft sorgt dafür, dass wir uns mit einem Achtel begnügen. Dazu noch ein Glas Mineralwasser. Die Urlauber flanieren durch die Altstadt und machen in den Andenkenläden Umsatz. Wir setzen uns wieder auf die Räder und sind im Nu im Himmel, Pardon, in Himmelstadt.

Nach dem Würzburger Brückenschoppen brauchen wir ein paar Kilometer, um wieder ins Rollen zu kommen. Peter will unbedingt ein paar Seitenbacher Proteinriegel und ein Röhrchen ISO-Tabletten kaufen. Nur, hier einen DM-Laden zu finden ist nicht so leicht. Endlich, in Karlstadt, werden wir fündig und können uns versorgen. Es ist 16.30 Uhr, als wir wieder auf Kurs gehen. In Lohr habe ich das Hotel „Bike-Lodge Spessart“ gefunden. Vielversprechend! Aber noch mindestens 30 Kilometer bis dorthin. Bei Gemünden und Langenprozelten rücken die Berghänge immer näher heran an den Main. Die lieblichen Weinberge haben wir hinter uns gelassen. Und der Radweg ist von mäßiger Qualität, zumindest der auf der rechten Mainseite. Unsere Kommunikation wird immer spärlicher, Peter kommt langsam an seine Grenzen. Er hat allerdings auf seinem alten „Göpel“, wie er sein 26″-MTB aus den 90ern nennt, auch wesentlich mehr Tretarbeit zu leisten als ich auf meinem Titan-Granfondo. Also bin ich einfach mal ruhig. Fast 100 Kilometer haben wir geschafft, als die Holzhäuser der Bike-Lodge zu sehen sind, allerdings auf der anderen Mainseite. Also müssen wir noch bis Lohr treten, dann über die Brücke und zurück nach Steinbach. Peter hat schlechte Laune ob des Umweges.

Als wir auf dem Innenhof der Bike-Lodge ankommen, verfliegt die mäßige Laune schnell. Nette Menschen, eine wunderbar gestaltete Anlage im Holzbau. Leckeres Bier und das richtige Futter, um die Kohlenhydratspeicher wieder zu füllen. Christoph von Hutten und seine Frau Eli haben hier, ganz nahe dem Familiensitz Schloß Steinbach, die Bike Lodge Spessart aus dem Holz der eigenen Lärchenwälder gebaut. Respekt! Hier können sich Radler, Wanderer, Touristen wohlfühlen.

Am nächsten Morgen starten wir gut gelaunt auf Etappe Nr. 4 nach Wertheim und Miltenberg. Der Main macht jetzt wieder einen großen Bogen nach Süden. Es hat geregnet in der Nacht, und es soll auch tagsüber nass werden. Zumindest werden wir an diesem Tage auf unsere Sonnenschutzcreme verzichten können. Auf den Kilometern nach Wertheim über Marktheidenfeld und Triefenstein können wir allerlei Historisches, aber auch Skurriles entdecken.

Am Main aufgereihte Markt- und Imbissstände. Präsentationen des örtlichen Handwerks, alles in bunter Reihenfolge. Dann stehe ich vor vergammelten Garagen, davor ein vergammeltes Wohnmobil mir den Aufschriften und Lehrsprüchen einer alternativen Szene. Das hätte ich bis jetzt eher in Berlin-Neukölln verortet, weniger am beschaulichen Main.

Die Stadtoberen sind stolz auf ihre Unternehmen und Unternehmer. Den Titel „Stadt der Weltmarktführer“ dürfen sie auf offiziellen Schildern aber nicht verwenden. Ist auch etwas zwiespältig: Denn Wertheim hat zwar pro Einwohner gerechnet die meisten Weltmarktführer. Das ist aber dann im Vergleich zu Stuttgart, Berlin, München und Hamburg doch wieder wenig. Denn Wertheim zählt ganze 24000 Einwohner. Wie auch immer: Stolz sind sie hier im Ländle der Tüftler und Erfinder. Mögen ihnen auch zukünftig nie die Ideen ausgehen.

Wertheim

In Freudenberg erreicht uns endlich das von Wetteronline versprochene Regengebiet. Rechtzeitig können wir uns unter der Mainbrücke unterstellen und kommen mit einer Gruppe holländischer Radler ins Gespräch, die auf dem Weg nach Wien sind. Sie stecken uns mit ihrer guten Laune an. Eine halbe Stunde später lässt der Regen nach, wir ziehen unsere Regensachen über und kurbeln hinein ins Nass.

Endlich kühlendes Wasser von oben.

Eine Mainkurve noch, und schon rollen wir in Miltenberg ein, wo wir im Hotel Zipf freundlich empfangen werden. Unsere Räder dürfen wir in der Weinbar abstellen. Höchst sicher und komfortabel.

Wir ziehen uns um und machen eine erste kleine Stadtrunde. Hier ein paar Impressionen aus Miltenberg: Viel Historie, viel sorgfältige Restaurierung, Altes und Neues. Angestaubtes und Frisches. Tattoo-Studios neben einer Parfümerie mit 4711-Kölnischwasser. Alte und neue Hüte.

Im Gasthof essen wir erstklassig und genießen den Hauswein. Danach starten wir zur kleinen Erkundung der historischen Altstadt. Es lohnt sich!

Unser Frühstück können wir im Café gegenüber einnehmen.

Heute rollen wir auf unsere letzte gemeinsame Kurzetappe nach Aschaffenburg. Peter wird wieder in Regensburg gebraucht.

Wir wundern uns über diverse Radwegsperrungen – Einheimische sehen das so locker wie wir: Wir fahren einfach weiter. Ein kleiner Bagger baggert ein kleines Loch. Wir schieben 10 Meter, und schon ist wieder der Weg frei. Deutsche Vorschriften für Baustellen und Wegeführung können schon mal leicht irritierend sein.

In Aschaffenburg gibt es für Peter ein 29-Euro-Bayern-Ticket, mit dem er bis zum nächsten Morgen per Bahn durch den Freistaat fahren kann. Diverse Zugausfälle sorgen dafür, dass er das Ticket voll auskosten kann und dann erst spät sein Ziel erreicht. Was soll´s, sagt er, die Beleuchtung will ja auch mal getestet werden.

Ich darf noch einen Tag dranhängen und fahre von Aschaffenburg bis Hanau, dann per Bahn bis Marburg, wo ich im Haus Sonneck, das von Diakonissen geführt wird, ein kleines Zimmer bekomme. Mein Granfondo darf mit und findet eine Bleibe im Bad, wo ich dafür sorge, dass alles so sauber bleibt, wie ich es angetroffen habe.

Am nächsten Morgen gönne ich mir noch eine kleine Tour an der Ohm entlang bis zum Bahnhof Stadtallendorf und steige in die Bahn, die mich mit Umstiegen in Kassel und Dessau, nur einem Zugausfall mit Verspätung wieder nach Berlin bringt. Um 21 Uhr bin ich wieder zu Hause und resümiere die Maintour bei einem kühlen Glas Weißwein.

Schön war es. Schön, mit einem alten Freund zu radeln, gemeinsam zu schauen, zu erleben, zu reden. Danke, lieber Peter, es war mir ein Genuss.

P.S:. Die Hotels, in denen wir übernachtet haben, könnt ihr anklicken zur Info.

Eine Karte mit unserem Track habe ich nicht eingefügt, weil es sehr leicht ist, dem Mainradweg zu folgen. Unter dem Link gibt es umfangreiche Infos und GPS-Tracks zum Runterladen.

Für Genussradler ist der Main ein herrliches Ziel. Einfach MACHEN!

Ruhr, Lenne, Rahmede, Volme – Flüsse meiner Jugendzeit

Teil 1

Wenn man alt wird, wird es Zeit, die Stätten der Jugend wieder aufzusuchen, zu schauen, wie es jetzt dort aussieht, wie sich Menschen und Kultur und Natur entwickelt haben. Mit dem wunderbaren 49 € Ticket ausgestattet, sollte es doch ein Leichtes sein, in die alten Heimatgefilde zu reisen. Gedacht, geplant, getan. Vier bis fünf Tage will ich unterwegs sein und dem Granfondo zeigen, wo ich geboren und aufgewachsen bin.

Abfahrt pünktlich vom Bahnhof Spandau.

Das Granfondo-Titan wiegt samt Minimalgepäck 16 kg

Erster Umstieg pünktlich in Rathenow. Dort treffe ich völlig unerwartet und überraschend einen alten Daimler – Kollegen. Michael begrüßt mich nach 20 Jahren so, als hätten wir uns noch am Vortage im Büro gesehen. Was sind schon 20 Jahre. Michael ist auf dem Weg nach Wolfsburg zu seinem Arbeitgeber Volkswagen – Training. Nach Stationen bei Fiat und Chrysler ist er bei seiner voraussichtlichen letzten beruflichen Station vor dem Ruhestand angekommen. Wir unterhalten uns angeregt. Die Zeit fliegt. Schon sind wir in Stendal. Wir warten auf den RE nach Wolfsburg und Hannover. „Zug fällt aus“, so schallt es nach einer halben Stunde ohne weiteren Kommentar aus den Bahnsteiglautsprechern. Mütter mit Kinderwagen, Reisende mit dick gepackten Koffern, und auch wir beide stehen mit einem Fragezeichen auf der Stirn am Gleis. Schließlich steigen wir in den Zug nach Magdeburg. Das ist ja schon ein paar Kilometer näher am Tagesziel. In Magdeburg trennen sich unsere Wege. Michael will in den RE nach Hannover, ich entscheide mich für den Weg über Braunschweig. 30 Minuten später sitze ich gut gelaunt im nur spärlich besetzten Abteil. “ Wir haben Schwierigkeiten auf der Strecke, die Oberleitung ist defekt“, kommt die Info nach 20 Minuten . Der Zug endet in Helmstedt. Ja, er endet dort! Weiter geht es nur für Menschen, die ohne Rad unterwegs sind, nämlich mit einem Bahnersatzverkehr. Nur eben kein Ersatz für mich! Der Busfahrer ist zwar nett, aber deshalb kann er mich trotzdem nicht mitnehmen. Die Luft ist frisch, der Weststurm bläst mir heftig ins Gesicht auf dem Weg über die Hügel nach Braunschweig. Was hilft es, sage ich mir, getreu dem Sprichwort: „Freu dich, wenn es regnet. Wenn du dich nicht freust, regnet es auch“.

Ich freue mich nicht über den heftigen Gegenwind, der meine Kräfte arg strapaziert. Nach zwei Stunden und 40 Kilometern Kurbelei stehe ich vor dem Bahnhof der Stadt, die einen Löwen im Wappen trägt. Wunderbarerweise fahren auch Züge von hier weiter in Richtung Westen, wo schließlich mein Tagesziel liegt. Allein, bis Hamm, wo ich eigentlich am Nachmittag ankommen wollte, werde ich es nicht mehr schaffen. Heute ist für mich Hameln Endstation.

Die Altstadt, das Hotel „Zur Börse“ und die netten Menschen versöhnen mich mit den Misslichkeiten der Bahnfahrt. Pasta und leckerer Rotwein beim Italiener schaffen eine gute Voraussetzung für wohlige Gedanken und tiefen Schlaf.

Am nächsten Morgen stehe ich um halb neun Uhr wieder auf dem Bahnsteig, hoffend, dass der Zug nach Paderborn, Soest und Schwerte durchhalten möge. Das Unerwartete passiert: Die Züge sind pünktlich! Um die Mittagszeit arbeite ich mich an den Ruhrradweg heran. Welche Wohltat. Grüne Auen, weidende Rinder, nur ein paar Industrieschlote stören den Ausblick. Dann biege ich ab an die Lenne, die mich die Orte meiner Geburt, meiner Schulzeit führen wird.

Bei Hohenlimburg staune ich beim Überqueren der Lenne über eine Kanu-Slalomstrecke, auf der drei Wasserratten trainieren. Der Lenneradweg ist nur mäßig beschildert, genauso mäßig, wie die Wegführung und die Beschaffenheit der Fahrbahn. Auf der Homepage wird auch folgerichtig Familien mit Kindern die Fahrt per Bahn von Letmathe bis Werdohl empfohlen. Kleine Abschnitte führen am Fluss entlang, meistens finde ich mich auf der B 236 wieder, wo die LKW in Kolonnen unterwegs sind. Für ungeübte Radler absolut nicht zu empfehlen! „Gegen Ende der Route geht es vermehrt durch Städte und der Radfahrer bekommt einen Eindruck vom pulsierenden Leben des Ruhrgebietes. “ So ist die Strecke auf der Internetseite https://www.radeln-nach-zahlen.de/de/outdooractive-touren/lenneroute beschrieben. Ja, stimmt! Durch die Stätten der ehemaligen Metallindustrie. Hammerwerke, Metallverarbeitung, Drahtziehereien, Schmieden. Im 19. und 20. Jhd. erblühte hier der Wohlstand. Die Industrialisierung begann. Die Menschen erlebten Aufstieg und Wohlstand. Jedenfalls relativ zur Situation davor. Das gesamte untere Lennetal ist geprägt durch diese Geschichte. Das Ende der Hoch-Zeit habe ich selber erlebt. Jahrelang konnte ich in den Semesterferien gutes Geld für harte Arbeit im Federnwerk Brüninghaus in Werdohl verdienen. 10 Tonnen Stahl habe ich damals pro 12-Stundenschicht bewegt. Ich hatte eine Garantiebeschäftigung in diesen Jahren. Mein erstes Auto habe ich so finanzieren können.

Heute stehen noch die Mauerhüllen der alten Betriebe, manchmal wiederbelebt mit Industrie und Handel der Neuzeit. Aber das ist offensichtlich die Ausnahme. Die Stadt Altena hatte 1970 noch 32000 Einwohner, heute sind es noch gerade die Hälfte. Bei Werdohl mit ehemals 24000, heute noch 17000 Einwohnern, sieht die Entwicklung ähnlich aus.

In Altena quere ich die Lenne hinüber zur Altstadtseite unter der Burg. Tristesse, so kann ich nur mein Gefühl beschreiben, das mich beim Betrachten der vielen leeren Schaufenster in der Lennestraße erfasst. Trotz dieser misslichen Lage erlebe ich viele Menschen gut gelaunt und freundlich. Von oben schaut die mittelalterliche Burg souverän auf das Zeitgeschehen herab. Hier gründete im Jahr 1912 der Lehrer Richard Schirrmann die erste Jugendherberge der Welt. Und es gibt sie auch heute noch. In der Burg residiert auch ein Drahtziehermuseum. Draht, Eisen, Stahl… damit wurde diese Gegend wirtschaftlich groß. Der ehemalige Wohlstand ist nur noch zu erahnen. Mein Uropa hat hier 40 Jahre lang als Drahtzieher gearbeitet.

In Altena biege ich ab in das Rahmedetal, wo ich meine ersten Kinderjahre verbracht habe, wo mein Geburtshaus steht. Minutenlang muss ich warten, um von der einen auf die andere Straßenseite zu kommen, so extrem ist der Verkehr, der nach dem Abriß der Autobahnbrücke durch dieses Nadelöhr strömt. Draht wird hier immer noch gezogen, ist unschwer an den gestapelten Rollen zu erkennen.

Bei Trurnit stellen noch 20 Mitarbeiter Kunststoffteile für die Bauindustrie her…

Auf dem Gebiet der Kaltwalztechnik ist die Region führend. Nur eben mit wesentlich weniger Beschäftigten als früher.

Dann erreiche ich Oberrahmede, das am 7. Mai 2023 Berühmtheit durch die Sprengung der Autobahnbrücke erlangte. Die Anwohner werden auf Jahre brutal durch den kompletten Autobahnverkehr, der über die ansonsten wenig befahrenen Nebenstraßen geführt wird, belastet. Ich habe in den Jahren 1965 bis 1968 erlebt, wie die Brücke gebaut wurde. Heute nur noch Betonschrott. Nachhaltig geht anders.

Da stand sie einmal, die Rahmedetalbrücke

Auch in lang vergangenen Zeiten war nicht alles besser! Ich erinnere mich an meinen Schulweg, der am Rahmedebach entlang führte. Dicke, graubraune Würste hatten sich an den hineinragenden Zweigen abgelagert. Chemie und Gift pur. Die Abwässer der Industriebetriebe wurden ungefiltert in das Gewässer geleitet. Kein Fisch, kein Frosch, nichts konnte hier über Jahrzehnte leben. Heute leben in der Lenne wieder Forellen, Hechte und Karpfen.

In Dünnebrett arbeite ich mich zu meinem Geburtshaus hoch. Das alte Siedlungshaus aus den 30er Jahren ist hübsch renoviert, die Mieterin lässt mich bereitwillig hinein. Ich bekomme feuchte Augen. Das alte Treppengeländer erkenne ich noch genau. Auf vielleicht 55 Quadratmetern habe ich damals mit meinen Eltern und Großeltern gewohnt. Kochecke, Waschecke, keine Dusche… Nach einer Stunde Eintauchen in die alte Zeit mache ich mich auf den Weg nach Lüdenscheid. Hier habe 1970 am Zeppelin-Gymnasium mein Abi gemacht.

Die Innenstadt lebt, wenn auch die ehemaligen großen Kaufhäuser nur noch als Hülle existieren.

Mein erstes Fernglas kam von Optik Hohage, meine erste Cordjacke von Strodel und Jäger. Beide Läden existieren bis zum heutigen Tage.

In der Altstadt trage ich mein Granfondo über diverse Treppen und rumpele über altes Pflaster. Die kleinen Hotels sind verschwunden oder zumindest geschlossen. Schließlich buche ich im Mercure am Stadtpark, wie das Hotel aktuell heißt. Vormals Queens, Hollstein, Crest und Ramada. Elf Stockwerke hoch steht der Gebäudeklotz seit 1974 hier. Ich bekomme ein Zimmer im sechsten Stock mit Fernblick ins Bergische Land. Mein Granfondo darf mit auf mein Zimmer. Dass ich hier mal im Hotel übernachten würde, hätte ich vor 50 Jahren nicht geträumt

Auf der Terrasse des Cafés Extrablatt auf dem Rathausplatz lasse ich bei einem vegetarischen Teller und einem Bier die verflossenen Jahre Revue passieren. Wehmut!

Ich genieße den Sonnenuntergang und den Übergang in den Nachthimmel bei einem guten Glas Weißwein. Dann schlummere ich tief und freue mich auf die nächste Etappe hin zur Volme und dann die Ruhr hinab. Pro Tag etwa 100 Kilometer. Mehr müssen es auch nicht sein bei soviel Gedenkpausen.

Im zweiten Teil meines Berichts schreibe ich über die Tour entlang der Volme und der Ruhr.

Elbe – Moldau – Donau, Teil 2

Hier kommt Artikel Nummer zwei des Rückblicks – von Prag nach Krumlov/ Krummau an der Moldau:

Die Klänge des Jazzfestivals auf dem Altstädter Ring klingen noch lange nach. Hunderte Menschen verschiedenster Nationen – stehend, sitzend, essend, trinkend, plauschend – sind auf dem Platz versammelt. Friedlich, freundlich geht es zu. Eine Freude, dies zu erleben.

Die Karlsbrücke und der Hradschin zeigen sich in bestem Nachtlicht. Wir laufen und laufen und laufen, und dann verlaufen wir uns gründlich. Erst per Handy-Navigation finden wir wieder zurück zum U-Bahnhof am Museum. Nach Mitternacht fallen wir wie betäubt in die Betten. Ein schöner Abend war das.

Unsere Räder haben die Nacht im Restaurantraum genossen und wiehern geradezu zum Aufbruch. Kurz vor acht rollen wir ins Stadtgetümmel. Prag ist nicht für Radfahrer gemacht! Pflasterstraßen, Straßenbahnschienen… wo sind denn die Radwege? Wir schlagen uns durch nach Süden, fluchen über den Berufsverkehr und sind eine Stunde später endlich wieder auf freiem Felde unterwegs. Die Hussitenstadt Tabor in Südböhmen ist unser Tagesziel. P1080883P1080892

Riesige Eichen, romantische Weiher und ein Schimmel, der als Einhorn durchgehen könnte. Die Gegend wird traumhaft schön, die Sonne lacht dazu. Nur die fiesen Rampen, die sich aneinanderreihen, klauen unsere Körner. Mal 10 %, dann 15 %. 1500 Hm auf den nächsten 106 Kilometern. Man kann es kaum glauben, schließlich reiht sich nur Hügel an Hügel. Die Tschechen haben die Straßen immer schnurgerade hinaufgeführt. Keine sanften Bogenkurven.

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Irgendwann enteilt mir Peter an einer der Rampen, weil er einen anderen Rhythmus tritt. Ich verliere ihn aus den Augen, dann packt mich der Ehrgeiz. Ich muss ihn doch wieder einholen können, schließlich ist er gnädig und wartet am Straßenrand. Nun bin ich dran und habe 100 m Vorsprung, der größer wird. Jetzt verliert er mich. Nach fünf Kilometern verstecke ich mich in einem lauschigen Wartehäuschen, um ein paar Fotos bei der Vorbeifahrt zu schießen.P1080886

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Und wusch! ist der Peter vorbei, ohne mich entdeckt zu haben. Jetzt ist es wieder an mir, zu ihm aufzuschließen. Er denkt, ich sei noch vorn, und tritt richtig rein. So geht das über Kilometer. Schließlich hält er an, weil er gar nicht glauben kann, dass ich so schnell fahre.  Auf diese Weise haben wir auf diesem Teilabschnitt einen knappen 30er Schnitt eingefahren. Geht doch!

Gegen 16 Uhr rollen wir in die Altstadt von Tabor ein. Die Vorbereitungen für ein Komödianten- und Artistenfest laufen auf vollen Touren. Der Soundcheck ist brutal laut und lässt nichts Gutes für die Nacht erwarten.fullsizeoutput_35f1P1080907

So gönnen wir uns am Marktplatz das obligatorische Zielankunftsbier und fahren dann in die Unterstadt zur Hotelsuche hinunter. Im Hotel Tabor werden wir fündig, duschen den Höhenmeterschweiß ab und begeben uns auf Kulturspaziergang.

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Die nächste Etappe wird uns ins beschauliche Krumlov an der Moldau führen. Doch davor hat der Landschaftsgestalter wieder reichlich Rampen eingebaut. Die erste gleich in südlicher Verlängerung der im Bau befindlichen Brücke. Tschüss Tabor.

Südböhmen at its best.

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Klecaty und Holasovice sind kleine Dörfer, die im Bauernbarock gestaltet sind – zwischen 1830 und 1850, als die Zeit der Leibeigenschaft zu Ende ging.

 

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UNESCO- Weltkulturerbe seit 1998

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In Klecaty und Holasovice fühlen wir uns ins 19. Jahrhundert versetzt. Dörfer, die aussehen, wie eine Filmkulisse. Kurz darauf erreichen wir Budweis. Ein riesiger Marktplatz, Arkadengänge, barocke Ensembles, bunte Fassaden. Und natürlich Budweiser Bier.

Auch unser Ziel für heute zählt zum UNESCO-Welterbe: Krumlov oder Krummau. Herrlich gelegen in einer Moldauschleife. Oben die Festung, unten die Bürgerhäuser, die Wirtschaften und die Läden. Anzuschauen wie eine Puppenstube der Barockzeit. Zuerst kehren wir ein im „Dvorak“. Die Zeltdächer des Biergartens geben uns Schutz vor dem prasselnden Regen. Nur widerwillig werden wir an einen Tisch vorgelassen, offensichtlich wollen die Kellner nicht gerne nass werden und verziehen sich nach drinnen. Auf der Moldau ziehen Schlauchboote und Kajaks mit fröhlichen Menschen vorbei. Nass, aber gut gelaunt.

Krummau ist eine Art Rothenburg ob der Tauber in Tschechien. Touristenströme wälzen sich durch die Gassen. Nie zuvor haben wir so viele Chinesen auf einmal gesichtet. In Fünferformationen erobern sie den beschaulichen Ort. Im Gegensatz zu den eher zurückhaltend freundlichen Japanern treten sie eher forsch und sehr selbstbewusst auf. Die Botschafter der künftigen Führungsnation dieser Erde.

Unser Quartier für die Nacht finden wir im Hotel Leonardo. Traumhaft gelegen und stilvoll ausgestattet mit Antiquitäten.

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Blick aus dem Fenster

 

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unser Prunkgemach

An diesem Abend speisen wir ausnahmsweise einmal vornehm. Und zum Abschluss genehmigen wir uns noch ein Fläschchen guten Roten aus dem „Späti“. In stilvollem Ambiente würdig genossen.

Am nächsten Tag werden wir die Moldau weiter hinauf fahren und dann über die Ausläufer von Bayrischem und Böhmischen Wald hinein ins österreichische Mühlviertel. Höhenmeter warten. Demnächst mehr davon.

Elbe – Moldau – Donau, Teil 1

Diesen Beitrag habe ich im August 2017 geschrieben. Just heute, beim Bereinigen meines Blogs, kam mir die Idee, die besten Stories der vergangenen fünf Jahre mal in lockerer Folge nach oben zu schieben. Eine schöne Zeit auf diese Weise Revue passieren lassen.

Hier der erste Teil über die 1000 km Tour an Elbe, Moldau und Donau. Im Gedenken an Peter, der 2021 von uns gegangen ist.

2. August: Die Teilnehmer des  Transcontinental Race sind seit dem 28. Juli unterwegs, Björn Lenhard fährt unglaublich gut und führt vor James Hayden. Mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von über 27 km/h. Und das schon 100 Stunden lang – mehr als 2500 Kilometer, zwei Alpendurchquerungen, die Hohe Tatra … Fahren, fahren, kurbeln, kurbeln. Schier unfassbar, was die Frauen und Männer leisten. Dagegen mutet unser Vorhaben, 1000 Kilometer zu radeln, an wie eine gemütliche Kaffeefahrt. Und genau so haben wir das auch geplant. Jeden Tag um die 150 Kilometer fahren, viel Natur, Kultur und Menschen erleben. Endlich mal nicht so wie auf einem langen Brevet unterwegs sein.

Genussvoll soll es sein!

Am 2. August treffen wir uns um 8.30 Uhr an der Fähre in Caputh zum Start auf die erste Etappe nach Mühlberg an der Elbe. 20170802_084643_resized

Peter hat seinen ALAN-Crosser und ich mein neues Granfondo Titan gesattelt. Die neuen Gravel-Packs von Ortlieb nehmen alles Notwendige auf: Ersatztrikot, Hose, Socken, Regenklamotten, Freizeitsachen, leichte Schuhe, Waschzeug. Punkt. 7,5 kg Gepäck reichen für eine komfortable Ausstattung. Schließlich werden wir auch einige Höhenmeter abarbeiten müssen.

Schon in Wildenbruch treffen wir mit Matthias zusammen, der unbedingt mit uns ein paar Kilometer gemeinsam rollen will. Eigentlich hat er keine Zeit, sein Troytec-Lieger ist in der Inspektion, und er hat sein altes Kuwahara-MTB dabei.

Bis Jüterbog fahren wir zu dritt. Und um den Genusscharakter der Etappentour zu etablieren, genehmigen wir uns bei Kilometer 60 Kaffee und Kuchen. Tschüss Matthias, schade, dass du nicht die gesamte Tour dabei sein kannst.

Das Wetter ist wie zum Radfahren gemacht: leichter Schiebewind, 22 Grad, wunderbar leichtes Rollen durch die Wiesen und Felder des Fläming hin zur Elbe. fullsizeoutput_35de

In dem kleinen Örtchen Oehna kann man Liegeräder aller Arten bei Sausetritt kaufen und auch ausleihen. P1080699In Annaburg kommt dann die nächste Überraschung: Raketen, Panzer, Kriegsgerät – alles käuflich zu erwerben bei SFOR. Mich schüttelt es. Ein kleiner Schützenpanzer für den Vorgarten vielleicht? „S.F.O.R. will dabei helfen, Träume zu verwirklichen.“, schreibt der Anbieter auf seiner Homepage. Alpträume bekomme ich, wenn ich das lese!

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Kurz vor Erreichen der Elbbrücke hinüber nach Torgau stehen diese drei Flaggen, die an die Begegnung der amerikanischen und der russischen Armee am 25. April 1945 erinnern. Die Kapitulation wurde eingeläutet. Ein Wunder, dass der historische Kern von Torgau das Kriegsgeschehen fast unbehelligt überstanden hat.

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Das Thermometer zeigt 35 Grad an, wir freuen uns auf ein kühles Getränk in historischem Umfeld.P1080713

Das Schloss Hartenfels begrüßt uns, bevor wir in die Altstadt hinaufradeln.

Wir posieren auf der Schlossbrücke, der Bär im Burggraben liegt faul auf dem Bauch. Seit 1425 werden im Burggraben Bären gehalten. Dieser hier ist offensichtlich jüngeren Datums. Im Innenhof bewundern wir die Wendeltreppe aus dem 16. Jahrhundert und die Schlosskapelle, der erste Neubau einer protestantischen Kirche, die schon im Jahre 1544 Martin Luther entzückte. IMG_1676

Ganz im Sinne von Johann Friedrich dem Grossmütigen gönnen wir uns 20 Kilometer vor dem Tagesziel ein kühles Krostitzer. „Wahre Helden stehen mitten im Leben.“

Wir belassen es bei einem Bier und rollen hinunter an die Elbe und radeln auf der Westseite des Flusses weiter nach Mühlberg.IMG_1680

Im Gasthof Zum Kronprinz haben wir zwei Zimmer reserviert, machen uns frisch und genießen das Tagesgericht, Matjes mit Salzkartoffeln. Kurz nach Einbruch der Dunkelheit haben sich alle Mühlberger in ihre Häuser zurückgezogen. Keine Kneipe weit und breit, kein Mensch in den Gassen. Still steht der Mond und scheinet. Wer Ruhe sucht, der findet sie in Mühlberg. 158 Kilometer stehen für heute zu Buche. Morgen geht es weiter über Meißen, Dresden und Pirna hinein nach Tschechien.

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Der Tag begrüßt uns mit Nieselregen, unserer guten Laune tut das keinen Abbruch, schließlich wollen die Regenjacken auch mal ausgepackt werden. Hinter der nächsten Flussbiegung  thront  die Albrechtsburg  stolz über der Elbe und zieht uns fast hinüber zu einer Altstadtrunde in Meißen. Nein! Wir fahren weiter, befiehlt Peter. Det kenn´wer doch alles schon …, und wir wollen doch ein paar Kilometer machen. Recht hat er, also fahren wir weiter im leichten Regen.fullsizeoutput_35e3

Direkt am Elberadweg bei Brockwitz sind Zelte und Tische aufgebaut, wir rumpeln über die Wiese. Da scheint et wat umsonst zu jeben, meint Peter und steuert direkt auf die Stände zu. Erstaunen: Hier in Brockwitz hat die Ernte der Aronia-Beere begonnen und wird festlich in Szene gesetzt. Majestäten, Fotografen und eine Blütenkönigin sind zugegen.

Arno, der dpa-Fotograf, ist ein Freund von Björn Lenhard, den wir seit Tagen über das Trackleader-Portal beim Transcontinental Race verfolgen. Soeben hat ihn James Hayden an der Spitze abgelöst. Mit Ansage. „Bei der dritten Kontrolle hab ich ihn“, hatte er schon am Start Arno geflüstert. So kam es dann auch. James und Björn sollten  auch schließlich nach mehr als 4000 Kilometern am griechischen Klosterberg Meteora als Erster und Zweiter finishen.

Wir wenden uns derweil wieder der Aronia-Beere und der sächsischen Blütenkönigin zu.20170803_110346_resized

Mit der Kraft der Aronia-Beere machen wir uns auf den Weg nach Dresden. Der Regen lässt nach, die Kilometer laufen durch. Nach Dresden wählen wir die Route über Cossebaude und Niedergöhlis. Übel! Kein vernünftiger Radweg, Riesenbaustelle, LKW an LKW. Wir sind froh, als wir vor der Frauenkirche stehen und die Autoabgase nicht mehr direkt vor und in der Nase haben.fullsizeoutput_35e7

Mein Granfondo lehnt sich kurz an Martin an. Die Pfadfinder tun das auch. Zehn Minuten später rollen wir wieder an die Elbe und sind froh, aus der Stadt hinauszukommen in die Natur. Heute kann uns die innerstädtische Kultur absolut nicht reizen.

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Das Blaue Wunder zieht vorbei, dann Lene Voigt mit ihrem „Gaffeedopp„, und schließlich die letzten kleinen Ortschaften vor der Grenze nach Tschechien. Der Radweg wechselt auf die andere Elbseite, und wir lernen bei Königstein unter der riesigen Festung einen Fährmann kennen, der vor guter Laune und Humor geradezu birst.fullsizeoutput_35eb

Ein paar Kilometer weiter, bei Schmilka, queren wir die Grenze. fullsizeoutput_35ec

Kalter Beton, immer noch wachsame Polizisten, ein Reisebus. Die nächsten Kilometer verlaufen durch Wald, an der gegenüberliegenden Elbseite rattert die Bahn gen Süden. Trostlose Kilometer. Bis das Elbtal sich wieder auftut, breiter wird und hell. Děčín , das ehemalige sudetische Tetschen-Bodenbach mit seinem riesigen Marktplatz kommt in Sicht. Hier wollen wir übernachten. 140 Kilometer sollen genug sein für heute. Eine erste Adresse für Radfahrer ist das Hotel Ceska Koruna, direkt am Marktplatz.

In Decin stiefeln wir hinauf zum Zamek – dem Schloss. Belohnt werden wir mit einem herrlichen Blick auf die Gegend, eine riesige Linde im Schlossinnenhof und dann auf dem oberen Platz mit guter Gastlichkeit und vielen überaus freundlichen Menschen.

So darf es weitergehen in Tschechien. Am nächsten Morgen sind wir schon vor acht auf den Rädern. Usti nad Labem ist die erste Stadt auf dem Wege hin nach Prag, unserem heutigen Etappenziel. Aussig heißt der Ort in Sudetendeutsch. Viel Industrie, alte Bauten, viel Betriebsamkeit, ein Elbhafen. P1080800

Die Elbe wird überspannt von der neuen Marienbrücke, einer der beeindruckendsten Brücken, die ich je gesehen habe. Ganz nahe von hier wurden am 31. Juni 1945 , lange nach dem Kriegsende, hunderte von Deutschen erschlagen, erschossen oder einfach in die Elbe geworfen. Die neuen tschechischen Siedler begingen in blindem Zorn ein wildes Massaker. Am Ende des Krieges waren fast alle der ursprünglich über 40000 Deutschen aus Aussig vertrieben – mitgefangen, mitgehangen. Heute erinnert eine Gedenkplakette an die schrecklichen Tage.

Wie schön, dass wir heute wieder die Landschaft, die Menschen und die Gastfreundschaft genießen können. Möge Europa so nah wie hier fühlbar beieinander bleiben!

An der Staustufe gegenüber der Burg Schreckenstein geht es schrecklich die Treppen rauf. Ein Radweg, wie gemacht für Lastesel. Peter flucht und schiebt. Ein paar Meter weiter ankert eine kleine Reisegruppe aus Dresden mit ihrem Boot. Die Jugendlichen genießen ihren Abenteuerurlaub.

Am Radweg entdecken wir wahre Preziosen: einen Mercedes 380 SL, der wahrscheinlich einmal in den USA seine besseren Zeiten erlebt hat, und eine schier unendlich sich reihende Garagenkette. Was mag da wohl drin sein?

Bei Melnik fließen Elbe und Moldau zusammen, ab hier werden wir der Moldau, der Vltava, nach Prag folgen. Ein Langstreckenradler aus Wales, der aus  Nürnberg kam und über Prag auf dem Wege bis hin zur Ostsee ist, warnt uns vor den Eigenarten des Radweges. Mal Autobahn für Radler, mal Schotter für Mountainbiker. Alles in unregelmäßiger Folge. Genauso kommt es dann auch. Auf den Kilometern bis Prag schwitzen, fluchen, wundern wir uns immer wieder.

Die Nektarinen, die wir am Morgen beim Frühstück eingepackt haben, verspeisen wir genüsslich gegenüber von Melnik. Hinter uns ein riesiges Heizkraftwerk, das sein warmes Kühlwasser hier in die Elbe einleitet.

Wir fahren auf der Sun-Route, dem Eurovelo 7, der vom Nordkap über 7305 km bis nach Malta führt. Das führt uns dann doch zu weit ( für diesen Urlaub zumindest).

Die Hochwassermarken künden von den Fluten der Elbe seit 1784. Den bisher höchsten Stand entdecken wir ganz oben unter dem aufgesetzten Dach: Das Jahr 2012 ist mit Abstand der Rekordhalter.

Weiter rollen wir an der Moldau nach Prag hinein. Im Hotel AIDA haben wir vorsorglich schon vor Tagen ein Zimmer gebucht. Das Hotel finden wir nach kurzer Suche, geleitet von unseren Garmins. Die Etrex 35 touch leisten ausgesprochen zuverlässige, komfortable Dienste.

Wir checken ein, die Dame an der Rezeption ist äußert entgegenkommend und erlaubt uns, die Räder in einem Nebenraum des Restaurants abzustellen. Einen Tipp für das Abendessen hat sie auch noch: In der Pension Hofmanu, die auf der Rückseite gar grauslich ausschaut, gibt es einen gemütlichen Biergarten. Wir genießen das Budweiser und böhmische Knödel.

Dann machen wir uns per Metro auf in die Altstadt. 10 Minuten braucht der superschnelle Zug. Top-sauber, sehr komfortabel. Hallo Berlin, bitte mal vorbeischauen. Hier ist zu erleben, wie U-Bahn-Fahren modern geht.

Wenzel begrüßt uns auf dem gleichnamigen Platz:P1080839.JPG

Jetzt lasse ich einfach noch ein paar Fotos sprechen vom Flair dieser wunderbaren Stadt:P1080847P1080863P1080865P1080872P1080875

Diese Stadt ist eine Reise wert.

Morgen geht es weiter nach Tabor, aber davon im zweiten Teil des Reiseberichts.

Metropole Ruhr – kreuz und quer durch den Pott – Teil1

So titelt die Beilage zur ZEIT im Juli 2022. „Vieles so nah“ , mit diesem Beitrag lockt mich Thomas Machoczek auf eine Reise durch die Metropole Ruhr. Als ich den Artikel lese, bekomme ich spontan Lust, sofort loszufahren in die Region, in der ich gelebt habe, studiert habe, eine wesentlichen Teil meines Lebens verbracht habe. Vor über 50 Jahren habe ich an der RUB – Ruhruni – Bochum studiert. Und seit 40 Jahren bin ich nicht mehr intensiv in dieser Region gewesen. Ein guter Grund, endlich nachzusehen, nachzuforschen, wie es dort heute aussieht, was sich getan hat, wie es dort aussieht jetzt.

Drei bis vier Tage lang will ich die alte Heimat erkunden. Altes und Neues sehen . Nach den ersten positiven Erfahrungen mit dem 9-Euro-Ticket bei einer Oder-Neiße-Elbe-Tour will ich testen, ob ich so günstig und gut auch gen Westen starten kann. Bis nach Hamm will ich per Bahn rollen und dann im ZickZack durch den Pott kurven. Berlin – Stendal – Wolfsburg – Hannover – Minden -Hamm. Bei meinem Start in Spandau am Dienstag ist der Regio nur mäßig besetzt. Es geht entspannt los. Drei junge Männer mit Rädern und Reisegepäck verkürzen mir mit intensiven Gesprächen über Ausrüstung und Material die Fahrt. Nach Amsterdam wollen die drei. Und gute Laune haben sie, gepaart mit Wissensdurst zum Langstreckenfahren. Als ich kund tue, welche Touren ich schon per Rad gemacht habe, löchern sie mich mit Fragen zu Ausrüstung und Knowhow. Wie schön für mich. Wie entspannend und kurzweilig. Die Zeit vergeht wie „im Zuge“. Allerdings verpasse ich in Minden den Anschlusszug . Also radle ich ein paar Kilometer bis Porta Westfalica und steige dort entspannt in den nächsten Regio ein. Der bringt mich dann zuverlässig bis Hamm. Nach über sieben Stunden netto auf der Schiene bin ich froh, endlich wieder frische Luft zu atmen.

Kurz vor Erreichen von Werne baut sich vor mir die erste „Kathedrale“ des Potts auf. Das RWE-Gersteinwerk, ein Kraftwerk, das für die Energiegewinnung aus Gas und Kohle konzipiert wurde. Heute sind nur noch zwei Gasblöcke von ursprünglich vier Einheiten mit über 750 MW Leistung als sogenannte Energiereserve bis 2024 am Netz. Als die Energiegewinnung aus Erdgas 1971 begonnen wurde, hatte ich mich gerade in der neuen Ruhruni eingeschrieben. „Long time ago“. Der Abgaskamin hat mit 282 Metern Höhe nahezu Eiffelturm-Maße und bläst Wärme und Schadstoffe über eine typische Bodeninversion, die wie eine Sperrschicht für aufsteigende Luft wirkt, hinaus.

In Werne habe ich ein Zimmer im Hotel Kolpinghaus gebucht. Nur der Hintereingang ist geöffnet – und der macht nicht gerade eben einen schönen Eindruck. Allerdings werde ich freundlich von einer jungen Dame begrüßt, und mein Granfondo darf sicher im Raum der Kegelbahn übernachten. ich bekomme ein schlichtes, aber sehr sauberes Einzelzimmer. Die Dusche funktioniert, und eine halbe Stunde später lustwandele ich schon durch den „historischen Kern“ von Werne. Matjes mit Bratkartoffeln, dazu ein Bier aus dem Münsterland – ein Platz mit Blick auf den Markt und das Rathaus.

Herrlich. Milde Luft, gute Laune. Gegenüber werden die Stühle der Eisdiele gestapelt für die Nacht. Als der Besitzer den Laden abschließt, bin ich satt und zufrieden.

Der erste Kontakt mit dem Pott ist positiv. So kann es weitergehen. Am nächsten Morgen sitze ich um 7.30 Uhr im Frühstücksraum und labe mich am Filterkaffee, weichen Brötchen, Marmelade aus der Folienverpackung und Butterkäse. Genuss wäre der falsche Begriff für das Mahl. Aber die Freundlichkeit der jungen Dame, die sowohl am späten Abend wie auch in der Frühe den Laden am Laufen hält, gleicht die Defizite locker aus.

Das Städtchen Werne, nahe bei Hamm, liegt an der östlichen Grenze des Ballungsraumes Ruhrgebiet. Moers und Duisburg markieren die Westgrenze der Region. Dazwischen leben ca. 5 Mio Menschen. Die zentrale West-Ost-Achse wird durch die Großstädte Essen, Bochum und Dortmund gebildet. Hier wird Industriegeschichte auf vielfältige Weise sichtbar und erlebbar. Kohle und Stahl – 150 Jahre lang wurde das Ruhrgebiet vom Bergbau und Hüttenwesen geprägt.

Aufgrund des Kohlevorkommens entwickelte sich das Ruhrgebiet Anfang des 19. Jahrhunderts zum größten Ballungsgebiet Europas. Im Zuge der Industrialisierung erfuhren die damals noch kleinen Dörfer im Ruhrgebiet ein explosionsartiges Bevölkerungswachstum. Grund hierfür war das natürliche Steinkohlevorkommen in der Region, das für die Herstellung von Eisen, Stahl, Dampfmaschinen und Eisenbahnen verwendet wurde. In der Folge entwickelte sich eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Monostruktur, die ganz auf die Bedürfnisse der Montanindustrie abgestimmt war. Man beschränkte sich vollkommen auf die Kohleförderung und vor- und nachgelagerte Wirtschaftszweige. Die Namen Krupp, Thyssen, Haniel, Hoesch stehen für die bedeutendsten Unternehmen.

Aber halt, ich will mich nicht in geschichtlichen Betrachtungen verlieren. Ich will die Augen und die Sinne öffnen für den Ruhrpott von heute. Durch die Lippeauen führt der Radweg beschaulich durch Felder und Wiesen, vorbei an Reiterhöfen und Gemüsebauern. Wo ist denn die Industrie? Sie lässt nicht lange auf sich warten. Der alte Gasthof „Zum Lüner Brunnen“ und das Trianel Kohle- und Klärschlammkraftwerk stehen in einem interessanten Kontrast.

An der Südseite des Emscherverlaufs ragen die ersten Halden auf. Begrünt sind sie und nicht mehr schwarzgrau wie zu Bergbauzeiten.

Daneben landwirtschaftliche Idylle.

In Lünen staune ich über eine lange Allee mit alten Platanen aus den 30er Jahren. Platanen sind schnellwüchsig und im Alter von fast 100 Jahren voll ausgewachsen.

Die Natur hat sich hier wieder erholt und ist ergrünt. Die Lippe biegt nach Norden ab. Am Rande von Waltrop lockt mich ein schmaler Schotterweg hinauf auf die Halde Brockenscheidt. Oben steht eine Pyramide, der Spurwerkturm, den der Castrop-Rauxler Künstler Jan Bormann im Jahr 2000 hier aus 1000 Metern alter Spurlatten der ehemaligen Bergwerksbahn der Zeche Waltrop errichten ließ. Von hier oben reicht der Blick weit ins Land und nach Norden auf die restaurierten Gebäude der ehemaligen Zeche.

Als ich hinunterrolle, entdecke ich auf einem kubusförmigen Gebäude den Schriftzug „Hase-Bikes“. Das sagt mir was. Hase ist seit vielen Jahren innovativer Entwickler und Produzent von besonderen Fahrrädern. Ich kenne die Dreiräder und auch das Pino-Tandem. Vor der Fertigungshalle komme ich mit einem Mitarbeiter ins Gespräch, der gerade eine Pause macht. Der Laden läuft, die Auftragsbücher sind voll, und ein noch ordentlich gefülltes Lager mit Bauteilen sorgt dafür, dass auch in diesen Zeiten viele feine Räder gebaut werden können.

Als ich hinübergehe zur alten Schaltwerkshalle, staune ich über die riesige, hochinteressante Ausstellung des zukünftigen Flagshipstores. Nach fachmännischer Begutachtung meines Titan-Granfondo bekomme ich sofort eine Einladung zur Eröffnungsfeier in die Hand gedrückt.

Chapeau! Marec Hase steht für Innovation, für Mut und Tatkraft. 1989 gewann er mit einem Tandem Dreirad den Wettbewerb „Jugend forscht“ 1994 begann er in einer Bochumer Garage, Spezialbikes zu bauen. 2001 zog er um in die ehemalige Zeche Waltrop. Heute arbeiten engagiert 100 Menschen für Hase. Eine echte Erfolgsgeschichte.

Wenige Kilometer weiter erreiche ich das Schiffshebewerk Henrichenburg. Hier sind im Umkreis von 100 Metern das Historische Hebewerk von 1899, der neue , 1962 erbaute Nachfolger und die aktuelle Schleusenanlage für die heutigen Tanker und Schubverbände zu besichtigen. Das Durchkurven der Bauten und Becken ist recht verwirrend. Zumal vom vielfach gerühmten Hebewerk aus Kaiser Wilhelms Zeiten vom Radweg aus gar nicht viel zu sehen ist.

Erst will ich mir das Industriemuseum anschauen, ich habe aber Bedenken, mein Rad samt Gepäck unbewacht draußen stehen zu lassen. So bin ich hier Kulturbanause und fahre einfach weiter. Über dem kleinen Schild „Kulturkanal“ prangt weiß auf rot „Demut“ – ich übe mich darin.

Dann tauche ich ein in die feuchten Wälder des Castroper Holzes und stehe unvermittelt vor dem Torhaus vom Wasserschloss Bladenhorst. Seit dem 14. Jahrhundert wohnten hier Ritter, Freiherren und Grafen. Heute können Wohlhabende Eigentumswohnungen erwerben. Als ich auf die Rückseite der Anlage rolle, sehe ich eine Frau mit einem Sammelkorb an einer mächtigen Brombeerhecke, die am Schlossgraben wächst. Die reifen Beeren schmecken wunderbar feinsäuerlich. Ich muss mich bremsen, dass ich nicht zu viel von den herrlichen Früchten esse.

Nächster Halt: Herne – Siedlung Teutoburgia. Über diese Arbeitersiedlung hatte ich schon bei der Vorbereitung meiner Tour nachgelesen. In den Jahren 1909 bis 1923 entstand die größte Arbeitersiedlung des Ruhrgebietes für 1400 Arbeiter der Zeche Teutoburgia. !36 Häuser, 20 verschiedene Hausformen. Nach dem Vorbild einer englischen Gartenstadt. Für damalige Zeiten Luxus. Auch heute noch interessant, durch schmale Wege und kleine Plätze zu kurven.

Und hier sichte ich auch eine der so typischen „Trinkhallen“ des Potts.

Diese komfortable Location ist sogar mit einer Dachterrasse ausgestattet. Erinnerungen an meine Zeit hier vor fast 50 Jahren kommen wieder hoch. Die Luft ist sauberer, kein Kohlenstaub liegt mehr auf den Fensterbrettern. Und es gibt glatt asphaltierte Radwege. Radfahren war damals etwas für Proleten und Minderbemittelte, die sich weder Auto noch Moped leisten konnten. Die Radwegweiser führen mich auf die Nordseite des Rhein-Herne-Kanals ( merke: Kulturkanal). Feiner Split löst Glattasphalt ab, ist aber gut befahrbar.

Wanne-Eickel – ZWODREI NAZIFREI – Gut so! Ein paar Meter weiter kurve ich auf den riesigen Platz, wo der Aufbau der Cranger Kirmes voll im Gange ist.

50 Fahrgeschäfte, vier Millionen Besucher in 10 Tagen! Vielleicht die größte Kirmes weltweit! Ein gigantisches Corona-Spreading-Event. Schaun mer mal. Noch ein paar Kilometer am Kanal entlang rollen, dann heißt es, abbiegen zur Veltins-Arena, der Spielstätte von Schalke 04. Das ist schließlich mein Kernziel für den heutigen Tag. Die beste aller Ehefrauen ist seit 50 Jahren unverbrüchlicher Schalke-Fan und war lange Clubmitglied. Aus ihrer ersten Wohnung konnten wir ins alte Parkstadion hinüber blicken. Logisch, dass ich nachschauen muss, wie das Ganze heute aussieht.

Erst noch über eine schwungvoll geführte Radwegbrücke, dann kommt das markante Dach der Veltins-Arena ins Blickfeld. Leicht überrascht erblicke ich viele Menschen, die so gar nicht wie Fußballfans aussehen. Sie strömen heran, sie warten, sie kaufen Fan-Artikel. Was ich nicht wusste: am Abend spielen die Stones in der Arena. Ausnahmezustand!

Lange kurve ich kreuz und quer über das riesige Gelände. Im Bereich des alten Parkstadions befinden sich die Trainingsplätze. Ein Tribüne ist noch erhalten. Nostalgie!

Im Schalke-Fanshop erstehe ich noch zwei Trikots für die Enkel. danach rolle ich die Schalke-Meile entlang. Das Vereinslokal steht genau am Eingang der Glückauf-Kampfbahn. Spätestens hier habe ich genügend Schalke-Luft aufgesogen, habe gesehen, welchen Stellenwert dieser Verein im Pott hat.

Nächstes Ziel: Holgers Erzbahnbude. der bekannteste Radler-Futter-Trink-Treff im Revier.

Beim Versuch, die Erzbahntrasse auf dem direkten Weg zu erreichen, strande ich erst einmal in einem Halden-Wildwuchsgebiet ohne Ausgang. Nach einem großen Südbogen entere ich schließlich den ehemaligen Erzbahnweg, und kurz darauf stehe ich vor einem Zweimannbunker aus der Weltkriegszeit, bemalt mit dem Schriftzug „Erzbahnbude“. Hier trifft man sich, hier ist eine lockere Stimmung. Reiseradler, Rennradler, Ausflügler. Alle sind gut versorgt und haben gute Laune. Ich komme mit einer Dreiergruppe von älteren Herren meines Alters ins muntere Gespräch. Kurz darauf kommt Holger aus seiner Bude und begutachtet mein Titan-Granfondo. Wir fachsimpeln, ich genieße ein Fiege-Pils, gönne mir eine Bockwurst und werde schlussendlich von Holger und seinem Kompagnon gebeten, doch einmal hinter der Theke zu posieren. Das tue ich sehr gern.

Die Erzbahnbude: Bester Imbiß- und Kommunikationspunkt für alle Radverrückten. TOP!

Nächstes Ziel des Tages: Die Zeche Zollverein. Es wäre unverzeihlich, dieses Monument nicht zu besuchen. Einige Radwegkurven sind noch zu kurven, aber dann stehe ich auf dem Gelände der Zeche. Riesig, geradezu erhaben, beeindruckend. Allein, es ist spät geworden heute. 17.30 Uhr. Lange kann ich mich nicht mehr vergnügen hier.

Um diese Zeit habe ich das gesamte Gelände für mich allein. Auch ein besonderer Reiz. Gegen 18 Uhr schaue ich mal auf Booking.com, wo ich am schönsten nächtigen kann in der Nähe. Eine Fehlanzeige reiht sich an die nächste. Warum gibt es hier denn keine Zimmer mehr? Dann geht mir ein Licht auf: das Rolling Stones Konzert! Uff. Selbst die mäßigen Herbergen haben die Gelegenheit beim Schopfe gepackt und die Preise saftig erhöht. Erst in Bochum-Wattenscheid, 15 Kilometer in Bögen weit entfernt, finde ich das mäßig bewertete City-Max-Hotel. Ich schlage für 103 € für die Übernachtung zu. Wucher. Normalerweise kostet das hier die Hälfte. Was soll’s, ich habe ein Bett für die Nacht. Der junge Mann an der Rezeption ist nett, mein Granfondo darf im Durchgang zur Küche parken. Dafür darf ich mit Gepäck in den dritten Stock steigen. Der Aufzug ist defekt. Auch im Zimmer ist so Einiges renovierungsbedürftig. Das Duschwasser strömt warm, in den dunklen Gassen finde ich noch eine Dönerbude, wofür mich der letzte Fetzen Rindfleisch vom Spieß geschnitten wird. Dann der krönende und unverhoffte Abschluss des Tages: In der kleinen Zunftstube neben dem Hotel tummeln sich Skat-, Trink- und Fußballfans. Und ich bekomme noch ein kühles Bier und erlebe unter dem Jubel der angesäuselten Altherrengruppe den Einzug der deutschen Frauen ins Finale. Wenn das kein versöhnlicher Ausklang ist. Ruhrpott eben!

Ende Teil 1, bald geht es weiter mit der nächsten Etappe.

1. Etappe einer kleinen Reise entlang Elbe, Saale und Unstrut

Berlin – Ribbeck – Rathenow – Tangermünde – Wolmirstedt – Ebendorf

In Etappen durch das Land – endlich wieder mal ein paar Tage im Sattel und Neues entdecken. Nach Westen hin will ich aus dem Speckgürtel der Stadt hinaus ins Havelland und dann rüber an die Elbe. Mein Granfondo ist mittlerweile routiniert im Lasten tragen – hinten die beiden Ortlieb Gravelpacks, am Oberrohr eine kurze Tasche, die noch genügend Raum für eine große und eine mittlere Trinkflasche lässt und an der Gabel links noch die erprobte Forkbag mit Flickzeug, Schloss etc.

Insgesamt wiegt mein Gepäck knapp neun Kilo, also nocheinmal soviel wie das Granfondo in Grundausstattung. Ich habe alles dabei, was ich für fünf Tourtage brauche. Ein Zelt und Kochutensilien habe ich eingespart, denn ich werde abends komfortabel in Pension oder Hotel übernachten.

Alles Notwendige ist an Bord

Um halb neun nehme ich die ersten Kilometer unter die Räder. Die Sonne lacht, der sanfte Südwind schiebt erste Cumuluswolken über den ansonsten blauen Himmel. Da überrascht mich eine veritable Riesenpfütze, die vom Starkregen der vergangenen Tage übrig geblieben ist und verhindert in Frohnau die Durchfahrt zum Radweg. So früh habe ich noch keine Lust auf nasse Füße. Bei meiner locker geplanten Tour gibt es keine Umwege. Der Weg ist das Ziel, rufe ich mir zu und lasse es über Nauen und über den Havelradweg nach Ribbeck rollen. Ob Fontane im neobarocken Schloss einmal zu Gast war, ist nicht genau überliefert. Aber sein Gedicht kennt jeder: „Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland…“ der Herrensitz erstrahlt schon seit 2009 wieder in alter neuer Pracht und lockt mit guter Gastlichkeit und interessanten Ausstellungen. Heute mache ich hier nur einen Fotostopp.

Mein Track führt hinüber nach Retzow, Möthlow und Buschow. Beim Sinnieren über die so häufig vorkommende Namensendung „ow“ lenkt der schwabbelig werdende Hinterbau des Granfondo meine Aufmerksamkeit auf den Hinterreifen. In Sekunden verliert er seinen Überdruckinhalt und rumpelt auf der Felge. Stopp! Runter von der Straße und rein in die grüne Wiese, wo ich mir die Bescherung genauer anschauen kann. Klassischer Plattfuß. Das Titangerät auf die Seite legen, Rad ausbauen, Mantel runter und schon habe ich den Übeltäter ertastet: einen fiesen, spitzen Dorn – wahrscheinlich aus einer der schönen wegbegleitenden Hecken. Wenn der Einstichwinkel passt, wird auch der ansonsten resistente 4-seasons-Reifen gelöchert. Zwei Ersatzschläuche habe ich dabei. Ich nehme den ersten, den ich im Beutel greifen kann. Fatalerweise den, den ich schon einmal mit einem blumig beworbenen selbstklebenden Flicken repariert hatte. Nichtsahnend pumpe ich per Kartusche den Reifen auf knackige 7 bar auf und steige frohgemut wieder in die Pedale. In Nennhausen passiere ich das im Tudorstil errichtete Schloss. Fontane hat beim idyllischen Heimatort seiner Effi Briest sich wahrscheinlich den Herrensitz Nennhausen zum Vorbild genommen. Der nächste Ort trägt bezeichnenderweise den Namen Stechow. Genau hier, nach 20 Kilometern, gibt mein frisch aufgepumpter Hinterreifen seinen Überdruck wieder von sich. Diesmal hänge ich den Titanrahmen an ein Gartentor. Optimale Reparaturposition!

Zur Herausforderung und Beweisführung der Zuverlässigkeit moderner Flicktechnik per Aufklebeflicken verwende ich einen der Marke Topeak aus der gleichnamigen, famos gestylten Rescuebox.

Test it!

Ich opfere Kartusche Nr. 2, und flugs hat der frisch geflickte Reifen wieder Betriebsdruck. Und hält ihn auch – vorerst. Aber dazu später mehr …

Bevor nun der Beitrag gänzlich zum „Reparaturspezial“ abdriftet, wende ich mich ab jetzt wieder Kultur und Natur zu. Also aufsteigen und weiter durch Rathenow und dann lang durch den Wald hinüber zur alten Stadt Tangermünde. In Wust, kurz vor Erreichen der Elbbrücke, kann ich an der alten Hausfassade sehen, was die Stunde geschlagen hat.

Eine halbe Stunde später rolle ich in der ehrwürdigen Stadt Tangermünde ein. Nein, heute führt mein Weg zwischen der Elbe und der mächtigen Stadtmauer hindurch, weiter nach Süden. An der Elbe entlang.

Stadtmauer Hansestadt Tangermünde

Dieses Mal locken mich eher die ganz kleinen Orte, die auch Schönes, zumindest Besonderes zu bieten haben. Zum Beispiel Buch mit seinen gerade 300 Einwohnern – einer davon heißt Roland, ist 3,50 Meter groß, aus Sandstein gehauen und hält es hier schon seit dem Jahre 1580 tapfer aus. Dabei hatte er nicht immer eine gute Zeit. Im zarten Alter von etwa 100 Jahren stürzte der Rathausturm auf ihn herunter und lädierte ihn so sehr, dass er einen neuen Kopf brauchte. Kopf Nr. 2 wurde mit einer prächtigen Lockenfrisur versehen. Im Zuge dieser Operation ließ der Lehnschulze Helmicke ihn vom Rathausvorplatz vor seinen eigenen Schulzenhof transportieren und dort aufstellen. Was wird ihn das wohl gekostet haben?! Bis zum heutigen Tage wacht er vor dem Hofgebäude. Ich lehne mein Granfondo an, schaue auf zum Roland und frage mich, was der schon alles gesehen haben mag.

Ich nehme einen großen Schluck aus der Flasche, proste Roland zu und setze mich wieder in Bewegung. Auf den nächsten Kilometern passiere ich die Wiesen der Elbaue, kleinste Ortschaften und schaue auf horizontweite, abgeerntete Kornfelder. Es wird langsam Zeit, dass ich mich um eine Bleibe für die nächste Nacht kümmere. Auf einem Rastplatz mache ich es mir gemütlich, vertilge drei Gemüsefrikadellen und frage Booking.com nach den verfügbaren Betten auf der Strecke, die vor mir liegt. Gestern war hier noch reichlich Angebot vorhanden, aber jetzt sieht es mager aus.

An diesem Gasthof ist die Zeit vorbeigeströmt und hat die Gastlichkeit mitgenommen. Und Diamant Pilsener gibt es seit mehr als 20 Jahren nicht mehr. Also kurbele ich weiter. Noch sind die Beine gut und meine Laune auch. In der Ferne taucht der Kalimandscharo von Zietlitz auf. Aber Obacht, wenn die mehr als 100 Meter hohe Abraumhalde schon nahe scheint, ist sie noch locker 20 Kilometer entfernt.

Der Kalimandscharo

Im Örtchen Loitsche, direkt am Riesenberg, sitzen drei Männer in einem Vorgarten, vor sich einen halb geleerten Kasten Bier und rufen rüber: wohin des Weges, Radler? Ich gebe bereitwillig Auskunft und ernte ungläubiges Staunen, als ich von den heute bis hierher zurückgelegten 150 Kilometern erzähle. „Det is ja unfassbar“, murmelt der Wohlgenährte und streicht sich über seinen mächtigen Bauch. Als mir auch nach einer kleinen Abwartpause kein Bier angeboten wird, suche ich das Weite und richte den Blick nach vorn. Irgendwo wird hier doch ein Hotel zu finden sein! In Wolmirstedt folge ich dem Hinweisschild zum Gasthof Auerbachs Mühle. Sieht gut aus. Gut gelaunte Menschen im Biergarten. Ich bekomme spontan Durst. Nur, auch hier sind alle Betten ausgebucht. Zu meiner Rettung telefoniert die Dame am Empfangstresen in der Gegend herum und wird beim Hotel Bördehof in Ebendorf fündig. Flugs reserviert sie für mich ein Zimmer und kündigt mich an. Treffer! Noch 12 Kilometer, dann warten Dusche und Bier auf mich. Eine halbe Stunde später stehe ich vor dem ansehnlichen Hotel. Mein Granfondo darf im „Motorradkeller“ sicher übernachten, und ich beziehe ein schönes Zimmer unterm Schrägdach.

Im Örtchen Ebendorf mache ich noch eine kleine Spazierrunde zum Beine vertreten und kehre bei einem einladend aussehenden Dönerladen mit Pizzaangebot ein. Die Pasta mit Ei und Pilzen schmeckt köstlich, und Becks Bier löscht bekanntlich „Männerdurst“ ( in unseren Tagen ein unsäglicher Werbespruch). Wieder zurück im Hotel, sind gegen 22 Uhr kaum mehr Gäste zu sehen. Nur hinter der Bar räumt genau der junge Mann auf , der mich schon zum Motorradkeller begleitet hatte und mein Granfondo mit Lob bedachte. Ich fahre auch Rad, bemerkte er – und in meiner Familie sind viele Radsportler. Flandern-Rundfahrt, Tour de France, Paris-Roubaix, all diese Rennen haben die Verwandten meines Barmanns bestritten. Magdeburger Radlegenden: Rolf Pöschke, Robert Wagner… Und Täve Schur ist auch noch der Patenonkel meines bierzapfenden Gesprächspartners. Zuletzt holt er noch sein Stevens-Rennrad vor die Theke zur Begutachtung meinerseits. Anerkennende Worte, fachsimpeln über die Ausstattung. Dann verabschiedet er sich in den Feierabend, wünscht mir eine genussvolle Tour, und ich gehe beseelt und zufrieden auf mein Zimmer und schlummere dem nächsten Tag entgegen.

Teil 2 folgt

Elbe – Moldau – Donau, Finale

Krummau hat uns trotz der Touristenströme in seinen Bann gezogen. Solch ein mittelalterliches und in großen Teilen barockes Ensemble habe ich so durchgängig noch nirgendwo gesehen. Eine Märchenwelt! Im „Leonardo“ durften unsere treuen Lastesel sogar direkt vor der Rezeption parken. Auf historischen Dielen, angelehnt an historischen Bänken. Wir bedanken uns für die äußerst zuvorkommende Behandlung und stehen frisch wie der junge Morgen um 8.30 Uhr an der Moldaubrücke und biegen nach Süden ab. Kurs Linz. Die Moldau ist spätestens ab hier ein Wassersportrevier erster Güte. Schlauchboote und Kajaks fahren in Reihe auf dem Wasser und werden in steter Folge auf Anhängern und LKW auf den Straßen moldau-aufwärts transportiert. Schließlich wollen die Flussfahrer flussabwärts gleiten. Und dazu muss die ganze Armada immer wieder in Richtung Quelle zu den Startorten gebracht werden. Bedřich Smetana https://geboren.am/person/bedrich-smetana hätte aktuell seine Tondichtung „Die Moldau“ um einen Schlauchbootwalzer ergänzen müssen. P1080936

Das Tal der Vltava wird enger, das Grün ist satt, Burgen tauchen nach jeder dritten Biegung auf. Eine wahre Burgen-Bauwut muss hier einst die Baumeister und Steinmetze in Arbeit gebracht haben.

An einem Sammelpunkt, wo die Wasserwanderer campen und auf die nächste Teilstrecke starten, machen wir einen Stopp und schauen dem bunten Treiben zu. Familien, Einzelkanuten, Alt und Jung. Die Menschen stürzen sich in den blauen Fluss. Wir machen ordentlich Strecke in dem flach ansteigenden Geläuf. Die Morgenluft ist würzig und tut unseren Lungen gut. Die werden spätestens ab Vyšší Brod, dem südlichsten Punkt Tschechiens, wieder feste Sauerstoff ins Blut bringen müssen. Hier knickt der Kurs nach Süden ab, weg von der schönen Moldau, hinein in die Berge Südböhmens.P1080959

Die Straße nach Leonfelden steigt sanft an. Wir finden unseren Rhythmus und erfreuen uns an den fetten Farben  der Wiesen und dem Cumulushimmel. Auf jeden Kilometer kommen hier zwei Verkaufsstände für frische Pfifferlinge, Gartenzwerge, Zigaretten und, wie wir vernehmen konnten, sogar für die Partydroge Chrystal Meth!  Die Waren, natürlich nicht die Pfifferlinge, kommen mittlerweile aus Vietnam und China. P1080961

Die ehemalige Grenzkontrolle in Weigetschlag steht seit Schengen 2007 ungenutzt, aber gepflegt da. Ein paar Kilometer noch bergauf, über die 850 Meter Höhe, dann sanft nach Bad Leonfelden einschwingen und den erstbesten Bäcker heimsuchen. Der Milchkaffee ist riesig, der Kuchen schmeckt köstlich, aber det Janze kostet hier doppelt so viel wie in Tschechien. Gestärkt steigen wir auf und kurbeln hinauf nach Glasau. Hier beginnt eine rauschende Abfahrt über mehr als 10 Kilometer nach Linz hinunter. 50 bis 65 km/h stehen permanent auf dem Tacho. Konzentration ist gefragt. Im Tal sind wir froh, wieder normal in die Pedale treten zu dürfen. P1080966

Linz empfängt uns mit seiner ganzen Pracht. Allein, wir sind viel zu früh hier, um uns schon ein Hotel zu suchen, also beschließen wir, die heutige Etappe auf ca. 150 Kilometer zu verlängern. An der Donau entlang sollte das purer Genuss sein!

In der Altstadt finden wir vor der Konditorei Leo Jindrak, dem Haus der original Linzer Torte, noch ein Plätzchen im Schatten und gönnen uns ein gleichsam köstliches wie riesiges Joghurt-Eis. Die können nicht nur Linzer Torten ( davon werden bei Jindrak jährlich 100 000 hergestellt und an Kunden in aller Welt versandt). Nach einem illustren Stündchen Pause und Plausch mit der heimischen Bevölkerung gehen wir um 14.30 Uhr wieder auf Kurs. P1080969

Ein paar Kilometer weiter bremst uns diese geschraubte Edelstahlskulptur. Beeindruckend allemal, nur einen Hinweis auf den Urheber finden wir nicht. Gut, dann lassen wir die Kunst einfach und unverfälscht auf uns wirken. P1080971

Vor dem Schopper-und-Fischer-Museum zupft ein Rennradlerkollege am Lavendel herum.P1080972

Schoppen ist, wie wir erfahren, die Kunst des Abdichtens der Holzfugen zwischen den mächtigen Eschenbrettern des Schiffsrumpfes. Dieser hier konnte bis zu 10 Tonnen tragen. In Aschach betrieb der Schiffmeister Johann Georg Fischer ( 1782-1864) einen großen Schopperplatz und setzte damals schon damals schon für sein Sägewerk große Dampfmaschinen ein. Hightech zu jener Zeit.

In einer  kurzen Pause vor einer Radlerpension, total einsam an der Donau gelegen, mit keiner erkennbaren Anbindung an den Straßenverkehr, verspeisen wir ein paar Würstel mit Meerrettich.  ( Der Hunger treibt es rein, hätte meine Mutter gesagt.)  P1080975

Links Radweg, rechts die Bahn, dazwischen die träge dahinfließende Donau, eingerahmt von Waldhängen. Oben thront der Burgherr.

Beim Würstelessen bekommen wir die Info, dass nur vier Kilometer weiter mindestens drei Gasthöfe mit Pension auf uns „warten“. Also nichts wie hin!

Wir klopfen nicht beim Heiligen Nikolaus, dafür aber bei der Pension Reisinger an und bitten um ein Nachtquartier. Peter verschwindet im Gastraum und kommt erst nach gefühlten 10 Minuten wieder freudestrahlend heraus. Die Seniorwirtin hatte ihm im obersten Stockwerk eine ganze Ferienwohnung mit zwei Schlafzimmern und Wohnküche angeboten. Für 30 € pro Person, inklusive Frühstück!

Darauf genehmigen wir uns ein deftiges Abendessen mit Kartoffelpuffern, Salat und leckerem Gösser-Bier. Zum Ausklang lassen wir uns noch einen Krug mit lauwarmem Sauvignon Blanc füllen und tragen die köstliche Fracht hinauf in unser Wohngemach.

Hinterm Fenster lüftet die Rapha-Weste aus, die Hosen hängen dekorativ am Türrahmen, die Wohnküche wirkt in zartem Rot für sich. Im Waschbecken kühlt sich der Sauvignon im Wasserbad.

Diese Nacht schlafe ich ( mückenlos) wie ein Stein. Peter erschlägt derweil wie das tapfere Schneiderlein mindestens sieben Blutsauger, die ihn nicht in den Schlaf kommen lassen.

Am nächsten Morgen starten wir nach einem Frühstück alter Art – Wurst, Käse, Marmelade, Filterkaffee – auf die Etappe nach Straubing.P1080984

So gut die Beschilderung des Donauradweges bisher gewesen ist, so bescheiden sieht sie auf den nächsten 30 Kilometern aus. Der Weg führt streckenweise über die Bundesstraße ohne Seitenstreifen. Der Landkreis hat hier wohl ein paar Jahre verschlafen.P1080988

Ja, geht es noch? Beim Versuch, zwischen den Stangen hindurchzutauchen, wären wir fast steckengeblieben. Hohoho! Ein Hoch auf den Beschilderer.

Passau muss hinter der nächsten Biegung auftauchen, die Annäherung an die attraktive Altstadt führt allerdings über ein paar Hindernisse.

Der gepriesene Donauradweg führt uns an einer stillgelegten Bahnstrecke über rumpeligen Schotter an die Stadt heran.fullsizeoutput_35ff

Musikantenkultur in Passau: Der Bärtige erfreut Peter mit seinen Liedern. Als Peter ihm das Brandenburglied vorsummt und der Musikant mehr schlecht als recht die richtige Melodie sucht, ergreife ich die Flucht.

Wir trösten uns mit dem Blick auf Maximilian I. , dem ersten König der Bayern, und den beeindruckenden Dom St. Stefan. Dann gönnen uns zum Einritt ins Bayernland eine zünftige Weißwurst und ein Weißbier. In Passau gibt es drei Flüsse zu überqueren, Inn, Ilz und Donau. Dann entlässt uns die Stadt wieder nach Westen an die freie Donau.P1090012

Der Donauradweg wird hier zum Bier-Radlweg. „Bring ma a Hoibe!“ Das merken wir uns und werden so an den nächsten Tagen nicht verdursten müssen. Nach kurzem Hotelsuchintermezzo in Bogen, wo keine Bleibe zu finden ist, starten wir durch nach Straubing und erreichen die Altstadt kurz vor einem dräuenden Gewitter. Im Hotel Seethaler werden wir vom Inhaber abgefangen ( gerne doch) und bekommen zwei nette Zimmer. Der Abend wird gemütlich: IMG_1726fullsizeoutput_35ceEssen bei Röhrl mit dem gleichnamigen Bier. Eine Riesenportion Semmelknödel mit Pfifferlingen, die in einer sämigen Sauce schwimmen. Köstlich. Dann später launige Gespräche in einer Bar, die nach Berliner Maßstäben schon bevor der eigentliche Abend beginnt, gegen 22.30 Uhr den Ausschank schließt. Da musste eben schneller trinken, meint Peter. Wir kommen auf diese Weise wieder zeitig in die Betten und sind fit für die kleinen 55 Schlusskilometer am letzten Tag nach Regensburg.P1090019

Auf dem Donaudeich staunen wir über einen schlaksigen Wanderer, der einen vollbepackten Kinderwagen vor sich her schiebt. Wir kommen ins Gespräch: Der Däne ist auf dem Weg von Kopenhagen über Deutschland, Tschechien, Österreich und jetzt Bayern nach Griechenland und dann noch mit einem Umweg um die Türkei herum noch ein Stückchen weiter. Gestartet war er mit Rucksack, dann irgendwo in Deutschland hat ihm eine Frau den Kinderwagen geschenkt. Da war er seine plagende Last auf dem Rücken los. Der Kinderwagen wurde voll und voller. Läuft prächtig, meint er. Nur die Räder sind etwas klein für rumpelige Wege. Bis zu 60 Kilometer hat er an den besten Tagen geschafft. Beachtlich. Gesund an Körper und Geist. Neugierig und unkonventionell. Mit diesem Menschen hätten wir gern länger geplauscht.

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Rechts oben über den Bäumen am Hang taucht die Walhalla auf. Wir wähnen uns im alten Griechenland. Wikipedia weiß über den Tempel Folgendes: In der Gedenkstätte Walhalla in Donaustauf im bayerischen Landkreis Regensburg werden – ursprünglich auf Veranlassung des bayerischen Königs Ludwig I. – seit 1842 bedeutende Persönlichkeiten „teutscher Zunge“ mit Marmorbüsten und Gedenktafeln geehrt. Benannt ist sie nach Walhall, der Halle der Gefallenen in der nordischen Mythologie. Der Architekt war Leo von Klenze.

Leo von Klenze errichtete im Auftrag von Ludwig I. in den Jahren 1830 bis 1842 den nationalen Gedenktempel nach dem Vorbild des Parthenon. In der Ruhmeshalle haben viele bedeutende Persönlichkeiten aus der germanischen Sprachfamilie einen Ehrenplatz erhalten. Selbst jene wie Heinrich Heine, der den Bau spöttisch als „marmorne Schädelstätte“ bezeichnete, finden sich heute in ihm wieder.

Wir sparen uns den Aufstieg zum Tempel und belassen es beim respektvollen Betrachten.P1090054

In Regensburg steuern wir zunächst den riesigen Dom an: Ich muss unwillkürlich an Walter Röhrl denken, der zu seiner Jugendzeit der rasanteste Chauffeur des Regensburger Bischofs gewesen ist.P1090063

Zu diesen Gedanken passt wunderbar das Bier vom und im Bischofshof. „Das Bier, das uns zu Freunden macht.“

Danach drehen wir eine Kulturrunde durch die Gassen der Altstadt und steuern am Ende die alte steinerne Brücke an. Sie wird gerade aufweisenndig renoviert. Und genau da, wo die Baustelle mit einer Stahlkonstruktion umschifft wird, haben wir eine illustre Begegnung. „Magic Moments“: Unser Randonneursfreund Henning, der im wirklichen Leben Profifotograf ist, steht mit seinem Team auf der Brücke und macht Aufnahmen für eine Kampagne des Landes Bayern. Ein irrer Zufall, ihn hier zu treffen. Nicht in Berlin, 500 Kilometer weiter südlich in Regensburg auf der Brücke! Großes Hallo, ein paar Worte, dann wendet sich der Gestresste wieder seiner Arbeit zu. Wir schieben unsere Räder derweil auf die andere Donauseite und kehren ein im Biergarten Zur alten Linde. Schön, anderen bei der Arbeit zuzuschauen. P1090045

Da unten auf der Insel turnt er herum und dirigiert die großen Schirme, die wohl das helle Sonnenlicht abhalten sollen. Wir fotografieren einfach dann, wenn das Licht schon milder ist …

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So ungefähr sieht das dann aus.

Im Hotel VIII direkt an der Donau bekommen wir ein veritables, etwas kurioses Apartment im 4. Stock.P1090036

Wir wähnen uns im Orient. Fehlt nur noch die Wasserpfeife.

Unsere Räder dürfen auch hier ins Haus. Und das wird um 19 Uhr abgeschlossen. Mit gutem Gewissen können wir noch einen ausgedehnten Stadtbummel machen.IMG_1731

Bei Dampfnudel-Uli kehren wir mangels Hunger nicht ein.

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An der Donau, mitten am attraktivsten Teil des Donauufers, sind die Hausbesetzer aktiv. ANTIFA steht ganz oben zu lesen. Und ich hatte gedacht, det gäb et nur in Berlin. Offensichtlich ist dieselbe Problematik wie in den meisten großen Städten auch hier angekommen.

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Nur noch Barbarossa ist illuminiert. Wir kommen durch den Nebeneingang mittels Transponderkarte ins Hotel, stiefeln die drei Treppen hoch und wissen kaum, wie wir in die Betten gekommen sind. Wir sind am Ziel unserer Etappentour. 1000 erlebnisreiche Kilometer liegen hinter uns. Wir sind zufrieden.

Morgen mittag bringt uns die Bahn wieder zurück nach Berlin.

P.S: Ein Bericht zur Streckenführung mit den Tracks und zur eingesetzten Ausrüstung ist in Arbeit.