Paris – Brest – Paris, Epilog

6320D828-2E6F-4868-A2C8-024DA944486F„Abandon“. Ich lese noch einmal den Stempel vom Vorabend in meinem Brevet-Heft. Eine Kletterrose schaut keck ins Hotelfenster. Die Luft der Bretagne riecht gut. Ein richtiges Frühstück wartet. Kaffee, Rührei und  Baguette schmecken wunderbar. Wie im Urlaub. Gegen 10 Uhr checke ich aus und rolle die wenigen hundert Meter zum Bahnhof von Carhaix.OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Auf dem Gehsteig spurten in Bronze gegossene, glorreiche Tour-Helden der Historie um den Sieg. Hätte ich nur die Beine von Louison Bobet gehabt…

Ich bin nicht der Einzige, der hier abgebrochen hat, so viel ist klar. Randonneure aus Indien, Hongkong, Frankreich, USA und England warten auch auf den nächsten Zug.IMG_1011.jpg

Irgendwie tröstlich – gemeinsames Leid trägt sich leichter. Mit Dolmetscher-Hilfe des französischen Kollegen lösen wir ein Ticket für Züge, die auch Räder mitnehmen. Viermal umsteigen bis Paris-Montparnasse. Wir quetschen uns samt Rädern in den Waggon und kommen auf Englisch, Französisch und irgendetwas dazwischen ins Gespräch. Jeder hat seine Geschichte. Umsteigen in Guingamp. Das Örtchen liegt an der Hauptbahnstrecke nach Brest. Als wir den Bahnsteig zum Umsteigen in den Zug nach Rennes wechseln, warten dort schon Randonneure in Reihe. Bahnbedienste haben sich aufgebaut und wedeln mit  Transportsäcken, in denen man sich normalerweise Kies oder Sand aus dem Baumarkt liefern lässt. Wir sollen die Räder demontieren und in die Säcke stecken, sonst wäre es nichts mit der Weiterfahrt. Wir staunen, und der französische Kollege moniert, dass wir doch Züge gebucht hätten, in denen der Radtransport möglich ist. Ein heftiger Disput entwickelt sich, doch die Offiziellen bestehen darauf: Die Räder müssen rein in die Säcke. Der Zug wartet schon, die ersten „Radsäcke“ werden mühsam hineinbugsiert. Der Unsinn dieser Ansage wird spätestens jetzt klar: Ein riesiger Sack baut viel breiter als ein schlankes Rad. Aber das spielt jetzt keine Rolle mehr. Unter lautem Fluchen würgen wir uns in die Bahn, in der kurioserweise einige Touristenräder samt Packtaschen im Abteil stehen. IMG_1018.jpg

Ich beschließe, dem Unsinn ein Ende zu setzen, und baue mein Rad wieder zusammen, den unseligen Sack stopfe ich unter einen Sitz. Schon haben wir wieder Platz im Durchgang.

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Die meisten nehmen das unnötige Chaos mit Humor. Immerhin sind wir drin im Zug und auf dem Wege nach Paris. Beim nächsten Umsteigen folgen mir weitere Kollegen und bauen ihre Räder wieder zusammen. Wir haben 45 Minuten Wartezeit bis zum Anschluss. Am Bahnsteig sichte ich dann altbekannte  Randonneure aus Berlin: Ralf und Wolf und zwei weitere Kollegen sind auch „Abandon“. Kurzerhand beschließen wir, um die nächste Ecke zu einem Café zu rollen und uns Kaffee zu gönnen. IMG_1034

Gut gelaunte Abbrecher. „Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist“

Irgendwann gegen 19 Uhr rollen wir im Bahnhof Montparnasse ein. Mit Booking.com finde ich 200 Meter weiter ein kleines IBIS-Hotel, in dem ich sofort einchecken kann. Mein Rad darf ich vertikal in den Aufzug bugsieren und auf das Zimmer in den dritten Stock mitnehmen. Jetzt, nach überstandener Bahn-Odyssee, verspüre ich einen Bärenhunger. Duschen, frisch machen, fein machen. Und ein Restaurant suchen. 50 Meter neben dem Hotel lockt mich ein einladend anmutender Italiener zum Hineingehen. Ein schöner Platz ist frei, die Bedienung ist freundlich, das Essen schmeckt herrlich! Ein halber Liter Rotwein lässt mich in Wohligkeit versinken. Als ich schon bezahlt habe und gehen will, winken mir zwei Kollegen in Radtrikots zu, die auf der anderen Seite der Terrasse sitzen. Ich geselle mich zu ihnen. IMG_1049 Mit Stelio aus Milano und Laurent aus Bordeaux unterhalte ich mich über PBP, das Radfahren und Gott und die Welt, bis im Restaurant die Stühle auf die Tische gestellt werden. Das ist auch in Paris ein untrügliches Zeichen dafür, dass Küche und Bar geschlossen werden. Ein letztes Bier noch bringt uns die freundliche Bedienung. Umarmung, Abschied, gute Wünsche… Schön ist’s, euch kennengelernt zu haben.

Ich sinke in das Hotelbett und bin schon eingeschlafen, bevor mein Kopf das Kissen berührt hat.

Beim Frühstück am Donnerstagmorgen beschließe ich, heute eine gemütliche Stadtrundfahrt zu machen. Nach ursprünglicher Planung wäre ich jetzt auf den letzten Kilometern vor dem Zielstrich in Rambouillet unterwegs. Nun werde ich den ersten Schritt der Mutation vom Randonneur zum Kultur-Randonneur gehen. Notre Dame kommt mir als erstes Objekt vor die Linse. Irgendwie komme ich mir vor wie ein Voyeur, der nur sehen will, wie schlimm die Flammen der Kathedrale vor einigen Wochen zugesetzt haben. OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Ein langer Bauzaun ist um das Gebäude gezogen, von bewaffneten Wachleuten beschützt. Als ob irgendwer hier noch weiter zündeln wollte. OLYMPUS DIGITAL CAMERAIm Innenhof des Louvre, durch den kürzlich noch das Fahrerfeld der Tour gerauscht ist, tummeln sich die Touristen.

Paris ist eine Stadt zum Verlieben. OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Eine fernöstliche Dame lustwandelt beschirmt über die Seinebrücke beim Eiffelturm.

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In den Tuillerien warten Roller und Räder auf gehfaule Nutzer. In Paris sind die Rollerfahrer irgendwie entspannter unterwegs als im hektischen Berlin, aber vielleicht bin ja ich es, der heute besonders entspannt ist.

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Ich kann mich kaum sattsehen und fotografiere, was die Kamera hergibt. Irgendwann drehe ich in Richtung West ab, nach Versailles hin. Sanft den Hügel hinauf, dann bin ich schon auf der Allee vor dem Schloss. Alles ist hier riesig. Sanssouci kommt mir im Vergleich wie eine Spielzeugversion vor. OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Von dieser Seite ist der Zugang geregelt, aber ich weiß, dass es einen Kilometer weiter einen Zugang zum Park gibt.OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Ein freundlicher Wärter und Wächter lässt mich hinein und staunen über die kilometerweite Sichtachse. OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Und so sieht Versailles von hinten aus. Dann wende ich den Blick auf den kleinen See mit den Ruderbooten, und eine unbekannte Schöne lässt mich schon wieder den Auslöser drücken.1107E200-C59B-4C5C-96EB-0DAA318AB090

Langsam muss ich mich losreißen – noch 25 Kilometer sind es bis zum IBIS in Coignières, wo mein Reiserucksack mit Rasierzeug und frischer Wäsche wartet, den Michael mir wieder auf mein reserviertes Zimmer hat bringen lassen. IMG_1078

Ein Eis noch genießen, einen Blick noch werfen auf die herrliche Szenerie, dann trete ich wieder in die Kurbeln.

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In der Pizzeria Del Arte, mitten im Industriegebiet von Coignières, speise ich wider Erwarten köstlich und nehme mir zur Feier des Abends noch ein Fläschchen gekühlten Rosé mit als Schlummertrunk.

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Mein Endurace hat einiges erlebt in den letzten Tagen, so wie ich auch. PBP war anstrengend, war schön, mit vielen Begegnungen, mit netten Menschen – Ich muss das jetzt verarbeiten und dann einen schönen Blog-Bericht schreiben…


8 Gedanken zu “Paris – Brest – Paris, Epilog

  1. Hallo Burkhardt, auch ich weiß, wie es ist, sich total zu verausgaben, Schmerzen zu leiden und dann zu finishen. Jeder, der unseren Sport betreibt, soll und muss für sich entscheiden, wie weit er bereit ist, zu gehen. Für mich ist eine Entscheidung dann vernünftig, wenn für das Weiter fahren letztlich die eigene Gesundheit riskiert wird. Zwei Kollegen, die ich sehr gut kenne, sind 2015 bis zum Kreislaufkollaps gefahren und haben bleibende Schäden davongetragen! Das ist dann sicher nicht der Idee des Randonnierens entsprechend. Das ist dann pure Unvernunft. Deine Einschätzung, dass (ich) das Abbrechen „letztlich als Erfolg“ dargestellt hätte, entspricht weder meinem Text, noch meiner Intention. Ob jung oder alt, erfahren oder unerfahren – jeder muss für sich entscheiden, wann er aufhört. „Falsch oder richtig“ gibt es meiner Meinung nicht. Nur die eigene, persönliche Entscheidung.

    bonne route und bonne courage

    beste Grüße

    Dietmar

  2. Hallo Dietmar!

    Als regelmäßiger Konsument Deiner Raderlebnisse habe ich lange überlegt, diesen Kommentar zu schreiben. Ich (60 Jahre) habe selbst dreimal an P-B-P teilgenommen und in der Zeit gefinisht. Ich kenne den Aufwand für die Qualis und die Vorbereitung der Teilnahme an P-B-P. Deshalb bilde ich mir ein zu wissen, was es bedeutet nicht zu finishen.

    Es ist keine Schande und kein Versagen, beileibe nicht. Aber ein wenig Enttäuschung über eine Aufgabe bei einem der tollsten Langstreckenevents würde für mich dazugehören.

    Es ist das falsche Signal für jüngere Randonneure, wenn das „vernünftige“ Abbrechen letzlich als Erfolg dargestellt und kommentiert wird. Machen denn diejenigen, die sich durchkämpfen, so auch aussehen und anschließend keinen Blick mehr für das tolle Paris haben, das Falsche.

    Hut ab, vor jedem der sich daran versucht! Wir als deutsche Randonneure sollten uns jedoch nicht an den Abbrecherquoten der Asiaten orientieren, die P-B-P als Event mal versuchen.

    Burkhard

  3. Hallo Dietmar,
    danke dafür, dass Du uns wieder einmal gezeigt hast, warum wir das machen. Nicht um uns mit irgendwelchen Zahlen zu befriedigen. Sondern um das alles in großer Gemeinschaft mit vielen tollen Menschen zu ERLEBEN.
    Ich bewundere Dich dafür. Du bist ein großer Randonneur und ein begnadeter Berichterstatter!
    LG rainer

  4. Hallo Sabine und Klaus,

    wie schön, dass ihr beiden euch durchgebissen habt bis ins Ziel. Die Zeit ist dann tatsächlich weniger erheblich. Chapeau!

    Den Bericht habe ich gerade verschlungen – ich kann gut nachvollziehen, wie es euch ergangen ist, welche Gefühle euch gefangen genommen haben. Das ist PBP!!!

    Keiner, der nicht dabei war, kann das verstehen.

    bleibt gesund und munter und unternehmungslustig.

    spätestens bis 2020

    all the best

    Dietmar

  5. Hallo Dietmar,

    ich hatte mir echt Sorgen gemacht nachdem ich auf dem Tracker sah, das du in Carhaix abgebrochen hast. Umso schöner ist es zu lesen das du aus freien Entschluß dieses Brevet beendet hast. Damit beweist du echte Größe, Respekt! Und dann verwandelst du dieses Erlebnis in einen gewohnt lesenswerten Bericht. Danke dafür.!
    In Carhaix haben wir dich kurz gesehen und dann gesucht. Wir wussten das wir in St.Nicolas-du-Pelem aus unserem Zeitfenster fallen werden und übermüdet wie wir waren, wussten wir nicht so genau was das für unsere Weiterfahrt bedeutet. Da hätte dein Expertenrat sicherlich geholfen.
    Hier kannst du nachlesen wie es uns erging:
    https://www.lav-halensia.de/cms/index.php/mediathek/wettkaempfe/1146-18-08-bis-22-08-2019-19e-paris-brest-paris-1001-wellen-nach-rambouillet

    Wir sehen uns sicher auf einem Brevet im nächsten Jahr, Gruß Klaus

  6. Hallo Dietmar,
    ich denke PBP ist vor allem das Erlebnis, daran teil zu nehmen, die Begeisterung der Franzosen, das Volksfest und das ganze Drumherum – auch die Brevets im Vorfeld. Ob man am Ende bis ins Ziel kommt oder unterwegs das Ganze beendet, ist wohl nebensächlich.
    In diesem Sinne – Glückwunsch, dass Du es wieder einmal getan hast – angesichts Deiner Bilder auch in Paris – kann man kaum von „Leid“ sprechen 😉 – Schöner Bericht

  7. Lieber Dietmar, mir gefällt die Leichtigkeit in Deinen Worten, und wie aus dem „Abandon“ etwas ganz Eigenes, Neues, Unvorhergesehenes entstanden ist. Zu einem Brevet aufgebrochen, von einer Reise zurückgekehrt.
    Sehr herzlichen Dank fürs Mitnehmen auf Dein PBP! Ein eigenes hätte kaum besser sein können 🙂

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