HH-B Zeitfahren – Das Neunte

2011 war ich zum ersten Mal dabei, danach wusste ich: HH-B ist der ideale Saisonabschluss. Also habe ich keine Veranstaltung seitdem ausgelassen. An der 10-Stunden-Marke werde ich dieses Jahr nicht mehr kratzen können. Mit Anstand ins Ziel kommen heißt die Devise. Das bedeutet, mit Wolfgang und Matthias gemeinsam von Hamburg nach Berlin rollen und dabei von reichlich vielen  Teams überholt werden. Das für die Randonneurs-Psyche schädliche Passiertwerden von schnelleren Kollegen haben wir durch die späte Startzeit – 7.37 Uhr – schon einmal minimiert. Nur etwa 60 von über 300 Startern werden nach uns auf die Strecke gehen. Davon nochmal eine große Anzahl von Velomobilen, die eher Auto- als Rennradtempo fahren können.

„Lieber Dietmar, startest du bei HH-B und bietest damit die Möglichkeit eines wunderbaren gemeinsamen Radausflugs? Oder bleibst du auf der Couch???“ So nimmt mich Wolfgang am 25.8. per WhatsApp in die Pflicht. Matthias hat schon einen Tag vorher angekündigt, dieses Mal mit seinem Brompton an den Start zu gehen. Damit wir endlich das gute Gefühl genießen können, auch so schnell wie er, oder besser: nicht langsamer zu sein.

Einen Tag später haben wir drei der begehrten Startplätze per Online-Anmeldung ergattert. Startzeit 07.37 Uhr. Nach wenigen Stunden sind  über 300 Randonneure eingeschrieben. Wer es später versucht, findet sich auf der Warteliste wieder.

12. Oktober 2019, wir werden es wieder tun! Mit über 300 alten, jungen, langsamen, schnellen, neuen oder erfahrenen Randonneuren von Hamburg nach Berlin fahren. So schnell, wie ein jeder kann oder auch will.

Am Freitag vor dem Starttag treffe ich mich mit Wolfgang an der Flixbus-Haltestelle in Alt-Tegel. Der grüne Bus ist wider Erwarten fast pünktlich, und der Fahrer gönnt unseren Rädern einen Luxusplatz im Gepäckboden. Souverän und sanft bringt er uns zum ZOB Hamburg, wo wir noch bei Tageslicht unsere kleine Erstetappe von 15 km zum Hotel Alt Lohbrügger Hof unter die Räder nehmen. Der Empfang im Hotel ist wie gewohnt überaus herzlich, und das Abendessen gemeinsam mit Matthias wohlschmeckend und reichlich. Ich gönne mir drei Biere dazu, liege um 23 Uhr im Bett und schlafe wie ein Murmeltier. Um 5.45 Uhr ist die Nacht rum, 6 Uhr Frühstück, um 6.55 Uhr rollen wir los in den dämmernden Morgen zum Startort Vierländer Landhaus, 8 Kilometer. Es regnet, die Straßen sind nass, wir lassen die Räder in die Pfützen tauchen. Angenehm warm ist es – 15 Grad, so wird die Windjacke zwar nass, aber der Körper friert nicht. OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Ein Dalmatiner, ein Zeitfahr-behelmter Kollege, dann die alten Freunde an den Frühstückstischen und bei der Einschreibung. Gerald sitzt entspannt beim Kaffee. Er weiß genau, sieben Stunden später wird er in Berlin eintreffen. 2018 ist er mit einem 37-km/h-Nettoschnitt unterwegs gewesen. Wir kalkulieren mit etwa 12 Stunden. Altherrentempo, wird er sich denken. OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Pünktlich um 7.37 Uhr und keine Sekunde früher lässt uns der Mann am Starttisch auf die Strecke. Ab geht es in den vernieselten frühen Morgen. Die ersten Kilometer bis nach Geesthacht und dann über die Elbbrücke laufen locker. Wir sind warm und bleiben warm. Trotz Regen. Ich spüre die Feuchtigkeit, die meine Windjacke durchgelassen hat, aber es ist nicht kalt auf der Haut. Weiterfahren! Der Regenradar verheißt trockene Wege ab spätestens Dömitz. Und bis dort sind es noch lächerliche 90 Kilometer. OLYMPUS DIGITAL CAMERAOLYMPUS DIGITAL CAMERA

Bei Bleckede im ersten kleinen Anstieg der Strecke winken schon Frank und Bettina mit dichtmilchverschmierten Fingern. Ein fieser spitzer Splitter hat sich erdreistet, Bettinas Vorderrad zu durchpieksen. Mit vereinten Kräften lässt sich der Mantel überreden, von der Felge zu gleiten, und der Ersatzschlauch darf ins Felgenbett rutschen. Wir verabschieden uns mit besten Wünschen für pannenfreie Restkilometer.

Hitzacker, Dannenberg, Dömitz, schon haben wir die Elbbrücke erreicht. OLYMPUS DIGITAL CAMERAOLYMPUS DIGITAL CAMERA

Die Straßen sind abgetrocknet, unsere Laune ist bestens. Gleich erwartet uns die erste und einzige Kontrolle jenseits der Brücke. Kaffee, Kuchen, leckere Brötchen… PA125080.jpgPA125090.jpgOLYMPUS DIGITAL CAMERAOLYMPUS DIGITAL CAMERA

Wolfgang lässt sich das Würstchen schmecken, Matthias hat sein Brommi noch kleiner gemacht, als es schon ist, die Crew von Audax-SH zeigt sich bester Laune, und wir freuen uns über die Gesellschaft von Klaus E. , der im Jahr 2011 Paris-Brest-Paris in 60 Stunden gefinisht hat. Hier an dieser Stelle noch einmal: Lieber Klaus, Du bist ein Vorbild-Randonneur! Schön, dass wir Dich hier begrüßen konnten.

Nach mindestens zwei Kaffee, zwei Brötchen und fünf Gummibärchen steigen wir wieder auf die Räder und nehmen die noch fehlenden 180 Kilometer in Angriff. Halbzeit wird erst in der Gegend von Wittenberge sein. Genau dort erwartet uns ein trefflicher Verpflegungspunkt in Gestalt der Feldküche am Rand von Wittenberge. Wir stärken uns mit Erbsensuppe, Sülze, Pommes und Radler und Kaffee und und …IMG_1532IMG_1533.jpg

Auf solchen Touren werden aus Vegetariern Wurstvertilger. Wir versprechen, demnächst wieder der vegetarischen Küche zu huldigen. Aber geschmeckt hat es!

Am Ortsausgang von Wittenberge grüßt uns der riesige Uhrturm der ehemaligen Singer/ Veritas-Werke. Wo einst Nähmaschinen der Spitzenklasse produziert wurden, ist heute ein kleiner, bescheidener Gewerbepark entstanden. Drei Insolvenzen haben die Betreiber schon hingelegt. Möge die Zukunft besser sein als die jüngste Vergangenheit. OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Auf dem Elbdeich nach Havelberg, so habe ich den Track gelegt. Bis auf ein paar Kilometer Gravel-Passagen und etwas Pflaster in Rühstedt kommen wir gut durch. Am Osthorizont grüßt schon die Lilienthalstadt Rhinow. Es rollt gut, in der Tanke im Ort ordere ich einen Liter Cola als Dope für die letzten 80 Kilometer. Friesack, Paulinenaue, Nauen, … es rollt. In Nauen rumpeln wir durch eine Baustellenpassage, aber das kann uns jetzt auch nicht mehr beeindrucken. Es ist dunkel geworden, wir haben die Lezyne, Lupine und was auch immer für Frontleuchten eingeschaltet. Es werde Licht! Und ab geht es von Nauen über das Outlet von Wustermark an der B5 entlang hin nach Berlin.OLYMPUS DIGITAL CAMERAOLYMPUS DIGITAL CAMERAOLYMPUS DIGITAL CAMERA

Brommie-Matthias braucht noch einen  Power-Nap für die letzten 25 Kilometer. Mit dem Troytec-Race-Lieger ist er Welten schneller unterwegs, aber er wollte ja unbedingt das Brompton testen.

Um 20.33 Uhr sind wir im Ziel. Einige kommen noch nach uns. IMG_1538Die meisten sind schon im Ziel. Suppe, Bier, Quatschen … Und dann noch bis Spandau zur S-Bahn. Dann ein Absacker zu Hause, und nichts wie ins Bett. Schlummern. Zufrieden schlummern.

 

 


4 Gedanken zu “HH-B Zeitfahren – Das Neunte

  1. Hallo Peter, hab Dank für die gute Betreuung in Dömitz. Es ist immer wieder erstaunlich und wohltuend zugleich, zu erleben, wie das Team von Audax-SH mit Herz, Hand und Verstand seit vielen Jahren HH-B organisiert.

  2. Herzlichen Dank für diesen weiteren Bericht. Bewundernswert, wie konsequent Du Deine Brevets fährst. Aber nicht nur fährst, sondern auch immer wieder sehr interessant darüber berichtest. 


    Ich wollte jedoch meinen Augen nicht trauen, als ich das Faltrad sah. Der Markenname „Brompton“ hatte mir nichts gesagt, aber das Bild machte alles klar? Wieso fährt ein Mensch ca. 260 km mit einem solchen Rad? Bin zwar keine Fahrradexperte, denke aber, es ist selbsterklärend, dass Falträder einen anderen Einsatzzweck haben (Stadtverkehr, bequeme Mitnahme im ÖPNV, etc.). Was sollte das Faltrad beweisen? Die Auflösung des Rätsels gibt Du dankenswerter Weise selber, wenn Du schreibst: „Brommie-Matthias braucht noch einen  Power-Nap für die letzten 25 Kilometer. Mit dem Troytec-Race-Lieger ist er Welten schneller unterwegs, aber er wollte ja unbedingt das Brompton testen“. Also es war ein 260 km-Test! Sonst scheint er im Liegerad zu fahren:
    Liegerad Brompton: welch große Amplitude!

    Ein wenig verwundert mich die wiederholte Erwähnung schneller Zeiten jüngerer Teilnehmer. Es hat eben jeder ein unterschiedliches Alter und einen unterschiedlichen Trainingszustand!

    Mein lieber Randonneurdidier! Es ist gerade Deine Gelassenheit und Souveränität, die anziehend wirkt, verbunden mit Deinen nützlichen technischen Infos. Du glaubt nicht wirkungsmächtig Deine in sich ruhenden Berichte über Deine in sich ruhenden Brevets und Erlebnisse für andere, insbesondere für mich sind Das Jüngere schneller sind, dies ist vernachlässigenswert oder sekundär. Originär sind Deine Erfahrungen und Berichte sowie Bilder, die Du zum Teil schön selbstironisch präsentierst. Auch heute und bei dieser Gelegenheit bin ich hierfür dankbar. Ohne Deine Berichte hätte ich selbst B-HH nie gemacht! gf

  3. Hallo Dietmar,
    es ist schön das ihr drei heil nach Berlin gekommen seit.
    Es hat mich auch gefreut dich einmal persönlich kennen gelernt zuhaben.
    Mit radsportlichen Grüßen
    Peter Pirk

  4. Hatte mich leider bei der Anreise verschätzt, so konnte ich nur noch Gerald beim Start alles Gute wünschen und hab mich dann allein auf den Rückweg gemacht. Beim Start in Berlin hatte ich noch auf Windschatten einiger Gruppen gehofft. Bin dann 20 Uhr in Nauen in die Bahn, wollte nicht mehr übermüdet durch die Stadt. Danke für deine Zeilen.

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