Schattenrisse

Wenn es nieselt, wenn es grieselt, bei Temperaturen um den Nullpunkt herum, dann ziehe ich das Wandern dem Radfahren vor. Der Aktionsradius ist kleiner, der Blick in die Natur intensiver. So mache ich es heute.

Im Kindelfließ säumen Schwarzerlen die Entwässerungsgräben. Weiter draußen, auf der weiten Wiese, steht eine Huteeiche aus alter Zeit.

Der Hauptstamm misst mehr als fünf Meter im Umfang. Gewitter oder Stürme haben den oberen Teil irgendwann weggerissen. Dann hat sich ein stattlicher Seitentrieb entwickelt. Die Eiche hat sich von den Verletzungen erholt und bietet den Schafen und Pferden im Sommer immer noch kühlenden Schatten.

Wenige hundert Meter weiter, am Rande des Kindelwaldes, steht versteckt eine mächtige Stieleiche. Schon oft habe ich sie besucht und meine Hände auf die mit Spinnweben verzierte Borke gelegt.

In Brusthöhe gemessen, hat der Riese etwa sechs Meter Umfang. Seit mindestens 400 Jahren hat er hier schon Dürren, Überschwemmungen, Kälte und Trockenheit, Kriege und Friedenszeiten überdauert und erlebt.

Auf der Koppel des Reiterhofes stehen das ganze Jahr über Pferde. Einige haben bereits ihr Winterfell entwickelt, nur die Reitpferde mit ihrem dünnen Sommerfell sind auf wärmende Decken angewiesen. Die robusten Ponys scheint die Kälte nicht zu beeindrucken.

Hinter der Koppel erstreckt sich eine herrliche Allee von Feldahorn, Pappeln, Eichen, Kastanien und einigen Linden. Eine ziemlich wilde Mischung unterschiedlicher Arten. Vor 150 Jahren ist hier jemand offensichtlich sehr kreativ gewesen.

Einige Flachwurzler wie Kastanie und Erle hat ein Sturm im vergangenen Jahren umgeworfen. Andere, deren Stammsegmente eine schöne Sitzmöglichkeit bieten, liegen hier wohl schon länger und werden von Käfern, Pilzen und anderen Lebewesen bewohnt.

Irgendwo im Nebel verborgen sind Kraniche zu hören. Zu Gesicht bekomme ich keinen. Graugänse sind noch auf der Reise in südliche Gefilde und schnattern um die Wette. Rabenkrähen stelzen futtersuchend über die Felder. Einige sitzen hoch oben in den Bäumen und rufen weithin zu hören ihr kra, kra, kra.

Die Baumgruppen auf den sanften Wellen des Niederbarnim sehen aus wie Scherenschnitte.

Die Natur begibt sich in den Winterschlaf. Im moorigen Boden wühlen noch Maulwürfe und arbeiten sich warm. Nie sind sie zu sehen. Nur die frisch aufgeworfenen Hügel zeugen von ihrem Dasein. Zwei Rehe bringen Farbe ins Schwarz-Weiß.

Am Ortsrand tauche ich wieder ein in die Welt der Laubbläser und Heckenschneider. Fast an jeder Grundstücksecke ragen Glasfaserkabel aus dem Boden und warten darauf, demnächst Filme, Facebook, Twitter und Homeoffice-Daten mit Hochgeschwindigkeit zu transportieren. Hoffentlich hält die Denkgeschwindigkeit der Nutzer mit.

Die auf einem Wohngrundstück abgestellten Autos mit inliegendem Schrott muten an wie eine Kunstinstallation. „Ist das Kunst, oder kann das weg?“ Das muss weg!

2 Kommentare zu „Schattenrisse

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  1. Ach, schöne Impressionen, mein Guter. Danke dafür.
    Eine schöne Weichnachtszeit.
    Liebe Grüße
    rainer

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