Alcide und das Topstone haben eine warme Nacht im Konferenzraum genossen. Peter und ich fühlen uns nach dem Frühstück im Best Western gestärkt und bereit, die Schlussetappe unserer Allwetter-Tour anzugehen.
Es ist noch frisch um neun Uhr, aber die Sonne lacht. Nach Norden rollen wir gut gelaunt hinaus aus der Stadt. Edemisssen, Alvesse, Hillerse – kleine Ortschaften, die irgendwie vor sich hin schlummern. Menschen sind kaum zu sehen, dafür rauscht der Autoverkehr auf der Landstraße.

In Leiferde wacht seit ca. 300 Jahren die Bauerneiche. Davor steht ein Gedenkstein, dessen Bedeutung mir erst KI erklärt: Er weist auf das hundertjährige Jubiläum der Völkerschlacht bei Leipzig hin. Und die fand im Jahre 1713 statt. So, nun wissen wir das auch. Wenngleich Leipzig weit entfernt ist von diesem Baum, der allerdings wohl schon als noch jugendliche Eiche zu Zeiten der Niederlage von Napoleon hier seine Wurzeln schlug.
Ibbesbüttel, Ausbüttel, Isenbüttel, Allerbüttel… Diese Ortsnamensendung bedeutet so viel wie „Haus“ , „Hof“ oder „Siedlung“.

In Edesbüttel schließlich treffen sich Elbe-Seitenkanal und Mittellandkanal, dem wir ab hier wieder nach Osten hin folgen. Bald kommt die Volkswagenstadt in Sicht.

Das Volkswagenemblem ist neu, der schmucklose Kasten aus den 50er Jahren mit 13 Stockwerken wurde 2016 renoviert und wird weiterhin im obersten Stockwerk für den Vorstand genutzt. Am Mittellandkanal folgen jetzt 1,3 Kilometer Volkswagenwerk. Immer am Zaun entlang rollen wir nach Osten – bis der Weg abrupt endet. Uff! Es gibt keine andere Möglichkeit, zum Bahnhof auf die andere Kanalseite zu gelangen, als den gesamten Schotterweg wieder zurückzurollen. Peter flucht genauso wie ich. Schließlich können wir über eine Brücke auf die Bahnhofsseite wechseln, wo wir in den Zug nach Barleben steigen.

In Barleben nehmen wir Kurs Nord, und schon nach zwei Kilometern sind wir am Kanal, den wir allerdings erst einmal per Treppe erklimmen müssen, bevor wir ihn zu Gesicht bekommen. Ich will Peter unbedingt das Wasserstraßenkreuz zeigen und dann die längste Kanalbrücke der Welt!





Ein Meisterwerk der Wasser- und Brückenbauer! Höchst beeindruckend. Hier endet der Mittellandkanal und wird zum Elbe-Havel-Kanal.

Bis zum Städtchen Burg genießen wir Wasser, Wolkenhimmel und blaue Brücken. Zwischen Kanal und Bahngleisen, inmitten von alten Fabrikgebäuden und Autowerkstätten, finden wir das Hotel „Villa Wittstock“. Die Lage ist nicht gerade einladend, aber das Haus aus dem Jahre 1900 ist aufwändig restauriert und erstrahlt zwischen den anderen grauen Mauern in frischem Gelb. Das Eigentümer-Ehepaar hat dem alten Gemäuer in jahrelanger Arbeit zu neuem Glanz verholfen und mit historischen Möbeln und Bildern ausgestattet. Wir treffen auf den Hausherrn, der uns in Arbeitskleidung begrüßt. „Es gibt immer noch etwas zu tun, und bitte auf keinen Fall mit den Rennradschuhen die Fliesen betreten!“ Wir sind brav. Unsere Räder bekommen einen sicheren Platz in der Garage, die mit Baumaterialien vollgestopft ist. Dann kommen wir aus dem Staunen kaum mehr heraus: Stuck, Deckenleuchter, Riesensessel, verstellbare Betten …




Das Erlebnis Burg findet am Abend den gebührenden Abschluss im griechischen Restaurant Meteora, bei dem zwar der Eingang nur schwer zu finden ist, dafür aber Einrichtung, Essen und Bedienung vorzüglich sind.

Das „Burg-Theater“ hatte ich eigentlich in Wien verortet. Nun staunen wir über die Spielstätte gleichen Namens in Sachsen-Anhalt.
Am Samstagmorgen ist es zwar wieder frisch, aber die Sonne lacht, und der Wind ist zum lauen Lüftchen geworden. Da können wir doch gut noch ein paar Kilometer in Richtung Berlin machen.

Aber halt: Vor den Toren Berlins warten noch Potsdam und der Schlosspark Sanssouci – der mittlerweile für Radfahrer komplett gesperrt ist! Räder und Radler müssen draußen bleiben. Also bleibt uns nur der Blick auf das Neue Palais und die Communs. Peter staunt und schaut. Potsdam hat ja schließlich noch mehr zu bieten:



Der Park um das Schloss Cecilienhof ist erfreulicherweise auf einer Radroute befahrbar. Also radeln wir hindurch und steuern gezielt die „Meierei“ am Jungfernseeufer an. Hier gibt es leckeres Augustiner-Bier.

Gestärkt und guter Laune starten wir auf die Schlusskilometer unserer Allwetter-Tour. Am Wannsee entlang, dann auf den Kronprinzessinenweg, wo reichlich Radler und Randonneure unterwegs sind. Fast schon wehmütige Gefühle ergreifen mich: Wie oft bin ich hier nach den Brevets zielwärts hin zum Amstelhouse nach Moabit gefahren! Angekommen in Berlin, tauchen wir ein ins Großstadtgetümmel.


An der Gedächtniskirche gönnen wir uns noch eine „Original Berliner Currywurst“, um dann in die S-Bahn gen Frohnau zu steigen.


Die Bilanz von sechs Tagen Wind, Regen, Sonne und frischen Lüften:
420 Kilometer per Rad und 670 Kilometer per Bahn und Deutschland-Ticket. 63 gut investierte Euro. Peter und ich planen schon die nächste Tour: Im Herbst die Elbe, die Oder … oder so…
