Berlin im Winterlicht – eine kleine Fototour

1. Februar, 10.00 Uhr. Aus dem Wolkengrau macht die Sonne Himmelblau. Das Thermometer zeigt vier Grad an, mein Cannondale Taurine ist froh, dass ich es aus dem Winterschlaf wecke. Ich habe Lust auf eine kleine Fototour mittenhinein in die große Stadt. Im Zickzack rolle ich mit der Sonne im Südosten als Wegweiser. Schnell bin ich in Afrika, genauer im Afrikanischen Viertel im Wedding, wo schon 1929 die Architekten Mebes, Emmerich und Bruno Taut die Friedrich-Ebert-Siedlung entwarfen und bauten: erschwinglicher Wohnraum, modern, zeitlos. Wohnungen mit 44 bis 62 qm Fläche und mit Zentralheizung, die über Balkon oder Loggia, dazu ein Bad verfügten. Innerhalb von nur zwei Jahren Bauzeit entstanden über 1400 Wohnungen. Auch heute, fast 100 Jahre später, wirkt die klare Formensprache modern und zeitgemäß.

Friedrich-Ebert-Siedlung im Wedding

Ich lese die Namen Ghana-, Togo- und Swakopmunder Straße. Volkspark Rehberge, Plötzensee mit seiner unrühmlichen Geschichte, dann bin auf dem Radweg am Spandauer Schifffahrtskanal, der über den Invalidenfriedhof zum Hamburger Bahnhof, dem Hauptbahnhof, an der Charité vorbei ins Regierungsviertel führt.

Ich rolle am Hauptbahnhof und dem herrlich spiegelnden City-Cube vorbei und bin wieder einmal fasziniert von der Architektur. Start-Stopp-Foto, Start-Stopp – nächstes Motiv und so weiter. Es ist immer wieder ein Erlebnis, hier hindurchzukurven. Das Winterlicht und der dynamische Wolkenhimmel beleuchten die Szenerie filmreif. Unter den Linden tauche ich ein ins alte Berlin mit Humboldtuniversität, Oper und Berliner Dom; Friedrich der Große sitzt, den Dreispitz auf dem Kopf, den Blick nach Osten gerichtet, auf seinem Lieblingspferd Conde. Die mächtige Bronzeplastik ist ein Meisterwerk von Christian Daniel Rauch, geschaffen 1839-51.

Hier, an der Museumsinsel, an der Schlossbrücke, am Humboldtforum, ist für mich Berlin am schönsten. Also kurve ich noch ausgiebig herum und lande vor der Baustelle des Einheitsdenkmals, genannt Einheitswippe. Allein: Es wippt noch nichts! Beschlossen vor 16 Jahren, Baubeginn vor drei Jahren… Und bis heute eine Baustelle! Blamabel! Peinlich! Einfach nur übel.

2,5 Mio € fordert die Baufirma nach, weil die Kosten gestiegen seien, und der Bund tut sich offenbar schwer, Mittel nachzuschießen. Jetzt ist also Pause, bis Geld und Material kommen.

Beeindruckt von so viel Schnelligkeit und Entschlusskraft setze ich mich wieder auf mein Taurine und schaue mir die Vorderseite des Stadtschlosses und das Replikat des altindischen Sanchi-Tores an. Demnächst werde ich mir dann das Museum für Asiatische Kunst im Humboldtforum gönnen. Heute lehne ich mein Taurine vorsichtig an den Sockel und suche die beste Fotoperspektive.

Wie klein doch der Fernsehturm ist, obwohl er mit einer Höhe von 368 Metern das höchste Bauwerk Deutschlands ist. Bei der Fertigstellung 1969 der ganze Stolz der DDR. Geradezu mitleidig wurde der nur 148 Meter messende Messeturm in Westberlin belächelt. Allerdings steht der schon seit dem Jahre 1926.

Ein paar Meter weiter begrüße ich die Herren Marx und Engels auf dem gleichnamigen Forumsplatz. Gegossen in „Dünnschichtbronze“, sitzen die Erfinder des Sozialismus seit April 1986. Geschaffen vom Bildhauer Ludwig Engelhardt. Das beliebte Fotomotiv haben die Berliner prompt „Sacco und Jacketti“ getauft.

Karl Marx und Friedrich Engels schauen nach Osten, hatten also schon bei der Einweihung ihres Gedenkmonuments dem ehemaligen Palast der Republik, auch „Palazzo Prozzo“ genannt, den Rücken gekehrt.

Im Blick haben die beiden zwei überaus unterschiedliche Kunstwerke: zum einen acht Stelen aus Edelstahl mit eingeätzten Fotos – auf einem Erich Honecker inmitten freundlicher DDR-Bürger. Andere zeigen Menschen von Arbeiteraufständen auf der ganzen Welt. Daneben die Bronzereliefs “ Die Würde und Schönheit freier Menschen“ der Mecklenburgischen Künstlerin Margret Middell.

Die Doppelstelen mit dem Sichtspalt bieten sich an für Fotos durch sie hindurch mit Blick auf den Fernsehturm.

Ich nehme ein paar Schlucke aus der Trinkflasche und wecke das Taurine wieder auf. Nächste Station: Potsdamer Platz. Ein Ort, den ich vor 25 Jahren bei der Eröffnungsfeier erlebt habe, an dem ich fast 10 Jahre meines beruflichen Lebens verbracht habe, oft bis in die Nacht hinein. „Der Daimler“ war der Hauptinvestor des „Neuen Potsdamer Platzes“. Und so zog der gesamte deutsche Mercedes-Vertrieb von Stuttgart nach Berlin. Nicht alle haben sich gefreut … Heute blicke ich zurück mit etwas Wehmut auf die Zeit im Richard-Rodgers-Gebäude mit dem markanten Eckturm.

Das Arkaden-Einkaufszentrum, das sich längs zwischen den Gebäuden erstreckt, war in den 2000er Jahren ein echter Publikumsmagnet. Aus meinem Büro konnte ich hinüberschauen zum Marlene-Dietrich-Platz vorm Musical-Theater und die Berlinale-Stars auf dem roten Teppich von oben betrachten. Der Daimler hat seinen Teil des Platzes schon 2016 an einen US-Investor verkauft und ist zum Ostbahnhof umgezogen.

Der Verkehrsturm steht seit 100 Jahren am Potsdamer Platz. Als erste Verkehrsregelanlage dieser Art in Deutschland. Der Vorläufer der heutigen Ampelanlagen.

Als ich wieder gen Westen, Richtung Philharmonie vom Platz rolle, grüße ich die herrliche Skulptur „The Boxers“ von Keith Haring, die hier seit 1987 steht und immer noch leuchtet und wirkt. Bald ist wieder Berlinale, und der Platz wird sich wieder wie neu anfühlen.

Als ich den Westhafenkanal nach Norden quere, lese ich auf dem Geländer den für mich passenden Spruch des Tages: „Some souls feel each other, even miles apart“

Weiter geht es durch Schrebergartenkolonien hin zum Ex-Flughafen Berlin-Tegel

In Tegel habe ich schon oft die riesigen „Mural Art“- Hochhausmalereien fotografiert. Heute gefällt mir dieses Kunstwerk des Künstler-Teams London Police am besten: Es verströmt spontan gute Laune und bringt mich frohgemut wieder nach Hause.

Rollen, schauen, staunen, Neues entdecken, Schönes und Schauerliches sehen, zurückblicken, und dann wieder nach vorn. Dort ist die Zukunft!

Ganz langsam durch die Barnimdörfer

Kann ich es noch? Geht es noch? Ja, das Radfahren meine ich. Seit dem 6. November bin ich mehr Kilometer gewandert als pedaliert, 180 km per pedes. Und meine Räder standen traurig im Keller. Als der Wetterbericht für den 18. Dezember weder Schnee noch Regen vorhersagt, hole ich mein Cannondale Taurine aus dem Gartenhaus und bringe erst einmal die 33er Crossreifen von schlappen zwei Bar wieder auf komfortable 3,5 Bar. Dann klemme ich die alte Sigma-Frontleuchte an den Lenker, und an die Sattelstütze klemme ich die helle Lezyne pro.

Um 11 Uhr rolle ich los, eingepackt in lange Hose, Winterjacke und hohe Winterschuhe. Dann noch den Merinobuff und die bewährten Röckl-Handschuhe. So war ich schon oft bei Minusgraden unterwegs. Schaun mer mal, ob es noch läuft.

Schönfließ, Schönerlinde, Schönwalde, Schönow … Warum beginnen diese Orte mit der Bezeichnung „schön“, sinniere ich bei den ersten Kilometern ostwärts. Die ehemaligen Kolonistendörfer haben eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Fleißige Tuchmacher, die die Preußische Armee mit Uniformstoffen belieferten, sorgten für Wohlstand und Ansehen. Die schönsten Häuser stammen noch aus der Zeit Friedrichs des Großen, der die Gründungsurkunde des Dorfes im Jahr 1753 unterschrieb. Sie haben die wilden Zeiten der Kriege überdauert.

In Schönerlinde passiere ich das riesige Klärwerk, das die Hobrechtschen Rieselfelder überflüssig machte und neuerdings sogar den Strom für die Anlagen aus einem Bockheizkraftwerk, das aus den Abwässern nachhaltige Energie erzeugt.

Auf dem Wege von der Siedlung Waldfrieden nach Bernau steht seit mindestens 10 Jahren dieses gleichsam seltsame wie überflüssige Warnschild:

Weder Radfahrer noch Fußgänger würden auf die Idee kommen, vom Wege abzubiegen, sich durchs Unterholz zu arbeiten und die „fehlende Brücke“ zu suchen.

In Bernau, dessen Altstadt von einer gut erhaltenen mittelalterlichen Mauer umgeben ist, sind die Vorbereitungen für einen Weihnachtsmarkt in vollem Gange. Viel Zeit bleibt auch nicht mehr! Dann verlasse ich das hübsche Städtchen nach Norden und kurbele über Danewitz nach Biesenthal. Hier werfe ich einen Blick in das Schaufenster von HNF-Nicolai, einem Fahrradhersteller, der eine sehr dynamische Geschichte hat. Michael Hecken, der in der Wehrmühle wohnt und seine Ideen produziert, hat sein Unternehmen neu aufgestellt: Hero Cycles aus Indien ist seit zwei Jahren sein Partner und soll mit Kapital und Marketing-Know-how den nächsten Schritt der Entwicklung zum großen Hersteller ermöglichen. Ich bin gespannt. Der kleine Laden mit einem sehr bescheidenen Auftritt und wenigen ausgestellten E-Bikes, ist jedenfalls noch kein Vorzeigeobjekt.

HNF-Schaufenster in Biesenthal

Biesenthal ist mittlerweile sehr ansehnlich geworden. Das Café Auszeit hat mich schon einige Male gelockt, war aber nie geöffnet, wenn ich vorbeikam. Und ein klein wenig fies ist es schon von mir, wenn ich jetzt ausgerechnet eins der wenigen noch nicht aus dem historischen Schlaf erweckten Gebäude zeige:

Nach Norden führt mich mein Weg weiter durch den Wald über die bucklige Landstraße hin nach Sophienstädt mit dem Gasthof Sophienquell, der über Jahre vor sich hin verfiel. Aktuell wird hier gewerkelt, improvisiert und verschlimmbessert. Ein kleines Transportunternehmen hat sich auf dem Grundstück niedergelassen. Die Inhaber haben ihrer Kreativität freien Lauf gelassen und allen Weihnachtsschmuck, der irgendwo übrig war, neu gruppiert, aufgehäuft, angebunden, mit Schleifen verziert und und und. Über Geschmack lässt sich bekanntlich NICHT streiten. Hier zur Illustration Elefanten mit Schleifen und ein Paketberg mit Geschenken hinterm Gartenzaun.

Auf den nächsten Kilometern erhole ich mich langsam von diesen wundersamen Eindrücken. Weiter rolle ich durch Ruhlsdorf und dann nach Zerpenschleuse, wo ich im Spätsommer noch ein leckeres Eis in der Eisschleuse genießen durfte. Unweit vom geschlossenen Café entdecke ich mein nächstes Fotoobjekt. Ein altes Siedlerhäuschen, das auf seine Restaurierung wartet:

In Zerpenschleuse biege ich nach Süden ab. Nächster Halt ist Wandlitz, wo ich beim Bäcker Franke einen großen Milchkaffee und ein Stück Apfelkuchen genieße. Während ich mich aufwärme und die Kalorienspeicher auffülle, lausche ich dem Gespräch zweier Männer, die gut vernehmlich einen qualitätsvollen Diskurs über Migranten und die sonstige politische Lage führen. Fast bin ich versucht, mich zu beteiligen. Aber nein, besser nicht. Lieber schaue ich mir die an der Wand steckenden BILD, BZ und MOZ an. Mit einem Blick bin ich wieder „up to date“.

Körperlich und geistig gestärkt, verlasse ich die gastliche Stätte und mache mich auf die letzten 20 Kilometer meiner Tour de Niederbarnim. Letzter Halt Schönfließ ( noch ein Ort mit Schön drin) und dem gastierenden Ostfriesland-Weihnachtszirkus. Dunkel ist es geworden, die Lichtgirlanden verstrahlen Weihnachtsstimmung.

Zu Hause angekommen lasse ich die 91 Tageskilometer Revue passieren. Heute habe ich sehr selektiv die weniger attraktiven Seiten dieser Gegend vor die Linse genommen. Wissend, dass hier in der Überzahl Schönes und Sehenswertes zu entdecken ist.

Wie sagte schon Antoine de St. Exupéry im Kleinen Prinz: „Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

Das Gute liegt so nah

Willst du immer weiter schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah. Lerne nur das Glück ergreifen, Denn das Glück ist immer da.“

In seinem Vierzeiler „Erinnerung“ schreibt Goethe genau das, was ich bei meiner kleinen Wanderung heute empfinde. Nur wenige Schritte sind Kindelwald und Kindelfließ entfernt. So kann ich in wenigen Minuten den Duft des Waldes erreichen, das bunte Herbstlaub bewundern.

Die Spitzahorne haben ihre Blätter abgeworfen, in herrlichen Gelb- Braun- und Rottönen lachen sie mich an. Das Kindelfließ ist dicht bedeckt mit grünen Wasserlinsen, auch Entengrütze genannt. Eine ideale Projektionsfläche für die Schatten der Erlen auf der südlichen Seite des Wasserlaufs.

Das Kindelfließ trennt den Kindelwald vom Moorgebiet um den Kindelsee. Hier tummeln sich Kröten, Lurche, Biber, Enten und können nicht von aufdringlichen Menschen gestört werden. Keine Brücke führt über das Fließ.

Die Nacht vom 21. auf den 22. November war frostig, im Schatten hält sich eine feine Eisschicht, die Wasserlinsen glitzern im Sonnenlicht.

Licht, Farben und die Düfte des Waldes und der Wiese – ich laufe langsam, atme tief und genieße. Über einen kleinen Damm quere ich das Kindelfließ hin nach Süden. Der Weg führt durch einen kleinen Ahornwald, an dessen Wiesenrand eine riesige alte Stieleiche wacht. Sicher mit einem Umfang von fünf bis sechs Metern, sie steht also mindestens seit 300 Jahren hier. Der Stamm ist zerfurcht und knorrig und dient einem kleinen Waldwichtel-Zwerg als Behausung. Vor Jahren hat ihn ein Baum- und Märchenfreund hier hineingesetzt. Viele Male habe ich ihn schon besucht und war erstaunt, ihn immer noch unversehrt zu erleben. Neuerdings ist vor ihm eine „Taufurkunde“ mit zwei stabilen Bügeln befestigt.

Waldwichtel samt Taufurkunde

Mein Weg führt mich hinüber nach Schildow und zum Tegeler Fließ mit dem Köppchensee und den Niedermoorwiesen bei Lübars.

Der Köppchensee blickt auf eine wechselvolle Geschichte zurück: Enstanden durch Torfabbau, wurde er danach teilweise als Müllkippe genutzt. Bis zum Bau der Berliner Mauer. Die nächsten 40 Jahre gaben dem Gebiet Zeit, sich in ein besonderes Biotop zu verwandeln. Heute kann man hier Reiher, Schwäne, Enten, Frösche und reichlich anderes Getier beobachten.

Schon bald erreiche ich Lübars, das älteste Dorf in den Berliner Stadtgrenzen. Ja, Lübars gehört zur Großstadt Berlin. Kaum zu glauben, denn Alt-Lübars hat so gar nichts mit Berlin gemein. Den historischen Ortskern ziert die schlichte Kirche mit dem mächtigen Maulbeerbaum neben dem Seiteneingang, gepflanzt in der Zeit des Alten Fritz um 1780. Einstöckige Häuser mit Stuckfassaden aus dem 19. Jahrhundert, daneben Reiterhöfe in Reihe. Lübars ist heute ein Reiterdorf.

An den Pferdekoppeln vorbei wandere ich nach Westen, vor mir schon im Blick die „Skyline“ der Schwarzwald-Hochhaussiedlung im Ortsteil Waidmannslust. Architekten wie Hans Scharoun und Paul Kleihues haben die Riesenklötze entworfen.

Schon bin ich wieder am Tegeler Fließ, das hier den Verlauf der ehemaligen Grenze genau markiert. Lübars gehörte zu Westberlin, Glienicke-Nordbahn und Schildow lagen in der DDR. Heute führt ein Wandersteg durch die Eichwerder-Moorwiesen hinüber in den Speckgürtel der großen Stadt. Grün und ruhig gelegen.

1500 Meter sind es noch bis vor meine Haustür. Zuerst grüße ich noch die alte Stieleiche am Pirschgang, dann staune ich über eine ganze Kolonie von Feuerwanzen, die sich auf der Borke einer Linde sonnen.

Fast 14 Kilometer bin ich heute durch die Herbstnatur gelaufen. Ein Genuss für Körper und Seele!

https://www.strava.com/activities/10262218700/overview

Vom Spätsommer in den Herbst – eine kleine Bilderreise

Herbstanfang. Alte und junge Schwäne suchen Nahrung am Boden des Finowkanals. Gründeln nennt man das.

In Zerpenschleuse rolle ich am Trödel entlang in Richtung Liebenwalde. Beim Café Emma Emmelie hängt dekorativ Häkelunterwäsche an der Leine. Der Froschkönig schaut zu.

In Liebenwalde biege ich wieder nach Süden ab und folge dem Radweg „Berlin-Kopenhagen“. In Friedrichsthal führt seit einigen Jahren eine Brücke über den Oder-Havel-Kanal, dort, wo früher eine Personenfähre fuhr. Die Gastwirtschaft Alte Fähre erinnert daran. Ich genieße ein tschechisches Bier aus wohlgeformtem Glase.

Eine Woche später rolle ich mit Wolfgang durch die Barnimwellen an die Oder, schlecke Eis und schlürfe Bier. Dazu Naturgenuss vom Besten.

Am 14. Oktober freue ich mich über die Finisher des Zeitfahrens Hamburg-Berlin, das ich selber neun Mal absolviert habe. Heute genieße ich meinen Altersbonus und kann die alten und neuen Randonneure in Alt-Gatow in Empfang nehmen.

Mit Ole und Olaf, Matthias, Christoph und Tino genieße ich leckeres Bier, wärme alte Geschichten auf und kurbele in der Nacht wieder heim.

Am 17. Oktober kurbele ich mit dem Taurine kreuz und quer durch Berlin. Auf dem Alexanderplatz sind Polizei und Reinigungsdienste im Einsatz. Klimachaoten haben sich an der Weltzeituhr vergriffen.

4. November, ich nutze den herrlichen, milden Tag und fahre hinein in den Mühlenbecker Forst mit seinem mittlerweile rotbunten Laubwald. Mitten drin das Schloss Dammsmühle. Eine ganze Reihe von Investoren arbeiten sich einigermaßen wirkungslos an dem Projekt ab. Wird es ein Hotel, eine Tagungsstätte, oder bleibt es eine halbfertige Ruine? Wer weiß es.

Herrlich, die alten Wälder mit Eichen, Buchen, Ulmen. Die Flatterulme in Ladeburg soll über 500 Jahre alt sein und hat einen Umfang von über 9 Metern. Was hat der alte Riese wohl schon erlebt und gesehen?

Ein harter Brocken – ein Blick zurück zum 600er im Jahre 2016 – schön war die Zeit!

Diesmal steht der „Höhepunkt“ der Brevet-Saison auf dem Programm: rauf auf den Brocken mit langem Anlauf. Rauf auf den höchsten Berg Norddeutschlands. Rauf auf 1142 Meter überm Meer.

„Viele Steine, müde Beine, Aussicht keine, Heinrich Heine“, so hat sich angeblich schon Heinrich Heine im Jahr 1824 im Gipfelbuch verewigt.

Zurück zum Start: Berlin zeigt sich an diesem Samstagmorgen von seiner freundlichen Seite. Milde 10 Grad zeigt mein Außenthermometer zu Hause um 5 Uhr, sanfter Nordostwind ist angekündigt. Niederschlag ist keiner zu erwarten. So packe ich eher dünne Sachen ein, trotzdem aber auch eine Regenjacke und Regenüberschuhe. Der Brocken ist immer für eine Überraschung gut!

Im Amstelhouse schreiben sich um die 40 bis 45 Starter in die Liste ein. Distanz und Streckenprofil haben für eine gewisse Selektion gesorgt.

625 Kilometer und ca. 4800 Höhenmeter sorgen für Respekt. Ralf ( 1001 Miglia Finisher), freut sich wahrscheinlich schon wie Bolle auf die ersten Anstiege.

Um kurz vor sieben machen sich die ersten auf die Strecke. Matthias, Peter und ich starten in der zweiten Gruppe zehn Minuten später.

Rainer gibt besonders im Gegenlicht der frühen Sonne ein wunderbares Fotomotiv ab. Die ersten fahren schon in „kurz-kurz“ ab. Mir ist es noch zu kalt – die Bein- und Armlinge bleiben erstmal dran. Entblättern kann ich mich noch früh genug bei der ersten Kontrolle in Beelitz.

Durchtrainierte Körper, definierte Waden – Der Kollege mit dem Regione-Piemonte-Fausto Coppi-Trikot hat augenscheinlich einen exzellenten Trainingszustand.

Um 8.53 Uhr erreichen wir Beelitz: Erster Stempel heute. Kein Kaffee, kein Brötchen, weiterfahren! Nur Peter verkündet, dass er umkehren will. Sein geliebtes iPhone will und will keine Netzverbindung aufbauen, und er hat wohl das mögliche Szenario einer Panne nachts mitten im Harz, allein auf weiter Flur, im Kopf. Ohne Telefon. Wir können ihn nicht überreden, weiterzufahren.

Auf den nächsten 80 Kilometern bis nach Zerbst bleibe ich eine Weile bei den Schnellen, lasse aber dann doch abreißen. Ich will und ich darf nicht meine Kräfte schon vorm Harz verpulvern. In Zerbst fülle ich meine Trinkflaschen auf – ich habe brav bis hierher 1,5 Liter Traubenschorle in den Körper geschüttet. Und ein Salamibaguette lacht mich an. Da muss ich gar nicht meine Vorräte angreifen. Lange Kilometer bin ich allein auf weiter Flur. Bin ich bei einem Brevet unterwegs?? Dann kommt die Elbfähre in Tochheim in Sicht. Schlechtes Timing: Die schnelle Gruppe hat soeben abgelegt und grüßt über die Elbe herzlich ( natürlich kein bisschen schadenfroh) zurück. So komme ich zu einer wohlverdienten Pause, reiße ein Snickers auf und vertilge es genüsslich. Matthias und ein weiterer Randonneur rollen heran.

Auf der Fähre sind wir dann zu dritt und wieder ein kleines Team. Zig Kilometer bin ich schon hinter, neben und selten auch vor Matthias mit seinem schnellen Troytec-Lieger gefahren.

Ein paar Kilometer weiter stehen wir unvermittelt in einer Baustelle.

Wo bisher eine Brücke stand, klafft jetzt ein Wassergraben mit herausstehenden Brückenstümpfen. Unser Begleiter meint trocken: Nimm dir ein Brett und schwimm rüber! Wir entscheiden uns für den Rückzug aufs Trockene und fluchen über den Zwangsumweg.

Bei der Suche der kürzesten Strecke hin zum Ursprungstrack lotse ich Matthias über einige Kilometer Plattenweg mittlerer Qualität. Als wir wieder „auf der Spur“ sind, dann die nächste Überraschung: Die Straße nach Calbe ist auch gesperrt. Weil wir nicht nochmal vorm Wasser stehen wollen, entscheiden wir uns, über Nienburg nach Staßfurt zu fahren, und werden dafür mit einer knackigen Baustellen-Pflasterpassage belohnt. Macht nichts, das härtet nur ab. Auf der Suche nach einem „Pausen-Café“ fahren wir und fahren wir und fahren wir. In Quedlinburg gönnen wir uns leicht gefrustet von der Anhaltinischen Servicewüste in einer Tanke Kaffee und Brötchen. Obwohl, das muss gesagt werden, die Altstadt von Quedlinburg überaus sehenswert und gastlich ist. Davon konnte ich mich in einem Kurzurlaub im  Jahr zuvor überzeugen. Heute haben wir es eilig und lassen das historische Kleinod links ( eigentlich doch rechts) liegen. Der nächste Kontrollpunkt ist Blankenburg am Fuße des Harzes. Kilometer 221. Um kurz vor fünf arbeiten wir uns bei Heimburg in die erste Rampe hinein. Matthias lässt mich langsam davonziehen. Schön, dass ich auf meinem „Upright“ auch mal einen Vorteil genießen darf. Den Berg hinauf muss Matthias hart arbeiten. Und aus dem Sattel gehen kann er auf seinem Lieger auch nicht. Was soll´s, sagt er sich und beißt sich in den Berg hinein.

Mein Freund Peter W. fährt dieses Mal nicht mit, hat aber für uns dafür eine besondere Überraschung bereit: Er hat auf dem Parkplatz in Schierke vor dem Brockenanstieg mit seinem Campingmobil Position bezogen. Heiße Bockwürste, Brötchen und kalte Getränke stehen für die Hinaufstrebenden bereit. DANKE!!! Peter, du hast uns einen großartigen Dienst erwiesen und bekommst den  Titel „Super-Service-Randonneur“.

Meine Satteltasche, Gewicht 2,6 kg, kann ich bei Peter im Bus deponieren und mir so den Aufstieg erleichtern. Die „Bergziegen“ sind schon wieder unten, als wir unten losfahren. Dafür sind sie im Gegensatz zu uns in einem typischen Brocken-Schauer richtig nass geworden. Uns bleiben Pfützen und aufsteigender Dampf.

Auf den ersten Kilometern beginnt die Steigung sanft – trügerisch! Ab 800 Metern Höhe wird es steiler, drei ganz fiese Rampen mit deutlich über 10 % sind zu drücken. Hier bereue ich, dass ich mein 32er Ritzelpaket doch nicht montiert habe. Mit max. 27 Zähnen ist es schon ziemlich hart. Aber ich komme ohne abzusteigen hinauf. Nur ein Foto von der querenden Brocken-Bahn muss sein.

Schnaufend und dampfend arbeitet sich die historische Lok den Berg hinauf. Ganz so wie wir auch.

Mein Endurace ruht sich am Brocken-Museum aus. Ein Stempel im Kontrollheft, den ich im „Touristensaal“ holen will, wird mir wegen akuter Überfüllung und Überforderung des Personals verwehrt. Knurrig gehe ich wieder durch die Wandertouri-Schlange nach draußen. Eine nette Dame macht dann ein paar Beweisfotos von mir. 260 Kilometer.

Heinrich Heine war schon 1824 hier oben. Im Gegensatz zu ihm kann ich eine herrliche Fernsicht genießen.

Und runter geht es wieder in wärmere Regionen. 10 Minuten Abfahrt, kalte Finger, kalte Nase. Beim Passieren des Brocken-Bahnhofs kommt mir Matthias entgegen. Chapeau! Mit dem Lieger hier hinauf zu reiten! Wieder in Schierke angekommen, gönne ich mir noch eine leckere Wurst aus Peters heißem Topf, befestige wieder mein neues Ortlieb-Saddle-Pack und mache mich nachtfein. Nach 15 Minuten bin ich – ab jetzt allein – wieder auf der Strecke. In Sangerhausen gibt es den nächsten Stempel. 75 zähe Kilometer quer durch den Harz – immer rauf und runter … Die untergegangene Sonne wird vom fahlen, durchscheinenden Mond ersetzt. Richtig stockdunkel wird es nicht. Die Straßen sind trocken, die Luft recht mild. Also gibt es keine Ausrede, diese Etappe nicht mit Anstand zu fahren. Eine kurze Pause lege ich in einer komfortablen Blockhaus-Bushalte ein. Fünf, sechs Lichtfinger erhellen die Straße, dann ein Ruf: „Dietmar, alles o.k?“ Alles gut, antworte ich wahrheitsgemäß. Ich meine Rainer erkannt zu haben. Immer fragt er mich zu den unmöglichsten Zeiten, an einsamen Orten nach meinem Wohlbefinden. „Es gibt keine Zufälle“,  danke Rainer!

Nach Sangerhausen rausche ich aus den letzten Hügeln von 500 auf 150 Meter Höhe hinunter. Die Supernova E3 habe ich ein klein wenig höher eingestellt als sonst. Eine klasse Fernsicht habe ich so und kann mit gutem Gefühl Speed machen. Genau in dieser Abfahrt muss es Matthias erwischt haben. Er ist gestürzt und hat sich Vorderrad und Bremse ruiniert, schreibt er mir per sms. Gottlob ist er heil geblieben und kann mit dem Zug nach Hause fahren.

Kontrollpunkt Nr.4: Die Dame von der Aral-Tankstelle zeigt sich auch um 1.24 Uhr bestens gelaunt, öffnet per Knopfdruck für den Kollegen mit Mercedes-Beresa-Trikot und mich die Schiebetür, drückt uns den Stempel ins Heftchen und serviert dann heißen Kaffee und Baguette. Köstlich! 347 Kilometer.

Bis hierher bin ich ohne große Pausen gefahren, nach den 70 Harz-Hügelkilometern sagt mir aber mein Körper, dass er jetzt sofort Ruhe braucht. Also frage ich die nette Tankwartin, wo ich in Sangerhausen eine schöne Sparkasse finden kann. Geradeaus, bis zum Kreisverkehr und dann noch 200 Meter – genau! In einer alten Villa prunkt die Sparkasse mit einem Vorraum der Luxusklasse. Warm, sauber, groß, ruhig. Nur ein wenig hart ist der Granitboden. Ansonsten top und ideal für ein Stündchen Ruhe. Guten Mutes starte ich danach in die letzte Harzetappe nach Ballenstedt. Nochmal 45 Kilometer „Harz querdurch“. Mit zwei Kurzpausen in Bushaltestellen und gefühlten 50 Anstiegen rolle ich vor dem Hotel „Auf der Hohe“ in Ballenstedt aus. Und wieder einmal werde ich mit überragender Gastlichkeit überrascht. Durch einen Seiteneingang dürfen die müden Randonneure ins Hotel hinein. Und als Luxus wird der Tresenraum einfach umfunktioniert zur Radler-Herberge. Die Wirtin macht mir einen Teller Soljanka warm, dazu trinke ich eine große Apfelschorle. Wunderbar! 390 Kilometer.

Beim Kauen und Schlürfen begleitet mich das Schnarchen und tiefe Atmen von Ingo, Andy, Ralf und noch drei weiteren „Harzer Rollern“. Was tun? Auch Ausruhen oder einfach weiterfahren und so wieder Anschluss an die Schnellen haben? Weiterfahren, sagen mir Körper und Wille. Ab also, raus in den frühen Morgen! Gegen sechs Uhr bin ich wieder auf Kurs.

Die Luft ist angenehm, die Kräfte kommen zurück. Nur 35 Kilometer bis Staßfurt, zur Kontrolle Nr. 7. Nur ein Stempel, sofort bin ich wieder auf dem Rad. 426 Kilometer. Es rollt! Ich nähere mich wieder der Elbe, passiere Aken und arbeite mich vor nach Dessau. Am Elbufer lacht mich dann eine versteckte Bank zum Kurzschlummer an. 20 Minuten runterkommen, das tut gut. Weiter nach Dessau, über die Brücke hinein in die Stadt zur Aral-Tanke. Ankunft 11.02 Uhr.

Hier wartet wieder ein Déjà-vu auf mich – in Form der dort pausierenden schnellen Truppe. Andy, Ingo, Ralf… Alle sind wieder beisammen. Nur ich habe ein paar Stunden weniger Schlaf bekommen als die Schnelleren. Wie lautet doch die alte Randonneurs-Weisheit: In den Pausen werden die Brevets entschieden. Leider komme ich gänzlich ohne Pausen auch nicht zurecht. Andere dürfen schneller sein! Aber ja doch, es sei ihnen gegönnt. 481 Kilometer.

Ich lasse die Gruppe fahren, verweile noch 10 Minuten und rolle dann wieder hinein in meinen Rhythmus. 100 Kilometer bis Trebbin, in fünf Stunden sollte das zu schaffen sein, auch mit leicht angebrauchten Kräften.

Passt! Um kurz nach 16 Uhr kommt die Total-Tanke in Trebbin in Sicht. Und wer steht schon wartend davor: Ja, die schnelle Truppe um Ingo, Ralf und dann auch Andy. 582 Kilometer.

Noch 42 Kilometer bis zum Ziel. Netterweise laden mich die Kollegen ein, die letzte Etappe im Windschatten mitzurollen. „Randonneurs-Solidarität!“ ich nehme das Angebot an, und wir kurbeln mit knapp unter 30 km/h gen Hauptstadt. Selbst in der Stadt geben die Kollegen noch mächtig Gas. Ampelstarts, Ampelhalt und immer wieder. Echtes Kraft-Ausdauertraining, und das nach mehr als 600 Kilometern. Ganz zum Schluss ruft Ralf zur Mäßigung. Die letzten drei Kilometer lassen wir ausrollen. Danke fürs Mitnehmen. Sonst wäre ich hier 30 Minuten später eingerollt.

Ein Dank geht hier an Gerhard, dessen kleine Foto-Dokumentation der Zielankünfte ich nutzen darf.

Was war das für ein Brevet! Knackig, fordernd, vielfältig, …625 Kilometer.

Heiße Lasagne, kühles Weizenbier, spendiert von Ralf! Ein runder Abschluss des Brocken-Brevets. Ein harter Brocken eben!

Danke an Ralf, Ingo und Klaus. Ihr habt uns wieder einmal an die Grenzen gebracht – und wieder zurück.

Über Gibraltar nach Kettwig

Teil 2 von Ruhr, Lenne, Rahmede, Volme .

Warum ich über Gibraltar fahre? Das Rätsel löse ich später.

Die ersten Kilometer von Lüdenscheid nach Brügge kann ich einfach locker rollen lassen, immer bergab. Einzig der Schwerlastverkehr und der fehlende Radstreifen ärgern mich ein wenig. Ein Radweg existiert an der Volme trotz langjähriger Planung und vieler Versprechen immer noch nicht. Ich lese über Planfeststellungsverfahren etc. Und vor allem soll geprüft werden, ob die B 54 nicht jetzt schon für den Radverkehr geeignet sei. Uff! So ist das in unserem Lande mit der Realisierungsgeschwindigkeit. Zumindest komme ich schnell voran auf der glatt geteerten Bundesstraße. Schon bin ich in Schalksmühle, wo ich ursprünglich meine Cousine besuchen wollte, aber einfach keinen Kontakt bekam. Schade drum. So rolle ich weiter durch das dritte Industrietal mit reichlich noch nicht umgenutzten Bauten aus den letzten 100 Jahren. Bei Dahlerbrück entdecke ich einen EDEKA-Markt mit meinem Namen.

Ich brauche nichts, ich habe noch keinen Hunger, weiter geht’s nach Hagen.

In Hagen und durch Hagen fährt es sich recht entspannt. In der Innenstadt ist die Beschilderung zur Ruhr hin gut. Hagen hat sich besser entwickelt als ich vermutet hatte.

Bunkermuseum

Am Bunkermuseum halte ich kurz an, Erinnerungen an die Erzählungen meiner Eltern werden wach. Hagens Innenstadt war am Ende des 2. WK zu annähernd 100% zerstört. Trümmerfrauen gab es nicht nur in Berlin. Als Region mit vielen Rüstungsbetrieben war Hagen bevorzugtes Ziel der Bombenangriffe.

In Herdecke erreiche ich die Ruhrauen. Schön saftig grün, endlich keine Autos mehr, wie in einer anderen Welt.

Stausee um Stausee ist in die Ruhr eingebaut. Hengsteysee, Harkortsee, dann der Kemnader See. Er ist der jüngste der sechs Ruhrtalseen. Als ich noch an der Ruhruni studierte, konnte ich hier noch trockenen Fußes durch die Auen laufen. Seit 1979 ist die Gegend ein Eldorado für Wassersportler und alle Menschen, die eine kleine Auszeit suchen. Ich gönne mir eine Riesenportion Pommes und einen Milchkaffee. Die Menschen flanieren und lassen es sich gut gehen. Die Gänse fühlen sich auch sichtlich wohl. Nun zur Auflösung des Gibraltar-Rätsels: Am heutigen Westrand des Sees wurde auf der Zeche Gibraltar von 1830 bis 1925 Steinkohle und Erz gefördert. „Die Zeche Gibraltar Erbstollen ging 1786 in Betrieb, wurde aber kurz darauf wieder stillgelegt. Benannt wurde die Zeche nach der Festung Gibraltar (Belagerung von 1779 bis 1783)“ . Hier weitere Info zur Historie

Ehemaliges „Mundloch“ der Zeche – Foto von Oliver Pelczer

Heute ist das Zechengebäude restauriert und wird vom Ruderverein der Ruhruni als Boots haus genutzt.

Auf dem Ruhrtalweg lässt es sich herrlich rollen, Landschaft und Industriekultur genießen. Ich habe es nicht eilig und sauge die Eindrücke gierig auf.

Ich folge den Mäandern der Ruhr, erblicke auf der Nordseite des Flusses die Villa Hügel. Der Prunkbau in Essen war von 1873 bis 1945 das Wohnhaus der Unternehmerfamilie Krupp. Mit ihren 269 Räumen inmitten eines 28 Hektar großen Parks über dem Baldeneysee gelegen, ist sie weit mehr als der Wohnsitz einer bekannten Unternehmerfamilie – sie ist ein Symbol des Zeitalters der Industrialisierung Deutschlands. Noch ein paar entspannte Kilometer und ich erreiche die Altstadt von Kettwig, erst seit 1975 Stadtteil von Essen. Ich lese, dass die Bürger sich seinerzeit heftig gegen die Eingemeindung gewehrt haben. Bis zum heutigen tage fremdeln die Ur-Kettwiger mit der Großstadt Essen. Auch für mein Empfinden hat die kleine, wunderbar restaurierte Stadt so gar nichts mit den anderen Stadtteilen Essens gemein.

Zum Hotel, zwei Kilometer entfernt an der Schmachtenberger Straße, darf ich endlich ein paar Höhenmeter drücken. Schwitzen, duschen und dann zu Fuß hinunter in die Altstadt. Fachwerkhäuser, schmale Gassen, sauber, gepflegt… dann stehe ich vor dem Weincafé Cuvée, wo ich einen hauchdünnen Flammekuchen esse. Köstlich! Dazu einen kühlen Rosé. Das Café residiert im wahrscheinlich ältesten Steinhaus Kettwigs, das ursprünglich mal eine Schmiede war. Restauriert und bewirtschaftet von einer Wissenschaftlerin im „Nebenberuf“. Die promovierte Chemikerin Özgül Agbaba steht an vier Tagen in der Woche hinter der Theke und wirkt so, als ob sie nie etwas anderes gemacht hätte. Hauptberuflich ist sie im Max Planck Institut für Kohleforschung tätig. Eine wahrhaft seltene Verbindung.

Ich schlummere gut in Kettwig. Am nächsten morgen genieße ich die kurze Abfahrt hinunter an die Ruhr und schwinge mich durch die Auen nach Mülheim.

Von hier soll mich mein 49-Euro-Ticket wieder nach Berlin zurückbringen. In 7 h 24 min und mit 5 Umstiegen. Wäre doch gelacht! Doch auch heute kommt es wieder anders als geplant. Verspätungen, verpasste Anschlusszüge, Umwege … Am Nachmittag strande ich in Bremen, weil ich versuche, auf einem Nordbogen näher an die Hauptstadt zu kommen. Dann entscheide ich mich, statt umzusteigen, die alte Hansestadt endlich näher in Augenschein zu nehmen. Es lohnt sich. Roland, Dom, Rathaus, Schnoorviertel, Milchkaffee, Apfelkuchen … Ich vergesse die Misslichkeiten der Bahnfahrt und entscheide mich, noch einen Tag an meine Tour dranzuhängen. Letztes Ziel des Tages: Verden an der Aller. Dieses mal anstelle Ruhrauen Weserauen. Und eine Übernachtung mehr. Am Samstag dann nach einer Kurzetappe nach Rotenburg/ Wümme im Regen endlich über Hamburg Harburg ohne Zugausfälle heim.

Streckenbilanz: 1100 Kilometer Bahnfahrt – knapp 400 Kilometer per Rad. Demnächst besser wieder umgekehrt in der Gewichtung. .

Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen. Drum nähme ich den Stock und Hut und tät das Reisen wählen. “ Matthias Claudius (1740-1815)

Ruhr, Lenne, Rahmede, Volme – Flüsse meiner Jugendzeit

Teil 1

Wenn man alt wird, wird es Zeit, die Stätten der Jugend wieder aufzusuchen, zu schauen, wie es jetzt dort aussieht, wie sich Menschen und Kultur und Natur entwickelt haben. Mit dem wunderbaren 49 € Ticket ausgestattet, sollte es doch ein Leichtes sein, in die alten Heimatgefilde zu reisen. Gedacht, geplant, getan. Vier bis fünf Tage will ich unterwegs sein und dem Granfondo zeigen, wo ich geboren und aufgewachsen bin.

Abfahrt pünktlich vom Bahnhof Spandau.

Das Granfondo-Titan wiegt samt Minimalgepäck 16 kg

Erster Umstieg pünktlich in Rathenow. Dort treffe ich völlig unerwartet und überraschend einen alten Daimler – Kollegen. Michael begrüßt mich nach 20 Jahren so, als hätten wir uns noch am Vortage im Büro gesehen. Was sind schon 20 Jahre. Michael ist auf dem Weg nach Wolfsburg zu seinem Arbeitgeber Volkswagen – Training. Nach Stationen bei Fiat und Chrysler ist er bei seiner voraussichtlichen letzten beruflichen Station vor dem Ruhestand angekommen. Wir unterhalten uns angeregt. Die Zeit fliegt. Schon sind wir in Stendal. Wir warten auf den RE nach Wolfsburg und Hannover. „Zug fällt aus“, so schallt es nach einer halben Stunde ohne weiteren Kommentar aus den Bahnsteiglautsprechern. Mütter mit Kinderwagen, Reisende mit dick gepackten Koffern, und auch wir beide stehen mit einem Fragezeichen auf der Stirn am Gleis. Schließlich steigen wir in den Zug nach Magdeburg. Das ist ja schon ein paar Kilometer näher am Tagesziel. In Magdeburg trennen sich unsere Wege. Michael will in den RE nach Hannover, ich entscheide mich für den Weg über Braunschweig. 30 Minuten später sitze ich gut gelaunt im nur spärlich besetzten Abteil. “ Wir haben Schwierigkeiten auf der Strecke, die Oberleitung ist defekt“, kommt die Info nach 20 Minuten . Der Zug endet in Helmstedt. Ja, er endet dort! Weiter geht es nur für Menschen, die ohne Rad unterwegs sind, nämlich mit einem Bahnersatzverkehr. Nur eben kein Ersatz für mich! Der Busfahrer ist zwar nett, aber deshalb kann er mich trotzdem nicht mitnehmen. Die Luft ist frisch, der Weststurm bläst mir heftig ins Gesicht auf dem Weg über die Hügel nach Braunschweig. Was hilft es, sage ich mir, getreu dem Sprichwort: „Freu dich, wenn es regnet. Wenn du dich nicht freust, regnet es auch“.

Ich freue mich nicht über den heftigen Gegenwind, der meine Kräfte arg strapaziert. Nach zwei Stunden und 40 Kilometern Kurbelei stehe ich vor dem Bahnhof der Stadt, die einen Löwen im Wappen trägt. Wunderbarerweise fahren auch Züge von hier weiter in Richtung Westen, wo schließlich mein Tagesziel liegt. Allein, bis Hamm, wo ich eigentlich am Nachmittag ankommen wollte, werde ich es nicht mehr schaffen. Heute ist für mich Hameln Endstation.

Die Altstadt, das Hotel „Zur Börse“ und die netten Menschen versöhnen mich mit den Misslichkeiten der Bahnfahrt. Pasta und leckerer Rotwein beim Italiener schaffen eine gute Voraussetzung für wohlige Gedanken und tiefen Schlaf.

Am nächsten Morgen stehe ich um halb neun Uhr wieder auf dem Bahnsteig, hoffend, dass der Zug nach Paderborn, Soest und Schwerte durchhalten möge. Das Unerwartete passiert: Die Züge sind pünktlich! Um die Mittagszeit arbeite ich mich an den Ruhrradweg heran. Welche Wohltat. Grüne Auen, weidende Rinder, nur ein paar Industrieschlote stören den Ausblick. Dann biege ich ab an die Lenne, die mich die Orte meiner Geburt, meiner Schulzeit führen wird.

Bei Hohenlimburg staune ich beim Überqueren der Lenne über eine Kanu-Slalomstrecke, auf der drei Wasserratten trainieren. Der Lenneradweg ist nur mäßig beschildert, genauso mäßig, wie die Wegführung und die Beschaffenheit der Fahrbahn. Auf der Homepage wird auch folgerichtig Familien mit Kindern die Fahrt per Bahn von Letmathe bis Werdohl empfohlen. Kleine Abschnitte führen am Fluss entlang, meistens finde ich mich auf der B 236 wieder, wo die LKW in Kolonnen unterwegs sind. Für ungeübte Radler absolut nicht zu empfehlen! „Gegen Ende der Route geht es vermehrt durch Städte und der Radfahrer bekommt einen Eindruck vom pulsierenden Leben des Ruhrgebietes. “ So ist die Strecke auf der Internetseite https://www.radeln-nach-zahlen.de/de/outdooractive-touren/lenneroute beschrieben. Ja, stimmt! Durch die Stätten der ehemaligen Metallindustrie. Hammerwerke, Metallverarbeitung, Drahtziehereien, Schmieden. Im 19. und 20. Jhd. erblühte hier der Wohlstand. Die Industrialisierung begann. Die Menschen erlebten Aufstieg und Wohlstand. Jedenfalls relativ zur Situation davor. Das gesamte untere Lennetal ist geprägt durch diese Geschichte. Das Ende der Hoch-Zeit habe ich selber erlebt. Jahrelang konnte ich in den Semesterferien gutes Geld für harte Arbeit im Federnwerk Brüninghaus in Werdohl verdienen. 10 Tonnen Stahl habe ich damals pro 12-Stundenschicht bewegt. Ich hatte eine Garantiebeschäftigung in diesen Jahren. Mein erstes Auto habe ich so finanzieren können.

Heute stehen noch die Mauerhüllen der alten Betriebe, manchmal wiederbelebt mit Industrie und Handel der Neuzeit. Aber das ist offensichtlich die Ausnahme. Die Stadt Altena hatte 1970 noch 32000 Einwohner, heute sind es noch gerade die Hälfte. Bei Werdohl mit ehemals 24000, heute noch 17000 Einwohnern, sieht die Entwicklung ähnlich aus.

In Altena quere ich die Lenne hinüber zur Altstadtseite unter der Burg. Tristesse, so kann ich nur mein Gefühl beschreiben, das mich beim Betrachten der vielen leeren Schaufenster in der Lennestraße erfasst. Trotz dieser misslichen Lage erlebe ich viele Menschen gut gelaunt und freundlich. Von oben schaut die mittelalterliche Burg souverän auf das Zeitgeschehen herab. Hier gründete im Jahr 1912 der Lehrer Richard Schirrmann die erste Jugendherberge der Welt. Und es gibt sie auch heute noch. In der Burg residiert auch ein Drahtziehermuseum. Draht, Eisen, Stahl… damit wurde diese Gegend wirtschaftlich groß. Der ehemalige Wohlstand ist nur noch zu erahnen. Mein Uropa hat hier 40 Jahre lang als Drahtzieher gearbeitet.

In Altena biege ich ab in das Rahmedetal, wo ich meine ersten Kinderjahre verbracht habe, wo mein Geburtshaus steht. Minutenlang muss ich warten, um von der einen auf die andere Straßenseite zu kommen, so extrem ist der Verkehr, der nach dem Abriß der Autobahnbrücke durch dieses Nadelöhr strömt. Draht wird hier immer noch gezogen, ist unschwer an den gestapelten Rollen zu erkennen.

Bei Trurnit stellen noch 20 Mitarbeiter Kunststoffteile für die Bauindustrie her…

Auf dem Gebiet der Kaltwalztechnik ist die Region führend. Nur eben mit wesentlich weniger Beschäftigten als früher.

Dann erreiche ich Oberrahmede, das am 7. Mai 2023 Berühmtheit durch die Sprengung der Autobahnbrücke erlangte. Die Anwohner werden auf Jahre brutal durch den kompletten Autobahnverkehr, der über die ansonsten wenig befahrenen Nebenstraßen geführt wird, belastet. Ich habe in den Jahren 1965 bis 1968 erlebt, wie die Brücke gebaut wurde. Heute nur noch Betonschrott. Nachhaltig geht anders.

Da stand sie einmal, die Rahmedetalbrücke

Auch in lang vergangenen Zeiten war nicht alles besser! Ich erinnere mich an meinen Schulweg, der am Rahmedebach entlang führte. Dicke, graubraune Würste hatten sich an den hineinragenden Zweigen abgelagert. Chemie und Gift pur. Die Abwässer der Industriebetriebe wurden ungefiltert in das Gewässer geleitet. Kein Fisch, kein Frosch, nichts konnte hier über Jahrzehnte leben. Heute leben in der Lenne wieder Forellen, Hechte und Karpfen.

In Dünnebrett arbeite ich mich zu meinem Geburtshaus hoch. Das alte Siedlungshaus aus den 30er Jahren ist hübsch renoviert, die Mieterin lässt mich bereitwillig hinein. Ich bekomme feuchte Augen. Das alte Treppengeländer erkenne ich noch genau. Auf vielleicht 55 Quadratmetern habe ich damals mit meinen Eltern und Großeltern gewohnt. Kochecke, Waschecke, keine Dusche… Nach einer Stunde Eintauchen in die alte Zeit mache ich mich auf den Weg nach Lüdenscheid. Hier habe 1970 am Zeppelin-Gymnasium mein Abi gemacht.

Die Innenstadt lebt, wenn auch die ehemaligen großen Kaufhäuser nur noch als Hülle existieren.

Mein erstes Fernglas kam von Optik Hohage, meine erste Cordjacke von Strodel und Jäger. Beide Läden existieren bis zum heutigen Tage.

In der Altstadt trage ich mein Granfondo über diverse Treppen und rumpele über altes Pflaster. Die kleinen Hotels sind verschwunden oder zumindest geschlossen. Schließlich buche ich im Mercure am Stadtpark, wie das Hotel aktuell heißt. Vormals Queens, Hollstein, Crest und Ramada. Elf Stockwerke hoch steht der Gebäudeklotz seit 1974 hier. Ich bekomme ein Zimmer im sechsten Stock mit Fernblick ins Bergische Land. Mein Granfondo darf mit auf mein Zimmer. Dass ich hier mal im Hotel übernachten würde, hätte ich vor 50 Jahren nicht geträumt

Auf der Terrasse des Cafés Extrablatt auf dem Rathausplatz lasse ich bei einem vegetarischen Teller und einem Bier die verflossenen Jahre Revue passieren. Wehmut!

Ich genieße den Sonnenuntergang und den Übergang in den Nachthimmel bei einem guten Glas Weißwein. Dann schlummere ich tief und freue mich auf die nächste Etappe hin zur Volme und dann die Ruhr hinab. Pro Tag etwa 100 Kilometer. Mehr müssen es auch nicht sein bei soviel Gedenkpausen.

Im zweiten Teil meines Berichts schreibe ich über die Tour entlang der Volme und der Ruhr.

An Kocher und Jagst

Lange schon wollten wir einmal ein paar gemütliche Tage gemeinsam radeln. Peter war immer viel unterwegs, aber mit dem Reisebus, Touristen durch halb Europa schaukeln. Ich habe ihn beneidet für seine Fahrten ans Nordkap, nach Rom und ins Baltikum. Sogar ein Marathon Team hat er vor Jahren kutschiert. Samt Masseuren, Ärzten und Trainern. Jetzt hat er sich entschlossen, aufzuhören. Mit 70 ist das nur vernünftig. Ein klein wenig hadert er noch mit seiner Entscheidung. Da kommt eine schöne Radtour für Körper und Seele gerade recht.

Das Granfondo im Zug nach Crailsheim

Geplant – getan! Am 19. Juni sitze ich mit meinem minimal bepackten Granfondo in Hennigsdorf im Regio und arbeite mich in Etappen vor in südliche Gefilde. Das 49 Euro Ticket will schließlich ausgenutzt werden. Von Potsdam nach Dessau, von Dessau nach Leipzig, dann nach Nürnberg und schon sitze ich im gelben Nahverkehrszug, der mich nach Crailsheim bringen wird. Heute sind alle Züge pünktlich. Ich fasse es kaum, dass ich das noch erleben darf. Ankunft Crailsheim 17.38 Uhr. Nach neun Stunden Bahnfahrt genieße ich die fränkische Luft und rolle mich auf dem Jagstradweg ein. Jagstheim, Jagstzell, Kalkhöfe. Hier will mich Peter samt Rad in sein Campingmobil einladen. Nach kurzweiligen, zum Ende mit einigen Rampen garnierten 16 Kilometern stehen wir voreinander, umarmen uns und freuen uns. Mein Granfondo passt sehr gut auf den Radträger neben Peters Mtb. Mit seinem Mercedes Marco Polo chauffiert uns Peter gekonnt nach Aalen. Ich bin gespannt, wie die Herberge, die ich mit Booking.com gebucht habe, aussieht.

Als wir auf den Innenhof zwischen Handwerksbetrieben und Autowerkstätten rollen, sind wir erst sehr skeptisch. Das sieht sehr nach einer Monteursunterkunft aus. Allerdings empfängt uns der Besitzer sehr freundlich, erzählt uns sogleich seine Unternehmensgeschichte und seine zukünftigen Projekte. Als ob wir seine Berater wären… Hört sich alles gut an. Und der Schwabe war zu alledem auch vor seiner Karriere als Hotelmanager beim Daimler im Motorenbau beschäftigt. Wie auch immer, wir fühlen uns herzlich willkommen und das Apartment sieht richtig gut aus.

Guter Dinge rollen wir mit unseren Rädern hinein in die Altstadt von Aalen, wo wir zünftige Speis und Trank genießen und intensiv über alte und neue Zeiten reden. Irgendwann fahren wir zurück zum Hotel und fallen müde in die Betten.

Peters Marco Polo darf die nächsten Tage hinter dem Boarding House parken, wir bepacken unsere Räder und starten zur 1. Etappe, die uns nach Schwäbisch Hall führen soll. Doch halt, bevor wir an den Kocher rollen, wollen wir noch ordentlich frühstücken, am besten wieder im Zentrum der Altstadt, das uns schon am Vorabend gut gefallen hat. Bei einem Bäcker bekommen wir duftenden Kaffee, dazu belegte Brötchen. Was braucht der Radler mehr. Wie am Vorabend auch, fallen uns der Begriff „Spion“ auf. Spion-Metzgerei, Spion Café und noch einige Male öfter taucht der Spion in Bezeichnungen auf. Als wir losrollen, fragt Peter kurzerhand einen Herrn in unserem Alter, der mit seinem E-Bike an der Ecke steht. Volltreffer! Der Mensch ist nicht nur freundlich, er kennt sich auch bestens aus, weil er in einem Haus direkt am Markt geboren ist. Und dann erzählt er uns die Geschichte vom Spion: hier für die Neugierigen nachzulesen.

Ganz kurz: Wer in der ehemaligen Reichsstadt Aalen zum Rathausturm hochschaut, der sieht dort den Kopf eines bärtigen Mannes mit einer Pfeife im Mund mit verschmitztem Blick herunterlächeln und sich hin- und herdrehen. Das ist der Aalener Spion, dem die Bürger ein Denkmal gesetzt haben. Denn ihm verdanken sie es, dass die Stadt vom Heer des Kaisers einst verschont wurde.

Nun kennen wir die wahre Geschichte vom Spion und können uns wissend und kundig auf den Kocher-Radweg begeben. Der Spion-Erzähler lässt es sich nicht nehmen, uns den besten Weg zum Kocher zu zeigen und verabschiedet sich mit den besten Wünschen.

Einige Male queren wir den Kocher über die typischen Holzbrücken mit Dach. Wer nun meint, die Überdachung wäre als Regenschutz für Wanderer und Radfahrer gebaut, der irrt. Bei „gedeckten“ Holzbrücken schützt das Dach die tragende Konstruktion und sorgt für ein Jahrhunderte währendes Leben. Bei Wöllstein passieren wir einen Wegweiser, der uns fast auf den Jakobsweg nach Santiago de Compostela gelockt hätte. Allein die Entfernung von 2180 Kilometern hält uns von dem Vorhaben ab. Also arbeiten wir uns entlang des Kocher weiter vor in Richtung Schwäbisch Hall. Einige rampenartige Anstiege haben die Planer mit eingebaut. Peter muss so richtig schuften auf seinem Mountainbike.

In Gaildorf schließlich überqueren wir den 49. Breitengrad. Auch er wird uns heute nicht bremsen.

Gerade rechtzeitig entdecken wir an der Stadbefestigung von Gaildorf einen lauschigen Biergarten, der zwar noch nicht geöffnet hat, aber die nette Dame zeigt sich flexibel und zapft für uns Radler zwei große Radler. Die bringen verbrauchte Energie im Nu zurück.

Und bevor ich das vergesse: In Untergröningen staunen wir über einen gut sortierten GIANT-Radladen, noch mehr allerdings über die feinen Colnagos, Eddy Merckx, Basso- Oldies in einem angestaubten Laden namens FEUCHT. Hier ist der Inhalt wesentlich wertvoller als die Hülle.

Zurück auf die Strecke: Noch einige Rampen warten, bis wir endlich am Stadtrand von Schwäbisch Hall ankommen. Die Kulisse der alten Stadt ist beeindruckend, Peter hat schon vor einer Woche eine Unterkunft namens City Living mitten in der Altstadt gebucht. Nur müssen wir das Etablissement erst einmal finden. Unter der Adresse ist nicht einmal ein Türschild auszumachen. Schließlich hilft uns der Wirt der benachbarten Kneipe aus der Bredouille. Er weiß, der Schlüssel ist per Code in einem versteckten Kästchen zu finden. Als wir erleichtert vor der Eingangstreppe stehen, kommt auch schon Franz um die Ecke. Franz, ein alter guter Kollege aus Daimler-Zeiten, der nah von hier wohnt und ein wahrhafter Kenner der Region ist. Wir umarmen uns, freuen uns, bringen unsere Räder unter, ziehen uns um, und schon sind wir wir auf einem Stadtspaziergang mit kundiger Führung unterwegs.

Franz führt uns um die schönsten Ecken, erklärt uns die Historie, wohlwissend, dass uns der Hunger und der Durst baldig in einen Gasthof treiben wird. Direkt am Kocher kehren wir in die Brauereigaststätte Zum Löwen ein. Zünftig! Das Bier schmeckt, Ich esse als Flexitarier ausnahmsweise eine Riesenportion Wurstsalat. Wir reden und reden und essen und trinken und und… Herrlich ist es hier in dieser alten Stadt. Schließlich verabschieden wir uns von Franz, der noch nach Hause fahren muss. Peter und ich gönnen uns noch einen Absacker im Alt Hall. Wir schlummern wohlig und tief und wachen am nächsten Morgen tatendurstig auf. Erst ein Frühstück beim Bäcker, dann hinüber zum Bahnhof Hessental, wo wir für ein paar wenige Kilometer in den Nahverkehrszug nach Crailsheim einsteigen. Hätten wir auch locker ohne Bahn gemacht. Von Crailsheim aus wollen wir Etappe 2 nach Aalen zurück entlang der Jagst in Angriff nehmen. Peter hat sich langsam eingewöhnt auf seinem Mtb. Er macht das für einen „Radanfänger“ richtig gut. Er kann beißen, wenn es bergan geht und sich freuen, wenn es den Berg runter geht. Die ersten Kilometer von Crailsheim in Richtung Aalen kenne ich von Tag 1. Die kleinen Rampen ackert der Peter tapfer hoch. Derweil braut sich vor uns auf Kurs ein heftiges Gewitter zusammen. Es wird immer dunkler, Wind kommt auf, es wird Zeit für eine Pause mit festem Dach überm Kopf. Wir haben unverschämtes Glück. In Schimpfach schlüpfen wir bei beginnendem Regen unter das Vordach eines – noch geschlossenen- Gasthofs. Egal, Hauptsache trocken. Ein paar Minuten später kommt der Gastwirt in Handwerkerklamotten an unseren Tisch, und wir können ihn überzeugen, uns zwei gekühlte Biere zu kredenzen. So überstehen wir den heftigen Schauer mit Donnergrollen locker.

„Da sitzen die, die immer dort sitzen“ – frei übersetzt aus dem Schwäbischen ins Hochdeutsche.

Eine Stunde später ist der Gewitterspuk vorbeigezogen. Die Sonne lacht spöttisch, wir rollen gut gelaunt weiter. Kultur und Historie in Form der Limes-Gedenkstätten warten auf uns. Davor kurven wir durch die Altstadt von Ellwangen und kehren ein im Café Omnibus, genießen Kaffee und Kuchen – wir können uns kaum lösen von diesem gemütlichen Ort. Aber der Limes wartet schon auf uns! Schließlich ist der römische Kaiser Caracalla auf seinem Germanenfeldzug weit in den Norden vorgedrungen und hat einen Grenzwall – den Limes – errichten lassen. Mit Toren, mit Kastellen und anderen Bauwerken. Fast 2000 Jahre liegt das zurück! Weit danach fielen Kultur und Errungenschaften wie Toiletten, Bäder, Kanalisation… in den Schlund des frühen Mittelalters. Umso bewundernswerter ist es, zu sehen, wie kultiviert und fortschrittlich die Römer waren. Wir kurbeln hoch zur Limes-Gedenkstätte. Auf halbem Wege zwischen Schwabsberg und Dalkingen. Aufwändig gemacht, viel Glas, viel Information. Chapeau! Und die Dame im Innern des Glashauses informiert uns professionell und engagiert. Vollkommen unerwartet für uns, so weit ganz draußen auf dem Lande!

Wir saugen eine Stunde lang Geschichte und Kultur in uns hinein, bis wir wieder Lust verspüren, weiterzufahren. Unser Boarding-House-Chef ruft uns an, um zu verkünden, dass soeben ein Gast frühzeitig abgereist ist und wir doch noch ein Zimmer bekommen. Beruhigend. Wir müssen nicht mehr weitersuchen und können uns ganz entspannt auf ein genüssliches Abendessen freuen.

Sonnenuntergang und köstlicher Rotwein, dazu lassen wir unsere Kocher-Jagst-Tour Revue passieren. Bis zur nächsten Radrunde warten wir nicht wieder solange, sind wir uns einig.