N+1

Mein Titan-Granfondo ist nach der Rahmenschweißung in bester Form, das Canyon Endurace weiß, dass seine Zeit im Frühjahr und im Sommer kommt. Die beiden Oldies Colnago Mexico und der Basso Crosser wissen genau, dass sie auch zukünftig maßvoll bewegt werden. Und das Cannondale Taurine MTB freut sich darauf, demnächst Enkel Justus zu zeigen, wie es noch drauf ist. So klafft bald im Bereich der Geländegeräte eine Lücke.

Also: Zeit für ein N+1. Ein echter Graveller soll es sein. Solide, mit genügend Freigang für Reifen bis 45 mm Breite, mit Scheibenbremsen, aus Alu, stabil und komfortabel zugleich. Die Auswahl ist groß. Gravel Bikes sind von Herstellern und deren Marketing-Abteilungen gepusht worden. Die Produktion wurde hochgefahren. Nun drücken die Lagerbestände. Gut für den Kunden, die Preise wackeln, eine wahre Rabattschlacht ist im Gange. Ich will kein Edelrad, aber Rahmen und Komponenten sollten einen ordentlichen Standard haben. Also durchforste ich meine Zeitschriften, lese -zig Testberichte und weiß am Ende doch: Ich muss nur meine eigene Vernunft und meine Erfahrung befragen. So lande ich bei Ridley, Rose und dann Cannondale.

And the winner is: the Cannondale Topstone Apex 1. Bei Fahrrad Rabe in München habe ich bestellt. Versandkostenfrei. Drei Tage Lieferzeit, top verpackt. Und der Preis von gut 1400 € ist gegenüber dem Listenpreis von 2199 € eine entscheidungsförderliche Reduzierung.

Der Rahmen in der Größe M entspricht in der Geometrie nahezu meinem Titan-Granfondo mit Rahmenhöhe 54 cm. Die Verarbeitung der Schweißnähte ist sauber und sorgfältig. Für die Flaschenhalter gibt es am Unterrohr oben drei Ösen. Gut für eine variable Position. Und unten nochmal zwei Ösen für eine dritte Flasche. Die Carbon-Gabel hat drei Aufnahmepunkte für Forkbags. Da kann ich meine Ortliebs wunderbar montieren. Und auf dem Oberrohr befinden sich zwei Befestigungspunkte für eine kleine Tasche. Endlich kein Verrutschen mehr.

Jetzt wird es Zeit, das Gerät in die nähere und fernere Umgebung auszuführen. Dabei werde ich herausfinden, ob die Einstellungen von Lenker und Sattel passen, wie Schaltung und Bremsen sich anfühlen, wie ich am besten Front-und Heckbeleuchtung anbringe …

Also los. Die erste größere Runde führt in den Krämerforst und über die Alte Hamburger Poststraße. Kilometerlang durch den Wald und über Schotter, Sandwege und weichen Humusboden.

Ich bin gespannt darauf, wie es sich mit der 12-fach-Schaltung und einem Kettenblatt mit 40 Zähnen vorn und hinten 11-44 fahren lässt. Locker und leicht! Nur einmal muss ich den Zug nachjustieren. Am Schaltwerk die Rändelschraube eine halbe Umdrehung raus, und schon ist die erste Längung oder Setzung des Zuges ausgeglichen. Feineinstellung!

Die SRAM Apex hydraulischen Bremsen greifen auf 160 mm Scheiben. Definiert und sehr wirksam.

Da macht das Fahren auf Waldwegen Freude. Mein Taurine-Mtb vermisse ich auf Schotter, Split, festem Sand überhaupt nicht. Die Vittoria Terreno Dry, 700x38c rollen komfortabel und spursicher. Den Druck habe ich bei knapp 3 bar eingestellt. Bei weichem Untergrund sollte man sicher den Druck noch weiter absenken in Richtung 2,2 bis 2,5 Bar. Das werde ich noch testen.

Die ersten 100 Kilometer fühlen sich gut an. Auch, weil ich den Fizik-Aliante-Sattel gegen meinen Fizik-Arione Tri 2, der perfekt zu meinem Hinterteil passt, getauscht hatte. Für zukünftige Fahrten bei nassen Wegen habe ich dann noch Schutzbleche montiert. SKS Schutzblech Set 28″ Edge AL. Passen perfekt und lassen noch genügend Freiraum zu den 42 mm breiten Reifen. Hier noch ein paar Eindrücke von der Tour durch die Barnim-Wellen und Wälder und am Oder-Havel-Kanal entlang.

Obligatorisch ist natürlich ein Besuch meiner Lieblingseiche vor der Kirche in Grüntal. Dieser Baum strahlt Kraft, Wärme und Souveränität aus. In jeder Jahreszeit, bei jedem Wetter. Die Stieleiche ist etwa 400 Jahre alt und hat der Erzählung nach schon Napoleon bei seinem Rückzug aus Russland „Obdach“ geboten.

Das Topstone lehnt entspannt an der Eiche von Grüntal, hier schon mit den Edge AL- Schutzblechen von SKS.

Gegenüber im Schaukasten der Herberge hängt ein passendes Schild zum Jakobs-Pilgern. „Reduziere Dein Gepäck auf das Nötigste. Es ist ein gutes Gefühl, mit wenig auszukommen.“ So ist es!

Bei Trampe stürze ich mich dann in den Wald und sauge den Duft von Kiefernharz und feuchtem Laub in meine Lungen. Dem Topstone gefällt es auch sehr gut abseits der asphaltierten Straßen. Wir stürzen uns bei Hohenfinow dann hinunter an den Oder-Havel-Kanal und an den Rand des Oderbruchs. In Niederfinow wird köstliches Bier gebraut, und ein paar Meter weiter ist die skurrile Sammlung eines sehr eifrigen Bastlers zu sehen.

Auf dem Radweg von Niederfinow nach Eberswalde können wir uns noch in der späten Sonne wärmen, und ich schlürfe genüsslich den heißen Ingwertee aus der Thermosflasche. Es wird dämmrig am Finowkanal und dunkel, als ich auf den Berlin-Usedom-Radweg bei Finowfurt in Richtung Bernau abbiege. Ein guter Test für die Beleuchtung. Der Lupine-Akku ist sicher in der Oberrohrtasche untergebracht, die Piko strahlt wie immer breit und weit. Nach hinten blitzt die Lezyne Airstrip Pro. So werden Rad und Reiter nicht übersehen.

Ein kurzer Fotostopp in der beleuchteten Bushalte am Gorinsee, dann noch 10 Kilometer Endspurt bis nach Hause.

Das Topstone ist top! Das kann ich nach den ersten 400 Kilometern Touren durch Wald und Felder zufrieden feststellen. Ein würdiges N+1!

Sehen und gesehen werden

 

Randonneure fahren bei jedem Wetter und zu jeder Jahreszeit. Es gibt kein schlechtes Wetter, sondern nur ungeeignete Ausrüstung.

Vor ein paar Tagen war ich abends mit dem Auto in der großen Stadt unterwegs. Nieselwetter, nasse Straßen, Dunkelheit. Vor mir erkenne  ich in letzter Sekunde einen Fixie-Fahrer – also rein in die Bremse, ausweichen und fluchen!

Schwarze Klamotten, kein Licht, kein Helm. Beste Voraussetzungen, bald im Krankenhaus zu landen. Sicher war das kein Randonneur, denn die sind ja bestens ausgerüstet, immer mit hellem Licht und immer mit Reflexweste unterwegs. So weit die Theorie!

Bei den langen Brevets, wo man die ganze Nacht hindurch auf dem Rad sitzt, habe ich auch schon Randonneure gesichtet, die mit einer Frontfunzel und einem kaum sichtbaren Lichtlein hinten unterwegs waren. Die dann, wenn die Batterien leer waren, einfach ohne Beleuchtung weiter durch die Nacht fuhren. Mehrmals habe ich mit Front- und Rücklicht ausgeholfen, denn einen Satz Leuchten habe ich immer in Reserve. Zugegeben, in unserer Szene ist solch ein Verhalten die Ausnahme. In Berlin-Mitte gehört es fast zum guten Ton, ohne Licht unterwegs zu sein.

Wer nächtens unbeleuchtet und ohne Reflexweste fährt, riskiert sein Leben und kann auch einen Autofahrer lebenslang in Schuldgefühle stürzen.

Um die verschiedenen Möglichkeiten/ Konfigurationen sichtbar zu machen, habe ich gemeinsam mit den Freunden auf einer für Autos nicht befahrbaren Straße mal getestet, wie unterschiedlich „Sehen und gesehen werden“ aussehen kann:

> Zuerst musste Peter seine Reflexweste ausziehen und nur mit einem kleinen Rücklicht losfahren. Außer dem Rücklichtpunkt ist fast nichts zu erkennen. 

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Dunkle Kleidung – nur das kleine Rücklicht ist zu erkennen

> Jetzt nochmal mit Weste und Dynamorücklicht: 

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Hier ein paar Infos zum Thema: Radfahrer sind bei Nacht besonders gefährdet

Wie eine geeignete  Beleuchtung aussehen sollte, kommt auf den Einsatzzweck an:

  • Wer ab und an in der Dämmerung fährt, ist gut beraten, eine gut sichtbare Jacke oder Weste zu tragen, am besten mit Reflexelementen. Dazu eine Akku-Frontlampe und eine Akku-Rückleuchte mit Leuchtdauer 3 bis 5 Stunden reichen allemal.
    Für ca. 100 € zu haben.
  • Wer regelmäßig im Dunkeln fährt, sollte sich einen Nabendynamo und die entsprechenden Front- und Rückleuchten gönnen. Dann ist das Thema Akku-Laden passé.
    Rund 300 € werden fällig.
  • Und  nun zu den Hardcore-Nachtradlern: Viel Licht nach vorn und viel Licht nach hinten! Je nach Wetter und Geschwindigkeit. Meine Lichtanlage sieht so aus: Vorn Nabendynamo SONdelux, Frontleuchte Supernova E3 Pro, dazu für fieses Wetter und schnelle Abfahrten Lupine Piko 4 mit 1200 Lumen und dickem 6400-mAh-Akku. Hinten Supernova E3 Taillight plus Knog Blinder für alle Fälle.
    Mit einem Preis von ca. 600 € ist dies sicher eine sehr teure, allerdings auch überaus leistungsfähige Zusammenstellung. Für den engagierten Fahrer, der bei jedem Wetter und zu allen Jahreszeiten auf dem Rad sitzt, allemal eine gute Investition. Ein einziges Carbonlaufruso viel!
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Eine gut erkennbare Oberbekleidung ist die ideale Ergänzung zur guten Beleuchtung.

Der Hersteller Rapha ist ein besonders gutes Beispiel für den durchgängigen Einsatz von Reflexelementen bei Jacken, Westen und Trikots.

Rapha und E3
Rapha Insulated Brevet Jacket, E3 Taillight ( hier etwas unter Wert geschlagen, weil von der Kamera angeblitzt) und Ortlieb Gravel mit klasse Reflektor

Die Brevet-Serie ist zwar sehr teuer, aber auch absolut top in Qualität und Tragekomfort.

Sehr löblich, dass mittlerweile auch von Vaude und Endura reflektierende Trikots und Jacken angeboten werden.

E3 Geltow
Das  Supernova E3 Taillight ist auch noch in 100 m Entfernung nicht zu übersehen.
Peter Radweg
Auf dem Radweg: Peter mit Mavic-Reflexweste und Supernova E3 Taillight im Licht einer Lupine Piko 4 in mittlerer Leuchtstufe
Rapha und Shakedry

Hier im Bild links die wunderbar wasserdichte und atmende Shakedry von Löffler – leider nur ausgestattet mit einem kleinen Reflex-Markenlogo neben dem Frontreißverschluss. Nachtfahrten mit einer solchen dunkelgrauen „Hightechjacke“ sind nur zu empfehlen mit einem zusätzlichen Reflexgurt darüber, siehe rechtes Foto. Löffler und auch der Shakedry-Erfinder GORE sehen sich noch nicht in der Lage, das Material mit größeren Reflexelementen auszustatten.

Aktuell habe ich mir eine Allwetterjacke von AGU mit Heizelementen und einer LED-Reihe auf dem Rücken geleistet. Sehr warm, sehr gut Sichtbarkeit. Vernünftiger Preis. Besonders für Pendler zu empfehlen.

Merke! Sicherheit für Radfahrer kommt von Sichtbarkeit!

Hier noch ein interessanter Link: https://blog.bikemap.net/de/safety/radfahren-bei-dunkelheit-tipps-fuer-mehr-sicherheit/

In diesem Sinne: Macht euch sichtbar!

Das Canyon Endurace mit Ausrüstung und Gepäck für lange Brevets

Mein Canyon Endurace hat sich wieder einmal mit Bravour geschlagen. 1425 Kilometer „am Stück“ bei der Dutch Capitals Tour. Bei Regen und Wind, auf glatten Straßen und auf Pflaster. Alles funktionierte perfekt.

Und so bin ich mit dem Rad unterwegs gewesen – samt Ausrüstung und Marschgepäck.

Ausrüstung DCT UltrabrevetAusrüstung DCT Ultrabrevet

Wer also ähnliche Projekte im Auge hat, der möge mal hier schauen. So jedenfalls kann ein Rad aussehen. Muss nicht! Ich habe reichlich Konfigurationen bei den Kollegen bestaunen können. Von klassisch bis hochmodern, Stahl, Carbon, Alu – alles ist machbar. Wenn nur die Qualität stimmt.

Dies ist nun meine aktuelle Version eines Brevet-Randonneurs moderner Art. Gesamtgewicht komplett beladen, ohne Trinkflascheninhalt,  ca. 13 kg. Mehr braucht es nicht, weniger geht kaum!