Nebel, Niesel, Weite – ins Oderbruch zum Jahresende

Wolfgang will unbedingt Kilometer machen für Rapha 500. Im Gegensatz zu ihm bin ich an diesem Jahresende wenig motiviert zum Fahren bei Regen, Kälte und Schnee. Aber gemeinsam mit ihm, Matthias und Peter war das auch immer freudvoll, egal wie das Wetter auch war. So verabreden wir uns für eine Tour ins Oderbruch. Bedeckt soll es sein, trocken soll es bleiben, und die Temperaturen immer über Null. Treffen um 11 Uhr an der Bank bei Hobrechtsfelde. Das bedeutet für mich, losrollen von zu Hause um 10.15 Uhr. Zeit für ein genüssliches Frühstück und Zeit genug zum Luftdruck prüfen, Trinkflasche füllen, diesmal mit Ingwertee und Honig in der Thermosflasche. Etwas Öl auf die Kette, Fett auf die Klick-Pedale. Dann das Garmin Vista Touch mit frischen Akkus bestücken. Zur Sicherheit noch meine Lezyne 300 Rückleuchte an der Satteltasche festmachen. Nach hinten kann man gar nicht auffallend genug sein bei Sauwetter im Winter. Und dann noch zwei Eiweißriegel von Seitenbacher einpacken. In der gastronomischen Diaspora von Barnim und Oderbruch immer zu empfehlen.

Das Langarmtrikot von Rapha und drüber die Winterjacke von Gore werden mich warm halten. Dazu eine lange Winter Bib. Heute mit meiner Neuerwerbung von La Passione. Sitzt perfekt und ist auch noch schön warm und schützt vor Wind und Nässe. Mavic Winterschuhe, auch wasserdicht. Und dann noch zur Sicherheit die Shakedry-Jacke ins Gepäck. Dann kann kommen, was wolle. Pünktlich viertel nach zehn starte ich.

Mein Basso-Crosser aus dem Jahre 1996 hat Übung mit winterlichen Bedingungen, ist ausgerüstet mit Schutzblechen, SON-Nabendynamo und unkaputtbaren Leuchten von Supernova. 32er Conti 4seasons rollen leicht und vertragen den Splitt auf den Wegen klaglos. Drei Grad plus sagt wetteronline voraus. Das trifft zwar zu, der Frost der letzten Tage sitzt aber noch im Boden und sorgt immer noch für Eisflächen. Vorsicht ist also angesagt.

Eine weitere Besonderheit der Wetterlage ist der wabernde Nebel über den Restschneeflächen. Es will gar nicht so richtig hell werden. Ein Grund mehr, an schöne Dinge, schönes Wetter zu denken und die Natur, so wie sie ist, zu genießen. Als ich auf dem Weg nach Hobrechtsfelde den Gorinsee passiere, blicke ich auf eine Eisfläche.

Gorinsee

Auf der Liegewiese liegt niemand, und Hunde wollen auch nicht baden. Die Wildpferde und Hirsche haben sich in die Schönower Heide zurückgezogen und liegen wahrscheinlich im Kiefernwald.

Schönower Heide

Auf dem Radweg mahnt das Resteis zum sensiblen Fahren. Wolfgang kommt von Süden heran, von Buch aus nach Hobrechtsfelde. Nach Osten rollen wir gen Bernau und dann hinein in den Barnim. Die Drehorte des Films „Unterleuten“ liegen verschlafen im nassen Nebel. Für den Bau der dringend notwendigen Stromtrassen liegen schon die Holzbohlen für die LKW auf den Feldern und glänzen nassbraun im fahlen Licht. Der Nebel ist auch nichts anderes als eine auf dem Boden liegende Wolke. Und wenn die Sonne sich zurückzieht und die Bodenkälte wirksam wird, fällt auch noch Nieselregen aus dieser Mischsuppe.

Trassenbau

Wolfgang schleudert mit seinem ungeschützten Hinterrad die dreckigen Tropfen massenweise auf seine neue Shakedry von Gore. Ein echter Härtetest für die feine Regenjacke. Mein Rücken bleibt dank der angeschraubten langen Schutzbleche trocken. Nur meine Schuhe werden zunehmend eingesaut. Macht aber nichts, die Füße bleiben trocken, und das ist die Hauptsache. Beim Reden über unsere Räder, unsere Touren, über die Dinge, die wir in der Natur sehen, machen wir Kilometer und erleben die Barnimwellen als zähe Tempobremser. Warum geht das alles im Sommer so leicht und warum so langsam jetzt im Winter?

In Freudenberg ist die Dorfdurchfahrt auf dem glänzend-glatten Pflaster alles andere als lustig. Wolfgang nimmt es trotzdem mit Humor. Der markante Kirchturm der neogotischen Kirche stochert mit seiner spitzen Spitze im Nebel herum. Wir testen unser Balancevermögen in der vereisten Rinne am Fahrbahnrand.

Wolfgang mit Freude in Freudenberg

Die Gemeinde, deren Gebiet wir queren, trägt den Namen Höhenland. Im Vergleich mit dem Oderbruch liegen die Orte Wollenberg, Leuenberg und Steinbeck tatsächlich auf den Höhen, mit Schwindel erregenden 120 Metern über N.N. Mit der Aussicht auf eine lange wellige Walddurchfahrt nehmen Wolfgang und ich erst einmal vorsorglich einen Schluck aus der Thermosflasche. Der Ingwertee mit Honig schmeichelt meinem Gaumen.

Tee in Steinbeck

Aus dem Barnim arbeiten wir uns hinein in die Wälder der Oderbruchkante. 20 Zentimeter Schnee liegen am Fahrbahnrand. Das sanfte, aber fordernde Auf und Ab sorgt gemeinsam mit dem eingeflößten Tee für eine angenehme Körpertemperatur. Wohlbefinden stellt sich ein trotz Nebelnässe. Bei Schulzendorf schwingen wir uns hinab nach Vevais, dem kleinen Kolonistendörfchen, dessen Name wahrscheinlich von den Siedlern aus Vevey am Genfer See herrührt. Im Jahre 1752 zogen auf Anwerbung vom Alten Fritz 14 Familien hierher, um bei der Urbarmachung des trocken gelegten Oderbruchs ihren Beitrag zu leisten. Das tönerne kleine Denkmal mit Siedlern und Wagen ist eingehaust in Wellblech, um es vor Frost und Wetterunbill zu schützen. Wir genießen die guten, aber immer noch nassen Straßen, die hin zur Oder führen.

Traubeneiche

Eine Traubeneiche, zu Recht auch „Wintereiche“ genannt, beeindruckt uns mit ihrer üppigen, braunen Winterbelaubung. Langsam kommen wir der Oder näher, aber eben nicht ganz an sie heran. Heute bleiben wir auf Abstand zum Deich. Wahrscheinlich ist der Weg dort auch noch vereist, mahnt Wolfgang. Am Ortseingang von Letschin kehren wir im Netto Markt ein und gönnen uns Milchkaffee und Kuchen. Sicher ist sicher. Wer weiß, wo wir sonst noch eine Möglichkeit haben, uns zu stärken. In diesem Ort führte Fontanes Vater einige Jahre lang eine Apotheke , bis seine Spielsucht in der Pleite und dem fluchtartigen Verlassen der Gegend endete. Wir rollen durch den beschaulichen Ort und sichten am südlichen Ende das Denkmal für den Alten Fritz und gegenüber den gleichnamigen Gasthof.

Im Gasthof und der Umgebung spielt Fontanes Kriminal-Novelle „Unterm Birnbaum“, die er aber erst 40 Jahre nach seiner Letschiner Zeit bei einem Rügen-Aufenthalt verfasst hat. So kann man zumindest hinterfragen, ob das finstere Romangeschehen wirklich hier den gedanklichen Ursprung hat. Wir richten unseren Blick auf das Denkmal aus dem Jahr 1905 zu Ehren des Alten Fritz, der vor über 260 Jahren das Oderbruch trockenlegen ließ.
Seitdem ist das 515 Kilogramm schwere Denkmal schon mehrfach umgezogen, so dass die Letschiner bereits scherzhaft von ihrem „Stehaufmännchen“ sprechen. 2008 erst hat der Alte Fritz seinen Bestimmungsort vor dem gleichnamigen Gasthof gefunden. Über Zechin und Golzow führt uns der Weg nach Gorgast, wo wir am Bahnhof von einem freundlichen Einwohner erfahren, dass der nächste Zug nach Berlin hier nicht hält. Aber die Strecke an der B1 entlang nach Küstrin-Kietz, einem der ungastlichsten Bahnhöfe, die ich kenne, ist nur vier Kilometer weit. Um 16.30 Uhr erklimmen wir die Brücke hin zu den Bahnsteigen.

Mit den in Paris-Roubaix-Manier eingeschlämmten Rädern besteigen wir den Regio nach Berlin, wärmen uns auf und lassen die Nebeltour Revue passieren. Schön war es trotzdem nach dem Motto: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.

Die Alte Hamburger Poststraße – sie lässt mich nicht los

Irgendwie war meine letzte Tour über die alte Postroute nicht komplett, wurde ihr nicht gerecht. Über fehl leitende Wegweiser will ich heute nicht meckern. Stattdessen mehr zur Historie und zum Verlauf der Route im Havelland schreiben. Die sogenannte Alte Hamburger Straße, später dann Hamburger Poststraße, ist die älteste noch nachweisbare Wegeverbindung in der Region. In Abhängigkeit von der Befahrbarkeit der Wege, der Einschätzung des Überfallrisikos, nutzten Reisende, Händler und schon Jahrhunderte zuvor Pilgernde verschiedene Wegführungen von Berlin aus nach Hamburg. Vom Ende des 14. Jahrhunderts bis ins 16. Jahrhundert waren die Pilger unterwegs nach Wilsnack. Damals war dies der wichtigste Pilgerweg Nordeuropas. Heute ist der Weg wieder für Pilger beschrieben und ausgeschildert. Ausgangspunkt war die Marienkirche oder das Heilig-Geist-Spital in Berlin-Mitte, das Ziel war die Wunderblutkirche St. Nikolai in Wilsnack im nordwestlichen Brandenburg. Mit dem Ausbau des Postwesens im 17. Jahrhundert manifestierte sich eine Hauptroute entlang der errichteten Poststationen. Kurfürst Friedrich Wilhelm sorgte für eine befestigte Oberfläche, um die Geschwindigkeit der Kutschen und deren Sicherheit zu verbessern. So konnte eine Postkutsche pro Stunde 10 Kilometer zurücklegen. Die Trasse von Berlin führte über Hennigsdorf, Bötzow, durch den Krämer, Staffelde, Flatow und das Storchendorf Linum.

Am westlichen Ortsausgang von Hennigsdorf ist der Weg nach Bötzow als Radweg gut beschildert und genauso gut zu befahren. Schon gegenüber des Hennigsdorfer Friedhofs steht der erste Viertelmeilenstein. Ein Herz ziert passenderweise seinen Sockel. Bei der Recherche zu den Meilensteinen stoße ich auf die Internetadresse der Forschungsgruppe Meilensteine e.V. und auf einen gehaltvollen Beitrag von https://markradler.de/anderthalb-meilen-gen-hamburg/ Eigentlich ist jetzt alles gesagt und geschrieben?! Auf der anderen Seite hat jeder, ob Radfahrer, Wanderer oder ehrenamtlicher Forscher, eine andere Perspektive und sieht wieder Anderes, Neues, Interessantes. So beschließe ich, meinen Artikel weiterzuschreiben.

Hennigsdorf – Viertelmeilenstein

1880 Meter weiter westlich, entsprechend einer Viertelmeile, steht am Feldrand das schöne Replikat eines Ganzmeilensteins.

Ganzmeilenstein zwischen Hennigsdorf und Bötzow – 3 Meilen vom ehemaligen Oranienburger Tor aus

Alle meine Räder habe ich in den vergangenen Jahren an den Sandstein angelehnt und meistens auch fotografiert. Morgens und abends, winters wie sommers. Bei den Meilensteinforschern erfahre ich, dass diese markante Form der Säulen zu den Preußischen Postmeilensteinen gehört, die in der Zeit von 1790 bis 1806 aufgestellt wurden. Der Radweg führt jetzt im Nordknick über die Bahnlinie, dann wieder auf Originalkurs durch Bötzow in Richtung Wansdorf. Auf halber Strecke beginnt die Alte Hamburger Poststraße, die hier abknickt in das Waldgebiet des Krämer. Und schon bald sichte ich den nächsten Stein, einen Halbmeiler.

Halbmeilenstein – bis Berlin 3,5 Meilen

Zwischen Pferdekoppeln führt der Weg hinein in den Krämer Wald, der sich auf einer langgestreckten Grundmoräne der Weichseleiszeit 15 km nach Nordwesten ausdehnt. Der Weg ist zunächst gepflastert, dann geht er über in eine geschotterte Oberfläche. Für das Radfahren mäßig geeignet, für die Postkutschen aus damaliger Zeit wäre das ein höchst komfortabler Untergrund gewesen. Als im Jahre 1698 der Kurfürst Friedrich III die ersten Meilenzeiger in Form von bunt angemalten Holzsäulen errichten ließ, muss eine Fahrt in der Postkutsche ein wahres Martyrium gewesen sein. Nicht wenige Kutschen sollen auf rutschigem Untergrund umgekippt sein, mit verletzten Passagieren als Folge. Genauso eine Holzsäule sichte ich nahe der ehemaligen Poststation Ziegenkrug.

Die neu gefertigte Holzsäule soll hier als Vorgänger für die steinerne Säule ursprünglich Orientierung gegeben haben. Die Postmeilensäule wurde hier nach umfangreicher Restaurierung am Originalstandort im Jahr 2004 wieder aufgestellt.

Die Ausspannstation und das Gasthaus Ziegenkrug wurde schon vor 50 Jahren abgerissen und abgetragen. Nur ein gleichnamiger Rastplatz für Wanderer mit einem Wetterpilz erinnert noch an die historische Stätte.

Weiter rolle ich durch den Krämer, der sich heute von seiner sonnigen Seite zeigt. Im westlichen Teil des Waldgebietes wird erfreulicherweise umfangreich mit Laubbäumen aufgeforstet. In 50 bis 100 Jahren werden die Kiefernstangen von den Eichen und Buchen wieder verdrängt sein. Ein klimafester Mischwald wird dann hoffentlich hier den Wanderern Schatten spenden.

Eine halbe Meile weiter kreuzt die Poststraße die Perwenitzer Chaussee.

Ich bleibe auf der Poststraße, die ab hier rumpeliger wird. Die Hinweise werden spärlicher. Vielleicht kann ich heute endlich „Reckins Grab“ , vom sagenhaften Förster Reckin, der zu den Zeiten, als französische Soldaten durch den Krämer zogen, einige von ihnen aus dem Hinterhalt in einer hohlen Eiche, erschossen haben soll. War das eigentlich eine Heldentat??? Wie auch immer: Letztlich wurde er entdeckt und gerichtet. 300 Schritte von der Eiche entfernt, erinnert ein Findling an den Förster. Ein kleiner Findling mit einem kaum noch erkennbaren Schriftzug „Reckin“.

Reckins Grab

Der jetzt etwas unmotiviert im Zickzack verlaufende Radweg führt letztlich quer über den Autobahnring und dann nach Staffelde, einem kleinen Ort mit Reiterhöfen, Gutshof und Kirche. Der schön restaurierte Dorfkrug war über Jahrhunderte Poststation. Hier wurden die Pferde ausgespannt, Kutschen repariert, und die Gäste hatten die Möglichkeit, sich beim Aufenthalt zu stärken. Aus dieser Zeit stammt auch der Begriff „Schmiergeld“ . Geld, das für die Schmierung der Wagenachsen fällig wurde. Im Bereich der Vorlaube der Station konnten unter dem Schutz des Daches Pferde beschlagen werden und Kutschen repariert werden. Wenn ich mir die Betriebsamkeit dieser Blütejahre vorstelle, mutet die jetzige Einsamkeit und Beschaulichkeit sonderbar an.

Dorfkrug und ehemalige Poststation in Staffelde

Aber: Ideenreiche Menschen haben in den letzten Jahren Mut gezeigt und hier ein Unternehmen gegründet: Das „Forschungs- und Innovationszentrum Mensch-Technik-Straßenverkehr GmbH“ hat sich hier angesiedelt, das Gebäude saniert und weitere Anlagen restauriert. Von hier aus kann man mit einer neu gebauten Postkutsche Ausfahrten unternehmen, die Natur und die alte Art des Reisens erleben. https://alter-dorfkrug-staffelde.de/kutschfahrten/

Über Kremmen, das ehemalige „Cremmen“, dem der Krämer Forst seinen Namen verdankt, rolle ich über Sommerswalde und Germendorf wieder in die heimischen Gefilde. Mit dem guten Gefühl, jetzt endlich eine klare Vorstellung vom Krämer und der Alten Hamburger Poststraße zu haben. Im nächsten Schritt kommt der Abschnitt von Flatow bis Lenzen an der Elbe dran. Einige Orte sind mir aus 8 x Zeitfahren Hamburg–Berlin wohlbekannt. Aber eben nur aus dem schnellen Durchfahren. Zukünftig werde ich mehr hinter die Kulissen blicken und recherchieren, wie es in der Vergangenheit hier aussah.

Zum Schauen:

Mit dem Taurine auf der Alten Hamburger Poststraße

Mein bewährtes Carbon-Taurine ist ein treffliches Gravel-Gerät. Vor 14 Jahren als eins der ersten Mountainbikes mit Carbon-Rahmen gekauft, nach fünf Jahren Frust mit der Cannondale Fatty umgerüstet auf Carbon-Starrgabel von Hitemp, dann die 26er Laufräder gegen 28″er getauscht. Jetzt kann das Wundertier mit seinen 9,2 kg ohne Schutzbleche und Anbauten locker neben den aktuellen Gravel-Bikes bestehen. Vornehmlich in Herbst und Winter kurble ich damit durch Wald und Feld.

Cannondale Taurine

So, nun genug des Vorspanns, aber das musste einfach mal gesagt werden. Und etwas Lob hat sich dieses zuverlässige Bike, das mich in den Jahren auf über 25000 Kilometern willig wie ein Arbeitspferd durch Matsch, Lehm und Sand begleitet hat, rechtschaffen verdient.

Heute wird sich die Sonne nicht blicken lassen, es soll aber trocken bleiben, und die Temperaturen sind fast zweistellig. Also raus ins Havelland! Von Hennigsdorf rolle ich nach Westen auf dem Radweg am Havelkanal entlang. Ich bin allein auf weiter Flur und genieße die totale Ruhe. Kurz vor Schönwalde-Dorf grasen hunderte von herrlichen Schafen in den Auen auf dem Gelände des ehemaligen Fliegerhorstes.

Der Radweg führt mich hin nach Wansdorf und zu einem Rastplatz, von dem aus ich mit Peter in den letzten Jahren -zig Touren durch das Havelland gemacht habe. Ich sollte mich also recht gut auskennen hier. Vor den Wander-Hinweistafeln unter den alten Eichen treffe ich einen Radler, den es, wie auch mich, an diesem grauen Dezembertag hinaus in die Natur gezogen hat. Er blättert in einem Reiseführer. Neugierig frage ich ihn, woher er kommt, wohin er noch will. Er will sich Wansdorf genauer anschauen. Kein aufwendiges Unterfangen bei diesem Ort mit wenigen hundert Einwohnern, einer kleinen Kirche und einem leicht angegammelten Gutshaus. Als ich ihm von meiner Leidenschaft für alte Bäume und meine Freude am Entdecken derselben erzähle, zeigt er mir in seinem Büchlein die „Zwölf-Brüder-Buche“, die dort als Attraktion angepriesen wird. Zwei Kilometer nördlich von hier, im Krämer-Forst, soll die Sehenswürdigkeit zu finden sein. Nein, er war auch noch nicht dort, sagt er. Aber für mich wäre das doch sicher ein schönes Ziel … Meine Neugier ist geweckt, und ich suche einen Weg hinein in das sich weit nach Nordwesten hin erstreckende Waldgebiet. Hinweise auf die Baumschönheit sehe ich nirgendwo, aber die Richtung sollte stimmen. Nach zwei Kilometern wird der gepflasterte Weg zum echten Waldweg. An einer Gabelung treffe ich auf ein Wandererpaar, das von einem großen Jagdhund begleitet wird. „Ja, dieser Weg führt zur Zwölf-Brüder-Buche.“ Ein kleiner Wegweiser würde den richtigen Abzweig weisen. Nur noch ein Kilometer. Allein, der Wegweiser kommt nicht. Oder ich habe ihn übersehen. Stattdessen wird der Weg rumpeliger, fast unfahrbar. Ich bleibe stehen und schaue endlich mal genau in meine OSM-MTB-Karte im Garmin. Ja, die Buche ist dort eingezeichnet. Also hin per Luftliniennavigation. Eine Viertelstunde später erblicke ich das angepriesene Gewächs. Eine vielstämmige Buche, die ihre Fühler weit nach oben streckt. Wirklich alt ist sie offensichtlich nicht. Das Besondere ist ihre Form mit ursprünglich zwölf Stämmen, die ganz eng beieinander eine Wuchsgemeinschaft gebildet haben. Auf nur ca. 100 Jahre schätze ich diesen Baum, gemessen an den geringen Stammdurchmessern.

Ein offenbar kürzlich herausgebrochener Einzelstamm hat nach dem Verlust eines weiteren in der Zeit davor die ursprüngliche Zwölferformation auf eine „Zehn-Brüder-Buche“ reduziert. Der Zahn der Zeit nagt! Auch die Umfriedung des Naturdenkmals befindet sich in maladem Zustand. So verlasse ich nur mäßig beeindruckt die Stätte und mache mich auf den Weg nach Norden. Irgendwann sollte ich auf die Alte Hamburger Poststraße stoßen, auf der ich dann endlich wieder flotter rollen könnte. Nur ist der Weg nicht gänzlich frei von Hindernissen.

Wer sein Rad liebt, der schiebt! Die nächsten Kilometer sind beschwerlich, aber der wunderbar duftende Wald entschädigt mich für die Mühsal. Bei Ziegenkrug, dem Ort einer ehemaligen Ausspann- und Ausruhstätte für Postkutschen, Reisende und Wanderer, erreiche ich die „Alte Hamburger Poststraße“ .

Nach dem Abriss des im Jahre 1751 erbauten Vorlaubenhauses künden nur noch ein großer Rastplatz und ein paar Informationstafeln von der vergangenen Pracht. Über 10 Kilometer führt der ehemalige Heer- und Postweg durch den Krämer. Vier Kilometer davon schnurstracks geradeaus. Gesäumt hauptsächlich von Kiefernwald. Laubbäume sind selten zu erblicken. Und wenn, dann sind sie recht jung. Beim Forsthaus Krämerpfuhl, in dem der legendäre Förster Reckin gelebt haben soll, quert der Postweg die Perwenitzer Chaussee. Just hier erblicke ich einen Wegweiser zur „Königseiche“. 300 Meter in Richtung Perwenitz sollte eine mächtige alte Eiche stehen.

Eine Viertelstunde suche ich im Zickzackkurs das Baum-Monument. Kiefern, Fichten, Gestrüpp, aber kein Gewächs, das sich Eiche nennen könnte. Dann finde ich nach der Methode Geocaching und den im Internet gefundenen Koordinaten das, was einmal die Königseiche war: ein modernder, von Farn und Laub bedeckter Stubben, kaum einen Meter hoch. Ich stehe vor den Überbleibseln der Königseiche!

Die Königseiche, bzw. das, was von ihr übrig ist

Wenn ich jetzt einen dicken Filzstift dabei hätte, würde ich den Hinweis zur Königseiche auf dem Schild durchstreichen.

Halbmeilenstein an der Poststraße

Der Hinweis auf Reckins Eiche verweist nicht auf einen prächtigen Baum, wie man meinen könnte. Nein, in 1,7 km Entfernung finde ich in Klein-Ziethen den schon seit 2019 angegebenen Landgasthof „Zur Eiche“. Hier im Ländchen Glien scheinen Schildbürger ihr Unwesen zu treiben. Jedenfalls vertraue ich ab jetzt den Hinweisen nur, wenn ich sie selbst geprüft habe.

In Klein Ziethen lauert hinter einem Tor ein Außerirdischer mit Schwert und Kampfmontur. Ungemütlich hier und Zeit, zu verschwinden. Das Tageslicht schwindet auch, und ich fahre wieder heimwärts. Am Rand von Bötzow besänftigen mich die wunderbaren Linden, die zum Dorfkern hin sich in einer langen Allee aufreihen.

Berlin – Randerscheinungen

Die Tage schrumpfen Tag für Tag, langsam kommt der Winter nahe. Die Sonnenstunden werden weniger, die Tage mit Sonnenschein auch. Immer kostbarer wird das rare Gut. Heute ist Helios gut gelaunt und sendet warmes Licht auf die weiten, abgeernteten Felder am östlichen Stadtrand. Mühlenbeck, dann vorbei an den Arkenbergen, ein künstlicher Hügel, ein Schuttberg, der wieder begrünt ist und mit 122 Metern überm Meer seit 2015 die höchste Erhebung Berlins. Der Teufelsberg mit 120 Metern ist auf Platz zwei gerutscht. Kürzlich durften hier beim Gravel Krit die Sportler auf das sonst abgesperrte Gelände und Höhenmeter machen. https://www.youtube.com/watch?v=zfh4GkLkUK4

Höher werden die Arkenberge zukünftig nicht mehr, Schutt wird nicht weiter aufgeschüttet, ein Erholungsgebiet für die gestressten Großstädter soll entstehen. Und irgendwann, so die Verwaltung will und kann, dürfen hier die Mountainbiker und Graveller sich jeden Tag austoben. Als ich am Rand der trist daliegenden ehemaligen Kleingartenkolonie Arkenberge vorbeirolle, ist der Zaun noch geschlossen. Ich darf, ich muss also heute nicht da hinauf. Auf den Feldwegen sind Hunde mit ihren Menschen im Auslaufgebiet unterwegs. Französisch Buchholz ist der Ortsteil getauft, den ich auf meinem Kurs nach Südosten als Nächstes im Zickzack durchquere. Ursprünglich war es eine Ansiedlung, die um das Jahr 1770 Hugenotten, die aus Frankreich aus Glaubensgründen vertrieben wurde , eine neue Heimat bieten sollte. Heute empfängt mich ein Konglomerat aus Datschen, Einfamilienhäusern, Handwerksbetrieben, Schrottplätzen, das nach Osten vom Autobahnring abgegrenzt wird. Etwas unharmonisch, befremdlich, aber doch naturnah. Das gilt auch für den nächsten Ortsteil, Blankenburg, wo ich am typischen Empfangsgebäude des Bahnhofs aus den 20er Jahren staunend vorbeirolle. Bahnwärter, Bahnhofsvorsteher, Fahrkartenverkäufer, viel Personal war in der Blütezeit ständig vor Ort. Heute finden sich hier nur noch Fahrkartenautomaten.

Auf meinem Weg nach Osten, hinaus aus der großen Stadt, erreiche ich Neu-Hohenschönhausen. Nicht nur der Name dieses Ortsteils ist ein wahres Ungetüm

Auf dem Wandgemälde prangt der Fischerkahn von Heringsdorf

Die Häuser vor mir bekommen immer mehr Stockwerke, Beton war in Form von Plattenbauten der Lieblingsbaustoff in der DDR. Der Grundstein für mehr modernen Wohnraum wurde 1984 von Erich Honecker gelegt. Die Fertigteile für die Großbauten kamen von Firmen aus Rostock, Schwerin, Neubrandenburg und Frankfurt/Oder. Die Bauteile waren je nach Lieferant unterschiedlich geformt. Daraus resultierten verschiedene Fronten und Formgebungen. Der Herkunftsgegend der Baufirmen entsprechend, bekamen Straßen und Plätze ihre Namen.

Ein Ortsteil samt Infrastruktur mit S-Bahn und Tramlinien wurde als Musterprojekt aus dem Boden gestampft. Die Straßen und Plätze sind nach Orten in Mecklenburg-Vorpommern benannnt. Ribnitz, Ahrenshoop, Wustrow, Zingst und so weiter finden sich auf den Schildern.

Wohnungen für mehr als 60.000 Menschen entstanden. Reichlich Beton, aber auch Spielplätze, Schulen, Schwimmhallen und einige Parkanlagen, die etwas Grün ins Grau der Bauten bringen sollten. Auf der östlichen Seite der S-Bahn-Linie sehen die Bauten anders aus. Die Klötze ragen höher in den Himmel, die Neubrandenburger-, Rostocker- , Demminer Straße künden von den Plattenlieferanten aus dieser Region.

Springbrunnen und Skulpturen sollten die neue Siedlung verschönern, mit der Vergabe von „Goldenen Hausnummern“ wurden besondere Aktivitäten der Bewohner zur individuellen Gestaltung belohnt. Im Oktober 1989, kurz vor der Wende, wurden die Bauarbeiten des Projektes Hohenschönhausen-Nord offiziell für vollendet erklärt.

Auf meinem Zickzack-Kurs durch die Straßen und um die Häuser sehe ich Besonderes und Absonderliches. Schönes und Kaputtes direkt nebeneinander.

In der Mitte der 90er Jahre, kaum zehn Jahre nach Entstehung des Ortsteils, wurden umfangreiche Sanierungen und Umbauten durch die HOWOGE und andere Wohnungsbaugesellschaften vorgenommen. Heizungen und Fenster wurden erneuert, Balkone abgerissen und neu gestaltet. Und dann kam noch mächtig Farbe an die grauen Wände. Und Darstellungen von Natur und Ostsee.

Brunnen der Jugend von Senta Baldamus

Nur einen echten Mittelpunkt, einen Treffpunkt für die Menschen, kann ich nicht entdecken.

Ich sehe eine Vincent-van-Gogh-Schule, eine Schostakowitsch-Musikschule, fahre am „LindenCenter“ vorbei und erblicke den Brunnen der Jugend, der wie aus der Zeit gefallen scheint. Ursprünglich hatte die Stadt Schwerin schon 1975 den Auftrag für einen Brunnen mit Skulpturen an die Berliner Bildhauerin Senta Baldamus vergeben. Dann ging der Stadt das Geld aus und die bis dahin erstellten Entwürfe wanderten in einen Schweriner Schuppen und wurden dort zwischengelagert. Erst lange nach der Wende wurden dank der Marketinggesellschaft Berlin die zur Fertigstellung der Figuren erforderlichen Mittel zur Verfügung gestellt. Erst im Jahre 2002 wurde dann der Brunnen samt Figuren auf dem Stadtplatz errichtet. Nach einer über 25-jährigen abenteuerlichen Vorgeschichte. Die im Jahr 2001 verstorbene Bildhauerin hat die Einweihung nicht mehr erleben dürfen.

Zukunft?

Daneben residiert in einem waschbetonverkleideten, angegammelten Bau das Zukunftswerk Jugend. Auch eine „Tiertafel“ gibt es hier. Auf den Fenstersimsen und auf der Dachkante vergnügen sich Hunderte von Tauben. Offensichtlich Stammgäste, wie an den Hinterlassenschaften am Boden zu erkennen ist. Hier und drumherum soll ein neues „Urbanes Zentrum“ entstehen. Eine Ausschreibung zum Projekt gibt es schon. Ideen werden gesammelt, Arbeitskreise gebildet. Wenn es also in der berlintypischen Geschwindigkeit vorwärtsgeht, können sich die Bewohner in der nächsten Generation über eine echte Mitte freuen. Schaun mer mal.

Nach einer Stunde Ortsteilerkundung freue ich mich wieder auf den Blick in die freie Natur, auf die Wartenberger Feldmark, die im Norden an die Blockbebauung anschließt. Ich rolle vorbei an einem Skatepark, einem aufwändig gestalteten Spielplatz, einem Basketballfeld, einem Japanischen Garten. Das sieht gut aus und versöhnt ein klein wenig mit dem Brutalbeton der Siedlung. Die nächsten Kilometer genieße ich die erstklassige Qualität der Rad- und Wanderwege durch die Flur. Aus der Feldperspektive ist die klotzige Bebauung von Neu-Hohenschönhausen gegen die abgeblendete Sonne als Schattenriss deutlich zu erkennen.

Neu-Hohenschönhausen

Langsam arbeite ich mich zurück nach Westen über Karow und Buch. Am Stadtgut vorbei und den alten Eichen im Park. Neben Brutalbeton und dichter Bebauung ist erfreulich viel Raum für die freie Natur. Es ist eben immer eine Frage der Perspektive. Ich schaue gerne ins Grüne, auf Bäume und die kleinen Zentren der ehemaligen Vororte der großen Stadt.

Am späten Nachmittag, 70 gemächliche Kilometer zeigt das Garmin, rolle ich wieder zu Hause ein. Frische Luft und viele neue Eindrücke im Kopf. Es gibt noch viel zu entdecken.

Langsam an der Schnellen Havel

Auf 14 Kilometern Länge verläuft der Voßkanal parallel zur mäandernden Schnellen Havel von Liebenwalde bis nach Zehdenick. Erbaut in den Jahren 1880 bis 1882 und ausgerüstet mit den Schleusen Bischofswerder, Krewellin und Zehdenick. Auf dieser Wasserstraße konnten endlich die Produkte der Ziegeleien um Mildenberg herum nach Berlin verschifft werden. Die schnell wachsende Großstadt Berlin brauchte um die Jahrhundertwende vor dem Ersten Weltkrieg Millionen Tonnen Ziegel und Klinker für die neu entstehenden Häuser und Bauwerke. Der Radweg Berlin – Kopenhagen begleitet den Voßkanal durch die herrliche Auenlandschaft. Gerade jetzt, im Spätherbst, sind die Farben besonders kräftig. Goldbraun leuchten das letzte Laub an Eichen, Ahorn und Linden und die gefallenen Blätter am Boden. Sattgrün die Wiesen an der Schnellen Havel. Ein Farbrausch, der den Vorteil hat, den Menschen nicht besoffen, sondern einfach nur glücklich zu machen.

Am Voßkanal bei Krewellin
Am Voßkanal

Alle paar Hundert Meter klicke ich die Radschuhe aus den Pedalen, fingere meine Olympus Tough-Kamera aus der Oberrohrtasche und mache Foto um Foto. Mit Schilf, mit Bäumen, mit Wiesen, mit Wolken, mit Wasser…

Beste Nahrung für die herbstdämmerungs-, nebelgeschädigte Seele. Endlich Sonne, klare kalte Luft aus Norden. Flache Cumuluswolken gruppieren sich in Reihen am tiefblauen Himmel. Vereinzelt sind noch Kranichrufe zu hören. Die letzten Zugvögel machen sich auf den Weg nach Süden. Graugänse schnattern zu hunderten um die Wette und bilden schöne Schattenrisse unter den Wolken.

Gänse in der Thermik unter Cumuluswolken

Vereinzelt tuckern Sportboote vorbei, wahrscheinlich auf dem Weg ins Winterquartier oder in die Werft von Malz oder ins Bootslager von Liebenwalde. Am Südrand von Zehdenick vereinigen sich Voßkanal und Schnelle Havel, um sich dann wieder als Havel durch die zahlreichen Tonstich-Seen bis hinauf nach Mildenberg zu schlängeln. Heute schaue ich mir ein historisches Kleinod von Zehdenick endlich mal von innen an: Das Zisterzienserkloster aus dem Jahre 1250. Genauer: Kloster für Zisterzienserinnen. Die wechselvolle Geschichte über die Jahrhunderte ist im verlinkten Artikel nachzulesen. das kleine Eingangstor ist erfreulicherweise geöffnet, so dass mein Basso und ich in den Innenhof der ehemaligen Klosteranlage hineingehen können. Die Mauern atmen Geschichte und hätten sicher viel zu erzählen, wenn sie denn könnten. So lese ich wissensdurstig die Informationen auf den Mauertafeln, bin beeindruckt vom mächtigen Mauerwerk und dem kleinen Klostergarten, in dem heute mannigfaltige Kräuter und Gartenpflanzen in Hochbeeten gedeihen.

Zehdenick hat sich im Laufe der Jahre in der Mitte des Ortes ordentlich herausgeputzt. Sorgfältig restaurierte Häuser in den Farben der Barockzeit und daneben gelegentlich auch leer stehende Läden, die neue Betreiber suchen. Alt und neu, hübsch und hässlich in direkter Nachbarschaft.

Zehdenick, ein Ort, der sich Mühe gibt, wieder attraktiv und lebenswert zu werden.

Auf dem Weg wieder zurück nach Berlin rolle ich in Richtung Löwenberg nach Südwesten über die B 109 sanft eine Bodenwelle hinauf, himmelwärts durch eine junge Allee in die Wolkenbänke schauend.

Himmelwärts

Hammelstall heißt ein Anwesen am Waldrand. Wegsteine zeugen von der Vergangenheit.

„Zehdenicker Bürgerheide 1299“ lese ich auf dem ersten Stein westlich der Straße. Wenig weiter südlich dann „Erbauung der Chaussee 1900/1901 – Berlin 7 Meilen“ Eine Preußische Meile entspricht 7,532 Kilometern, also ist die Distanz nach Berlin etwa 53 Kilometer. Damit ist mein Garmin absolut einverstanden. Kurz vor Falkenthal folge ich einem Radwegweiser, der mich in den ehemaligen königlichen Forst hineinführt. Wieder hin nach Osten in die Havelauen. Ein wunderbarer Weg durch alten Mischwald mit herrlichen Buchen, Eichen und großen Kiefern. Eine Viertelstunde später stehe ich an einer Weggabelung. Links ein riesiger Farbklecks in Form einer Stieleiche, die komischerweise noch nicht ihr Laub abgeworfen hat, und gerade vor meinen staunenden Augen wird eine Herde von wunderbaren braunen und schwarzen Rindern immer größer. Mittendrin eine Gruppe von zotteligen Eseln.

Esel inmitten von Rindern – friedliche Koexistenz

Der Sandweg, der nach Süden führt, ist tief und weich. Ich muss eine Weile schieben. Eigentlich genau richtig, um dieses Stück herrliche Natur richtig in mich hineinzusaugen. Irgendwann komme ich wieder auf festen Rollgrund. An einsamen Gehöften vorbei bis zu einer Reihe von Fischteichen, auf denen hunderte von Schwänen ihre sanften Kurven ziehen.

Fischteiche westlich der Schleuse Bischofswerder

Der mittlerweile feste, glatt geteerte Weg führt mich nach Süden in Richtung Neuholland. Dann hinüber nach Malz und wieder an den Oder-Havel-Kanal.

Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist 80A5FCBC-3C86-42AA-97D2-A629C5F6BA7C_1_201_a-1024x576.jpeg

In Friedrichsthal, an der Kanalbrücke, schließt sich der Kreis für meine Herbstausfahrt, und ich rolle wieder auf wohlbekannten Wegen nach Hause. Mit dem letzten Licht am Lehnitzsee entlang und wenig weiter mit einer leuchtenden Venus als Glanzpunkt des Tages am orangerot gefärbten Südwesthimmel.

Louis Hanri ? Fontane

 

ENTDECKUNGEN IM ODERBRUCH

das Oderbruch hat für mich etwas Magisches, eine besonders starke Anziehungskraft. Woher kommt das eigentlich, frage ich in mich hinein. Die Landschaft und die Kultur sind eher unspektakulär, zumindest wenn man die Gegend mit dem Allgäu oder gar den Tiroler Alpen, wo ich vor wenigen Wochen gewandert bin, in Vergleich bringt. Falscher Denkansatz, sagt mein inneres Ich! Schon Fontane sagte im Vorwort zu seinen Wanderungen in der Mark Brandenburg: „Der Reisende in der Mark muß sich mit einer feineren Art von Natur- und Landschaftssinn ausgerüstet fühlen. Es gibt gröbliche Augen, die gleich einen Gletscher oder Meeressturm verlangen, um befriedigt zu sein. Diese mögen zu Hause bleiben“ 

Schon auf der Anfahrt über die Wellen des Barnim durch kilometerlange Ahorn- Eichen- Linden- und Kastanienalleen wird deutlich: Hinschauen ist erforderlich, nicht nur stures Durcharbeiten und Durchkurbeln. Sonst bleibt das Schöne dem Auge verborgen. Zwischen Grüntal und Klobbicke bewundere ich eine herrliche Ahornallee, die schon eine ganz leichte Herbstfärbung zeigt. Auf dem Weg nach Osten folgt dem Ahorn die Kastanie. Die Bäume sehen aus wie nach einem Frosteinbruch im Spätherbst. Für den frühen Laubfall ist aber nicht Temperatur, Sturm und Jahreszeit , sondern die gefräßige Miniermotte verantwortlich. 

In Gersdorf werden Zierkürbisse feilgeboten, in Dannenberg steht ein ausgedienter Feuerwehr-Robur an der Straßenecke. Nostalgische DDR-Lüfte umwehen mich.

ein echter Robur

Der geflasterte Freienwalder Weg geht am Ostrand des Ortes über in einen gut fahrbaren Waldweg. Nur eine vom letzten Sturm gefällte Fichte will von mir überklettert werden. Auf den nächsten zwei Kilometern führt der als Radweg gekennzeichnete Track durch den Wald. Kurz vor Bad Freienwalde stößt er auf die B 168. Fünf Minuten später kann ich wieder, aufs Neue erstaunt, die Sprungschanze von Bad Freienwalde erblicken. Dann rausche ich mit 50 km/h hinunter gen Oderbruch.

Schwalben und Simsons haben die Tankstelle besetzt

An der Esso-Tankstelle am Ortsausgang herrscht buntes Treiben: Die Fans nostalgischer Mopeds mit Namen Schwalbe und Simson haben sich hier versammelt und blockieren den gesamten Betrieb. Aber sicher nicht böswillig. Die Stimmung ist ausgelassen. Ich schaue mir einige der Zweitakt-Oldtimer an und erfahre, dass die Simson neben mir aus dem Jahr 1988 stammt. Ich nehme ein paar tiefe Züge vom verbrannten Zweitaktgemisch und rette mich wieder auf die Bundesstraße in Richtung Schiffmühle. 

In Schiffmühle hat der Vater meines Lieblings-Brandenburg-Literaten Theodor Fontane seine letzten Lebensjahre in fast schon ärmlichen Umständen verbracht. Seine Spielsucht hatte ihn und die Familie nicht nur einmal in die Pleite getrieben. Bevor ich das Fontane-Haus erreiche, sichte ich an der nächsten Kreuzung Polizeifahrzeuge mit Blaulicht und mehrere Krankenwagen. Als ich, meinen Blick weiter nach vorn gerichtet, die Unfallstelle passiere, sehe ich eine nostalgische Schwalbe verformt am Straßenrand liegen.

Mein Adrenalinspiegel steigt ruckartig an, und mir wird wieder einmal bewusst, wie gefährlich das Fahren auf Schnellstraßen sein kann. Und auf diesem Abschnitt gibt es auch keinen begleitenden Radweg.  

Ich bin froh, als ich in Schiffmühle die Bundesstraße verlassen kann. Das Fontane-Haus ist wieder geöffnet, Kaffee und Kuchen werden feilgeboten, allein, ich habe noch keinen Hunger. Heute will ich durch die Ansiedlung an der Oderbruchkante weiter rollen bis nach Neutornow.

Hier, auf einem  kleinen Friedhof neben der Kirche soll Louis Henri Fontane, der Vater von Theodor begraben sein. Dieser Ort der Fontane-Familiengeschichte fehlt noch in meiner Sammlung. Dort, wo die Wriezener Alte Oder von der Stillen Oder abzweigt, erblicke ich links auf der Abbruchkante thronend ein kleines Kirchlein. Ein paar Meter weiter steht, etwas eingewachsen im Buschwerk ein Hinweisschild auf die Grabstätte. Da heißt es absteigen und raufklettern. Nach 200 Metern komme ich von der Nordseite heran an die alte Kirche. In Neutornow habe ich bislang keinen einzigen Menschen gesichtet. Ganz schön einsam hier. Die Kirche stammt aus der Kolonistenzeit aus dem Jahr 1770. Die Sitzbank neben der Eingangstür hat schon bessere Zeiten gesehen, daneben zeigt ein vom Wetter gegerbtes Schild den Weg zur Fontane-Grabstätte. Ein paar Meter weiter lese ich auf einem Aluminiumschild, was Sohn Theodor zur Grabstelle seines Vaters formuliert hat. 

Ganz nah an der Kirchenmauer, auf dem leicht abschüssigen Gelände, liegt eine von kleinen Findlingen umrahmte große Steinplatte mit einer Inschrift, die mich zum Staunen und Nachdenken bringt:

LOUIS HANRI FONTANE, kann ich lesen. Kein Geburts-und Sterbejahr, nur eben Louis HANRI Fontane. Hat er denn Hanri mit Vornamen geheißen? Nein, hat er nicht. In allen Dokumenten, die ich finden kann, wird der Fontane-Vater nur Henri genannt und geschrieben. Berichte von Veranstaltungen zum Todestag von Louis Henri F. habe ich gefunden und gelesen. Keinem der Schreiber oder Redner ist sie aufgefallen oder gar sauer aufgestoßen, die falsche Schreibweise. Also finde ich meine eigene Erklärung für den bösen Lapsus. Der Steinmetz wird betrunken gewesen sein, als er den Namen in Stein meißelte. Und eine „Korrekturplatte“ wird zu teuer gewesen sein. So mutierte Henri auf dem Grabstein zu Hanri , rede ich mir ein.  Schluss mit der Krittelei, sage ich mir und richte den Blick ins schöne Oderbruch. Und der Blick von diesem Friedhof hin nach Osten ist wirklich grandios. 

„ Sand, Geröll und große Steine, wie sie dort überall in der Erde stecken, liegen auf seinem Grab; sei ihm die Erde leicht“. So schrieb Sohn Theodor. Zu lesen in seiner Biografie. 

Ich setze mich auf die verwitterte Bank unter der von Efeu umrankten Eiche, knabbere einen Müsliriegel und genieße die Fernsicht. 

Mein gesetztes Tagesziel habe ich erreicht, jetzt rolle ich noch gemütlich nach Hohensaaten und dann zurück über Oderberg und den Hügel rauf nach Liepe und dann zum Schiffshebewerk. Dort vertilge ich eine große Portion Pommes, die es leider schon mindestens dreimal im heißen Fett bis zur Verschrumpelung ausgehalten hat. Fast ungenießbar, aber kalorienreich. Zwei Stunden kurbele ich hinüber nach Eberswalde, dann am Kanal entlang bis Zerpenschleuse.  

Die Sonne steht schon niedrig über dem Horizont, als sich auf dem Oder-Havel-Kanal der Tanker Odin auf dem Weg ins ferne Ruhrgebiet unter der Brücke hindurchschiebt. Jetzt noch 30 Kilometer nach Süden, und schon werde ich zu Hause ein wohlverdientes Bier genießen können.

Vielleicht finde ich doch noch irgendwann heraus, wie es zur falschen Schreibweise auf der Grabplatte kam, welche Geschichte dahintersteckt.

4. Etappe: Von der Unstrut an die Elbe

Es ist Donnerstag, und es wird Zeit, von Süd auf Ostkurs umzuschwenken. Von Freyburg hinüber nach Leipzig und dann hin zur Elbe und zum Spreewald. Das ist der Plan für den Tag. Meine Wetter-App verspricht acht Stunden Sonnenschein und frischen Wind aus Südwest. Da lacht mich der Spreewald schon aus 190 Kilometer Entfernung an. Mein Granfondo hat genau wie ich sehr gut geschlummert, und die Motivation für eine wieder etwas längere Etappe ist groß. Beschwingt lasse ich es rollen, mit 30 bis 40 km/h fliegt das Titangerät gen Osten. Erst durch die Größter Berge, dann durch die „Bergbaufolgelandschaft“ mit den künstlichen Seen und der Geiselbachtalsperre. Braunsbedra hört sich schon sehr nach Braunkohle an, die hier bis 1993 gefördert wurde. Sieben Prozent der Weltfördermenge kamen einst aus dieser Region. Heute erinnern die Wasserflächen, die Kornfelder und die jungen neuangelegten Wälder nur noch den an die Bergbauzeit, der sich kundig gemacht hat. Der Radweg führt zwar nahe an den Seeufern entlang, die jungen Bäume und Sträucher verhindern aber die Sicht auf die Seen. Stattdessen muss ich aufpassen, die vielen Wurzelaufbrüche entweder zu Umkurven oder ganz langsam darüberzurumpeln. Irgendwann wird es mir zuviel und ich wechsle vom Radweg auf die glatte Landstraße.

Heute quere ich die Saale wieder bei Merseburg, nur dieses Mal komme ich aus Südwesten an den Ort heran.

Fast 1000 Jahre steht schon die ehemalige Kirche St. Sixti auf einem kleinen Hügel. Sie wurde nie zu Ende gebaut und schon vor ca. 500 Jahren als Kirche aufgegeben. Die Reformation sorgte dafür, dass sie keine Bedeutung mehr hatte. Im 19. Jhd. wurde der Kirchturm gar zum Wasserspeicher umgebaut. Eine wahrlich seltsam anmutende Historie eines Kirchenbauwerks. Bei meiner zweiten Merseburg Durchfahrt bleibe ich auf der Hauptstraße, werfe noch einen Blick hinüber zum Schloss und zum Dom, dann rolle ich nach Osten an das Flüsschen Luppe, das mich nach Leipzig führt. In Dölkau staune ich über das alte und heruntergekommene Gutshaus, das zum herausgeputzten Schloss Dölkau gehört, aber seltsamerweise von der Restaurierung oder nur vom Erhalt gänzlich ausgenommen wurde. Morbider Charme.

Noch mehr wundere ich mich, als ich herausfinde, dass der triste Bau mit der herumflatternden Gardinenresten das ehemalige Rittergut Kleinliebenau sein soll. Fast am Stadtrand von Leipzig kommen sich die Luppe und die weiße Elster ganz nahe. Die Elster darf weiter mäandern, die Luppe wird hier zum Kanal, der von einem neuen asphaltierten Weg begleitet wird. „Befahren und Reiten verboten“ lese ich. Soll ich denn schieben hier? Ich lasse mich von dem leicht missverständlichen Schild nicht abhalten, weiterzufahren. Und tatsächlich steht ein paar Kilometer weiter ein Radweghinweiser.

Ich quere Leipzigs Zentrum, bewundere das Stadion der Roten Bullen und die Renaissance Bauten, und schon bin ich wieder auf dem Lande. In Bennewitz an der Mulde entdecke ich das Sportlerheim, von dem aus ich zu meinem ersten 200er Brevet im Jahre 2009 gestartet war. Lang, lang ist’s her. Vor mir auf Kurs ist Wurzen schon weit vor Erreichen der Stadtgrenzen an den beiden monumentalen Türmen der ehemaligen Getreidemühle zu erkennen. Aus der Nähe betrachtet sehen sie nicht mehr attraktiv aus, ich mache lieber ein Foto vom Wegweiser aus 1774 am Marktplatz.

Wurzen

Es ist gerade mal halb zwei und mein anvisierter Zielort Lübben scheint noch gut erreichbar. Aber dann kommt es anders. Auf einer herrlich grünen Wiese stolzieren zwei Störche ganz nah am Wegesrand. Die musst Du fotografieren, sage ich mir und will nur noch wenden, um in eine bessere Position zu kommen. Dabei mache ich den fatalen Fehler, nicht vorher auszuklicken. „Rumms, da fiel der Reiter um“. Klassischer Anfängerfehler, der mir ein verstauchtes linkes Handgelenk einbringt. Auf jedem weiteren Kilometer werden die Schmerzen deutlicher. Das Gelenk schwillt an, ist aber noch gut beweglich. Fazit: Bis Torgau sollte ich es noch schaffen, aber dann will ich in die Bahn steigen. Gedacht, getan. Ich besorge mir in Torgau noch eine Tube Voltaren und eine Packung Ibuprofen, dann rolle ich zum Bahnhof und sitze um 17 Uhr im fast leeren Regio nach Berlin. Ende einer schönen Reise.

P.S.: Heute, vier Tage später, haben sich die Schmerzen verflüchtigt, die Schwellung ist verschwunden. Bald kann es wieder losgehen. Am besten nach Torgau, in den Spreewald und zurück, dann wäre die Etappentour komplett.

3. Etappe entlang Elbe, Saale und Unstrut

Merseburg – Leuna – Bad Dürrenberg – Weißenfels – Naumburg – Freyburg

Zumindest die Dusche funktioniert im Westfalia-Hotel. Und recht ruhig war die Nacht. Das letzte Fläschchen Budweiser habe ich nicht mehr geschafft, so kann sich Putzfrau oder -mann ein warmes Schlückchen beim Saubermachen gönnen. Um acht Uhr verlasse ich die ungastliche Stätte und lenke das Granfondo und meine Gedanken hinaus aus dem Gewerbegebiet nach Süden, wieder an die Saale. Hinein in die Natur. Eine halbe Stunde später erreiche ich bei Döllnitz einen Flussradweg, nur nicht den an der Saale, sondern den an der Weißen Elster, die ein paar Meter weiter in die Saale mündet. Folglich trägt das bewaldete Gebiet auch den Namen Saale-Elster-Aue. Noch 20 Minuten, dann das erste Schild: „Domblick“. Gemeint ist das eindrucksvolle Turm-Ensemble von Merseburg.

Merseburger Dom und Schloss

Die Kulisse ist herrlich, mein knurrender Magen, der auf ein Frühstück wartet, verhindert aber längeres Verweilen. Mit Vorfreude auf ein nettes Café und leckere Brötchen rolle ich hinein in die alte Stadt. Nur ist sie um neun Uhr leider noch nicht aufgewacht. Die Plätze sind leer, die gastlichen Stätten schlummern noch.

Marktplatz mit Staupenbrunnen

Ich hoffe auf die Innenstadt und lasse mich durch die Hinweisschilder zum Dom und zum Schloss locken. Sehr eindrucksvoll, sehr alt, aber auch hier kein Kaffeeduft in der Luft.

Diese Boulangerie ist Geschichte. Die Kreideaufschrift an der Türtafel lässt vermuten, dass der Schreiber kein Muttersprachfranzose ist. Die Fensterläden am nächsten Haus sind auch nicht mehr in bestem Zustand. Nur wenige Meter weiter kann ich aufwändig restaurierte Bauten bestaunen. Im alten Schloss residiert jetzt die Saale-Kreisverwaltung.

Dieses so schöne Städtchen will mich einfach zu dieser Zeit ( noch) nicht. Unschlüssig rolle ich durch die Fußgängerzone, wo vor einer Bäckerei einige hungrige Handwerker die Tische besetzt haben. Irgendwann habe ich keine Lust mehr, weiterzusuchen, und setze Kurs Süd, hinaus aus Merseburg, hinein in die Geschichte und Neuzeit der Chemieindustrie von Leuna. So historisch beeindruckend die eine, so kalt und industriell, aber durchaus eindrucksvoll wirkt die Industriestadt mit dem riesigen Chemiepark. „Zukunftsort Sachsen-Anhalt“, lese ich.

Und plötzlich ist es da, das Bäckereicafé mit überdachter Terrasse – in Leuna, direkt gegenüber dem alten Eingangstor zu den Chemiewerken.

Nach dem Vertilgen des Käsebrotes und mit dem Milchkaffee im Magen, gibt mein Körper das Signal, wieder aufzusteigen und den Saale-Radweg aufzusuchen. Nach einer Umwegschleife durch die sehenswerten historischen Arbeitersiedlungen tauche ich endlich wieder in die Natur ein. Der Auenwald duftet, die Vögel tirilieren. So habe ich mir das gewünscht. In Bad Dürrenberg bestaune ich den alten Salzförderturm, in dem mittels Pumpenanlagen die Sole nach oben und dann in die Salinen befördert wurde.

Industriekultur, Bäderkultur, es gibt viel zu sehen hier. Tagelang könnte ich verweilen, ohne Langeweile zu bekommen. Heute aber will ich weiter radeln an der Saale entlang. Ich genieße die Ruhe und das Mit-Mäandern des Radweges mit dem Fluss. Weißenfels ist die nächste Stadt. Ich kurve hindurch und sehe alt neben neu, Glanz neben Grau.

Die Stadt fängt mich heute nicht ein, lieber fahre ich nach einer kleinen Pause am Saaleufer weiter in Richtung Naumburg. Noch hält das „Spätstück“ vor und noch ist eine Trinkflasche voll. Das sollte reichen bis Naumburg, oder besser sogar bis Freyburg, das ich noch gar nicht kenne. Auf dem Radweg, ca. fünf Kilometer vor Naumburg, treffe ich einen Langstrecken-Reiseradler, der seinen E-unterstützten Wilier-Renner schiebt statt fährt. Er hat ein ähnliches Erlebnis mit Plattfüßen, Flicken und Luftverlust wie ich zwei Tage zuvor. Ich biete ihm Hilfe an, er hat aber Lust, ein Stündchen bis zur Stadt zu laufen und dann einen Radladen zu suchen. Nach seinen bisher zurückgelegten ca. 1500 Kilometern von Augsburg zur Ostsee und retour scheint er auch ein paar Wanderstunden gerne zu verkraften. Ich lasse die Domstadt links liegen und folge der Saale bis zur Einmündung der Unstrut. Weinberge kommen in Sicht. Habe ich da einen Hinweis zu einer „Straußenwirtschaft“ gelesen? Auf den nächsten Kilometern ändert sich der Ausdruck von Landschaft und Kultur. Ich fühle mich angenehm hineinversetzt in eine typische Weingegend. Steil ragen die Rebhänge auf, und auf jedem Felsabsatz klammern sich Häuschen und Villen in den Hang.

Vorsorglich habe ich meine Unterkunft schon mittags gefunden und gebucht: Das Weinberghotel Edelacker, direkt neben dem Schloss ganz oben auf der Hangkante gelegen. Durch das Städtchen Freyburg kurve ich mit wachsender Vorfreude auf Wein und Gastlichkeit. Doch bis dorthin muss ich noch ein paar Höhenmeter wegdrücken. An Weinbergen vorbei, durch Wald und dann auf einer schmalen Straße hinauf zum Schloss.

Oben angekommen, fahre ich zunächst bis zum Schloss durch. Ich will die Aussicht und die Baulichkeiten erleben und werde reichlich belohnt. Neuenburg ist eine mächtige Burganlage, der Ausblick auf Freyburg und die Weinberge grandios. Wenn jetzt auch das Hotel noch passt … Es passt wunderbar. Das Granfondo bekommt sogar einen eigenen kleinen, abschließbaren Schuppen für die Nacht. Ich breite meine Sachen im Zimmer aus, dusche und lustwandele auf die Aussichtsterrasse, suche mir einen schönen Platz und darf einen erstklassigen Weißburgunder schon einmal als Aperitif vor dem Essen genießen.

An diesem Abend gibt es ein Büffet für alle Gäste – draußen. Ganz schön gewagt, denn im Westen verdichten sich die Wolken und schieben sich näher heran. Der Küchenchef bleibt entspannt, das Büffet wird aufgebaut, eine ganze Reisegesellschaft aus Verden an der Aller wird begrüßt, ein Liedermacher macht seine letzte Probe vorm Auftritt. Andreas Max Martin, eine mehr als nur lokale Größe. Großes Kino also heute. Und Action ist durch einen erfreulicherweise nur wenige Minuten durchrauschenden Regenschauer auch noch geboten. Ich genieße geradezu die Tropfen – die im Glas und die von oben.

Alles in Allem: Ein herrlicher Ausklang einer erholsamen 85-Kilometer-Kurzetappe!

Freyburg ist eine Reise wert.