4. Dezember 2021

4. Etappe: Von der Unstrut an die Elbe

Es ist Donnerstag, und es wird Zeit, von Süd auf Ostkurs umzuschwenken. Von Freyburg hinüber nach Leipzig und dann hin zur Elbe und zum Spreewald. Das ist der Plan für den Tag. Meine Wetter-App verspricht acht Stunden Sonnenschein und frischen Wind aus Südwest. Da lacht mich der Spreewald schon aus 190 Kilometer Entfernung an. Mein Granfondo hat genau wie ich sehr gut geschlummert, und die Motivation für eine wieder etwas längere Etappe ist groß. Beschwingt lasse ich es rollen, mit 30 bis 40 km/h fliegt das Titangerät gen Osten. Erst durch die Größter Berge, dann durch die „Bergbaufolgelandschaft“ mit den künstlichen Seen und der Geiselbachtalsperre. Braunsbedra hört sich schon sehr nach Braunkohle an, die hier bis 1993 gefördert wurde. Sieben Prozent der Weltfördermenge kamen einst aus dieser Region. Heute erinnern die Wasserflächen, die Kornfelder und die jungen neuangelegten Wälder nur noch den an die Bergbauzeit, der sich kundig gemacht hat. Der Radweg führt zwar nahe an den Seeufern entlang, die jungen Bäume und Sträucher verhindern aber die Sicht auf die Seen. Stattdessen muss ich aufpassen, die vielen Wurzelaufbrüche entweder zu Umkurven oder ganz langsam darüberzurumpeln. Irgendwann wird es mir zuviel und ich wechsle vom Radweg auf die glatte Landstraße.

Heute quere ich die Saale wieder bei Merseburg, nur dieses Mal komme ich aus Südwesten an den Ort heran.

Fast 1000 Jahre steht schon die ehemalige Kirche St. Sixti auf einem kleinen Hügel. Sie wurde nie zu Ende gebaut und schon vor ca. 500 Jahren als Kirche aufgegeben. Die Reformation sorgte dafür, dass sie keine Bedeutung mehr hatte. Im 19. Jhd. wurde der Kirchturm gar zum Wasserspeicher umgebaut. Eine wahrlich seltsam anmutende Historie eines Kirchenbauwerks. Bei meiner zweiten Merseburg Durchfahrt bleibe ich auf der Hauptstraße, werfe noch einen Blick hinüber zum Schloss und zum Dom, dann rolle ich nach Osten an das Flüsschen Luppe, das mich nach Leipzig führt. In Dölkau staune ich über das alte und heruntergekommene Gutshaus, das zum herausgeputzten Schloss Dölkau gehört, aber seltsamerweise von der Restaurierung oder nur vom Erhalt gänzlich ausgenommen wurde. Morbider Charme.

Noch mehr wundere ich mich, als ich herausfinde, dass der triste Bau mit der herumflatternden Gardinenresten das ehemalige Rittergut Kleinliebenau sein soll. Fast am Stadtrand von Leipzig kommen sich die Luppe und die weiße Elster ganz nahe. Die Elster darf weiter mäandern, die Luppe wird hier zum Kanal, der von einem neuen asphaltierten Weg begleitet wird. „Befahren und Reiten verboten“ lese ich. Soll ich denn schieben hier? Ich lasse mich von dem leicht missverständlichen Schild nicht abhalten, weiterzufahren. Und tatsächlich steht ein paar Kilometer weiter ein Radweghinweiser.

Ich quere Leipzigs Zentrum, bewundere das Stadion der Roten Bullen und die Renaissance Bauten, und schon bin ich wieder auf dem Lande. In Bennewitz an der Mulde entdecke ich das Sportlerheim, von dem aus ich zu meinem ersten 200er Brevet im Jahre 2009 gestartet war. Lang, lang ist’s her. Vor mir auf Kurs ist Wurzen schon weit vor Erreichen der Stadtgrenzen an den beiden monumentalen Türmen der ehemaligen Getreidemühle zu erkennen. Aus der Nähe betrachtet sehen sie nicht mehr attraktiv aus, ich mache lieber ein Foto vom Wegweiser aus 1774 am Marktplatz.

Wurzen

Es ist gerade mal halb zwei und mein anvisierter Zielort Lübben scheint noch gut erreichbar. Aber dann kommt es anders. Auf einer herrlich grünen Wiese stolzieren zwei Störche ganz nah am Wegesrand. Die musst Du fotografieren, sage ich mir und will nur noch wenden, um in eine bessere Position zu kommen. Dabei mache ich den fatalen Fehler, nicht vorher auszuklicken. „Rumms, da fiel der Reiter um“. Klassischer Anfängerfehler, der mir ein verstauchtes linkes Handgelenk einbringt. Auf jedem weiteren Kilometer werden die Schmerzen deutlicher. Das Gelenk schwillt an, ist aber noch gut beweglich. Fazit: Bis Torgau sollte ich es noch schaffen, aber dann will ich in die Bahn steigen. Gedacht, getan. Ich besorge mir in Torgau noch eine Tube Voltaren und eine Packung Ibuprofen, dann rolle ich zum Bahnhof und sitze um 17 Uhr im fast leeren Regio nach Berlin. Ende einer schönen Reise.

P.S.: Heute, vier Tage später, haben sich die Schmerzen verflüchtigt, die Schwellung ist verschwunden. Bald kann es wieder losgehen. Am besten nach Torgau, in den Spreewald und zurück, dann wäre die Etappentour komplett.

5 Gedanken zu “4. Etappe: Von der Unstrut an die Elbe

  1. Kleine Serviceinformation nachträglich: Die Wurzelaufbrüche – jedenfalls die schlimmsten in den Abfahrten von der Halde – am Geiseltalrundweg sind mittlerweile repariert. Ich bin selbst maßlos erstaunt: 1. darüber, dass sie überhaupt repariert worden sind und zweitens, dass das schon nach drei Jahren geschehen ist. In SAH sind drei Jahre sozusagen „sofort“. Als (Neu-)Hallenser (und gebürtiger Ostwestfale, worauf ich allergrössten Wert lege) ist der Geiseltalsee bzw. der Rundweg sozusagen meine Radrennbahn und ich bin also Betroffener ;-). Dafür gibt es zwischen Zörbig und Stumsdorf einen neuen Radweg, dessen querende Grundstückseinfahrten welche Oberfläche bekommen haben? Genau: Kopfsteinpflaster – im Jahre des Herrn 2021. Na also, wäre ja auch seltsam gewesen, ist ja schliesslich Sachsen-Stillstand. Soviel auch zu #Moderndenken – das ist tatsächlich und ohne den Hauch von Selbstironie das offizielle Motto von Haseloffs kleiner DDR. (Nicht nur) ich wäre schon mit blossem Denken völlig zufrieden…

    Das mit dem Verbotsschild für das Befahren eines, äh, Radweges mit Rädern ist völlig normal. In Rothenburg/Saale steht jahraus jahrein ein Sperrschild für den Saaleradweg; alle paar Tage in der Saison sind mir Radtouristen rührend dankbar, wenn ich sie in der langen 6%-Steigung auf der sog. „Umleitung“ aus dem Saaletal heraus davon in Kenntnis setzen kann, dass das unten im Tal stehende Schild keinerlei Bedeutung hat – ausser der, den zivilisatorischen Zustand Sachsen-Anhalts ikonografisch perfekt zusammenzufassen. Es steht da übrigens für den Fall, dass es „mal“ einen Hangrutsch geben könnte (könnte) und damit da nichts passiert, steht auch kein Saaleradweg-Wegweiser dort, wo er stehen müsste. Ach ja: Bezahlt hat den Ausbau die EU. Das Beste, was diesem förderalistischen Fundamentalirrtum passieren könnte, wäre ein Aufkauf durch die Dänen oder Niederländer und die Ausweisung der Landesdings, äh, -regierung nach Wolfsburg. Sie könnte dort Asyl beantragen.

    Gut, dass dein Umfaller glimpflich ausgegangen ist – mir hat ein ähnliches Geschick eine Radiusfraktur gekostet.

    Keep on trucking 😉

  2. Hallo Klaus,
    ich freue mich, dass Dir mein Beitrag gefällt. Und bei der Tour habe ich so viele schöne und bemerkenswerte Dinge gesehen, die mich angeregt haben, das demnächst zu vertiefen. Besonders Halle und auch das ganze Harzvorland werde ich noch intensiver erkunden. Dann auch den Bereich südlich vom Harz und Kyffhäuser, das ist noch ein ziemlich weißer Flecken in meiner Kenntniskarte.

    Bleib munter und gesund

    all the best von Dietmar

  3. Hallo Dietmar,

    wie schön das du durch meine Heimat gereist bist und sie so wohlwollend und einfühlsam beschrieben hast. Sachsen-Anhalt kommt meist ja eher schlecht weg, was auch daran liegt das viele es nicht in Augenschein nehmen… Flyover county… Jenseits der Agrarwüsten bieten die Täler und Flussauen oder der Harz wunderschöne Landschaften und alte Städte.

    Als Hallenser bzw. treffender Halluke musste ich über deine Hotelauswahl herzlich lachen, viel schlechter ging es wirklich nicht.

    Bleibe so neugierig und umtriebig und lass uns weiter daran teilhaben.

    Bon courage, Klaus

  4. Antwort auf die Schnelle: Plattfuß 2 Ursache Verwendung eines schon mal mit Topeak geflickten Schlauches, der offensichtlich die Hitze des Tages nicht verkraftet hat. Nr2 Versuch mit Parktool-Flicken. Der hat zumindest über 100 km gehalten, aber Dauerhaft funktioniert der auch nicht. Fazit: die altbewährte Gummilösung verwenden und vulkanisieren. Der 4 Seasons ist ein sehr widerstandsfähiger Reifen, der mich zig- tausend km ohne Defekt begleitet hat. Also: immer einen wirklich neuen Schlauch verwenden, dann sind solche Missgeschicke passé.
    Mein Handgelenk verlangt schon wieder
    nach einer Radrunde😉👍

  5. Ich hatte auf STRAVA Deinen neusten Track verfolgt – mit einer Route voller unerklärlicher Drehungen und Wendungen. Mit größter Spannung habe ich deshalb Deinen Erklärungen entgegengefiebert.
    Höchsten Dank für diese abermalige lehrreiche Unterhaltung, gewürzt mit angenehmem, gegen sich selbst gewendeten Humor. Diese leichte, wundervolle Selbstironie lässt Deine Texte mit größtem Vergnügen lesen. Und herzlichen Dank wieder für die schönen und instruktiven Bilder!
    Erlaubst Du eine Frage zu den Plattfüßen?
    1. Ursache Platten eins: Dorn, verstanden.
    2. Aber Ursache des Platten zwei? Du schreibst:
    „…nach 20 Kilometern, gibt mein frisch aufgepumpter Hinterreifen seinen Überdruck wieder von sich…. Zur Herausforderung und Beweisführung der Zuverlässigkeit moderner Flicktechnik per Aufklebeflicken verwende ich einen der Marke Topeak aus der gleichnamigen, famos gestylten Rescuebox…“
    Was war denn genau die Ursache? Oder habe ich da etwas überlesen oder falsch verstanden?
    3. Und Ursache des Platten drei? Du schreibst: „Die Ursache des Luftverlustes war offensichtlich der innovative, aber leider nicht mehr gut haftende, nicht hitzeresistenten Flicken“. Welcher?
    a) Der neue?
    b) Der alte, „blumig beworbene“?
    4. Ich habe – glaube ich – alle Deine Berichte mehrfach gelesen und war auch immer wieder mit Deinen nicht seltenen Plattfüßen konfrontiert.
    a) Hältst Du trotzdem weiterhin an den „four-seasons“ fest? Warum?
    b) Wegen des geringeren Rollwiderstandes im Vergleich zu robusteren Reifen?
    5. Erleichtert bin ich über das Abklingen Deiner Handgelenkschwellung.
    6. Auch Danke für „Vorsicht Eiswurf …. Gefahr“. Mein Blick geht immer wieder auf das Bild zurück und immer wieder muss ich schmunzeln.
    Dankbare, schmunzelnde Grüße von gf

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