Ein Besuch bei Emma Emmelie

Es ist Samstag, die Einkäufe sind getätigt, der Hund hat seinen Spaziergang gemacht, meine bessere Hälfte freut sich auf die Fußballübertragung. Die richtige Zeit, auf das Granfondo zu steigen und noch eine schöne Runde zu drehen.

Die Routine führt mich nach Norden über Wandlitz nach Zerpenschleuse. Hier biege ich ab auf den Radweg nach Liebenwalde, der am Langen Trödel entlangführt, dem ältesten noch schiffbaren Kanal in Deutschland. Zwischen 1605 und 1609 wurde der Kanal samt fünf Schleusen von Liebenwalde  bis Schöpfurth gebaut. Ohne Bagger, ohne Großmaschinen. Einfach mit der Kraft vieler Hände und Spaten. Durch den Wiederaufbau der Ziehbrücken in Liebenwalde und die Öffnung der Durchfahrt in Zerpenschleuse wurde dieses Teilstück aus seinem fast hundertjährigen Sackgassendasein befreit und für die Wassertouristen wieder durchgängig schiffbar gemacht.

Orientalische Musik schallt zwischen den alten Häusern am Trödel hindurch und lockt mich in eine Seitengasse: Die Zerpenschleuser feiern Erntedankfest – auf erstaunliche Weise. Auf der einen Seite eine Theke, betrieben von der Feuerwehr, dann Bänke und Tische, dahinter eine kleine Bühne, auf der drei morgenländisch gekleidete Damen Hüfte und Bauch rhythmisch zur Musik bewegen. Bauchtanz in Zerpenschleuse! Da sage einer, im ländlichen Brandenburg gäbe es keine Integration. Wohlgefällig hören und schauen die Feuerwehrmänner, junge und alte Zerpenschleuser, dem Treiben auf der Bühne zu.fullsizeoutput_36fe

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Ein paar hundert Meter weiter, auch am Ufer des Langen Trödel, betreibt Ines Schweighöfer ihr Antiquitäten-Café „Emma Emmelie“. Schon zig Male bin ich hier vorbeigerollt, immer war geschlossen. Das liegt einfach an der Tatsache, dass ich sehr selten freitags, samstags oder sonntags zwischen 11 und 18 Uhr gerade hier gewesen bin. Denn das sind die Öffnungszeiten. Heute ist Samstag, 16.30 Uhr. Treffer!

Ines und Michael Schweighöfer geben mir heute persönlich die Ehre. Ich lasse mir einen ebenso vorzüglichen wie wohlschmeckenden Milchkaffee bereiten und genieße draußen am massiven Holztisch die theaterreife Gesamtinszenierung: silberne Kerzenleuchter, blütenweiße Tischdecke, Blumen über Blumen. Und vor dem langgestreckten Wohnhaus wachsen bis in Dachrinnenhöhe prächtige Hortensien.IMG_1949

Direkt am Kanal sind sehr dekorativ antike Damenschlüpfer an die Wäscheleine gehängt.IMG_1940

Im Holzhaus quellen die Regale und Tische über von Wäsche, Porzellan, alten Büchern… fullsizeoutput_3700

Emma Emmelie ist sicher kein Geheimtipp mehr, allerdings sicher eine Reise wert. Mit dem Rad und auch mit dem Auto erreichbar – 30 Kilometer nördlich vom Berliner Stadtrand entfernt.

Die Luft ist mild und duftet würzig nach Holz und Wiese. Weiter kurbele ich hin nach Liebenwalde und dann wieder Richtung Oranienburg auf dem Radweg Berlin–Kopenhagen.

An der Schleuse in Lehnitz verlasse ich den herrlichen Weg und den Kanal, in dem sich Wolken und Wald so unwirklich spiegeln.IMG_1964

Naturgenuss vom Besten!

Hier der Track auf Gpsies: Emma Emmelie besuchen

 

Erst in die Bahn, dann auf die Bahn

Der Wind soll heute mit Stärke 4 aus West blasen. Schon beim Weg zum Restaurant geben uns die Böen im Park zwischen den Hotelgebäuden einen kleinen Eindruck von dem, was uns heute erwartet. Beim Frühstück zeigen sich die Randonneure ebenso faul wie findig: Wir wollen zunächst dem Wind bis Sa Pobla die Stirn bieten, dann aber in die Inselbahn nach Palma einsteigen. Ein guter Plan! Denn so können wir vom Ballermann aus mit Seiten- und dann Rückenwind wieder nach Hause ballern. P1070707

Für 4,10 € bringt uns die Bahn mitten in die Inselhauptstadt, Fahrräder fahren kostenfrei mit. Das wäre doch mal eine nette Idee für die Deutsche Bahn. P1070709

Die Palmen werden vom Wind ordentlich durchgerüttelt. Wir rollen zuerst nach Süden an der Strandpromenade entlang – hart am Wind. Dann über die sanft ansteigenden Wellen nach Llucmajor hinüber. Vorbei am eindrucksvoll gestalteten Hilton Hotel in Sa Torre.P1070711

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Hier ein „geklautes Foto“ bei besserem Wetter

Von Sa Torre aus rauschen wir über die leicht hügelige Landschaft bis Llucmajor. Von dort führt uns Ingo über einen herrlichen Nebenweg nach Algaida. Ein paar kleine Höhenmeter sind bis hierher zu überwinden – ideal, denn so bleiben wir warm, kommen aber nicht ins Schwitzen. Im urigen Café D Es Poble  bekommen wir köstliche Olivenbrote mit Schinken –  Pa amb Oli, serviert. Die Rentner des Dorfes sind wahrscheinlich hier komplett versammelt, um Karten zu spielen, was das Zeug hält.

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Gestärkt und wohlig entspannt steigen wir wieder auf die Räder. Sineu ist der nächste Stopp. Peter hat mir schon bei der Anfahrt von der Radrennbahn erzählt, und so biegen wir am westlichen Ortsrand ab zum Velodromo del Tirador.“Die Piste mit den Steilwandkurven wurde 1903 eingeweiht, es war die Erste ihrer Art in ganz Spanien – ein Hinweis auf die große Bedeutung des Radrennsports in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts auf Mallorca. Das dazugehörige Vereinsheim von „Veloz Sport Balear“ stammt von 1918 und ist ein Werk des bekannten Architekten Gaspar Bennàssar, der unter anderem auch die Stierkampfarena gebaut hat.“  So ist es im Mallorca-Magazin von 2015 zu lesen. Erst im Jahre 2016 wurde die verfallene Betonbahn komplett restauriert und jedermann wieder zugänglich gemacht.

Also: rauf auf die Bahn, Randonneure!P107071420170227_154650P1070722

Nach ein paar Testrunden auf der 333 Meter langen Bahn begeben wir uns wieder auf das echte Randonneursterrain – die Straße. Immer mit der 3, manchmal auch mit der 4 vorn auf dem Tacho fliegen wir nach Hause. P1070724

Die Silhouette von Muro lassen wir hinter uns, dann taucht schon Can Picafort auf. Das Abendessen wartet.

Deutschboden finden

Eisig und saukalt ist es an diesem Dienstagmorgen. „Bei minus 8 Grad sollte man keinen Sport treiben“, mahnt mich meine bessere Hälfte. Ist ja auch kein Sport, wir fahren nur ein paar Kilometer durch die Winterlandschaft, ganz locker, ganz ruhig, beruhige ich. Heute starten wir in Frohnau und rollen nach Norden aus der Stadt hinaus. Invalidensiedlung, Birkenwerder, Lehnitz. An der Lehnitzschleuse biegen wir auf den Kanal-Radweg ein.p1070250

Hier bekommen wir einen ersten Vorgeschmack von Schneeglätte und Eis. Meine Crossreifen greifen gut, Peter ist mit den 4Seasons unterwegs, da ist Konzentration gefragt. 20170117_104216

Schaut her, ihr auf dem warmen Sofa sitzenden, daheim gebliebenen. So schön kann ein Wintertag auf dem Rad aussehen. Vorausgesetzt, die Füße stecken in warmen Winterschuhen – ich habe heute sogar noch Überschuhe drüber gezogen – und die Hände sind geschützt.

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Auf dem Weg über Malz nach Neuholland wird das Fahren abschnittweise ungemütlich. Dort, wo die Sonne nicht mehr hinscheint, liegen 5 cm Schnee, und drunter lauert blankes Eis. Erleichtert biegen wir nach Norden auf die Nassenheider Chaussee ein. Hier sind zwar die Autos unterwegs, dafür ist die Straße griffig. Wir fangen an, die herrliche Wintersonne zu genießen. p1070259

Die Stadtkirche von Liebenwalde trägt unverkennbar die Handschrift Schinkels und ist ein echter Hingucker im auch drumherum gepflegt aussehenden Städtchen. Nach Osten hin verlassen wir Liebenwalde – unwiderstehlich zieht uns unser Lieblingsbäcker im Örtchen Hammer an. Genau um 12 Uhr lehnen sich unsere Crosser am  Geländer vor der Bäckerei  Kowsky an.20170117_120140

Aufgewärmt und gestärkt von Kaffee und Apfelstreusel, komme ich auf die Idee, Peter den direkten Weg nach Zehdenick vorzuschlagen – durch die Schorfheider Wälder. Reichlich 20 Kilometer über verschneite und von Autos eisig gefahrene Waldwege führt der Kurs. Schlingerkurs! Schlitterkurs! p1070269

Wir machen unsere Späßchen und lenken uns von der realen Gefahr, hier unsanft auf das Eis zu knallen, einfach ab. Das hilft. p1070278Wieder einmal wollen wir Zehdenick einen Besuch abstatten, um ganz genau hinzuschauen. Warum? Weil der Randonneursfreund Wolfgang den Film „Deutschboden“ in der RBB-Mediathek entdeckt hatte. Deutschboden spielt in Zehdenick, das im Film „Oberhavel“ heißt. Deutschboden . Moritz von Uslar hat nach seiner dreimonatigen Auszeit in Zehdenick ein wunderbares Buch geschrieben und dann daraus einen überaus sehenswerten Film gemacht.fullsizeoutput_2c5a.jpeg

An der Hauptstraße in Zehdenick finden sich einige „Sehenswürdigkeiten“

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Hier gab es mal Cocktails „Do – 2 für 1“ . Schade, schade, heute scheint das Etablissement geschlossen zu sein. Weiter also – hin nach Deutschboden.

Aber wo, verflixt, ist dieser Ort zu finden. Im Nordosten von Zehdenick im Wald soll er sein. Kein Verkehrsschild, kein Wanderhinweis… Aber mein Garmin kennt Deutschboden!  Fünf Kilometer noch, dann kommt der Abzweig nach Vogelsang, und wir stehen wieder mal im Wald. Mein  Oregon  weist uns auf einen vereisten Pfad. Noch 500m bis Deutschboden. Und dann das Schild „Vogelsang“. Nix mit Deutschboden. Wer irrt sich hier? Das Oregon? Oder hat jemand das Ortsschild abgeschraubt? fullsizeoutput_2c5c

Wir stehen 45 m entfernt vom „Zentrum“. Wir sind am Ziel. Ein Haus, ein Zaun und Keramik auf den Pfählen. Kunst im Wald – in Deutschboden.20170117_141848.jpg

Und hier ist zu lesen, wie es zum Ortsnamen kam: p1070292

Wer es also ganz genau wissen will, der möge schauen.

Erschöpft von soviel Suche, soviel Kultur, soviel Wald und Eis, zieht es uns gen Templin. Dort ist unsere Kanzlerin aufgewachsen, dort können wir uns womöglich stärken und aufwärmen. Vogelsang, Hammelspring, und dann ein Hinweisschild: „Chocolaterie“. Hier im Outback? Eine Chocolaterie? Ja, und was für eine:

Das Versprechen „Die Beste! heiße Schokolade in ganz Europa und Übersee“, klingt vollmundig. Tatsächlich genießen wir in Hammelspring ein wahres Schokoladen-Doping. Heiß, gehaltvoll, wunderbar im Geschmack. Köstlich! Ein Top-Tipp in Berlin-Brandenburg.

Leichten Fußes rollen wir die nächsten Kilometer nach Templin. Die Sonne im Rücken. Bestens gelaunt. Durch das mittelalterliche Berliner Tor schieben wir die Räder in die Stadt. 20170117_154715

Die 1735 Meter lange, sehr gut erhaltene Mauer aus dem 13.Jahrhundert ist sicher das beeindruckendste Bauwerk der alten Stadt. Drinnen fahren wir zunächst auf den Rathausplatz, auf dem gerade die letzten Stände des Wochenmarktes abgeräumt werden. p1070319

Das Rathaus, ein prächtiger Barockbau aus dem Jahre 1751.

Wir streben weiter in den tiefer gelegenen Teil der Stadt, wo uns schon von Ferne der Kirchturm der Maria-Magdalenen-Kirche anleuchtet.p1070331

 

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Auch die Kirche ist ein Barockbau und datiert aus dem Jahre 1749.

Wir reißen uns nur schwer los und schlagen den Weg zum Bahnhof ein. Und nochmal beeindruckt uns die Stadtmauer. Diesmal garniert mit einem vornehmen Krawatten-Schneemannp1070347

Noch 300 Meter bis zum Stadtbahnhof. Der ist mittlerweile „umgenutzt“ zu einem Imbiss mit Kneipe und anhängender Bahnhaltestelle.

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Wenn schon kein Bahnhofsgebäude alter Prägung mehr benötigt wird, dann lasse ich mir diese Art der Umgestaltung gerne gefallen. fullsizeoutput_2c5e

Die Zugbegleiterin der ODEG ist freundlich und erträgt mit Fassung unsere Schneemaschinen, die im warmen Waggon ihre Eislast in Schmutzwasser verwandeln.

Hundert Kilometer blauer Himmel, erfrischende Luft, Naturgenuss vom Feinsten. Freundliche Menschen.

Und um es mit Moritz von Uslar zu sagen:

„Ich will dahin, wo Leute in strahlend weißen Trainingsanzügen an Tankstellen rumstehen und ab und an einen Spuckefaden zu Boden fallen lassen!“

 

 

Vor sieben Jahren – eine Dezembertour: Kälte, Wind, Sonne – Herbstkilometer

Winde wehen kalt

Tage schlafen schneller ein

Wasser friert zu Eis

Sonntag will ich zu meiner Abschlusstour starten. Der Winter steht vor der Tür, und die Schönwetterfenster sind selten. Bis Mittwoch soll die Sonne lachen. Also starten – hinein in die kalte Luft, hinein in die frierende Landschaft. Noch einmal Sauerstoff und Sonnenstrahlen tanken.

Im Spätherbst sieht eine Etappentour anders aus als im Sommer. 200 Kilometer sind nicht mehr im Hellen zu fahren. Es kann empfindlich kalt werden. 150 Kilometer sollten aber machbar sein pro Tag. Mein Plan sieht vor, ab Brandenburg in drei Etappen ins Sauerland, meine alte Heimat, zu fahren. Abends ein Hotel anlaufen, gut essen und trinken, und am nächsten Tag mit dem ersten Licht wieder auf die Straße.“ Wetteronline“ verspricht Sonne – aber auch mit nach Ost drehendem Wind knackige Kälte bis minus 6 Grad. Winterausrüstung ist gefragt: Mein Endurace rollt auf Conti 4Seasons 25/28mm, Die Supernova E3 und das Taillight werden vom SONdelux mit Strom gefüttert. Eine 10000 mAh Powerbank steckt zur Sicherheit auch noch in der Tasche.  Auf dem Körper drei Schichten Kleidung – Assos-Shirt, Rapha-Brevet-Trikot, Gore Winterjacke. Dünne Handschuhe in dicken Roeckl Fingerlingen. Lange Winterhose von Sugoi, Winterschuhe Polaris MTB. Auf dem Kopf eine Wintermütze, um den Hals ein Buff zum Hochziehen über Gesicht und Nase.

So eingepackt habe ich schon manche lange Wintertour überstanden. Der Regionalzug bringt mich bis Brandenburg, dann geht es endlich los. Langsamer als ich geplant habe! Der Nordwest bläst kräftig und kalt ins Gesicht und bremst meinen Eifer. Viel mehr als 20 km/h sehe ich selten auf dem Tacho.

In Wusterwitz entdecke ich in einem verwahrlosten Park dieses Thälmann-Denkmal. Die Skulptur strahlt, passend zum Wetter, Eiseskälte aus. Also raus aus dem Gelände und warm fahren. fullsizeoutput_2ae7

In Burg zeigt der Wegweiser 1143 km nach La Roche-sur-Yon an und 335 km bis Gummersbach im Bergischen Land. Das liest sich doch ganz freundlich, wo ich doch nur  die Region des näher gelegenen Ziels anpeile. Die Sonne tut der Seele gut, Finger und Füße bleiben so eben auf angenehmer Temperatur. Wenn nur dieser fiese Gegenwind nicht wäre. fullsizeoutput_2ae8

Nach einigen überflüssigen Umwegen komme ich schließlich von Süden an der mächtigen Trogbrücke bei Hohenwarthe an. Hier wird der Mittelland-Kanal über die Elbe geleitet und seit 2003 mit dem Elbe-Havel-Kanal verbunden. Ich stehe staunend vor der 918 m langen Stahlkonstruktion, der längsten Kanalbrücke Europas.fullsizeoutput_2ae9

Und so sieht das von der anderen Seite aus. Blaues Wasser – blauer Himmel.

Am Mittellandkanal komme ich nur zäh voran. Der Weg ist mit feinem Split belegt, der Wind bläst auf der Deichkrone unbarmherzig. Also treten, treten, treten.

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In Gutenswegen in der Magdeburger Börde sind die Straßen wieder ordentlich glatt, und gegen den späten Nachmittag wird auch der Nordwest schwächer. Warum gibt es nur hier nirgendwo ein Café oder zumindest eine Tankstelle zum Aufwärmen und Kalorien tanken?

In diesem Landstrich bis hin nach Helmstedt erstreckt sich eine wahre  „Service-Diaspora“. Dafür endet jeder zweite Ort mit -leben. Dieses Kürzel bedeutet soviel wie “ Überbleibsel, Hinterlassenschaft, Rest“. Es hat also mit Leben , wie „Leib und Leben“, nichts zu tun. So kann ich es beim Namensforscher Udolph nachlesen. Bis Königslutter will ich heute noch kommen und dann im „Alten Brauhaus“ nächtigen. Bis dahin muss ich noch reichlich viele Hügel hinaufkurbeln, manchen Wald durchqueren und drei Stunden lang auf die Lumen-spendende E3 Leuchte vertrauen. Als ich gegen 19.30 Uhr im Brauhaus nachfrage, bekomme ich erst ein freundliches Ja auf meine Zimmernachfrage und dann doch noch die Absage des Hotelbetreibers. Will der keine Radfahrer??? Ich bin leicht frustriert und suche weiter. Eine halbe Stunde später werde ich im „Avalon“, einem typischen Tagungshotel an der Straße nach Braunschweig,   fündig. Freundliche Menschen, gute Dinkel-Pasta, leckeres Warsteiner Pils. Alle Mühsal des Tages ist vergessen. Und 150 Kilometer stehen auch zu Buche.

Klarer Himmel, Minus 4 Grad, gute Laune nach reichlichem Frühstück! Start um 9 Uhr in Richtung Braunschweig und Hildesheim. Locker geht es voran. Heute ist der Wind gnädig. Er schiebt sanft, bringt aber noch mehr Kälte mit sich. p1060853fullsizeoutput_2aec

Rauhreif auf den Radwegen, und am Ampelschalter schmilzt das Eis nur langsam weg.

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Zuckerfabriken und Kraftwerke als Orientierungspunkte in der Hildesheimer Börde.

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Mein Endurace steckt die Beladung spielerisch weg. Am Oberrohr hängt neuerdings eine Tasche von „Burgfyr“ aus Hamburg. Sie passt genau ins vordere Rahmendreieck und lässt noch Platz für die hintere Trinkflasche. Klasse und wertig gemacht.  Ein neues Ausrüstungsteil der Kategorie „Randonneurs-best“.

Um die Mittagszeit erreiche ich Hildesheim. Hier will ich irgendwo einkehren und mich aufwärmen. Doch: diese Stadt will mich einfach nicht. Schon vor zwei Jahren hatte ich mich fast bei einer Schienenquerung lang gelegt. Dieses Mal habe ich übel geflucht über die mäßige Radweg-Beschilderung. Und die genau so bescheidene Radweg-Qualität in der Stadt. Irgendwann will ich nur noch raus nach Westen. Nach 10 Kilometern finde ich eine Tankstelle, in der ich einen riesigen Milchkaffee, ein Brötchen und eine Bockwurst vertilge. Kein Genuss, aber hilfreich für Körper und Seele. Die nächste Stadt am Track ist Hameln, das ich im späten Nachmittagslicht erblicke. fullsizeoutput_2af6

Ein riesiges Besteck am rumpeligen Radweg, aber nichts zum Speisen.

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Hameln wirkt bei der Einfahrt aus Osten wie eine Ruhrgebietsstadt. Trist und grau und abgeschabt. Kann sein, dass ich der Rattenfängerstadt Unrecht tue. Schließlich habe ich die historische Altstadt links liegen lassen. 150 Kilometer sollen es auch heute noch werden. Und deshalb muss ich einfach weiterfahren – hinein in die Dunkelheit. Und hinein in die Hügel des Weserberglandes. Warm wird es beim Kurbeln, und nach zwei Stunden stehe ich vor dem Bahnhof von Steinheim. Über Paderborn geht ein Zug nach Soest. Das ist verlockend. Schließlich ist die alte Stadt für einen sehenswerten Weihnachtsmarkt bekannt. Und die Aussicht auf 90 Minuten wärmende Kilometer im Regionalzug ziehen mich hinein in den Bahnhof.

In Soest steige ich gewärmt und ausgeruht aus und schaue mich im Internet nach einem geeigneten Hotel um. Schnell ist das „Am Wall“ gefunden. Und beim Finden des direkten Weges dorthin ist mir ein Ehepaar behilflich, das auch großes Interesse an meinem Rad und meiner Ausrüstung zeigt. Was ist das für eine Lampe, woher kommt die Tasche… Ich werde gelöchert. Von Markus, der auch engagiert Rennrad fährt, wie sich im weiteren Gespräch herausstellt. Gegen 19 Uhr checke ich im Hotel Am Wall ein und nehme mein Endurace mit aufs Zimmer. „Nie ohne mein Pferd“. Neben dem Bett hat es das treue Gefährt warm, und es muss sich nicht vor Dieben fürchten.

Ich dusche, ziehe mich um und bin 20 Minuten später auf dem Weg zum Altstadt-Weihnachtsmarkt. fullsizeoutput_2b04Hier werden zwar schon „die Stühle hochgeklappt“, aber einige Buden bieten noch Glühwein und Bratwurst an. Ich ziehe es vor, im „Wilden Mann“ einzukehren. img_1121In diesem urigen Gasthaus bekomme ich leckeres Krombacher und dazu Grünkohl mit Mettwurst. Die riesige, wohlschmeckende Portion schaffe ich trotz Kaloriendefizit nicht ganz. Zufrieden und satt schlüpfe ich um 23 Uhr unter die warme Bettdecke.

Am nächsten Morgen zeigt das Thermometer Minus 6 Grad. Ursprünglich wollte ich heute noch eine Etappe von ca. 110 km über Werdohl nach Meschede fahren. Mal sehen, wie sich die Kälte anfühlt. Um 9Uhr sitze ich wieder im Sattel. Den Buff habe ich über Mund und Nase hochgezogen. Der Giro „Air attack“ mit seinem Visier ist ideal geeignet, Stirn und Jochbeinregion vor dem kalten Luftstrom zu schützen. Ein Aero-Helm als Kälteschutz!

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In Soest ist das Radfahren sehr angenehm, auf guten Radwegen geht es entspannt hinaus der Stadt nach Süden in Richtung Möhnesee. Der Haarstrang bringt ein paar Höhenmeter, die etwas anstrengen, aber auch den Körper wohlig durcharbeiten lassen und wärmen. Auf der Südseite führt der Track wieder hinunter ins Möhnetal. Erst jetzt spüre ich die beißende Kälte. Das erste Mal auf dieser Tour bekomme ich kalte Finger und kalte Zehen. Im Schatten zeigt der Sigma minus 7 Grad. Das Tal bekommt den ganzen Tag über keinen Sonnenstrahl ab. fullsizeoutput_2af9

So sieht ein kalter Morgen aus.

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Und so die kalte Ruhr.

In Neheim-Hüsten beschließe ich, meine Etappe abzukürzen und auf direktem Wege nach Meschede zu fahren. Nochmal mehr als 100 km bei Minusgraden sind mir heute zu ungemütlich. In Meschede wartet ein köstliches, warmes Mittagsmahl auf mich. Und ein herzlicher Empfang noch dazu. Wenn das kein Grund ist, heute ausnahmsweise auch einmal mit 60 Km zufrieden zu sein. Den Tag und den Abend genieße ich in der alten Heimat.

Am nächsten Morgen bringt mich die Bahn – mit ein paar Verspätungen und Umwegen – aber letztlich sicher, nach Berlin zurück. Und in Dortmund mache ich in der 2 Stunden-Umsteigepause einen Currywurst-Test. Ergebnis: Preis-Leistung-Geschmack vorzüglich.

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Weihnachten kommt bald! Und damit auch wieder die „Festive 500“. Bis dahin werde ich mich mit kurzen Einheiten fit halten. Eine Winterpause gibt es nicht.

Wie hat Albert Camus doch geschrieben:

“In the midst of winter, I found there was, within me, an invincible summer“.

Schorfheide im Herbstkleid

p1160629Der nahende  Winter wird die Farben bald aus Wald und Feld herauswaschen. Heute lacht noch einmal die Herbstsonne, ein kleines Hoch bringt Kälte, aber auch blauen Himmel und lockere Cumulusbewölkung. Nach Norden am Oranienburger Kanal entlang lotse ich Peter und Wolfgang durch den drei Grad kühlen Morgen. Hohen Neuendorf- est? Da ist wohl ein Buchstabe heruntergefallen. Auch dieser Bahnhof fristet ein kümmerliches Dasein, wie so viele andere, die ihre ursprüngliche Funktion verloren haben – kein Service, nur ein einsamer Ticketautomat beim Wartehäuschen. Das Gebäude gammelt verlassen vor sich hin und ist zur Leinwand für die Graffiti-Sprayer geworden.p1160633p1160634

Gegenüber die reine Idylle. Zumindest in diesem Eckchen des Ortes möchte ich nicht lang verweilen. Ein Grund mehr, bei Borgsdorf auf den Kanalweg zu wechseln.

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Hier sind zwar ein paar Hindernisse für die Crosser eingebaut, aber schön ist es hier. Die Bäume spiegeln sich im Wasser und strahlen uns mit ihren verbliebenen Blättern an.p1160651

Nach der Querung von Oranienburg von West nach Ost gelangen wir zum Oder-Havel-Kanal. Der Radweg ist einer der schönsten, die ich kenne. Als Teil des Fernweges Berlin-Kopenhagen ist er auch gut beschildert und gut zu finden. Unsere Laune könnte nicht besser sein. Abwechselnd rufen wir uns unsere Begeisterung für die herrliche Natur zu. Das muss einfach raus! fullsizeoutput_2a70

Auf dem Abschnitt von Neuholland nach Liebenwalde durchschneiden kilometerlange Pappelalleen die Felder. Gelbgrün heben sich die Baumspitzen vom blauen Himmel ab. Graugänse und andere nach Süden reisende Federtiere sitzen zu Hunderten auf den Feldern und genießen die Sonnenstrahlen.

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An der Bäckerei Kowsky in Hammer bei Liebenwalde kommen wir nie ohne Halt vorbei. Zu lecker schmecken Mohn- und Apfelkuchen. Nebenbei: Hier wird noch mit selbst gemachtem Natursauerteig gebacken. Meister Beuster beherrscht sein Handwerk, und die Verkäuferin macht ihren Job ganz offensichtlich gerne.

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An der Wand hinter der Sitzecke sind allerlei Informationen aus dem Örtchen zu finden. Diese Bäckerei ist offensichtlich Treffpunkt der Einwohner zum Kaufen und zum Klönen.

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Am Abzweig nach Liebenthal hat sich ein unbekannter Künstler eine Landschaftsszene an die Hauswand gemalt. „Kunst am Bau“.p1160679fullsizeoutput_2a6bfullsizeoutput_2a71

Nach Osten führt unser Weg nach Groß Schönebeck – durch lange, leuchtende Eichenalleen. Da lacht das Herz der Randonneure.

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Der Gasthof Schorfheide bittet zum Wildbuffet. Kein Wunder, um Groß Schönebeck herum werden auch jetzt noch reichlich Wildschweine, Rehe und Hirsche gejagt. Von 1871 bis 1918 jagten die drei deutschen Kaiser Wilhelm I., Friedrich III. und Wilhelm II. in der Schorfheide. Eine Ausstellung im Jagdschloß zeugt von dieser Zeit, beherbergt aber auch eine Ausstellung über Max Schmeling, den großen Boxer, Naturliebhaber und Jäger. Auch Hermann Göring hat von hier aus seine Jagdausflüge gestartet. Aber dazu gleich mehr, wenn wir in Eichhorst einrollen.p1160715p1160718

Randonneure beim Bändigen eines steinernen Wisent.

Der oben erwähnte Hermann Göring ließ 1934 dieses Relief vom Bildhauer Max Esser fertigen.“Einst zog uriges Großwild durch Deutschlands Wälder seine Fährte. Jagd war Mutprobe unserer germanischen Vorfahren. Im Jahre 1934, unter Reichsjägermeister Hermann Göring, entstand an dieser Stelle ein Urwildgehege. Wisent, Auer, Elche, Wildpferde, Biber und anderes Getier fanden darin eine Freistätte und sollten Zeugnis geben von dem Tierreichtum des einst von Menschen noch nicht beherrschten Deutschland!“ So ist es, pathetisch geschrieben,  auf der Rückseite des Denkmals zu lesen.

Das ursprünglich eingearbeitete Hakenkreuz wurde weggemeißelt. Aber immer noch wirkt der Tonklotz wie ein Relikt aus der Zeit des Dritten Reiches.

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Wolfgang führt uns auf den Radweg zur Schleuse Rosenbeck und dann zum Schleusengraf in Marienwerder. Hier kann man während der Saison gut eine Rast einlegen und es sich bei Bier und leckeren Happen gut gehen lassen. Heute verschmähen wir das Angebot und fahren weiter auf dem Radweg Berlin – Usedom nach Biesenthal und dann nach Bernau. p1160749p1160758

In Biesenthal ist das Café Auszeit eine gute Adresse, nur, wir haben uns die Pause hier noch nicht verdient, also bleibt es beim Schauen. Dann ab durch den Wald nach Bernau. Ein paar fiese Bodenwellen zwacken richtig in die Oberschenkel. So soll es sein! P1160759.JPG

Und in Bernau kehren wir ein im „Leiterwagen“. Das Bier schmeckt, der Lachs auch.

Peter muss noch nach Potsdam, und wir finden eine passende Verbindung  vom Startort aus. Also wieder zurück auf „Los“. Hin zum Bahnhof Hohen Neuendorf-West. 18.26 Uhr fährt der RB nach Potsdam. p1160760

Hier schließt sich der Kreis für heute. 120 Kilometer. Sonne, Licht, Farben, herrlicher Herbst. Es hat gut getan.