Heute soll das Thermometer die 20 Grad-Grenze knacken. Wenn das kein Grund ist, auf das Rad zu steigen und Kilometer wegzurollen.
Das Granfondo freut sich auf eine schöne Runde nach Norden, erst einmal über Wandlitz nach Zerpenschleuse zum Langen Trödel.
In Klosterfelde gammelt das Gebäude des ehemaligen Artistenmuseums vor sich hin. Kein schöner Anblick. Schon 10 Minuten später bin ich am Kanal und biege nach Westen in Richtung Liebenwalde ab.
Der Name „Langer Trödel“ bekommt vor der kleinen Galerie eine zusätzliche Bedeutung: Die Bewohner sind am „ausmisten“. Sogleich werde ich gefragt, ob ich nicht ein paar Spielzeuge für die Enkel mitnehmen will. Klarer Beweis dafür, dass ich als Opa identifiziert werde.
Ein paar Meter weiter stelle ich das Granfondo vor mein Lieblings-Holztor, das regelmäßig mit Sinnsprüchen verziert ist.
Am Langen Trödel lädt eine Holzplattform zum Betrachten eines Keramik-Froschkönigs ein. Daneben steht Janosch´s Tigerente, auf der schon 10 Jahre zuvor einmal Peter platz genommen hatte.
Die Fronten der alten Häuser zeugen von ihrer ursprünglichen Nutzung als Ladengeschäfte. Porzellan, Tabak, Farben, Seifen, Schreibwaren, Besen, Korbwaren… Fast alles konnte man hier kaufen vor 100 Jahren.
Vor der liebevoll gestalteten und sorgsam gepflegten Leselaube, die ursprünglich eine Bushaltestelle war, komme ich ins Gespräch mit einer Einwohnerin, die ganz begeistert von Zerpenschleuse spricht. Nebendran betreibt sie einen Kanuverleih, der seit der 2016 wiederhergestellten Verbindung von Langem und Altem Trödel für Wassersportler und Touristen attraktiv geworden ist.
Schließlich halte ich noch ein Schwätzchen mit Ines Schweighöfer, die mit ihrem Mann Matthias hier wohnt und den wunderbaren Laden mit Café „Emma Emmelie“ betreibt. Stundenlang könnte man hier Schauen, genießen, reden…
Ich reiße mich schließlich los und rolle weiter nach Liebenwalde. Vorbei am Alten Forsthaus mit der Adresse „Angra Peguena“, was über setzt „Walfischbucht“ heißt. Warum allerdings dieser Wohnplatz so heißt, hat mir bisher noch niemand schlüssig erklären können. Ich muss wohl mal den alten Lüderitz befragen.
Am Radweg gibt es einen Weinberg ( der auf den Weinanbau des 18.Jahrhunderts hinweist) und viele Schafe.
Der Voßkanal führt hin nach Zehdenick und ist gesäumt von alten Alleebäumen, die im ersten Grün erstrahlen
Es wird langsam Zeit, dass ich ein paar Kilometer unter die Räder bekomme. In Zehdenick bin ich bei km 50. Und schon wieder leiste ich mir einen Fotostopp: Die Wandbemalung ist es wert.
Ja, schaut mich denn in der Klosterschenke ein Würdenträger an – gar der Papst persönlich?
Ich kann das Rätsel nicht lösen, also radle ich schließlich weiter gen Norden, auf dem Radweg Berlin-Kopenhagen zum Ziegeleipark Mildenberg, wo die alten Brennöfen besichtigt werden können. Schließlich heißt es so treffend: „Berlin ist auf einem Kahn gebaut“, den Lastkähnen, auf denen die Ziegel zur prosperierenden Großstadt befördert wurden.
Weiter geht es nach Norden. Nächster Stopp: Blumenow mit seiner alten Eiche und natürlich jeder Menge Blumen.
Ich schaue auf mein Garmin, es ist 14. 40 Uhr, 75 Kilometer stehen zu Buche. Zeit, wieder Kurs Süd zu setzen. Also ab nach Dannenwalde mit seiner schönen Radfahrerkirche.
Hier kommt keiner unbeobachtet durch!
Die nächsten zwei Stunden bleibe ich bei mir – ohne Fotopausen, sozusagen im gelernten Brevetmodus. Der Wind ist mir dabei behilflich. Wentow, Zabelsdorf, Ribbeck, Zehdenick und wieder ran an den Kanal back home.
In Venedig kurve ich rüber zur Havelbaude, verkneife mir eine Pause und bremse erst wieder beim Heinse Kebap in Glienicke, wo ich mir einen köstlichen Seitan Döner und Pommes gönne, nach 150 Kilometern Kultur, Natur, Landschaft, Menschen.
Und weiter geht es mit den Rückblicken: Diesmal in den Februar 2017. Verdammt kalt war es geworden, Schnee war gefallen. Aber das war kein Grund, den Tag am heimischen Herd zu verbringen. Lest selbst:
Peter hat wieder mal eine Idee: Nach Küstrin mit der Bahn und dann nach Nordwesten an der Oder lang. Da waren wir doch schon lange nicht mehr.
Die Oderlandbahn bringt uns für bescheidene 11,70 € von Lichtenberg nach Küstrin. Die freundliche Zugbegleiterin, die schon seit drei Uhr in der Frühe „on tour“ ist, nimmt uns bis zum Endbahnhof Küstrin mit. Schon beim Blick aus dem gut geheizten Waggon bekommen wir einen Vorgeschmack von dem, was uns im Oderbruch erwartet: Schnee reichlich!
Vor dem Bahnhof posiert Peter samt neuem Helm und Probecrosser von ALAN. Ludovico Falconi hat 1972 seine Räder nach seinen beiden Kindern benannt: ALberto und ANnamaria. nachdem ich das ergoogelt habe, weiß ich endlich, was es mit dem Markennamen ALAN auf sich hat. So werden wir uns mit Ludovico und Alcide ( Basso) ins Oderbruch begeben. Doch zuvor locke ich Peter in die Festung Küstrin, wo schon Friedrich der Große eingekerkert war und am 6.November 1730 dabei zusehen musste, wie sein Jugendfreund Katte auf Befehl von Friedrich Wilhelm enthauptet wurde. Weil er Friedrich zur Flucht verhelfen wollte. Küstrin hat eine lange und grausame Historie.
Das Berliner Tor ist einer der restaurierten Bereiche der Bastion.
Dieser Sockel kündet vom Gründer der Festung, Johann Markgraf von Brandenburg- Küstrin ( 1513-1571).
Auf der Suche nach einer Gedenkplakette für den hingerichteten Katte suchen wir vergeblich. Nur den Kattewall bekommen wir zu Gesicht. Bei Schnee und Eis zeigt sich die Festung abweisend und unwirtlich. Das mag sich bei lauer Frühlingsluft anders anfühlen als heute, wo wir froh sind, endlich aus diesem Ruinenumfeld hinauszukommen. Die ersten Kilometer über Küstrin-Kietz an der Oder entlang können wir locker rollen. Die Straße ist freigeräumt. Doch wie immer bei unseren Winterausflügen – irgendwann wird es heftig.
Links eine fahrbare Sackgasse, rechts Schnee und Eis. Also erst mal den Rückwärtsgang einlegen und über einen gerade noch fahrbaren Deichweg nach Letschin balancieren. Das schult den Gleichgewichtssinn. Weg mit den Fingern von der Bremse.
In Sophienthal, einem winzigen Ortsteil von Letschin, finden wir an jeder Ecke blaue Fahrräder. Überhaupt ist hier mehr Blau als anderswo.
Das Kolonistendorf Sophienthal feierte 2016 sein 250-jähriges Bestehen. Und dies war dazu in der Märkischen Oderzeitung zu lesen:
Zum Dorffest hatten Rothmanns ein blaues Fahrrad mitgebracht und es versteigert. 36 Euro kamen zusammen, die in die Festkasse gehen. Familie Engel aus Sophienthal ersteigerte das Gefährt, wird es nun im eigenen Garten entsprechend platzieren. Rothmanns sind bereit, weitere blaue Fahrräder zu gestalten. Interessenten können alte Drahtesel zu ihnen bringen oder sich selbst versuchen. „Ich wünsche mir, dass viele mitmachen“, sagt der Ortsvorsteher.
Offensichtlich haben viele mitgemacht.
Die Fahrspur ist auf den nächsten Kilometern nach Kienitz ein paar Reifenbreiten frei. Das reicht für flottes Fahren bei spürbarem Rückenwind. Am Rand von Kienitz lehnt an einem Vorgartenzaun eine veritable Ski-Sammlung aus mehreren Jahrzehnten. Bunt und wunderbar passend zum heutigen Wetter.
Alcide und Ludovico stellen wir einfach in den Tiefschnee vor dem Kienitzer Panzer, den wir schon zu allen Jahreszeiten und bei allen Wettern passiert haben. Sollen wir es wagen? Am Oderdeich die nächsten Kilometer auf Eis und Schnee? Immer langsam voran, meint Peter, dann packen wir das schon.
In Groß-Neuendorf liegt das „Bahnhotel“ noch in tiefem Winterschlaf. Anders die Rehe und Wildgänse. Noch nie haben wir so viele Rehe im Rudel über die Felder rennen und Vögel auf den Feldern sitzen sehen. Warum rennen die so, wenn keiner sie verfolgt, das kostet doch nur unnötig Energie, fragt sich Peter. Uns verfolgt auch keiner, und wir verbrennen auch reichlich Energie.
Roter Bell mit Schwarzem Peter
Erst fahrbar, dann Probe für unser Fahrkönnen. Der Oderdeich hin nach Zollbrücke.
Oh Wunder, am Grenzpfahl Nummer 615, an der Deichscharte der ehemaligen Zollbrücke, hat das Gasthaus geöffnet. Wir können es kaum glauben. Die Gaststube ist geheizt, es gibt einen köstlichen Glühwein, danach eine heiße Wildgulaschsuppe, dazu die markigen Kommentare der Wirtin mit Ostcharme. Peter hatte gefragt: Haben sie einen Glühwein oder sonst noch was? „Glühwein könnse haben, sonstwat hamwa nich.“
Wir biegen in Zollbrücke ab nach Westen, der Weg am Deich entlang ist eisig, und wir wollen endlich wieder unverkrampft auf den Rädern sitzen. Quer durch das Oderbruch: Zäckeriger Loose, Neuranft, Schiffmühle. Winter im Oderland, fahles Licht, Wolkendecke mit Sonnenrand. Herrlich, wenn es nicht so kalt wäre. Wir lassen es zügig rollen bis nach Oderberg und bleiben dann auf der Hauptstraße. Eine gute Wahl! Es hat in diesem Streifen so reichlich geschneit, dass sich die Kiefernäste schwer nach unten biegen.
Der Oder-Havel-Kanal trägt dickes Eis.
In den Anstiegen der Oder-Abbruchkante können wir uns warmarbeiten. Die 20 Kilometer nach Eberswalde erscheinen uns doppelt lang.
8 % ??? Na, das ist wohl leicht übertrieben. Aber in die Waden geht der Anstieg schon. Eberswalde kommt irgendwann. 16.42 Uhr, und genau um diese Zeit fährt der RE3 nach Berlin. Wir sitzen gerade drin, als er schon losrollt. Gutes Timing. Nach 32 Minuten sind wir in Gesundbrunnen und gönnen uns Speis und Trank in der „Lichtburg“. Hier stand einmal in der Brunnenstraße, am Ku´damm des Nordens, der Kinopalast Lichtburg.
Geschichten zu Kultur, Natur und den Menschen in Brandenburg und drumherum. Immer aus der Perspektive des Radfahrers. Sportliche Top-Leistungen überlasse ich mehr und mehr den Kollegen und Freunden – mit über 70 gönne ich mir ein verträgliches Tempo – dafür zücke ich öfter die Kamera und versuche, mehr und mehr hinter die Dinge zu schauen, die ich beim Fahren sehe. Auch zukünftig werde ich über Räder, Ausrüstung, geeignete Kleidung und auch Training schreiben. Nur die Prioritäten haben sich geändert. Die Info-Seiten zu Brevets und Beleuchtung habe ich herausgenommen. Zu diesen Themen gibt es mittlerweile reichlich gute und aktuelle Infos im Netz.
Ich hoffe, Ihr habt auch nach den veränderten Prioritäten Spaß beim Lesen und Kommentieren. Bleibt gesund und habt Freude beim Radfahren! randonneurdidier
Fitness-Studio, Spinning, freie Rolle, Indoor-Training … Damit komme ich nicht über den Winter! Ich mag es einfach nicht, Wände vor mir zu sehen, vorm Bildschirm zu trainieren, Wind nur vom Ventilator ins Gesicht gepustet zu bekommen.
Radfahren kann man bei jedem Wetter – wenn man es will und wenn man die richtige Ausrüstung hat.
In den Zeitschriften Roadbike, Mountainbike und Tour werden die neuesten Gravel-Räder getestet. Natürlich auf Mallorca, Korsika oder in Kalifornien. Wie wirst Du fit für die Saison, das optimale Workout … Alles dreht sich um die Vorbereitung der „neuen Saison“.
Ich sichte kein einziges Foto von einem Radfahrer im Schnee, alle Bäume sind grün. Tests von Winterjacken und -schuhen finden im Labor statt. Da rufe ich euch zu: Es gibt nicht die EINE Saison von April bis Oktober – 12 Monate kann man lustvoll Räder und Körper in der freien Natur bewegen! Kommt mal raus aus den geheizten Redaktionsstuben und schreibt aus eigener Erfahrung vom Fahren bei Kälte, Nässe und Frost!
In diesem Winter musste ich bislang noch nicht Hauseinfahrt und Gehweg vom Schnee befreien. In Brandenburg lag der Schwerpunkt bisher auf dem richtigen Schutz vor Kälte und Nässe, der Wahl der geeigneten Bereifung und einer zuverlässigen, hellen Beleuchtung für lange Fahrten bei Dunkelheit.
Was werde ich also morgen für unsere Tour ins Oderbruch anziehen? Der Wetterbericht sagt Nordwestwind Stärke 4 mit Böen bis zu 50 km/h voraus, Temperaturen zwischen plus 2 und 5 Grad, dazu fünf Stunden Sonnenschein. 4 Grad plus bei Windstille fühlen sich bei 20 km/h Wind an wie minus 5 Grad! Der Windchillfaktor ist nicht zu unterschätzen.
So packe ich mich ein:
Unter diesem Link ist die Bekleidung im Foto zu sehen
Helm: Giro Air Attack Shield mit zugeklebten Lüftungsschlitzen und dem „Shield“, das Stirn, Augen und Jochbeinbereich sehr gut gegen eisigen Wind schützt
Diesmal kommt Peter per Regio zum Treffpunkt Bhf Oranienburg. Pünktlich! rollt der Zug um 10.10 Uhr ein. Ich habe mich auf den ersten 17 Kilometern gegen den Wind schon mal warmgerollt. Mein Track führt über die Barnimwellen bis ins Oderbruch nach Küstrin.
Im vorbildlichen Radparkhaus am Bahnhof stehen erstaunlich viele Räder von Pendlern
Rahmersee, Wandlitzsee, Liepnitzsee, Hellsee … an jeder Ecke leuchtet dunkelblau das klare Wasser durch die Bäume. In Biesenthal künden die zahlreichen, meist gut restaurierten Häuser und Villen aus der Gründerzeit von ehemaligem Wohlstand. Und in Biesenthal baut Michael Hecken seine E-Bikes zusammen mit Kalle Nicolai. HNF – „Hecken-Nicolai and Friends“ heißt die Firma mittlerweile. Zu Hause erinnert mich eines der ersten Produkte, das smart E-Bike meiner Frau, an das ehemalige Startup-Unternehmen.
In Beerbaum, nach den ersten sanften Wellen des Barnim, bollern wir über eine Pflasterpassage, die wir von diversen Ausfahrten und Brevets kennen.
Hier, nach Überstehen des unverfugten Abschnitts, ist einem unbekannten Kollegen seine Maloja-Trinkflasche fliegen gegangen.Im MOZ.de -Artikel aus 2011 wird ein Café im denkmalgeschützten Gebäude neben dem historischen Lehmhaus von Beerbaum angekündigt. „Gut Ding braucht Weile“, fällt mir dazu ein.
Gute Erinnerung, endlich mal was zu trinken. Bei niedrigen Temperaturen meldet sich der Körperbedarf nicht durch das Durstgefühl. Und der Hunger meldet sich nach dem Frühstück, das bei mir nur aus einem schwarzen Kaffee bestand. Unsere Augen suchen nach allem, was wie ein Bäckerladen aussieht. Vergeblich. Bäcker gibt es nicht mehr im östlichen Barnim. „Viel Steine gab`s und wenig Brot“, schrieb schon Ludwig Uhland in seiner schaurigen Ballade vom wackeren Schwaben. Weiter heißt es dort:
„Den Pferden ward so schwach im Magen, fast mußt der Reiter die Mähre tragen.“
So weit kommt es heute nicht. Die tapferen Alt-Randonneure haben die Energieversorgung erfolgreich auf Fettverbrennung umgeschaltet. Eine elend lange Walddurchfahrt mit einhergehenden niedrigeren Temperaturen lässt mich wieder zu meinen Lobster-Überhandschuhen greifen. Ein kurzer Anstieg ( ja, die gibt es im Barnim) führt in das Örtchen Haselberg. Peter greift abrupt in die Bremsen, weil er einen Aufsteller mit „Kaffee und hausgemachter Kuchen“ am Straßenrand entdeckt hat – Öffnungszeiten Sa. und So. von 14-18 Uhr. Heute ist Dienstag!
Der Weihnachtsstern bekommt noch Energie – und wir?
Weitersuchen!
Am Nachbarhaus finden wir diese moderne Variante einer möglichen Frontbeleuchtung mit optischer Linse
In Möglin zeigt ein Radwegschild nach links, Richtung Kunersdorf. Peter folgt mir nur zögerlich – zu oft schon habe ich ihn bei unseren Touren so in Schlamm, Sand und Wald geführt. Diesmal allerdings rollen wir auf einem geradezu göttlich gut gemachten Stück Weges. Quälenden Hunger hatten offensichtlich vor uns schon andere. Vielleicht war der böse Wolf hier am Werke?
Hier hatte jemand noch mehr Hunger als wir – und der war kein Vegetarier
Runter ins Oderbruch nach Kunersdorf rauschen wir, lassen die Grabkolonnaden der Itzenplitze, das Chamisso-Museum und den Alten Fritz samt Querflöte diesmal links liegen. Uns treibt der Wind, uns treibt der knurrende Magen.
Die nächste Ortschaft ist Neutrebbin. Aber aufgemerkt, auch hier gab es mal, aber gibt es nicht mehr – einen Bäcker. Die Erlösung liegt auf der rechten Straßenseite in Form des „nah und gut“-Edeka-Ladens. Peter stürmt die Treppe hinauf und verschwindet zwischen den Regalen. Nach gefühlten 15 Minuten erscheint er strahlend wieder:
„Gut und günstig“ Schnitzel, Frikadelle, zwei Brötchen, dazu zwei Fläschchen Krombacher für sagenhafte 5,30 € inklusive Flaschenpfand!
Eine junge Frau, die im Markt ein Gesteck mit Osterglocken erstanden hat, gibt uns den heißen Tipp, doch unser Picknick auf der „Liebesinsel“ einzunehmen. Lauschig in der Sonne und im Windschatten. Das lassen wir uns nicht zweimal sagen und rollen nach 300 Metern im Park von Neutrebbin aus.
Es ist angerichtet
Nach 20 Minuten sitzen und essen im Park kriecht die Kälte unter die Jacken. Wir brauchen Bewegung. Ab geht es nach Letschin, wo weiland Henri Louis Fontane, der Vater des werten Theodor im Jahre 1838 die Apotheke vom Besitzer Altmann kaufte. Die Stationen davor – Neuruppin, Swinemünde und Mühlberg an der Elbe, endeten jeweils unrühmlich: Spielschulden zwangen Henri F. immer wieder zum Standortwechsel. Wie mag sich wohl Fontane Junior damals gefühlt haben? In Letschin erlernte Theodor das Apothekerhandwerk und arbeitete bei seinem Vater in den Jahren 1843 bis 45. Zwei Jahre später war es wieder so weit: Wein und Spielleidenschaft führten in die nächste Pleite und zur Trennung von seiner Frau. Derweil hatte sich Theodor schon den schönen Künsten der Schriftstellerei zugewendet. Mit großem Erfolg, wie wir wissen.
Den guten Theodor Fontane als den bedeutendsten Dichter des 19. Jahrhunderts zu bezeichnen, erscheint mir doch etwas hochgegriffen. Was soll denn der Johann Wolfgang von Goethe denken!
Nach dem Essgenuss und dem Kulturgenuss wenden wir uns jetzt dem Naturgenuss zu: Ab ins Oderbruch an die Oder und schauen, schauen, schauen.
Peter auf dem Deichlange SchattenAlte Grenzstation in KüstrinEhemalige Artilleriekaserne Einstmals stolzer Sitz der Artillerie, dann kamen die Sowjets, dann die Wiedervereinigung, dann der Verfall.
Küstrin-Kietz ist auf einen kleinen Rest seiner ehemaligen Bedeutung geschrumpft. Die Oderinsel, auf der einstmals die Altstadt von Küstrin stand, ist überwuchert. Hier ist in der Endphase des 2. Weltkrieges eine ganze Stadt mit ihrer Historie weggebombt worden. Der Bahnhof von Küstrin-Kietz ist reduziert auf eine Haltestelle für polnische Hauptstadtpendler. Der Putz fällt von den Wänden.
Der Realabgleich mit diesem Foto aus 2017 fällt ernüchternd aus
Am Abend stehen 142 Kilometer zu Buche. Start um 9 Uhr bei 2 Grad, dann im Oderbruch bis 6 Grad (warm). Der Wind hat uns hilfreich erst über den Barnim und dann an der Oder entlang bis Küstrin geblasen.
Die Auswahl der Bekleidung hat genau gepasst. Nicht gefroren, nicht geschwitzt. Zwischendurch habe ich die Lobster weggepackt und bin mit den dünneren Rapha-Handschuhen gefahren. Mit dem Vorteil, das Navi und die Kamera auch mit gewärmten Fingern bedienen zu können.
Als wir am Bahnhof in Küstrin-Kietz 30 Minuten auf den Zug warten müssen, packt sich Peter in die mitgenommene federleichte Daunenjacke ein. Und macht mir, als ich mich warmhüpfe, den Vorschlag, doch auch so ein Teil zu erwerben. Nun gut, ich werde drüber nachdenken.
Herrlich war es heute – Natur, Kultur, Altes sehen, Neues sehen, Frühling ahnen …
Festive 500 – zwischen den Tagen, also von Heiligabend bis Silvester mindestens 500 Kilometer auf die Straße bringen. Formal sind das acht Tage, in der Praxis bleiben fünf oder sechs. Die Familie möchte den Randonneur an den Feiertagen auch ab und an sehen. Nicht nur per Rad in die Natur und wieder den häuslichen Pflichten entfliehen.
Und hier ist meine Bilanz der Festive 2017:
24.12. – 51 km
25.12. – 118 km
27.12. – 150 km
29.12. – 154 km
30.12. – 33 km
1x richtig nass geworden
1x zwei riesige Hirsche bei Dreibrück gesichtet
1x den besten Kuchen des Havellandes in Päwesin genossen
1x die riesigste Portion Kesselgoulasch am Schiffshebewerk vertilgt
1x den unfreundlichsten Wirt des Jahres im Mendoza in Schwedt erlitten
506 Kilometer und 22 Stunden auf dem Rad.
Rund 13000 Kcal verbrannt, entsprechend 26 Tafeln Schokolade, 25 l Bier, 17 l Wein, 3,5 kg Pasta oder gar 32 kg Gemüse.
Merke: Radfahren sorgt auch bei weihnachtlichem Völlen für ein mächtig gutes Gewissen, es kommt eben auf die Dosis ( des Radfahrens) an.
Und weiter geht es in 2018 – regelmäßig, genussvoll, auch anspruchsvoll, manchmal auch schnell, eher aber laaang und laaangsam. Das tut der Seele und dem Körper gut.
Der Wind soll heute mit Stärke 4 aus West blasen. Schon beim Weg zum Restaurant geben uns die Böen im Park zwischen den Hotelgebäuden einen kleinen Eindruck von dem, was uns heute erwartet. Beim Frühstück zeigen sich die Randonneure ebenso faul wie findig: Wir wollen zunächst dem Wind bis Sa Pobla die Stirn bieten, dann aber in die Inselbahn nach Palma einsteigen. Ein guter Plan! Denn so können wir vom Ballermann aus mit Seiten- und dann Rückenwind wieder nach Hause ballern.
Für 4,10 € bringt uns die Bahn mitten in die Inselhauptstadt, Fahrräder fahren kostenfrei mit. Das wäre doch mal eine nette Idee für die Deutsche Bahn.
Die Palmen werden vom Wind ordentlich durchgerüttelt. Wir rollen zuerst nach Süden an der Strandpromenade entlang – hart am Wind. Dann über die sanft ansteigenden Wellen nach Llucmajor hinüber. Vorbei am eindrucksvoll gestalteten Hilton Hotel in Sa Torre.
Hier ein „geklautes Foto“ bei besserem Wetter
Von Sa Torre aus rauschen wir über die leicht hügelige Landschaft bis Llucmajor. Von dort führt uns Ingo über einen herrlichen Nebenweg nach Algaida. Ein paar kleine Höhenmeter sind bis hierher zu überwinden – ideal, denn so bleiben wir warm, kommen aber nicht ins Schwitzen. Im urigen Café D Es Poble bekommen wir köstliche Olivenbrote mit Schinken – Pa amb Oli, serviert. Die Rentner des Dorfes sind wahrscheinlich hier komplett versammelt, um Karten zu spielen, was das Zeug hält.
Gestärkt und wohlig entspannt steigen wir wieder auf die Räder. Sineu ist der nächste Stopp. Peter hat mir schon bei der Anfahrt von der Radrennbahn erzählt, und so biegen wir am westlichen Ortsrand ab zum Velodromo del Tirador.“Die Piste mit den Steilwandkurven wurde 1903 eingeweiht, es war die Erste ihrer Art in ganz Spanien – ein Hinweis auf die große Bedeutung des Radrennsports in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts auf Mallorca. Das dazugehörige Vereinsheim von „Veloz Sport Balear“ stammt von 1918 und ist ein Werk des bekannten Architekten Gaspar Bennàssar, der unter anderem auch die Stierkampfarena gebaut hat.“ So ist es im Mallorca-Magazin von 2015 zu lesen. Erst im Jahre 2016 wurde die verfallene Betonbahn komplett restauriert und jedermann wieder zugänglich gemacht.
Also: rauf auf die Bahn, Randonneure!
Nach ein paar Testrunden auf der 333 Meter langen Bahn begeben wir uns wieder auf das echte Randonneursterrain – die Straße. Immer mit der 3, manchmal auch mit der 4 vorn auf dem Tacho fliegen wir nach Hause.
Die Silhouette von Muro lassen wir hinter uns, dann taucht schon Can Picafort auf. Das Abendessen wartet.