Das Colnago braucht auch mal frische Luft

Vor genau 40 Jahren fuhr Andre Roest aus Venlo auf einem wunderschönen blau-metallic schimmernden Colnago einige Erfolge bei Rundstreckenrennen ein. Und 1983, im Jahr danach, wurde mir mein geliebtes Koga, das ich im im Jahr zuvor bei Clemens Großimlinghaus, genannt „Mücke“, erworben hatte, einfach aus dem Kellerverschlag geklaut. Die Versicherung zeigte sich gnädig und überwies mir 1600 Mark, den Kaufpreis für das „Gentsracer“. Auf der Suche nach einem geeigneten Nachfolger half mir unser damaliger Fuhrparkleiter von MB in Krefeld mit seinen Beziehungen in die Rennszene. „Fahr einfach zum Andre Roest nach Venlo, der hat sein Colnago, das er nur einige Rennen gefahren ist , im Schaufenster zum Verkauf stehen“. Eine halbe Stunde später sitze ich im 230 CE und sause nach Venlo. Mitten im Arbeitstag. Die Freiheit nehm ich mir, das muss jetzt sein… Dann stehe ich vorm Radladen von Andre Roest. Formatfüllend im Schaufenster prangt ein herrliches Metallic-blaues Colnago zum Kaufpreis von 1800 Mark. Jetzt nur nicht zeigen, dass ich mich schon verliebt habe, nur nicht zeigen, dass ich eigentlich nicht mehr verhandeln will… Es ist um mich geschehen, als ich die Campa-Super-Record Ausstattung, die Mavic SSC-Blue Räder gesehen habe. Ganz cool betrete ich den Laden . Eine halbe Stunde später liegt das Traumrad im Kofferraum. Ich habe es tatsächlich für genau 1600 DM kaufen können. Ein Glückstag.

Viele Tausend Kilometer sitze ich in den 39 Jahren nach dem Glückskauf auf dem herrlichen Rad. Es hat mich keinen einzigen Moment im Stich gelassen. Die Qualität: schier unglaublich. Meine Aufzeichnungen belegen mittlerweile über 100.000 Kilometer Laufleistung. Einzig das Innenlager, die Kurbelgarnitur war einmal und natürlich Ketten und Ritzel regelmäßig zur Erneuerung fällig. Die Laufleistung einer Kurbelgarnitur mit über 60.000 km glaubt mir heute kein Redakteur von ROADBIKE mehr. Aber es ist die Wahrheit! Solange hielten einmal die Baugruppen. Und das Super Record-Schaltwerk, die Schalthebel, die Bremshebel… Alles Original! Funktionieren wunderbar, wie in besten Tagen!

Leder und Stahl

Eine Ode an die Langlebigkeit!

In unseren Tagen suggerieren Herstellermarketing und Fachpresse Lebenserwartungen von Gruppen und Bauteilen im Bereich von < 3000 km. Fortschritt ???

Dem aufmerksamen Leser wird es nicht entgangen sein, metallic-blau ist der Rahmen auch nicht mehr. Einige Macken und Abplatzer hatten mich vor zehn Jahren auf die Idee gebracht, die Columbus-Rohre neu pulvern zu lassen. Die Spezialisten von Neuser am Innsbrucker Platz verwandelten Blau in feines Anthrazit. Die Chromteile wurden noch klar überpulvert. Saubere Arbeit. Bis heute ohne jede Abnutzungserscheinung.

Am Oberrohr der Startnummernhalter von Andre Roest

Zeitsprung!

Heute habe ich nach langen Wochen endlich wieder einmal Ernesto, wie ich mein Colnago getauft habe, aus dem Kellerdunkel ins Licht geholt. Warum habe ich dies wunderbare Rad solange verschmäht? Keine Ahnung. Endurace, TREK, Basso, Granfondo Titan… Sie alle wollten auch bewegt werden. Heute ist aber endlich Ernesto an der Reihe.

Eine schöne Runde nach Norden, hin zum Werbellin, rein in die Barnimwellen, das wird dem alten Renngerät gefallen. Ich rolle über Schönwalde, Basdorf und Klosterfelde nach Norden.

Vorbei am „Tapferen Schneiderlein“ in Klosterfelde, dann hin zum Werbellin, an der Rosenbecker Schleuse mit dem wundersamen Ausflugslokal „Zur kleinen Moldau“ vorbei. Irgendwann muss ich unbedingt hier ein tschechisches Bier trinken.

Weiter rolle ich am Werbellin entlang nach Joachimsthal, endlich den Kaiserbahnhof mal von innen betrachten…

Um von der Hauptstadt in die Schorfheide oder direkt nach Joachimsthal zu kommen, musste man in Britz (1842) bei Eberswalde auf die Kutsche umsteigen. Das galt sogar für den Kaiser. Mit dem Bau der Nebenstrecke Britz-Joachimsthal-Templin-Fürstenberg wurde es vor allem für die kaiserliche Reise zur Jagd wesentlich komfortabler. Hier nahe beim Werbellinsee errichtete man einen Bahnhof, den es so zwischen Berlin und der Schorfheide kein zweites Mal gibt. Dieser wurde im Jahr 1898 eingeweiht. Kaiser Wilhelm der II sorgte dafür, dass eine Bahnstation auch für den Hof und die Staatsgäste entstand. Diese Station erhielt den Namen Bahnhof Werbellinsee (der im Volksmund schon immer Kaiserbahnhof hieß). Quelle: Amt Joachimsthal

Oft habe ich schon vor dem mittlerweile sorgfältig restaurierten Gebäude gestanden, noch nie war ich drinnen. Das hole ich jetzt nach. Eine freundliche Dame, die gerade mit der Pflege der Grünanlage beschäftigt ist, begleitet mich in die Räume, die so gar nichts von einem klassischen Bahnhof haben. Malereien, Schnitzwerk, fürstliche Sitzgelegenheiten, und ein Kamin sollten es Wilhelm II erleichtern, auf seine Kutsche zu warten, die ihn mehrmals pro Jahr in sein Jagdhaus Hubertusstock am Werbellinsee gebracht hat. In der Zeit von 1898 bis 1914 war der Kaiser hier zu Gast. Dann war es vorbei mit der Herrlichkeit. Der erste Weltkrieg war ausgebrochen, nicht ganz ohne Zutun des Kaisers. Die Biografen sind sich nicht ganz einig über seine Rolle dabei.

Am Bahnsteig könnte ich jetzt in den RB 63 einsteigen, der zwischen Eberswalde und Templin verkehrt. Mit Anschluss an die große Welt. Ich ziehe für die Weiterfahrt mein Colnago vor. Ich bleibe aber auf dem Wege nach Templin immer nah dran an der Schorfheide-Bahn.

“ Nächste Station Friedrichswalde“ , wo mein Lieblingsbäcker Hakenbeck sein wunderbares Brot backt. Heute hat er seinen verdienten Ruhetag. Mein Magen knurrt weiter und wird nur unwillig mit einem Saitenbacher-Riegel ruhig gestellt.

Ernesto bewundert die Tierwelt der Schorfheide an der „Kunstkate“ in Friedrichswalde

Friedrichswalde, Ringenwalde, Templin, Vogelsang. Heute, am Montag ist es nicht leicht, eine Futterquelle zu finden.

Erst im Gasthof Stadtgarten in Zehdenick, neben der Zugbrücke an der Havel, werde ich fündig. Ich bestelle einen Käse-Burger mit Pommes, dazu ein großes Bitburger. Schmeckt sehr lecker, gibt Kraft und gute Laune. 45 Minuten später sitze ich wieder auf dem Stahlgerät und freue mich auf die letzten 45 Kilometer des Tages. Ers wird langsam Zeit, denn ich habe nur eine Rückleuchte, aber keine Frontlampe dabei. Völlig untypisch für mich. So muss ich mich beeilen, noch im Hellen wieder daheim anzukommen.

160 Kilometer hat mein Garmin gezählt heute. Ernesto flüstert mir zu, dass er solche Runden mit mir gerne öfter rollen würde. Schaun mer mal.

Metropole Ruhr – RUB – vergänglicher Beton

Es ist Freitagnachmittag, nur schwerlich kann ich mich lösen von den neuen Eindrücken und den alten Erinnerungen, die mich im Umfeld der Galerie m in Weitmar ergreifen. Es ist vier Uhr geworden, und ich muss mich beeilen, wenn ich noch das letzte Ziel meiner Ruhrgebietstour erreichen will. Nur wenige Kilometer sind es hinüber zur Uni, aber auf dem Weg warten ein paar fiese An- und Abstiege auf mich. Fies, weil es über 30 Grad warm ist und 100 hm sich anfühlen wie fünfmal so viele.

In Stiepel kann ich schon hinunterblicken ins Ruhrtal.

Auf dem nächsten Hügel stehen die Betonklötze der Uni unübersehbar an der Hangkante zum Lottental. Vor 45 Jahren bin ich gerne im beschaulichen Tal gelaufen. Das Studentenwohnheim Am Kalwes ist ein idealer Ausgangspunkt für solche Art der Aktivitäten. Und auch zur Uni konnte ich quer durch den Wald in 15 Minuten Fußweg gelangen. Jetzt schwinge ich mich von Süden kommend auf dem schmalen Weg hinunter ins Tal, und dann klettere ich am Rande vom Botanischen Garten den steilen Fußweg hinauf zu den „N-Gebäuden“ der naturwissenschaftlichen Fakultät. Als ich aus dem Wald auftauche und den ersten Blick aus der Nähe auf die Uni habe, erkenne ich die alte Herrlichkeit kaum wieder.

Gerippe, entkernte Gehäuse, Schuttberge. Von dieser Seite ist kaum ein Durchkommen zum Audimax hin. Einen großen Bogen nach Osten muss ich gehen und dann wieder durch die Betonschluchten zum zentralen Campus hin.

Bauzäune versperren den Durchgang. Die Kunstwerke von Victor Vasarely wurden zwar 2015 restauriert, fangen aber schon wieder an zu verblassen. Viel stärker noch als die Kunst, die mich in den 70ern so beeindruckt hat, haben die Bauten gelitten. Der Beton befindet sich offensichtlich in ähnlicher Verfassung wie die Autobahnbrücken der Sauerlandlinie, die zur gleichen Zeit gebaut wurden. Jetzt laufen die Vorbereitungen für Ersatzneubauten, kann ich auf dem großen Plakat lesen. Was ich sehe, schockt mich. Ich wusste nicht, in welch erbärmlichem Zustand die Bausubstanz ist.

Nach einigen Tragepassagen über angegraute Waschbetontreppen stehe ich in der Mitte der Uni. Zwischen dem Audimax und dem Gebäude der Kunstsammlung. Mein Granfondo steht auf den wackligen Platten des Wasserreliefs von Erich Reusch. Ohne Wasser, ohne das alte Flair. Vom Neon-Schriftzug hängen nicht mehr alle Leuchtröhren. Ich lese: „TSAMM… UNGEN… DER RUHRUNIVER… ITÄTBOCHUM“ .

Blamabel! Übel! Fällt das keinem auf? Ist das den Verantwortlichen nicht peinlich?

Ich lehne mein Rad neben dem Eingang an und will wissen, wie es drinnen aussieht in der Bibliothek, in der ich ein- und ausgegangen bin. Drinnen werde ich zumindest nicht noch einmal enttäuscht. Und ein paar Kilometer weiter, auf meinem Weg hierher, konnte ich die bedeutende Sammlung „Situation Kunst“ anschauen, die auch mittlerweile zur Uni gehört.

Am Audimax wird gebuddelt und gebaut. Heute nicht, aber es sieht nach Erneuerung, zumindest nach Erhaltung aus. Auf einem Plakat strahlt die alte Herrlichkeit. Es ist nur ein Plakat! Drinnen habe ich wunderbare Konzerte genossen. Maurice André, Aurel Nicolet, Frans Brüggen … Große Künstler gingen hier ein und aus in den 70ern.

Nicht alles ist vergammelt, nicht alles verschreckt mich. Viele neue Gebäude sind in den vergangenen zehn Jahren entstanden, viele Bauten wurden entkernt und saniert. Im Grunde wurde und wird die gesamte Ruhr-Uni neu errichtet. Und behält ihr altes Betongesicht wegen Denkmalschutz! Nicht wegen erwiesener Schönheit.

Wie konnte ich mich glücklich schätzen, dass ich damals den frischen Beton noch riechen konnte.

Staunend, nachdenklich, gedanklich durchgebeutelt, überrascht von vergammelt Altem und ideenreich gestalteten Neuem verlasse ich die Bildungsstätte. So wie ich von Süden hineingefahren bin, so wurschtele ich mich in Richtung Querenburg hinaus aus dem Gelände. An Radfahrer wurde offensichtlich nicht bei den Umleitungen gedacht. Fast wäre ich auf der Autobahn gelandet. Auf dem Weg hinunter nach Witten-Heven mache ich noch einen Bogen am Studentenwohnheim Auf dem Kalwes vorbei. Geradezu luxuriös habe ich hier mit Nasszelle, Einbauküche und Telefon auf dem Flur zugebracht. Eine schöne Zeit war es!

Im Apartment habe ich gebüffelt, unter dem Parkdeck den Vergaser meines Scirocco TS repariert.

Fast hätte ich vergessen, dass ich noch keine Bleibe für die kommende Nacht habe. Also boocking.com, was hast du zu bieten im Umkreis von zehn Kilometern? Ganz nah, nur wenige Minuten entfernt, hat das Rittergut Laer, ein Zimmer frei. Nichts wie hin.

Volltreffer! Die Dame des Hauses führt mich in die Juniorsuite mit Namen Dr. Kortum. Mein Granfondo darf, so sauber wie es ist, mit hinein. Der Empfang ist überaus freundlich, aber leider gibt es heute Abend nichts zu speisen hier. Auch kein Frühstück ist geboten. Das Rittergut ist spezialisiert auf Veranstaltungen, Feiern etc., wo dann ein Catering geboten wird. Nur, heute Abend bin ich der einzige Gast. Kein Buffet. Nur eine Flasche Mineralwasser gegen den Durst.

Und die historischen Möbel und Gemälde erfreut zwar den Geist, machen aber nicht satt. Ich dusche, ziehe mich um und laufe dann zum Blauen Engel, einer Studentenkneipe, die schon seit 30 Jahren für Speis und Trank sorgt. Ein sehr hilfreicher Tipp der Hausdame. Nach einer Viertelstunde illustrem Fußweg kann ich auf der lauschigen Terrasse Platz nehmen, werde zuvorkommend bedient, kann über alte und neue Zeiten plauschen. Bei Warsteiner-Pils und leckeren Bandnudeln mit Pfifferlingen lasse ich den Tag ausklingen.

Satt, zufrieden und voller Gedanken an den vergangenen Tag wandere ich wieder hinüber ins Rittergut. Ruhe, gute Luft, ein weiches Bett. Am nächsten Tag geht es per 9-€-Ticket heim gen Berlin. Aus der alten in die neue Heimat.

Metropole Ruhr – kreuz und quer durch den Pott – Teil 3

Nach einem opulenten Frühstück im Hotel-Café Deluxe in Hervest bei Yasemin verabschiede ich mich herzlich und auch dankbar für die erwiesene Gastfreundschaft. Ganz im Sinne der ursprünglichen Ruhrpott-Kumpel.

Der Tag beginnt beschaulich und entspannt. Vom Nordrand an den Südrand des Potts will ich heute radeln. Bis hin zur Ruhr-Uni und schauen, wie die Stätte meines langsemestrigen Lernens sich entwickelt hat. Auf dem ersten Abschnitt des Tages verschmähe ich die City von Marl. Zu Unrecht, wie ich später nachlese. Am Citysee stehen Skulpturen von Hans Arp und Bernhard Heiliger. Mögen die beiden es mir nachsehen, dass ich ihre Werke achtlos passiert habe.

Das erste Industriedenkmal des Tages bekomme ich in Langenbochum zu Gesicht. Langenbochum ist ein Stadtteil von Herten und hat mit der Stadt Bochum so gar nichts zu tun. Langenbochum – von einer langen Buchenallee gesäumt: Daher rührt der Name des Stadtteils.

Die alte Schachtanlage „Schlägel und Eisen“ ist umfunktioniert zum Standort neuer Unternehmen, die im historischen Umfeld Hallen und Flächen nutzen. Schön anzusehen.

Ein paar Meter weiter passiere ich den Eingangsbereich von Herta. Genau! Für die älteren Semester der Inbegriff von Wurst- und Fleischwaren. Größter Arbeitgeber in der Region. Schon 1986 verkaufte die Gründerfamilie Schweisfurth das Unternehmen an den Nestlé-Konzern. Bis heute wird hier Fleisch zu Wurst verarbeitet. In den frühen 70ern, als oft mein Frühstück aus einem Kringel Fleischwurst plus Brötchen bestand, war Herta für mich der Inbegriff von Wurstgenuss. Im Verlauf der Zeit habe ich dem Genuss von Fleisch fast gänzlich abgeschworen, und der ursprüngliche Eigner Karl-Ludwig Schweisfurth mutierte „in seinem zweiten Leben“ vom Wurstfabrikanten sogar zum Ökolandwirt und Vegetarier.

Auf den folgenden Südwärts-Kilometern wächst vor mir die imposante Halde Hoheward in die Höhe. Ein gesperrter Tunnel führt geradewegs nach Süden unter dem Abraum hindurch, ist aber zugesperrt. Der Radweg führt im Osten herum um die Halde, die sich in Schichten aufgebaut auf erstaunliche 152 Meter Höhe auftürmt. Über 100 Meter menschengemachter Berg im Pott. Obendrauf ein Observatorium, wo in zwei riesigen Bögen der Jahresverlauf der Sonne nachgebildet ist.

Ein Gravelweg verläuft in weiten Bögen auf halber Höhe um die gesamte Halde herum, Aussichtplattformen laden ein zum Schauen und zum Rasten. Am Ende schwinge ich mich hinunter zur ehemaligen Zeche Ewald mit ihrem mächtigen Doppelbock-Förderturm. Schon vor 150 Jahren wurde hier mit dem Abteufen von Kohle in über 400 Metern Tiefe begonnen. Am Anfang der Zechengeschichte drehten sich die Förder-Scheibenräder im Ziegelbauwerk des Malakowturms, erst in den 50er Jahren wurde der Stahlförderturm über Schacht 7 errichtet. Auf diesem Zechengelände ist die Bergbaugeschichte des Ruhrgebietes in einem einzigen Rundgang erlebbar.

Mit dem jungen Mann, der den Imbissstand betreibt, komme ich ins Gespräch: Hier ist viel geplant: Oldtimerausstellungen, Gastlichkeit, Events … Er ist sehr optimistisch, was die Zukunft des Areals betrifft, und will trotz BWL-Qualifikation hier bleiben. Es gefällt ihm. Er ist motiviert. Mir gefällt das auch.

Wieder einmal, fast unvermeidlich, schwenke ich auf dem Kurs nach Süden ein auf die Erzbahntrasse. Holgers Erzbahnbude ist, zumindest auf meiner Ruhr-Tour, der Mittelpunkt des Potts. Ein Kaffee, ein Pläuschchen, weiter geht’s. Die Jahrhunderthalle markiert den Rand von Bochum. „Fuck Putin“ lese ich auf einem besprühten Stein.

Ich stimme zu! Das Parkgelände ist weitläufig und schön gestaltet. Trotzdem zieht es mich weiter: Ich will unbedingt nach Bochum-Weitmar, zur Galerie m, zum Park Weitmar. Damit verbinde ich meine frühe „Bildungs-Sozialisierung“ . Erich Reusch, schon in den 70ern ein namhafter Bildhauer und damals Professor an der Kunstakademie Düsseldorf, nahm mich 1974 mit zu einer Vernissage im Schlosspark Weitmar, in der Galerie m. Norbert Kricke, Max Imdahl – diesen Kunstgrößen wurde ich unbedeutender Student vorgestellt. Und, oh Wunder, sie diskutierten, sie tranken Wein mit mir … sie nahmen mich ernst. Ein prägendes Erlebnis für mein Leben. Und heute will ich unbedingt in diesen Schlosspark, zur Galerie m.

Auch heute noch, immer noch, sind das Schloss und die Galerie m ein Hort der modernen Kunst. Einfach wirken lassen, einfach verweilen, einfach wohlfühlen, dankbar zurückdenken.

Der Tag ist noch lang, die Ruhr-Uni wartet noch auf mich, aber darüber werde ich im nächsten Beitrag berichten.

Metropole Ruhr – kreuz und quer durch den Pott – Teil2

Das Frühstück im wundersamen Hotel City Max war mäßig, auch der „Prunksaal“ mit viel Gold und Nippes hat die labberigen Brötchen nicht knusprig gemacht. Mein Blick schweift nur einen Foto-Augenblick zurück:

In die Liste meiner Hotel-Empfehlungen werde ich die Herberge definitiv nicht aufnehmen. Zehn Minuten später rolle ich schon wieder auf der Erzbahntrasse gen Norden. Nochmal bei Holger vorbeischauen.

Die Erzbahnbude schlummert noch zu dieser Morgenstunde – ein E-Biker hat es sich gemütlich gemacht und zieht genüsslich an seiner Fluppe. Weiter führt der Weg über eine lange Pfeilerbrücke, über die einst die Erzbahnloren gezogen wurden. Das Fahren ist hier der reine Genuss. Keine Ampeln, viel Grün, immer interessante Aussichten. Bald habe ich den Rhein-Herne-Kanal erreicht mit der Marina Graf Bismarck, vom heimlichen Herrscher der Ruhr-Dienstleistungsbranche „Stölting Harbour“ getauft. Eindrucksvoll, die neuen Bauten. Eine Erfolgsgeschichte schreibt die Stölting-Gruppe mit über 14000 Mitarbeitern.

Wenige Meter weiter zieht ein Eiltanker an den riesigen Öltanks der Veba vorbei. Neue und alte Welt nah beieinander. Ich staune über die herrlichen, neuen Radwegbrücken, über die Kulturstätten, über die Kunst am Wegesrand.

Der Pott ist ergrünt! Die Bergwerkshalden sehen aus wie naturgewachsene Hügel. Weiter fahre ich nach Bottrop. Diesmal nicht, um Bodo Buschmann und seine Mercedes-Tuning-Schmiede zu besuchen, diesmal, 25 Jahre später, um den Tetraeder auf der Halde der Schachtanlage Prosper anzuschauen. Vor den Erfolg haben die Götter bekanntlich den Schweiß gesetzt. Der Weg hinauf auf das 110 m hohe Plateau ist steil, aber erfreulich kurz. Oben reckt sich der 50 m hohe Stahl-Tetraeder in den blauen Himmel. Auf einer Mondlandschaft aus Abraumgestein .

Ich laufe kreuz und quer, von der nördlichen auf die südliche Seite. Das Panorama ist traumhaft. Kraftwerkskamine und Fördertürme, Windräder, Wald- und Wiesenflächen, riesige Hallen von Logistikunternehmen. In der Ferne das Dach der Veltins-Arena. Gefühlt reicht der Blick über den gesamten Ruhrpott. Besser: Die Metropole Ruhr! Vom ehemaligen rauchenden, stinkenden rußenden Pott ist nicht mehr viel zu erkennen. Nach einer kurzen, rauschenden Abfahrt erreiche ich wieder die „Talsohle“ und rolle gen Bottrop, wo ich mir ein großes Eis gönne. Zum Abkühlen, zum Verarbeiten der Eindrücke. Auf dem Weg nach Westen quere ich den Kanal noch zweimal, dann stehe ich vor dem riesigen Gasometer in Oberhausen.

In dem mit 117 Metern Höhe größten Gasbehälter Europas wurden Gichtgas und Koksgas, Abfallprodukte aus Verhüttung und Kokerei, gespeichert. Heute, fast 100 Jahre später, ist drinnen die Ausstellung „Das zerbrechliche Paradies“ über die Schönheit der Erde zu bewundern. Nur kurz mache ich halt, mein Granfondo kann ich schlecht samt Gepäck dem Parkplatz stehen lassen. Es könnte schnell unerwünschte Beine bekommen.

Bei Duisburg Meiderich erreiche ich den Landschaftspark Duisburg, der sich selbst die schönste Großstadtoase Deutschlands nennt. Ich bin gespannt, ob das Übertreibung oder Realität ist. Wo man heute flanieren, Kunstwerke bewundern, Open air Kino und Festivals erleben kann, baute August Thyssen Anfang des 20. Jahrhunderts ein riesiges Hütten- und Stahlwerk. 80 Jahre später, am 4. April 1985 war die Zeit für die letzte Schicht gekommen. Nach der Kohlekrise in den 60er Jahren schlug die Stahlkrise in den späten 7oern zu. Wieder gingen Tausende von Arbeitsplätzen verloren, wieder wurde die Region von einem gewaltigen Infrastrukturwandel gebeutelt. Heute erinnern die Hallen, die Hochöfen, die rostigen Industrieruinen an die glorreiche Zeit. Schön, dass dies alles zu erleben ist. Geschichte der Industrie.

Eine Sunde lang kurve ich durch die Anlagen, durch die wieder erwachte Natur – an den Stahlgerüsten vorbei. Ich stelle mir vor, wie dies alles in vollem Betrieb ausgesehen hat, wie es gerochen haben mag, wie laut es hier war, wie staub- und rußgeschwängert die Luft hier war. Heute duftet es nach Blumen, nach frischem Gras, und nach einer vorzüglichen Currywurst, die ich mir am Imbissstand einverleibe. Übertreibung oder Realität – Die Behauptung mit der schönsten Großstadtoase? Ich jedenfalls bin schwer beeindruckt von der Inszenierung. Danke Duisburg!

Gegen 15.30 Uhr setze ich Kurs Nordost. Sterkrade, Halde Haniel, Kirchhellen. Jetzt bin ich wieder am landwirtschaftlichen Rand des Potts. Dort, wo Wiesen, Moore, Bauernhöfe das Bild der Landschaft prägen, mehr im Osten dann die Chemiebetriebe von Scholven und Marl-Hüls. Auf dem Flugplatz Dinslaken Schwarze Heide war ich Mitte der 70er einmal bei den Segelflugmeisterschaften dabei. Früheres Leben! Vergangenheit. Schöne Erinnerungen.

„Am Anfang war die Kohle“, lese ich in einem Artikel über die Historie des Ruhrgebietes. Und die Energie von Kohle und Koks sorgte für die notwendige Power zur Verhüttung von Eisenerz und dann auch zur Gewinnung von Phenol, Benzin, Zinkfarben und Düngemitteln. Die Kohle machte alle energieintensiven Prozesse möglich. Während ich über die Geschichte sinniere, mache ich Kilometer nordwärts. Ich erreiche Dorsten mit seiner kleinen. beschaulichen Innenstadt. Es ist fünf Uhr geworden, ich sollte mich langsam um eine Bleibe für die Nacht kümmern. In Dorsten lockt mich kein Angebot, aber in Hervest, ein paar Kilometer nördlich von Lippe und Weser-Datteln-Kanal, finde ich einen Hinweis auf ein „Deluxe-Hotel“ zum schmalen Preis von 55 €. Was mag das wohl sein? Nach einiger Herumkurverei – der Besitzer des Hotels war kürzlich in ein neues Haus umgezogen – entdecke ich den Schriftzug an einem schlichten Gebäude am Feldrand.

Der Empfang ist überaus herzlich, so als wenn mich der Wirt schon jahrelang kennen würde. Trotzdem nicht anbiedernd. Einfach nur sympathisch. Mein Granfondo kommt erst einmal einen Stellplatz im abschließbaren Hinterraum, dann beziehe ich mein Zimmer. Mit riesigem Kühlschrank, einem schönen Bad und einem breiten Bett. Blick auf die Wiese. Was will man mehr.

Eine Flasche Rosé, Gemüsefrikadellen, Kartoffelsalat und eine Packung Chips trösten mich über die Tatsache hinweg, dass es keine Verpflegung abends im Hotel gibt. Fernsehen, futtern, Wein trinken, einschlafen. Herrlich. Alles unter dem Dach vom netten Besitzer Yasemin.

Am nächsten Morgen bekomme ich das Frühstück persönlich von Yasemin serviert. Kaffee, Früchte, Käse, Müsli… was das Herz begehrt. Preis-Leistung-Herzlichkeit. Top!

So kann es gerne weitergehen. Nächste Etappe wieder quer durch in Richtung Bochum und Ruhruni. Aber davon mehr im nächsten Teil.

Metropole Ruhr – kreuz und quer durch den Pott – Teil1

So titelt die Beilage zur ZEIT im Juli 2022. „Vieles so nah“ , mit diesem Beitrag lockt mich Thomas Machoczek auf eine Reise durch die Metropole Ruhr. Als ich den Artikel lese, bekomme ich spontan Lust, sofort loszufahren in die Region, in der ich gelebt habe, studiert habe, eine wesentlichen Teil meines Lebens verbracht habe. Vor über 50 Jahren habe ich an der RUB – Ruhruni – Bochum studiert. Und seit 40 Jahren bin ich nicht mehr intensiv in dieser Region gewesen. Ein guter Grund, endlich nachzusehen, nachzuforschen, wie es dort heute aussieht, was sich getan hat, wie es dort aussieht jetzt.

Drei bis vier Tage lang will ich die alte Heimat erkunden. Altes und Neues sehen . Nach den ersten positiven Erfahrungen mit dem 9-Euro-Ticket bei einer Oder-Neiße-Elbe-Tour will ich testen, ob ich so günstig und gut auch gen Westen starten kann. Bis nach Hamm will ich per Bahn rollen und dann im ZickZack durch den Pott kurven. Berlin – Stendal – Wolfsburg – Hannover – Minden -Hamm. Bei meinem Start in Spandau am Dienstag ist der Regio nur mäßig besetzt. Es geht entspannt los. Drei junge Männer mit Rädern und Reisegepäck verkürzen mir mit intensiven Gesprächen über Ausrüstung und Material die Fahrt. Nach Amsterdam wollen die drei. Und gute Laune haben sie, gepaart mit Wissensdurst zum Langstreckenfahren. Als ich kund tue, welche Touren ich schon per Rad gemacht habe, löchern sie mich mit Fragen zu Ausrüstung und Knowhow. Wie schön für mich. Wie entspannend und kurzweilig. Die Zeit vergeht wie „im Zuge“. Allerdings verpasse ich in Minden den Anschlusszug . Also radle ich ein paar Kilometer bis Porta Westfalica und steige dort entspannt in den nächsten Regio ein. Der bringt mich dann zuverlässig bis Hamm. Nach über sieben Stunden netto auf der Schiene bin ich froh, endlich wieder frische Luft zu atmen.

Kurz vor Erreichen von Werne baut sich vor mir die erste „Kathedrale“ des Potts auf. Das RWE-Gersteinwerk, ein Kraftwerk, das für die Energiegewinnung aus Gas und Kohle konzipiert wurde. Heute sind nur noch zwei Gasblöcke von ursprünglich vier Einheiten mit über 750 MW Leistung als sogenannte Energiereserve bis 2024 am Netz. Als die Energiegewinnung aus Erdgas 1971 begonnen wurde, hatte ich mich gerade in der neuen Ruhruni eingeschrieben. „Long time ago“. Der Abgaskamin hat mit 282 Metern Höhe nahezu Eiffelturm-Maße und bläst Wärme und Schadstoffe über eine typische Bodeninversion, die wie eine Sperrschicht für aufsteigende Luft wirkt, hinaus.

In Werne habe ich ein Zimmer im Hotel Kolpinghaus gebucht. Nur der Hintereingang ist geöffnet – und der macht nicht gerade eben einen schönen Eindruck. Allerdings werde ich freundlich von einer jungen Dame begrüßt, und mein Granfondo darf sicher im Raum der Kegelbahn übernachten. ich bekomme ein schlichtes, aber sehr sauberes Einzelzimmer. Die Dusche funktioniert, und eine halbe Stunde später lustwandele ich schon durch den „historischen Kern“ von Werne. Matjes mit Bratkartoffeln, dazu ein Bier aus dem Münsterland – ein Platz mit Blick auf den Markt und das Rathaus.

Herrlich. Milde Luft, gute Laune. Gegenüber werden die Stühle der Eisdiele gestapelt für die Nacht. Als der Besitzer den Laden abschließt, bin ich satt und zufrieden.

Der erste Kontakt mit dem Pott ist positiv. So kann es weitergehen. Am nächsten Morgen sitze ich um 7.30 Uhr im Frühstücksraum und labe mich am Filterkaffee, weichen Brötchen, Marmelade aus der Folienverpackung und Butterkäse. Genuss wäre der falsche Begriff für das Mahl. Aber die Freundlichkeit der jungen Dame, die sowohl am späten Abend wie auch in der Frühe den Laden am Laufen hält, gleicht die Defizite locker aus.

Das Städtchen Werne, nahe bei Hamm, liegt an der östlichen Grenze des Ballungsraumes Ruhrgebiet. Moers und Duisburg markieren die Westgrenze der Region. Dazwischen leben ca. 5 Mio Menschen. Die zentrale West-Ost-Achse wird durch die Großstädte Essen, Bochum und Dortmund gebildet. Hier wird Industriegeschichte auf vielfältige Weise sichtbar und erlebbar. Kohle und Stahl – 150 Jahre lang wurde das Ruhrgebiet vom Bergbau und Hüttenwesen geprägt.

Aufgrund des Kohlevorkommens entwickelte sich das Ruhrgebiet Anfang des 19. Jahrhunderts zum größten Ballungsgebiet Europas. Im Zuge der Industrialisierung erfuhren die damals noch kleinen Dörfer im Ruhrgebiet ein explosionsartiges Bevölkerungswachstum. Grund hierfür war das natürliche Steinkohlevorkommen in der Region, das für die Herstellung von Eisen, Stahl, Dampfmaschinen und Eisenbahnen verwendet wurde. In der Folge entwickelte sich eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Monostruktur, die ganz auf die Bedürfnisse der Montanindustrie abgestimmt war. Man beschränkte sich vollkommen auf die Kohleförderung und vor- und nachgelagerte Wirtschaftszweige. Die Namen Krupp, Thyssen, Haniel, Hoesch stehen für die bedeutendsten Unternehmen.

Aber halt, ich will mich nicht in geschichtlichen Betrachtungen verlieren. Ich will die Augen und die Sinne öffnen für den Ruhrpott von heute. Durch die Lippeauen führt der Radweg beschaulich durch Felder und Wiesen, vorbei an Reiterhöfen und Gemüsebauern. Wo ist denn die Industrie? Sie lässt nicht lange auf sich warten. Der alte Gasthof „Zum Lüner Brunnen“ und das Trianel Kohle- und Klärschlammkraftwerk stehen in einem interessanten Kontrast.

An der Südseite des Emscherverlaufs ragen die ersten Halden auf. Begrünt sind sie und nicht mehr schwarzgrau wie zu Bergbauzeiten.

Daneben landwirtschaftliche Idylle.

In Lünen staune ich über eine lange Allee mit alten Platanen aus den 30er Jahren. Platanen sind schnellwüchsig und im Alter von fast 100 Jahren voll ausgewachsen.

Die Natur hat sich hier wieder erholt und ist ergrünt. Die Lippe biegt nach Norden ab. Am Rande von Waltrop lockt mich ein schmaler Schotterweg hinauf auf die Halde Brockenscheidt. Oben steht eine Pyramide, der Spurwerkturm, den der Castrop-Rauxler Künstler Jan Bormann im Jahr 2000 hier aus 1000 Metern alter Spurlatten der ehemaligen Bergwerksbahn der Zeche Waltrop errichten ließ. Von hier oben reicht der Blick weit ins Land und nach Norden auf die restaurierten Gebäude der ehemaligen Zeche.

Als ich hinunterrolle, entdecke ich auf einem kubusförmigen Gebäude den Schriftzug „Hase-Bikes“. Das sagt mir was. Hase ist seit vielen Jahren innovativer Entwickler und Produzent von besonderen Fahrrädern. Ich kenne die Dreiräder und auch das Pino-Tandem. Vor der Fertigungshalle komme ich mit einem Mitarbeiter ins Gespräch, der gerade eine Pause macht. Der Laden läuft, die Auftragsbücher sind voll, und ein noch ordentlich gefülltes Lager mit Bauteilen sorgt dafür, dass auch in diesen Zeiten viele feine Räder gebaut werden können.

Als ich hinübergehe zur alten Schaltwerkshalle, staune ich über die riesige, hochinteressante Ausstellung des zukünftigen Flagshipstores. Nach fachmännischer Begutachtung meines Titan-Granfondo bekomme ich sofort eine Einladung zur Eröffnungsfeier in die Hand gedrückt.

Chapeau! Marec Hase steht für Innovation, für Mut und Tatkraft. 1989 gewann er mit einem Tandem Dreirad den Wettbewerb „Jugend forscht“ 1994 begann er in einer Bochumer Garage, Spezialbikes zu bauen. 2001 zog er um in die ehemalige Zeche Waltrop. Heute arbeiten engagiert 100 Menschen für Hase. Eine echte Erfolgsgeschichte.

Wenige Kilometer weiter erreiche ich das Schiffshebewerk Henrichenburg. Hier sind im Umkreis von 100 Metern das Historische Hebewerk von 1899, der neue , 1962 erbaute Nachfolger und die aktuelle Schleusenanlage für die heutigen Tanker und Schubverbände zu besichtigen. Das Durchkurven der Bauten und Becken ist recht verwirrend. Zumal vom vielfach gerühmten Hebewerk aus Kaiser Wilhelms Zeiten vom Radweg aus gar nicht viel zu sehen ist.

Erst will ich mir das Industriemuseum anschauen, ich habe aber Bedenken, mein Rad samt Gepäck unbewacht draußen stehen zu lassen. So bin ich hier Kulturbanause und fahre einfach weiter. Über dem kleinen Schild „Kulturkanal“ prangt weiß auf rot „Demut“ – ich übe mich darin.

Dann tauche ich ein in die feuchten Wälder des Castroper Holzes und stehe unvermittelt vor dem Torhaus vom Wasserschloss Bladenhorst. Seit dem 14. Jahrhundert wohnten hier Ritter, Freiherren und Grafen. Heute können Wohlhabende Eigentumswohnungen erwerben. Als ich auf die Rückseite der Anlage rolle, sehe ich eine Frau mit einem Sammelkorb an einer mächtigen Brombeerhecke, die am Schlossgraben wächst. Die reifen Beeren schmecken wunderbar feinsäuerlich. Ich muss mich bremsen, dass ich nicht zu viel von den herrlichen Früchten esse.

Nächster Halt: Herne – Siedlung Teutoburgia. Über diese Arbeitersiedlung hatte ich schon bei der Vorbereitung meiner Tour nachgelesen. In den Jahren 1909 bis 1923 entstand die größte Arbeitersiedlung des Ruhrgebietes für 1400 Arbeiter der Zeche Teutoburgia. !36 Häuser, 20 verschiedene Hausformen. Nach dem Vorbild einer englischen Gartenstadt. Für damalige Zeiten Luxus. Auch heute noch interessant, durch schmale Wege und kleine Plätze zu kurven.

Und hier sichte ich auch eine der so typischen „Trinkhallen“ des Potts.

Diese komfortable Location ist sogar mit einer Dachterrasse ausgestattet. Erinnerungen an meine Zeit hier vor fast 50 Jahren kommen wieder hoch. Die Luft ist sauberer, kein Kohlenstaub liegt mehr auf den Fensterbrettern. Und es gibt glatt asphaltierte Radwege. Radfahren war damals etwas für Proleten und Minderbemittelte, die sich weder Auto noch Moped leisten konnten. Die Radwegweiser führen mich auf die Nordseite des Rhein-Herne-Kanals ( merke: Kulturkanal). Feiner Split löst Glattasphalt ab, ist aber gut befahrbar.

Wanne-Eickel – ZWODREI NAZIFREI – Gut so! Ein paar Meter weiter kurve ich auf den riesigen Platz, wo der Aufbau der Cranger Kirmes voll im Gange ist.

50 Fahrgeschäfte, vier Millionen Besucher in 10 Tagen! Vielleicht die größte Kirmes weltweit! Ein gigantisches Corona-Spreading-Event. Schaun mer mal. Noch ein paar Kilometer am Kanal entlang rollen, dann heißt es, abbiegen zur Veltins-Arena, der Spielstätte von Schalke 04. Das ist schließlich mein Kernziel für den heutigen Tag. Die beste aller Ehefrauen ist seit 50 Jahren unverbrüchlicher Schalke-Fan und war lange Clubmitglied. Aus ihrer ersten Wohnung konnten wir ins alte Parkstadion hinüber blicken. Logisch, dass ich nachschauen muss, wie das Ganze heute aussieht.

Erst noch über eine schwungvoll geführte Radwegbrücke, dann kommt das markante Dach der Veltins-Arena ins Blickfeld. Leicht überrascht erblicke ich viele Menschen, die so gar nicht wie Fußballfans aussehen. Sie strömen heran, sie warten, sie kaufen Fan-Artikel. Was ich nicht wusste: am Abend spielen die Stones in der Arena. Ausnahmezustand!

Lange kurve ich kreuz und quer über das riesige Gelände. Im Bereich des alten Parkstadions befinden sich die Trainingsplätze. Ein Tribüne ist noch erhalten. Nostalgie!

Im Schalke-Fanshop erstehe ich noch zwei Trikots für die Enkel. danach rolle ich die Schalke-Meile entlang. Das Vereinslokal steht genau am Eingang der Glückauf-Kampfbahn. Spätestens hier habe ich genügend Schalke-Luft aufgesogen, habe gesehen, welchen Stellenwert dieser Verein im Pott hat.

Nächstes Ziel: Holgers Erzbahnbude. der bekannteste Radler-Futter-Trink-Treff im Revier.

Beim Versuch, die Erzbahntrasse auf dem direkten Weg zu erreichen, strande ich erst einmal in einem Halden-Wildwuchsgebiet ohne Ausgang. Nach einem großen Südbogen entere ich schließlich den ehemaligen Erzbahnweg, und kurz darauf stehe ich vor einem Zweimannbunker aus der Weltkriegszeit, bemalt mit dem Schriftzug „Erzbahnbude“. Hier trifft man sich, hier ist eine lockere Stimmung. Reiseradler, Rennradler, Ausflügler. Alle sind gut versorgt und haben gute Laune. Ich komme mit einer Dreiergruppe von älteren Herren meines Alters ins muntere Gespräch. Kurz darauf kommt Holger aus seiner Bude und begutachtet mein Titan-Granfondo. Wir fachsimpeln, ich genieße ein Fiege-Pils, gönne mir eine Bockwurst und werde schlussendlich von Holger und seinem Kompagnon gebeten, doch einmal hinter der Theke zu posieren. Das tue ich sehr gern.

Die Erzbahnbude: Bester Imbiß- und Kommunikationspunkt für alle Radverrückten. TOP!

Nächstes Ziel des Tages: Die Zeche Zollverein. Es wäre unverzeihlich, dieses Monument nicht zu besuchen. Einige Radwegkurven sind noch zu kurven, aber dann stehe ich auf dem Gelände der Zeche. Riesig, geradezu erhaben, beeindruckend. Allein, es ist spät geworden heute. 17.30 Uhr. Lange kann ich mich nicht mehr vergnügen hier.

Um diese Zeit habe ich das gesamte Gelände für mich allein. Auch ein besonderer Reiz. Gegen 18 Uhr schaue ich mal auf Booking.com, wo ich am schönsten nächtigen kann in der Nähe. Eine Fehlanzeige reiht sich an die nächste. Warum gibt es hier denn keine Zimmer mehr? Dann geht mir ein Licht auf: das Rolling Stones Konzert! Uff. Selbst die mäßigen Herbergen haben die Gelegenheit beim Schopfe gepackt und die Preise saftig erhöht. Erst in Bochum-Wattenscheid, 15 Kilometer in Bögen weit entfernt, finde ich das mäßig bewertete City-Max-Hotel. Ich schlage für 103 € für die Übernachtung zu. Wucher. Normalerweise kostet das hier die Hälfte. Was soll’s, ich habe ein Bett für die Nacht. Der junge Mann an der Rezeption ist nett, mein Granfondo darf im Durchgang zur Küche parken. Dafür darf ich mit Gepäck in den dritten Stock steigen. Der Aufzug ist defekt. Auch im Zimmer ist so Einiges renovierungsbedürftig. Das Duschwasser strömt warm, in den dunklen Gassen finde ich noch eine Dönerbude, wofür mich der letzte Fetzen Rindfleisch vom Spieß geschnitten wird. Dann der krönende und unverhoffte Abschluss des Tages: In der kleinen Zunftstube neben dem Hotel tummeln sich Skat-, Trink- und Fußballfans. Und ich bekomme noch ein kühles Bier und erlebe unter dem Jubel der angesäuselten Altherrengruppe den Einzug der deutschen Frauen ins Finale. Wenn das kein versöhnlicher Ausklang ist. Ruhrpott eben!

Ende Teil 1, bald geht es weiter mit der nächsten Etappe.

Drei Eichen

Bäume faszinieren mich schon immer. Genauer habe ich mich mit diesen Lebewesen aber erst in den vergangenen fünf Jahren beschäftigt. Vielleicht ist das eine Alterserscheinung. Ein Altersspezifikum. Alt zu alt gesellt sich gern… Wobei ich mit den herrlichen Bäumen, die ich begreifen, umfassen, anfassen, erleben durfte, nicht ansatzweise mithalten kann. Was haben sie alles gesehen, erlebt, erlitten in den vergangenen Jahrhunderten.

Heute besuche ich meine drei Lieblingseichen im Umkreis von fünf Kilometern. Schon oft habe ich nach ihnen geschaut, habe versucht, zu ergründen, wie es ihnen geht. Sind sie gesund, haben sie genug Nahrung, genug Wasser? Woran kann ich das eigentlich erkennen? Der Oberförster Wohlleben würde das sicher viel besser erklären können als ich, der Möchtegern-Baumkenner. Aber der gute Wohlleben lebt nun mal nicht in meiner Nachbarschaft, so mache ich mir die Baumgeschichten halt aus eigener Denke.

Die erste der Drei habe ich vor drei Jahren erst richtig wahrgenommen. Viele Male war ich an dem Baumriesen bei Schönfließ eher achtlos vorbeigefahren. Dann, in der Winterzeit, habe ich erfasst, wie riesig, wie mächtig die Eiche ist. Dann bin ich zu ihr gelaufen, habe sie angefasst, sie umrundet, habe hochgeschaut. Ein unglaublicher Baum! Allein die grobrissige Borke atmet Kraft und Vergänglichkeit zugleich. Sie trägt den Namen „Kaisereiche“, wobei ich nirgendwo finden kann, auf welchen Kaiser sich der Name bezieht. Mein Maßband, das ich ihr um die Taille lege, weist stolze 7,75 m Umfang aus. Wahrhaft kaiserlich! 450 bis 550 Jahre ergibt die gängige Formel für Eichen ( Umfang x 0,7 bis 0,8) , wobei es bei ihrer angeblichen Schnellwüchsigkeit auch 100 Jahre weniger sein könnten. Wer weiß? Sie wird es nicht kümmern.

Nur 1,8 Kilometer südlich, im Kindelwald, hat sich ein weiterer Baumriese Nummer zwei versteckt. Die Kindeleiche, wie ich sie getauft habe, misst knapp 5,90 m Umfang in Brusthöhe. Auf dem Portal Baumkunde.de wird ihr ein vermutliches Alter von um die 400 Jahre und eine Höhe von 26 Metern attestiert.

Die dickrissige Borke der Kindeleiche ist ein wahres Biotop: Käfer und Spinnen haben beim alten Baumriesen Schutz und Nahrung gefunden. Noch hält er stand, obwohl im unteren Stammbereich viel Totholz zu erkennen ist. Aber ganz oben ist die Baumkrone dicht belaubt. Offensichtlich nehmen ihr die nahestehenden Birken und Ahorne Licht und Nahrung. Also streckt sie die obere Krone ins Licht und zeigt den jungen Gewächsen, wie man überlebt.

Eiche Nummer drei am heutigen Tag steht im drei Kilometer nördlich gelegenen Friedhof von Bergfelde. Sie ist eine Trauben-Eiche, zu erkennen an den längeren Blattstielen und an den büscheligen, kurzen Fruchtständen.

Mein letzter Besuch des Baumes liegt ein halbes Jahr zurück. Im Winter war nicht auf den ersten Blick zu erkennen, wie es um ihn steht. Heute wird klar, warum er durch rund herum an Baumstücken befestigte Wassersäcke versorgt wird. Er hängt am Tropf wie ein Lebewesen, dem es wirklich schlecht geht. Die nach Süden ausgerichtete Hälfte der riesigen Baldachinkrone, die einen gewaltigen Durchmesser von 28 Metern hat, ist unbelaubt. Komplett trocken und leblos. Erstaunlich, dass noch kein Ast herausgebrochen ist. Ob die zusätzliche Wasserversorgung zu einer Verbesserung des Zustands führen wird, ist noch nicht erkennbar. So ist fraglich, ob das Monument mit gemessenem Taillenumfang von 5,55 m und dem davon abgeleiteten Alter von 300 bis 400 Jahren noch lange Schatten und gute Luft spenden kann.

Wer suchet, der findet!

Back to Berlin

Mein Granfondo und ich haben in der Pension Burkhardt bestens geschlummert. Das Bächlein Triebisch gluckerte beruhigend in seinem schmalen Bett unter dem Fenster. Um acht Uhr sende ich einen Abschiedsgruß hoch zu der sich in der Morgensonne wärmenden Albrechtsburg.

Ich bleibe zunächst auf dem linkselbischen Radweg, weil ich den noch nicht gut kenne. So früh am Morgen ist noch nichts los auf der sonst vielfrequentierten Reiseroute. Die Elbe fließt behäbig im breiten Bett dahin. Bald schaue ich auf zum Schloss Hirschstein, dessen Bausubstanz ursprünglich aus dem 12 Jhd. datiert. Seine heutige prächtige Erscheinung bekam es aber erst, nachdem 1892 der Glauchauer Tuchfabrikant Leuschner es seiner Tochter Marie-Louise zur Hochzeit schenkte und es aufwändig neu gestalten ließ.

Oben thront das Schloss, unten an der Elbe weiden glückliche Rinder. Die Großen stillen den Durst mit Elbwasser, ein Kälbchen zieht die Muttermilch vor. Noch zehn Kilometer sind es bis Riesa. Der Weg führt im Zickzack durch die Elbaue, bis er eine wunderschöne Lindenallee erreicht, die sich auf etwa zwei Kilometern am Elbufer bis zur Stadt erstreckt.

Den Kontrapunkt zur Lindenallee setzt auf der Ostseite der Elbe die riesige Kulisse des Wacker-Chemiewerkes Nünchritz.

Wacker-Chemie Nünchritz

Die Sportstadt Riesa hat über die vergangenen Jahrzehnte viele namhafte Sportgrößen hervorgebracht; Sportplätze, Sporthallen, Schwimmhallen sind eindeutig in der Überzahl im Vergleich zur historischen Bausubstanz. Die Sportler wird es freuen. Ich rolle weiter nach Norden an der Elbe entlang.

Als ich das Städtchen Strehla mit seiner Schlossanlage passiert habe, steigt auf der anderen Elbseite bei Mühlberg eine dicke Rauchsäule in den Himmel. Sie wird von Minute zu Minute immer breiter und höher. Offensichtlich ist ein Großfeuer ausgebrochen. Als ich bei Mühlberg über die Elbbrücke auf die Ostseite wechsle, hat sich der Himmel schon rotgelb gefärbt.

Rauchsäule über Mühlberg

Die neuesten Nachrichten berichten über einen gewaltigen Brandherd in der Gohrischheide. Bei Falkenberg/Elster sieht es bei der kleinen Schloßanlage Martinskirchen fast so aus, als ob das Feuer im nahgelegenen Wald loderte . Bedrohlich wirkt die Szenerie.

Erst 20 Kilometer weiter im Norden, bei Herzberg, zeigt sich der Himmel wieder im ursprünglichen Blau. Feuerwehren und Katastrophenschutzfahrzeuge kommen mir auf dem Weg zur Feuersbrunst entgegen. Der Brand scheint offensichtlich größere Dimensionen zu haben. Ich radle an der Schwarzen Elster entlang, auf dem Radweg und den Nebenwegen. Was zur Folge hat, dass ich keine Bäckerei, keine Tanke, kein Lebensmittelgeschäft anzapfen kann, um meinem quälenden Durst mit geeigneten Getränken beizukommen. Mittlerweile zeigt das Thermometer 32 Grad, es wird ungemütlich mit geleerten Trinkflaschen.

Nachdem sich dieses München als Ort mit 16 Einwohnern entpuppt, wo zwar tatsächlich schon mal ein Oktoberfest gefeiert wurde mit viel Bier und vielen Menschen, hilft mir diese Information wenig. Heute gibt es hier weder Bier noch Mineralwasser. Einfach Garnüscht! Im verlassen da liegenden Bernsdorf zeigt sich keine Menschenseele in den Vorgärten oder gar auf der Straße. Ich erinnere mich daran, dass auf allen einigermaßen gepflegten Friedhöfen Trinkwasser gezapft werden kann. Die Wasserarmatur sieht solide und sauber aus und so komme ich zum Schluss, dass hier normales Leitungswasser fließt. Also Wasser laufen lassen, bis es schön kalt ist, und dann die Flaschen bis zum Rand füllen.

In Wiepersdorf genieße ich den kühlen Schatten im Schlosspark neben der Grabanlage der Arnims; mein Granfondo darf sich an einer Apollo-Statue ausruhen. Kein Mensch ist hier zu sehen oder zu hören.

Apollo im Schlosspark Wiepersdorf

Von hier an kann ich den glatten Asphalt des Fläming-Skate genießen. Es rollt gut über die sanften Wellen des Niederen Fläming bis Luckenwalde. Knapp 160 Kilometer weist mein Garmin aus. Genug für heute, für den letzten Tag meiner Etappentour an Oder, Neiße und Elbe. Ich steige in den Zug und bin eine Stunde später zurück in der großen Stadt. Vier Tage, 600 Kilometer: viel Natur, Neues und Altes, nette Menschen, den Körper gespürt, dem Geist Nahrung gegeben. Es lohnt sich immer, mit dem Rad durchs Land zu streifen.

Wie sagte doch der große Albert Einstein so treffend: „Das Leben ist wie Fahrrad fahren, um die Balance zu halten musst du in Bewegung bleiben.“

Oder-Neiße-Elbe, Teil 3

quite hot today!

Nach Süden aus der Innenstadt von Görlitz hinaus führt mein Weg, vorbei an derObermühle, einer ehemaligen Getreidemühle. Mein Garmin hat an den ersten beiden Tagen 360 Kilometer gezählt. Gegenüber einer echten Brevetstrecke wenig, für einen Randonneur-Oldie im Reisemodus bescheinige ich mir selbstgerecht die Note drei plus. An der Mühle beginnt der Taleinschnitt der Lausitzer Neiße. Ein prächtiger Viadukt, der mit 475 Metern zu den längsten Eisenbahnbrücken Deutschlands gehört, verbindet Sachsen und Schlesien.

Reisezüge rollen mittlerweile wieder über die historische Strecke, die von Dresden nach Breslau führt. Dann passiere ich den Berzdorfer See, auf dessen Strand und Freizeitmöglichkeiten die Görlitzer besonders stolz sind. Der seit 2013 geflutete Braunkohlentagebau hat eine Fläche von 960ha , der drumherum führende Radweg ist 18 Kilometern lang. Von all der Seenschönheit ist vom Oder-Neiße Radweg aus rein gar nichts zu erspähen. Wald , Büsche und Hecken hemmen den freien Blick. „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“, fällt mir dazu ein. Am Ende hätte ich noch einen „Rundumweg“ gemacht…

So kann ich schnell wieder den beschaulichen Teil hinüber nach Ostritz mit dem Kloster Marienthal genießen. Die Gründung des Ordensklosters datiert auf das Jahr 1235. Seit dieser Zeit führen Zisterzienserinnen das älteste Frauenkloster des Ordens in Deutschland. Der Konvent, zu dem 10 Schwestern und eine Äbtissin gehören, ist schon seit geraumer Zeit in finanziellen Nöten. Schon 2010 wurde der mit über 800 ha gesamte Bestand von Wald- und Ackerflächen verkauft. Angeblich an die Textilkette Brenninkmeyer. Seither wurden weitere Schätze verkauft, um die Existenz zu sichern.

Als ich in das Gelände der prächtigen Barockanlage einrolle, präsentiert sich das Kloster in sehr vorzeigbarem Zustand. Möge es noch lange so bleiben.

Möge dieses Haus erhalten bleiben, bis die Ameise die Neiße ausgetrunken und die Schildkröte die ganze Welt umkreist hat“, so ist über dem Eingang eines Kindergartens im Kloster zu lesen.

Das Kloster strahlt Ruhe und Geborgenheit aus. Hier könnte ich irgendwann mal ein paar Tage verbringen…

Die nächsten zehn Kilometer in dem wild-natürlich anmutenden Neißetal gehören zu den schönsten Radwegabschnitten, die ich kenne. Dicke Findlingsblöcke werden vom schnellen Wasser umströmt. Sattes Grün steht bis zum Uferrand, an den Hängen wachsen Buchen, Eichen, Linden. Das Blätterdach gibt kühlenden Schatten. Zweimal quert die alte Bahnlinie über Stahlbogenbrücken das Flüsschen.

Kurz vor Hirschfelde, in Rosenthal, schlummert das ehemalige Verwaltungsgebäude der Flachsspinnerei.

Nur das Kontorgebäude aus der Gründerzeit, erbaut im historisierenden Tudor-Stil, hat die bewegten Zeiten überstanden. 1998 restauriert, diente es bis 2019 der Ausbildung und Förderung Jugendlicher samt Internat. Seitdem steht es wieder leer. Die Investorsuche verlief erfolglos. Über 1000 Menschen waren hier einmal in Lohn und Brot, eine der ersten Betriebskrankenkassen markierte sozialen Fortschritt. Zu Zeiten der Wende gab es noch 100 Arbeitsplätze. Dann sorgte die zunehmende Verlagerung der Textilproduktion in den fernen Osten für den finalen Niedergang.

Als ich in Hirschfelde aus dem beschaulichen Neißetal auftauche, sehe ich einen Ort mit schönen Umgebindehäusern, die ich vor Jahren schon bei einem Urlaub im Elbsandsteingebirge bewundert habe. Als Kontrast dazu erheben sich auf der polnischen Ostseite des Dorfes die Kühltürme samt Kondenswolken des 2000 Megawatt-Braunkohlekraftwerkes Turow. Am Rande eines riesigen Tagebaues wird laut Beschluss der polnischen Regierung bis mindestens 2044 eifrig CO2 produziert , zusätzlich schwerwiegende Auswirkungen auf die Grundwassersituation im Dreiländereck riskiert. Nun haben sich Tschechien und Polen auf eine „Ausgleichszahlung“ von 45 Mio Euro der polnischen Seite geeinigt. Nicht nur für Greenpeace ein höchst fauler Kompromiss.

Noch 10 Kilometer bis Zittau. Der Radweg verläuft hier weniger schön entlang der B99. Ich bin halt verwöhnt. Die Altstadt von Zittau entschädigt mich mit ihrer historischen Kulisse. Jugendstilfassaden, mächtige Kirchen, ein Rathaus im Stile eines italienischen Palazzo. Man mag nicht glauben, dass diese Stadt in ihrer Geschichte viele Male in Schutt und Asche gelegt wurde: Hussiten, Schweden, Österreicher marschierten ein und hinterließen Trümmer. Immer wieder erholte sich die Stadt. Wurde Anfang des 20. Jahrhunderts dank der Tuchmacher und einem riesigen Besitz an Wald, Grund und Boden reichste Stadt Sachsens.

Bis in unsere Zeit hat sich die Struktur mehrfach bedeutsam gewandelt. Die Wende tat das Ihrige dazu. Das Stadtmarketing bezeichnet zwar Zittau immer noch als Tuchmacherstadt, auch stark im Bereich Maschinenbau und Automobilzulieferung, allerdings tauchen in der Statistik der Top 100 Unternehmen in Zittau nur ganz wenige mit über 100 Mitarbeitern auf. Hauptarbeitgeber sind Klinikum, Hochschule und Sparkasse. Auch Zittau schrumpfte seit den frühen 50er Jahren, wo 47000 Einwohner verzeichnet wurden, auf heute 26000 Menschen. Trotzdem wirkt diese Stadt gesund und attraktiv, besonders der herausgeputzte historische Stadtkern. Möge die Entwicklung in eine positive Richtung gehen. Die Region braucht es.

Bei einem Mango-Vanille-Fruchteis lasse ich die Eindrücke sacken und beschließe, den Hauptteil der Strecke hinüber nach Dresden an die Elbe heute hitzehalber per Bahn zurückzulegen. Außerdem soll endlich mein 9 Euro-Ticket zum Einsatz kommen.

In Oberoderwitz ( kein Witz!) , steige ich in den Trilex und bin 70 Minuten später in Dresden Neustadt. Viele Höhenmeter und zwei Liter Schweiß eingespart. In Dresden habe ich Mühe, den Elberadweg zu finden. Ampeln, Ampeln, Autos, Autos… Irgendwann bin ich am Elbufer und kann es wieder rollen lassen. Die Innenstadt von Dresden reizt mich heute überhaupt nicht. Viel zu laut und getriebig finde ich es hier. Bei Niederwartha lasse ich mich verführen, auf die rechte Seite der Elbe nach Coswig zu wechseln. Ein Touristikhinweis lockt mich in die Weinberge hinauf. Das hätte ich besser nicht machen sollen. Fiese Anstiege ziehen mir den Saft aus den Beinen, und Wein trinken am frühen Nachmittag will ich schließlich auch nicht. Ich gleite wieder hinunter in die Elbauen und nehme Kurs Richtung Meißen. Eine halbe Stunde später wächst die Albrechtsburg vor mir in die Höhe.

Hamburger Hof – seit 30 Jahren im Ruhestand

Nach 30 Jahren und mehreren Insolvenzen von Investoren gammelt das ehemals altehrwürdige Etablissement vor sich hin. Schnell wende ich meinen Blick auf die Altstadtseite der schönen Stadt. Auf dem Marktplatz tummeln sich die Touristen, die Stimmung ist gut, der Himmel blau, die Lüfte lau. Booking.com liefert mir mit der Pension Burkhardt schnell eine gute Adresse zum Übernachten. Eingangscode per Telefon, Schlüssel aus der Klappe gefischt, Zimmer bezogen, geduscht und nix wie los in die Stadt. Fast wäre ich schon bei Vinzenz Richters Weinlokal eingekehrt. Mein Entdeckerdrang sorgt allerdings dafür, dass ich erst einmal die Treppen hinauf zu Bischofssitz und Burg hochsteige. Der Blick über die Stadt ist grandios, dann aber meldet mein Hunger mit Magenknurren, meine Kehle ist ausgedörrt. Also wieder treppab auf den Marktplatz.

Auf der Freiterrasse vom Ratskeller sind noch Tische frei, die Speisekarte lockt mich mit Wirsingroulade, gefüllt mit Reis und Champignons. Ungewöhnlich, vegetarisch und eine gute Wahl, wie sich beim Genießen herausstellt. Dazu ein Sauvignon Blanc aus Trauben der umliegenden Weinberge. Herrlich. Über eine Stunde verweile ich hier, schlendere dann zur Pension und gönne mir noch einen Absacker, bevor ich in tiefen Schlummer falle.