Zum perfekten Wetter wären noch ein paar Sonnenstunden vonnöten gewesen. Es wurden uns dann aber ersatzweise Mondstunden geboten – mit fast komplett erleuchtetem Nachtgestirn.
Zurück zum Start vor dem Start. Bekanntlich gönne ich mir vor den Brevets immer die frühmorgendliche Anfahrt zum Amstelhouse. Um 5.30 Uhr in die noch fast schlafende Stadt hinein. Frühdienstler stehen an Bushaltestellen, Spätheimkehrer wanken mit lecker Bier am langen Arm nach Hause. Irgendein Irrer donnert seinen AMG-Mercedes mit fettem Röhren über die B 96. Die Polizei wird schlafen, denkt der sich – wenn er denn denkt. Um 6.20 Uhr biege ich auf das Kopfsteinpflaster der Waldenser Straße ein.

Am Wochen-Wandaufschrieb wird klar, dass außer Brevetfahren noch andere schöne Sachen in Berlin zu erleben wären. Aber nein, so um die 60 Starter wollen unbedingt die nächsten 15 bis maximal 27 Stunden auf dem Rad in der freien Natur von Brandenburg und Meck-Pomm. verbringen. Genießer oder Masochisten? Macht ihr das eigentlich freiwillig?, wurde ich mal am Start gefragt.
Und ob! Es macht sogar Spaß. 
Unser Streckenplaner Ralf im Gespräch mit zwei schnellen Triathleten, die wir heute wieder nur am Start zu Gesicht bekommen. 
Kein Wunder, dass die so schnell sind, wenn sie vorne windschnittig auf dem Lenker liegen und selbst zum Essen und Trinken in dieser Haltung verharren.
Manuel ist nach längerer Pause wieder mal dabei und wartet heute mit einer ganz besonderen Rahmenschalthebel-Halterung auf. Klar Innovationspreis-verdächtig.

Klaus und Ingo sind ausgesprochen gut gelaunt und schicken uns mit humorigen Worten auf den Kurs. In der zweiten Gruppe starte ich um 7.10 Uhr gemeinsam mit Peter. Wir wollen es heute ganz gemächlich angehen lassen. Von wegen Knie ( bei Peter) und Rippe ( bei mir). Es sollte anders kommen.
Nach Westen führt uns Ralf aus der Stadt hinaus. Erfreulicherweise bremsen nur wenige Ampeln unsere zügige Fahrt. Wir unterhalten uns über Ausrüstung, Blogartikel, vergangene und zukünftige Vorhaben. Auf dem Tacho ist fast immer die 3 vorn zu sehen. So geht das bis zum ersten Kontrollpunkt bei km 67, wo die Frage nach der Grundfarbe des Hinweisschildes zum Bändchen Rhinow zu beantworten ist. Ralf macht freundlicherweise ein Kontrollfoto der mindestens 15 Randonneure starken Gruppe. Ich verzichte hier auf diese Perspektive, denn sie zeigt – nicht jugendfrei – mindestens 10 Männer beim Verrichten ihrer Notdurft in Wiese und Wald.
Ab geht die Post weiter Richtung Havelberg und ran an die Elbe.
Gutes Timing! Der unermüdliche Pacemaker Thomas verspeist genüsslich noch eine stärkende Stulle, bevor die Werbener Fähre anlegt.

Ein paar Minuten Pause sind sehr willkommen. Essen, quatschen, Luft holen.
Randonneur-Stilleben: Riegelverpackung und Futterkiste

Ich bin noch beim Anlegen auf der anderen Seite so mit Fotografieren beschäftigt, dass die Jungs mindestens 100 Meter vor mir fahren. Auf den drei Kilometern Kopfsteinpflaster bis nach Werben bekomme ich keinen Anschluss mehr an die Gruppe. Peter ist so gnädig und wartet auf mich. Seehausen ist der nächste Kontrollpunkt bei Kilometer 136. Ich kann mich an einen anheimelnden NP-Markt mit Imbissecke in der Innenstadt erinnern.
Die riesigen Türme der 800 Jahre alten Kirche St. Petri künden von der reichen Vergangenheit der kleinen Stadt. Sie hat sogar einmal der Hanse angehört. Heute leben hier noch 5000 Menschen. Nach einem kleinen Schlenker finden wir den NP-Markt, und drinnen stehen schon sechs Brötchen- und Teilchen-vertilgende Randonneure. Die Spezialität ( auf die wir heute verzichten) sind sogenannte Metthörnchen. 
Alex macht den starken Max.
Und draußen vor der Tür schlägt wieder einmal die Stunde von Ersatzteil-Samariter Andy. Flugs zaubert er zum Erstaunen des Cleat-Geschädigten Christophe ein neues Schräubchen aus seiner Wundertasche. Fünf Minuten und eine Zigarettenlänge später ist der Schuh repariert. Ab geht die Post nach Norden, 80 Kilometer noch bis Lübz.
Kurz vor Erreichen der Elbe lockt Andy Peter und mich auf einen Schleichweg hin zur Bahn-Brücke über die Elbe. Ein paar Meter weniger Strecke erkaufen wir mit gefühlten drei Kilometern Fahrt über die mehr oder weniger morschen Holzplanken des Fußgängerweges neben der Eisenkonstruktion. Gut durchgerüttelt rollen wir in Wittenberge ein. Sind die Kollegen noch vor uns? Haben wir sie querab überholt? Jedenfalls bekommen wir die Begleiter auf den nächsten 50 Kilometern nicht mehr zu Gesicht. Dafür treffen wir irgendwo zwischen Mahlow, Tessenow, Burow und Siggelkow unseren sehr geschätzten Alt-Randonneur Klaus, der uns unbedingt an der Strecke begrüßen will.
Klaus habe ich noch von Paris-Brest-Paris 2011 in guter Erinnerung. Als er nämlich mit angelegter Kniebandage die 1230 Kilometer in 60 Stunden absolvierte. Rekordzeit – für den damals schon 68-Jährigen. Heute plagt ihn ein hartnäckiges Problem in der Halswirbelsäule, sonst würde er uns wahrscheinlich immer noch um die Ohren fahren. So halten wir einen Plausch und verabschieden ihn wieder nach Hause ins heimatliche Karstädt. Immerhin, 150 Kilometer hat er heute doch noch abgeradelt. Wahrscheinlich würde er 100 km noch mit einem Bein und einem Arm erledigen.

Locker kurbeln wir weiter gen Lübz. Hier in der Stadt mit der gleichnamigen Brauerei sollte sich doch Gastlichkeit für hungrige Breveteure finden. Ein köstliches Mahl mit einem leckeren Bier, das wäre was! Dann kommt Lübz. Links die Brauerei, schöne alte Häuser, ein Gasthof, GESCHLOSSEN. Die Elde-Terrassen, GESCHLOSSEN. „Zum Alten Amtsturm“ GESCHLOSSEN. Lübz macht von 13 bis 17 Uhr Mittagspause. Da weint der hungrige Tourist bittere Tränen.


Nur die überaus nette Dame des kleinen Eisverkaufs hinter dem Mauerverschlag am alten Turm verschafft uns eine Kontrollunterschrift bei km 217 und dann auch noch zwei riesige Erdbeer-Eisbecher. 16.22 Uhr. Dann bekommen wir noch eine frische Wasserfüllung in unsere Trinkflaschen. Service vom Feinsten. Wenn es doch überall hier so wäre.
Zur Ehrenrettung der kleinen Stadt muss vermerkt werden, dass die Kollegen um Ingo und Andy einen Mexikaner mit guter Küche ausfindig gemacht haben, dem sie dann fast alle Vorräte weggeputzt haben.
Nächster Halt: Röbel am Müritzsee, km 265,8. Knappe 50 Kilometer Vorfreude auf eine warme Mahlzeit, die wir dort erhoffen. Leichter Rückenwind, milde Lüfte und ein paar Sonnenstrahlen erhellen unser Gemüt.
Im „Technik-Center-Röbel“ erwartet uns schon eine illustre Runde mit Ingo, Ralf, Sascha und Andy. Schon wieder haben die Hunger, obwohl sie doch schon den Lübzer Mexikaner geplündert haben. Für Peter und mich gibt es eine heiße Bockwurst und ein Pils. Das muss reichen. 
Dann folgen 65 lange Kilometer durch Wald und Feld nach Neuruppin. Zwischendurch lesen wir Manuel auf, bei dem die Frontleuchte den Geist aufgegeben hat. Er tastet sich langsam durch die Dunkelheit und ist froh, als wir ihn in unsere Mitte nehmen. Und immer weiter durch den Wald, Wald, Wald, Wald. Immer geradeaus. Am Straßenrand ein Wildunfall, Polizei mit Blaulicht, eine Polizistin brüllt Manuel an: „Wo ist dein Licht?“ Wir: vorn und hinten haben wir doch Licht reichlich! Weiter geht es. Und dann kommt die Esso-Tanke bei km 330. Es ist 22.40 Uhr geworden.
Ich habe keine Lust mehr, Fotos zu machen. Ein süßes Teilchen, ein Milchkaffee, dann sitzen Peter und ich wieder auf den Rädern. Jetzt wieder zu zweit. Zäh läuft es bis zum Rand der großen Stadt. Die Schönwalder Allee mit ihren 3 Kilometern Kopfsteinpflaster rüttelt uns wieder wach und meine Batterie-Zusatzleuchte raus aus der Halterung. Macht nichts, die Supernova E3 macht sattes Licht nach hinten, gespeist vom unermüdlichen SONdelux-Dynamo. Gemeinsam mit zwei netten Kollegen rollen wir die Endspurtkilometer bis zum Amstelhouse. Genau um 2.05 Uhr sind wir im Ziel. O.k., wir sind zwar nicht die Schnellsten, wir waren aber schon mal langsamer, und die meisten kommen erst noch. Freude macht sich breit. Ingo und Ralf sitzen schon vor Lasagne und Bier. 
Das Amstelhouse ist schon eine geniale Adresse. Durchgehend geöffnet, immer nette Bedienung, wunderbar, einzigartig!
Um drei in der Früh sitze ich wieder auf dem Rad und rolle gemächlich nach Hause. 14 Kilometer gehen noch, dann falle ich ins Bett.


Ingo und Ralf sitzen am Orga-Tisch und teilen die Brevet-Karten im Akkord aus. Die mehr oder weniger bepackten Räder stehen wie üblich kreuz und quer im Gastraum, im Eingangsbereich, und ein paar wenige müssen draußen warten. Um die 60 bis 70 Teilnehmer haben sich in die Startgruppen eingetragen.









Herrliche Landschaft, wenige Menschen.
Wir machen das obligatorische Kontrollfoto, schreiben die Zeit ins Brevet-Heft, und weiter geht es.
An einer Bushaltestelle im Örtchen Koldenhof bitte ich um eine Pause. Ein schönes Café wäre mir lieber gewesen, aber seit 50 Kilometern haben wir keine geöffneten Gasthöfe mehr entdecken können. Wohl dem, der ein paar Gemüsefrikadellen in der Fronttasche hat, dazu einen Schluck aus der Trinkflasche. Die Sonne auf den Bauch scheinen lassen, und die Kräfte kommen wieder. Nicht nur die Kräfte, auch Matthias kommt. Ab hier fahren wir wieder zu dritt. Die Beiden sind so nett und lassen mich vorne fahren, damit ich nicht das Gefühl bekomme, immer nur hintendran zu sein. Orte wie Triepkendorf und Beenz schleichen vorbei. dann endlich kommt Lychen in Sicht, und ich erinnere mich an eine Pause bei einer Sommertour, wo ich schon vor drei Jahren auf einer Caféterrasse Kaffee und Kuchen genossen hatte. Die Rettung! Und die Beiden kommen auch noch mit.
Wirt und Wirtin stehen auf selbiger Terrasse und strahlen gute Laune aus. Im Gastraum flackert ein wärmendes Feuerchen im Kamin. Wir ordern Weizenbier, Kaffee und Stachelbeerkuchen. Köstlich! Ein Top-Tipp:
Vor ihnen stehen riesige Tassen mit dampfendem Kakao. Wir bleiben nur zum Stempeln und sind zwei Minuten später wieder auf Kurs. Ein Fehler! Denn es fängt an zu graupeln, der Himmel verdunkelt sich. 500 Meter weiter suchen wir Schutz unter einer Glasüberdachung. Fünf Minuten später ist der Spuk vorbei. Nur die Straßen glänzen jetzt nass und schwarz. Peter sprüht mir die Hinterradgischt ins Gesicht. Sehr erfrischend.

Im Osten ist der Himmel grauschwarz, die tiefstehende Sonne produziert einen Regenbogen der Extraklasse. Und die Altstadtkulisse des Templiner Marktes ist einfach nur filmreif.
Am Himmel künden Mammatus-Wolken von heftigen Auf- und Abwinden am Rande der Gewitterzelle. Wir wissen, der Westwind drückt die schwarze Wand nach Osten weg. Freie Bahn vor uns. Unten nass, oben trocken. Gleichmäßig treten wir die Kilometer weg. In Zehdenick schließt sich die Schleife der großen Brevet-Nordrunde, und der Kurs führt jetzt direkt zurück in die Hauptstadt. Diese knapp 60 Kilometer werde ich auch noch überstehen, beschließe ich. Matthias und Peter sind meine geradezu fürsorglichen Begleiter. Matthias löst eine Aspirin-Sprudeltablette in der Trinkflasche auf, und ich kippe das Mittelchen in den Rachen. Darauf noch einen Schluck Cola zum Wachbleiben. Und weiter geht die Post. Die Dunkelheit ereilt uns bei Liebenwalde. Voriges Jahr saß ich um diese Zeit schon im Amstelhouse und labte mich an warmer Lasagne. Heute wird es später.










































