Das Titan-Granfondo, der Kettenstrebenschreck und ein versöhnlicher Ausgang.

Der Kettenstrebenschreck: Nach meiner Kienitz-Frankfurt-Tour bekam ich beim Putzen erst große Augen, dann wurde mir ganz anders. Ein deutlich erkennbarer, fast umlaufender Riss direkt neben dem Kettenblatt! Das darf doch bei Titan nicht passieren, dem Rahmenmaterial, dem ewige Haltbarkeit nachgesagt wird. Und doch ist es Realität. Ich drücke die Strebe seitlich weg – der Riß wird breiter. Was habe ich für ein Glück gehabt, dass ich nicht bei der Abfahrt hinunter nach Falkenberg bei 70 km/h einen veritablen Abflug gemacht habe. Erleichterung, Enttäuschung, dann Ärger. Ich mache Fotos vom Schaden und schicke sie an Kinesis UK.

Kinesis meldet sich schnell zurück. „Sorry to see you have a crack in your GF Ti Frame“, und der Service macht das Angebot, einen aktuellen Rahmen mit 25% Rabatt zu erwerben. Leider war die Garantie schon 2020 abgelaufen. Also jetzt 2000 € investieren und den gecrashten Rahmen verschrotten?! Darauf habe ich absolut keine Lust.

Was tun also? Ich suche im Internet nach Spezialisten, die Titan und insbesondere Titanrahmen schweißen können. Die Auswahl in deutschen Landen ist bescheiden. Aber schließlich werde ich in Mecklenburg Vorpommern fündig: „Rotte-Schweißtechnik repariert Fahrradrahmen aus Aluminium, Stahl und Titan“. Die Homepage ist informativ, garniert mit Fotos von geschweißten Rahmen mit unterschiedlichen Schäden. Vielversprechend! Ich rufe also in Waren an. Matthias Rotte ist offensichtlich ein Handwerker aus Überzeugung, einer, der das, was er tut, gerne tut. Und er kommt ursprünglich aus meiner alten Heimat Westfalen. Erst seit zwei Monaten wohnt er am Müritzsee und ist hierher mitsamt seiner Werkstattausrüstung umgezogen. Ich sende ihm Fotos meines Rahmens, und schon in der Folgewoche machen wir einen Termin bei ihm zur Reparatur. Morgens hinfahren und das hoffentlich perfekt geschweißte Titanteil am selben Tag wieder mitnehmen können. Gute Aussichten. Auf der Homepage sehe ich mir das YouTube Video eines Mountainbikers an, der einen veritablen Rahmenbruch hatte. Das überzeugt mich vollends, und meine Vorfreude steigt.

Als ich mir die Fahrtroute zum Müritzsee und die Adresse von Matthias Rotte genau ansehe, erinnere ich mich an eine Tour im Oktober 2020, als ich auf dem Weg zur Ostsee in Waren übernachtete und das Granfondo an eine riesige Schiffsschraube an der Einfahrt zum Campingplatz Kamerun angelehnt habe. Von hier ist die Werkstatt von Matthias gerade mal ein Kilometer entfernt.

Heute habe ich mit dem Auto für die 150 Kilometer keine zwei Stunden gebraucht. Mit dem Granfondo war ich seinerzeit sieben Stunden unterwegs. Pünktlich um 9.30 Uhr stehe ich bei Matthias Rotte vorm Tor.

Hier sieht es mehr nach einem Feriendomizil als nach einer Schweißerwerkstatt aus. Matthias empfängt mich herzlich, und schon sind wir mitten im Thema. Den Rahmen unterm Arm begleite ich ihn in die kleine, aber feine Werkstatt. Wir reden über das Langstreckenfahren, die Ausrüstungen dazu, dann kommen wir so nebenbei zum Riss in meiner Kettenstrebe, Pardon, im Rahmen des Granfondo. Das wird nicht so schwierig, meint Matthias nach genauer Begutachtung. Schon ist der Patient eingespannt, und die Arbeit kann losgehen. Ich verabschiede mich zu einem Rundgang durch das Städtchen Waren, Matthias widmet sich derweil der Kettenstrebe. Er wird mich anrufen, wenn das Werk vollendet ist.

Die beiden Fotos stammen aus der Homepage von Matthias.

Ich spaziere durch Waren, laufe zum Hafen, trinke einen großen Kaffee. Schön hier. Ich nehme mir vor, mit dem wiedergenesenen Granfondo Titan bald wieder hierher zu kommen. Auf dem Weg zur Ostseeküste, als idealer Zwischenstopp. Die Zeit vergeht schnell, um halb zwei ruft Matthias an: Er ist zufrieden mit der Reparatur. Das Ergebnis ist zu seiner Zufriedenheit. Ich bin gespannt und mache mich wieder auf den Weg zur Stillen Bucht in Kamerun. Schon eine wilde Adresse!

In der Werkstatt zeigt mir Matthias die feine Schweißnaht.

Er ist zufrieden, ich bin zufrieden. Ich zahle meinen Obolus für die geleistete Arbeit und mache mich auf den Heimweg. Am frühen Abend bin ich wieder daheim. Jetzt muss sich das Werk nur noch im harten Praxiseinsatz bewähren. Und mindestens eine Woche soll ich dem Metallgefüge Zeit geben, sich zu beruhigen.

Zeit- und Kilometersprung: Heute, zwei Wochen und 250 Kilometer später wieder fertig montiert:

Den Schaltzug habe ich, ausgehend vom Innenlager, außen verlegt, weil wir entschieden hatten, die Eingangsöffnung in der Kettenstrebe zu verschließen. Vielleicht lag genau hier die Wurzel des Übels. Eine Sollbruchstelle möglicherweise.

Vorne wird jetzt mit einer Campa-Super Record gebremst, die ich noch in meinem Bestand hatte. Die hydraulische Felgenbremse von SRAM war nicht mehr ordentlich zu entlüften, nachdem eine Dichtung den Geist aufgegeben hatte.

In dieser Konfiguration habe ich dann in dieser Woche einen Ritt mit Gravel-, Pflaster, Platten- und Waldeinlagen über 160 Kilometer absolviert.

Bravo Matthias, alles hält, alles bestens! Danke dafür.

Ein Bericht über die schöne Tour folgt.

Himmel und Erde in Kienitz

Werde ich heute nass oder bleibe ich trocken? Wer weiß? So packe ich meine Shakedry-Regenjacke in den Aeropack. Bekanntlich kann man das Regenrisiko maßgeblich durch die Mitnahme von Regensachen herunterschrauben. Schließlich regnet es ja auch selten, wenn man einen Regenschirm dabei hat.

Erst um halb zehn sitze ich auf dem Granfondo und setze Kurs nach Osten, hinein in den Barnim und die großen Felder und Wälder. Es rollt! So mache ich den ersten Halt erst in Grüntal an meiner Lieblingseiche. So richtig gut sieht ihr Blattwerk in diesem Frühjahr nicht aus. Einiges Totholz wird sichtbar. Ich lehne mein Rad vorsichtig an ihren monumentalen Stamm. Warm fühlt sich die Rinde an, als ich meine Hände auflege.

Neben dem 400 Jahre alten Baumriesen und vor der Kirche hat die Gemeinde in diesem Frühjahr einen Gedenkstein für den „Besitzer Grünthals“, den Justizrat Carl August Julius Schuetz, aufgestellt. Folgende Information entdeckte ich auf Wikipedia:

„Im Jahre 1826 gründet Carl August Julius Schütz in Grüntal die erste Brauerei nach bayrischer Art, „es war das erste bayerische Lagerbier, das in der Mark Brandenburg gebraut wurde“ (nach R. Schmidt 1922, 1928). Er hatte sich vorher in Süddeutschland ausführlich über das Brauen untergärigen Bieres erkundigt und den Bamberger Küfer (Fassmacher) und Bierbrauer Conrad Bechmann (* 1801 in Pommersfelden; † 1881 in Berlin)[7] als Braumeister für die Produktion gewonnen“

Wer heute in Grüntal nach einer Brauerei sucht, sucht vergebens. So gerne hätte ich hier einmal , am besten unter der riesigen Eiche vor der Kirche, ein „Grünthaler Unterhöler“ getrunken. Genauso, wie seinerzeit der Reichskanzler Otto von Bismarck.

Über Gersdorf, an Hohenfinow vorbei, rausche ich schließlich hinunter nach Falkenberg und dann an der Abbruchkante des Oderhanges entlang nach Bad Freienwalde. An den Wegrändern blüht der Mohn und leuchtet in herrlichem Rot. Ausnahmsweise mache ich kein Foto, ich warte auf ein riesiges Blütenfeld als Motiv. Aber leider warte ich heute auf eine Mohnorgie vergeblich. In Hohenwutzen erreiche ich die Oder und biege auf den wunderbaren Radweg ein. Es beginnt zu tröpfeln, hinter mir schiebt sich eine Schauerzelle heran. Also reintreten und dem Regen davonfahren. Es gelingt! Ist aber recht kraftraubend für mich, so zwischen 25 und 30 km/h zu fahren. Früher ging das auch lockerer, als ich beim 400er Brevet zusammen mit Wolfgang und Matthias bis Kienitz mit einen Schnitt von 27 unterwegs war. 10 Jahre liegt das nun zurück.

Die Europabrücke moderte zu dieser Zeit noch vor sich hin, heute kann man wunderbar nach Polen hinüberrollen und den Blick über die Oderauen genießen. Ob das Kirchencafé Himmel und Erde wohl geöffnet hat? Ja, es hat. ( Mittwochs- Sonntags von 12 bis 18 Uhr). Einfach schön, heute habe ich Glück.

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Ich gönne mir ein großes Stück hausgemachten Erdbeerkuchen, dazu einen erstklassigen Milchkaffee. Den beiden Radfahrerinnen, die auch im Kirchencafé sitzen, erzähle ich von der Trockenlegung des Oderbruchs und dem wunderbaren Buch von Norman Ohler: „Die Gleichung des Lebens„. Vor meinem inneren Auge kommen gerade Leonhard Euler und der Oberdeichinspektor Simon Leonhard von Haerlem durch die Kirchenpforte. Aber nein, die beiden haben ja hier im Auftrag von Friedrich II. schon vor über 270 Jahren gezeigt, was sie konnten.

Fast eine Stunde bleibe ich im Kirchencafé Himmel und Erde. Ein Ort zum Wohlfühlen!

Dann rolle ich weiter entlang der Oder. In Küstrin steige ich heute noch nicht in die Bahn. Nächstes Ziel: Frankfurt. Die Oderauen zeigen sich in herrlichem Licht unter dem dynamischen Himmel mit im Norden vorbeiziehender Schauerfront. Heute bin ich dem Regen immer 10 Kilometer voraus.

Am Rande des Reitweiner Sporns füttere ich noch einmal meine Kohlenhydratspeicher mit einer Banane. Die Mohnfelder, auf die ich gehofft hatte, bekomme ich immer noch nicht vor die Augen. Entweder sind sie verblüht oder ich fahre immer ein paar Kilometer an ihnen vorbei. Die weißen Rinder und die Pferde am Hang von Lebus entschädigen mich für das entgangene Blütenrot.

Die Wüste Kunersdorf kann mich auch heute nicht locken. Ich spare meine Kräfte für die kleinen, aber fiesen Rampen auf dem Wege nach Frankfurt. Diese Stadt zeigt mir auf den Straßen hin zum Bahnhof ihr weniger attraktives Gesicht. Hochhäuser, vergammelte Häuserfronten,

Das ehemalige Lichtspieltheater der Jugend, die Frankfurter Tafel in einem Gebäude mit eingeworfenen Fenstern… Ich lese auf der Seite des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kultur, dass hier einmal das Brandenburgische Museum für moderne Kunst entstehen soll… Ein Architekturwettbewerb war auf europäischer Ebene schon 2020 ausgeschrieben. Die Fördermittel stehen bereit… berichtet stolz die Ministerin Manja Schüle. Nur kann ich an dem Gebäude beim besten Willen weder Hinweise auf die Zukunft, noch Umbauaktivitäten erkennen. Auch hier: zerborstene Fenster, Graffiti, Unrat…

Und hier der aktuelle Stand der Planung, zu lesen in der Süddeutschen Zeitung vom 16.Februar 2024:

Aha, nun weiß ich mehr und bin, wie sooft bei ähnlichen Bauvorhaben und Politikereigenlob reichlich desillusioniert.

Der Stadt Frankfurt/Oder und ihrer historischen Bedeutung samt Viadrina, Heinrich von Kleist, bis zu Henry Maske kann ich an diesem Spätnachmittag nicht mehr gerecht werden. Ich werde wiederkommen und die schönen Seiten suchen.

Ich beeile mich, den Bahnhof zu erreichen. Diese Stadt kann mich zumindest heute nicht zu weiteren Erkundungen locken. Der Zug fährt pünktlich, um 20 Uhr bin ich wieder daheim.

Schönes, Erhabenes, Hässliches, Erstaunliches… Alles habe ich an diesem Tag vor die Augen bekommen.

P.S Als ich am Folgetag mein Titan Granfondo vom Staub der Tour befreie, entdecke ich höchst Unliebsames: Die Kettenstrebe hat einen deutlich erkennbaren, fast umlaufenden Riss! >>> Darüber werde ich mich nach dem Verdauen des ersten Schrecks in Kürze detailliert auslassen.

Noch einmal 200 Kilometer Kultur und Natur

Ich will es heute wissen: Schaffe ich immer noch 200 Kilometer an einem Tag, ohne Plage, ohne Schmerzen, einfach so? Wie früher zig Male bei Brevets, wobei diese Distanz die kürzeste für die Randonneure ist. In meiner besten Zeit eine leichte Übung mit Start um 7 Uhr und dann im Ziel gegen 16 Uhr. Die richtig Schnellen saßen da schon zwei Stunden beim Bier. Schöne Zeiten damals, immer noch schöne Zeiten heute. Nur muss ich mich eben mit kürzeren Distanzen und weniger Tempo zufriedengeben.

Für diese Tour steige ich auf mein Carbon-Endurace. 11 Jahre und mehr als 30000 Kilometer begleitet mich das Canyon-Rad schon. Klaglos, zuverlässig, wendig, komfortabel und knapp 8 kg leicht. Um 7.30 Uhr starte ich bei blauem Himmel, 12 Grad und spürbarem Ostwind. Klar, dass ich den Kurs nach Nordwesten hin lege. Zum Einrollen dann über Hennigsdorf, Marwitz, Vehlefanz und Kremmen hinein ins Ruppiner Land.

Wo es gut sein könnte, da triffst du es vielleicht schlecht, und wo du das Kümmerlichste erwartest, überraschen dich Luxus und Behaglichkeit, Zustände von Armut und Verwahrlosung schieben sich in die Zustände modernen Kulturlebens ein“ ( aus dem Vorwort zu Theodor Fontanes „Die Grafschaft Ruppin“.)

Trifft auch heute noch zu, stelle ich fest.

In Neuruppin ziehen mich wieder einmal der Parzival am See, die über 700-jährige Wichmann-Linde und dann das Alte Gymnasium mitten in der Stadt an. Es ist gerade halb elf, 70 Kilometer von 200 liegen hinter mir. Nach Westen hin kurve ich hinüber nach Kränzlin und dann auf die Trasse des Prignitz-Express-Radweges. Großenteils ein wunderbar glatter Plattenweg, der kilometerlang geradeaus führt.

10 Kilometer südlich von Fretzdorf bleibe ich, entgegen den Radweghinweisen auf dem Plattenweg, der irgendwann zum Wald-und Schotterweg wird. Schließlich muss ich eine Schiebepassage einlegen, die aber erfreulicherweise nur etwa 200 Meter lang ist. Laufen ist gesund!

Fretzdorf, Christdorf, Karstedtshof… Kilometerlange Alleen bieten Schatten und herrliche Aussichten.

Schon seit Stunden halte ich Ausschau nach einem Café oder einer Bäckerei, wo ich meine Energiespeicher auffüllen könnte.

Das Gasthaus Zum Lindenhof in Katerbow ist verlassen. Die Eingangstür ist zugenagelt, und wo einmal die Speisekarte aushing, kümmert nur noch ein leerer Kasten an der Ziegelwand vor sich hin. Irgendwie traurig.

Jetzt ist es nicht mehr weit bis Heiligengrabe und dem historischen Nonnenkloster. Vor Jahren war ich schon einmal dort, hatte mir aber nicht die Zeit genommen, die Anlage richtig anzuschauen. Dieses Mal will ich das nachholen, zumal ich auch weiß, dass dort ein Klosterladen mit Café wartet. Gegen halb zwei biege ich in den Klosterhof mit seinen Schatten gebenden Linden, Eichen und Buchen ein.

Im Klosterladen bin ich der einzige Besucher. Bücher liegen aus, Wein und Öl gibt es zu kaufen. Eine Kuchentheke oder Ähnliches kann ich nicht entdecken. Aber die nette Dame, die den Laden betreut, bereitet mir einen köstlichen Kaffee und legt großzügig einen dicken Keks dazu. Vor der Tür schlürfe ich genüsslich und knabbere den Keks in kleinen Bissen. So bin ich eine Viertelstunde später gestärkt und zu einem Rundgang über das Klostergelände motiviert. Seit dem 13. Jahrhundert gibt es das Kloster der Zisterzienserinnen. Kriege, Pest, Brände hat die Gemeinschaft der Nonnen überstanden bis zum heutigen Tag. Eine erstaunliche Geschichte über Glauben, Zuversicht und Widerstandskraft. Auch heute atmet die gesamte Anlage pure Historie.

Ganze acht Stiftsfrauen plus Äbtissin zählt heute die Klostergemeinschaft. In der Klosteranlage werden Seminare zur Einkehr, zur Selbstfindung oder auch einfach zur Erholung angeboten. Ein Gästehaus und ein Hotel werden betrieben.

Eine halbe Stunde lang kurve ich kreuz und quer durch den Park und um die verschiedenen Gebäude, wohl wissend, dass ich nur eine kleine Ahnung von dem bekommen habe, was hier drinnen steckt an alter und neuer Geschichte.

Mittendrin in der Prignitz bin ich jetzt. Viel Wiese, Feld und Wald. Wenig Leute. Weite Blicke. Dann Pritzwalk, das ich durchquere, ohne davon etwas zu behalten. Allein die Nikolaikirche mit ihrem neugotischen Turm fällt mir ins Auge. Schon bin ich wieder auf dem Lande. Dann, im winzigen Örtchen namens Helle, zieht ein barockes Kirchlein meine Blicke auf sich. So außergewöhnlich die Bauform, der Kirchplatz, die einladenden Bänke. Eine davon mit zwei Fahrradrahmen an der Seite garniert. Da lehnt sich mein Endurace voller Genuss an.

Die jetzige Kirche wurde erst 1913 gebaut und im teils romanischen, teils barocken Stil errichtet. Die Kirche erweist sich als wahres Kleinod. Farben, Schnitzwerk, Bilder, Glasfenster, Empore, Orgel, überaus beeindruckend. In einem Ort, der gerade 39 Einwohner zählt. Übrigens ausgewiesen als Radwegekirche – am Wegverlauf der „Tour Brandenburg“, die ganze 1111 Kilometer ausweist. Es lohnt sich, hierher zu radeln!

Auf den nächsten Kilometern hin nach Karstädt kann ich wieder den Blick durch lange Alleen und über unendlich weite Felder schweifen lassen. Der Roman „Ein weites Feld“ von Günter Grass, den er ganz im Fontane-Stil geschrieben hat, passt genau in die Geschichte der Region. Ich muss mir diese 800 Seiten demnächst mal wieder antun.

In Karstädt finde ich endlich ein Bäckereicafé und stärke mich mit einem riesigen Milchkaffee, dazu vertilge ich ein genauso riesiges Stück Blechkuchen. Das sollte bis in den Abend als Kraftstoff reichen.

150 km bis Berlin, also ein Kilometerstein, kein Meilenstein

Garlin, Groß Pinnow, Groß Warnow, dann Grabow, ein Ort, der mir bisher nichts und gar nichts sagte. Jetzt bin ich unwiderruflich in Mecklenburg-Vorpommern angekommen. Hier kurve ich wieder um die Hausecken. Eine sehr schöne historische Substanz hat der Ort, und mittendrin:

Das Reuterhaus, Generationentreff, Zukunftswerkstatt und und… Das Gebäude passt so gar nicht in die alte historische Kulisse von Grabow mit den Fachwerkhäusern. Trotzdem oder gerade deswegen ist es ein absoluter Blickfang.

Nur noch wenige Kilometer bis zu meinem 200er Tagesziel. In Ludwigslust, das einen Bahnanschluss hat, um bequem zurückzukommen nach Berlin, habe ich mein Tagesziel erreicht. Es ist halb sieben, ab zum Bahnhof, schon sitze ich im RE 8, der mich zurückbringt nach Hause, besser: fast nach Hause, denn von Falkensee bis vor die Haustür darf ich noch 25 Kilometer drauflegen. Aber ich habe ja zwei Stunden Bahnfahrt, um mich zu erholen und neu zu motivieren. Auf den letzten Kilometern kommen noch meine Lupine Piko und die famose Rückleuchte von Lezyne zum Einsatz. Um kurz vor 22 Uhr schließe ich die Haustür auf und schiebe das Endurace in den Flur.

Gut 220 Kilometer waren das: reiner Genuss und keine Plage. Altes und Neues, viel Schönes und wenig Hässliches. Alles in guter Dosierung. Darauf ein großes Bier.

Birnen, Lady Agnes, Bernsteinzimmer und Wunderblut

Die Wettervorhersage für den 30. April verspricht einen warmen, fast wolkenlosen Tag mit spürbarem Ostwind. Beim Frühstück entsteht vor meinem inneren Auge eine Strecke hinein ins Havelland und dann an die Elbe. Ein kleiner Film mit den Bausteinen aus vergangenen Brevets, Ausfahrten mit Freunden und all den Touren, die ich mit dem alten Colnago, dem Basso, dem Endurace oder immer öfter mit meinem Granfondo gemacht habe. Heute flüstert mir einmal mehr das Titangerät ins Ohr, es sei doch wohl das ideale Gefährt für diese Tour. Zumal das angebaute, leichte Aeropack von Tailwind weiter erprobt werden will. Die Contis sind auf 6 Bar aufgepumpt, Kette und Ritzel gereinigt und sparsam geölt. Die Trinkflaschen sind mit Isogetränk gefüllt, und zwei Eiweißriegel stecken in der Fronttasche.

Los geht es nach Westen über Hennigsdorf und Nauen auf den Havelland-Radweg. Bei Bötzow ein kurzer Fotostopp am Meilenstein, den ich wieder einmal durch Anlehnen auf seine Standfestigkeit überprüfe.

Granfondo mit Tailfin-Aeropack am Meilenstein zwischen Hennigsdorf und Bötzow

Über Wansdorf und Pausin nach Paaren im Ländchen Glien, wo gerade die Brandenburgische Landwirtschaftsschau vorbereitet wird.

Ab Nauen rolle ich auf dem Havelland-Radweg durch duftende Rapsfelder hinüber nach Ribbeck, wo ich wieder einmal nach dem im Jahr 2000 gepflanzten Birnbaum schauen will. Geht es ihm gut? Hat er geblüht? Wird er Früchte tragen?

Seit dem vergangenen Jahr hat er wieder erkennbar an Höhe und Umfang zugelegt. Der Römischen Schmalzbirne scheint es zu gefallen am Standort des ursprünglichen, im Gedicht besungenen Segensbringers. Zur Erntezeit werde ich sicher wiederkommen und mir eine süße Frucht gönnen, so mir die Touristen welche übrig lassen. Das Schloss Ribbeck strahlt in der Frühlingssonne; im Park davor liegen die drei Havelnixen des Bildhauers Knuth Seim. Mein Granfondo will gar nicht mehr weg von hier.

Im Schloss werden mannigfaltige Ausstellungen gezeigt, der Park kann sich sehen lassen. Und Fontane würde sich sicher über den Stellenwert seines Gedichtes freuen. Wobei man dem Dichter sicher nicht gerecht wird, wenn man ihn auf die Birnbaum-Ballade reduziert. Zumal er von sich selbst sagt, dass Gedichteschreiben nicht zu seinen Stärken zählte. Der kleine Ort Ribbeck hat sich in den vergangenen Jahren zum wahren Kleinod entwickelt. Fast hätte ich mich von den in der Alten Schule angebotenen Kuchenköstlichkeiten zur Pause verführen lassen. Aber es ist gerade Mittag, da sollte ich noch ein paar Kilometer machen. Über Pessin und Senzke erreiche ich die Ortschaft Haage, wo ich mich von einem Wanderweghinweis nach Görne verführen lasse, mich über den tiefsandigen Waldweg nach Westen vorzuarbeiten. Zwanzig Minuten absteigen, aufsteigen, fluchen… Dann bin ich wieder auf festem, fahrbaren Grund. Als Belohnung für die Mühen beginnt in Görne ein wunderbarer Radweg, der nur abschnittsweise durch die typische „Platte“ unterbrochen ist. Aussichten, Weite, Havelland eben. Vom Feinsten!

Auf den 15 Kilometern hin nach Stölln begleite ich einen Mountainbiker, der die Strecke schon früh um fünf gefahren war. „MdRzAuz“ : so lautet die gängige Abkürzung auf STRAVA für: Mit dem Rad zur Arbeit und zurück. Er freut sich auf seinen Feierabend, ich genieße die kundige Begleitung. Nahe Stölln, vor dem Gollenberg, wächst die Lady Agnes beim Näherkommen immer höher aus den Wiesen zum vollen Format. Sie steht am wahrscheinlich ältesten Flugplatz der Welt, wo Otto Lilienthal schon 1893 die ersten Flugversuche mit seinen Gleitern machte. Drei Jahre später stürzte er aus 15 Metern Höhe, durch eine Windböe aus dem Gleichgewicht gebracht, zu Tode. Oben, auf dem Gollenberg erinnert ein Denkmal an den Urvater der Fliegerei. Am Rande des heutigen Segelflugplatzes steht zu Ehren und Erinnerung an den Flugpionier auch die IL 62 , ein Geschenk der DDR-Interflug an die Gemeinde Stölln. Flugkapitän Kallbach brachte den Jet am 23.Oktober 1989 spektakulär auf der 900-m-Graspiste auf den Boden und zum Stehen. Normalerweise braucht eine IL 62 zur ordentlichen Landung eine 2500 m lange Betonbahn.

Die „Lady Agnes“ ist nach Agnes Fischer, der Frau von Otto Lilienthal benannt.

Ich lasse die Lady hinter mir und fahre den Hügel zur Ortschaft Stölln hinunter. Hier steht als Blickfänger eine ausgemusterte Zlin Z 37 Cmelak ( Hummel), die ich schon so oft fotografiert habe. Bei Brevets, beim Zeitfahren Hamburg-Berlin, bei zahlreichen Touren mit Freunden.

Auf der Wiese vorm Museum nisten in symbolischer Weise für die Vorbilder der Lilienthal-Gleiter zwei Störche, die sich auch dieses Jahr das prominente Nest ausgesucht haben. Sie wissen offensichtlich um die Geschichte und ihre Bedeutung. Drinnen hängt unter der Decke ein ausgestopftes Exemplar mit ausgebreiteten Schwingen.

Die nächste Pause will ich in Havelberg machen und endlich einmal den riesigen Dom, der so klotzig und trutzig auf der Hangkante über der Havelaue thront, aus der Nähe betrachten. Er sieht mehr aus wie eine Festung als eine Kirche. St. Marien besitzt keinen echten Turm, dafür aber den riesigen 33 Meter hohen Westriegel, der aus Backstein und Grauwacke gebaut ist. Das Bauwerk stammt in seiner Urform aus dem 12. Jahrhundert und wurde mehrfach ergänzt und umgestaltet. Eine Schönheit ist er dadurch nicht geworden, imposant ist er allerdings. Etwa 40 Höhenmeter muss ich einen steilen Weg erklimmen, bis ich auf dem Domplatz stehe. Mit dem Kopf im Nacken mache ich ein paar Fotos und brauche mein Weitwinkelobjektiv, um das Bauwerk ganz aufs Bild zu bannen. In der ehemaligen Domschule, gegenüber der Kirche, residiert das italienische Restaurant La Cucina. Es sieht sehr einladend aus mit der herrlichen Terrasse und dem Blick über die Stadt. Weizenbier und Apfelstrudel munden köstlich und bringen verbrauchte Energie schnell wieder in meinen Körper.

„In der einstigen Propstei, direkt neben dem Dom, unterzeichneten Zar Peter I. und König Friedrich Wilhelm I. am 27. November 1716 die ‚Konvention von Havelberg‘ im Rahmen der antischwedischen Koalition. Gastgeschenke: as Bernsteinzimmer und die Staatsyacht gegen 200 ‚Lange Kerls‘ für den Soldatenkönig.“ Dieser Text auf der Tafel an der ehemaligen Propstei am Havelberger Krankenhaus erinnert seit vielen Jahren an den Besuch beider Monarchen“ ( Zitat aus der Seite des Havelberg-Heimatvereins).

Beim Lesen dieser Zeilen bekomme ich eine Ahnung davon, dass in diesem kleinen Ort vor 300 Jahren große Politik gemacht wurde. Heute würde man sagen, Friedrich Wilhelm I. und Zar Peter I. hatten einen Deal gemacht. In der Zeit des Aufenthalts in Havelberg haben die beiden Herrscher den Berichten nach Feste gefeiert, viel getrunken und gegessen und waren wohl kaum nüchtern beim Verhandeln. Irgendwann ist der Zar dann auf der ihm von Friedrich geschenkten Yacht, oder besser, dem luxuriösen Holzboot, wieder zurück gen Petersburg geschippert. Das legendäre Bernsteinzimmer wurde kurze Zeit darauf von Berlin zum Zarenpalast transportiert.

Und das alles geschah hier, in Havelberg, dem Städtchen mit heute gerade 6500 Einwohnern.

Nach der wohltuenden Rast mache ich mich auf den Weg nach Bad Wilsnack und seiner Wunderblutkirche. Über Quitzöbel, wo die Havel in die Elbe mündet, nähere ich mich von Süden her Bad Wilsnack. In den Jahren von 1382 bis 1552 pilgerten tausende Gläubige zu den „Bluthostien“, die in der Wunderblutkirche aufbewahrt wurden. Hier die Geschichte in kurzer Fassung aus Wikipedia:

Im August 1383 wurde der in der Prignitz gelegene Ort Wilsnack von Raubrittern gebrandschatzt. Auch die Kirche wurde stark beschädigt, und der Priester des Ortes fand drei mit Blut befleckte Hostien. Dies wurde als ein Wunder gedeutet und zog bald Tausende von Pilgern an, die auf Heilung von Krankheiten oder Straferlass hofften oder später auch zur Vollstreckung von testamentarischen Anordnungen kamen. Durch die Abgaben und Spenden der Pilger konnte in Wilsnack eine große Wallfahrtskirche St. Nikolai gebaut werden, und es wurde schließlich zu einem der fünf bedeutendsten Wallfahrtsorte Europas.

Friedrich II. von Brandenburg pilgerte zwischen 1440 und 1451 sechs Mal nach Wilsnack, wo es jährlich bis zu einhunderttausend Pilger aus ganz Europa gab. Schon Ende des 14. Jahrhunderts war die Gegend um Wilsnack, in der es kaum eintausend Einwohner gab, von Pilgern völlig überlaufen.

Die Reformation setzte der Wallfahrt ein Ende. Nach der Verbrennung der Wunderbluthostien durch den ersten protestantischen Pfarrer von Wilsnack im Jahre 1552 fiel Wilsnack in die Bedeutungslosigkeit zurück.

Neugierig auf die Kirche kurbele ich die letzten Kilometer und dann hinein ins „Stadtzentrum“, wobei der kleine Ort mit gerade 2500 Einwohnern die Stadtrechte seit dem Jahre 1513 besitzt. Der Baukörper von St. Nicolai ragt weit über die umgebenden Gebäude hinaus.

Auf dem mächtigen Renaissance-Giebel steht ein schmächtiges Glockentürmchen. Leider ist die „offene“ Kirche nur bis 16 Uhr geöffnet. Ich bin zu spät, um den Wunderblutschrein zu besichtigen, und ein Blick auf meine Bahn-App zeigt, dass der RE in Richtung Berlin in wenigen Minuten kommen soll. „Kleine Stadt, große Kirche, kurze Wege.“ Der Zug rollt ein, als ich am Bahnsteig ankomme. Fahrzeit nach Spandau 1 h 14 min. So bin ich schon um halb sieben wieder in Berlin und kann gemütlich die verbleibenden 18 km nach Hause radeln.

Das Granfondo ist zufrieden mit der heutigen Ausfahrt und hat sich an die Aeropack-Trägertasche gewöhnt. Nichts klappert, nichts steht über oder im Wege. Eine Tasche, die man beim Fahren überhaupt nicht merkt. Die nächste Tour wird dann über mehrere Tage gehen und dann mit mehr Gepäck. Schaun mer mal.

Bäume, Wasser und riesige Findlinge

Nach Nordosten, bis die Oder kommt. Das ist das Motto meiner Freitagstour. Über die Barnimwellen nach Heckelberg und Kruge. Dann den Feldweg hinüber nach Krummenpfahl. Mein Auge kann sich nicht sattsehen an der ergrünenden, erblühenden Natur. Bei zwei Eichen liegt ein mächtiger Findling, der mich zur ersten Pause animiert. Das Alter der Bäume schätze ich auf etwa 100 Jahre, der rundgeschliffene Granit hat am Ende der letzten Eiszeit vor 10000 Jahren hier seine Reise, die irgendwo in Skandinavien begann, beendet.

Von der schon kräftig strahlenden Sonne erwärmt, fühlt der Stein sich angenehm wohlig an. Die kupfergrüne Spitze der Gersdorfer Kirche lugt über den Feldhorizont. Nur ein paar Minuten weiter, in Dannenberg, grüße ich die Gerichtslinde. In ihrem 500-jährigen Leben von Blitzeinschlägen mehrfach malträtiert, steht sie immer noch trotzig da und treibt auch in diesem Frühjahr wieder frische Triebe.

Gerichtslinde in Dannenberg bei Freienwalde

Dann schwinge ich mich in den Wald hinunter nach Bad Freienwalde, vorbei an der Skisprungschanze, die mir immer wieder aufs Neue in dieser Gegend deplatziert vorkommt. Mit fast 50 km/h rausche ich hinunter in die Altstadt. Beim Bäcker im Norma-Supermarkt vertilge ich eine Riesenschnecke und schlürfe einen genauso riesigen Milchkaffee. Die Bedienung ist wie immer freundlich, und mein Granfondo habe ich direkt vor mir im Blick. Auf dem Titel der am Wandhaken feilgebotenen BILD lese ich, dass Fürst Albert „die Krise wegwinkt“. Was auch immer damit gemeint ist … Die Titelseite zu lesen reicht mir allemal.

Ich reiße mich von der Qualiätslektüre los und kurbele weiter nach Schiffmühle, vorbei am Fontanehaus, hinüber nach Altglietzen und Hohenwutzen. Die Äcker und Wiesen im Oderbruch ähneln nach dem nassen Winter immer noch einer Seenlandschaft.

Endlich bin ich auf dem Radweg am Ufer der Oder. Blauer Himmel, tiefblaues Wasser, überflutete Auen. Die Bäume haben nasse Füße. Zwei Schwäne ziehen würdevoll ihre Bahnen. Ich denke an Fontanes Zitat :

Der Reisende in der Mark muß sich … mit einer feineren Art von Natur- und Landschaftssinn ausgerüstet fühlen. Es gibt gröbliche Augen, die gleich einen Gletscher oder Meeressturm verlangen, um befriedigt zu sein. Diese mögen zu Hause bleiben“

Ich sauge die Natur einfach ein in meine Seele, das tut gut.

Vogelgezwitscher, weidende Rinder, blühende Sträucher. Da rollt es leicht und lustvoll. Allein bin ich auf weiter Flur. Keine Radler, nur ein paar Wanderer sind unterwegs. Eine Stunde später stehe ich an der Brücke bei Stolpe, staune wieder einmal über den „Grützpott“, der klotzig seit geschätzt 800 Jahren über der Hangkante thront.

Zeit für eine kleine Pause. Ich genieße einen Proteinriegel und bin froh, dass ich zwei Trinkflaschen dabei habe. Bei 16 milden Grad verlangt der Körper Flüssigkeit. Als ich nachschaue, wann die Züge von Schwedt, meinem geplanten Tagesziel, nach Berlin fahren, sehe ich erstaunt: „Schienenersatzverkehr“ bis Angermünde. Und Busse transportieren Fahrräder bekanntlich nur, wenn man Glück hat. Darauf will ich mich nicht verlassen und setze Kurs in Richtung Angermünde. In Alt-Galow quere ich die Alte Oder über die Brücke und arbeite mich die Rampe nach Schöneberg hoch. 50 hm können auch ganz schön in die Beine gehen. Über Felchow erreiche ich die Bundesstraße 2, die nach Angermünde führt. Leider viel befahren und auf den ersten Kilometern ohne Radweg. Bei Dobberzin biege ich nach Kerkow und dem Mündesee ab. Endlich wieder Ruhe. Der Weg wird sandig, dann rumpele ich über einen so typischen Plattenweg mit Kanten und Löchern. Ich bin auf dem Mündeseerundweg, der mich in großem Bogen erst nach Osten, dann nach Süden zur Stadt führt.

Am höchsten Punkt des Weges steht diese mächtige Findlingsplastik mit dem Namen „Leuchtturm“, gebaut vom niederländischen Bildhauer Ton Kalle. Von hier hat man einen herrlichen Blick auf den See und Angermünde. Eine gute mentale Entschädigung für die Rüttelfahrt auf dem Plattenweg. Mein Granfondo läuft wie immer perfekt und harmoniert sehr gut mit dem Aeropack von Tailfin. Nichts wackelt, nichts klackert. Mit gutem Grund haben sich so viele Ultradistanz-FahrerInnen für die Gepäckbrücke der Engländer entschieden. Für mich ist das die ultimative Tasche für lange und auch kurze Touren, denn sie wiegt knapp 1 kg, ist absolut wasserdicht, wirkt bei Regen wie ein Schutzblech, und sie ist bequem zu beladen und zu komprimieren. Heute wäre ich natürlich auch ohne Oberrohrtasche und die Tailfin ausgekommen. Aber so ein Test vor den nächsten Mehrtagestouren beruhigt enorm.

Ich verlasse den Leuchtturm und freue mich, dass der Plattenweg endet und ein asphaltierter Abschnitt folgt. Die Silhouette der Stadt Angermünde suggeriert eine viel größere Stadt als diese mit etwa 13.000 Einwohnern. Am Seeufer am Altstadtrand erwarten mich weitere Findlings-Kunstwerke. Monumental immer, manchmal brutal, andere filigran.

An einem Anlegesteg neben dem „Segel mit Durchsicht“ komme ich mit einem Radler in meinem Alter ins Gespräch, der sein Bike auch langstreckentauglich ausgerüstet hat. Er wohnt schon seit 20 Jahren hier und fühlt sich offensichtlich wohl. Der Bürgermeister gehört keiner Partei an und hat in den vergangenen 10 Jahren viel Kunst und Kultur hier etabliert. Ein guter Grund für mich, zu einer intensiven Stadtbesichtigung bald wiederzukommen. Der Zug nach Berlin fährt in knapp einer Stunde. So rolle ich noch gemütlich bis Chorin, steige dort in den RE3 und gönne mir noch die 26 km von Bernau aus bis nach Hause. Knapp 150 km sind es heute geworden.

Natur, Kultur, Menschen … was will ich mehr. Schön war es.

Berlin im Winterlicht – eine kleine Fototour

1. Februar, 10.00 Uhr. Aus dem Wolkengrau macht die Sonne Himmelblau. Das Thermometer zeigt vier Grad an, mein Cannondale Taurine ist froh, dass ich es aus dem Winterschlaf wecke. Ich habe Lust auf eine kleine Fototour mittenhinein in die große Stadt. Im Zickzack rolle ich mit der Sonne im Südosten als Wegweiser. Schnell bin ich in Afrika, genauer im Afrikanischen Viertel im Wedding, wo schon 1929 die Architekten Mebes, Emmerich und Bruno Taut die Friedrich-Ebert-Siedlung entwarfen und bauten: erschwinglicher Wohnraum, modern, zeitlos. Wohnungen mit 44 bis 62 qm Fläche und mit Zentralheizung, die über Balkon oder Loggia, dazu ein Bad verfügten. Innerhalb von nur zwei Jahren Bauzeit entstanden über 1400 Wohnungen. Auch heute, fast 100 Jahre später, wirkt die klare Formensprache modern und zeitgemäß.

Friedrich-Ebert-Siedlung im Wedding

Ich lese die Namen Ghana-, Togo- und Swakopmunder Straße. Volkspark Rehberge, Plötzensee mit seiner unrühmlichen Geschichte, dann bin auf dem Radweg am Spandauer Schifffahrtskanal, der über den Invalidenfriedhof zum Hamburger Bahnhof, dem Hauptbahnhof, an der Charité vorbei ins Regierungsviertel führt.

Ich rolle am Hauptbahnhof und dem herrlich spiegelnden City-Cube vorbei und bin wieder einmal fasziniert von der Architektur. Start-Stopp-Foto, Start-Stopp – nächstes Motiv und so weiter. Es ist immer wieder ein Erlebnis, hier hindurchzukurven. Das Winterlicht und der dynamische Wolkenhimmel beleuchten die Szenerie filmreif. Unter den Linden tauche ich ein ins alte Berlin mit Humboldtuniversität, Oper und Berliner Dom; Friedrich der Große sitzt, den Dreispitz auf dem Kopf, den Blick nach Osten gerichtet, auf seinem Lieblingspferd Conde. Die mächtige Bronzeplastik ist ein Meisterwerk von Christian Daniel Rauch, geschaffen 1839-51.

Hier, an der Museumsinsel, an der Schlossbrücke, am Humboldtforum, ist für mich Berlin am schönsten. Also kurve ich noch ausgiebig herum und lande vor der Baustelle des Einheitsdenkmals, genannt Einheitswippe. Allein: Es wippt noch nichts! Beschlossen vor 16 Jahren, Baubeginn vor drei Jahren… Und bis heute eine Baustelle! Blamabel! Peinlich! Einfach nur übel.

2,5 Mio € fordert die Baufirma nach, weil die Kosten gestiegen seien, und der Bund tut sich offenbar schwer, Mittel nachzuschießen. Jetzt ist also Pause, bis Geld und Material kommen.

Beeindruckt von so viel Schnelligkeit und Entschlusskraft setze ich mich wieder auf mein Taurine und schaue mir die Vorderseite des Stadtschlosses und das Replikat des altindischen Sanchi-Tores an. Demnächst werde ich mir dann das Museum für Asiatische Kunst im Humboldtforum gönnen. Heute lehne ich mein Taurine vorsichtig an den Sockel und suche die beste Fotoperspektive.

Wie klein doch der Fernsehturm ist, obwohl er mit einer Höhe von 368 Metern das höchste Bauwerk Deutschlands ist. Bei der Fertigstellung 1969 der ganze Stolz der DDR. Geradezu mitleidig wurde der nur 148 Meter messende Messeturm in Westberlin belächelt. Allerdings steht der schon seit dem Jahre 1926.

Ein paar Meter weiter begrüße ich die Herren Marx und Engels auf dem gleichnamigen Forumsplatz. Gegossen in „Dünnschichtbronze“, sitzen die Erfinder des Sozialismus seit April 1986. Geschaffen vom Bildhauer Ludwig Engelhardt. Das beliebte Fotomotiv haben die Berliner prompt „Sacco und Jacketti“ getauft.

Karl Marx und Friedrich Engels schauen nach Osten, hatten also schon bei der Einweihung ihres Gedenkmonuments dem ehemaligen Palast der Republik, auch „Palazzo Prozzo“ genannt, den Rücken gekehrt.

Im Blick haben die beiden zwei überaus unterschiedliche Kunstwerke: zum einen acht Stelen aus Edelstahl mit eingeätzten Fotos – auf einem Erich Honecker inmitten freundlicher DDR-Bürger. Andere zeigen Menschen von Arbeiteraufständen auf der ganzen Welt. Daneben die Bronzereliefs “ Die Würde und Schönheit freier Menschen“ der Mecklenburgischen Künstlerin Margret Middell.

Die Doppelstelen mit dem Sichtspalt bieten sich an für Fotos durch sie hindurch mit Blick auf den Fernsehturm.

Ich nehme ein paar Schlucke aus der Trinkflasche und wecke das Taurine wieder auf. Nächste Station: Potsdamer Platz. Ein Ort, den ich vor 25 Jahren bei der Eröffnungsfeier erlebt habe, an dem ich fast 10 Jahre meines beruflichen Lebens verbracht habe, oft bis in die Nacht hinein. „Der Daimler“ war der Hauptinvestor des „Neuen Potsdamer Platzes“. Und so zog der gesamte deutsche Mercedes-Vertrieb von Stuttgart nach Berlin. Nicht alle haben sich gefreut … Heute blicke ich zurück mit etwas Wehmut auf die Zeit im Richard-Rodgers-Gebäude mit dem markanten Eckturm.

Das Arkaden-Einkaufszentrum, das sich längs zwischen den Gebäuden erstreckt, war in den 2000er Jahren ein echter Publikumsmagnet. Aus meinem Büro konnte ich hinüberschauen zum Marlene-Dietrich-Platz vorm Musical-Theater und die Berlinale-Stars auf dem roten Teppich von oben betrachten. Der Daimler hat seinen Teil des Platzes schon 2016 an einen US-Investor verkauft und ist zum Ostbahnhof umgezogen.

Der Verkehrsturm steht seit 100 Jahren am Potsdamer Platz. Als erste Verkehrsregelanlage dieser Art in Deutschland. Der Vorläufer der heutigen Ampelanlagen.

Als ich wieder gen Westen, Richtung Philharmonie vom Platz rolle, grüße ich die herrliche Skulptur „The Boxers“ von Keith Haring, die hier seit 1987 steht und immer noch leuchtet und wirkt. Bald ist wieder Berlinale, und der Platz wird sich wieder wie neu anfühlen.

Als ich den Westhafenkanal nach Norden quere, lese ich auf dem Geländer den für mich passenden Spruch des Tages: „Some souls feel each other, even miles apart“

Weiter geht es durch Schrebergartenkolonien hin zum Ex-Flughafen Berlin-Tegel

In Tegel habe ich schon oft die riesigen „Mural Art“- Hochhausmalereien fotografiert. Heute gefällt mir dieses Kunstwerk des Künstler-Teams London Police am besten: Es verströmt spontan gute Laune und bringt mich frohgemut wieder nach Hause.

Rollen, schauen, staunen, Neues entdecken, Schönes und Schauerliches sehen, zurückblicken, und dann wieder nach vorn. Dort ist die Zukunft!

Ganz langsam durch die Barnimdörfer

Kann ich es noch? Geht es noch? Ja, das Radfahren meine ich. Seit dem 6. November bin ich mehr Kilometer gewandert als pedaliert, 180 km per pedes. Und meine Räder standen traurig im Keller. Als der Wetterbericht für den 18. Dezember weder Schnee noch Regen vorhersagt, hole ich mein Cannondale Taurine aus dem Gartenhaus und bringe erst einmal die 33er Crossreifen von schlappen zwei Bar wieder auf komfortable 3,5 Bar. Dann klemme ich die alte Sigma-Frontleuchte an den Lenker, und an die Sattelstütze klemme ich die helle Lezyne pro.

Um 11 Uhr rolle ich los, eingepackt in lange Hose, Winterjacke und hohe Winterschuhe. Dann noch den Merinobuff und die bewährten Röckl-Handschuhe. So war ich schon oft bei Minusgraden unterwegs. Schaun mer mal, ob es noch läuft.

Schönfließ, Schönerlinde, Schönwalde, Schönow … Warum beginnen diese Orte mit der Bezeichnung „schön“, sinniere ich bei den ersten Kilometern ostwärts. Die ehemaligen Kolonistendörfer haben eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Fleißige Tuchmacher, die die Preußische Armee mit Uniformstoffen belieferten, sorgten für Wohlstand und Ansehen. Die schönsten Häuser stammen noch aus der Zeit Friedrichs des Großen, der die Gründungsurkunde des Dorfes im Jahr 1753 unterschrieb. Sie haben die wilden Zeiten der Kriege überdauert.

In Schönerlinde passiere ich das riesige Klärwerk, das die Hobrechtschen Rieselfelder überflüssig machte und neuerdings sogar den Strom für die Anlagen aus einem Bockheizkraftwerk, das aus den Abwässern nachhaltige Energie erzeugt.

Auf dem Wege von der Siedlung Waldfrieden nach Bernau steht seit mindestens 10 Jahren dieses gleichsam seltsame wie überflüssige Warnschild:

Weder Radfahrer noch Fußgänger würden auf die Idee kommen, vom Wege abzubiegen, sich durchs Unterholz zu arbeiten und die „fehlende Brücke“ zu suchen.

In Bernau, dessen Altstadt von einer gut erhaltenen mittelalterlichen Mauer umgeben ist, sind die Vorbereitungen für einen Weihnachtsmarkt in vollem Gange. Viel Zeit bleibt auch nicht mehr! Dann verlasse ich das hübsche Städtchen nach Norden und kurbele über Danewitz nach Biesenthal. Hier werfe ich einen Blick in das Schaufenster von HNF-Nicolai, einem Fahrradhersteller, der eine sehr dynamische Geschichte hat. Michael Hecken, der in der Wehrmühle wohnt und seine Ideen produziert, hat sein Unternehmen neu aufgestellt: Hero Cycles aus Indien ist seit zwei Jahren sein Partner und soll mit Kapital und Marketing-Know-how den nächsten Schritt der Entwicklung zum großen Hersteller ermöglichen. Ich bin gespannt. Der kleine Laden mit einem sehr bescheidenen Auftritt und wenigen ausgestellten E-Bikes, ist jedenfalls noch kein Vorzeigeobjekt.

HNF-Schaufenster in Biesenthal

Biesenthal ist mittlerweile sehr ansehnlich geworden. Das Café Auszeit hat mich schon einige Male gelockt, war aber nie geöffnet, wenn ich vorbeikam. Und ein klein wenig fies ist es schon von mir, wenn ich jetzt ausgerechnet eins der wenigen noch nicht aus dem historischen Schlaf erweckten Gebäude zeige:

Nach Norden führt mich mein Weg weiter durch den Wald über die bucklige Landstraße hin nach Sophienstädt mit dem Gasthof Sophienquell, der über Jahre vor sich hin verfiel. Aktuell wird hier gewerkelt, improvisiert und verschlimmbessert. Ein kleines Transportunternehmen hat sich auf dem Grundstück niedergelassen. Die Inhaber haben ihrer Kreativität freien Lauf gelassen und allen Weihnachtsschmuck, der irgendwo übrig war, neu gruppiert, aufgehäuft, angebunden, mit Schleifen verziert und und und. Über Geschmack lässt sich bekanntlich NICHT streiten. Hier zur Illustration Elefanten mit Schleifen und ein Paketberg mit Geschenken hinterm Gartenzaun.

Auf den nächsten Kilometern erhole ich mich langsam von diesen wundersamen Eindrücken. Weiter rolle ich durch Ruhlsdorf und dann nach Zerpenschleuse, wo ich im Spätsommer noch ein leckeres Eis in der Eisschleuse genießen durfte. Unweit vom geschlossenen Café entdecke ich mein nächstes Fotoobjekt. Ein altes Siedlerhäuschen, das auf seine Restaurierung wartet:

In Zerpenschleuse biege ich nach Süden ab. Nächster Halt ist Wandlitz, wo ich beim Bäcker Franke einen großen Milchkaffee und ein Stück Apfelkuchen genieße. Während ich mich aufwärme und die Kalorienspeicher auffülle, lausche ich dem Gespräch zweier Männer, die gut vernehmlich einen qualitätsvollen Diskurs über Migranten und die sonstige politische Lage führen. Fast bin ich versucht, mich zu beteiligen. Aber nein, besser nicht. Lieber schaue ich mir die an der Wand steckenden BILD, BZ und MOZ an. Mit einem Blick bin ich wieder „up to date“.

Körperlich und geistig gestärkt, verlasse ich die gastliche Stätte und mache mich auf die letzten 20 Kilometer meiner Tour de Niederbarnim. Letzter Halt Schönfließ ( noch ein Ort mit Schön drin) und dem gastierenden Ostfriesland-Weihnachtszirkus. Dunkel ist es geworden, die Lichtgirlanden verstrahlen Weihnachtsstimmung.

Zu Hause angekommen lasse ich die 91 Tageskilometer Revue passieren. Heute habe ich sehr selektiv die weniger attraktiven Seiten dieser Gegend vor die Linse genommen. Wissend, dass hier in der Überzahl Schönes und Sehenswertes zu entdecken ist.

Wie sagte schon Antoine de St. Exupéry im Kleinen Prinz: „Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

Das Gute liegt so nah

Willst du immer weiter schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah. Lerne nur das Glück ergreifen, Denn das Glück ist immer da.“

In seinem Vierzeiler „Erinnerung“ schreibt Goethe genau das, was ich bei meiner kleinen Wanderung heute empfinde. Nur wenige Schritte sind Kindelwald und Kindelfließ entfernt. So kann ich in wenigen Minuten den Duft des Waldes erreichen, das bunte Herbstlaub bewundern.

Die Spitzahorne haben ihre Blätter abgeworfen, in herrlichen Gelb- Braun- und Rottönen lachen sie mich an. Das Kindelfließ ist dicht bedeckt mit grünen Wasserlinsen, auch Entengrütze genannt. Eine ideale Projektionsfläche für die Schatten der Erlen auf der südlichen Seite des Wasserlaufs.

Das Kindelfließ trennt den Kindelwald vom Moorgebiet um den Kindelsee. Hier tummeln sich Kröten, Lurche, Biber, Enten und können nicht von aufdringlichen Menschen gestört werden. Keine Brücke führt über das Fließ.

Die Nacht vom 21. auf den 22. November war frostig, im Schatten hält sich eine feine Eisschicht, die Wasserlinsen glitzern im Sonnenlicht.

Licht, Farben und die Düfte des Waldes und der Wiese – ich laufe langsam, atme tief und genieße. Über einen kleinen Damm quere ich das Kindelfließ hin nach Süden. Der Weg führt durch einen kleinen Ahornwald, an dessen Wiesenrand eine riesige alte Stieleiche wacht. Sicher mit einem Umfang von fünf bis sechs Metern, sie steht also mindestens seit 300 Jahren hier. Der Stamm ist zerfurcht und knorrig und dient einem kleinen Waldwichtel-Zwerg als Behausung. Vor Jahren hat ihn ein Baum- und Märchenfreund hier hineingesetzt. Viele Male habe ich ihn schon besucht und war erstaunt, ihn immer noch unversehrt zu erleben. Neuerdings ist vor ihm eine „Taufurkunde“ mit zwei stabilen Bügeln befestigt.

Waldwichtel samt Taufurkunde

Mein Weg führt mich hinüber nach Schildow und zum Tegeler Fließ mit dem Köppchensee und den Niedermoorwiesen bei Lübars.

Der Köppchensee blickt auf eine wechselvolle Geschichte zurück: Enstanden durch Torfabbau, wurde er danach teilweise als Müllkippe genutzt. Bis zum Bau der Berliner Mauer. Die nächsten 40 Jahre gaben dem Gebiet Zeit, sich in ein besonderes Biotop zu verwandeln. Heute kann man hier Reiher, Schwäne, Enten, Frösche und reichlich anderes Getier beobachten.

Schon bald erreiche ich Lübars, das älteste Dorf in den Berliner Stadtgrenzen. Ja, Lübars gehört zur Großstadt Berlin. Kaum zu glauben, denn Alt-Lübars hat so gar nichts mit Berlin gemein. Den historischen Ortskern ziert die schlichte Kirche mit dem mächtigen Maulbeerbaum neben dem Seiteneingang, gepflanzt in der Zeit des Alten Fritz um 1780. Einstöckige Häuser mit Stuckfassaden aus dem 19. Jahrhundert, daneben Reiterhöfe in Reihe. Lübars ist heute ein Reiterdorf.

An den Pferdekoppeln vorbei wandere ich nach Westen, vor mir schon im Blick die „Skyline“ der Schwarzwald-Hochhaussiedlung im Ortsteil Waidmannslust. Architekten wie Hans Scharoun und Paul Kleihues haben die Riesenklötze entworfen.

Schon bin ich wieder am Tegeler Fließ, das hier den Verlauf der ehemaligen Grenze genau markiert. Lübars gehörte zu Westberlin, Glienicke-Nordbahn und Schildow lagen in der DDR. Heute führt ein Wandersteg durch die Eichwerder-Moorwiesen hinüber in den Speckgürtel der großen Stadt. Grün und ruhig gelegen.

1500 Meter sind es noch bis vor meine Haustür. Zuerst grüße ich noch die alte Stieleiche am Pirschgang, dann staune ich über eine ganze Kolonie von Feuerwanzen, die sich auf der Borke einer Linde sonnen.

Fast 14 Kilometer bin ich heute durch die Herbstnatur gelaufen. Ein Genuss für Körper und Seele!

https://www.strava.com/activities/10262218700/overview