Zwei Oldies unterwegs – Im Mai den Neckar hinunter, Teil 2

Der Schlummer war tief in Lauffen, der leckere Primitivo beim überaus freundlichen Italiener hat unsere Gedanken vom sanierungsbedürftigen Lauffener Städtle nach vorn gelenkt auf unsere nächste Etappe. Der Blick aus dem Fenster zeigt um 8 Uhr 18 einen mächtigen Lastenkahn, der Mühe hat, auf dem Lauffener Neckarkanal die enge Kurve zu bekommen.

Wir genießen das Frühstück und sind um 9 Uhr startbereit.

Alle Taschen und der Tailfin-Aeropack wollen jetzt schnell ans Topstone montiert werden.

Die ersten 1o Kilometer in Richtung Heilbronn führen hinauf in die Weinhänge. Ein Weinberg ist auch ein Berg, bemerkt Peter schwitzend. Und nach dem Hinaufkurbeln folgt bekanntlich immer eine schöne Abfahrt. Und der Peter traut sich jetzt auch, die Bremsen mal offen zu lassen.

Weinreben, so weit das Auge reicht. Am Horizont die Kraftwerke von Heilbronn.

Aktuell werden hier noch 4000 t Steinkohle TÄGLICH angeliefert. Der höchste Kamin misst 250 m. Aber die Tage des Kohlekraftwerks sind gezählt. Neben dem alten Block entsteht ein Gaskraftwerk, das mit Flüssiggas gefüttert werden soll.

Links Gewerbebetriebe und Baumärkte, rechts der Neckar und dominierend Industriebauten. Nur noch ein paar Meter bis Neckarsulm, der Heimatstadt von Audi. Die Werksanlagen erstrecken sich über Kilometer am Neckar entlang, wo wir auf einem Info-Panel lesen können, dass es hier schon im Jahre 1905 mit den Neckarsulmer Fahrrädern und Motorrädern angefangen hat.

Auf der Infotafel zur Audi-Historie pappt der Werbeaufkleber einer „Cannabis Business-School“ Wir schnuppern allerdings hier keine süßen Hanf-Düfte, sondern eher miefige Industrieluft.

Endlich rollen wir wieder in die Neckarauen ein. Grün, mit Blütenduft anstelle Industriegestank. Dann urplötzlich stehen wir auf einer Radautobahn, pardon, einem Radschnellweg! Und staunen! Fünf Meter breit, Mittelstreifen, Seitenstreifen… An Fußgänger wurde hier offensichtlich nicht gedacht!

Wer schrauben, pumpen, reparieren muss, hier stehen die Hilfsmittel dazu
Auf dem Radlerzähler sind wir heute Nr. 192 und 193

Wir fahren auf dem ersten Abschnitt eines gerade mit großem politischen Pomp eingeweihten Radschnellweges. Nach etwa einem Kilometer sind wir schon durch… War es das schon? Irgendwann sollen es 18 Kilometer Pendlerstrecke werden. Hoffentlich werden wir das noch erleben. Und hoffentlich dann mit notwendigen Verbesserungen. Denn wenn sich Fußgänger und die Kinder des nahgelegenen Spielplatzes auf die „Autobahn“ verirren, sind sie arg gefährdet.

Schon sind wir wieder auf dem ganz normalen Neckar-Radweg und blicken bewundernd hoch zur Bad Wimpfener Altstadt.

Bad Wimpfen

Wir bleiben ganz nah am Neckar. Gefühlt auf jedem Hügel thront eine mehr oder weniger erhaltene Burg. Hier zu sehen das Heim von Bernolph Frhr. v. Gemmingen-Guttenberg.

Burg Guttenberg

Nur eine Neckarschleife weiter zieht die Burg Hornberg unsere Blicke an.

Im Jahr 1517 kaufte Götz von Berlichingen, der Ritter mit der eisernen Hand, die Burg mit Steinbach und Haßmersheim für 6500 Gulden von Conz Schott von Schottenstein und lebte auf dieser, zusammen mit seiner Familie, bis zu seinem Tode 1562.

Berühmt ist der Satz, den Götz dem Anführer der überlegenen kaiserlichen Truppen zuruft: „Vor Ihro Kaiserliche Majestät hab ich, wie immer, schuldigen Respekt. Er aber, sag’s ihm, er kann mich im Arsch lecken. 

Geschichtsträchtig, aber im überaus negativen Sinne ist auch der hier zu sehende Eingang zum Stollen für den Gipsabbau in Neckarelz. In diesem Bereich sollten gegen Ende des Weltkriegs riesige unterirdische Produktionsanlagen für Flugmotoren entstehen. Die notwendigen Arbeitskräfte wurden von den Konzentrationslagern Natzweiler und Dachau hierhergebracht. Über 5000 KZ-Häftlinge , die schon entkräftet waren, wurden hier gequält. Die beiden Gruben „Friede und Ernst“ wurden umbenannt in „Goldfisch und Brasse“.

Heute wird in dieser Region wieder Gips abgebaut, über 300.000 t werden im größten Untertagebergbau Deutschlands pro Jahr gewonnen und auf Schiffe verladen.

In der nächsten Neckarschleife wartet schon das nächste „Denkmal“ auf uns: das am 11. Mai 2005 stillgelegte Kernkraftwerk Obrigheim. Vor 25 Jahren also. Der Abbau der Anlagen soll in diesem Jahr noch vollendet werden – wer´s glaubt?! Ein Foto der Kraftwerkanlagen spare ich mir.

Dann, in Neckargerach, locke ich Peter auf einen schmalen Weg, der zunächst direkt am Neckar entlangführt, ohne Steigung. Zunächst! Dann aber geht es rauf in den Wald, immer weiter, dann wird der Weg schlechter und schlechter. Das Garmin zeigt immer noch einen fahrbaren Weg, aber der führt vom Neckar weg, auf die Berghöhen hinauf. Schließlich halten wir an, trinken einen Schluck und beschließen den Rückzug. Peter hält sich mit Flüchen zu meinen Navigationskünsten sehr freundschaftlich zurück. „Er hätte es schließlich auch nicht besser gekonnt“, sagt er mir. Danke Peter!

Wir queren hinüber auf die andere Seite nach Neckargerach, wo der offizielle Neckarweg kilometerweit an der Bundesstraße entlangführt. Aber es rollt gut. Wieder staunen wir über eine Burg im Hang, das Schloss Zwingenberg.

Schloss Zwingenberg

Nur noch eine Neckarkurve, dann sind wir in Eberbach und fahren über die mit „Eberflaggen“ geschmückte Brücke in die Altstadt.

Auf der Suche nach einem Quartier kurven wir durch die Gassen, stärken uns mit Weizenbier, fotografieren die Kirche St. Johannes Nepomuk und tun uns schwer, eine Unterkunft zu finden. Peter ist schließlich erfolgreich und stößt auf das Gasthaus Zur Linde in Neckarwimmersbach. Also wieder hinüber auf die andere Neckarseite und rauf auf den Hügel. Hier werden wir freundlich empfangen, das Essen ist preiswert und lecker, und wir wundern uns über das Durchhaltevermögen der beiden Wirtsleute, die praktisch im Alleingang das Geschäft in Gang halten.

Feierabendwein auf dem Balkon des Gasthauses Zur Linde

Die Lüfte sind mild, unsere Laune ist gut, währenddessen hängt der Wirt die Hotelwäsche im Vorgarten auf die Leine: Selbst ist der Mann!

Am nächsten Morgen lacht die Sonne, der Wind bläst uns nicht mehr von Norden ins Gesicht: Radlerglück! Wir sind schließlich hier im Naturpark Neckartal-Odenwald. Noch nie haben wir solche Mengen von blühendem Bärlauch erlebt. Die Luft ist wahrhaft bärlauchgeschwängert.

Schließlich genehmigen wir unseren Rädern eine kurze Pause im Bärlauchbett.

Koga-Burner und Cannondale Topstone im Bärlauchbett

Die Düfte haften noch Stunden später an Sattel und Gepäck. In Ersheim hat der Neckar beschlossen, eine 180-Grad-Wende nach Süden zu machen. Am Ortseingang bewundern wir die kleine, aber höchst sehenswerte Kapelle aus dem 14. Jahrhundert, die mit einer Ölbergdarstellung an der Außenwand beeindruckt. Und drinnen staunen wir über sehr gut erhaltene Fresken und Deckenmalereien aus mittelalterlicher Zeit.

Ölbergdarstellung an der Ersinger Kapelle

Auf dem gegenüberliegenden Hang leuchten das Schloss Hirschhorn mit der darunter liegenden Kirche im Sonnenlicht.

Schloss und Kirche Hirschhorn

Für uns der schönste Abschnitt des Neckar-Radwegs.

Wir können uns kaum sattsehen an so viel geschichtsträchtigen Bauten, reißen uns aber irgendwann los und nehmen unser nächstes Ziel, Heidelberg, ins Visier.

Schon um die Mittagszeit erreichen wir die Karl-Theodor-Brücke, die zur Altstadt hinüberführt.

Wir sind keine Selfie-Fans, aber das hier muss einfach sein. Auf den nächsten Metern tauchen wir ein in das Touristengewimmel. Menschen aus dem ferneren Osten dominieren die Innenstadtachse.

200 Meter weiter nur, und wir stehen vor der Parfümerie Frosch, die schon im Jahre 1942 hier von Frau Frosch eröffnet wurde. Sie hat dann Anfang der 50er Jahre eine kleine Wohnung im Dachgeschoss an meine Schwiegereltern vermietet, mein Schwager kam hier zur Welt. So habe ich einen ganz besonderen Bezug zu diesem Haus, das immer noch genauso ausschau wie vor 70 Jahren.

Mit den 1000 Düften aus dem Laden in der Nase begeben wir uns auf die Suche nach einem Plätzchen, wo wir der Geschichte ein wenig nachhängen können und dazu ein Bier trinken.

Irgendwann reißen wir uns los, gehen über die Neckarbrücke zurück und nehmen Kurs auf die badische Bergstraße. Mannheim werden wir uns sparen und sofort nach Norden in Richtung Bensheim abbiegen.

In Weinheim wähnen wir uns kurz im nahen oder ferneren Osten. Eine Moschee steht mitten in einem Gewerbegebiet. Dann machen wir einfach stoisch Kilometer. Auch in Weinheim können wir kaum Weinreben entdecken. Die Bundesstraße 3 ist gesäumt von wenig attraktiven Gewerbeansiedlungen. Für uns Radler jedenfalls ist das eher langweilig hier. Und den Umweg hinein in die Hänge und Dörfer des Odenwaldes sparen wir uns. Wir sind schließlich auf unserer Schlussetappe. Sulzbach, Laudenbach, Hemsbach, schließlich Bensheim, wo wir auf die Suche nach einem Nachtquartier gehen. Gefühlt jeder dritte Laden ist hier ein Friseursalon. „Josefine, Friseur relax, Ästhetik Beauty, Haargold, Kajaks Hair, Hatice´s hairstyle … “ Aber wir suchen doch nur ein kleines Hotel. Dann wählen wir für unsere letzte Übernachtung das Parkhotel Krone. Schönes Zimmer, prächtige Fahrradgarage. Aber dann auch für uns Gäste kein Platz mehr auf der Restaurantterrasse. „Bin nur allein und kann nicht mehr Tische bedienen“, redet sich der unwillige junge Mann heraus. Wir sind stocksauer und gehen auf die Suche nach einer Alternative. Star Döner, Kebap Haus, Meat Heaven, Rhodos … Und im einzigen Biergarten, der gut aussieht, feiern junge Damen einen Junggesellinnenabschied. Alle Plätze sind besetzt. Langsam macht sich Frust bei uns breit. Die Erlösung finden wir dann im Angebot eines Lidl-Marktes, wo wir uns mit Bier, Wein, Würstchen und Chips eindecken. Für ein wahrhaft frugales Mahl auf dem Hotelzimmer. Wir lassen die Erlebnisse der Woche Revue passieren, schwelgen in unseren Eindrücken, sind zufrieden mit uns und der Welt. Der Schlummer ist gut und die letzten 28 Kilometer hin zum Darmstädter Bahnhof gelingen locker.

Auf geht es nach Darmstadt, Peter!

Letztes Highlight ist ein stolzer Reiher auf der Wiese. Dann stehen wir vorm Bahnhof.

Abfahrt für Peter 12.31 Uhr nach Aschaffenburg und Regensburg , für mich nach Frankfurt und dann nach Berlin um 12.30 Uhr.

Abschied, Schulterklopfen, drücken, herzen, verabschieden – bis zur nächsten Tour in alter Frische, bester Freund!

P.S: Einen kleinen Beitrag zu meiner bisher besten Bike-Package-Konfiguration werde ich in Kürze noch verfassen.

Zwei Oldies unterwegs am Main

Voriges Jahr war ich mit Peter an Kocher und Jagst unterwegs. Vier Tage lang kurvten wir an den Flüssen entlang und genossen abends leckeres Essen, Bier und Wein. Als wir uns in Aalen verabschiedeten, er nach Regensburg und ich nach Berlin zurückfuhren, hatten wir schon eine Tour für den Folgesommer im Kopf. Irgendwann im Frühjahr machte ich den Vorschlag, doch den Main abwärts zu erkunden. Nahrung für Körper und Geist. Auf den Spuren der fränkischen Bierbrauer und Winzer, der Historie von Dörfern und Städten.

Am 14. August radle ich zum S-Bahnhof in Berlin-Frohnau und bin gespannt, was die Deutsche Bahn heute für mich an Überraschungen bereit hält auf der Etappe nach Bamberg. 7 h 37 min. , fünf Umstiege. Ein Arbeitstag in der Bahn erwartet mich. Was soll ich sagen, es tritt ein, was selten eintritt: Die Züge fahren pünktlich! Mein Granfondo samt Gepäck bekommt immer einen ordentlichen Platz. So rolle ich gegen 17 Uhr gut gelaunt vom Bahnsteig des kleinen Ortes Küps und suche den Einstieg auf den Radweg an der Rodach entlang, Kurs Michelau, wo ich im Hotel Spitzenpfeil ein Zimmer gebucht habe. Redwitz, Zettlitz, Schwürbitz, dann nach 18 Kilometern endlich der Zielort. Ich überrede den Gastwirt an der Rezeption, dass ich mein Titanrad doch besser auf mein Zimmer mitnehme. Eine leichte Übung, denn ich muss nur um die nächste Hausecke mit eigenem Eingang. Duschen, umziehen und raus ins Getümmel. Besser gesagt, in den fast menschenleeren Ort. Nach einer halben Stunde Ortserkundung bin ich einigermaßen gefrustet. Kein offener Gasthof, kein Laden, einfach nüscht! Nur ein Korbflechtermuseum, ein Tattoostudio… 

Und dann doch die Erlösung: In einem Hinterhof sehe ich an langen Tischen Menschen reden, essen, trinken, lachen. Schon habe ich einen Platz gefunden und werde von einer netten, wild tätowierten Dame nach meinen Essenswünschen gefragt. 20 Minuten später duftet vor mir ein Bolognaiseschnitzel mit Pommes, dazu ein Leikeimer Bier. Ein halber Liter für drei Euro. Das gibt es noch! Und wunderbar schmecken tut es auch. Satt und zufrieden liege ich um 23 Uhr im Bett. Die Hitze will nicht weichen, und abdunkeln lässt sich das Zimmer auch nicht. Irgendwann schlummere ich ein.

Der Wirt, der mir am Abend zuvor die Zimmerschlüssel überreicht hat, bereitet auch die Frühstückstafel. Viel geschlafen hat der fleißige Mann ganz sicher nicht. Personalnot oder Sparsamkeit. Oder vielleicht beides. Um 9 Uhr schiebe ich mein Granfondo auf den Hof und rolle gen Bamberg los. Gegen Mittag sollte Peter am Bahnhof eintreffen. Lichtenfels ist der erste Ort mit Fotomotiven. Wieder einmal Flechtwerk, aber auch moderne Kunst. Vor der Kirche, aus der am Tag von Mariä Himmelfahrt Chorgesang schallt, sind riesige Körbe aufgereiht. Dann stehe ich staunend vor einer Skulptur und dem „Archiv der Zukunft“ der Stadt Lichtenfels. 25 Tonnen Stahl sind zu einer „Weidenplastik“ verarbeitet, zur Darstellung des Baumes, aus dem die Körbe und Geflechte gewonnen wurden und werden.

Vierzehnheiligen, Staffelstein – ich kurbele an der fränkischen Historie vorbei. Am Radweg entdecke ich ein seltenes Bierflaschen-Schuhkunstwerk.

Flasche mit Schuh – Künstler unbekannt

Mein Zeitplan, Peter um die Mittagszeit am Bahnhof Bamberg in Empfang zu nehmen, beginnt zu wackeln, als ich versuche, die gesperrte Brücke in Scheßlitz zu umkurven. Wenige Hinweise auf den Verlauf des Mainradweges! Auch andere Radler sind suchend unterwegs. Ich mache einen Umweg von mindestens 10 Kilometern, bis ich wieder auf Kurs Bamberg bin. Sauerei! Am Ende aber überhaupt kein Problem, weil auch Peter nicht zur vereinbarten Zeit in Bamberg einrollen kann. Ich habe alle Zeit der Welt, um den Bahnhof und das Verpflegungsangebot kennenzulernen und zu testen. Gegen 13 Uhr rollt endlich der Zug aus Regensburg ein, und ich kann Peter in Empfang nehmen.

Peter ist im Nebenerwerb auch Reiseführer. So zeigt er mir als Startschmankerl erst einmal ein paar Sehenswürdigkeiten der historischen Stadt Bamberg. Ein leckeres Bier unter schattenspendenden Platanen schlürfen wir zur Vorbereitung auf unsere erste gemeinsame Etappe auf dem Mainradweg. Guter Start!

Das Granfondo vor dem Alten Rathaus in Bamberg

Reden, schauen, kurven … heute nachmittag werden wir keine Rekordetappe fahren! 40 Kilometer stehen ab Bamberg auf dem Zähler. Bei mir sind es von Michelau aus 85. In Zeil finden wir das Hotel Kolb, wo wir sehr freundlich empfangen werden. Peter und ich haben eine Menge zu bereden, schließlich haben wir uns seit über einem Jahr nicht gesehen. Gutes Essen, leckeres Bier, nette Wirtsleut … was will man mehr!

Marktplatz Zeil im Abendlicht

Es ist halb drei, als wir schließlich am Main entlang in Richtung Zeil rollen. Gemütliche, beschauliche 40 Kilometer werden es heute noch, bis wir im Hotel Kolb einchecken.

Am nächsten Morgen müssen wir unsere „Biobikes“ zunächst einmal hinter den davor geparkten, klotzschweren Elektrobikes hervorholen. Dann starten wir in einen herrlichen Blauhimmeltag. In Hassfurt folge ich den kombinierten Radweg-/ Flugplatzschildern. Irgendwie magisch zieht mich wieder, wie zu meiner Hobbypilotenzeit, eine Startbahn an. Es begrüßt uns ein Starfighter aus den 70ern, eine F 104 G. Ein Oldie, der hier als Blickfang auf dem Vorfeld steht. Die Luftwaffe hatte in der Zeit des Kalten Krieges insgesamt 916 F 104 beschafft und im Einsatz. In dieser Zeit machte sich der Mach-2-Jäger als Witwenmacher einen traurigen Namen. 300 von ihnen gingen durch Unfälle verloren, 269 davon stürzten ab, 108 Piloten kamen ums Leben. Eine unfassbare Serie in den Jahren von 1960 bis 1990.

Auf dem Flugplatz erwacht langsam der Betrieb. Eine Absetzmaschine startet mit Fallschirmspringern, die wir allerdings nicht beim Sprung zu sehen bekommen. Wir reißen uns schließlich los und kurven wieder auf den Radweg ein. Der Main macht bei Schweinfurt einen Bogen nach Süden. Die beiden mächtigen Kühltürme des stillgelegten Atomkraftwerks Grafenrheinfeld kommen in Sicht. Wir entdecken erste Sperrungen von Straßen, die hin zum Atommeiler führen. Auf den kleinen Rastplätzen stehen untypisch viele Autos. Fotostative werden in Stellung gebracht, Ferngläser ausgepackt. Was ist hier nur los, fragen wir uns und dann schließlich Google. Aha: Die Menschen warten gespannt auf die Sprengung der beiden Kühltürme, die für etwa 19 Uhr geplant ist. Wir haben gerade Mittagszeit, und wir wollen noch mindestens vier Stunden Strecke machen. Außerdem schauen wir lieber auf altes Fachwerk als auf zusammenstürzenden Beton.

In Volkach sind wir in Weinfranken angekommen, nur gut, dass es hier auch alkoholfreies Weizenbier gibt, ein wohlschmeckendes iostonisches Getränk. Bis Kitzingen sind es nur noch 20 Kilometer. Es wird Zeit, eine Bleibe für die Nacht zu suchen. Im „Richthofen-Circle“, einer Kombination aus Reiterhöfen, Hotel und einer Wohnanlage, bekommen wir im Hotel Cavallestro ein herrschaftliches Zimmer – in den Gebäuden der ehemaligen Kasernen, die der deutschen Wehrmacht und dann nach Kriegsende den Amerikanern mehr als sechs Jahrzehnte als Garnisonsstandort diente. Peter sinkt in einen ausladenden Sessel, in dem vielleicht schon mal die Offiziere Whiskey und Guinness getrunken haben.

Im Biergarten mit Burger-Restaurant werden wir bestens vom Portugiesen Thiago bedient und unterhalten. Wir sind heute die letzten Gäste.

Am nächsten Morgen starten wir auf unsere dritte Etappe. Bisher stehen 174 Kilometer auf der Uhr. Heute sollen knapp 100 Kilometer dazukommen. Der Mainradweg ist ja eher ein Genusstrack als eine sportliche Herausforderung. Bis Ochsenfurt strömt der Main nach Süden, um dann wieder nach Nordwesten, in Richtung Würzburg zu fließen. Vor dem Goldenen Rosshof des schönen Fachwerkstädtchens greift Peter spontan zum Hörer des dort stehenden Telekom-Rufturmes. Wahrhaft ein Zeichen der neuen, digitalen Zeit. Oder ist es doch nur ein Relikt der vergangenen Jahrzehnte?!

Nach einer Pause mit Kauzen-Weissbier, natürlich alkoholfrei, sind wir kaum richtig in Schwung, da werden wir schon wieder von Kultur- und Genussangeboten gebremst: In Würzburg müssen wir unbedingt einen „Brückenschoppen“ zu uns nehmen.

Peter meint, wir sollten uns erst einmal mit einem Frankenwein stärken. Die Vernunft sorgt dafür, dass wir uns mit einem Achtel begnügen. Dazu noch ein Glas Mineralwasser. Die Urlauber flanieren durch die Altstadt und machen in den Andenkenläden Umsatz. Wir setzen uns wieder auf die Räder und sind im Nu im Himmel, Pardon, in Himmelstadt.

Nach dem Würzburger Brückenschoppen brauchen wir ein paar Kilometer, um wieder ins Rollen zu kommen. Peter will unbedingt ein paar Seitenbacher Proteinriegel und ein Röhrchen ISO-Tabletten kaufen. Nur, hier einen DM-Laden zu finden ist nicht so leicht. Endlich, in Karlstadt, werden wir fündig und können uns versorgen. Es ist 16.30 Uhr, als wir wieder auf Kurs gehen. In Lohr habe ich das Hotel „Bike-Lodge Spessart“ gefunden. Vielversprechend! Aber noch mindestens 30 Kilometer bis dorthin. Bei Gemünden und Langenprozelten rücken die Berghänge immer näher heran an den Main. Die lieblichen Weinberge haben wir hinter uns gelassen. Und der Radweg ist von mäßiger Qualität, zumindest der auf der rechten Mainseite. Unsere Kommunikation wird immer spärlicher, Peter kommt langsam an seine Grenzen. Er hat allerdings auf seinem alten „Göpel“, wie er sein 26″-MTB aus den 90ern nennt, auch wesentlich mehr Tretarbeit zu leisten als ich auf meinem Titan-Granfondo. Also bin ich einfach mal ruhig. Fast 100 Kilometer haben wir geschafft, als die Holzhäuser der Bike-Lodge zu sehen sind, allerdings auf der anderen Mainseite. Also müssen wir noch bis Lohr treten, dann über die Brücke und zurück nach Steinbach. Peter hat schlechte Laune ob des Umweges.

Als wir auf dem Innenhof der Bike-Lodge ankommen, verfliegt die mäßige Laune schnell. Nette Menschen, eine wunderbar gestaltete Anlage im Holzbau. Leckeres Bier und das richtige Futter, um die Kohlenhydratspeicher wieder zu füllen. Christoph von Hutten und seine Frau Eli haben hier, ganz nahe dem Familiensitz Schloß Steinbach, die Bike Lodge Spessart aus dem Holz der eigenen Lärchenwälder gebaut. Respekt! Hier können sich Radler, Wanderer, Touristen wohlfühlen.

Am nächsten Morgen starten wir gut gelaunt auf Etappe Nr. 4 nach Wertheim und Miltenberg. Der Main macht jetzt wieder einen großen Bogen nach Süden. Es hat geregnet in der Nacht, und es soll auch tagsüber nass werden. Zumindest werden wir an diesem Tage auf unsere Sonnenschutzcreme verzichten können. Auf den Kilometern nach Wertheim über Marktheidenfeld und Triefenstein können wir allerlei Historisches, aber auch Skurriles entdecken.

Am Main aufgereihte Markt- und Imbissstände. Präsentationen des örtlichen Handwerks, alles in bunter Reihenfolge. Dann stehe ich vor vergammelten Garagen, davor ein vergammeltes Wohnmobil mir den Aufschriften und Lehrsprüchen einer alternativen Szene. Das hätte ich bis jetzt eher in Berlin-Neukölln verortet, weniger am beschaulichen Main.

Die Stadtoberen sind stolz auf ihre Unternehmen und Unternehmer. Den Titel „Stadt der Weltmarktführer“ dürfen sie auf offiziellen Schildern aber nicht verwenden. Ist auch etwas zwiespältig: Denn Wertheim hat zwar pro Einwohner gerechnet die meisten Weltmarktführer. Das ist aber dann im Vergleich zu Stuttgart, Berlin, München und Hamburg doch wieder wenig. Denn Wertheim zählt ganze 24000 Einwohner. Wie auch immer: Stolz sind sie hier im Ländle der Tüftler und Erfinder. Mögen ihnen auch zukünftig nie die Ideen ausgehen.

Wertheim

In Freudenberg erreicht uns endlich das von Wetteronline versprochene Regengebiet. Rechtzeitig können wir uns unter der Mainbrücke unterstellen und kommen mit einer Gruppe holländischer Radler ins Gespräch, die auf dem Weg nach Wien sind. Sie stecken uns mit ihrer guten Laune an. Eine halbe Stunde später lässt der Regen nach, wir ziehen unsere Regensachen über und kurbeln hinein ins Nass.

Endlich kühlendes Wasser von oben.

Eine Mainkurve noch, und schon rollen wir in Miltenberg ein, wo wir im Hotel Zipf freundlich empfangen werden. Unsere Räder dürfen wir in der Weinbar abstellen. Höchst sicher und komfortabel.

Wir ziehen uns um und machen eine erste kleine Stadtrunde. Hier ein paar Impressionen aus Miltenberg: Viel Historie, viel sorgfältige Restaurierung, Altes und Neues. Angestaubtes und Frisches. Tattoo-Studios neben einer Parfümerie mit 4711-Kölnischwasser. Alte und neue Hüte.

Im Gasthof essen wir erstklassig und genießen den Hauswein. Danach starten wir zur kleinen Erkundung der historischen Altstadt. Es lohnt sich!

Unser Frühstück können wir im Café gegenüber einnehmen.

Heute rollen wir auf unsere letzte gemeinsame Kurzetappe nach Aschaffenburg. Peter wird wieder in Regensburg gebraucht.

Wir wundern uns über diverse Radwegsperrungen – Einheimische sehen das so locker wie wir: Wir fahren einfach weiter. Ein kleiner Bagger baggert ein kleines Loch. Wir schieben 10 Meter, und schon ist wieder der Weg frei. Deutsche Vorschriften für Baustellen und Wegeführung können schon mal leicht irritierend sein.

In Aschaffenburg gibt es für Peter ein 29-Euro-Bayern-Ticket, mit dem er bis zum nächsten Morgen per Bahn durch den Freistaat fahren kann. Diverse Zugausfälle sorgen dafür, dass er das Ticket voll auskosten kann und dann erst spät sein Ziel erreicht. Was soll´s, sagt er, die Beleuchtung will ja auch mal getestet werden.

Ich darf noch einen Tag dranhängen und fahre von Aschaffenburg bis Hanau, dann per Bahn bis Marburg, wo ich im Haus Sonneck, das von Diakonissen geführt wird, ein kleines Zimmer bekomme. Mein Granfondo darf mit und findet eine Bleibe im Bad, wo ich dafür sorge, dass alles so sauber bleibt, wie ich es angetroffen habe.

Am nächsten Morgen gönne ich mir noch eine kleine Tour an der Ohm entlang bis zum Bahnhof Stadtallendorf und steige in die Bahn, die mich mit Umstiegen in Kassel und Dessau, nur einem Zugausfall mit Verspätung wieder nach Berlin bringt. Um 21 Uhr bin ich wieder zu Hause und resümiere die Maintour bei einem kühlen Glas Weißwein.

Schön war es. Schön, mit einem alten Freund zu radeln, gemeinsam zu schauen, zu erleben, zu reden. Danke, lieber Peter, es war mir ein Genuss.

P.S:. Die Hotels, in denen wir übernachtet haben, könnt ihr anklicken zur Info.

Eine Karte mit unserem Track habe ich nicht eingefügt, weil es sehr leicht ist, dem Mainradweg zu folgen. Unter dem Link gibt es umfangreiche Infos und GPS-Tracks zum Runterladen.

Für Genussradler ist der Main ein herrliches Ziel. Einfach MACHEN!

Noch einmal 200 Kilometer Kultur und Natur

Ich will es heute wissen: Schaffe ich immer noch 200 Kilometer an einem Tag, ohne Plage, ohne Schmerzen, einfach so? Wie früher zig Male bei Brevets, wobei diese Distanz die kürzeste für die Randonneure ist. In meiner besten Zeit eine leichte Übung mit Start um 7 Uhr und dann im Ziel gegen 16 Uhr. Die richtig Schnellen saßen da schon zwei Stunden beim Bier. Schöne Zeiten damals, immer noch schöne Zeiten heute. Nur muss ich mich eben mit kürzeren Distanzen und weniger Tempo zufriedengeben.

Für diese Tour steige ich auf mein Carbon-Endurace. 11 Jahre und mehr als 30000 Kilometer begleitet mich das Canyon-Rad schon. Klaglos, zuverlässig, wendig, komfortabel und knapp 8 kg leicht. Um 7.30 Uhr starte ich bei blauem Himmel, 12 Grad und spürbarem Ostwind. Klar, dass ich den Kurs nach Nordwesten hin lege. Zum Einrollen dann über Hennigsdorf, Marwitz, Vehlefanz und Kremmen hinein ins Ruppiner Land.

Wo es gut sein könnte, da triffst du es vielleicht schlecht, und wo du das Kümmerlichste erwartest, überraschen dich Luxus und Behaglichkeit, Zustände von Armut und Verwahrlosung schieben sich in die Zustände modernen Kulturlebens ein“ ( aus dem Vorwort zu Theodor Fontanes „Die Grafschaft Ruppin“.)

Trifft auch heute noch zu, stelle ich fest.

In Neuruppin ziehen mich wieder einmal der Parzival am See, die über 700-jährige Wichmann-Linde und dann das Alte Gymnasium mitten in der Stadt an. Es ist gerade halb elf, 70 Kilometer von 200 liegen hinter mir. Nach Westen hin kurve ich hinüber nach Kränzlin und dann auf die Trasse des Prignitz-Express-Radweges. Großenteils ein wunderbar glatter Plattenweg, der kilometerlang geradeaus führt.

10 Kilometer südlich von Fretzdorf bleibe ich, entgegen den Radweghinweisen auf dem Plattenweg, der irgendwann zum Wald-und Schotterweg wird. Schließlich muss ich eine Schiebepassage einlegen, die aber erfreulicherweise nur etwa 200 Meter lang ist. Laufen ist gesund!

Fretzdorf, Christdorf, Karstedtshof… Kilometerlange Alleen bieten Schatten und herrliche Aussichten.

Schon seit Stunden halte ich Ausschau nach einem Café oder einer Bäckerei, wo ich meine Energiespeicher auffüllen könnte.

Das Gasthaus Zum Lindenhof in Katerbow ist verlassen. Die Eingangstür ist zugenagelt, und wo einmal die Speisekarte aushing, kümmert nur noch ein leerer Kasten an der Ziegelwand vor sich hin. Irgendwie traurig.

Jetzt ist es nicht mehr weit bis Heiligengrabe und dem historischen Nonnenkloster. Vor Jahren war ich schon einmal dort, hatte mir aber nicht die Zeit genommen, die Anlage richtig anzuschauen. Dieses Mal will ich das nachholen, zumal ich auch weiß, dass dort ein Klosterladen mit Café wartet. Gegen halb zwei biege ich in den Klosterhof mit seinen Schatten gebenden Linden, Eichen und Buchen ein.

Im Klosterladen bin ich der einzige Besucher. Bücher liegen aus, Wein und Öl gibt es zu kaufen. Eine Kuchentheke oder Ähnliches kann ich nicht entdecken. Aber die nette Dame, die den Laden betreut, bereitet mir einen köstlichen Kaffee und legt großzügig einen dicken Keks dazu. Vor der Tür schlürfe ich genüsslich und knabbere den Keks in kleinen Bissen. So bin ich eine Viertelstunde später gestärkt und zu einem Rundgang über das Klostergelände motiviert. Seit dem 13. Jahrhundert gibt es das Kloster der Zisterzienserinnen. Kriege, Pest, Brände hat die Gemeinschaft der Nonnen überstanden bis zum heutigen Tag. Eine erstaunliche Geschichte über Glauben, Zuversicht und Widerstandskraft. Auch heute atmet die gesamte Anlage pure Historie.

Ganze acht Stiftsfrauen plus Äbtissin zählt heute die Klostergemeinschaft. In der Klosteranlage werden Seminare zur Einkehr, zur Selbstfindung oder auch einfach zur Erholung angeboten. Ein Gästehaus und ein Hotel werden betrieben.

Eine halbe Stunde lang kurve ich kreuz und quer durch den Park und um die verschiedenen Gebäude, wohl wissend, dass ich nur eine kleine Ahnung von dem bekommen habe, was hier drinnen steckt an alter und neuer Geschichte.

Mittendrin in der Prignitz bin ich jetzt. Viel Wiese, Feld und Wald. Wenig Leute. Weite Blicke. Dann Pritzwalk, das ich durchquere, ohne davon etwas zu behalten. Allein die Nikolaikirche mit ihrem neugotischen Turm fällt mir ins Auge. Schon bin ich wieder auf dem Lande. Dann, im winzigen Örtchen namens Helle, zieht ein barockes Kirchlein meine Blicke auf sich. So außergewöhnlich die Bauform, der Kirchplatz, die einladenden Bänke. Eine davon mit zwei Fahrradrahmen an der Seite garniert. Da lehnt sich mein Endurace voller Genuss an.

Die jetzige Kirche wurde erst 1913 gebaut und im teils romanischen, teils barocken Stil errichtet. Die Kirche erweist sich als wahres Kleinod. Farben, Schnitzwerk, Bilder, Glasfenster, Empore, Orgel, überaus beeindruckend. In einem Ort, der gerade 39 Einwohner zählt. Übrigens ausgewiesen als Radwegekirche – am Wegverlauf der „Tour Brandenburg“, die ganze 1111 Kilometer ausweist. Es lohnt sich, hierher zu radeln!

Auf den nächsten Kilometern hin nach Karstädt kann ich wieder den Blick durch lange Alleen und über unendlich weite Felder schweifen lassen. Der Roman „Ein weites Feld“ von Günter Grass, den er ganz im Fontane-Stil geschrieben hat, passt genau in die Geschichte der Region. Ich muss mir diese 800 Seiten demnächst mal wieder antun.

In Karstädt finde ich endlich ein Bäckereicafé und stärke mich mit einem riesigen Milchkaffee, dazu vertilge ich ein genauso riesiges Stück Blechkuchen. Das sollte bis in den Abend als Kraftstoff reichen.

150 km bis Berlin, also ein Kilometerstein, kein Meilenstein

Garlin, Groß Pinnow, Groß Warnow, dann Grabow, ein Ort, der mir bisher nichts und gar nichts sagte. Jetzt bin ich unwiderruflich in Mecklenburg-Vorpommern angekommen. Hier kurve ich wieder um die Hausecken. Eine sehr schöne historische Substanz hat der Ort, und mittendrin:

Das Reuterhaus, Generationentreff, Zukunftswerkstatt und und… Das Gebäude passt so gar nicht in die alte historische Kulisse von Grabow mit den Fachwerkhäusern. Trotzdem oder gerade deswegen ist es ein absoluter Blickfang.

Nur noch wenige Kilometer bis zu meinem 200er Tagesziel. In Ludwigslust, das einen Bahnanschluss hat, um bequem zurückzukommen nach Berlin, habe ich mein Tagesziel erreicht. Es ist halb sieben, ab zum Bahnhof, schon sitze ich im RE 8, der mich zurückbringt nach Hause, besser: fast nach Hause, denn von Falkensee bis vor die Haustür darf ich noch 25 Kilometer drauflegen. Aber ich habe ja zwei Stunden Bahnfahrt, um mich zu erholen und neu zu motivieren. Auf den letzten Kilometern kommen noch meine Lupine Piko und die famose Rückleuchte von Lezyne zum Einsatz. Um kurz vor 22 Uhr schließe ich die Haustür auf und schiebe das Endurace in den Flur.

Gut 220 Kilometer waren das: reiner Genuss und keine Plage. Altes und Neues, viel Schönes und wenig Hässliches. Alles in guter Dosierung. Darauf ein großes Bier.

Berlin: Ansichten – Aussichten – Besonderes und Absonderliches

Die Sonne lacht endlich wieder, Ostern steht vor der Tür. Nach meinem letzten Ausflug zum Lieblingsstorch in Kraatz verspüre ich Lust auf Stadtluft. Das Taurine ist für ein solches Unterfangen ein ideales Gefährt. Wendig, mit dicken Reifen, die locker Randsteine und bröckeliges Pflaster überrollen. Ein Mountainbike für die City, den Großstadtdschungel eben.

Einfach losrollen, immer der Nase nach, grobe Richtung sonnenwärts, nach Süden. So durchkurve ich das Märkische Viertel, das mittlerweile in bunten Farben leuchtet. Die Menschen scheinen gut gelaunt, kein einziger raunzt mich an, als ich lange auf den Gehwegen rolle. Total untypisch für Berlin, geradezu befremdlich. Aus der Architektur der 70er bewege ich mich hinein in die „Weiße Stadt“, einer Siedlung der klassischen Moderne, Unesco Welterbe und in den späten 20er Jahren entstanden. Irgendwie mutet die Architektur hier viel langlebiger und schöner an als die neuen Betonklötze der sogenannten Europacity auf dem Gelände des ehemaligen Lehrter Bahnhofs. Südwärts rolle ich hinein in das nächste Kulturerbe, die Schiller-Siedlung, auch Englisches Viertel genannt. Bristol- , Edinburger- und Dubliner Straße umrahmen den riesigen Schillerpark, den ich mir genauer anschauen will. Eine Parkanlage mit einer Fläche von 29 ha. Und das mitten in einer Großstadt! Mehr als 29 Fußballfelder groß.

Friedrich Schiller und seine vier Musen ziehen mich in den Park hinein.

Schillerdenkmal im Schillerpark

Irgendwie kommt mir die Skulptur bekannt vor. Beim Sinnieren sehe ich den marmornen Schiller auf dem Gendarmenmarkt vor dem Konzerthaus vorm geistigen Auge. Es trügt mich nicht. Hier handelt es sich um einen bronzenen Abguss der Originalstatue. In der Parkanlage, die nach Plänen des Magdeburger Architekten Friedrich Bauer in den Jahren 1909 – 1913 entstand, war Schiller zunächst nur als namensgebender Geist vorhanden, erst im Jahre 1942, also mitten im Zweiten Weltkrieg, wurde die riesige Bronzestatue hier aufgestellt. Das Gussmaterial stammt, wie ich nachlesen konnte, aus dem eingeschmolzenen Rathenaubrunnen. Im Jahr 1934, nachdem Walter Rathenau und sein jüdischer Vater Emil, AEG-Begründer, im Dritten Reich in Ungnade gefallen war, ließ man das moderne Bronzedenkmal im Volkspark Rehberge abreißen und kurzerhand einschmelzen. Hier die Geschichte dazu: https://weddingweiser.de/kuriose-geschichte-dreier-denkmaeler/

Die Story dazu würde allein locker für einen langen Beitrag ausreichen, nur treibt es mich an diesem Frühlings-Sonnentag weiter. Zunächst auf die andere Parkseite, von wo ich die gesamte Anlage samt „Bastion“ übersehen kann. Reichlich Platz zum Laufen, Spielen, Liegen… Getreu dem Motto des Architekten Bauer bei der Ausschreibung: „Freude schöner Götterfunken – zur körperlichen wie seelischen Erholung der Großstadtmenschen. Sport bei frischer Luft und im Licht der Sonne“.

Ich fahre weiter auf der Edinburger Straße und schaue leicht verwundert auf die leerstehenden Ex-Läden des „Schiller-Centers“. Riesige Front, viel Glas und nichts drin! Seit 2021 gibt es im Objekt des Immobilien-Investors Aroundtown keinen einzigen Mieter mehr. Wie wäre es mal mit einem großzügigen Zuschuss zur Neubelebung aus der leeren Kasse der großen Stadt!? War nicht ernst gemeint, es schüttelt mich nur innerlich durch beim Anblick von dergleichen Investitionsruinen.

Auf den nächsten Kilometern in Richtung Stadtmitte rolle ich am Virchow-Klinikum vorbei und dann heran an den Spandauer Schifffahrtskanal. Auf dem Radweg lässt es sich entspannt fahren. Am Nordhafen, wo eine neue Fußgängerbrücke auf die Seite der noch neueren „Europacity“ führt, wechsle ich die Kanalseite. Nicht, weil es hier so schön ist, nein, weil ich heute mal richtig rein will in den neuen Beton.

Auf den dicken Betonklötzen lese ich: “ Wann werdet ihr merken, dass man Beton nicht essen kann?“

Als ich ein paar Meter weiter nach rechts abbiege auf einen Fußweg, wird mir die Bedeutung schlagartig deutlich.

Bedrückende Realität: Obdachlosenzelte und Behausungen neben neuen Bürobauten beim Hauptbahnhof und hinter der sogenannten neu entstehenden Europacity, wo noch reichlich Wohnungen zum Kauf angeboten werden. 100 Quadratmeter für 750000 Euro. Geradezu ein Schnäppchenpreis für Mittellose.

Die Gegensätze können größer kaum sein: Eine Ecke weiter biege ich auf den Innenbereich des Geschichtsparks für das ehemaligen Zellengefängnis Moabit ein. Hierhin „verirrt“ sich kaum je ein Tourist. Auch ich bin heute hier das erste Mal seit 25 Jahren Berlin. Seit fast zwei Jahren hausen hier Menschen ohne festen Wohnsitz, ohne Arbeit, die meisten kommen wohl aus Rumänien. Aus einem EU-Land! Ist das nun besonders liberal und tolerant seitens des Bezirkes Mitte oder wird einfach hilf- und konzeptlos weggeschaut? Et läuft doch – irgendwie…

Im Innenbereich des Geschichtsparks Moabit ist nichts von dem Elend ein paar Meter weiter zu sehen und zu hören. Überhaupt scheint sich kaum jemand in das Innengelände zu verlaufen. Es gibt auch leider kaum Schilder und Hinweise. Die Eingangstore sind optisch durch Wände abgedeckt und schlecht erkennbar. So laufen denn die Menschen hier einfach vorbei. Nicht wissend, dass hinter den alten Gefängnismauern schon als 17-Jähriger der Schuster Wilhelm Voigt, später bekannt als „Der Hauptmann von Köpenick“, hier drei Jahre Haft absaß. Die Schriftsteller Wolfgang Borchert und Ernst Busch waren hier als „Wehrkraftzersetzer“ in den letzten Kriegsjahren weggesperrt. Nur 35 von 306 registrierten Gefangenen überlebten die NS-Herrschaft.

„Von allem Leid, das diesen Bau erfüllt, ist unter Mauerwerk und Eisengittern ein Hauch lebendig, ein geheimes Zittern“ Dieses Zitat aus einem Gedicht von Albrecht Haushofer, einem Schriftsteller, der im April 1945 hier hingerichtet wurde, ist auf der ehemaligen Gefängnismauer in großen Lettern eindrücklich und nachdenklich stimmend zu lesen.

Ganz nah von hier pulst das Bahnhofsleben. Viele Menschen sind unterwegs – gerade in Berlin angekommen oder auf dem Weg in den Osterurlaub. Berlin wirkt südlich des Hauptbahnhofs modern, wach und attraktiv. Gegensätze. Berlin eben!

Das Cube-Bürohaus mit seinen abgeschrägten Glasflächen wetteifert mit den Laternenskulpturen auf der Moltkebrücke. Die gut gelaunten, flanierenden Menschen wissen nichts vom Elend der Obdachlosen hinterm Bahnhof. Mich bringen sie und der Anblick vom „neuen Berlin“ auf positive Gedanken. Reichstag und Kanzleramt strahlen im Sonnenlicht. Geradezu unschuldig.

Die Politiker und Entscheider sind ausgeflogen in Osterurlaub oder auf Dienstreise.

Weiter kurbele ich auf der Spur der Mauer, auf dem Mauerweg.

Mittendurch und dann nach Süden, Park Gleisdreieck: Wuselnde, Laufende, Spazierende, Spielende, Schauende, Trinkende … hier ist was los!

Neue Kunst, alte Kunst, Wandkunst, Skulpturen … reichlich Nahrung für alte und junge Augen und Köpfe. Man muss nur hinschauen. Friedrich der Große ließ für seine Generäle der Schlesischen Kriege Denkmäler errichten. Der Graf von Schwerin schwenkt seine Fahne dekorativ vor der Landesvertretung Thüringens am Zietenplatz. Die europäische, deutsche und die Thüringer Flagge flattern dekorativ im Gleichklang.

Auf den nächsten Kilometern in Richtung Südwest wird die Stadt ruhiger, fast beschaulich. An der Domäne Dahlem vorbei, zur Linken die Freie Universität, vor mir schon der Grunewald. Das Berlin der Vornehmen, der Wohlhabenden, der Alt- und der Neureichen. Dazwischen Botschaftsgebäude mit Polizeibewachung, neu gekaufter Protz und auch geerbter Wohlstand. Alles nebeneinander.

In der ehemaligen Villa Walther residiert jetzt die Botschaft des Kosovo. „Eklektizismus“ wird die Architekturrichtung genannt, bei der sich verschiedene Stile mischen, Hauptsache pompös und eindrucksvoll. Der Baurat, der sich mit der riesigen Villa finanziell in den Ruin stürzte, hat sich angeblich 1907 im Turmzimmer aus Kummer erhängt. So weit die Geschichte, auf die sicher reichlich andere in den Folgejahren folgten.

Alfred Kerr, der große Kritiker, hat über 20 Jahre in der Villenkolonie gelebt und manche der Abendgesellschaften beschrieben, an denen er teilgenommen hatte. Mit der ihm eigenen Boshaftigkeit hat er die Grunewalder charakterisiert: “Die Mehrzahl der Bewohner des Grunewaldes waren einfach schwere Kapitalisten. Gepflegte Bauern im Millionärskaff.”

Wer mehr über die Villenkolonie im Grunewald erfahren will, der lese hier nach: https://www.berlin.de/ba-charlottenburg-wilmersdorf/ueber-den-bezirk/geschichte/artikel.181129.php

Am Halensee mache ich einen Bogen nach Norden und halte zielsicher auf den Funkturm an der Messe und das ICC zu. „Internationales Congress Centrum“ – Welch ein Name, was für ein Koloss von Bauwerk. Im Jahr 1979 eingeweiht und 2014 geschlossen. Das war es! Im „zarten Gebäudealter“ von 35 Jahren in den Ruhestand geschickt, seitdem steht es nur noch da. Verwittert, vergammelt, kostet Unsummen pro Jahr nur für die Erhaltung von Lüftung, Strom-und Wasserleitungen und dafür, dass es nicht durch das Dach regnet. Bauherr und auch heute noch Eigentümer: die Stadt Berlin.

2019 schließlich unter Denkmalschutz gestellt und vor dem Abriss bewahrt. Stillstand, keine Sanierung der Asbestbelastung, kein Konzept für eine zukünftige Nutzung. EIN SKANDAL! Nur es kümmert kaum jemanden hier. Dit is Berlin!

Ich rolle an der Längsseite entlang, ganze 300 Meter Beton und Alu. Zukunftsarchitektur wurde das noch 1979 genannt. Ohne Zukunft! Als ich mein Taurine Carbon MTB am ICC vorbeischiebe, denke ich an die Zeit, als ich das Bauwerk vital erlebt habe, mit vielen Menschen drin, mit großen Veranstaltungen und 5000 Besuchern in einem Saal. Am 16. Februar durfte ich als Mitorganisator der Mercedes-SL-Markteinführung die begeisterten Teilnehmer erleben. Begeistert von der Architektur und begeistert vom neuen Roadster. Schön war das. Und dann noch einmal 22 Jahre später, im Juni 2001, spielte Mark Knopfler im zarten Alter von 51 virtuos und stimmungsvoll mit seiner Band. Ein starkes Erlebnis. Wieder 5000 Zuschauer. Dann, im Jahr 2014, war die Daimler-Hauptversammlung die letzte große Veranstaltung, bevor der Riese in den Dauerschlaf geschickt wurde – aus dem er bekanntlich bis heute nicht geweckt worden ist

Nachdenklich, auch zornig über die unfähigen Politiker und Entscheider, setze ich mich wieder auf mein Taurine und fahre gen Norden. Nächste Station: Ex-Flughafen Tegel. Ich erinnere mich an einen Urlaubsflug nach Irland im Jahre 2012, nach dem wir dann nur eine Woche später, nach dem geplanten Schnellumzug des Flughafenbetriebs zum Willy-Brandt-Flughafen, voller Neugier auf die neuen Prachtterminals landen sollten. Es kam aber bekanntlich anders. Lächerliche neun Jahre später ging der BER dann wirklich in Betrieb.

Auf meiner Rückfahrt heimwärts arbeite ich mich am Rand des alten Flughafens Tegel am Begrenzungszaun entlang. „Militärischer Sicherheitsbereich“ ist alle paar Meter zu lesen. Der Zaun wittert vor sich hin, auf dem weiten Feld bewegt sich nichts. Füchse, Wanderfalken und Bussarde sind die neuen Bewohner des Geländes.

Die Anflugbefeuerung wird von der tief stehenden Sonne zum Leuchten gebracht. Fast ist mir, als hörte ich eine Boeing 737 anfliegen. Eine Illusion! Ich lese später, dass auf dem Riesengelände bald die Urban Tech Republic entstehen soll mit 20000 Beschäftigten und 2500 Studierenden, daneben das Schumacher-Viertel mit Wohnungen für 5000 Menschen. Aber halt: Das Projekt ist noch in der Vorplanung. Und das dauert bekanntlich in Berlin gaaanz lange. So ist auch die Vorfreude länger, schmunzle ich in mich hinein.

Nach meiner 75-Kilometer-Runde durch die Stadt ist wieder einmal deutlich: Berlin ist einfach alles: besonders, absonderlich, schön, modern, altmodisch, bürokratenhaft langsam, Startup-ultraschnell, nie langweilig.

Immer für neue Entdeckungstouren gut.

Vom Randonneur zum Kultur-Randonneur

 Geschichten zu Kultur, Natur und den Menschen in Brandenburg und drumherum.  Immer aus der Perspektive des Radfahrers.  Sportliche Top-Leistungen  überlasse ich mehr und mehr den Kollegen und Freunden – mit über 70 gönne ich mir ein verträgliches  Tempo – dafür zücke ich öfter die Kamera und versuche, mehr und mehr hinter die Dinge zu schauen, die ich beim Fahren sehe. Auch zukünftig werde ich über Räder, Ausrüstung, geeignete Kleidung und auch Training schreiben. Nur die Prioritäten haben sich geändert. Die Info-Seiten zu Brevets und Beleuchtung habe ich herausgenommen. Zu diesen Themen gibt es mittlerweile reichlich gute und aktuelle Infos im Netz. 

Ich hoffe, Ihr habt auch nach  den veränderten Prioritäten Spaß beim Lesen und Kommentieren. Bleibt gesund und habt Freude beim Radfahren! randonneurdidier

Metropole Ruhr – kreuz und quer durch den Pott – Teil2

Das Frühstück im wundersamen Hotel City Max war mäßig, auch der „Prunksaal“ mit viel Gold und Nippes hat die labberigen Brötchen nicht knusprig gemacht. Mein Blick schweift nur einen Foto-Augenblick zurück:

In die Liste meiner Hotel-Empfehlungen werde ich die Herberge definitiv nicht aufnehmen. Zehn Minuten später rolle ich schon wieder auf der Erzbahntrasse gen Norden. Nochmal bei Holger vorbeischauen.

Die Erzbahnbude schlummert noch zu dieser Morgenstunde – ein E-Biker hat es sich gemütlich gemacht und zieht genüsslich an seiner Fluppe. Weiter führt der Weg über eine lange Pfeilerbrücke, über die einst die Erzbahnloren gezogen wurden. Das Fahren ist hier der reine Genuss. Keine Ampeln, viel Grün, immer interessante Aussichten. Bald habe ich den Rhein-Herne-Kanal erreicht mit der Marina Graf Bismarck, vom heimlichen Herrscher der Ruhr-Dienstleistungsbranche „Stölting Harbour“ getauft. Eindrucksvoll, die neuen Bauten. Eine Erfolgsgeschichte schreibt die Stölting-Gruppe mit über 14000 Mitarbeitern.

Wenige Meter weiter zieht ein Eiltanker an den riesigen Öltanks der Veba vorbei. Neue und alte Welt nah beieinander. Ich staune über die herrlichen, neuen Radwegbrücken, über die Kulturstätten, über die Kunst am Wegesrand.

Der Pott ist ergrünt! Die Bergwerkshalden sehen aus wie naturgewachsene Hügel. Weiter fahre ich nach Bottrop. Diesmal nicht, um Bodo Buschmann und seine Mercedes-Tuning-Schmiede zu besuchen, diesmal, 25 Jahre später, um den Tetraeder auf der Halde der Schachtanlage Prosper anzuschauen. Vor den Erfolg haben die Götter bekanntlich den Schweiß gesetzt. Der Weg hinauf auf das 110 m hohe Plateau ist steil, aber erfreulich kurz. Oben reckt sich der 50 m hohe Stahl-Tetraeder in den blauen Himmel. Auf einer Mondlandschaft aus Abraumgestein .

Ich laufe kreuz und quer, von der nördlichen auf die südliche Seite. Das Panorama ist traumhaft. Kraftwerkskamine und Fördertürme, Windräder, Wald- und Wiesenflächen, riesige Hallen von Logistikunternehmen. In der Ferne das Dach der Veltins-Arena. Gefühlt reicht der Blick über den gesamten Ruhrpott. Besser: Die Metropole Ruhr! Vom ehemaligen rauchenden, stinkenden rußenden Pott ist nicht mehr viel zu erkennen. Nach einer kurzen, rauschenden Abfahrt erreiche ich wieder die „Talsohle“ und rolle gen Bottrop, wo ich mir ein großes Eis gönne. Zum Abkühlen, zum Verarbeiten der Eindrücke. Auf dem Weg nach Westen quere ich den Kanal noch zweimal, dann stehe ich vor dem riesigen Gasometer in Oberhausen.

In dem mit 117 Metern Höhe größten Gasbehälter Europas wurden Gichtgas und Koksgas, Abfallprodukte aus Verhüttung und Kokerei, gespeichert. Heute, fast 100 Jahre später, ist drinnen die Ausstellung „Das zerbrechliche Paradies“ über die Schönheit der Erde zu bewundern. Nur kurz mache ich halt, mein Granfondo kann ich schlecht samt Gepäck dem Parkplatz stehen lassen. Es könnte schnell unerwünschte Beine bekommen.

Bei Duisburg Meiderich erreiche ich den Landschaftspark Duisburg, der sich selbst die schönste Großstadtoase Deutschlands nennt. Ich bin gespannt, ob das Übertreibung oder Realität ist. Wo man heute flanieren, Kunstwerke bewundern, Open air Kino und Festivals erleben kann, baute August Thyssen Anfang des 20. Jahrhunderts ein riesiges Hütten- und Stahlwerk. 80 Jahre später, am 4. April 1985 war die Zeit für die letzte Schicht gekommen. Nach der Kohlekrise in den 60er Jahren schlug die Stahlkrise in den späten 7oern zu. Wieder gingen Tausende von Arbeitsplätzen verloren, wieder wurde die Region von einem gewaltigen Infrastrukturwandel gebeutelt. Heute erinnern die Hallen, die Hochöfen, die rostigen Industrieruinen an die glorreiche Zeit. Schön, dass dies alles zu erleben ist. Geschichte der Industrie.

Eine Sunde lang kurve ich durch die Anlagen, durch die wieder erwachte Natur – an den Stahlgerüsten vorbei. Ich stelle mir vor, wie dies alles in vollem Betrieb ausgesehen hat, wie es gerochen haben mag, wie laut es hier war, wie staub- und rußgeschwängert die Luft hier war. Heute duftet es nach Blumen, nach frischem Gras, und nach einer vorzüglichen Currywurst, die ich mir am Imbissstand einverleibe. Übertreibung oder Realität – Die Behauptung mit der schönsten Großstadtoase? Ich jedenfalls bin schwer beeindruckt von der Inszenierung. Danke Duisburg!

Gegen 15.30 Uhr setze ich Kurs Nordost. Sterkrade, Halde Haniel, Kirchhellen. Jetzt bin ich wieder am landwirtschaftlichen Rand des Potts. Dort, wo Wiesen, Moore, Bauernhöfe das Bild der Landschaft prägen, mehr im Osten dann die Chemiebetriebe von Scholven und Marl-Hüls. Auf dem Flugplatz Dinslaken Schwarze Heide war ich Mitte der 70er einmal bei den Segelflugmeisterschaften dabei. Früheres Leben! Vergangenheit. Schöne Erinnerungen.

„Am Anfang war die Kohle“, lese ich in einem Artikel über die Historie des Ruhrgebietes. Und die Energie von Kohle und Koks sorgte für die notwendige Power zur Verhüttung von Eisenerz und dann auch zur Gewinnung von Phenol, Benzin, Zinkfarben und Düngemitteln. Die Kohle machte alle energieintensiven Prozesse möglich. Während ich über die Geschichte sinniere, mache ich Kilometer nordwärts. Ich erreiche Dorsten mit seiner kleinen. beschaulichen Innenstadt. Es ist fünf Uhr geworden, ich sollte mich langsam um eine Bleibe für die Nacht kümmern. In Dorsten lockt mich kein Angebot, aber in Hervest, ein paar Kilometer nördlich von Lippe und Weser-Datteln-Kanal, finde ich einen Hinweis auf ein „Deluxe-Hotel“ zum schmalen Preis von 55 €. Was mag das wohl sein? Nach einiger Herumkurverei – der Besitzer des Hotels war kürzlich in ein neues Haus umgezogen – entdecke ich den Schriftzug an einem schlichten Gebäude am Feldrand.

Der Empfang ist überaus herzlich, so als wenn mich der Wirt schon jahrelang kennen würde. Trotzdem nicht anbiedernd. Einfach nur sympathisch. Mein Granfondo kommt erst einmal einen Stellplatz im abschließbaren Hinterraum, dann beziehe ich mein Zimmer. Mit riesigem Kühlschrank, einem schönen Bad und einem breiten Bett. Blick auf die Wiese. Was will man mehr.

Eine Flasche Rosé, Gemüsefrikadellen, Kartoffelsalat und eine Packung Chips trösten mich über die Tatsache hinweg, dass es keine Verpflegung abends im Hotel gibt. Fernsehen, futtern, Wein trinken, einschlafen. Herrlich. Alles unter dem Dach vom netten Besitzer Yasemin.

Am nächsten Morgen bekomme ich das Frühstück persönlich von Yasemin serviert. Kaffee, Früchte, Käse, Müsli… was das Herz begehrt. Preis-Leistung-Herzlichkeit. Top!

So kann es gerne weitergehen. Nächste Etappe wieder quer durch in Richtung Bochum und Ruhruni. Aber davon mehr im nächsten Teil.