Körperschonend und komfortabel. Es soll keine Brevet-Fahrt werden, bei der man 600 oder gar 1000 Kilometer mehr oder weniger am Stück zurücklegt und sich dabei so richtig quält. Immer wieder befrage ich „wetteronline“ in den Tagen vor dem geplanten Start. Durchwachsen soll es werden in der Woche 43 des Jahres 2020. Fest steht, dass es eine Nordrunde mit Fischland-Darß und Rügen wird, und die erste Etappe soll mich nach Norden in Richtung Seenplatte führen. Corona treibt ihr Unwesen zwar auch im Norden, aber es gibt noch keine Hotspots, auch nicht annähernd. Und als Brandenburger darf ich auch noch in Pensionen und Hotels übernachten. Im Radkeller scharrt mein Titan-Granfondo schon unruhig mit den Pedalen. Die zwei Ortlieb-Gravel-Taschen schlucken Radklamotten und Zivilkleidung für die Abende. In der Oberrohrtasche verstaue ich meine Shakedry-Regenjacke und Neoprenfüßlinge – für alle Fälle. Drei dicke Schoko-Eiweißriegel stopfe ich noch hinein. An der Frontgabel habe ich meine neueste Errungenschaft, einen Ortlieb-Forkbag, befestigt. Hier finden Ersatzschläuche, CO2-Kartuschen und ein dickes ABUS-Schloss Platz. Elektronik, Kabel, Powerbank, iPhone, all das liegt vor Nässe geschützt in dem kleinen Frontbag von Topeak.
Am 20.10. rolle ich gegen neun Uhr nach einem ausgiebigen Frühstück los. Ein frischer Wind mit Stärke 3 bis 4 soll aus Südost blasen. Das passt trefflich für den Kurs hin zur Seenplatte und die schöne Stadt Waren am Müritzsee.

Zuerst geht es auf bekannten Pfaden an Oranienburg vorbei, dann am Voßkanal entlang, dann knicke ich ab nach Malz und nach Liebenberg. Der hilfreich schiebende Wind macht es leicht, in einen schönen Rhythmus ohne Anstrengung zu finden. Kleine Ortschaften, sanfte Landschaftswellen – kurz vor Gransee werden vor einer Hofeinfahrt dicke rote, gelbe und grüne Kürbisse feil geboten.
Gransee liegt verschlafen da. Wo sind die Menschen? Neben dem Ruppiner Tor führt der Weg durch das sogenannte Waldemartor, das nach der vom Kurfürsten verordneten Vermauerung des Haupttors angebaut werden musste. Hier die Geschichte dazu: https://de.wikipedia.org/wiki/Waldemartor
Von Gransee aus führt der Stechlinsee-Radweg auf der historischen Bahntrasse über 10 Kilometer herrlich ausgebaut bis nach Schulzendorf. Ein Gedenkstein und eine bunte Darstellung des Geschehens vom August des Jahres 1316 erinnern an die Schlacht bei Gransee zwischen den Brandenburgern und den Mecklenburgern.

In Schulzendorf, vor der ARCHE-Kinderranch, rollen auch Köpfe und fließt auch Blut, allerdings hier in einer aufwändigen Installation zu Halloween:
Rheinsberg ist die nächste historische Station am Radweg. Kronprinz Friedrich, der bis 1740 hier seine „glücklichste Zeit“ verbrachte, bis er dann die Nachfolge seines strengen Vaters antrat und nach Berlin umziehen musste, begrüßt die Besucher . Friedrich der Große, wie er genannt wird, sollte nie wieder die Stätte seiner unbeschwerten Jugendzeit besuchen.
Weiter rolle ich auf dem alten Bahndamm-Radweg, der durch herrliche Laubwälder führt. Eichen, Buchen, Linden – starke Bäume atmen CO2 ein und Sauerstoff aus. Waldbaden ist gesund für Körper und Seele.
Der Wald duftet herbstlich, nasses Moos, Pilze, Harzgeruch. Aber Waldbaden macht auch hungrig. So lege ich in Rheinsberg beim Bäcker Läge einen Stopp ein und stärke mich mit Milchkaffee und Apfelkuchen.

Die Bahnlinie, die ursprünglich bis Zempow führte, wurde übrigens nach 1945 im Rahmen von Reparationsleistungen abgebaut. Heute kann ich mich als Spätfolge über den glatten, hügelfreien Radweg freuen. Zempow, Sewekow, Karbow, bald bin ich am Meer. Nein, nicht an der Ostsee, aber am größten Binnensee des deutschen Landes, dem Müritzsee. In Röbel mache ich einen Erkundungsgang um die mächtige Backsteinkirche St. Marien, die auf einem kleinen Hügel thront.
Ein paar Meter weiter stehe ich an der Hafenmole vom Stadthafen Röbel. Am Müritzstrand liegt Kunst in Form von zwei Holzfiguren, die genießend auf das Wasser schauen.

Auf dem Weg nach Waren lasse ich mich auf den Müritz-Rundweg ein, der durch die Wälder, am Wasser entlang, Hügel rauf und runter, über Schotter und durch Sand führt. Aber schön ist er!

Aus dieser Perspektive ist das Ostufer des großen Sees nicht zu sehen. Nur die Bäume sind ab mittlerer Höhe zu ahnen. Die „Wölbungshöhe“ der Erdkrümmung macht auf über 10 Kilometern von Ufer zu Ufer ca. 3 Meter aus. Und da schaut meine Kamera nicht drüber, sondern folgerichtig nur auf und hauptsächlich in das Wasser. Noch ein paar Bögen, dann kommt das Schloss Klink in Sicht. Ich wähne mich an der Loire und nicht am Müritzsee.

Die sehr wohlhabende Familie Schnitzler ließ das Herrenhaus von den Architekten Grisebach und Dinklage im Stil der Neorenaissance entwerfen und innerhalb von weniger als drei Jahren errichten. Arthur Schnitzler konnte samt Familie im Jahre 1900 einziehen. Auch für eine große Familie reichlich Platz zum Wohnen und Sein. Zumal auch noch 1150 ha Land samt Dörfern der Umgebung zugekauft wurden. Protz und Prunk. Sogar ein Mausoleum im Stile eines antiken Tempels ließ die Familie aufwändig am Steilufer der Müritz bauen. Schließlich brauchte man auch für die Verblichenen und noch Verbleichenden eine adäquate Ruhestätte. Die ist allerdings 1976 im Auftrag der Gemeinde Klink vom Autobahnkombinat Rostock gesprengt worden. Ein Mausoleum sprengen?! Ich mag mir das gar nicht vorstellen.

Weiter führt der Weg am See entlang – zur Linken ein kleiner Park mit einer aufragenden Skulptur. Auf einem Sockel aus Stahlbeton wirbelt ein Athlet eine Frau und ein Kind durch die Lüfte. Wer hat das denn geschaffen, und wann? So intensiv ich auch google, ich finde partout nichts über dieses Kunstwerk.
Dann mache ich wieder einmal mit Kamerun Bekanntschaft, diesmal in Form eines Campingareals am See mit diesem Namen. Sogar eine Nationalflagge hat der Betreiber gehisst.


Afrika
Beim Einbiegen zum Strand hin fängt ein riesiger Schiffspropeller meine Aufmerksamkeit. Die hier ansässige Metallguss GmbH fertigt die größten Antriebsschrauben weltweit! Wer hätte das gedacht!

Waren kommt in Sicht. Ein schön anzuschauendes Städtchen mit historischem Flair. Eigentlich ganz untypisch für diese Region. Ansteigende Gassen, historische Häuser, einladende Gastlichkeit.
Am Yachthafen steht die Skulptur „Der verlorene Sohn“ von Stefan Voigtländer. Zur späten Nachmittagsstunde halte ich mich hier nicht lange auf, obwohl das Ambiente einladend ist. Zuerst kurve ich hinüber zum Tiefwarensee und dem gleichnamigen Hotel, in dem ich ein komfortables Zimmer beziehe. Duschen, frischmachen und dann wieder hinüber in die Altstadt. Es hat angefangen zu regnen. Alle Menschen, die ich vorher in den Gassen gesehen hatte, scheinen die wenigen „Corona-Plätze“ in den Restaurants reserviert zu haben. So bin ich froh, bei einem netten Italiener noch eine Pizza und ein Viertel Rotwein zu bekommen. Um 22 Uhr liege ich im Bett, schaue noch die Nachrichten und schlummere hinweg.
Bis Waren waren es 153 Kilometer. Morgen kommt Etappe 2 – hin zum Darß
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Die überaus freundliche Verkäuferin preist ihre Kuchen an, schließt eigens für uns das Café auf und bringt uns riesige Milchkaffee zu Schnecken und Streusel. So gestärkt peilen wir zielsicher den Magdeburger Dom an und finden uns 20 Minuten später in der Altstadt wieder.
Das Hundertwasser-Haus versprüht unkonventionellen Charme, Touristen werden über die Geschichte des Gebäudes aufgeklärt, wir hören zu und sind beeindruckt. Ein paar Meter weiter stehen wir vor dem riesigen Dom, dann staunen wir über die herrlich restaurierten Gebäude im Gründerstil, die südlich parallell zur Elbe die Altstadt schmücken. So schön hatten wir das nicht erwartet. Beim Verlassen der Stadt nach Südwesten ereilt uns wieder die graue Realität der Industriebauten, der Gewerbeansiedlungen mit Gebrauchtwagenhändlern und Tankstellen und …





So eindrucksvoll und vielfältig habe ich noch nirgendwo Fachwerkarchitektur erlebt. Die Menschen hier geben sich ganz offensichtlich große Mühe, diesen Schatz zu erhalten und wieder herzustellen. Respekt!







Dann bleiben die Füße zumindest warm. Peter hat es versäumt, seine Schutzbleche zu montieren, schließlich war kein Regen angesagt. Das hilft ihm allerdings herzlich wenig. Auf der Suche nach einem geeigneten Ersatz werden wir in einem Hinterhof fündig:
Peter bindet ein Fichtenbrett mit Kabelbindern auf dem Tubus-Gepäckträger fest, und fertig ist der perfekte Spritzwasserschutz.
Die köstlich scharfe Senfsuppe im Brodhaus sorgt für neue Motivation. Beim Start hinaus aus der Einbecker Altstadt lässt der Regen nach, und wir genießen die lauen Lüfte. Endlich rollen wir auf einem gut geteerten Radweg in Richtung Wesertal hinunter. Immer ganz geradeaus.
Holzminden mit einem rauchenden Fabrikschlot fest im Blick. Holzminden durchkurven wir ohne Aha-Erlebnisse. Irgendwie wirkt diese Stadt wie ein Ort ohne Anziehungskraft und Kultur. Vielleicht sehen wir auch einfach nicht richtig hin. Schließlich wollen wir nur rüber auf die Westseite der Weser und dann nach Corvey mit seiner Klosteranlage.
Beim Frühstück verwöhnt uns Rosi, die aus Brasilien stammt und „Mädchen für alles“ bei Kalle Krome ist.
Das Frühstück ist genauso genussreich wie kurzweilig. Das 



Kontrolle Nr. 2 ist „frei“, das bedeutet, wir müssen uns den Stempel irgendwo in diesem Ort holen. Gar nicht so leicht dieses Mal, denn die Durchgangsstraße ist auf ganzer Breite aufgerissen, die Geschäfte darben, und der Bäcker, den wir zum Stempeln heimsuchen, bietet die spärlichste Auswahl von Brot und Kuchen, die ich jemals gesehen habe.
Die beworbenen Kuchenbrötchen sehen erbärmlich aus – ich ziehe es vor, mein mitgebrachtes Käsebrötchen zu verspeisen.



Wir stehen wieder zur Weiterfahrt bereit, als uns abermals die Truppe um Ingo passiert. Entweder haben sie eine längere Pause gemacht oder einen Umweg durch den Park gefahren. 

Auf unserer Seite treffen Biker, Randonneure, Radtouristen und Autos reichlich ein. Eine richtige Schlange bildet sich am Anlegepunkt, so dass wir schon Bedenken haben, überhaupt beim nächsten Mal mit rüberzukommen.
Unsere „gute Zeit“ bis hierher ist weggeschmolzen und wir finden uns in der nächsten Gruppe um Klaus und Phelim wieder.
Gut, dann haben wir Gesellschaft auf der nächsten Etappe durch den Fläming nach Dobbrikow. In Coswig füllen wir beim Netto-Markt unsere Trinkflaschen auf – ich gönne mir eine Stange Knoppers als Kalorienreserve.
Andy und die Kollegen haben großen Hunger und schaufeln eifrig Reibekuchen mit Apfelkompott, Omelett und andere leckere Sachen in die gierigen Körper.
Letzter Stempel nach 22 Uhr, Durchschnitt in Bewegung knapp 26 km/h.
Für Altrandonneure 65Plus gar nicht so übel, wie Wolfgang und ich feststellen. Die nächsten zwei Stunden genießen wir leckere Pilsner, Lasagne und Salat und den Erfahrungsaustausch mit den Kollegen. Kurz nach Mitternacht starte ich auf die 15 km-Etappe nach Hause durch die immer noch sehr lebendige Stadt. Ich fahre mit Warnweste und zwei hellen Rückleuchten. Da ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass die manchmal gar nicht rücksichtsvollen Autofahrer Abstand halten.






