Rauf auf den Darß und rüber nach Rügen, Teil 1

Körperschonend und komfortabel. Es soll keine Brevet-Fahrt werden, bei der man 600 oder gar 1000 Kilometer mehr oder weniger am Stück zurücklegt und sich dabei so richtig quält. Immer wieder befrage ich „wetteronline“ in den Tagen vor dem geplanten Start. Durchwachsen soll es werden in der Woche 43 des Jahres 2020. Fest steht, dass es eine Nordrunde mit Fischland-Darß und Rügen wird, und die erste Etappe soll mich nach Norden in Richtung Seenplatte führen. Corona treibt ihr Unwesen zwar auch im Norden, aber es gibt noch keine Hotspots, auch nicht annähernd. Und als Brandenburger darf ich auch noch in Pensionen und Hotels übernachten. Im Radkeller scharrt mein Titan-Granfondo schon unruhig mit den Pedalen. Die zwei Ortlieb-Gravel-Taschen schlucken Radklamotten und Zivilkleidung für die Abende. In der Oberrohrtasche verstaue ich meine Shakedry-Regenjacke und Neoprenfüßlinge – für alle Fälle. Drei dicke Schoko-Eiweißriegel stopfe ich noch hinein. An der Frontgabel habe ich meine neueste Errungenschaft, einen Ortlieb-Forkbag, befestigt. Hier finden Ersatzschläuche, CO2-Kartuschen und ein dickes ABUS-Schloss Platz. Elektronik, Kabel, Powerbank, iPhone, all das liegt vor Nässe geschützt in dem kleinen Frontbag von Topeak.

Am 20.10. rolle ich gegen neun Uhr nach einem ausgiebigen Frühstück los. Ein frischer Wind mit Stärke 3 bis 4 soll aus Südost blasen. Das passt trefflich für den Kurs hin zur Seenplatte und die schöne Stadt Waren am Müritzsee.

Nein, es ist kein Raps! Senfsaat blüht hier bei Liebenberg.

Zuerst geht es auf bekannten Pfaden an Oranienburg vorbei, dann am Voßkanal entlang, dann knicke ich ab nach Malz und nach Liebenberg. Der hilfreich schiebende Wind macht es leicht, in einen schönen Rhythmus ohne Anstrengung zu finden. Kleine Ortschaften, sanfte Landschaftswellen – kurz vor Gransee werden vor einer Hofeinfahrt dicke rote, gelbe und grüne Kürbisse feil geboten.

Gransee liegt verschlafen da. Wo sind die Menschen? Neben dem Ruppiner Tor führt der Weg durch das sogenannte Waldemartor, das nach der vom Kurfürsten verordneten Vermauerung des Haupttors angebaut werden musste. Hier die Geschichte dazu: https://de.wikipedia.org/wiki/Waldemartor

Von Gransee aus führt der Stechlinsee-Radweg auf der historischen Bahntrasse über 10 Kilometer herrlich ausgebaut bis nach Schulzendorf. Ein Gedenkstein und eine bunte Darstellung des Geschehens vom August des Jahres 1316 erinnern an die Schlacht bei Gransee zwischen den Brandenburgern und den Mecklenburgern.

https://www.svz.de/regionales/mecklenburg-vorpommern/mecklenburg-magazin/vor-700-jahren-die-schlacht-bei-gransee-id15583436.html

In Schulzendorf, vor der ARCHE-Kinderranch, rollen auch Köpfe und fließt auch Blut, allerdings hier in einer aufwändigen Installation zu Halloween:

Rheinsberg ist die nächste historische Station am Radweg. Kronprinz Friedrich, der bis 1740 hier seine „glücklichste Zeit“ verbrachte, bis er dann die Nachfolge seines strengen Vaters antrat und nach Berlin umziehen musste, begrüßt die Besucher . Friedrich der Große, wie er genannt wird, sollte nie wieder die Stätte seiner unbeschwerten Jugendzeit besuchen.

Weiter rolle ich auf dem alten Bahndamm-Radweg, der durch herrliche Laubwälder führt. Eichen, Buchen, Linden – starke Bäume atmen CO2 ein und Sauerstoff aus. Waldbaden ist gesund für Körper und Seele.

Der Wald duftet herbstlich, nasses Moos, Pilze, Harzgeruch. Aber Waldbaden macht auch hungrig. So lege ich in Rheinsberg beim Bäcker Läge einen Stopp ein und stärke mich mit Milchkaffee und Apfelkuchen.

Die Bahnlinie, die ursprünglich bis Zempow führte, wurde übrigens nach 1945 im Rahmen von Reparationsleistungen abgebaut. Heute kann ich mich als Spätfolge über den glatten, hügelfreien Radweg freuen. Zempow, Sewekow, Karbow, bald bin ich am Meer. Nein, nicht an der Ostsee, aber am größten Binnensee des deutschen Landes, dem Müritzsee. In Röbel mache ich einen Erkundungsgang um die mächtige Backsteinkirche St. Marien, die auf einem kleinen Hügel thront.

Ein paar Meter weiter stehe ich an der Hafenmole vom Stadthafen Röbel. Am Müritzstrand liegt Kunst in Form von zwei Holzfiguren, die genießend auf das Wasser schauen.

Auf dem Weg nach Waren lasse ich mich auf den Müritz-Rundweg ein, der durch die Wälder, am Wasser entlang, Hügel rauf und runter, über Schotter und durch Sand führt. Aber schön ist er!

Aus dieser Perspektive ist das Ostufer des großen Sees nicht zu sehen. Nur die Bäume sind ab mittlerer Höhe zu ahnen. Die „Wölbungshöhe“ der Erdkrümmung macht auf über 10 Kilometern von Ufer zu Ufer ca. 3 Meter aus. Und da schaut meine Kamera nicht drüber, sondern folgerichtig nur auf und hauptsächlich in das Wasser. Noch ein paar Bögen, dann kommt das Schloss Klink in Sicht. Ich wähne mich an der Loire und nicht am Müritzsee.

Schloss Klink

Die sehr wohlhabende Familie Schnitzler ließ das Herrenhaus von den Architekten Grisebach und Dinklage im Stil der Neorenaissance entwerfen und innerhalb von weniger als drei Jahren errichten. Arthur Schnitzler konnte samt Familie im Jahre 1900 einziehen. Auch für eine große Familie reichlich Platz zum Wohnen und Sein. Zumal auch noch 1150 ha Land samt Dörfern der Umgebung zugekauft wurden. Protz und Prunk. Sogar ein Mausoleum im Stile eines antiken Tempels ließ die Familie aufwändig am Steilufer der Müritz bauen. Schließlich brauchte man auch für die Verblichenen und noch Verbleichenden eine adäquate Ruhestätte. Die ist allerdings 1976 im Auftrag der Gemeinde Klink vom Autobahnkombinat Rostock gesprengt worden. Ein Mausoleum sprengen?! Ich mag mir das gar nicht vorstellen.

Weiter führt der Weg am See entlang – zur Linken ein kleiner Park mit einer aufragenden Skulptur. Auf einem Sockel aus Stahlbeton wirbelt ein Athlet eine Frau und ein Kind durch die Lüfte. Wer hat das denn geschaffen, und wann? So intensiv ich auch google, ich finde partout nichts über dieses Kunstwerk.

Dann mache ich wieder einmal mit Kamerun Bekanntschaft, diesmal in Form eines Campingareals am See mit diesem Namen. Sogar eine Nationalflagge hat der Betreiber gehisst.

Beim Einbiegen zum Strand hin fängt ein riesiger Schiffspropeller meine Aufmerksamkeit. Die hier ansässige Metallguss GmbH fertigt die größten Antriebsschrauben weltweit! Wer hätte das gedacht!

Waren kommt in Sicht. Ein schön anzuschauendes Städtchen mit historischem Flair. Eigentlich ganz untypisch für diese Region. Ansteigende Gassen, historische Häuser, einladende Gastlichkeit.

Am Yachthafen steht die Skulptur „Der verlorene Sohn“ von Stefan Voigtländer. Zur späten Nachmittagsstunde halte ich mich hier nicht lange auf, obwohl das Ambiente einladend ist. Zuerst kurve ich hinüber zum Tiefwarensee und dem gleichnamigen Hotel, in dem ich ein komfortables Zimmer beziehe. Duschen, frischmachen und dann wieder hinüber in die Altstadt. Es hat angefangen zu regnen. Alle Menschen, die ich vorher in den Gassen gesehen hatte, scheinen die wenigen „Corona-Plätze“ in den Restaurants reserviert zu haben. So bin ich froh, bei einem netten Italiener noch eine Pizza und ein Viertel Rotwein zu bekommen. Um 22 Uhr liege ich im Bett, schaue noch die Nachrichten und schlummere hinweg.

Bis Waren waren es 153 Kilometer. Morgen kommt Etappe 2 – hin zum Darß

https://www.strava.com/activities/4236534568/embed/a26d2ea22bde6d7912067369c307def410505f15

Quer durch die anhaltinischen Leben

Wir starten unsere kleine Etappentour nach Bad Driburg am Bahnhof in Kirchmöser, Brandenburg-Kirchmöser genau. Die ersten 50 Kilometer legen wir per Bahn zurück, weil wir bis zum Tagesziel Osterwieck auch dann noch 160 Kiometer zurücklegen müssen. Außerdem kennen wir die Gegend um Potsdam bis hin nach Brandenburg wie unsere Westentasche. Neue Eindrücke wollen wir sammeln, Bilder für das Innere. Als wir in Kirchmöser, was für ein Name, aussteigen, stehen wir wieder einmal vor einem verlotterten, halb verfallenen Bahnhofsgebäude.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Du machst ein starkes Team zum stärksten Team

Fenster und Türen des Erdgeschosses sind mit Brettern zugenagelt. Als ob es hier noch etwas zu holen gäbe. Davor ein schief dastehender Bauzaun. Und die Personalabteilung der Deutschen Bahn hat sich nicht entblödet, vor dieser Kulisse per Plakat für neue Mitarbeiter zu werben: „Du machst ein starkes Team zum stärksten Team“, können wir amüsiert und leicht verwundert lesen.

Der „Radweg“ Berlin–Hameln führt uns über unendlich lange, langweilige Geraden der viel befahrenen Landstraße entlang. Sattelzüge, Baufahrzeuge, Busse. Alle haben heute beschlossen, unseren Track zu befahren. Nach zwei Stunden und 50 Kilometern melden sich unsere Körper und verlangen nach Kohlenhydraten und Koffein. Am besten zu bekommen bei einer netten Bäckersfrau. Nur wo finden wir die zugehörige Bäckerei? Kilometer um Kilometer radeln wir durch die Ortschaften – keine gastliche Stätte lockt. Nur ein fahrender Bäcker steht mit seinem Marktfahrzeug am Straßenrand. Kuchen gibt es hier, nur Kaffee hat der nette Mann nicht an Bord. Wenn der schon durch die Dörfer rollt, um Brot und Kuchen zu verkaufen, wird klar, dass der letzte ansässige Bäcker schon lange aufgegeben hat.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Das Kulturhaus von Königsborn steht unter Denkmalschutz

Dann ziehen wir eben durch bis Magdeburg für unseren Milchkaffee, lechzt Peter leicht frustriert. So schlimm kommt es dann doch nicht. Nach Durchfahren von Ortschaften wie Zwölf Apostel und Jakobsberg, deren Namen aber keinen biblischen Ursprung haben – ursprünglich 12 Grundstücke des Fleckens führten 1946/47 zur biblisch anmutenden Bezeichnung –, treten wir weiter und weiter durch die anhaltinische Diaspora. Völlig unvermutet erspäht Peter dann in Königsborn kurz vor Magdeburg ein Stehcafé. IMG_2366Die überaus freundliche Verkäuferin preist ihre Kuchen an, schließt eigens für uns das Café auf und bringt uns riesige Milchkaffee zu Schnecken und Streusel. So gestärkt peilen wir zielsicher den Magdeburger Dom an und finden uns 20 Minuten später in der Altstadt wieder. IMG_2369Das Hundertwasser-Haus versprüht unkonventionellen Charme, Touristen werden über die Geschichte des Gebäudes aufgeklärt, wir hören zu und sind beeindruckt. Ein paar Meter weiter stehen wir vor dem riesigen Dom, dann staunen wir über die herrlich restaurierten Gebäude im Gründerstil, die südlich parallell zur Elbe die Altstadt schmücken. So schön hatten wir das nicht erwartet. Beim Verlassen der Stadt nach Südwesten ereilt uns wieder die graue Realität der Industriebauten, der Gewerbeansiedlungen mit Gebrauchtwagenhändlern und Tankstellen und …

Wir schwingen uns hinein in die Region der Orte, die fast alle ein „Leben“ im Namen tragen: Wanzleben, Hadmersleben, Kleinalsleben, Großalsleben, Badersleben. Mit unserem Begriff Leben hat der Namensanhang allerdings wenig zu tun: -leben bedeutet soviel wie Nachlass oder Erbe.OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Beim Neuausbau des Radweges Anderbeck-Badersleben, „Hier investiert Europa in die ländlichen Gebiete“ , finden wir diese Einfahrtregelung eines Feldweges. Für einige Traktoren pro Jahr, die diese Auffahrt nutzen, wurden diese Schilder aufgestellt! Schilda lässt grüßen!

Schließlich erreichen wir unser Tagesziel Osterwieck. Diesen Ortsnamen hatte ich eigentlich irgendwo an der Nordseeküste vermutet, aber nicht im Harzvorland. Und der Gasthof, in dem wir übernachten werden, heißt passenderweise auch noch Hafenbar. Osterwieck liegt in einer sanften Senke am Ufer der Ilse. Auf das Jahr 974 wird die Gründung des Ortes datiert, mehr als 400 Fachwerkhäuser verschiedener Stilarten sind hier zu bewundern. OLYMPUS DIGITAL CAMERAP5230042.jpgOLYMPUS DIGITAL CAMERAP5230056.jpgP5230058.jpgSo eindrucksvoll und vielfältig habe ich noch nirgendwo Fachwerkarchitektur erlebt. Die Menschen hier geben sich ganz offensichtlich große Mühe, diesen Schatz zu erhalten und wieder herzustellen. Respekt!

Wir finden die Hafenbar neben historischem Fachwerk in einem Zweckbau der Nachkriegszeit, dem die Eigentümer nur nachträglich etwas Fachwerkcharme eingehaucht haben. Macht nichts: Die Wirtsleute sind warmherzig und freundlich. Wir werden aufgenommen wie alte Freunde.

Im kleinen Innenhof genießen wir die ersten leckeren Biere, bevor wir eine kleine Stadtbesichtigung machen. Historisches, Kurioses, wunderbar restauriertes Fachwerk, und auch die Erkenntnis, dass es hier nicht leicht ist, im Gastgewerbe erfolgreich zu sein.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAOLYMPUS DIGITAL CAMERAP5230069.jpgOLYMPUS DIGITAL CAMERA

 

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Es gibt noch viel zu tun

Am nächsten Morgen erwartet uns entgegen der Vorhersage ein grauer Himmel. Wir genießen das gute Frühstück umso länger. Es nützt nichts: Eine Stunde später, nachdem wir die Altstadt von Goslar bestaunt haben, fängt es an, sanft, aber stetig zu regnen. Meine Füße werden nass, und ich ziehe meine Neopren-Fußspitzen über.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Auf dem historischen Marktbrunnen von Goslar breitet der goldene Adler seine Schwingen aus

P5240080.jpgP5240081.jpgDann bleiben die Füße zumindest warm. Peter hat es versäumt, seine Schutzbleche zu montieren, schließlich war kein Regen angesagt. Das hilft ihm allerdings herzlich wenig. Auf der Suche nach einem geeigneten Ersatz werden wir in einem Hinterhof fündig: P5240089.jpgPeter bindet ein Fichtenbrett mit Kabelbindern auf dem Tubus-Gepäckträger fest, und fertig ist der perfekte Spritzwasserschutz.

In Einbeck trösten wir uns über den anhaltenden Regen mit einem Härke-Sommer-Ale und einem Einbecker Urbock hinweg. P5240096.jpgDie köstlich scharfe Senfsuppe im Brodhaus sorgt für neue Motivation. Beim Start hinaus aus der Einbecker Altstadt lässt der Regen nach, und wir genießen die lauen Lüfte. Endlich rollen wir auf einem gut geteerten Radweg in Richtung Wesertal hinunter. Immer ganz geradeaus. OLYMPUS DIGITAL CAMERAHolzminden mit einem rauchenden Fabrikschlot fest im Blick. Holzminden durchkurven wir ohne Aha-Erlebnisse. Irgendwie wirkt diese Stadt wie ein Ort ohne Anziehungskraft und Kultur. Vielleicht sehen wir auch einfach nicht richtig hin. Schließlich wollen wir nur rüber auf die Westseite der Weser und dann nach Corvey mit seiner Klosteranlage.

Für einen als Weltkulturerbe ausgezeichneten Ort wirkt die Gesamtanlage recht zwiespältig. Ein restaurierter Kernbereich mit der Klosterkirche ist sehr schön anzusehen, daneben als Kontrast die stark renovierungsbedürftigen, langgestreckten Speicher und scheunenähnlichen Gebäude. Am Abend, als wir in Höxter mit einem Betreiber einer guten Pizzeria ins Gespräch kommen, erfahren wir, dass es derzeit Zwist wegen der Verwendung von europäischen Fördergeldern gibt: Der Herzog von Ratibor, Eigner der Gesamtanlage, soll überproportional in seine eigenen Gemächer investiert haben. So die Vermutung des kundigen Bürgers.

Doch zurück in die Klostermauern. In einem Seitenflügel betreibt Kalle Krome seit mittlerweile 20 Jahren sein Familien-Aktiv-Hotel. Kanufahrten auf der Weser bietet er an, und Wasser- und auch Radwanderer finden hier eine treffliche Unterkunft. Einfach, sauber, unkonventionell. Peter und ich bekommen jeweils ein Zimmer mit vier Stockbetten. Ruhe pur hinter meterdicken Wänden. Und zum Abschluss des Abends genießen wir auf der kleinen Terrasse leckeres Corveyer Bier. Unser Schlummer ist tief und erholsam in dieser Klosternacht. OLYMPUS DIGITAL CAMERABeim Frühstück verwöhnt uns Rosi, die aus Brasilien stammt und „Mädchen für alles“ bei Kalle Krome ist. P5250115.jpgDas Frühstück ist genauso genussreich wie kurzweilig. Das Weser- Aktiv-Hotel ist DER Geheimtipp für alle Weserradler.

Die letzte Teiletappe unserer Tour führt uns durch herrliche Natur und über bestens ausgebaute Radwege nach Bad Driburg. Hier hole ich um 11 Uhr meinen neuen Benz ab.

Das war ein schöner Anlass für eine kleine Etappentour ins Weserbergland, auf der wir mindestens neun verschiedene –leben durchfahren haben.

Am 25. Juni wird es wieder ernst. Das 600er-Brevet in Warberg-Ostfalen steht an. Dann wird es weniger komfortabel.

 

 

Das 300er Brevet – Sonne pur!

13 Stunden Sonne, 22 Grad, ein laues bis frisches Lüftchen, so sieht die Wettervorhersage für den 21. April aus. Und so wird das Wetter auch. Zur Freude der ca. 100 Randonneure und Randonneurinnen, die sich schon um vor sechs Uhr im Amstelhouse in Berlin-Moabit eingefunden haben. Oldies, Youngsters, Speedsters… alle Kategorien sind stark vertreten.

20180421_063759_HDR
Rafal und Andy sind wie immer zu Späßen aufgelegt

P4210227.jpg
Gerald hat es heute wieder einmal eilig. 35,4 km/h in Bewegung resummiert STRAVA am Abend für ihn. Chapeau! Brevets sind zwar keine Rennen, aber es ist schön, wenn jemand so souverän und schnell unterwegs ist ( gemeinsam mit Tom)

Auch vor dem Start wird schon geflickt – In diesem Fall ein schlechtes Omen – nach 120 Kilometern sehen wir den Kollegen wieder, diesmal flickend am Wegesrand. 30425321_10155789892990432_5294638898529482_o

Wolfgang und ich starten in der zweiten Gruppe um 7.10 Uhr Beim Ampelhopping nach Süden, hinaus aus der großen Stadt, wird gequatscht, wird erzählt was die Vorhaben für das Jahr sind und auch, welche Heldentaten 2017 vollbracht wurden.

In Stahnsdorf beträgt unser Schnitt gerade einmal 22,5  km/h. Doch das sollte sich rasch zum Schnelleren hin ändern. Der Wind schiebt sanft aber spürbar aus Nordwest, und der Speed unserer Gruppe mit Rainer an meiner Seite pendelt immer um die 30-35 km/h. Die Tankstelle in Trebbin erreichen wir schon um 8.45 Uhr. Stempeln und sofort wieder aufsitzen. Zwei- dreimal müssen wir eine typische Flämingwelle wegdrücken, dafür geht es nach Dahme hin schön abwärts mit 35-40 km/h.fullsizeoutput_3d20 Kontrolle Nr. 2 ist „frei“, das bedeutet, wir müssen uns den Stempel irgendwo in diesem Ort holen. Gar nicht so leicht dieses Mal, denn die Durchgangsstraße ist auf ganzer Breite aufgerissen, die Geschäfte darben, und der Bäcker, den wir zum Stempeln heimsuchen, bietet die spärlichste Auswahl von Brot und Kuchen, die ich jemals gesehen habe. OLYMPUS DIGITAL CAMERADie beworbenen Kuchenbrötchen sehen erbärmlich aus – ich ziehe es vor, mein mitgebrachtes Käsebrötchen zu verspeisen.fullsizeoutput_3cdf

Ab jetzt ist Gegenwind angesagt: Bis  Oehna sind es ca. 35 km. Um 12.20 Uhr rollen wir in den Innenhof des Landgasthofs Witte ein. Fast alle Plätze im Biergarten sind schon mit Randonneuren besetzt.

Spaghettigerichte duften auf den Tischen, Radler in Krügen stehen daneben. Die Kollegen sind bester Laune. Also Stempel rein ins Heft, Platz genommen und nach kurzem Blick in die Speisenkarte „Spaghetti olio e aglio“ bestellt. OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Wir plauschen mit den Sitzenden und den Kommenden und nach einer wahren Genuss-Pause fällt es schwer, wieder auf die Räder zu steigen und dann wieder einen Rhythmus zu finden. Der Wind frischt auf und bläst uns genau ins Gesicht. Etwas härtere Arbeit bis hin nach Wittenberg ist angesagt. OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Auf der Elbebrücke passiert uns die Gruppe um Ingo, die uns kurz vorher überholt hatte. Tja, manchmal hat Ortskenntnis Vorteile, und ein paar vermiedene Ampeln hatten uns wieder nach vorn gebracht.OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Eine wahre Lust sind die nächsten Kilometer bis hin ins Wörlitzer Gartenreich. Eigentlich wirkt die ganze Elbaue zu dieser Zeit wie ein riesiger Garten. Wolfgang und ich beschließen, den Kontrollstempel bei Streckenkilometer 184,3 mit einem großen Eis zu verquicken. Erst der Stempel, dann der eisige Genuss. OLYMPUS DIGITAL CAMERAWir stehen wieder zur Weiterfahrt bereit, als uns abermals die Truppe um Ingo passiert. Entweder haben sie eine längere Pause gemacht oder einen Umweg durch den Park gefahren. OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Dieses Mal sollte sich ihr kleiner Vorsprung zu einem 40 Minuten Nachteil für uns auswirken. Als wir an der Fähre in Coswig ankommen, sehen hinter  den  Voreilenden nur noch die Heckwelle. Dann beschließt der Fährmann, ganze 35 Minuten auf der anderen Seite zu pausieren.fullsizeoutput_3d28

Bei dieser Zwangspause können wir die überaus fein gebauten Meerglas-Räder von Tom bewundern. Bildschön und gleichsam zweckmäßig und zuverlässig.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAAuf unserer Seite treffen Biker, Randonneure, Radtouristen und Autos reichlich ein. Eine richtige Schlange bildet sich am Anlegepunkt, so dass wir schon Bedenken haben, überhaupt beim nächsten Mal mit rüberzukommen.

fullsizeoutput_3d22
Das Warten auf die Fähre tut der Gruppe um Andy und Flo keinen Abbruch

Wir drängen also in die vordere Reihe und stehen irgendwann auf der Fähre. Nun aber dauert es abermals: Der Fährmann und sein Kassierer sorgen erst einmal dafür, dass kein Fährgast die Zeche prellt. Wir stehen und warten und warten. P4210308.jpgUnsere „gute Zeit“ bis hierher ist weggeschmolzen und wir finden uns in der nächsten Gruppe um Klaus und Phelim wieder. OLYMPUS DIGITAL CAMERAGut, dann haben wir Gesellschaft auf der nächsten Etappe durch den Fläming nach Dobbrikow. In Coswig füllen wir beim Netto-Markt unsere Trinkflaschen auf – ich gönne mir eine Stange Knoppers als Kalorienreserve.

Die Sonne beleuchtet wunderbar die herrliche Landschaft. Felder, Wälder, Alleen mit blühenden Bäumen. Das liebt der Randonneur!

In Dobbrikow holen wir uns gegen 19.45 Uhr den vorletzten Kontrollstempel und genießen ein kühles Radler für den Radler. Brevet 300 BB73Andy und die Kollegen haben großen Hunger und schaufeln eifrig Reibekuchen  mit Apfelkompott, Omelett und andere leckere Sachen in die gierigen Körper.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
natürlich nur mit Radler und Weizenbier ohne Alkohol,  und die Zigaretten sind nikotinfrei

Ab geht es auf die letzen 50 Kilometer, hinein in die Abenddämmerung. Die Singvögel starten ihr Konzert und untermalen die Strecke bis zum Rand von Berlin auf das Feinste.

Dann wieder Ampelhopping – Zehlendorfer Damm, Hohenzollerndamm, ein paarmal links und rechts, dann stehen wir wieder vor dem Amstelhouse. Der Kreis hat sich geschlossen für heute. OLYMPUS DIGITAL CAMERALetzter Stempel nach 22 Uhr, Durchschnitt in Bewegung knapp 26 km/h. P4210333.jpgFür Altrandonneure 65Plus gar nicht so übel, wie Wolfgang und ich feststellen. Die nächsten zwei Stunden genießen wir leckere Pilsner, Lasagne und Salat und den Erfahrungsaustausch mit den Kollegen. Kurz nach Mitternacht starte ich auf die 15 km-Etappe nach Hause durch die immer noch sehr lebendige Stadt. Ich fahre mit Warnweste und zwei hellen Rückleuchten. Da ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass die manchmal gar nicht rücksichtsvollen Autofahrer Abstand halten.

Eine knappe Stunde später noch einen Schluck Rotwein zum Entspannen und dann kommt der tiefe Schlummer.

Heute waren das in Summe 345 Kilometer und bei diesem Wetter, der wunderbaren Frühlings-Landschaft und so vielen alten und jungen Kollegen war das die reine Freude!

 

P.S   Mit Dank für die Fotos von Rafal und Andy

Der Titan-Randonneur

Mit dem Verkaufserlös des Troytec Revolution will ich mir einen Titan-Randonneur aufbauen. Nur, welchen Rahmen soll ich wählen? Sehr sauber muss er gearbeitet sein und die Geometrie tauglich für die Langstrecke. Anlötgewinde für Schmutzbleche und Gepäckträger will ich auch haben – für alle Fälle, für die ganz langen Touren. Für Etappenfahrten und Bikepacking.

Van Nicholas aus Holland fahren einige Kollegen bei Brevets.

VPACE ist eine neue Marke von jungen Leuten in Ravensburg.

Wheeldan sitzt auch in Berlin – erfuhr ich leider erst nach Bestellung des Kinesis.

KOCMO residiert in Stahnsdorf bei Berlin und ist für mich ganz nah dran.

Also setze ich mich kurzerhand auf mein Basso und radle einfach hin. KOCMO hat einen Laden in einem alten Gründerzeithaus. Sieht recht sympathisch aus. Die Hollandräder und Trekkingbikes vor der Tür zeugen von einem breiten Angebot. Also rauf die Treppe und rein in den Laden. Ein junger Mann begrüßt mich und geht dann wieder seiner Arbeit nach. Ich schaue mich derweil um. Drei fertige Titanräder hängen an der Wand. Ich begutachte sie ausführlich. Nicht schlecht, der erste Eindruck. Ich hebe ein Rad an, drängle mich vor zu den anderen an der Wand … Interesse zeige ich reichlich. Nur beachtet werde ich als Kunde überhaupt nicht. Als wäre ich Luft, so komme ich mir vor bei KOCMO. Ich versuche Blickkontakt zu dem Kollegen am Tresen aufzunehmen – vergeblich. Langsam schwinden meine Geduld und auch meine gute Laune, die ich mitgebracht hatte. Als ich zur Tür gehe und meinen Unmut kundtue, sagt der Bursche doch: “ Hättense mich doch angesprochen, woher soll ich denn wissen, wat sie wollen.“ In diesem Stil geht das Gespräch noch 10 Minuten. Ich versuche redlich, mein Interesse kundzutun, und klar zu machen, wie ich mir solch ein Rad vorstellen könnte. Nur das interessiert hier keinen! „KOCMO weiß, was Randonneure wünschen!“ Bevor ich noch in ein echtes Stimmungstief hineinfalle, verabschiede ich mich mittelmäßig freundlich.

Fazit KOCMO: Diesen Laden werde ich nicht mehr betreten, dieses Produkt werde ich nicht kaufen. Punktum.

Warum eigentlich Titan? Wenn es ein leichtes und hochstabiles Rad sein soll, ist Carbon doch die beste Wahl?! Mein Endurace ist mit 6,7 kg ein Leichtgewicht und dabei sehr komfortabel und trotzdem sehr torsionssteif im Antrieb und im Steuerrohr. Aber Titan hat eine besondere Anziehungskraft für mich: Titan ist leichter als Stahl, absolut korrosionsfest, es muss nicht lackiert werden, ein gut konstruierter Rahmen federt komfortabel und läuft wunderbar geradeaus. Und Titan hält auch mal einen Rempler aus. Einen Titanrahmen kann man weitervererben! Und Carbon?

Ich wurde schließlich bei der Marke Kinesis fündig. „Kinesis Granfondo Ti V3“. 

Bei Merlin Cycles bekam ich das Frameset mit Gabel für knapp 1900 €. Geliefert innerhalb von einer Woche. Schnell, gut verpackt, perfekt.

Mike hall Racelight

Jetzt musste ich das Gerät nur noch komplettieren.

In dieser Konfiguration fuhr Mike Hall, der im März beim  Indian-Pacific Race bei einem Unfall mit einem Auto ums Leben kam. Im Gedenken an Mike habe ich mein Granfondo dann aufgebaut.

P1080481

Nach einer Woche Schrauben  stand es dann so vor meiner Haustür. Bereit für den ersten Ritt.

> Gruppe: Ultegra 6800 11s, Kurbel 170 mm, 50/34, Ritzelpaket 11-32

> Bremsen: Cane Creek SCR-3L

> Laufräder: DT-Swiss Spline 23

> Reifen: Conti 4seasons 28mm

> Sattel: Fizik Arione K3 Kium

> Stütze: Fizik Cyrano

> Lenker: Richey WCS Neoclassic

> Vorbau: Richey WCS C 220 90 mm

>Pedale: Shimano SPD A 600

> Flaschenhalter: Elite Ciussi Edelstahl

Gewicht: 8,9 kg

Hier beim ersten Ausritt, gemeinsam mit Peters famosem Tommasini Stahlrenner. Die beiden haben sich sofort angefreundet.

P1080427
fullsizeoutput_33d0

Der Granfondo Titan ist sehr fein und sorgfältig gearbeitet. Der Rohrsatz aufwändig im Hydroforming-Verfahren hergestellt. Am Tretlager ist das Unterrohr quer oval geformt, am Steuerrohr vertikal oval. Perfekt gemacht für Stabilität UND Komfort.

P1080420

Hier ist die Liste mit Rahmen und Ausstattung für die Titan-interessierten Nachbauer: Kinesis Granfondo Ti V3

… Nach den ersten 500 km und den üblichen Feineinstellungen von Bremsen und Schaltung bin ich schwer begeistert von den Fahreigenschaften. Ein echter Randonneur!

Da wird die Qual der Wahl schwerfallen: Endurace oder Granfondo. Aber auch schön, zwei gleichwertige, wohl aber doch verschiedene Pferde im Stall zu haben.

Das Canyon Endurace mit Ausrüstung und Gepäck für lange Brevets

Mein Canyon Endurace hat sich wieder einmal mit Bravour geschlagen. 1425 Kilometer „am Stück“ bei der Dutch Capitals Tour. Bei Regen und Wind, auf glatten Straßen und auf Pflaster. Alles funktionierte perfekt.

Und so bin ich mit dem Rad unterwegs gewesen – samt Ausrüstung und Marschgepäck.

Ausrüstung DCT UltrabrevetAusrüstung DCT Ultrabrevet

Wer also ähnliche Projekte im Auge hat, der möge mal hier schauen. So jedenfalls kann ein Rad aussehen. Muss nicht! Ich habe reichlich Konfigurationen bei den Kollegen bestaunen können. Von klassisch bis hochmodern, Stahl, Carbon, Alu – alles ist machbar. Wenn nur die Qualität stimmt.

Dies ist nun meine aktuelle Version eines Brevet-Randonneurs moderner Art. Gesamtgewicht komplett beladen, ohne Trinkflascheninhalt,  ca. 13 kg. Mehr braucht es nicht, weniger geht kaum!