Der Winter kommt bald

Fast zwei Jahre ist es her, seit ich diesen Beitrag geschrieben habe. Immer noch, oder wieder aktuell!

My dear
In the midst of strife, I found there was, within me, an invincible love.
In the midst of tears, I found there was, within me, an invincible smile.
In the midst of chaos, I found there was within me, an invincible calm.
In the depth of winter, I finally learned that within me, there lay, an invincible summer. And, that makes me happy.
For it says, that no matter how hard the world pushes against me, within me, there’s something stronger…
~ Albert Camus

Beim Lesen dieser Zeilen von Albert Camus bekomme ich einen unendlichen Hunger nach seinen Werken, die mich schon als  Abiturient stark beeindruckt haben. Sigi Silkenat, der neben seinem Beruf als Lehrer auch noch Literaturkritiker war, hat mich in der Schulzeit so intensiv und so nachwirkend an die Werke der Dichter und Denker herangeführt, dass ich auch aus eigenem Antrieb immer viel gelesen habe. Und einer meiner Lieblingsautoren ist Camus, über den ich damals in der mündlichen Prüfung referieren durfte. Die Zuneigung ist bis heute erhalten geblieben. Und das Werk des Dichters ist so aktuell wie selten zuvor. Also hole ich „Die Pest“ und „Der Fremde“ zuerst aus dem Bücherregal und lege sie neben meinen Lesesessel. 

Draußen rieselt leise der Schnee, eine dünne weiße Decke hat er auf die Erde gelegt. Meine Idee für eine kleine Runde in den Barnim verwerfe ich. Stattdessen fahre ich einfach in Gedanken durch die Landschaft. Entlang der letzten Fotos, die ich gemacht habe.

In einer Bucht des Summer Sees putzt ein Schwan sein Gefieder. Er verteilt das Sekret aus seiner Bürzeldrüse sorgsam auf den Federn, damit sie kälte- und wasserfest bleiben.

Die Landstraße, die durch den Wald nach Wensickendorf führt, ist abgefräst und für den Autoverkehr gesperrt. Wie schön für mich.

Summter Chaussee

Mein Cannondale Taurine habe ich auf Winterbereifung umgerüstet. Auf nur zwei Bar aufgepumpt, bügeln die Reifen die Buckel komfortabel platt. Kurz vor Wandlitz biege ich nach Westen ab und staune über das Schnitzelangebot vom Gasthof Roschè am Rahmersee.

Als bekennender „Flexitarier“ reizen mich die 20 Schnitzel nur zum schnellen Vorbeifahren, keinesfalls zur Einkehr. Der Radweg ist in guter Verfassung, es rollt. Ein paar Minuten später schließe ich auf einen gleichmäßig kurbelnden Kollegen auf. Meine Altersklasse, erkenne ich neben ihm. Als ich von meinen ersten Besuchen in Wandlitz und im damaligen Radladen von Jürgen Geschke erzähle, schmunzelt er und erzählt, dass er mit „Tutti“ ( Spitzname der Radlegende), schon so manche Trainingsrunde gedreht hat. Wir reden anerkennend über den Geschke-Sohn Simon, der so erfolgreich in den Bergen bei der Tour de France war und freuen uns, dass wir Oldies immer noch auf dem Rad sitzen. Ich biege ab nach Norden und genieße die Weite, die Rinder und Pferde auf den Weiden. Bei Liebenwalde setze ich wieder Kurs Süd. Auf dem Radweg Berlin-Kopenhagen überhole ich einen Triathleten, der in lockerem Lauf sein Rad neben sich herführt. „Ich habe keine Panne, ich mache nur Lauftraining“. Ich bleibe auf meinem Taurine und enteile in Richtung Bernöwe. Wie mag es wohl jetzt dem Betreiber vom Trabi-Grill am Ortsrand gehen? Hält er schon Winterschlaf?

Er hat das Imbissgefährt noch nicht winterfest gemacht, bereitet aber die Technik auf den Winter vor. Wasser ablassen, alles reinigen und sicher einpacken. Ich bekomme trotzdem noch ein leckeres, gezapftes Bier und mache mich gestärkt und gut gelaunt auf den Heimweg.

In Schmachtenhagen locken keine Schnitzel, dafür aber Schuhe, Baumarktware, alles zu Supersonderpreisen. Nur an der Präsentation kann noch Einiges verbessert werden!

In Oranienburg erstaunen mich die „Tier-Elektroroller“ vor der Hochschule der Polizei. Wird hier der Nachwuchs auf die Mobilität der Zukunft vorbereitet?

E-Roller vor der Polizeihochschule

Auf dem Platz vor dem Oranienburger staune ich, mit welch schwerem Gerät die Mannen den Weihnachtsbaum aufrichten. Luise würde es sicher gefreut haben.

Luise von Preußen als Wandschmuck

Mein Taurine und ich haben die Ausfahrt genossen. Zu Hause warten wärmender Tee und leckere Lebkuchen und die beste Ehefrau von allen auf mich.

Zwei Oldies unterwegs – Im Mai den Neckar hinunter, Teil 2

Der Schlummer war tief in Lauffen, der leckere Primitivo beim überaus freundlichen Italiener hat unsere Gedanken vom sanierungsbedürftigen Lauffener Städtle nach vorn gelenkt auf unsere nächste Etappe. Der Blick aus dem Fenster zeigt um 8 Uhr 18 einen mächtigen Lastenkahn, der Mühe hat, auf dem Lauffener Neckarkanal die enge Kurve zu bekommen.

Wir genießen das Frühstück und sind um 9 Uhr startbereit.

Alle Taschen und der Tailfin-Aeropack wollen jetzt schnell ans Topstone montiert werden.

Die ersten 1o Kilometer in Richtung Heilbronn führen hinauf in die Weinhänge. Ein Weinberg ist auch ein Berg, bemerkt Peter schwitzend. Und nach dem Hinaufkurbeln folgt bekanntlich immer eine schöne Abfahrt. Und der Peter traut sich jetzt auch, die Bremsen mal offen zu lassen.

Weinreben, so weit das Auge reicht. Am Horizont die Kraftwerke von Heilbronn.

Aktuell werden hier noch 4000 t Steinkohle TÄGLICH angeliefert. Der höchste Kamin misst 250 m. Aber die Tage des Kohlekraftwerks sind gezählt. Neben dem alten Block entsteht ein Gaskraftwerk, das mit Flüssiggas gefüttert werden soll.

Links Gewerbebetriebe und Baumärkte, rechts der Neckar und dominierend Industriebauten. Nur noch ein paar Meter bis Neckarsulm, der Heimatstadt von Audi. Die Werksanlagen erstrecken sich über Kilometer am Neckar entlang, wo wir auf einem Info-Panel lesen können, dass es hier schon im Jahre 1905 mit den Neckarsulmer Fahrrädern und Motorrädern angefangen hat.

Auf der Infotafel zur Audi-Historie pappt der Werbeaufkleber einer „Cannabis Business-School“ Wir schnuppern allerdings hier keine süßen Hanf-Düfte, sondern eher miefige Industrieluft.

Endlich rollen wir wieder in die Neckarauen ein. Grün, mit Blütenduft anstelle Industriegestank. Dann urplötzlich stehen wir auf einer Radautobahn, pardon, einem Radschnellweg! Und staunen! Fünf Meter breit, Mittelstreifen, Seitenstreifen… An Fußgänger wurde hier offensichtlich nicht gedacht!

Wer schrauben, pumpen, reparieren muss, hier stehen die Hilfsmittel dazu
Auf dem Radlerzähler sind wir heute Nr. 192 und 193

Wir fahren auf dem ersten Abschnitt eines gerade mit großem politischen Pomp eingeweihten Radschnellweges. Nach etwa einem Kilometer sind wir schon durch… War es das schon? Irgendwann sollen es 18 Kilometer Pendlerstrecke werden. Hoffentlich werden wir das noch erleben. Und hoffentlich dann mit notwendigen Verbesserungen. Denn wenn sich Fußgänger und die Kinder des nahgelegenen Spielplatzes auf die „Autobahn“ verirren, sind sie arg gefährdet.

Schon sind wir wieder auf dem ganz normalen Neckar-Radweg und blicken bewundernd hoch zur Bad Wimpfener Altstadt.

Bad Wimpfen

Wir bleiben ganz nah am Neckar. Gefühlt auf jedem Hügel thront eine mehr oder weniger erhaltene Burg. Hier zu sehen das Heim von Bernolph Frhr. v. Gemmingen-Guttenberg.

Burg Guttenberg

Nur eine Neckarschleife weiter zieht die Burg Hornberg unsere Blicke an.

Im Jahr 1517 kaufte Götz von Berlichingen, der Ritter mit der eisernen Hand, die Burg mit Steinbach und Haßmersheim für 6500 Gulden von Conz Schott von Schottenstein und lebte auf dieser, zusammen mit seiner Familie, bis zu seinem Tode 1562.

Berühmt ist der Satz, den Götz dem Anführer der überlegenen kaiserlichen Truppen zuruft: „Vor Ihro Kaiserliche Majestät hab ich, wie immer, schuldigen Respekt. Er aber, sag’s ihm, er kann mich im Arsch lecken. 

Geschichtsträchtig, aber im überaus negativen Sinne ist auch der hier zu sehende Eingang zum Stollen für den Gipsabbau in Neckarelz. In diesem Bereich sollten gegen Ende des Weltkriegs riesige unterirdische Produktionsanlagen für Flugmotoren entstehen. Die notwendigen Arbeitskräfte wurden von den Konzentrationslagern Natzweiler und Dachau hierhergebracht. Über 5000 KZ-Häftlinge , die schon entkräftet waren, wurden hier gequält. Die beiden Gruben „Friede und Ernst“ wurden umbenannt in „Goldfisch und Brasse“.

Heute wird in dieser Region wieder Gips abgebaut, über 300.000 t werden im größten Untertagebergbau Deutschlands pro Jahr gewonnen und auf Schiffe verladen.

In der nächsten Neckarschleife wartet schon das nächste „Denkmal“ auf uns: das am 11. Mai 2005 stillgelegte Kernkraftwerk Obrigheim. Vor 25 Jahren also. Der Abbau der Anlagen soll in diesem Jahr noch vollendet werden – wer´s glaubt?! Ein Foto der Kraftwerkanlagen spare ich mir.

Dann, in Neckargerach, locke ich Peter auf einen schmalen Weg, der zunächst direkt am Neckar entlangführt, ohne Steigung. Zunächst! Dann aber geht es rauf in den Wald, immer weiter, dann wird der Weg schlechter und schlechter. Das Garmin zeigt immer noch einen fahrbaren Weg, aber der führt vom Neckar weg, auf die Berghöhen hinauf. Schließlich halten wir an, trinken einen Schluck und beschließen den Rückzug. Peter hält sich mit Flüchen zu meinen Navigationskünsten sehr freundschaftlich zurück. „Er hätte es schließlich auch nicht besser gekonnt“, sagt er mir. Danke Peter!

Wir queren hinüber auf die andere Seite nach Neckargerach, wo der offizielle Neckarweg kilometerweit an der Bundesstraße entlangführt. Aber es rollt gut. Wieder staunen wir über eine Burg im Hang, das Schloss Zwingenberg.

Schloss Zwingenberg

Nur noch eine Neckarkurve, dann sind wir in Eberbach und fahren über die mit „Eberflaggen“ geschmückte Brücke in die Altstadt.

Auf der Suche nach einem Quartier kurven wir durch die Gassen, stärken uns mit Weizenbier, fotografieren die Kirche St. Johannes Nepomuk und tun uns schwer, eine Unterkunft zu finden. Peter ist schließlich erfolgreich und stößt auf das Gasthaus Zur Linde in Neckarwimmersbach. Also wieder hinüber auf die andere Neckarseite und rauf auf den Hügel. Hier werden wir freundlich empfangen, das Essen ist preiswert und lecker, und wir wundern uns über das Durchhaltevermögen der beiden Wirtsleute, die praktisch im Alleingang das Geschäft in Gang halten.

Feierabendwein auf dem Balkon des Gasthauses Zur Linde

Die Lüfte sind mild, unsere Laune ist gut, währenddessen hängt der Wirt die Hotelwäsche im Vorgarten auf die Leine: Selbst ist der Mann!

Am nächsten Morgen lacht die Sonne, der Wind bläst uns nicht mehr von Norden ins Gesicht: Radlerglück! Wir sind schließlich hier im Naturpark Neckartal-Odenwald. Noch nie haben wir solche Mengen von blühendem Bärlauch erlebt. Die Luft ist wahrhaft bärlauchgeschwängert.

Schließlich genehmigen wir unseren Rädern eine kurze Pause im Bärlauchbett.

Koga-Burner und Cannondale Topstone im Bärlauchbett

Die Düfte haften noch Stunden später an Sattel und Gepäck. In Ersheim hat der Neckar beschlossen, eine 180-Grad-Wende nach Süden zu machen. Am Ortseingang bewundern wir die kleine, aber höchst sehenswerte Kapelle aus dem 14. Jahrhundert, die mit einer Ölbergdarstellung an der Außenwand beeindruckt. Und drinnen staunen wir über sehr gut erhaltene Fresken und Deckenmalereien aus mittelalterlicher Zeit.

Ölbergdarstellung an der Ersinger Kapelle

Auf dem gegenüberliegenden Hang leuchten das Schloss Hirschhorn mit der darunter liegenden Kirche im Sonnenlicht.

Schloss und Kirche Hirschhorn

Für uns der schönste Abschnitt des Neckar-Radwegs.

Wir können uns kaum sattsehen an so viel geschichtsträchtigen Bauten, reißen uns aber irgendwann los und nehmen unser nächstes Ziel, Heidelberg, ins Visier.

Schon um die Mittagszeit erreichen wir die Karl-Theodor-Brücke, die zur Altstadt hinüberführt.

Wir sind keine Selfie-Fans, aber das hier muss einfach sein. Auf den nächsten Metern tauchen wir ein in das Touristengewimmel. Menschen aus dem ferneren Osten dominieren die Innenstadtachse.

200 Meter weiter nur, und wir stehen vor der Parfümerie Frosch, die schon im Jahre 1942 hier von Frau Frosch eröffnet wurde. Sie hat dann Anfang der 50er Jahre eine kleine Wohnung im Dachgeschoss an meine Schwiegereltern vermietet, mein Schwager kam hier zur Welt. So habe ich einen ganz besonderen Bezug zu diesem Haus, das immer noch genauso ausschau wie vor 70 Jahren.

Mit den 1000 Düften aus dem Laden in der Nase begeben wir uns auf die Suche nach einem Plätzchen, wo wir der Geschichte ein wenig nachhängen können und dazu ein Bier trinken.

Irgendwann reißen wir uns los, gehen über die Neckarbrücke zurück und nehmen Kurs auf die badische Bergstraße. Mannheim werden wir uns sparen und sofort nach Norden in Richtung Bensheim abbiegen.

In Weinheim wähnen wir uns kurz im nahen oder ferneren Osten. Eine Moschee steht mitten in einem Gewerbegebiet. Dann machen wir einfach stoisch Kilometer. Auch in Weinheim können wir kaum Weinreben entdecken. Die Bundesstraße 3 ist gesäumt von wenig attraktiven Gewerbeansiedlungen. Für uns Radler jedenfalls ist das eher langweilig hier. Und den Umweg hinein in die Hänge und Dörfer des Odenwaldes sparen wir uns. Wir sind schließlich auf unserer Schlussetappe. Sulzbach, Laudenbach, Hemsbach, schließlich Bensheim, wo wir auf die Suche nach einem Nachtquartier gehen. Gefühlt jeder dritte Laden ist hier ein Friseursalon. „Josefine, Friseur relax, Ästhetik Beauty, Haargold, Kajaks Hair, Hatice´s hairstyle … “ Aber wir suchen doch nur ein kleines Hotel. Dann wählen wir für unsere letzte Übernachtung das Parkhotel Krone. Schönes Zimmer, prächtige Fahrradgarage. Aber dann auch für uns Gäste kein Platz mehr auf der Restaurantterrasse. „Bin nur allein und kann nicht mehr Tische bedienen“, redet sich der unwillige junge Mann heraus. Wir sind stocksauer und gehen auf die Suche nach einer Alternative. Star Döner, Kebap Haus, Meat Heaven, Rhodos … Und im einzigen Biergarten, der gut aussieht, feiern junge Damen einen Junggesellinnenabschied. Alle Plätze sind besetzt. Langsam macht sich Frust bei uns breit. Die Erlösung finden wir dann im Angebot eines Lidl-Marktes, wo wir uns mit Bier, Wein, Würstchen und Chips eindecken. Für ein wahrhaft frugales Mahl auf dem Hotelzimmer. Wir lassen die Erlebnisse der Woche Revue passieren, schwelgen in unseren Eindrücken, sind zufrieden mit uns und der Welt. Der Schlummer ist gut und die letzten 28 Kilometer hin zum Darmstädter Bahnhof gelingen locker.

Auf geht es nach Darmstadt, Peter!

Letztes Highlight ist ein stolzer Reiher auf der Wiese. Dann stehen wir vorm Bahnhof.

Abfahrt für Peter 12.31 Uhr nach Aschaffenburg und Regensburg , für mich nach Frankfurt und dann nach Berlin um 12.30 Uhr.

Abschied, Schulterklopfen, drücken, herzen, verabschieden – bis zur nächsten Tour in alter Frische, bester Freund!

P.S: Einen kleinen Beitrag zu meiner bisher besten Bike-Package-Konfiguration werde ich in Kürze noch verfassen.

Zwei Oldies unterwegs – Im Mai den Neckar hinunter

Start in Schwenningen an der Neckarquelle:

Sauwetter mit Temperaturen um fünf Grad und frischer  Gegenwind sind angesagt für die erste Etappe unserer Neckartour. Unsere Stimmung ist trotzdem sehr gut, denn am Vorabend hatte uns der Wirt des griechischen Lokals ins Herz geschlossen und mehrere Runden Ouzo spendiert. Nachdem Peter einen Artemis-Teller und ich den Apollon-Teller verarbeitet haben, können wir die Alkoholmenge halbwegs gut verkraften. Auf dem Rückweg zum Hotel Sombea beleuchtet der Neckartower mit seinen Lichtstreifen unseren Weg. 

Neckartower

Am Dienstagmorgen rollen wir bei bedecktem Himmel und gefühlten drei Grad los. Ja, wo ist sie denn, die Neckarquelle? Wir folgen den unterschiedlichen Hinweisen. Peter ist zwar in einem Nachbarort geboren, aber auch er kennt den Quellstein und die Skulptur daneben noch nicht. Kein Wunder, denn der Jüngling Matze , der vom Bildhauer Herbert Wurm zur Eröffnung der Landesgartenschau geschaffen wurde, liest erst seit 2010 in der Neckarquelle, der Zeitung, die schon seit 140 Jahren hier erscheint. Erst kurz vor 10 Uhr schauen wir dem Matze über die Schulter und können jetzt ganz offiziell auf den Neckarradweg einrollen. 

Auf den ersten Kilometern Richtung Rottweil müssen wir uns einige kurze Rampen mit 10 Prozent Steigung hochquälen. Wir lästern über den Radweg, der doch „Talweg“ heißt. 

Erstes Highlight ist der historische Kern von Rottweil, der ältesten Stadt Württembergs. Wir genießen den Anblick der Bürgerhäuser, die sehr aufwändig restauriert sind. Jeder Blick kostet Kraft, denn zum oberen Stadttor geht es steil den Hang hinauf. Das Schwarze Tor, wo der berühmte Narrensprung startet, liegt etwa 100 Meter höher als der Neckarpegel. Für unsere Fortbewegungsgeschwindigkeit steht bildhaft eine schöne Schnecke samt Haus, die ihre Schleimspur quer über den Radweg zieht. Vor dem Stadtmuseum thront ein in Bronze gegossener Rottweiler-Hund, der den Eingang bewacht.

Um halb zwei passieren wir in Oberndorf die Stele, die den 50. Flusskilometer markiert. Schauen, genießen, nur nicht hetzen, lautet unser Motto.

Im 800-Einwohner-Dorf Sulz-Fischingen winkt Peter von der Alten Tribüne den imaginären Fußballern zu.

Die „berühmte“ Tribüne des SV Fischingen mit Fan Peter

Der Neckar windet sich zwischen den steilen Schwarzwaldhängen mühsam landab. Wir strampeln gegen einen immer noch frischen Nordostwind an. In Horb biegen wir in die Altstadt ein und halten Ausschau nach einer Bleibe für die Nacht. Vergeblich. Entweder ausgebucht oder hochpreisig. Also weiterfahren. Es ist schließlich erst Kaffeetrinkenzeit, noch kein Abend.

Oberstadt von Horb

Noch zwei Neckarschleifen und wir rollen in Rottenburg ein. Vollmundig habe ich Peter angekündigt, dass wir in diesem Ort reichlich Möglichkeiten zum Übernachten finden würden. Schließlich zählt die Stadt fast 50000 Einwohner. Mit meiner Einschätzung liege ich gründlich daneben. Booking.com und andere Portale zeigen keine günstigen Zimmer. Nach einigen Kurven durch die Altstadt erinnern wir uns an einen Wegweiser am Stadtrand, der zum „Gästehaus am linken Ufer“ wies. Ein Anruf, eine freundliche Frauenstimme, eine schnelle Zusage. 15 Minuten später stehen wir vor dem kleinen. kunterbunten Haus. https://amlinkenufer.de/so-sieht-es-aus/

Die Chefin begrüßt uns herzlich und zeigt uns das Grüne Zimmer, das sehr originell gestaltet und eingerichtet ist. Im Frühstücksraum, der immer geöffnet ist, steht ein Getränkekühlschrank, aus dem wir einige Belohnungsbiere entnehmen – zur Bezahlung steht daneben ein kleiner Karton, in dem schon Scheine und Münzen liegen. Hier genießen die Gäste das Vertrauen der Vermieterin.

Auf Schusters Rappen erkunden wir die Altstadt, genießen leckeres Essen und kommen auf diese Weise auch noch zu ordentlicher Laufarbeit. Tagesergebnis: genau 100 km per Rad plus 5 km zu Fuß.

Am nächsten Morgen lacht die Sonne, der Gegenwind hat nachgelassen, und wir machen uns gut gelaunt auf den Weg hinüber nach Tübingen, das ich aus meiner Zeit in Schwaben sehr gut kenne.

Kiebingen
Die Wurmlinger Kapelle
Tübinger Rathaus
Holzmarkt
Mit Peter auf der Bank vor dem Mauganeschtle. am Schloßberg. Auf dieser Bank saßen meine Frau und meine Tochter schon vor 35 Jahren und bestaunten die Stadtkulisse. Heute meint meine Frau beim Betrachten des Fotos, wir seien doch erstklassige Kopien von Statler und Waldorf aus der Muppet Show. Wir werten das einfach mal als Kompliment.

Tübingen atmet studentische, liberale, sehr freundliche Luft. „Tübingen hat keine Universität, Tübingen ist eine Universität“ !

Schließlich reißen wir uns los und steigen wieder auf unsere Rösser. Neckartenzlingen, Nürtingen, Wendlingen. Das Neckartal ist breit, wir rollen durch die Auen dahin. In Plochingen macht der Fluss eine Kurve nach Nordwesten. Industriegebiete, soweit das Auge reicht. Umleitungen, Baustellen, schlechte Radwegbeschilderung. Von Plochingen hin nach Esslingen macht das Fahren keine Freude.

Alte Weberei bei Mittelstadt

Wir sind spät unterwegs und haben erst 70 Kilometer auf der Uhr, als wir die Altstadt von Esslingen durchkurven und uns einen Kaffee gönnen. Leicht gefrustet vom Besuch beim Hotel NIU, wo die Dame der Rezeption nicht den Hauch von Idee zu einer sicheren Radunterbringung hatte, findet Peter schließlich eine Pension oben im Stadtteil Berkheim. So steil geht der Weg hinauf, dass wir schieben müssen. Die Unterkunft ist mäßig und leicht abgeranzt. Nach langer Verhandlung mit der Wirtin darf ich mein Topstone die schmale Treppe hochtragen und es auf den Balkon stellen. Peters Koga kommt am Abend mit in den Hausflur. Wir trösten uns heute mit einem reichlichen Mahl beim Italiener.

Frisch geduscht und guter Laune rauschen wir wieder hinunter nach Esslingen und suchen eine Frühstücksbäckerei.

Das gibt Kraft!

Das historische Altstadtensemble tröstet uns über die miserable Radwegeführung hinweg.

Nächste Station Untertürkheim! Daimlerhausen sozusagen. Etwas wehmütig blicken wir hinüber zum Museum, erinnern uns an die ersten Jahre bei Mercedes und freuen uns, dass unsere Arbeitsleistung in Form der Pension pünktlich jeden Monat auf dem Konto eintrifft.

Endlich, es ist schon Mittagszeit, sind wir wieder in den grünen Neckarauen unterwegs, dann staunen wir über Weinrebhänge extremer Steillage. Hier „müsset die Winzer ganz arg schaffe“ bis der Wein im Fass ist.

Und auch der Neckarradweg zeigt sich jetzt von seiner besten Seite. Mit Spannbrücken vom Feinsten. Auf dem Weg nach Marbach rollen wir durch sattes Grün, sogar ein stolzer Reiher begrüßt uns am Rande der Schillerstadt.

Natürlich kurbeln wir hinauf zum Geburtshaus des Dichters. Die Altstadt ist ein wahrer Augenschmaus.

Und zur Krönung des Tages gönnen wir uns dann ein Viertele „Muskat Trollinger“. Fruchtig, samtig, herrlich rot schillernd.

So kann es weitergehen und wir freuen uns schon auf die nächste Perle des Neckartals. Die Hessigheimer Felsengärten, Kirchheim, dann steigt unsere Neugier auf das Städtchen Lauffen, das eine schöne Altstadt haben soll. Schön? Na, jedenfalls ist Hölderlin hier geboren, zog aber mit seiner Mutter schon im Alter von vier Jahren nach Nürtingen, danach schließlich nach Tübingen. In Lauffen rollen wir über eine in Renovierung begriffene Brücke hinüber zum so genannten Städtle. Wir erlaufen uns diesen Teil des Ortes. Und erschauern vor dem bemitleidenswerten Zustand der meisten Häuser. Blätternder Putz, zugewachsene Türen, vergammelte Zigarettenautomaten, verlassene Wirtshäuser. Das haben wir nicht so erwartet, noch frisch die Eindrücke vom so sorgsam restaurierten historischen Marbach in den Köpfen.

Hier zur Illustration des aktuellen Lauffener Städtle ein paar Fotos und dazu die Plakate, mit denen die Stadt die geplante Sanierung beschreibt. Der 2024er Aufkleber pappt auf der ursprünglichen Jahreszahl 2022! Einfach drübergeklebt. Wir schauen dann 2028 wieder einmal mal vorbei… Wie sagte mir ein alter Herr vor dem einzigen renovierten Haus mit Bank und Blumen vor der Türe: “ für uns interessiert sich keiner in der Stadtverwaltung und im Land“.

Wo sollen wir hier wohl übernachten? Aber: das Gute liegt so nah. An der Neckarbrücke , etwas versteckt hinterm Eck, entdeckt Peter das Gästehaus Schenk. Zimmer frei! Und mit Fahrradgarage! Und eine Treppe runter das Dolce Vita, ein italienisches Restaurant. Bestes Essen, sehr freundlicher Service. Vollkommen unerwartet gut!

Unverhofft kommt oft!

Drei illustre Etappen haben wir geschafft. 100, 75, 80 Kilometer, in Summe 255 km bis hierher.

Über die nächsten drei Tage könnt ihr bald im zweiten Teil des Beitrags lesen.

O schaurig ist’s übers Moor zu gehn

Auch zwischen den Jahren zeigt sich die Sonne nicht. Grau in grau hat sich die Natur gewandet. Ein Wetter, das aufs Gemüt schlagen kann. Was hilft da besser als ein langer Gang durch die Natur. Das Tegeler Fließ bei Lübars hat sich mit Wasser vollgesogen, ich wähle den Weg hinauf zu den Lübarser Höhen.

Die Lübarser Höhen waren einmal ein Müllberg, in unseren Tagen freuen sich die Menschen über viel Grün, Wanderwege und den Blick über das Märkische Viertel. Heute spiegeln sich die Granitplatten im fahlen Licht. Auch solch eine Nahsicht kann reizvoll sein.

Über den Alten Bernauer Heerweg wandere ich durch die Streuobstwiesen hinüber in die Niedermoorwiesen. Efeu und Hopfen und andere Ranken verwandeln die Obstbaumstümpfe in Fabelwesen.

Hier ist totale Ruhe, kein Fuchs, keine Krähe, keine Maus ist zu sehen oder zu hören. Nur wenige Spaziergänger sind unterwegs.

Der Köppchensee hat sich eingehüllt in tristes Grau. Ein schönes Motiv für einen Landschaftsmaler. Hier oben am Aussichtspunkt. Oder eben für einen Fotografen.

Unten am Ufer des kleinen Sees, der aus einem ehemaligen Torfstich entstanden ist, bin ich wieder unter Menschen. Eine gut gelaunte Wandergruppe macht Rast und wärmt sich mit Tee und Leckereien auf. Der Schwan bekommt auch etwas ab.

Nach drei Stunden und 15 Kilometern hat sich meine Laune mächtig aufgehellt. Der Nebel bleibt und wird noch dichter.

N+1

Mein Titan-Granfondo ist nach der Rahmenschweißung in bester Form, das Canyon Endurace weiß, dass seine Zeit im Frühjahr und im Sommer kommt. Die beiden Oldies Colnago Mexico und der Basso Crosser wissen genau, dass sie auch zukünftig maßvoll bewegt werden. Und das Cannondale Taurine MTB freut sich darauf, demnächst Enkel Justus zu zeigen, wie es noch drauf ist. So klafft bald im Bereich der Geländegeräte eine Lücke.

Also: Zeit für ein N+1. Ein echter Graveller soll es sein. Solide, mit genügend Freigang für Reifen bis 45 mm Breite, mit Scheibenbremsen, aus Alu, stabil und komfortabel zugleich. Die Auswahl ist groß. Gravel Bikes sind von Herstellern und deren Marketing-Abteilungen gepusht worden. Die Produktion wurde hochgefahren. Nun drücken die Lagerbestände. Gut für den Kunden, die Preise wackeln, eine wahre Rabattschlacht ist im Gange. Ich will kein Edelrad, aber Rahmen und Komponenten sollten einen ordentlichen Standard haben. Also durchforste ich meine Zeitschriften, lese -zig Testberichte und weiß am Ende doch: Ich muss nur meine eigene Vernunft und meine Erfahrung befragen. So lande ich bei Ridley, Rose und dann Cannondale.

And the winner is: the Cannondale Topstone Apex 1. Bei Fahrrad Rabe in München habe ich bestellt. Versandkostenfrei. Drei Tage Lieferzeit, top verpackt. Und der Preis von gut 1400 € ist gegenüber dem Listenpreis von 2199 € eine entscheidungsförderliche Reduzierung.

Der Rahmen in der Größe M entspricht in der Geometrie nahezu meinem Titan-Granfondo mit Rahmenhöhe 54 cm. Die Verarbeitung der Schweißnähte ist sauber und sorgfältig. Für die Flaschenhalter gibt es am Unterrohr oben drei Ösen. Gut für eine variable Position. Und unten nochmal zwei Ösen für eine dritte Flasche. Die Carbon-Gabel hat drei Aufnahmepunkte für Forkbags. Da kann ich meine Ortliebs wunderbar montieren. Und auf dem Oberrohr befinden sich zwei Befestigungspunkte für eine kleine Tasche. Endlich kein Verrutschen mehr.

Jetzt wird es Zeit, das Gerät in die nähere und fernere Umgebung auszuführen. Dabei werde ich herausfinden, ob die Einstellungen von Lenker und Sattel passen, wie Schaltung und Bremsen sich anfühlen, wie ich am besten Front-und Heckbeleuchtung anbringe …

Also los. Die erste größere Runde führt in den Krämerforst und über die Alte Hamburger Poststraße. Kilometerlang durch den Wald und über Schotter, Sandwege und weichen Humusboden.

Ich bin gespannt darauf, wie es sich mit der 12-fach-Schaltung und einem Kettenblatt mit 40 Zähnen vorn und hinten 11-44 fahren lässt. Locker und leicht! Nur einmal muss ich den Zug nachjustieren. Am Schaltwerk die Rändelschraube eine halbe Umdrehung raus, und schon ist die erste Längung oder Setzung des Zuges ausgeglichen. Feineinstellung!

Die SRAM Apex hydraulischen Bremsen greifen auf 160 mm Scheiben. Definiert und sehr wirksam.

Da macht das Fahren auf Waldwegen Freude. Mein Taurine-Mtb vermisse ich auf Schotter, Split, festem Sand überhaupt nicht. Die Vittoria Terreno Dry, 700x38c rollen komfortabel und spursicher. Den Druck habe ich bei knapp 3 bar eingestellt. Bei weichem Untergrund sollte man sicher den Druck noch weiter absenken in Richtung 2,2 bis 2,5 Bar. Das werde ich noch testen.

Die ersten 100 Kilometer fühlen sich gut an. Auch, weil ich den Fizik-Aliante-Sattel gegen meinen Fizik-Arione Tri 2, der perfekt zu meinem Hinterteil passt, getauscht hatte. Für zukünftige Fahrten bei nassen Wegen habe ich dann noch Schutzbleche montiert. SKS Schutzblech Set 28″ Edge AL. Passen perfekt und lassen noch genügend Freiraum zu den 42 mm breiten Reifen. Hier noch ein paar Eindrücke von der Tour durch die Barnim-Wellen und Wälder und am Oder-Havel-Kanal entlang.

Obligatorisch ist natürlich ein Besuch meiner Lieblingseiche vor der Kirche in Grüntal. Dieser Baum strahlt Kraft, Wärme und Souveränität aus. In jeder Jahreszeit, bei jedem Wetter. Die Stieleiche ist etwa 400 Jahre alt und hat der Erzählung nach schon Napoleon bei seinem Rückzug aus Russland „Obdach“ geboten.

Das Topstone lehnt entspannt an der Eiche von Grüntal, hier schon mit den Edge AL- Schutzblechen von SKS.

Gegenüber im Schaukasten der Herberge hängt ein passendes Schild zum Jakobs-Pilgern. „Reduziere Dein Gepäck auf das Nötigste. Es ist ein gutes Gefühl, mit wenig auszukommen.“ So ist es!

Bei Trampe stürze ich mich dann in den Wald und sauge den Duft von Kiefernharz und feuchtem Laub in meine Lungen. Dem Topstone gefällt es auch sehr gut abseits der asphaltierten Straßen. Wir stürzen uns bei Hohenfinow dann hinunter an den Oder-Havel-Kanal und an den Rand des Oderbruchs. In Niederfinow wird köstliches Bier gebraut, und ein paar Meter weiter ist die skurrile Sammlung eines sehr eifrigen Bastlers zu sehen.

Auf dem Radweg von Niederfinow nach Eberswalde können wir uns noch in der späten Sonne wärmen, und ich schlürfe genüsslich den heißen Ingwertee aus der Thermosflasche. Es wird dämmrig am Finowkanal und dunkel, als ich auf den Berlin-Usedom-Radweg bei Finowfurt in Richtung Bernau abbiege. Ein guter Test für die Beleuchtung. Der Lupine-Akku ist sicher in der Oberrohrtasche untergebracht, die Piko strahlt wie immer breit und weit. Nach hinten blitzt die Lezyne Airstrip Pro. So werden Rad und Reiter nicht übersehen.

Ein kurzer Fotostopp in der beleuchteten Bushalte am Gorinsee, dann noch 10 Kilometer Endspurt bis nach Hause.

Das Topstone ist top! Das kann ich nach den ersten 400 Kilometern Touren durch Wald und Felder zufrieden feststellen. Ein würdiges N+1!

Lost Places in Brandenburg – Bogensee

Mein Basso-Crosser wird bald 35 Jahre alt. Als ich das Rad bei Radsport Holczer in Herrenberg in Empfang nahm, fiel die Mauer in Berlin. Seine Räder rollten zuerst nur in Schwaben, Bayern und auch in der Provence. Erst nach dem Umzug aus dem Ländle ins Brandenburger Land um die Jahrtausendwende durfte es die hiesigen Wälder und Feldfluren erkunden. An uralte Eichen, Ulmen und Linden wurde es angelehnt. Verfallene Bunkeranlagen aus Weltkriegs- und auch DDR-Zeiten durchkurvte es. Alte Flugzeughallen, in denen die Bomber standen, Lungenheilanstalten, in denen schon lange keine Patienten mehr atmen, bestaunte es.

Und vor mehr als zehn Jahren war ich zum ersten Mal mit ihm in Bogensee. Heute, an einem Herbsttag mit klarem Himmel und frischen Lüften, habe ich Lust, wieder durch die bunten Wälder nach Norden zu fahren. In Wandlitz treffe ich an der Anlegestelle am See einen Ex-Rennkajakfahrer, der sein neues Kevlarboot aus dem Wasser zieht. Zufrieden sieht er aus, und er ist es auch. Das Boot ist leicht und nicht so kippelig wie ein Renngerät. Das sei sehr entspannt zu fahren und genussvoll zugleich. Schließlich ist der Sportler gerade in Rente gegangen, wie er mir erzählt. Wir konstatieren, dass die Rentnerzeit geradezu dazu verpflichtet, körperlich und auch geistig aktiv zu bleiben, und wünschen uns in diesem Sinne einen erlebnisreichen Tag. Von Wandlitz bis Bogensee ist es nicht weit. So um die sieben Kilometer. Wenn also die DDR-Granden den FDJ- Schülern in der Kaderschmiede Bogensee einen Besuch abstatten wollten, hatten sie es nicht weit.

Nördlich von Wandlitz führt die Straße hin nach Prenden. Nach drei Kilometern folge ich dem Schild „Bogensee“.

Um halb eins stehe ich vor dem überwucherten Torhäuschen, an dem einst der Zugang zum Gelände kontrolliert wurde. Daneben, offensichtlich jüngst abgefackelt, eine Garage mit undefinierbarem Inhalt. Ein paar Meter weiter begrüßen mich die Hinweistafeln zum längst verlassenen Internationalen Bildungs-Centrum IBC. Seit 1999 wird hier niemand mehr gebildet. Stillstand herrscht, die Natur holt sich die Anlage zurück.

„Herzlich willkommen“ … heute wirkt das wie ein Hohn. Willkommen sind hier bestenfalls Füchse und Wildschweine.

Im einzigen Gebäude, das heute noch genutzt wird, dem ursprünglichen Wirtschaftstrakt der Villa, residiert die „INU“ Waldschule.

Ein paar Meter weiter dann erblicke ich die einstige Göbbels-Villa, die er romantisch seinen „Waldhof“ genannt hat. Schon 1936 schenkte die Stadt Berlin dem Propagandaminister das Nießbrauchrecht für 496 Hektar Land zum 39. Geburtstag. Wahrscheinlich auf Weisung des Führers Adolf H. Dann ließ er das bescheidene Gebäude mit 1600 qm Grundfläche, 30 Privaträumen, 40 Dienstzimmern, einem 100 Quadratmeter großen Filmsaal und 60 Telefonen errichten. Dazu kamen noch Dienst-und Wirtschaftsgebäude für die Versorgung und das Wachpersonal. In den letzten Jahren ist das Gebäude immer mehr von Büschen und Bäumen zugewuchert. Vom bogenförmigen Schriftzug überm Eingang bröselt der Lack, der Putz löst sich in großen Placken.

Die Liebespaar-Skulptur, die erst im Jahre 1986 hier aufgestellt wurde, stammt aus einem Kunstprojekt der DDR. Ute Appelt-Lillack kann ich als die Bildhauerin dieses und auch anderer Werke auf dem Gelände ergooglen. Das Paar ist seit vier Jahren kopflos. Nur ein dicker Stahldraht ragt noch oben aus der Betonskulptur heraus.

Wenn ich mir vorstelle, wie Joseph Göbbels hier seine Rede mit dem Kernsatz: „Wollt ihr den totalen Krieg“ vorbereitet hat, gruselt es mich. Am 18. Februar 1943 wurden die allerletzten Menschenreserven für die Endphase des Krieges mobilisiert,

Alle Männer zwischen 16 und 65 sowie Frauen zwischen 17 und 45 Jahren konnten zur Reichsverteidigung herangezogen werden. Mit der Erweiterung der Wehrpflicht ab August 1943 wurden Hitlerjungen unter 18 Jahren direkt aus Wehrertüchtigungslagern in die Wehrmacht eingezogen . 

Göbbels hat hier zu Kriegszeiten heile Welt samt Familie gespielt und inszeniert.

Heute gibt es auf dem Gelände keinen einzigen Hinweis auf die Historie des Ortes. Keine Informationen, einfach NICHTS! So viel offensichtliche Geschichtsvergessenheit macht mich geradezu zornig.

Auch zur Historie der riesigen Anlage, die Anfang der 50er Jahre als FDJ-Jugendhochschule errichtet wurde, ist nirgendwo eine Information zu finden. Das Ende der DDR bedeutete auch das Ende der FDJ. In den 90er Jahren wurden das Lektionsgebäude, die Wohnhäuser, das Kulturhaus und auch die Ex-Göbbels-Villa von ehemaligen Mitarbeitern der Hochschule als Internationales Bildungs-Centrum bis 1999 weiter genutzt und erhalten. Bis die Kosten zu hoch wurden und die notwendigen Restaurierungsarbeiten das Budget der Organisation weit überstiegen. Die Pleite war die Folge. Ein Nachnutzungskonzept gab und gibt es immer noch nicht. Viele Anläufe, kein Fortschritt. Das Land Berlin als Eigentümer erwägt aktuell den Abriss der Bauten. Der würde aber mindestens 40 Mio. Euro kosten.

Und die hat natürlich Berlin nicht. Stattdessen wird wohl bald eine aktuelle Studie zur möglichen zukünftigen Nutzung erscheinen. Der Einzige, dem das Nutzen bringt, ist wahrscheinlich das beauftragte Planungsbüro. So wird wahrscheinlich Bogensee irgendwann komplett zugewuchert sein. Die nächsten Generationen können dann hier archäologische Abenteuerwanderungen machen.

Mein Basso sieht die Geschichte und die Zukunft von Bogensee mit dem gelassenen Blick eines gereiften Oldies. So wie ich auch. Darauf einen Schluck heißen Ingwertee aus der Thermosflasche.

Nachklapp:

Die bunte Herbstnatur macht dann doch wieder gute Laune.

Herbst

Himmel, Wolken, Farben

Die Luft ist klar, die Luft ist kalt, die Luft duftet nach Erde, feuchtem Gras und Holz. Wir rollen durch die Barnimer Feldmark nach Osten.

Am Ende der herrlichen Lindenallee ist der Kirchturm von Freudenberg zu erkennen. Ein Türmchen wächst schmal aus dem neugotischen Turm in den Herbsthimmel.

Am Giebel einer Feldsteinscheune zwei Davidsterne, dazwischen im Fenster eine halb herabhängende Flagge mit der Aufschrift “ Schwerter zu Pflugscharen“. Gab es hier einmal eine jüdische Gemeinde, eine Synagoge gar? Ich kann nirgendwo eine Information dazu finden… Es ist Mittag geworden, als wir uns die kleine Welle nach Haselberg hinaufarbeiten. Von hier reicht der Blick bis weit in das Oderbruch. Hinunter geht es nach Vevais, einer kleinen Ansiedlung mit hoch interessanter hugenottischer Historie. Nach wenigen Minuten stehen wir vor der kleinen Figurengruppe aus Keramik, die zur Erinnerung an die Kolonistenfamilien, die aus der Gegend von Vevey am Genfer See mit allem Hab und Gut vor mehr als 250 Jahren ins Oderbruch gewandert waren. Die Geschichte dazu habe ich unter dem blau unterstrichenen Link beschrieben.

Eine Viertelstunde später stehen wir wieder vor einem Kunstwerk mit historischem Bezug. Vor der Kirche in Wriezen umkurven wir den Lebensbrunnen des Bildhauers Horst Engelhardt. Offiziell ist es der Marktbrunnen, im Volksmund der Teufelsbrunnen. Je nach Perspektive ein teuflisch-frivoles Kunstwerk. Oben auf dem Granit tanzt ein Fabelwesen. Unten liegt eine Nixe, daneben ein Spielmann und ein Fischer.

Die beiden Titan-Granfondi lehnen an der Bronzefigur mit Helm und Brett vorm Kopf mit der Inschrift „Jeder kann es sich selbst herunter reissen“ . Dem stimme ich einfach mal vorbehaltlos zu.

Nach einer stärkenden Kaffeepause suchen und finden wir den Einstieg auf den Bahnradweg hinüber zur Europabrücke. 10 Kilometer ohne Menschen, ohne Autos. Herrlich!

Herbstfassade in Alt Mädewitz

Die Oder empfängt uns mit einem traumhaften Cumulushimmel über dem noch flutverbreiterten Flussbett. Stehen und staunen.

Auf dem Oderradweg wählen wir die obere Spur auf dem Deich und werden mit den schönsten Ausblicken belohnt, die ein Herbsttag im Bruch bieten kann. Wir rollen und schauen und rollen und staunen. Ein riesiger Cumulus hat sich wie ein Fächer am Himmel ausgebreitet und trägt zur Zierde eine wirbelige, weiße Vorderkante.

In Groß Neuendorf sind die Bahnwaggons des Cafés wieder aus der Flut der vergangenen Tage aufgestiegen und sehen unversehrt aus. An der Wegbiegung leuchtet an der alten Drogeriefassade rot das Herbstlaub.

In Kienitz machen wir halt am Panzerdenkmal, das seit 1970 hier steht. Als Erinnerung und Mahnmal für die Sowjetsoldaten, die hier am 31. Januar 1945 die Oder überschritten und den ersten Brückenkopf auf der Westseite errichteten. Bis zum Ende des Krieges starben danach in der Schlacht um die Seelower Höhen zehntausende Soldaten.

Russischer T 34 – Panzer

Das Titan-Granfondo freut sich über bald 80 Jahre Frieden. Hier jedenfalls.

16 Uhr ist es mittlerweile, 110 Genusskilometer liegen hinter uns. Die Sonne beleuchtet die Oderlandschaft besser, als es die Profis am Filmset vermögen. Der Abschnitt bis Küstrin kommt uns vor wie eine großartige Naturinszenierung. Hier die Stimmungsfotos dazu:

Nach dem zurückgegangenen Hochwasser der vergangenen Woche haben die Bäume immer noch nasse Füße. Ende September, zwei Wochen vor unserer Tour, war der Pegelstand noch zwei Meter höher in Kienitz . Die Kraniche, die Graugänse und die Stare untermalen die beeindruckende Vorstellung mit einem vielfältigen Konzert.

In Neubleyen gelangen wir wieder in die schnöde Realität der Zivilisation. Eine Übernachtung wird hier ab 25 € pro Person geboten. Die Lokalität lockt uns allerdings absolut nicht. Zudem ist der Gasthof geschlossen. Also heißt es weiterfahren, obwohl der Magen knurrt. Aber wir haben ja unsere wohlgefüllten Trinkflaschen dabei. Und Wolfgang stärkt sich mit einer Banane, ich bevorzuge meinen Eiweißriegel. So erreichen wir in lockerer Stimmung den Bahnhof Küstrin-Kietz, wobei wir wissen, dass seit Jahren hier außer dem Bahnanschluss absolut nichts geboten wird. Nur die Luft ist rein und riecht nach Herbst. Ich befrage meine Bahn-App nach der Abfahrtszeit für den Zug nach Berlin. Die erste Zeit leuchtet rot und ist durchgestrichen! Aha! Der Zug fällt aus. Und genau das bestätigen uns zwei nette Mitarbeiter der NEG, die genauso warten wie wir. Nur scheint das für die beiden absolut normal zu sein. Total entspannt unterhalten sie sich weiter. Der nächste Zug geht in 90 Minuten. Eineinhalb Stunden hier herumstehen?! Nein! Also rollen wir hinüber nach Polen, nach Küstrin, dorthin, wo es Bier gibt und auch einen Bahnhof.

Wir haben Glück. Nach zwei Polen, die Schnaps und Bier und noch mehr Schnaps wollen, kaufen wir zwei Flaschen TYSK Bier für den Sparpreis von 3,60 €. Genuss pur. Fast sind wir versucht, noch einen Sixpack für die Bahnfahrt zu ordern. Dann fährt der Zug nach Berlin. Pünktlich. Um 22 Uhr bin ich zu Hause. Ein wunderbarer Tag war das. Natur, Natur, Natur.

Zwei Oldies unterwegs am Main

Voriges Jahr war ich mit Peter an Kocher und Jagst unterwegs. Vier Tage lang kurvten wir an den Flüssen entlang und genossen abends leckeres Essen, Bier und Wein. Als wir uns in Aalen verabschiedeten, er nach Regensburg und ich nach Berlin zurückfuhren, hatten wir schon eine Tour für den Folgesommer im Kopf. Irgendwann im Frühjahr machte ich den Vorschlag, doch den Main abwärts zu erkunden. Nahrung für Körper und Geist. Auf den Spuren der fränkischen Bierbrauer und Winzer, der Historie von Dörfern und Städten.

Am 14. August radle ich zum S-Bahnhof in Berlin-Frohnau und bin gespannt, was die Deutsche Bahn heute für mich an Überraschungen bereit hält auf der Etappe nach Bamberg. 7 h 37 min. , fünf Umstiege. Ein Arbeitstag in der Bahn erwartet mich. Was soll ich sagen, es tritt ein, was selten eintritt: Die Züge fahren pünktlich! Mein Granfondo samt Gepäck bekommt immer einen ordentlichen Platz. So rolle ich gegen 17 Uhr gut gelaunt vom Bahnsteig des kleinen Ortes Küps und suche den Einstieg auf den Radweg an der Rodach entlang, Kurs Michelau, wo ich im Hotel Spitzenpfeil ein Zimmer gebucht habe. Redwitz, Zettlitz, Schwürbitz, dann nach 18 Kilometern endlich der Zielort. Ich überrede den Gastwirt an der Rezeption, dass ich mein Titanrad doch besser auf mein Zimmer mitnehme. Eine leichte Übung, denn ich muss nur um die nächste Hausecke mit eigenem Eingang. Duschen, umziehen und raus ins Getümmel. Besser gesagt, in den fast menschenleeren Ort. Nach einer halben Stunde Ortserkundung bin ich einigermaßen gefrustet. Kein offener Gasthof, kein Laden, einfach nüscht! Nur ein Korbflechtermuseum, ein Tattoostudio… 

Und dann doch die Erlösung: In einem Hinterhof sehe ich an langen Tischen Menschen reden, essen, trinken, lachen. Schon habe ich einen Platz gefunden und werde von einer netten, wild tätowierten Dame nach meinen Essenswünschen gefragt. 20 Minuten später duftet vor mir ein Bolognaiseschnitzel mit Pommes, dazu ein Leikeimer Bier. Ein halber Liter für drei Euro. Das gibt es noch! Und wunderbar schmecken tut es auch. Satt und zufrieden liege ich um 23 Uhr im Bett. Die Hitze will nicht weichen, und abdunkeln lässt sich das Zimmer auch nicht. Irgendwann schlummere ich ein.

Der Wirt, der mir am Abend zuvor die Zimmerschlüssel überreicht hat, bereitet auch die Frühstückstafel. Viel geschlafen hat der fleißige Mann ganz sicher nicht. Personalnot oder Sparsamkeit. Oder vielleicht beides. Um 9 Uhr schiebe ich mein Granfondo auf den Hof und rolle gen Bamberg los. Gegen Mittag sollte Peter am Bahnhof eintreffen. Lichtenfels ist der erste Ort mit Fotomotiven. Wieder einmal Flechtwerk, aber auch moderne Kunst. Vor der Kirche, aus der am Tag von Mariä Himmelfahrt Chorgesang schallt, sind riesige Körbe aufgereiht. Dann stehe ich staunend vor einer Skulptur und dem „Archiv der Zukunft“ der Stadt Lichtenfels. 25 Tonnen Stahl sind zu einer „Weidenplastik“ verarbeitet, zur Darstellung des Baumes, aus dem die Körbe und Geflechte gewonnen wurden und werden.

Vierzehnheiligen, Staffelstein – ich kurbele an der fränkischen Historie vorbei. Am Radweg entdecke ich ein seltenes Bierflaschen-Schuhkunstwerk.

Flasche mit Schuh – Künstler unbekannt

Mein Zeitplan, Peter um die Mittagszeit am Bahnhof Bamberg in Empfang zu nehmen, beginnt zu wackeln, als ich versuche, die gesperrte Brücke in Scheßlitz zu umkurven. Wenige Hinweise auf den Verlauf des Mainradweges! Auch andere Radler sind suchend unterwegs. Ich mache einen Umweg von mindestens 10 Kilometern, bis ich wieder auf Kurs Bamberg bin. Sauerei! Am Ende aber überhaupt kein Problem, weil auch Peter nicht zur vereinbarten Zeit in Bamberg einrollen kann. Ich habe alle Zeit der Welt, um den Bahnhof und das Verpflegungsangebot kennenzulernen und zu testen. Gegen 13 Uhr rollt endlich der Zug aus Regensburg ein, und ich kann Peter in Empfang nehmen.

Peter ist im Nebenerwerb auch Reiseführer. So zeigt er mir als Startschmankerl erst einmal ein paar Sehenswürdigkeiten der historischen Stadt Bamberg. Ein leckeres Bier unter schattenspendenden Platanen schlürfen wir zur Vorbereitung auf unsere erste gemeinsame Etappe auf dem Mainradweg. Guter Start!

Das Granfondo vor dem Alten Rathaus in Bamberg

Reden, schauen, kurven … heute nachmittag werden wir keine Rekordetappe fahren! 40 Kilometer stehen ab Bamberg auf dem Zähler. Bei mir sind es von Michelau aus 85. In Zeil finden wir das Hotel Kolb, wo wir sehr freundlich empfangen werden. Peter und ich haben eine Menge zu bereden, schließlich haben wir uns seit über einem Jahr nicht gesehen. Gutes Essen, leckeres Bier, nette Wirtsleut … was will man mehr!

Marktplatz Zeil im Abendlicht

Es ist halb drei, als wir schließlich am Main entlang in Richtung Zeil rollen. Gemütliche, beschauliche 40 Kilometer werden es heute noch, bis wir im Hotel Kolb einchecken.

Am nächsten Morgen müssen wir unsere „Biobikes“ zunächst einmal hinter den davor geparkten, klotzschweren Elektrobikes hervorholen. Dann starten wir in einen herrlichen Blauhimmeltag. In Hassfurt folge ich den kombinierten Radweg-/ Flugplatzschildern. Irgendwie magisch zieht mich wieder, wie zu meiner Hobbypilotenzeit, eine Startbahn an. Es begrüßt uns ein Starfighter aus den 70ern, eine F 104 G. Ein Oldie, der hier als Blickfang auf dem Vorfeld steht. Die Luftwaffe hatte in der Zeit des Kalten Krieges insgesamt 916 F 104 beschafft und im Einsatz. In dieser Zeit machte sich der Mach-2-Jäger als Witwenmacher einen traurigen Namen. 300 von ihnen gingen durch Unfälle verloren, 269 davon stürzten ab, 108 Piloten kamen ums Leben. Eine unfassbare Serie in den Jahren von 1960 bis 1990.

Auf dem Flugplatz erwacht langsam der Betrieb. Eine Absetzmaschine startet mit Fallschirmspringern, die wir allerdings nicht beim Sprung zu sehen bekommen. Wir reißen uns schließlich los und kurven wieder auf den Radweg ein. Der Main macht bei Schweinfurt einen Bogen nach Süden. Die beiden mächtigen Kühltürme des stillgelegten Atomkraftwerks Grafenrheinfeld kommen in Sicht. Wir entdecken erste Sperrungen von Straßen, die hin zum Atommeiler führen. Auf den kleinen Rastplätzen stehen untypisch viele Autos. Fotostative werden in Stellung gebracht, Ferngläser ausgepackt. Was ist hier nur los, fragen wir uns und dann schließlich Google. Aha: Die Menschen warten gespannt auf die Sprengung der beiden Kühltürme, die für etwa 19 Uhr geplant ist. Wir haben gerade Mittagszeit, und wir wollen noch mindestens vier Stunden Strecke machen. Außerdem schauen wir lieber auf altes Fachwerk als auf zusammenstürzenden Beton.

In Volkach sind wir in Weinfranken angekommen, nur gut, dass es hier auch alkoholfreies Weizenbier gibt, ein wohlschmeckendes iostonisches Getränk. Bis Kitzingen sind es nur noch 20 Kilometer. Es wird Zeit, eine Bleibe für die Nacht zu suchen. Im „Richthofen-Circle“, einer Kombination aus Reiterhöfen, Hotel und einer Wohnanlage, bekommen wir im Hotel Cavallestro ein herrschaftliches Zimmer – in den Gebäuden der ehemaligen Kasernen, die der deutschen Wehrmacht und dann nach Kriegsende den Amerikanern mehr als sechs Jahrzehnte als Garnisonsstandort diente. Peter sinkt in einen ausladenden Sessel, in dem vielleicht schon mal die Offiziere Whiskey und Guinness getrunken haben.

Im Biergarten mit Burger-Restaurant werden wir bestens vom Portugiesen Thiago bedient und unterhalten. Wir sind heute die letzten Gäste.

Am nächsten Morgen starten wir auf unsere dritte Etappe. Bisher stehen 174 Kilometer auf der Uhr. Heute sollen knapp 100 Kilometer dazukommen. Der Mainradweg ist ja eher ein Genusstrack als eine sportliche Herausforderung. Bis Ochsenfurt strömt der Main nach Süden, um dann wieder nach Nordwesten, in Richtung Würzburg zu fließen. Vor dem Goldenen Rosshof des schönen Fachwerkstädtchens greift Peter spontan zum Hörer des dort stehenden Telekom-Rufturmes. Wahrhaft ein Zeichen der neuen, digitalen Zeit. Oder ist es doch nur ein Relikt der vergangenen Jahrzehnte?!

Nach einer Pause mit Kauzen-Weissbier, natürlich alkoholfrei, sind wir kaum richtig in Schwung, da werden wir schon wieder von Kultur- und Genussangeboten gebremst: In Würzburg müssen wir unbedingt einen „Brückenschoppen“ zu uns nehmen.

Peter meint, wir sollten uns erst einmal mit einem Frankenwein stärken. Die Vernunft sorgt dafür, dass wir uns mit einem Achtel begnügen. Dazu noch ein Glas Mineralwasser. Die Urlauber flanieren durch die Altstadt und machen in den Andenkenläden Umsatz. Wir setzen uns wieder auf die Räder und sind im Nu im Himmel, Pardon, in Himmelstadt.

Nach dem Würzburger Brückenschoppen brauchen wir ein paar Kilometer, um wieder ins Rollen zu kommen. Peter will unbedingt ein paar Seitenbacher Proteinriegel und ein Röhrchen ISO-Tabletten kaufen. Nur, hier einen DM-Laden zu finden ist nicht so leicht. Endlich, in Karlstadt, werden wir fündig und können uns versorgen. Es ist 16.30 Uhr, als wir wieder auf Kurs gehen. In Lohr habe ich das Hotel „Bike-Lodge Spessart“ gefunden. Vielversprechend! Aber noch mindestens 30 Kilometer bis dorthin. Bei Gemünden und Langenprozelten rücken die Berghänge immer näher heran an den Main. Die lieblichen Weinberge haben wir hinter uns gelassen. Und der Radweg ist von mäßiger Qualität, zumindest der auf der rechten Mainseite. Unsere Kommunikation wird immer spärlicher, Peter kommt langsam an seine Grenzen. Er hat allerdings auf seinem alten „Göpel“, wie er sein 26″-MTB aus den 90ern nennt, auch wesentlich mehr Tretarbeit zu leisten als ich auf meinem Titan-Granfondo. Also bin ich einfach mal ruhig. Fast 100 Kilometer haben wir geschafft, als die Holzhäuser der Bike-Lodge zu sehen sind, allerdings auf der anderen Mainseite. Also müssen wir noch bis Lohr treten, dann über die Brücke und zurück nach Steinbach. Peter hat schlechte Laune ob des Umweges.

Als wir auf dem Innenhof der Bike-Lodge ankommen, verfliegt die mäßige Laune schnell. Nette Menschen, eine wunderbar gestaltete Anlage im Holzbau. Leckeres Bier und das richtige Futter, um die Kohlenhydratspeicher wieder zu füllen. Christoph von Hutten und seine Frau Eli haben hier, ganz nahe dem Familiensitz Schloß Steinbach, die Bike Lodge Spessart aus dem Holz der eigenen Lärchenwälder gebaut. Respekt! Hier können sich Radler, Wanderer, Touristen wohlfühlen.

Am nächsten Morgen starten wir gut gelaunt auf Etappe Nr. 4 nach Wertheim und Miltenberg. Der Main macht jetzt wieder einen großen Bogen nach Süden. Es hat geregnet in der Nacht, und es soll auch tagsüber nass werden. Zumindest werden wir an diesem Tage auf unsere Sonnenschutzcreme verzichten können. Auf den Kilometern nach Wertheim über Marktheidenfeld und Triefenstein können wir allerlei Historisches, aber auch Skurriles entdecken.

Am Main aufgereihte Markt- und Imbissstände. Präsentationen des örtlichen Handwerks, alles in bunter Reihenfolge. Dann stehe ich vor vergammelten Garagen, davor ein vergammeltes Wohnmobil mir den Aufschriften und Lehrsprüchen einer alternativen Szene. Das hätte ich bis jetzt eher in Berlin-Neukölln verortet, weniger am beschaulichen Main.

Die Stadtoberen sind stolz auf ihre Unternehmen und Unternehmer. Den Titel „Stadt der Weltmarktführer“ dürfen sie auf offiziellen Schildern aber nicht verwenden. Ist auch etwas zwiespältig: Denn Wertheim hat zwar pro Einwohner gerechnet die meisten Weltmarktführer. Das ist aber dann im Vergleich zu Stuttgart, Berlin, München und Hamburg doch wieder wenig. Denn Wertheim zählt ganze 24000 Einwohner. Wie auch immer: Stolz sind sie hier im Ländle der Tüftler und Erfinder. Mögen ihnen auch zukünftig nie die Ideen ausgehen.

Wertheim

In Freudenberg erreicht uns endlich das von Wetteronline versprochene Regengebiet. Rechtzeitig können wir uns unter der Mainbrücke unterstellen und kommen mit einer Gruppe holländischer Radler ins Gespräch, die auf dem Weg nach Wien sind. Sie stecken uns mit ihrer guten Laune an. Eine halbe Stunde später lässt der Regen nach, wir ziehen unsere Regensachen über und kurbeln hinein ins Nass.

Endlich kühlendes Wasser von oben.

Eine Mainkurve noch, und schon rollen wir in Miltenberg ein, wo wir im Hotel Zipf freundlich empfangen werden. Unsere Räder dürfen wir in der Weinbar abstellen. Höchst sicher und komfortabel.

Wir ziehen uns um und machen eine erste kleine Stadtrunde. Hier ein paar Impressionen aus Miltenberg: Viel Historie, viel sorgfältige Restaurierung, Altes und Neues. Angestaubtes und Frisches. Tattoo-Studios neben einer Parfümerie mit 4711-Kölnischwasser. Alte und neue Hüte.

Im Gasthof essen wir erstklassig und genießen den Hauswein. Danach starten wir zur kleinen Erkundung der historischen Altstadt. Es lohnt sich!

Unser Frühstück können wir im Café gegenüber einnehmen.

Heute rollen wir auf unsere letzte gemeinsame Kurzetappe nach Aschaffenburg. Peter wird wieder in Regensburg gebraucht.

Wir wundern uns über diverse Radwegsperrungen – Einheimische sehen das so locker wie wir: Wir fahren einfach weiter. Ein kleiner Bagger baggert ein kleines Loch. Wir schieben 10 Meter, und schon ist wieder der Weg frei. Deutsche Vorschriften für Baustellen und Wegeführung können schon mal leicht irritierend sein.

In Aschaffenburg gibt es für Peter ein 29-Euro-Bayern-Ticket, mit dem er bis zum nächsten Morgen per Bahn durch den Freistaat fahren kann. Diverse Zugausfälle sorgen dafür, dass er das Ticket voll auskosten kann und dann erst spät sein Ziel erreicht. Was soll´s, sagt er, die Beleuchtung will ja auch mal getestet werden.

Ich darf noch einen Tag dranhängen und fahre von Aschaffenburg bis Hanau, dann per Bahn bis Marburg, wo ich im Haus Sonneck, das von Diakonissen geführt wird, ein kleines Zimmer bekomme. Mein Granfondo darf mit und findet eine Bleibe im Bad, wo ich dafür sorge, dass alles so sauber bleibt, wie ich es angetroffen habe.

Am nächsten Morgen gönne ich mir noch eine kleine Tour an der Ohm entlang bis zum Bahnhof Stadtallendorf und steige in die Bahn, die mich mit Umstiegen in Kassel und Dessau, nur einem Zugausfall mit Verspätung wieder nach Berlin bringt. Um 21 Uhr bin ich wieder zu Hause und resümiere die Maintour bei einem kühlen Glas Weißwein.

Schön war es. Schön, mit einem alten Freund zu radeln, gemeinsam zu schauen, zu erleben, zu reden. Danke, lieber Peter, es war mir ein Genuss.

P.S:. Die Hotels, in denen wir übernachtet haben, könnt ihr anklicken zur Info.

Eine Karte mit unserem Track habe ich nicht eingefügt, weil es sehr leicht ist, dem Mainradweg zu folgen. Unter dem Link gibt es umfangreiche Infos und GPS-Tracks zum Runterladen.

Für Genussradler ist der Main ein herrliches Ziel. Einfach MACHEN!