Die Brücke

Schon am 25. Juni 2022 ist sie feierlich eingeweiht worden. Der Ministerpräsident hielt eine Rede.

„Es ist immer eine Freude, gemeinsam mit unseren polnischen Partnern ein gutes Projekt zum erfolgreichen Abschluss zu bringen. Und das ist hier der Fall. Umso mehr, wenn sich dieses Projekt im vorzüglichen Exzellenzlandkreis Märkisch-Oderland befindet.“ 

Diesen Satz der Europaministerin Katrin Lange lese ich auf der Seite der Staatskanzlei des Landes Brandenburg. Und der Marschall der polnischen Partnerwoiwodschaft Zachodniopomorskie (Westpommern), Olgierd Geblewicz, gab schließlich gemeinsam mit dem Ministerpräsidenten Woidke die Brücke für Wanderer, Radfahrer, Spaziergänger und Naturfreunde frei.

Ausgerechnet ich, der ich mich zu den ausgewiesenen Oderbruch-Fans zähle, lasse mir ein halbes Jahr Zeit, das Monument von Freundschaft und Partnerschaft und Zeugnis der Brückenbauerkunst endlich heimzusuchen. Vielleicht lag es daran, dass ich in den vergangenen 15 Jahren gar nicht mehr geglaubt hatte, dass diese Brücke tatsächlich einmal fertiggestellt werden würde.

Die Europaministerin feiert das Projekt als Maßstab europäischer Zusammenarbeit. Geht’s nicht ein bisschen kleiner? So frage ich mich, als ich diese Zeilen lese.

Wie auch immer, das Werk ist vollbracht. Heute werde ich mir anschauen, wie es wirkt, wie es aussieht. Sechs Grad zeigt das Thermometer um 10 Uhr beim Start. Die Sonne hält sich noch versteckt, dafür bläst ein spürbarer Wind aus Südwest. Genau richtig für eine Tour ins Oderbruch. Das erste Foto mache ich erst nach 70 Kilometern Fahrt – in Wriezen, wo mich der markante Marktbrunnen wieder einmal reizt.

Ein Fabelwesen, das Mann und Frau, Tier und Mensch gleichzeitig ist, posiert auf einem riesigen Findling. Primäre und sekundäre Geschlechtsteile werden freizügig hergezeigt. Am Fuß des großen Findlings steht ein Fischer, der sein Netz einholt, daneben sitzt ein Mann mit einem dekorativen Brett vorm Kopf. Text: „Jeder kann es selbst herunter reissen“. Dem habe ich nichts hinzuzufügen.

Heute bin ich langsam unterwegs, schon 13 Uhr ist es. Eine Pause beim Bäcker verkneife ich mir, mich zieht es hin zur Oder auf der Trasse der alten Wriezener Bahn, die vor 100 Jahren einmal ein Teil der Verbindung von Berlin nach Königsberg/ Neumark war. Vorbei an den alten Bahnhofsgebäuden Alt-Mädewitz, Alt-Reetz und Neurüdnitz. Schon lange werden die ehemaligen Bahnhöfe als Wohngebäude genutzt. Nur die verwitterten Schriftzüge künden noch von der ursprünglichen Bestimmung. Schnurgerade verläuft der Radweg 13 Kilometer lang hin nach Bienenwerder zur Brücke. Schon bei meinen ersten Touren an die Oder zu Anfang der 20er Jahre habe ich mich über die Hinweisschilder zur „Europabrücke“ gewundert. Das Bauwerk war seinerzeit in einem jämmerlichen Zustand. Die Brücke Deutschland und Polen verbindet, genauer das Bundesland Brandenburg mit der polnischen Woiwodschaft Westpommern. Einen Hinweis auf das Datum der Namensgebung „Europabrücke“ habe ich nirgendwo finden können. Allerdings hat die Deutsch-Polnische Gesellschaft zu Ehren des großen, versöhnenden Europäers Wladyslaw Bartoszewski eine Bronzestatue und eine Gedenktafel an der Brücke aufgestellt. Bartoszewski hat sich Zeit seines Lebens für den Frieden und die Freundschaft und Versöhnung zwischen Deutschland und Polen eingesetzt. Er hat die Einweihung der Brücke zwar nicht mehr erlebt, aber sicher würde er sich darüber gefreut haben. Er wirkt geradezu wie eine Ermahnung, immer vernünftig miteinander umzugehen, sich zu unterstützen, friedlich und respektvoll.

Die wenig freundschaftliche, wenig vertrauensvolle Zusammenarbeit von polnischen und deutschen Behörden bei der Aufklärung des mysteriösen Fischsterbens im Sommer war jedenfalls wahrlich kein gutes Beispiel, und schon gar nicht „maßstabgebend“ für die europäische Zusammenarbeit. Es gibt noch viel zu tun!

Erinnerung an Wladyslaw Bartoszewski, den Brückenbauer zwischen den Völkern ( Foto Ulf Grieger/MMH)

Als ich gegen 14 Uhr am westlichen Brückenkopf ankomme, bin ich angenehm überrascht. Die Bauzäune sind weg, die Konstruktion in grau wirkt geradezu modern, hat aber auch etwas von einem stählernen Tunnel. Insgesamt ist die Brücke 860 Meter lang, je 330 m auf deutscher und auf polnischer Seite, 200m in der Mitte führen auf einem Damm über die Oderinsel. Ich rolle über die Planken aus Verbundmaterial und wundere mich über die Metallstege, die etwa alle 50 Meter quer darüber liegen. Klapprig und glatt. Und bei näherem Hinschauen nicht besonders gut verarbeitet. Lack bröselt schon von der Oberfläche. Schweißperlen sind nicht sauber entfernt worden. An den Diagonalträgern prangen spitze, scharfe Stahlprofile. Wenn hier jemand nicht aufmerksam fährt, drohen ihm fiese Verletzungen. Wem ist nur solch ein Blödsinn eingefallen?!

Ich erfreue mich am Ausblick über die Weiten der Oder. Aus dieser Perspektive sind Fluss und Uferlandschaft noch eindrucksvoller als vom Deich aus. Nach dem ersten Abschnitt kommt die Oderinsel, und dann der polnische Teil der Brücke mit einer herrlichen Aussichtsplattform. Hier wird die Fahrbahn höchst komfortabel. Ganz fein aufgeraut und ganz ohne Klapperplanken. Holzbänke laden zum Verweilen ein. Tafeln informieren in deutsch und polnisch über die Geschichte der Brücke, Vorbildlich.

Der Radweg führt weiter auf der ehemaligen Bahntrasse nach Osten. Bis zum Bahnhof Sikierki, früher Zäckerig, fahre ich.

Zeit zum Umdrehen, denn 80 Kilometer Rückweg warten auf mich. Den schönen Radweg durch die polnischen Uferauen spare ich mir für das frühe Frühjahr auf. Rund vier Stunden werde ich gegen den Wind brauchen, um über Schiffmühle, am Fontane-Haus vorbei, durch Bad Freienwalde , dann nach Falkenberg und die heftige Steigung die Oderbruchkante hoch. Als ich wieder die Barnim-Wellen erreiche, ist mir wohlig warm geworden. Die innere Heizung funktioniert sehr gut. Es wird dämmrig, Bodennebel bildet sich. Gut, dass ich meine Lupine-Piko vorn und die Lezyne Rückleuchte hinten angebaut habe. So kann mich kaum ein Autofahrer übersehen. Ich komme langsam in meinen Rhythmus. Fast wie bei einem Brevet.

Zwischen Tempelfelde und Albertshof kann ich eine wahre Lichtinszenierung bewundern. Die roten Warnleuchten an den Windrädern wirken wie ein modernes Bühnenbild.

Ich probiere verschiedene Blenden-und Zeiteinstellungen meiner Olympus Tough. Lange Lichtspuren und Farbeffekte ohne jede Nachbearbeitung sind die Ausbeute. Um 19 Uhr, bei km 161, stehe ich wieder vor der Haustür. Zufrieden. Hungrig. Durstig.

Die Dutch-Capitals-Tour, 1000 Kilometer Gegenwind, das Finish

Ich schiebe mein Endurace vor die Tür und gebe den nächsten Trackabschnitt als Ziel ein. 81 Kilometer sind es bis Almere. Ein Blick auf die Wetter-App zeigt noch Niederschlag, der scheinbar nach Osten abzieht. Also los in die Dunkelheit. Ein Kollege aus dem Team ist rausgekommen und zeigt mir den Weg hinaus aus dem Sportplatzgelände. Das ist Service, auch nachts um 0.15 Uhr.

Vereinzelt gischten Autos über die Straße. Große Pfützen stehen auf dem Radweg. Macht nichts. Die Regenüberschuhe halten meine Füße trocken. Mit sanftem Schiebewind nähere ich mich Enkhuizen. Hier fängt es wieder an zu tröpfeln. Weiterfahren! Um halb zwei kurbele ich auf den Houtribdijk hinauf. Über eine hell erleuchtete Schleusenanlage von beeindruckenden 125 m Länge führt der Weg auf den eigentlichen Deich. 25 Kilometer wieder mal: Wasser links, Wasser rechts. Nur ist es jetzt stockdunkel. Meine E3 weist mir den Weg durch die Finsternis. Es regnet wieder stärker, und ich bin froh, dass ich die wasserdichte Schirmkappe unter dem Helm aufgezogen habe. So bleibt die Brille trocken. Der Radweg auf dem Deich hat kaum erkennbare Markierungen, die Oberfläche ist mäßig. Komisches Gefühl: Das Wasser hören und nicht sehen. Kurbeln!

Es fängt an zu schütten. Ich versuche, das zu ignorieren – es ist ja warmer Regen. 17 Grad, mitten in der Nacht, und das am offenen Meer. Nach einer halben Stunde bleibe ich stehen und schaue mich um – keine Lichter von Kollegen zu entdecken. Keiner vor mir, keiner hinter mir. Der Deich gehört den Kaninchen, den Möwen und mir. Auf halber Strecke, irgendwann gegen zwei Uhr wird es im Nordosten heller. Die Sonne kann es noch nicht sein. Die Lichter von Lelystad? Aber der Schein geht so hoch hinauf über den Horizont! Wie eine riesige fliegende Untertasse, die ihr Licht breit, gelb-grünlich mit etwas Violett in den Himmel schickt. Eine halbe Stunde lang werde ich von diesem unglaublichen Spektakel unterhalten. Dann, als ich Lelystad erreiche und in Richtung Almere abbiege, wird es wieder dunkel.

Auf der Suche nach Aufklärung dieses Phänomens, stoße ich auf eine Seite eines niederländischen Fotografen: Er hat das Lichtspektakel dieser Nacht im Bild festgehalten. Es war ein Nordlicht, eine Aurora Borealis. Gar nicht so selten hier am Ijsselmeer.

Nordlicht

Foto: Gijs de Reike

Genau so habe ich den Himmel über dem Meer in Erinnerung, eingebrannt in mein Gedächtnis. Auf den nächsten Kilometern geht mir dieses Bild nicht mehr aus dem Kopf, selten habe ich so viel Bewunderung und Ehrfurcht vor der Natur empfunden.

Diese Nacht ist lang, der Kurs hat wieder in den Wind eingedreht. Der Tacho pendelt um 16 bis 17 km/h. Irgendwann muss doch diese verdammte Kontrolle kommen. Um fünf stehe ich vor der hell erleuchteten Großtankstelle. Glücklich, dass die Bedienung gerade das Brot zum Aufbacken in die Röhre schiebt. Meine Regensachen hänge ich über einen Stehtisch, die Dame der Tanke lässt es geschehen. Zwei heiße Kaffee, Baguette mit Käse und Schinken, und dann fülle ich noch meine Vorräte auf. Gummibären, Snickers und eine große Tüte mit gesalzenen Cashewnüssen. Luxus pur!

Als ich aufbreche, rollen William und Rob um die Ecke. Rob hat auf dem nassen Deich sogar eine Schlafpause eingelegt. Na, hoffentlich bleibt er gesund!

Meine Kräfte sind zurückgekommen. Es kurbelt sich wieder leichter. 1258 Kilometer sind weggearbeitet. Nacken gut, Füße gut, Hände gut, Beine gut! Das mag der Randonneur.

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Kurz vor Utrecht hat es sich eine Schwanenfamilie auf Straße und Gehsteig gemütlich gemacht. Utrecht, Kilometer 1304, Amsterdam, Kilometer 1348, Harlem, Kilometer 1366, s`Gravenhage, Kilometer 1416.

Keine Lust mehr zum Fotografieren, alle Kraft auf die Pedale, alle Konzentration auf die ungezählten Ortsdurchfahrten, ungezählte Ampelknöpfchen, ungezähltes Ampel-Warten, ungezählte Verbundsteinpflaster-Kilometer in den Orten.

So schön ist Holland, so freundlich sind die Menschen, so vorbildlich die Radweg-Infrastruktur. Aber bei einem Ultra-Brevet über 1400 Kilometer will man irgendwann mal nur fahren, ohne Stopps!

Am letzten Kontrollpunkt, s`Gravenhage, rollt Peter Zinner just vor der Tanke aus, als ich wieder starten will. Wir freuen uns beide, denn die letzten Kilometer ins Ziel werden so kurzweilig, und die Schmerzen reden wir einfach weg! Peter spendiert eine kühle Cola als Anschub für die 11 Finish-Kilometer. Wir lassen es locker angehen. Die Sonne lacht, der Wind zeigt, dass er auch ordentlich schieben kann. Um kurz nach 16 Uhr rollen wir auf das Sportgelände in Zoetermeer. Klatschen, Rufen, Händeschütteln… Es ist vollbracht! Ein letzter Stempel ins Heftchen, dann ein Bier und erstmal einfach hinsetzen und zur Ruhe kommen.P1060423

Zufrieden! Der Peter aus Düsseldorf.

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Zufrieden!  Matthias , 92 h 30 Min.

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Auch Willam Dickey aus Irland ist im Ziel

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Und auch der „Deichschläfer“ ist gesund angekommen

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Mein Endurace hat die Strapaze mit Bravour gemeistert. Zuverlässig, komfortabel, leichtfüßig.

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102h 06 min – und fertig!

Mein feucht gewordenes Brevet-Heftchen hat der Veranstalter einfach zum Trocknen auf die Leine gehängt. Peter, der Dritte neben Matthias und mir in unserem Team, fightet noch auf der Strecke. Er beißt und beißt und beißt sich durch. Um halb zehn ist auch er im Ziel. Chapeau!

Die Bilanz:

45 Anmeldungen – 41 Starter – davon 27 im Ziel

> Der Schnellste: Ymte Sijbrandij 67:50 h mit Velomobil DF

> Matthias: 92:30 h mit Troytec Revolution HR

> Dietmar: 102:06 h mit Canyon Endurace CF Pro

Nicht nur Berge, auch Wind und Wetter können selektieren.

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Freude!

Unspektakulär wie die Dutch-Capitals-Tour begonnen hat, so endet sie auch: Zusammensein vor dem Clubheim, ein Bier trinken, Erlebnisse austauschen. Peter aus Düsseldorf macht sich fertig für die Fahrt zum Bahnhof. Er will noch heute Abend nach Düsseldorf zurück. Harter Junge!

Im Hotel gönnen wir uns noch ein paar Absacker-Biere. Ich schlafe schon an der Theke ein. Die Treppe hochstaksen und in tiefen Schlaf fallen. Morgen lacht wieder die Sonne.

Die Dutch-Capitals-Tour, 1000 Kilometer Gegenwind, Teil 1

Matthias war es: Er hat uns infiziert mit dem Erreger! Er hatte sich ihn schon 2012 eingefangen – bei der ersten Auflage der „Dutch-Capitals-Tour“. Mit Bravour nahm er die 1425 Kilometer unter die Räder, und ich las neidvoll und anerkennend seinen Bericht.

Dieses Jahr haben Matthias, Peter und ich uns angemeldet für die Auflage Nr. 2 vom 13.bis 17. Juli. Ich habe die komplette Brevet-Serie gefahren und noch reichlich mittlere Distanzen dazu. 9000 Kilometer habe ich in diesem Jahr schon in den Beinen und fühle mich gerüstet für mein Saisonziel:

1425 Kilometer am Stück, durch alle Provinz-Hauptstädte Hollands – „Dutch Capitals“ eben. Nicht viele Höhenmeter, kommentieren Kollegen. GPSies weist ca. 5900 Hm aus. Aber bekanntlich ist der Wind des Flachländers Berg! Und pusten kann es an Hollands Küsten mächtig – und regnen auch.

Am 12. Juli bringt uns Matthias in seinem Van komfortabel zum Startort Zoetermeer. Am schwierigsten gestaltet sich das Finden des Starts. Kein Hinweis, nichts! Nur ein großes Sportgelände, ein Hundetrainingsplatz und andere suchende Teilnehmer. Dann winkt uns ein Kundiger auf das Gelände, das mit einer Schranke abgesperrt ist: Jubel – hier steht das moderne Gebäude der „Toervereniging Zoetermeer ´77“ .

Wir werden herzlich empfangen, bekannte Gesichter von anderen Langstrecken-Brevets sitzen vorm “ bakje koffie“. Eine sehr persönliche, geradezu familiäre Veranstaltung ist das hier. 42 Starter sind eingetroffen, die Unterlagen werden ausgegeben, Guus van Charante erklärt die wichtigsten Regeln auf Holländisch und Englisch. „Bleibt auf den Radwegen!“, lautet eine deutliche Botschaft.

Alles wirkt unspektakulär, unaufgeregt – sehr beruhigend und angenehm. So ganz anders als bei „PBP“ mit über 5000 Teilnehmern und einer Riesenorganisation.

Am Mittwochmorgen finden wir uns dann gegen 9 Uhr am Startplatz ein. Sehr deutlich ist die Präsenz der schnellen Velomobile und der Liegeräder.

Auch Ymte Sijbrandij, der absolute Star der Velomobil-Rennszene, Weltrekordhalter, Weltmeister …, gibt sich die Ehre. Alle Räder sind langstreckentauglich, wenn auch die individuellen Lösungen sehr unterschiedlich daherkommen. Das Titanrad von William Dickies aus Irland – klassisch mit Carradice-Tasche am Sattel. Oder Matthias‘ Troytec mit den Taschen von Radical an den Seiten. Leo Försters  (Mr. PBP) Markenzeichen ist seit langem die Querstange mit Lampenkollektion und Garmin-Kamera.

Unter den Beifallsbekundungen von einigen Dutzend Zuschauern geht es pünktlich um 10 Uhr auf die ersten von insgesamt 1425 Kilometern. Ein frischer Westwind weht, das Thermometer zeigt 15 Grad. Sehr angenehm, besonders auf den ersten 50 Kilometern. Der Rückenwind schiebt gut. 27 km/h Schnitt trotz Ortsdurchfahrten und Zickzack-Kurs. Velomobile, Lieger und „Uprights“ sausen einträchtig über zum Teil schmale, aber gute Radwege. Südlich von Rotterdam dreht der Kurs dann in den Wind, und wir bekommen die Naturkräfte zu spüren. Schauerwolken türmen sich auf und lassen einen eiskalt klatschenden Regen auf uns niederprasseln. Einige halten an und ziehen die Regenjacken über. Ich fahre weiter. Kurz bevor Nässe und Kälte den Körper erreichen, lässt der Regen nach. Der Gegenwind trocknet uns wieder ab.

Beeindruckend sind die gewaltigen Hubbrücken, wo die Straße für die Durchfahrt riesiger Frachter mal locker 20 Meter nach oben gekurbelt wird.

Nach gefühlten 20 und realen 10 Minuten Pause stürzen wir uns wieder in den Gegenwind. Die Ortsdurchfahrten liegen hinter uns, das Deichland vor uns. Wir rollen zu dritt durch Dünen, über Brücken, am Deich entlang. Schafe knabbern Gras, Möwen fliegen elegante Schwünge. Schön ist das hier in Holland.

Nach 100 Kilometern hat der Veranstalter mitten auf dem Deich eine „Geheimkontrolle“ eingerichtet. Ein Stempel kommt ins Büchlein, der Name mit Zeit in die Liste. Hier soll keiner ungestraft die Hafenrunde um Rotterdam abkürzen können.

Jetzt beginnt Urlaubsfeeling. Weite Strände, Surfer, Badegäste –  fast vergessen wir den fiesen Gegenwind.P1060341P1060342

Wir haben unseren Rhythmus gefunden, kurbeln gleichmäßig. Vor uns schlenkert ein junger Bursche auf dem Deichweg mir einer Angel herum. Ich rufe: Achtung! Er dreht die Angel rechtzeitig zur Seite. Ein paar Meter weiter trifft mich ein klatschendes Etwas auf der Wade, ich drehe mich um – haben die Jungs eine Wasserbombe losgelassen? Nein, sie schauen nicht nur unschuldig, sie sind es auch. Es ist auch keine Wasserbombe, sondern fette, unfassbar stinkende Möwenkacke. Da hat mich doch wahrhaftig eine dicke Möwe aus vollem Flug heraus beschissen. Auch Matthias kann kaum glauben, wie heftig ich getroffen bin. Die Wade, die Socken, der rechte Schuh, die Ortlieb hat einen Streifschuss, Sogar die schöne DT-Swiss-Nabe ist grün bekleckert.

Erste Hilfe leistet Matthias mit einem Paket Feuchttücher. Wade und Hose sind wieder sauber. Der bestialische Gestank bleibt.

Um 17 Uhr erreichen wir Middelburg, die Hauptstadt der Provinz Zeeland. IMG_0830

Matthias ist bester Laune. Wir tun es ihm gleich – Trinkflaschen auffüllen, Kaffee trinken, süße Stückchen verspeisen. Weiter geht die Reise, ab jetzt mit dem Wind im Rücken. 64 Kilometer bis Ossendrecht. Das reiten wir locker ab. Um 20.30 Uhr rollen wir am Kontrollpunkt aus. Hier soll es eine erste Mahlzeit geben. Erwartungsvoll gehen wir in den Gastraum, bestellen Cola ( 0,2 l -Fläschlein), davon schlürfen wir gleich drei leer. Dann verkündet die Wirtin, sie müsse schauen, ob sie noch eine dritte Suppe hätte … Womit hat die gute Frau gerechnet? Randonneure sind hungrig! Nach 20 Minuten stehen unsere Suppen auf dem Tisch. Etwas dünn, aber dafür heiß.

Die nächste Etappe steht an: nach s`Hertogenbosch, der Hauptstadt von Nordbrabant. 104 Kilometer und immer noch leichter Rückenwind. Das wollen wir so lange wie möglich nutzen. Peter hat beschlossen, eine Hotel-Ruhepause in Breda einzulegen. Matthias und mir ist das zu früh für den ersten Tag, wir wollen die Nacht durchfahren und erst in der Folgenacht ein Hotelbett suchen. So verabschiedet sich Peter nach Breda, Matthias und ich   sind die Nachtfalter. Gleichmäßig und ruhig rollen wir über sattglatte Radwege. In Eindhoven erleben wir, wie Prioritätsschaltungen für Radfahrer funktionieren. Langsam an die Radfahrerampel annähern und Wupp, schaltet die Ampel auf Grün! So durchqueren wir zügig die nachtschlafende Stadt.

Um halb fünf beschert uns die aufgehende Sonne Morgennebel und eine echte Turner-Stimmung. Die Vögel sind schon lange aktiv und halten uns auf die beste Weise mit ihrem Gesang wach. Als nächste Provinz ist Limburg dran mit der Hauptstadt Maastricht. An der „Oude Maas“ entlang arbeiten wir uns nach Süden. Matthias würde gerne einen Tack schneller fahren, merke ich. Es läuft gut auf seinem Troytec-Lieger. In Susteren dann machen wir eine kurze Pause, ich etwas länger, und Matthias fährt jetzt voraus. Ich brauche hier eine kleine Auszeit. 20 Minuten später fühle ich mich schon deutlich erholt und steige wieder auf mein Endurace.IMG_0831

Auf dem Weg nach Maastricht und der Kontrolle in Eijsden wird es malerisch. Schmale Wege, Kopfsteinpflaster. Rauf und runter neben der Maas. Ich entscheide mich für den schmalen Pfad hinauf auf den Deich und kann ein paar Meter abkürzen. Psychologisch von Vorteil! In Eijsden ist die Stempelstelle eine Autobahnraststätte, die wir „durch die Hintertür“ betreten. Ein schmales Törchen ist geöffnet, ein paar Meter Matschweg, und schon stehe ich vor der Raststätte – und vor Matthias, der auch noch nicht lange hier ist. Km 469. Ab hier geht es hinein in die Limburger Hügel. Schließlich ist der nächste Kontrollpunkt auch der höchstmögliche in Holland. Stolze 325 Meter hoch. Das hört sich nicht besonders anspruchsvoll an, allerdings gibt es auf den 38 Kilometern einige fiese Rampen zu erklettern. Nach fast 500 Kilometern wird das zäh und tut richtig weh. William Dickey aus Irland sitzt hinter der Leitplanke und repariert seine gerissene Kette. Mein Mitgefühl hat er, helfen kann ich ihm hier nicht.

Matthias, Ed Dekker, Guus van Charante und ein paar weitere Randonneure kommen mir kurz vor dem „Gipfel“ schon wieder entgegen. Also bin ich nur ein paar Minuten hinten. Nicht so schlecht wie ich befürchtet hatte.

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In Vijlen ist die nächste Kontrolle und gleichzeitig eine Möglichkeit zu schlafen. Am helllichten Tag um vier Uhr nicht die ideale Zeit, aber ich brauche eine Auszeit. Matthias ist auch hier, und wir verspeisen köstliche Spaghetti. Während ich mich eine Treppe nach oben in ein spärliches Schlafgemach verziehe, geht Matthias schon wieder auf Strecke. Recht gemütlich ist es nicht. Der einzige nutzbare Platz ist der quer auf einem Zweiersofa. Knapp zwei Stunden ruhe ich hier und horche dem Schnarchen der Kollegen.

In der Nähe von Roermond, bei ca. km 600, will ich eine Hotelpause einlegen. Im „Asselt“ bekomme ich ein Zimmer – Dusche und Toilette auf dem Gang. Das Duschwasser ist heiß, wunderbar, der Schlaf tief und traumlos. Bis um drei. Dann klingelt der Wecker. Schließlich muss ich spätestens um 8.28 Uhr am nächsten Tag in Arnheim sein. Km 674!

Erfreulich erholt und frisch starte ich in die Morgendämmerung. Es rollt! Arnheim erreiche ich gegen 8.15 Uhr. Provinz Gelderland.

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Endurace an lila Scheibenreiniger – Eine Art Screenwash könnte ich hier auch vertragen

Jetzt bin ich wieder „bei der Musik“. Der nächste Punkt ist Hengelo, km 765. Die psychologisch wichtige Halbzeit der Tour. Mit leichtem Rückenwind kann ich wieder Zeit gutmachen. In Hengelo habe ich wieder ein Polster von drei Stunden, in Zwolle bei km 850 dann wieder fünf Stunden. Das beruhigt ungemein! Am Deich nach Zwolle haben zwei Velomobilfahrer ihr Lager aufgeschlagen:P1060360

Um 19 Uhr rolle ich in Zwolle aus. Hier gibt es auch die Möglichkeit zu schlafen, aber ich will den noch deutlichen Rückenwind nach Emmen hin  nutzen. So lange er noch weht. Also verspeise ich köstliche Pasta, genieße die überaus herzliche Gastfreundschaft des Teams, sitze 20 Minuten auf einer weichen Couch und mache mich dann wieder auf den Weg. Ich fühle mich noch gut: keine Schmerzen, der Nacken macht gut mit, nur die Hände sind etwas taub.

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Mit Sonne und Wind im Rücken ist das Fahren der reine Genuss. In sanften Schwüngen über die Deiche durch ein herrliches Naturschutzgebiet. Reiher, Schafe, Kühe, Ziegen – alle in sanftem Abendlicht.

Vor mir fährt William Dickey, ein Randonneur aus Irland, den ich bis zum Ende der epischen Tour immer wieder treffe.

Am liebsten würde ich bis zur nächsten Kontrolle in Emmen fahren, km 936, aber das wird wohl zu spät für die nächste geplante Hotelübernachtung. Also rufe ich Jutta an und nehme ihre bekannt guten organisatorischen Fähigkeiten in Anspruch. 20 Minuten später hat sie ein ein Hotel in Coevorden gefunden und gebucht. 20 Kilometer vor Emmen. Top!

Um 22.55 Uhr stehe ich vor der Eingangstür des Best Western. Das Endurace darf ich auf mein Zimmer mitnehmen. Der Portier zapft mir noch als Schlummertrunk ein großes Bier. Auf dem Zimmer, raffe ich mich noch auf, Trikot und Unterhemd zu waschen, dann falle ich in Tiefschlaf, bis der Wecker um 4.45 Uhr klingelt. Um Fünf bin ich wieder erholt und ausgeruht auf der Piste. Diese Art von Pausen- und Schlafmanagement scheint sehr gut aufzugehen. Nach fünf Stunden Tiefschlaf gibt es so eine Art Reset für Körper und Geist. Es geht frisch wieder von vorne los. So hatte ich mir das erhofft.

Mehr als die Hälfte der Strecke ist geschafft. Ich fühle mich gut, habe keinen einzigen Gedanken daran verschwendet, aufzugeben. So kann es weitergehen.

FOLGE ZWEI kommt morgen. Bleibt neugierig!

Die Dutch-Capitals-Tour, 1000 Kilometer Gegenwind, Teil 2

Fünf Stunden Tiefschlaf liegen hinter mir, ein Snickers aus meinen Vorräten muss als Frühstück reichen. Die Trinkflaschen sind gefüllt – die Powerbar-Elektrolyttabletten lösen sich gut im Wasser auf, das Gesöff – Mango – schmeckt mir auch am dritten Tag noch gut. Drei von diesen 10er Röhrchen habe ich mitgenommen. Eine gute Wahl, denn Wasser bekommt man überall zum Mixen. Der Wettergott meint es immer noch gut mit uns, frischer Wind aus WNW und Sonne. Bis zur Kontrolle Emmen sind es ca. 20 Kilometer. An der Straße sind große Umleitungsschilder aufgebaut. Keine Durchfahrt nach Emmen, auch für Radfahrer nicht?! Von solchen Hinweisen lasse ich mich schon lange nicht mehr beeindrucken. Notfalls nehme ich mein Endurace auf die Schulter und klettere über Barrieren. Ausnahmsweise habe ich mein Oregon auf „Routing Fahrrad“ eingestellt bis zum Kontrollpunkt. In Holland und ausgerüstet mit der „Open-Fiets-Map“ habe ich innerhalb von Orten beste Erfahrungen gemacht. So auch diesmal. Auf schmalen Wegen lotst mich das System direkt nach Emmen, km 936. Nix mit Umleitung. Die meisten Kollegen sind hier 10 km länger unterwegs. So treffe ich an der Tanke wieder einmal William Dickey, der am Vorabend gesehen hatte, dass ich im Best Western verschwand – dann ist er auch noch reingeschlüpft.

Der nächste Wegpunkt ist nur 39 Kilometer entfernt: Assen, die Hauptstadt der Provinz Drente. Auch auf diesem Abschnitt Schilder mit „Umleitung – auch für Fietser keine Durchfahrt“ Doch! Eine kurze Tragepassage, dann geht es auf frischem Asphalt weiter.P1060378P1060379

„Bescheidene Kirchen, bescheidene Häuschen“ – nein: auf dem Weg nach Groningen gibt es wahre Pracht zu sehen. Landhaus reiht sich an Landhaus. Im Vergleich zur eher kargen Provinz Limburg strahlt hier alte, reiche Pracht.

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Groningen, 1001 Kilometer! Diese pschychologische Mauer ist geknackt.

Ein Prachtjuwel mit gold’nem Rand,
ist Groningen, Stadt und Ommeland;
Ein Prachtjuwel mit gold’nem Rand,
ist Groningen, Stadt und Ommeland!

Dort lebt solide Gediegenheit,
der Wille, hart wie Stahl,
dort fühlt das Herz, was die Zunge spricht,
mit direktem, schlichtem Wort.

Dort tost die See, dort heult der Wind, …

So ist es im Groningen-Lied zu lesen. „Dort heult der Wind“ passt besonders gut auf den heutigen Tag. Der Track führt ab jetzt nach Westen – hin nach Leeuwarden. Keine schützenden Wälder, freies Weideland, immer den Pustewind auf der Nase. Und das 70 Kilometer weit. Diese Kilometer werden elend zäh. Kaum einmal zeigt der Tacho mehr als 20 km/h, meistens pendelt die Geschwindigkeit um 17-18km/h. Ich beschließe, damit zufrieden zu sein, mehr geht halt nicht. Und auch so werde ich die nächste Kontrolle erreichen. Mit dieser Einstellung fällt das Langsamfahren leichter.

Zwei Velomobile arbeiten sich langsam an mir vorbei. Sie spüren den Gegenwind kaum. Aber die Piloten der Geräte haben auch nicht mehr viel Power in den Beinen. Bei ihnen ist der unvermeidbare William D.

Matthias hat mehr als 40 Kilometer Vorsprung – auch er hat sich eine Schlafpause von sieben Stunden gegönnt. Er ist bereits in Leeuwarden und auf dem Weg zum Verbindungsdeich. „Wir sehen uns in Hoorn“, schreibt er per sms. So optimistisch bin ich nicht. Mit seinem Lieger hat er doch deutliche Vorteile beim Fahren gegen den Wind.

Leeuwarden, km 1069, Tanke, Sandwich essen, Kaffee trinken.P1060390

Ed unterhält sich mit einem Kollegen, der sein eigenes Servicefahrzeug dabei hat. An den offiziellen Kontrollen ist Unterstützung zulässig. Aber trotzdem nicht so gern gesehen. Ich kann auch profitieren, denn „die Dame des Hauses“ spendiert mir eine frische Füllung meiner Trinkflaschen. 20 Kilometer weiter, in Harlingen, prangt ein riesiges, gelbes „M“, dem ich nicht widerstehen kann. Vorteil von Fastfood ist, dass es eben „fast“ geht. Und so was schätzt der Randonneur. Genauso wie den reichen Kaloriengehalt der Mahlzeiten und die gute Verträglichkeit von Cola bei Belastungen. Bei Langstreckenfahrten mit extrem hohem Energieverbrauch bin ich ausnahmsweise regelmäßiger Gast bei „McD“.

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Im kleinen Örtchen Zurich ( witzigerweise steht an der Straße auch ein „Bankhaus Zurich“), beginnt der Abschlussdeich. 32 Kilometer lang, 90 Meter breit, eröffnet im Jahre 1932. Immer geradeaus, immer gegen den Wind, der passenderweise von West jetzt auf Südwest dreht. Wieder genau von vorn also. Rechts Wasser, links Wasser, und das zwei Stunden lang.P1060398P1060399

Auf der Hälfte der Distanz klettere ich samt Endurace auf die Deichkrone. Ein Foto muss sein.

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Ansonsten ist dieser Abschnitt eher langweilig, dafür umso kraftraubender.

Am Denkmal für den Ingenieur Lely vorbei wieder ans Festland. Hier knickt der Kurs nach Süden, und die Gegenwindpein wird erträglicher. dafür warten zig Kilometer Rau-Asphalt – immer geradeaus.P1060411

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In Hoorn, km 1177, wartet die nächste Kontrolle mit Schlafmöglichkeit. Gegen 20 Uhr treffe ich ein und gönne mir erst einmal ein Festmahl aus Pasta und Tomatensuppe. Das Team ist auch hier umwerfend freundlich und hilfsbereit. Matthias treffe ich hier nicht mehr an, er ist schon zwei Stunden früher wieder auf Strecke gegangen. Er will und muss nicht schlafen. Ich hingegen bin froh, mich eine Treppe höher in einen großen „Matratzenraum“ verziehen zu können. Drei bis vier Stunden will ich ruhen. Peter arbeitet sich derweil noch auf dem Abschlussdeich ab. Nachdem ich aber auf einer Riesenluftmatratze, groß wie ein Schlauchboot, keinen Schlaf finde, klettere ich gegen Mitternacht wieder nach unten und packe meine Sachen. Draußen hat es begonnen zu schütten. Erfreulicherweise sagt das Wetterradar, dass das Regengebiet vorbeigezogen sei. Trotzdem Regenklamotten an, schließlich fahre ich in der Nacht. Und was gegen Nässe schützt, schützt auch gegen Kühle.

Für die folgende Nachtfahrt ist der Nässeschutz äußerst gefragt!

Mehr darüber in Teil 3

Kenne deine Kapazität

In diesem lesenswerten Artikel beschreibt Christoph, ein von mir sehr geschätzter Randonneurskollege, wie man am besten trainiert, um wirklich besser zu werden oder, in wachsendem Alter, fit und leistungsfähig zu bleiben.

https://crispinus.wordpress.com/2022/11/30/kenne-deine-kapazitat/

Schattenrisse

Wenn es nieselt, wenn es grieselt, bei Temperaturen um den Nullpunkt herum, dann ziehe ich das Wandern dem Radfahren vor. Der Aktionsradius ist kleiner, der Blick in die Natur intensiver. So mache ich es heute.

Im Kindelfließ säumen Schwarzerlen die Entwässerungsgräben. Weiter draußen, auf der weiten Wiese, steht eine Huteeiche aus alter Zeit.

Der Hauptstamm misst mehr als fünf Meter im Umfang. Gewitter oder Stürme haben den oberen Teil irgendwann weggerissen. Dann hat sich ein stattlicher Seitentrieb entwickelt. Die Eiche hat sich von den Verletzungen erholt und bietet den Schafen und Pferden im Sommer immer noch kühlenden Schatten.

Wenige hundert Meter weiter, am Rande des Kindelwaldes, steht versteckt eine mächtige Stieleiche. Schon oft habe ich sie besucht und meine Hände auf die mit Spinnweben verzierte Borke gelegt.

In Brusthöhe gemessen, hat der Riese etwa sechs Meter Umfang. Seit mindestens 400 Jahren hat er hier schon Dürren, Überschwemmungen, Kälte und Trockenheit, Kriege und Friedenszeiten überdauert und erlebt.

Auf der Koppel des Reiterhofes stehen das ganze Jahr über Pferde. Einige haben bereits ihr Winterfell entwickelt, nur die Reitpferde mit ihrem dünnen Sommerfell sind auf wärmende Decken angewiesen. Die robusten Ponys scheint die Kälte nicht zu beeindrucken.

Hinter der Koppel erstreckt sich eine herrliche Allee von Feldahorn, Pappeln, Eichen, Kastanien und einigen Linden. Eine ziemlich wilde Mischung unterschiedlicher Arten. Vor 150 Jahren ist hier jemand offensichtlich sehr kreativ gewesen.

Einige Flachwurzler wie Kastanie und Erle hat ein Sturm im vergangenen Jahren umgeworfen. Andere, deren Stammsegmente eine schöne Sitzmöglichkeit bieten, liegen hier wohl schon länger und werden von Käfern, Pilzen und anderen Lebewesen bewohnt.

Irgendwo im Nebel verborgen sind Kraniche zu hören. Zu Gesicht bekomme ich keinen. Graugänse sind noch auf der Reise in südliche Gefilde und schnattern um die Wette. Rabenkrähen stelzen futtersuchend über die Felder. Einige sitzen hoch oben in den Bäumen und rufen weithin zu hören ihr kra, kra, kra.

Die Baumgruppen auf den sanften Wellen des Niederbarnim sehen aus wie Scherenschnitte.

Die Natur begibt sich in den Winterschlaf. Im moorigen Boden wühlen noch Maulwürfe und arbeiten sich warm. Nie sind sie zu sehen. Nur die frisch aufgeworfenen Hügel zeugen von ihrem Dasein. Zwei Rehe bringen Farbe ins Schwarz-Weiß.

Am Ortsrand tauche ich wieder ein in die Welt der Laubbläser und Heckenschneider. Fast an jeder Grundstücksecke ragen Glasfaserkabel aus dem Boden und warten darauf, demnächst Filme, Facebook, Twitter und Homeoffice-Daten mit Hochgeschwindigkeit zu transportieren. Hoffentlich hält die Denkgeschwindigkeit der Nutzer mit.

Die auf einem Wohngrundstück abgestellten Autos mit inliegendem Schrott muten an wie eine Kunstinstallation. „Ist das Kunst, oder kann das weg?“ Das muss weg!

Sehen und gesehen werden

 

Randonneure fahren bei jedem Wetter und zu jeder Jahreszeit. Es gibt kein schlechtes Wetter, sondern nur ungeeignete Ausrüstung.

Vor ein paar Tagen war ich abends mit dem Auto in der großen Stadt unterwegs. Nieselwetter, nasse Straßen, Dunkelheit. Vor mir erkenne  ich in letzter Sekunde einen Fixie-Fahrer – also rein in die Bremse, ausweichen und fluchen!

Schwarze Klamotten, kein Licht, kein Helm. Beste Voraussetzungen, bald im Krankenhaus zu landen. Sicher war das kein Randonneur, denn die sind ja bestens ausgerüstet, immer mit hellem Licht und immer mit Reflexweste unterwegs. So weit die Theorie!

Bei den langen Brevets, wo man die ganze Nacht hindurch auf dem Rad sitzt, habe ich auch schon Randonneure gesichtet, die mit einer Frontfunzel und einem kaum sichtbaren Lichtlein hinten unterwegs waren. Die dann, wenn die Batterien leer waren, einfach ohne Beleuchtung weiter durch die Nacht fuhren. Mehrmals habe ich mit Front- und Rücklicht ausgeholfen, denn einen Satz Leuchten habe ich immer in Reserve. Zugegeben, in unserer Szene ist solch ein Verhalten die Ausnahme. In Berlin-Mitte gehört es fast zum guten Ton, ohne Licht unterwegs zu sein.

Wer nächtens unbeleuchtet und ohne Reflexweste fährt, riskiert sein Leben und kann auch einen Autofahrer lebenslang in Schuldgefühle stürzen.

Um die verschiedenen Möglichkeiten/ Konfigurationen sichtbar zu machen, habe ich gemeinsam mit den Freunden auf einer für Autos nicht befahrbaren Straße mal getestet, wie unterschiedlich „Sehen und gesehen werden“ aussehen kann:

> Zuerst musste Peter seine Reflexweste ausziehen und nur mit einem kleinen Rücklicht losfahren. Außer dem Rücklichtpunkt ist fast nichts zu erkennen. 

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Dunkle Kleidung – nur das kleine Rücklicht ist zu erkennen

> Jetzt nochmal mit Weste und Dynamorücklicht: 

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Hier ein paar Infos zum Thema: Radfahrer sind bei Nacht besonders gefährdet

Wie eine geeignete  Beleuchtung aussehen sollte, kommt auf den Einsatzzweck an:

  • Wer ab und an in der Dämmerung fährt, ist gut beraten, eine gut sichtbare Jacke oder Weste zu tragen, am besten mit Reflexelementen. Dazu eine Akku-Frontlampe und eine Akku-Rückleuchte mit Leuchtdauer 3 bis 5 Stunden reichen allemal.
    Für ca. 100 € zu haben.
  • Wer regelmäßig im Dunkeln fährt, sollte sich einen Nabendynamo und die entsprechenden Front- und Rückleuchten gönnen. Dann ist das Thema Akku-Laden passé.
    Rund 300 € werden fällig.
  • Und  nun zu den Hardcore-Nachtradlern: Viel Licht nach vorn und viel Licht nach hinten! Je nach Wetter und Geschwindigkeit. Meine Lichtanlage sieht so aus: Vorn Nabendynamo SONdelux, Frontleuchte Supernova E3 Pro, dazu für fieses Wetter und schnelle Abfahrten Lupine Piko 4 mit 1200 Lumen und dickem 6400-mAh-Akku. Hinten Supernova E3 Taillight plus Knog Blinder für alle Fälle.
    Mit einem Preis von ca. 600 € ist dies sicher eine sehr teure, allerdings auch überaus leistungsfähige Zusammenstellung. Für den engagierten Fahrer, der bei jedem Wetter und zu allen Jahreszeiten auf dem Rad sitzt, allemal eine gute Investition. Ein einziges Carbonlaufruso viel!
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Eine gut erkennbare Oberbekleidung ist die ideale Ergänzung zur guten Beleuchtung.

Der Hersteller Rapha ist ein besonders gutes Beispiel für den durchgängigen Einsatz von Reflexelementen bei Jacken, Westen und Trikots.

Rapha und E3
Rapha Insulated Brevet Jacket, E3 Taillight ( hier etwas unter Wert geschlagen, weil von der Kamera angeblitzt) und Ortlieb Gravel mit klasse Reflektor

Die Brevet-Serie ist zwar sehr teuer, aber auch absolut top in Qualität und Tragekomfort.

Sehr löblich, dass mittlerweile auch von Vaude und Endura reflektierende Trikots und Jacken angeboten werden.

E3 Geltow
Das  Supernova E3 Taillight ist auch noch in 100 m Entfernung nicht zu übersehen.
Peter Radweg
Auf dem Radweg: Peter mit Mavic-Reflexweste und Supernova E3 Taillight im Licht einer Lupine Piko 4 in mittlerer Leuchtstufe
Rapha und Shakedry

Hier im Bild links die wunderbar wasserdichte und atmende Shakedry von Löffler – leider nur ausgestattet mit einem kleinen Reflex-Markenlogo neben dem Frontreißverschluss. Nachtfahrten mit einer solchen dunkelgrauen „Hightechjacke“ sind nur zu empfehlen mit einem zusätzlichen Reflexgurt darüber, siehe rechtes Foto. Löffler und auch der Shakedry-Erfinder GORE sehen sich noch nicht in der Lage, das Material mit größeren Reflexelementen auszustatten.

Aktuell habe ich mir eine Allwetterjacke von AGU mit Heizelementen und einer LED-Reihe auf dem Rücken geleistet. Sehr warm, sehr gut Sichtbarkeit. Vernünftiger Preis. Besonders für Pendler zu empfehlen.

Merke! Sicherheit für Radfahrer kommt von Sichtbarkeit!

Hier noch ein interessanter Link: https://blog.bikemap.net/de/safety/radfahren-bei-dunkelheit-tipps-fuer-mehr-sicherheit/

In diesem Sinne: Macht euch sichtbar!