Zwei Oldies unterwegs – Im Mai den Neckar hinunter, Teil 2

Der Schlummer war tief in Lauffen, der leckere Primitivo beim überaus freundlichen Italiener hat unsere Gedanken vom sanierungsbedürftigen Lauffener Städtle nach vorn gelenkt auf unsere nächste Etappe. Der Blick aus dem Fenster zeigt um 8 Uhr 18 einen mächtigen Lastenkahn, der Mühe hat, auf dem Lauffener Neckarkanal die enge Kurve zu bekommen.

Wir genießen das Frühstück und sind um 9 Uhr startbereit.

Alle Taschen und der Tailfin-Aeropack wollen jetzt schnell ans Topstone montiert werden.

Die ersten 1o Kilometer in Richtung Heilbronn führen hinauf in die Weinhänge. Ein Weinberg ist auch ein Berg, bemerkt Peter schwitzend. Und nach dem Hinaufkurbeln folgt bekanntlich immer eine schöne Abfahrt. Und der Peter traut sich jetzt auch, die Bremsen mal offen zu lassen.

Weinreben, so weit das Auge reicht. Am Horizont die Kraftwerke von Heilbronn.

Aktuell werden hier noch 4000 t Steinkohle TÄGLICH angeliefert. Der höchste Kamin misst 250 m. Aber die Tage des Kohlekraftwerks sind gezählt. Neben dem alten Block entsteht ein Gaskraftwerk, das mit Flüssiggas gefüttert werden soll.

Links Gewerbebetriebe und Baumärkte, rechts der Neckar und dominierend Industriebauten. Nur noch ein paar Meter bis Neckarsulm, der Heimatstadt von Audi. Die Werksanlagen erstrecken sich über Kilometer am Neckar entlang, wo wir auf einem Info-Panel lesen können, dass es hier schon im Jahre 1905 mit den Neckarsulmer Fahrrädern und Motorrädern angefangen hat.

Auf der Infotafel zur Audi-Historie pappt der Werbeaufkleber einer „Cannabis Business-School“ Wir schnuppern allerdings hier keine süßen Hanf-Düfte, sondern eher miefige Industrieluft.

Endlich rollen wir wieder in die Neckarauen ein. Grün, mit Blütenduft anstelle Industriegestank. Dann urplötzlich stehen wir auf einer Radautobahn, pardon, einem Radschnellweg! Und staunen! Fünf Meter breit, Mittelstreifen, Seitenstreifen… An Fußgänger wurde hier offensichtlich nicht gedacht!

Wer schrauben, pumpen, reparieren muss, hier stehen die Hilfsmittel dazu
Auf dem Radlerzähler sind wir heute Nr. 192 und 193

Wir fahren auf dem ersten Abschnitt eines gerade mit großem politischen Pomp eingeweihten Radschnellweges. Nach etwa einem Kilometer sind wir schon durch… War es das schon? Irgendwann sollen es 18 Kilometer Pendlerstrecke werden. Hoffentlich werden wir das noch erleben. Und hoffentlich dann mit notwendigen Verbesserungen. Denn wenn sich Fußgänger und die Kinder des nahgelegenen Spielplatzes auf die „Autobahn“ verirren, sind sie arg gefährdet.

Schon sind wir wieder auf dem ganz normalen Neckar-Radweg und blicken bewundernd hoch zur Bad Wimpfener Altstadt.

Bad Wimpfen

Wir bleiben ganz nah am Neckar. Gefühlt auf jedem Hügel thront eine mehr oder weniger erhaltene Burg. Hier zu sehen das Heim von Bernolph Frhr. v. Gemmingen-Guttenberg.

Burg Guttenberg

Nur eine Neckarschleife weiter zieht die Burg Hornberg unsere Blicke an.

Im Jahr 1517 kaufte Götz von Berlichingen, der Ritter mit der eisernen Hand, die Burg mit Steinbach und Haßmersheim für 6500 Gulden von Conz Schott von Schottenstein und lebte auf dieser, zusammen mit seiner Familie, bis zu seinem Tode 1562.

Berühmt ist der Satz, den Götz dem Anführer der überlegenen kaiserlichen Truppen zuruft: „Vor Ihro Kaiserliche Majestät hab ich, wie immer, schuldigen Respekt. Er aber, sag’s ihm, er kann mich im Arsch lecken. 

Geschichtsträchtig, aber im überaus negativen Sinne ist auch der hier zu sehende Eingang zum Stollen für den Gipsabbau in Neckarelz. In diesem Bereich sollten gegen Ende des Weltkriegs riesige unterirdische Produktionsanlagen für Flugmotoren entstehen. Die notwendigen Arbeitskräfte wurden von den Konzentrationslagern Natzweiler und Dachau hierhergebracht. Über 5000 KZ-Häftlinge , die schon entkräftet waren, wurden hier gequält. Die beiden Gruben „Friede und Ernst“ wurden umbenannt in „Goldfisch und Brasse“.

Heute wird in dieser Region wieder Gips abgebaut, über 300.000 t werden im größten Untertagebergbau Deutschlands pro Jahr gewonnen und auf Schiffe verladen.

In der nächsten Neckarschleife wartet schon das nächste „Denkmal“ auf uns: das am 11. Mai 2005 stillgelegte Kernkraftwerk Obrigheim. Vor 25 Jahren also. Der Abbau der Anlagen soll in diesem Jahr noch vollendet werden – wer´s glaubt?! Ein Foto der Kraftwerkanlagen spare ich mir.

Dann, in Neckargerach, locke ich Peter auf einen schmalen Weg, der zunächst direkt am Neckar entlangführt, ohne Steigung. Zunächst! Dann aber geht es rauf in den Wald, immer weiter, dann wird der Weg schlechter und schlechter. Das Garmin zeigt immer noch einen fahrbaren Weg, aber der führt vom Neckar weg, auf die Berghöhen hinauf. Schließlich halten wir an, trinken einen Schluck und beschließen den Rückzug. Peter hält sich mit Flüchen zu meinen Navigationskünsten sehr freundschaftlich zurück. „Er hätte es schließlich auch nicht besser gekonnt“, sagt er mir. Danke Peter!

Wir queren hinüber auf die andere Seite nach Neckargerach, wo der offizielle Neckarweg kilometerweit an der Bundesstraße entlangführt. Aber es rollt gut. Wieder staunen wir über eine Burg im Hang, das Schloss Zwingenberg.

Schloss Zwingenberg

Nur noch eine Neckarkurve, dann sind wir in Eberbach und fahren über die mit „Eberflaggen“ geschmückte Brücke in die Altstadt.

Auf der Suche nach einem Quartier kurven wir durch die Gassen, stärken uns mit Weizenbier, fotografieren die Kirche St. Johannes Nepomuk und tun uns schwer, eine Unterkunft zu finden. Peter ist schließlich erfolgreich und stößt auf das Gasthaus Zur Linde in Neckarwimmersbach. Also wieder hinüber auf die andere Neckarseite und rauf auf den Hügel. Hier werden wir freundlich empfangen, das Essen ist preiswert und lecker, und wir wundern uns über das Durchhaltevermögen der beiden Wirtsleute, die praktisch im Alleingang das Geschäft in Gang halten.

Feierabendwein auf dem Balkon des Gasthauses Zur Linde

Die Lüfte sind mild, unsere Laune ist gut, währenddessen hängt der Wirt die Hotelwäsche im Vorgarten auf die Leine: Selbst ist der Mann!

Am nächsten Morgen lacht die Sonne, der Wind bläst uns nicht mehr von Norden ins Gesicht: Radlerglück! Wir sind schließlich hier im Naturpark Neckartal-Odenwald. Noch nie haben wir solche Mengen von blühendem Bärlauch erlebt. Die Luft ist wahrhaft bärlauchgeschwängert.

Schließlich genehmigen wir unseren Rädern eine kurze Pause im Bärlauchbett.

Koga-Burner und Cannondale Topstone im Bärlauchbett

Die Düfte haften noch Stunden später an Sattel und Gepäck. In Ersheim hat der Neckar beschlossen, eine 180-Grad-Wende nach Süden zu machen. Am Ortseingang bewundern wir die kleine, aber höchst sehenswerte Kapelle aus dem 14. Jahrhundert, die mit einer Ölbergdarstellung an der Außenwand beeindruckt. Und drinnen staunen wir über sehr gut erhaltene Fresken und Deckenmalereien aus mittelalterlicher Zeit.

Ölbergdarstellung an der Ersinger Kapelle

Auf dem gegenüberliegenden Hang leuchten das Schloss Hirschhorn mit der darunter liegenden Kirche im Sonnenlicht.

Schloss und Kirche Hirschhorn

Für uns der schönste Abschnitt des Neckar-Radwegs.

Wir können uns kaum sattsehen an so viel geschichtsträchtigen Bauten, reißen uns aber irgendwann los und nehmen unser nächstes Ziel, Heidelberg, ins Visier.

Schon um die Mittagszeit erreichen wir die Karl-Theodor-Brücke, die zur Altstadt hinüberführt.

Wir sind keine Selfie-Fans, aber das hier muss einfach sein. Auf den nächsten Metern tauchen wir ein in das Touristengewimmel. Menschen aus dem ferneren Osten dominieren die Innenstadtachse.

200 Meter weiter nur, und wir stehen vor der Parfümerie Frosch, die schon im Jahre 1942 hier von Frau Frosch eröffnet wurde. Sie hat dann Anfang der 50er Jahre eine kleine Wohnung im Dachgeschoss an meine Schwiegereltern vermietet, mein Schwager kam hier zur Welt. So habe ich einen ganz besonderen Bezug zu diesem Haus, das immer noch genauso ausschau wie vor 70 Jahren.

Mit den 1000 Düften aus dem Laden in der Nase begeben wir uns auf die Suche nach einem Plätzchen, wo wir der Geschichte ein wenig nachhängen können und dazu ein Bier trinken.

Irgendwann reißen wir uns los, gehen über die Neckarbrücke zurück und nehmen Kurs auf die badische Bergstraße. Mannheim werden wir uns sparen und sofort nach Norden in Richtung Bensheim abbiegen.

In Weinheim wähnen wir uns kurz im nahen oder ferneren Osten. Eine Moschee steht mitten in einem Gewerbegebiet. Dann machen wir einfach stoisch Kilometer. Auch in Weinheim können wir kaum Weinreben entdecken. Die Bundesstraße 3 ist gesäumt von wenig attraktiven Gewerbeansiedlungen. Für uns Radler jedenfalls ist das eher langweilig hier. Und den Umweg hinein in die Hänge und Dörfer des Odenwaldes sparen wir uns. Wir sind schließlich auf unserer Schlussetappe. Sulzbach, Laudenbach, Hemsbach, schließlich Bensheim, wo wir auf die Suche nach einem Nachtquartier gehen. Gefühlt jeder dritte Laden ist hier ein Friseursalon. „Josefine, Friseur relax, Ästhetik Beauty, Haargold, Kajaks Hair, Hatice´s hairstyle … “ Aber wir suchen doch nur ein kleines Hotel. Dann wählen wir für unsere letzte Übernachtung das Parkhotel Krone. Schönes Zimmer, prächtige Fahrradgarage. Aber dann auch für uns Gäste kein Platz mehr auf der Restaurantterrasse. „Bin nur allein und kann nicht mehr Tische bedienen“, redet sich der unwillige junge Mann heraus. Wir sind stocksauer und gehen auf die Suche nach einer Alternative. Star Döner, Kebap Haus, Meat Heaven, Rhodos … Und im einzigen Biergarten, der gut aussieht, feiern junge Damen einen Junggesellinnenabschied. Alle Plätze sind besetzt. Langsam macht sich Frust bei uns breit. Die Erlösung finden wir dann im Angebot eines Lidl-Marktes, wo wir uns mit Bier, Wein, Würstchen und Chips eindecken. Für ein wahrhaft frugales Mahl auf dem Hotelzimmer. Wir lassen die Erlebnisse der Woche Revue passieren, schwelgen in unseren Eindrücken, sind zufrieden mit uns und der Welt. Der Schlummer ist gut und die letzten 28 Kilometer hin zum Darmstädter Bahnhof gelingen locker.

Auf geht es nach Darmstadt, Peter!

Letztes Highlight ist ein stolzer Reiher auf der Wiese. Dann stehen wir vorm Bahnhof.

Abfahrt für Peter 12.31 Uhr nach Aschaffenburg und Regensburg , für mich nach Frankfurt und dann nach Berlin um 12.30 Uhr.

Abschied, Schulterklopfen, drücken, herzen, verabschieden – bis zur nächsten Tour in alter Frische, bester Freund!

P.S: Einen kleinen Beitrag zu meiner bisher besten Bike-Package-Konfiguration werde ich in Kürze noch verfassen.

N+1

Mein Titan-Granfondo ist nach der Rahmenschweißung in bester Form, das Canyon Endurace weiß, dass seine Zeit im Frühjahr und im Sommer kommt. Die beiden Oldies Colnago Mexico und der Basso Crosser wissen genau, dass sie auch zukünftig maßvoll bewegt werden. Und das Cannondale Taurine MTB freut sich darauf, demnächst Enkel Justus zu zeigen, wie es noch drauf ist. So klafft bald im Bereich der Geländegeräte eine Lücke.

Also: Zeit für ein N+1. Ein echter Graveller soll es sein. Solide, mit genügend Freigang für Reifen bis 45 mm Breite, mit Scheibenbremsen, aus Alu, stabil und komfortabel zugleich. Die Auswahl ist groß. Gravel Bikes sind von Herstellern und deren Marketing-Abteilungen gepusht worden. Die Produktion wurde hochgefahren. Nun drücken die Lagerbestände. Gut für den Kunden, die Preise wackeln, eine wahre Rabattschlacht ist im Gange. Ich will kein Edelrad, aber Rahmen und Komponenten sollten einen ordentlichen Standard haben. Also durchforste ich meine Zeitschriften, lese -zig Testberichte und weiß am Ende doch: Ich muss nur meine eigene Vernunft und meine Erfahrung befragen. So lande ich bei Ridley, Rose und dann Cannondale.

And the winner is: the Cannondale Topstone Apex 1. Bei Fahrrad Rabe in München habe ich bestellt. Versandkostenfrei. Drei Tage Lieferzeit, top verpackt. Und der Preis von gut 1400 € ist gegenüber dem Listenpreis von 2199 € eine entscheidungsförderliche Reduzierung.

Der Rahmen in der Größe M entspricht in der Geometrie nahezu meinem Titan-Granfondo mit Rahmenhöhe 54 cm. Die Verarbeitung der Schweißnähte ist sauber und sorgfältig. Für die Flaschenhalter gibt es am Unterrohr oben drei Ösen. Gut für eine variable Position. Und unten nochmal zwei Ösen für eine dritte Flasche. Die Carbon-Gabel hat drei Aufnahmepunkte für Forkbags. Da kann ich meine Ortliebs wunderbar montieren. Und auf dem Oberrohr befinden sich zwei Befestigungspunkte für eine kleine Tasche. Endlich kein Verrutschen mehr.

Jetzt wird es Zeit, das Gerät in die nähere und fernere Umgebung auszuführen. Dabei werde ich herausfinden, ob die Einstellungen von Lenker und Sattel passen, wie Schaltung und Bremsen sich anfühlen, wie ich am besten Front-und Heckbeleuchtung anbringe …

Also los. Die erste größere Runde führt in den Krämerforst und über die Alte Hamburger Poststraße. Kilometerlang durch den Wald und über Schotter, Sandwege und weichen Humusboden.

Ich bin gespannt darauf, wie es sich mit der 12-fach-Schaltung und einem Kettenblatt mit 40 Zähnen vorn und hinten 11-44 fahren lässt. Locker und leicht! Nur einmal muss ich den Zug nachjustieren. Am Schaltwerk die Rändelschraube eine halbe Umdrehung raus, und schon ist die erste Längung oder Setzung des Zuges ausgeglichen. Feineinstellung!

Die SRAM Apex hydraulischen Bremsen greifen auf 160 mm Scheiben. Definiert und sehr wirksam.

Da macht das Fahren auf Waldwegen Freude. Mein Taurine-Mtb vermisse ich auf Schotter, Split, festem Sand überhaupt nicht. Die Vittoria Terreno Dry, 700x38c rollen komfortabel und spursicher. Den Druck habe ich bei knapp 3 bar eingestellt. Bei weichem Untergrund sollte man sicher den Druck noch weiter absenken in Richtung 2,2 bis 2,5 Bar. Das werde ich noch testen.

Die ersten 100 Kilometer fühlen sich gut an. Auch, weil ich den Fizik-Aliante-Sattel gegen meinen Fizik-Arione Tri 2, der perfekt zu meinem Hinterteil passt, getauscht hatte. Für zukünftige Fahrten bei nassen Wegen habe ich dann noch Schutzbleche montiert. SKS Schutzblech Set 28″ Edge AL. Passen perfekt und lassen noch genügend Freiraum zu den 42 mm breiten Reifen. Hier noch ein paar Eindrücke von der Tour durch die Barnim-Wellen und Wälder und am Oder-Havel-Kanal entlang.

Obligatorisch ist natürlich ein Besuch meiner Lieblingseiche vor der Kirche in Grüntal. Dieser Baum strahlt Kraft, Wärme und Souveränität aus. In jeder Jahreszeit, bei jedem Wetter. Die Stieleiche ist etwa 400 Jahre alt und hat der Erzählung nach schon Napoleon bei seinem Rückzug aus Russland „Obdach“ geboten.

Das Topstone lehnt entspannt an der Eiche von Grüntal, hier schon mit den Edge AL- Schutzblechen von SKS.

Gegenüber im Schaukasten der Herberge hängt ein passendes Schild zum Jakobs-Pilgern. „Reduziere Dein Gepäck auf das Nötigste. Es ist ein gutes Gefühl, mit wenig auszukommen.“ So ist es!

Bei Trampe stürze ich mich dann in den Wald und sauge den Duft von Kiefernharz und feuchtem Laub in meine Lungen. Dem Topstone gefällt es auch sehr gut abseits der asphaltierten Straßen. Wir stürzen uns bei Hohenfinow dann hinunter an den Oder-Havel-Kanal und an den Rand des Oderbruchs. In Niederfinow wird köstliches Bier gebraut, und ein paar Meter weiter ist die skurrile Sammlung eines sehr eifrigen Bastlers zu sehen.

Auf dem Radweg von Niederfinow nach Eberswalde können wir uns noch in der späten Sonne wärmen, und ich schlürfe genüsslich den heißen Ingwertee aus der Thermosflasche. Es wird dämmrig am Finowkanal und dunkel, als ich auf den Berlin-Usedom-Radweg bei Finowfurt in Richtung Bernau abbiege. Ein guter Test für die Beleuchtung. Der Lupine-Akku ist sicher in der Oberrohrtasche untergebracht, die Piko strahlt wie immer breit und weit. Nach hinten blitzt die Lezyne Airstrip Pro. So werden Rad und Reiter nicht übersehen.

Ein kurzer Fotostopp in der beleuchteten Bushalte am Gorinsee, dann noch 10 Kilometer Endspurt bis nach Hause.

Das Topstone ist top! Das kann ich nach den ersten 400 Kilometern Touren durch Wald und Felder zufrieden feststellen. Ein würdiges N+1!

Lost Places in Brandenburg – Bogensee

Mein Basso-Crosser wird bald 35 Jahre alt. Als ich das Rad bei Radsport Holczer in Herrenberg in Empfang nahm, fiel die Mauer in Berlin. Seine Räder rollten zuerst nur in Schwaben, Bayern und auch in der Provence. Erst nach dem Umzug aus dem Ländle ins Brandenburger Land um die Jahrtausendwende durfte es die hiesigen Wälder und Feldfluren erkunden. An uralte Eichen, Ulmen und Linden wurde es angelehnt. Verfallene Bunkeranlagen aus Weltkriegs- und auch DDR-Zeiten durchkurvte es. Alte Flugzeughallen, in denen die Bomber standen, Lungenheilanstalten, in denen schon lange keine Patienten mehr atmen, bestaunte es.

Und vor mehr als zehn Jahren war ich zum ersten Mal mit ihm in Bogensee. Heute, an einem Herbsttag mit klarem Himmel und frischen Lüften, habe ich Lust, wieder durch die bunten Wälder nach Norden zu fahren. In Wandlitz treffe ich an der Anlegestelle am See einen Ex-Rennkajakfahrer, der sein neues Kevlarboot aus dem Wasser zieht. Zufrieden sieht er aus, und er ist es auch. Das Boot ist leicht und nicht so kippelig wie ein Renngerät. Das sei sehr entspannt zu fahren und genussvoll zugleich. Schließlich ist der Sportler gerade in Rente gegangen, wie er mir erzählt. Wir konstatieren, dass die Rentnerzeit geradezu dazu verpflichtet, körperlich und auch geistig aktiv zu bleiben, und wünschen uns in diesem Sinne einen erlebnisreichen Tag. Von Wandlitz bis Bogensee ist es nicht weit. So um die sieben Kilometer. Wenn also die DDR-Granden den FDJ- Schülern in der Kaderschmiede Bogensee einen Besuch abstatten wollten, hatten sie es nicht weit.

Nördlich von Wandlitz führt die Straße hin nach Prenden. Nach drei Kilometern folge ich dem Schild „Bogensee“.

Um halb eins stehe ich vor dem überwucherten Torhäuschen, an dem einst der Zugang zum Gelände kontrolliert wurde. Daneben, offensichtlich jüngst abgefackelt, eine Garage mit undefinierbarem Inhalt. Ein paar Meter weiter begrüßen mich die Hinweistafeln zum längst verlassenen Internationalen Bildungs-Centrum IBC. Seit 1999 wird hier niemand mehr gebildet. Stillstand herrscht, die Natur holt sich die Anlage zurück.

„Herzlich willkommen“ … heute wirkt das wie ein Hohn. Willkommen sind hier bestenfalls Füchse und Wildschweine.

Im einzigen Gebäude, das heute noch genutzt wird, dem ursprünglichen Wirtschaftstrakt der Villa, residiert die „INU“ Waldschule.

Ein paar Meter weiter dann erblicke ich die einstige Göbbels-Villa, die er romantisch seinen „Waldhof“ genannt hat. Schon 1936 schenkte die Stadt Berlin dem Propagandaminister das Nießbrauchrecht für 496 Hektar Land zum 39. Geburtstag. Wahrscheinlich auf Weisung des Führers Adolf H. Dann ließ er das bescheidene Gebäude mit 1600 qm Grundfläche, 30 Privaträumen, 40 Dienstzimmern, einem 100 Quadratmeter großen Filmsaal und 60 Telefonen errichten. Dazu kamen noch Dienst-und Wirtschaftsgebäude für die Versorgung und das Wachpersonal. In den letzten Jahren ist das Gebäude immer mehr von Büschen und Bäumen zugewuchert. Vom bogenförmigen Schriftzug überm Eingang bröselt der Lack, der Putz löst sich in großen Placken.

Die Liebespaar-Skulptur, die erst im Jahre 1986 hier aufgestellt wurde, stammt aus einem Kunstprojekt der DDR. Ute Appelt-Lillack kann ich als die Bildhauerin dieses und auch anderer Werke auf dem Gelände ergooglen. Das Paar ist seit vier Jahren kopflos. Nur ein dicker Stahldraht ragt noch oben aus der Betonskulptur heraus.

Wenn ich mir vorstelle, wie Joseph Göbbels hier seine Rede mit dem Kernsatz: „Wollt ihr den totalen Krieg“ vorbereitet hat, gruselt es mich. Am 18. Februar 1943 wurden die allerletzten Menschenreserven für die Endphase des Krieges mobilisiert,

Alle Männer zwischen 16 und 65 sowie Frauen zwischen 17 und 45 Jahren konnten zur Reichsverteidigung herangezogen werden. Mit der Erweiterung der Wehrpflicht ab August 1943 wurden Hitlerjungen unter 18 Jahren direkt aus Wehrertüchtigungslagern in die Wehrmacht eingezogen . 

Göbbels hat hier zu Kriegszeiten heile Welt samt Familie gespielt und inszeniert.

Heute gibt es auf dem Gelände keinen einzigen Hinweis auf die Historie des Ortes. Keine Informationen, einfach NICHTS! So viel offensichtliche Geschichtsvergessenheit macht mich geradezu zornig.

Auch zur Historie der riesigen Anlage, die Anfang der 50er Jahre als FDJ-Jugendhochschule errichtet wurde, ist nirgendwo eine Information zu finden. Das Ende der DDR bedeutete auch das Ende der FDJ. In den 90er Jahren wurden das Lektionsgebäude, die Wohnhäuser, das Kulturhaus und auch die Ex-Göbbels-Villa von ehemaligen Mitarbeitern der Hochschule als Internationales Bildungs-Centrum bis 1999 weiter genutzt und erhalten. Bis die Kosten zu hoch wurden und die notwendigen Restaurierungsarbeiten das Budget der Organisation weit überstiegen. Die Pleite war die Folge. Ein Nachnutzungskonzept gab und gibt es immer noch nicht. Viele Anläufe, kein Fortschritt. Das Land Berlin als Eigentümer erwägt aktuell den Abriss der Bauten. Der würde aber mindestens 40 Mio. Euro kosten.

Und die hat natürlich Berlin nicht. Stattdessen wird wohl bald eine aktuelle Studie zur möglichen zukünftigen Nutzung erscheinen. Der Einzige, dem das Nutzen bringt, ist wahrscheinlich das beauftragte Planungsbüro. So wird wahrscheinlich Bogensee irgendwann komplett zugewuchert sein. Die nächsten Generationen können dann hier archäologische Abenteuerwanderungen machen.

Mein Basso sieht die Geschichte und die Zukunft von Bogensee mit dem gelassenen Blick eines gereiften Oldies. So wie ich auch. Darauf einen Schluck heißen Ingwertee aus der Thermosflasche.

Nachklapp:

Die bunte Herbstnatur macht dann doch wieder gute Laune.

Herbst

Himmel, Wolken, Farben

Die Luft ist klar, die Luft ist kalt, die Luft duftet nach Erde, feuchtem Gras und Holz. Wir rollen durch die Barnimer Feldmark nach Osten.

Am Ende der herrlichen Lindenallee ist der Kirchturm von Freudenberg zu erkennen. Ein Türmchen wächst schmal aus dem neugotischen Turm in den Herbsthimmel.

Am Giebel einer Feldsteinscheune zwei Davidsterne, dazwischen im Fenster eine halb herabhängende Flagge mit der Aufschrift “ Schwerter zu Pflugscharen“. Gab es hier einmal eine jüdische Gemeinde, eine Synagoge gar? Ich kann nirgendwo eine Information dazu finden… Es ist Mittag geworden, als wir uns die kleine Welle nach Haselberg hinaufarbeiten. Von hier reicht der Blick bis weit in das Oderbruch. Hinunter geht es nach Vevais, einer kleinen Ansiedlung mit hoch interessanter hugenottischer Historie. Nach wenigen Minuten stehen wir vor der kleinen Figurengruppe aus Keramik, die zur Erinnerung an die Kolonistenfamilien, die aus der Gegend von Vevey am Genfer See mit allem Hab und Gut vor mehr als 250 Jahren ins Oderbruch gewandert waren. Die Geschichte dazu habe ich unter dem blau unterstrichenen Link beschrieben.

Eine Viertelstunde später stehen wir wieder vor einem Kunstwerk mit historischem Bezug. Vor der Kirche in Wriezen umkurven wir den Lebensbrunnen des Bildhauers Horst Engelhardt. Offiziell ist es der Marktbrunnen, im Volksmund der Teufelsbrunnen. Je nach Perspektive ein teuflisch-frivoles Kunstwerk. Oben auf dem Granit tanzt ein Fabelwesen. Unten liegt eine Nixe, daneben ein Spielmann und ein Fischer.

Die beiden Titan-Granfondi lehnen an der Bronzefigur mit Helm und Brett vorm Kopf mit der Inschrift „Jeder kann es sich selbst herunter reissen“ . Dem stimme ich einfach mal vorbehaltlos zu.

Nach einer stärkenden Kaffeepause suchen und finden wir den Einstieg auf den Bahnradweg hinüber zur Europabrücke. 10 Kilometer ohne Menschen, ohne Autos. Herrlich!

Herbstfassade in Alt Mädewitz

Die Oder empfängt uns mit einem traumhaften Cumulushimmel über dem noch flutverbreiterten Flussbett. Stehen und staunen.

Auf dem Oderradweg wählen wir die obere Spur auf dem Deich und werden mit den schönsten Ausblicken belohnt, die ein Herbsttag im Bruch bieten kann. Wir rollen und schauen und rollen und staunen. Ein riesiger Cumulus hat sich wie ein Fächer am Himmel ausgebreitet und trägt zur Zierde eine wirbelige, weiße Vorderkante.

In Groß Neuendorf sind die Bahnwaggons des Cafés wieder aus der Flut der vergangenen Tage aufgestiegen und sehen unversehrt aus. An der Wegbiegung leuchtet an der alten Drogeriefassade rot das Herbstlaub.

In Kienitz machen wir halt am Panzerdenkmal, das seit 1970 hier steht. Als Erinnerung und Mahnmal für die Sowjetsoldaten, die hier am 31. Januar 1945 die Oder überschritten und den ersten Brückenkopf auf der Westseite errichteten. Bis zum Ende des Krieges starben danach in der Schlacht um die Seelower Höhen zehntausende Soldaten.

Russischer T 34 – Panzer

Das Titan-Granfondo freut sich über bald 80 Jahre Frieden. Hier jedenfalls.

16 Uhr ist es mittlerweile, 110 Genusskilometer liegen hinter uns. Die Sonne beleuchtet die Oderlandschaft besser, als es die Profis am Filmset vermögen. Der Abschnitt bis Küstrin kommt uns vor wie eine großartige Naturinszenierung. Hier die Stimmungsfotos dazu:

Nach dem zurückgegangenen Hochwasser der vergangenen Woche haben die Bäume immer noch nasse Füße. Ende September, zwei Wochen vor unserer Tour, war der Pegelstand noch zwei Meter höher in Kienitz . Die Kraniche, die Graugänse und die Stare untermalen die beeindruckende Vorstellung mit einem vielfältigen Konzert.

In Neubleyen gelangen wir wieder in die schnöde Realität der Zivilisation. Eine Übernachtung wird hier ab 25 € pro Person geboten. Die Lokalität lockt uns allerdings absolut nicht. Zudem ist der Gasthof geschlossen. Also heißt es weiterfahren, obwohl der Magen knurrt. Aber wir haben ja unsere wohlgefüllten Trinkflaschen dabei. Und Wolfgang stärkt sich mit einer Banane, ich bevorzuge meinen Eiweißriegel. So erreichen wir in lockerer Stimmung den Bahnhof Küstrin-Kietz, wobei wir wissen, dass seit Jahren hier außer dem Bahnanschluss absolut nichts geboten wird. Nur die Luft ist rein und riecht nach Herbst. Ich befrage meine Bahn-App nach der Abfahrtszeit für den Zug nach Berlin. Die erste Zeit leuchtet rot und ist durchgestrichen! Aha! Der Zug fällt aus. Und genau das bestätigen uns zwei nette Mitarbeiter der NEG, die genauso warten wie wir. Nur scheint das für die beiden absolut normal zu sein. Total entspannt unterhalten sie sich weiter. Der nächste Zug geht in 90 Minuten. Eineinhalb Stunden hier herumstehen?! Nein! Also rollen wir hinüber nach Polen, nach Küstrin, dorthin, wo es Bier gibt und auch einen Bahnhof.

Wir haben Glück. Nach zwei Polen, die Schnaps und Bier und noch mehr Schnaps wollen, kaufen wir zwei Flaschen TYSK Bier für den Sparpreis von 3,60 €. Genuss pur. Fast sind wir versucht, noch einen Sixpack für die Bahnfahrt zu ordern. Dann fährt der Zug nach Berlin. Pünktlich. Um 22 Uhr bin ich zu Hause. Ein wunderbarer Tag war das. Natur, Natur, Natur.

Das Titan-Granfondo, der Kettenstrebenschreck und ein versöhnlicher Ausgang.

Der Kettenstrebenschreck: Nach meiner Kienitz-Frankfurt-Tour bekam ich beim Putzen erst große Augen, dann wurde mir ganz anders. Ein deutlich erkennbarer, fast umlaufender Riss direkt neben dem Kettenblatt! Das darf doch bei Titan nicht passieren, dem Rahmenmaterial, dem ewige Haltbarkeit nachgesagt wird. Und doch ist es Realität. Ich drücke die Strebe seitlich weg – der Riß wird breiter. Was habe ich für ein Glück gehabt, dass ich nicht bei der Abfahrt hinunter nach Falkenberg bei 70 km/h einen veritablen Abflug gemacht habe. Erleichterung, Enttäuschung, dann Ärger. Ich mache Fotos vom Schaden und schicke sie an Kinesis UK.

Kinesis meldet sich schnell zurück. „Sorry to see you have a crack in your GF Ti Frame“, und der Service macht das Angebot, einen aktuellen Rahmen mit 25% Rabatt zu erwerben. Leider war die Garantie schon 2020 abgelaufen. Also jetzt 2000 € investieren und den gecrashten Rahmen verschrotten?! Darauf habe ich absolut keine Lust.

Was tun also? Ich suche im Internet nach Spezialisten, die Titan und insbesondere Titanrahmen schweißen können. Die Auswahl in deutschen Landen ist bescheiden. Aber schließlich werde ich in Mecklenburg Vorpommern fündig: „Rotte-Schweißtechnik repariert Fahrradrahmen aus Aluminium, Stahl und Titan“. Die Homepage ist informativ, garniert mit Fotos von geschweißten Rahmen mit unterschiedlichen Schäden. Vielversprechend! Ich rufe also in Waren an. Matthias Rotte ist offensichtlich ein Handwerker aus Überzeugung, einer, der das, was er tut, gerne tut. Und er kommt ursprünglich aus meiner alten Heimat Westfalen. Erst seit zwei Monaten wohnt er am Müritzsee und ist hierher mitsamt seiner Werkstattausrüstung umgezogen. Ich sende ihm Fotos meines Rahmens, und schon in der Folgewoche machen wir einen Termin bei ihm zur Reparatur. Morgens hinfahren und das hoffentlich perfekt geschweißte Titanteil am selben Tag wieder mitnehmen können. Gute Aussichten. Auf der Homepage sehe ich mir das YouTube Video eines Mountainbikers an, der einen veritablen Rahmenbruch hatte. Das überzeugt mich vollends, und meine Vorfreude steigt.

Als ich mir die Fahrtroute zum Müritzsee und die Adresse von Matthias Rotte genau ansehe, erinnere ich mich an eine Tour im Oktober 2020, als ich auf dem Weg zur Ostsee in Waren übernachtete und das Granfondo an eine riesige Schiffsschraube an der Einfahrt zum Campingplatz Kamerun angelehnt habe. Von hier ist die Werkstatt von Matthias gerade mal ein Kilometer entfernt.

Heute habe ich mit dem Auto für die 150 Kilometer keine zwei Stunden gebraucht. Mit dem Granfondo war ich seinerzeit sieben Stunden unterwegs. Pünktlich um 9.30 Uhr stehe ich bei Matthias Rotte vorm Tor.

Hier sieht es mehr nach einem Feriendomizil als nach einer Schweißerwerkstatt aus. Matthias empfängt mich herzlich, und schon sind wir mitten im Thema. Den Rahmen unterm Arm begleite ich ihn in die kleine, aber feine Werkstatt. Wir reden über das Langstreckenfahren, die Ausrüstungen dazu, dann kommen wir so nebenbei zum Riss in meiner Kettenstrebe, Pardon, im Rahmen des Granfondo. Das wird nicht so schwierig, meint Matthias nach genauer Begutachtung. Schon ist der Patient eingespannt, und die Arbeit kann losgehen. Ich verabschiede mich zu einem Rundgang durch das Städtchen Waren, Matthias widmet sich derweil der Kettenstrebe. Er wird mich anrufen, wenn das Werk vollendet ist.

Die beiden Fotos stammen aus der Homepage von Matthias.

Ich spaziere durch Waren, laufe zum Hafen, trinke einen großen Kaffee. Schön hier. Ich nehme mir vor, mit dem wiedergenesenen Granfondo Titan bald wieder hierher zu kommen. Auf dem Weg zur Ostseeküste, als idealer Zwischenstopp. Die Zeit vergeht schnell, um halb zwei ruft Matthias an: Er ist zufrieden mit der Reparatur. Das Ergebnis ist zu seiner Zufriedenheit. Ich bin gespannt und mache mich wieder auf den Weg zur Stillen Bucht in Kamerun. Schon eine wilde Adresse!

In der Werkstatt zeigt mir Matthias die feine Schweißnaht.

Er ist zufrieden, ich bin zufrieden. Ich zahle meinen Obolus für die geleistete Arbeit und mache mich auf den Heimweg. Am frühen Abend bin ich wieder daheim. Jetzt muss sich das Werk nur noch im harten Praxiseinsatz bewähren. Und mindestens eine Woche soll ich dem Metallgefüge Zeit geben, sich zu beruhigen.

Zeit- und Kilometersprung: Heute, zwei Wochen und 250 Kilometer später wieder fertig montiert:

Den Schaltzug habe ich, ausgehend vom Innenlager, außen verlegt, weil wir entschieden hatten, die Eingangsöffnung in der Kettenstrebe zu verschließen. Vielleicht lag genau hier die Wurzel des Übels. Eine Sollbruchstelle möglicherweise.

Vorne wird jetzt mit einer Campa-Super Record gebremst, die ich noch in meinem Bestand hatte. Die hydraulische Felgenbremse von SRAM war nicht mehr ordentlich zu entlüften, nachdem eine Dichtung den Geist aufgegeben hatte.

In dieser Konfiguration habe ich dann in dieser Woche einen Ritt mit Gravel-, Pflaster, Platten- und Waldeinlagen über 160 Kilometer absolviert.

Bravo Matthias, alles hält, alles bestens! Danke dafür.

Ein Bericht über die schöne Tour folgt.

Himmel und Erde in Kienitz

Werde ich heute nass oder bleibe ich trocken? Wer weiß? So packe ich meine Shakedry-Regenjacke in den Aeropack. Bekanntlich kann man das Regenrisiko maßgeblich durch die Mitnahme von Regensachen herunterschrauben. Schließlich regnet es ja auch selten, wenn man einen Regenschirm dabei hat.

Erst um halb zehn sitze ich auf dem Granfondo und setze Kurs nach Osten, hinein in den Barnim und die großen Felder und Wälder. Es rollt! So mache ich den ersten Halt erst in Grüntal an meiner Lieblingseiche. So richtig gut sieht ihr Blattwerk in diesem Frühjahr nicht aus. Einiges Totholz wird sichtbar. Ich lehne mein Rad vorsichtig an ihren monumentalen Stamm. Warm fühlt sich die Rinde an, als ich meine Hände auflege.

Neben dem 400 Jahre alten Baumriesen und vor der Kirche hat die Gemeinde in diesem Frühjahr einen Gedenkstein für den „Besitzer Grünthals“, den Justizrat Carl August Julius Schuetz, aufgestellt. Folgende Information entdeckte ich auf Wikipedia:

„Im Jahre 1826 gründet Carl August Julius Schütz in Grüntal die erste Brauerei nach bayrischer Art, „es war das erste bayerische Lagerbier, das in der Mark Brandenburg gebraut wurde“ (nach R. Schmidt 1922, 1928). Er hatte sich vorher in Süddeutschland ausführlich über das Brauen untergärigen Bieres erkundigt und den Bamberger Küfer (Fassmacher) und Bierbrauer Conrad Bechmann (* 1801 in Pommersfelden; † 1881 in Berlin)[7] als Braumeister für die Produktion gewonnen“

Wer heute in Grüntal nach einer Brauerei sucht, sucht vergebens. So gerne hätte ich hier einmal , am besten unter der riesigen Eiche vor der Kirche, ein „Grünthaler Unterhöler“ getrunken. Genauso, wie seinerzeit der Reichskanzler Otto von Bismarck.

Über Gersdorf, an Hohenfinow vorbei, rausche ich schließlich hinunter nach Falkenberg und dann an der Abbruchkante des Oderhanges entlang nach Bad Freienwalde. An den Wegrändern blüht der Mohn und leuchtet in herrlichem Rot. Ausnahmsweise mache ich kein Foto, ich warte auf ein riesiges Blütenfeld als Motiv. Aber leider warte ich heute auf eine Mohnorgie vergeblich. In Hohenwutzen erreiche ich die Oder und biege auf den wunderbaren Radweg ein. Es beginnt zu tröpfeln, hinter mir schiebt sich eine Schauerzelle heran. Also reintreten und dem Regen davonfahren. Es gelingt! Ist aber recht kraftraubend für mich, so zwischen 25 und 30 km/h zu fahren. Früher ging das auch lockerer, als ich beim 400er Brevet zusammen mit Wolfgang und Matthias bis Kienitz mit einen Schnitt von 27 unterwegs war. 10 Jahre liegt das nun zurück.

Die Europabrücke moderte zu dieser Zeit noch vor sich hin, heute kann man wunderbar nach Polen hinüberrollen und den Blick über die Oderauen genießen. Ob das Kirchencafé Himmel und Erde wohl geöffnet hat? Ja, es hat. ( Mittwochs- Sonntags von 12 bis 18 Uhr). Einfach schön, heute habe ich Glück.

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Ich gönne mir ein großes Stück hausgemachten Erdbeerkuchen, dazu einen erstklassigen Milchkaffee. Den beiden Radfahrerinnen, die auch im Kirchencafé sitzen, erzähle ich von der Trockenlegung des Oderbruchs und dem wunderbaren Buch von Norman Ohler: „Die Gleichung des Lebens„. Vor meinem inneren Auge kommen gerade Leonhard Euler und der Oberdeichinspektor Simon Leonhard von Haerlem durch die Kirchenpforte. Aber nein, die beiden haben ja hier im Auftrag von Friedrich II. schon vor über 270 Jahren gezeigt, was sie konnten.

Fast eine Stunde bleibe ich im Kirchencafé Himmel und Erde. Ein Ort zum Wohlfühlen!

Dann rolle ich weiter entlang der Oder. In Küstrin steige ich heute noch nicht in die Bahn. Nächstes Ziel: Frankfurt. Die Oderauen zeigen sich in herrlichem Licht unter dem dynamischen Himmel mit im Norden vorbeiziehender Schauerfront. Heute bin ich dem Regen immer 10 Kilometer voraus.

Am Rande des Reitweiner Sporns füttere ich noch einmal meine Kohlenhydratspeicher mit einer Banane. Die Mohnfelder, auf die ich gehofft hatte, bekomme ich immer noch nicht vor die Augen. Entweder sind sie verblüht oder ich fahre immer ein paar Kilometer an ihnen vorbei. Die weißen Rinder und die Pferde am Hang von Lebus entschädigen mich für das entgangene Blütenrot.

Die Wüste Kunersdorf kann mich auch heute nicht locken. Ich spare meine Kräfte für die kleinen, aber fiesen Rampen auf dem Wege nach Frankfurt. Diese Stadt zeigt mir auf den Straßen hin zum Bahnhof ihr weniger attraktives Gesicht. Hochhäuser, vergammelte Häuserfronten,

Das ehemalige Lichtspieltheater der Jugend, die Frankfurter Tafel in einem Gebäude mit eingeworfenen Fenstern… Ich lese auf der Seite des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kultur, dass hier einmal das Brandenburgische Museum für moderne Kunst entstehen soll… Ein Architekturwettbewerb war auf europäischer Ebene schon 2020 ausgeschrieben. Die Fördermittel stehen bereit… berichtet stolz die Ministerin Manja Schüle. Nur kann ich an dem Gebäude beim besten Willen weder Hinweise auf die Zukunft, noch Umbauaktivitäten erkennen. Auch hier: zerborstene Fenster, Graffiti, Unrat…

Und hier der aktuelle Stand der Planung, zu lesen in der Süddeutschen Zeitung vom 16.Februar 2024:

Aha, nun weiß ich mehr und bin, wie sooft bei ähnlichen Bauvorhaben und Politikereigenlob reichlich desillusioniert.

Der Stadt Frankfurt/Oder und ihrer historischen Bedeutung samt Viadrina, Heinrich von Kleist, bis zu Henry Maske kann ich an diesem Spätnachmittag nicht mehr gerecht werden. Ich werde wiederkommen und die schönen Seiten suchen.

Ich beeile mich, den Bahnhof zu erreichen. Diese Stadt kann mich zumindest heute nicht zu weiteren Erkundungen locken. Der Zug fährt pünktlich, um 20 Uhr bin ich wieder daheim.

Schönes, Erhabenes, Hässliches, Erstaunliches… Alles habe ich an diesem Tag vor die Augen bekommen.

P.S Als ich am Folgetag mein Titan Granfondo vom Staub der Tour befreie, entdecke ich höchst Unliebsames: Die Kettenstrebe hat einen deutlich erkennbaren, fast umlaufenden Riss! >>> Darüber werde ich mich nach dem Verdauen des ersten Schrecks in Kürze detailliert auslassen.

Birnen, Lady Agnes, Bernsteinzimmer und Wunderblut

Die Wettervorhersage für den 30. April verspricht einen warmen, fast wolkenlosen Tag mit spürbarem Ostwind. Beim Frühstück entsteht vor meinem inneren Auge eine Strecke hinein ins Havelland und dann an die Elbe. Ein kleiner Film mit den Bausteinen aus vergangenen Brevets, Ausfahrten mit Freunden und all den Touren, die ich mit dem alten Colnago, dem Basso, dem Endurace oder immer öfter mit meinem Granfondo gemacht habe. Heute flüstert mir einmal mehr das Titangerät ins Ohr, es sei doch wohl das ideale Gefährt für diese Tour. Zumal das angebaute, leichte Aeropack von Tailwind weiter erprobt werden will. Die Contis sind auf 6 Bar aufgepumpt, Kette und Ritzel gereinigt und sparsam geölt. Die Trinkflaschen sind mit Isogetränk gefüllt, und zwei Eiweißriegel stecken in der Fronttasche.

Los geht es nach Westen über Hennigsdorf und Nauen auf den Havelland-Radweg. Bei Bötzow ein kurzer Fotostopp am Meilenstein, den ich wieder einmal durch Anlehnen auf seine Standfestigkeit überprüfe.

Granfondo mit Tailfin-Aeropack am Meilenstein zwischen Hennigsdorf und Bötzow

Über Wansdorf und Pausin nach Paaren im Ländchen Glien, wo gerade die Brandenburgische Landwirtschaftsschau vorbereitet wird.

Ab Nauen rolle ich auf dem Havelland-Radweg durch duftende Rapsfelder hinüber nach Ribbeck, wo ich wieder einmal nach dem im Jahr 2000 gepflanzten Birnbaum schauen will. Geht es ihm gut? Hat er geblüht? Wird er Früchte tragen?

Seit dem vergangenen Jahr hat er wieder erkennbar an Höhe und Umfang zugelegt. Der Römischen Schmalzbirne scheint es zu gefallen am Standort des ursprünglichen, im Gedicht besungenen Segensbringers. Zur Erntezeit werde ich sicher wiederkommen und mir eine süße Frucht gönnen, so mir die Touristen welche übrig lassen. Das Schloss Ribbeck strahlt in der Frühlingssonne; im Park davor liegen die drei Havelnixen des Bildhauers Knuth Seim. Mein Granfondo will gar nicht mehr weg von hier.

Im Schloss werden mannigfaltige Ausstellungen gezeigt, der Park kann sich sehen lassen. Und Fontane würde sich sicher über den Stellenwert seines Gedichtes freuen. Wobei man dem Dichter sicher nicht gerecht wird, wenn man ihn auf die Birnbaum-Ballade reduziert. Zumal er von sich selbst sagt, dass Gedichteschreiben nicht zu seinen Stärken zählte. Der kleine Ort Ribbeck hat sich in den vergangenen Jahren zum wahren Kleinod entwickelt. Fast hätte ich mich von den in der Alten Schule angebotenen Kuchenköstlichkeiten zur Pause verführen lassen. Aber es ist gerade Mittag, da sollte ich noch ein paar Kilometer machen. Über Pessin und Senzke erreiche ich die Ortschaft Haage, wo ich mich von einem Wanderweghinweis nach Görne verführen lasse, mich über den tiefsandigen Waldweg nach Westen vorzuarbeiten. Zwanzig Minuten absteigen, aufsteigen, fluchen… Dann bin ich wieder auf festem, fahrbaren Grund. Als Belohnung für die Mühen beginnt in Görne ein wunderbarer Radweg, der nur abschnittsweise durch die typische „Platte“ unterbrochen ist. Aussichten, Weite, Havelland eben. Vom Feinsten!

Auf den 15 Kilometern hin nach Stölln begleite ich einen Mountainbiker, der die Strecke schon früh um fünf gefahren war. „MdRzAuz“ : so lautet die gängige Abkürzung auf STRAVA für: Mit dem Rad zur Arbeit und zurück. Er freut sich auf seinen Feierabend, ich genieße die kundige Begleitung. Nahe Stölln, vor dem Gollenberg, wächst die Lady Agnes beim Näherkommen immer höher aus den Wiesen zum vollen Format. Sie steht am wahrscheinlich ältesten Flugplatz der Welt, wo Otto Lilienthal schon 1893 die ersten Flugversuche mit seinen Gleitern machte. Drei Jahre später stürzte er aus 15 Metern Höhe, durch eine Windböe aus dem Gleichgewicht gebracht, zu Tode. Oben, auf dem Gollenberg erinnert ein Denkmal an den Urvater der Fliegerei. Am Rande des heutigen Segelflugplatzes steht zu Ehren und Erinnerung an den Flugpionier auch die IL 62 , ein Geschenk der DDR-Interflug an die Gemeinde Stölln. Flugkapitän Kallbach brachte den Jet am 23.Oktober 1989 spektakulär auf der 900-m-Graspiste auf den Boden und zum Stehen. Normalerweise braucht eine IL 62 zur ordentlichen Landung eine 2500 m lange Betonbahn.

Die „Lady Agnes“ ist nach Agnes Fischer, der Frau von Otto Lilienthal benannt.

Ich lasse die Lady hinter mir und fahre den Hügel zur Ortschaft Stölln hinunter. Hier steht als Blickfänger eine ausgemusterte Zlin Z 37 Cmelak ( Hummel), die ich schon so oft fotografiert habe. Bei Brevets, beim Zeitfahren Hamburg-Berlin, bei zahlreichen Touren mit Freunden.

Auf der Wiese vorm Museum nisten in symbolischer Weise für die Vorbilder der Lilienthal-Gleiter zwei Störche, die sich auch dieses Jahr das prominente Nest ausgesucht haben. Sie wissen offensichtlich um die Geschichte und ihre Bedeutung. Drinnen hängt unter der Decke ein ausgestopftes Exemplar mit ausgebreiteten Schwingen.

Die nächste Pause will ich in Havelberg machen und endlich einmal den riesigen Dom, der so klotzig und trutzig auf der Hangkante über der Havelaue thront, aus der Nähe betrachten. Er sieht mehr aus wie eine Festung als eine Kirche. St. Marien besitzt keinen echten Turm, dafür aber den riesigen 33 Meter hohen Westriegel, der aus Backstein und Grauwacke gebaut ist. Das Bauwerk stammt in seiner Urform aus dem 12. Jahrhundert und wurde mehrfach ergänzt und umgestaltet. Eine Schönheit ist er dadurch nicht geworden, imposant ist er allerdings. Etwa 40 Höhenmeter muss ich einen steilen Weg erklimmen, bis ich auf dem Domplatz stehe. Mit dem Kopf im Nacken mache ich ein paar Fotos und brauche mein Weitwinkelobjektiv, um das Bauwerk ganz aufs Bild zu bannen. In der ehemaligen Domschule, gegenüber der Kirche, residiert das italienische Restaurant La Cucina. Es sieht sehr einladend aus mit der herrlichen Terrasse und dem Blick über die Stadt. Weizenbier und Apfelstrudel munden köstlich und bringen verbrauchte Energie schnell wieder in meinen Körper.

„In der einstigen Propstei, direkt neben dem Dom, unterzeichneten Zar Peter I. und König Friedrich Wilhelm I. am 27. November 1716 die ‚Konvention von Havelberg‘ im Rahmen der antischwedischen Koalition. Gastgeschenke: as Bernsteinzimmer und die Staatsyacht gegen 200 ‚Lange Kerls‘ für den Soldatenkönig.“ Dieser Text auf der Tafel an der ehemaligen Propstei am Havelberger Krankenhaus erinnert seit vielen Jahren an den Besuch beider Monarchen“ ( Zitat aus der Seite des Havelberg-Heimatvereins).

Beim Lesen dieser Zeilen bekomme ich eine Ahnung davon, dass in diesem kleinen Ort vor 300 Jahren große Politik gemacht wurde. Heute würde man sagen, Friedrich Wilhelm I. und Zar Peter I. hatten einen Deal gemacht. In der Zeit des Aufenthalts in Havelberg haben die beiden Herrscher den Berichten nach Feste gefeiert, viel getrunken und gegessen und waren wohl kaum nüchtern beim Verhandeln. Irgendwann ist der Zar dann auf der ihm von Friedrich geschenkten Yacht, oder besser, dem luxuriösen Holzboot, wieder zurück gen Petersburg geschippert. Das legendäre Bernsteinzimmer wurde kurze Zeit darauf von Berlin zum Zarenpalast transportiert.

Und das alles geschah hier, in Havelberg, dem Städtchen mit heute gerade 6500 Einwohnern.

Nach der wohltuenden Rast mache ich mich auf den Weg nach Bad Wilsnack und seiner Wunderblutkirche. Über Quitzöbel, wo die Havel in die Elbe mündet, nähere ich mich von Süden her Bad Wilsnack. In den Jahren von 1382 bis 1552 pilgerten tausende Gläubige zu den „Bluthostien“, die in der Wunderblutkirche aufbewahrt wurden. Hier die Geschichte in kurzer Fassung aus Wikipedia:

Im August 1383 wurde der in der Prignitz gelegene Ort Wilsnack von Raubrittern gebrandschatzt. Auch die Kirche wurde stark beschädigt, und der Priester des Ortes fand drei mit Blut befleckte Hostien. Dies wurde als ein Wunder gedeutet und zog bald Tausende von Pilgern an, die auf Heilung von Krankheiten oder Straferlass hofften oder später auch zur Vollstreckung von testamentarischen Anordnungen kamen. Durch die Abgaben und Spenden der Pilger konnte in Wilsnack eine große Wallfahrtskirche St. Nikolai gebaut werden, und es wurde schließlich zu einem der fünf bedeutendsten Wallfahrtsorte Europas.

Friedrich II. von Brandenburg pilgerte zwischen 1440 und 1451 sechs Mal nach Wilsnack, wo es jährlich bis zu einhunderttausend Pilger aus ganz Europa gab. Schon Ende des 14. Jahrhunderts war die Gegend um Wilsnack, in der es kaum eintausend Einwohner gab, von Pilgern völlig überlaufen.

Die Reformation setzte der Wallfahrt ein Ende. Nach der Verbrennung der Wunderbluthostien durch den ersten protestantischen Pfarrer von Wilsnack im Jahre 1552 fiel Wilsnack in die Bedeutungslosigkeit zurück.

Neugierig auf die Kirche kurbele ich die letzten Kilometer und dann hinein ins „Stadtzentrum“, wobei der kleine Ort mit gerade 2500 Einwohnern die Stadtrechte seit dem Jahre 1513 besitzt. Der Baukörper von St. Nicolai ragt weit über die umgebenden Gebäude hinaus.

Auf dem mächtigen Renaissance-Giebel steht ein schmächtiges Glockentürmchen. Leider ist die „offene“ Kirche nur bis 16 Uhr geöffnet. Ich bin zu spät, um den Wunderblutschrein zu besichtigen, und ein Blick auf meine Bahn-App zeigt, dass der RE in Richtung Berlin in wenigen Minuten kommen soll. „Kleine Stadt, große Kirche, kurze Wege.“ Der Zug rollt ein, als ich am Bahnsteig ankomme. Fahrzeit nach Spandau 1 h 14 min. So bin ich schon um halb sieben wieder in Berlin und kann gemütlich die verbleibenden 18 km nach Hause radeln.

Das Granfondo ist zufrieden mit der heutigen Ausfahrt und hat sich an die Aeropack-Trägertasche gewöhnt. Nichts klappert, nichts steht über oder im Wege. Eine Tasche, die man beim Fahren überhaupt nicht merkt. Die nächste Tour wird dann über mehrere Tage gehen und dann mit mehr Gepäck. Schaun mer mal.

Bäume, Wasser und riesige Findlinge

Nach Nordosten, bis die Oder kommt. Das ist das Motto meiner Freitagstour. Über die Barnimwellen nach Heckelberg und Kruge. Dann den Feldweg hinüber nach Krummenpfahl. Mein Auge kann sich nicht sattsehen an der ergrünenden, erblühenden Natur. Bei zwei Eichen liegt ein mächtiger Findling, der mich zur ersten Pause animiert. Das Alter der Bäume schätze ich auf etwa 100 Jahre, der rundgeschliffene Granit hat am Ende der letzten Eiszeit vor 10000 Jahren hier seine Reise, die irgendwo in Skandinavien begann, beendet.

Von der schon kräftig strahlenden Sonne erwärmt, fühlt der Stein sich angenehm wohlig an. Die kupfergrüne Spitze der Gersdorfer Kirche lugt über den Feldhorizont. Nur ein paar Minuten weiter, in Dannenberg, grüße ich die Gerichtslinde. In ihrem 500-jährigen Leben von Blitzeinschlägen mehrfach malträtiert, steht sie immer noch trotzig da und treibt auch in diesem Frühjahr wieder frische Triebe.

Gerichtslinde in Dannenberg bei Freienwalde

Dann schwinge ich mich in den Wald hinunter nach Bad Freienwalde, vorbei an der Skisprungschanze, die mir immer wieder aufs Neue in dieser Gegend deplatziert vorkommt. Mit fast 50 km/h rausche ich hinunter in die Altstadt. Beim Bäcker im Norma-Supermarkt vertilge ich eine Riesenschnecke und schlürfe einen genauso riesigen Milchkaffee. Die Bedienung ist wie immer freundlich, und mein Granfondo habe ich direkt vor mir im Blick. Auf dem Titel der am Wandhaken feilgebotenen BILD lese ich, dass Fürst Albert „die Krise wegwinkt“. Was auch immer damit gemeint ist … Die Titelseite zu lesen reicht mir allemal.

Ich reiße mich von der Qualiätslektüre los und kurbele weiter nach Schiffmühle, vorbei am Fontanehaus, hinüber nach Altglietzen und Hohenwutzen. Die Äcker und Wiesen im Oderbruch ähneln nach dem nassen Winter immer noch einer Seenlandschaft.

Endlich bin ich auf dem Radweg am Ufer der Oder. Blauer Himmel, tiefblaues Wasser, überflutete Auen. Die Bäume haben nasse Füße. Zwei Schwäne ziehen würdevoll ihre Bahnen. Ich denke an Fontanes Zitat :

Der Reisende in der Mark muß sich … mit einer feineren Art von Natur- und Landschaftssinn ausgerüstet fühlen. Es gibt gröbliche Augen, die gleich einen Gletscher oder Meeressturm verlangen, um befriedigt zu sein. Diese mögen zu Hause bleiben“

Ich sauge die Natur einfach ein in meine Seele, das tut gut.

Vogelgezwitscher, weidende Rinder, blühende Sträucher. Da rollt es leicht und lustvoll. Allein bin ich auf weiter Flur. Keine Radler, nur ein paar Wanderer sind unterwegs. Eine Stunde später stehe ich an der Brücke bei Stolpe, staune wieder einmal über den „Grützpott“, der klotzig seit geschätzt 800 Jahren über der Hangkante thront.

Zeit für eine kleine Pause. Ich genieße einen Proteinriegel und bin froh, dass ich zwei Trinkflaschen dabei habe. Bei 16 milden Grad verlangt der Körper Flüssigkeit. Als ich nachschaue, wann die Züge von Schwedt, meinem geplanten Tagesziel, nach Berlin fahren, sehe ich erstaunt: „Schienenersatzverkehr“ bis Angermünde. Und Busse transportieren Fahrräder bekanntlich nur, wenn man Glück hat. Darauf will ich mich nicht verlassen und setze Kurs in Richtung Angermünde. In Alt-Galow quere ich die Alte Oder über die Brücke und arbeite mich die Rampe nach Schöneberg hoch. 50 hm können auch ganz schön in die Beine gehen. Über Felchow erreiche ich die Bundesstraße 2, die nach Angermünde führt. Leider viel befahren und auf den ersten Kilometern ohne Radweg. Bei Dobberzin biege ich nach Kerkow und dem Mündesee ab. Endlich wieder Ruhe. Der Weg wird sandig, dann rumpele ich über einen so typischen Plattenweg mit Kanten und Löchern. Ich bin auf dem Mündeseerundweg, der mich in großem Bogen erst nach Osten, dann nach Süden zur Stadt führt.

Am höchsten Punkt des Weges steht diese mächtige Findlingsplastik mit dem Namen „Leuchtturm“, gebaut vom niederländischen Bildhauer Ton Kalle. Von hier hat man einen herrlichen Blick auf den See und Angermünde. Eine gute mentale Entschädigung für die Rüttelfahrt auf dem Plattenweg. Mein Granfondo läuft wie immer perfekt und harmoniert sehr gut mit dem Aeropack von Tailfin. Nichts wackelt, nichts klackert. Mit gutem Grund haben sich so viele Ultradistanz-FahrerInnen für die Gepäckbrücke der Engländer entschieden. Für mich ist das die ultimative Tasche für lange und auch kurze Touren, denn sie wiegt knapp 1 kg, ist absolut wasserdicht, wirkt bei Regen wie ein Schutzblech, und sie ist bequem zu beladen und zu komprimieren. Heute wäre ich natürlich auch ohne Oberrohrtasche und die Tailfin ausgekommen. Aber so ein Test vor den nächsten Mehrtagestouren beruhigt enorm.

Ich verlasse den Leuchtturm und freue mich, dass der Plattenweg endet und ein asphaltierter Abschnitt folgt. Die Silhouette der Stadt Angermünde suggeriert eine viel größere Stadt als diese mit etwa 13.000 Einwohnern. Am Seeufer am Altstadtrand erwarten mich weitere Findlings-Kunstwerke. Monumental immer, manchmal brutal, andere filigran.

An einem Anlegesteg neben dem „Segel mit Durchsicht“ komme ich mit einem Radler in meinem Alter ins Gespräch, der sein Bike auch langstreckentauglich ausgerüstet hat. Er wohnt schon seit 20 Jahren hier und fühlt sich offensichtlich wohl. Der Bürgermeister gehört keiner Partei an und hat in den vergangenen 10 Jahren viel Kunst und Kultur hier etabliert. Ein guter Grund für mich, zu einer intensiven Stadtbesichtigung bald wiederzukommen. Der Zug nach Berlin fährt in knapp einer Stunde. So rolle ich noch gemütlich bis Chorin, steige dort in den RE3 und gönne mir noch die 26 km von Bernau aus bis nach Hause. Knapp 150 km sind es heute geworden.

Natur, Kultur, Menschen … was will ich mehr. Schön war es.