Zur Derfflinger Eiche – Sonne für die Seele

Die Sonne sorgt für die Ausschüttung von Serotonin, Dopamin und Noradrenalin. Das sind die sogenannten Glückshormone. Im Umkehrschluss fördert graues Winterwetter mit wenig Licht miese Stimmung und macht müde. Wenn „wetteronline“ also nach einer grauen Woche einen Tag mit acht Stunden Sonne vorhersagt, wäre es geradezu sträflich, drinnen zu bleiben.

Körper und Seele mit Nahrung versorgen, das wollen Wolfgang und ich an diesem Sonnenfreitag. Start halb elf praktisch vor seiner Haustür in Pankow, um dann möglichst schnell aus der Stadt hinaus in die Felder und Wälder zu kommen. Die Äste der Eiche, die vor unserem Haus steht, schwingen im aufkommenden Westwind. Die Luftströmung sollte nicht nur die letzen Wolken vom Himmel verscheuchen, sondern uns auch auf dem Weg nach Osten ordentlich Schub geben. Ich packe mich gut in meine Winterjacke ein, drunter ein Merino Trikot und an den Beinen die treffliche Winterhose von La Passione. Eine Thermosflasche habe ich mit Ingwertee gefüllt, die Apfelsaftmischung in der zweiten darf ruhig kalt werden. Mit meinem Granfondo rolle ich um 9.30 Uhr los, dann werde ich pünktlich eine Stunde später nahe beim Schloss Schönhausen, dem vereinbarten Startpunkt, ankommen. Ich bin viel zu früh dort, so mache ich noch eine kleine Extrarunde durch den Majakowskiring. Hier wohnten einst Hans Fallada und Arnold Zweig, dann nach dem Krieg Ulbricht, Honecker und Grotewohl. Das ehemalige Polit-Bonzenviertel mit seinen Gründerzeitvillen erstrahlt in frischem Glanze. Die heutigen Bewohner dürften nicht zu den Ärmsten der Stadt zählen. Nahe dran der Amalienpark mit seinen Mietervillen im Landhausstil. Über 100 Jahre stehen sie schon hier. Bei der Einfahrt entdecke ich die Skulptur eines sitzenden Paares. Friedlich und irgendwie Sanftheit ausstrahlend. Die Berliner Bildhauerin Carin Kreuzberg hat sie 1976 geschaffen. Und viele andere im gleichen Stil, die allesamt im Osten des Landes zu finden sind. Genau wie die Skulpturen ihres Lehrers Drake. Mutig, gar modern ist der Stil nicht, aber schön anzusehen allemal.

Carin Kreuzberg, Liebespaar 1976

Wolfgang führt uns nach Osten über Malchow in die Barnimer Feldflur. Auf dem Weg nach Osten wundern wir uns über in Bau befindliche Riesengaragen. Offensichtlich Winterparkplätze für die Wohnmobile der Großstädter. Trappenfelde, ein Garagenort. Die Großtrappe, den namensgebenden Riesenvogel, bekommen wir leider nicht zu Gesicht.

In Altlandsberg gibt es nicht nur einen schönen Altstadtkern mit Mauer und Türmen zu sehen, nein, die wahre Attraktion ist der Fahrradhof! Seit über 20 Jahren baut hier Peter Horstmann sein damals noch kleines Radlädchen immer weiter aus. Professionell, originell, außergewöhnlich. Einen Ausflug wert für alle, die an Rädern und am Radfahren interessiert sind.

Hunderte von alten Rädern sind an der Fassade aufgehängt und werden im Sommer grün umrankt. Im Innenhof warten Gravelbikes, E-Bikes, Bikes aller Arten und Qualitäten auf Menschen, die Lust auf eine Probefahrt haben. Ein junger, radbegeisterter Monteur erzählt uns die Geschichte des Fahrradhofs und dass „der Laden brummt“. Möge es so weiterlaufen. Engagement und Auftritt passen!

Wir reißen uns los, damit wir wieder warm werden. Der Wind zieht die Wärme aus dem Körper, wenn man sich nicht bewegt. Strausberg kennen wir recht gut, deshalb lassen wir das Städtchen heute einfach links liegen und rollen weiter über Rehfelde hin nach Garzau, wo ich Wolfgang unbedingt die Schmettau´sche Pyramide zeigen will. Vor Jahren hat Wolfgang im Frankfurter Palmengarten eine Ausstellung über das Thema Pyramiden gestaltet, er erinnert sich auch an die Feldsteinpyramide von Garzau. Aber in Natura gesehen hat er sie eben bislang noch nicht. Holen wir es also nach! Um halb zwei stehen wir in Garzau auf dem Pflasterweg, der am ehemaligen Gutshaus ( Schloss) und der Brennerei vorbei zur Pyramide führt.

 Friedrich Wilhelm Carl Graf von Schmettau ließ in den Jahren 1780 bis 1784 das Herrenhaus Garzau samt Landschaftspark und Pyramide errichten. Bis zum Jahr 1804 ließ er sich es hier gut gehen, wenn er nicht gerade irgendwo in irgendwelchen Schlachten für seinen König unterwegs war. Wenn man die Historie liest, könnte man meinen, sein Leben hätte nur in Kriegen stattgefunden. Wenn er nicht dazwischen das erstaunliche Kartenwerk für die preußischen Lande gezeichnet hätte. Wen das interessiert: hier der Link zu meinem Beitrag aus 2020.

Im Jahr 1804, zwei Jahre vor seinem Tod in der Schlacht von Auerstädt, verkaufte Schmettau Garzau samt Pyramide, um in das Schloss Köpenick umzuziehen, das zum Verkauf stand. Geldnot scheint der gute Mann jedenfalls nicht gekannt zu haben. Die Taler flossen zuverlässig. Aufgaben und Verdienste als Offizier für verschiedene Kriegsherren zahlten sich in barer Münze aus.

Auf der Mauer vor dem Eingangsportal schlürfen wir heißen Tee aus unseren Thermosflaschen und räsonieren über die alte Zeit und wie die Menschen hier gelebt haben mögen. Dann peilen wir das eigentliche Ziel des Tages an: Die Derfflinger-Eiche in Gusow. Noch 40 Kilometer im Zickzack der Radwege, immer wieder hinüber und herüber über die Ostbahntrasse. In Trebnitz leuchtet der Ziegelturm einer ehemaligen Kalkbrennerei im späten Licht.

Kalkbrennerei Trebnitz

Dann erreichen wir Neuhardenberg, werfen einen Blick hinüber zum Schlosspark und bleiben auf den Rädern. Wir wollen die alte Eiche noch im Abendlicht erblicken. Platkow, Gusow-Platkow, Gusow. Hier zweigt der Weg ab nach Werbig. Nur noch ein Kilometer bis zum Baum-Monument.

I 1646 heiratete Georg Derfflinger Margarete Tugendreich von Schapelow. So kam er in den Besitz der Rittergüter Gusow, Platkow und Wulkow. Eine wahrhaft lukrative Beziehung. Die Beziehung zur „Derfflinger Eiche“ ist eine ganz besondere: Der Sage nach pflanzte der General-Feldmarschall im Jahre 1650 genau auf der Grenze zum Nachbarort Werbig eine junge Eiche.

 „Als Derfflinger sie an der Grenze zwischen den beiden Dörfern Gusow und Werbig gepflanzt hatte, soll er 13 Jungen aus der Gusower Schule an den Baum geführt und ihnen 13 Schläge verabreicht haben, mit der Bemerkung: ‘Nun werdet ihr behalten, wo die Grenze steht. Verrückt sie nie wieder! Unter der Eiche hat der Alte oft gesessen. Wer um Mitternacht an ihr vorüberfährt, dem bleiben die Pferde wie festgebannt stehen. Sie zittern und tun keinen Schritt vorwärts, soviel man sie auch schlagen mag. Um ein Uhr ist der Bann zu Ende. Der Alte will nicht dulden, dass man um Mitternacht über die Grenze fahre.

Würde man diese Geschichte in unserer Zeit berichten, würde der alte Derfflinger ziemlich sicher eine Anklage wegen Misshandlung Jugendlicher und Missbrauch zu erwarten haben. Nicht so im Jahre 1650.

Wir legen die Hand auf die fast 400 Jahre alte Baumrinde und fragen, was damals wirklich geschah. Sie hat es uns erzählt, die wunderbare Eiche. Aber nur unter der Bedingung, dass wir die Kunde nicht weitertragen. So bleibt das Derfflinger-Geheimnis auch unser Geheimnis. Als wir die Eiche verlassen, leuchten die Wolken am Abendhimmel in malerischem Rot, wie in einem Film.

Am Bahnhof in Seelow-Gusow zeigt die alte Uhr 17.22, 63 Kilometer bis Berlin, Abfahrt nach Lichtenberg 17.36

Das war ein Tag mit viel Nahrung für Körper und Seele, so wir es uns am Morgen erhofft hatten.

Berlin – Anblicke und Einblicke

Der Januar ist grau und bleibt grau. Der Körper lechzt nach Sonne und Vitamin D. Die Nachbarn sind schon nach Mallorca geflüchtet. Was bleibt in dieser trüben Zeit: Viel bewegen! Laufen, Radfahren, Körper und Geist fordern und anregen. Ich weiß, bei einer Radrunde, und sei sie noch so klein, hellt sich meine Stimmungslage auf. Eine Art Mentalmedizin scheint Bewegung an der frischen Luft zu sein. Also setze ich mich wieder auf eines meiner Zweiräder. Heute ist das Cannondale Taurine dran.

Der Wirkstoff Taurin(e) stärkt die Aufmerksamkeit und schützt die Nervenzellen vor „freien Radikalen“. Sind hier auch Rechtsradikale gemeint? Dann scheint der Wirkstoff sehr nützlich zu sein. Aber Vorsicht, ich will schließlich kein Taurin schlucken, sondern mich nur auf ein Rad namens Taurine setzen und damit fahren. Vielleicht ist die Wirkung ähnlich, vielleicht haben die Designer von Cannondale irgendwo im Carbonrahmen eine Art Wirkstoffdepot eingebaut.

Cannondale Taurine in der Version von randonneurdidier

So sieht jedenfalls mein stimmungsaufhellendes Doping-Gerät aus. Heute werde ich mich nochmals hineinarbeiten in die Bezirke der großen Stadt, um Neues zu entdecken und Altes wieder zu erwecken.

Die Crossreifen warten auf Bewegung auf Gravel und Sand und Lehm. Die sollen sie heute auf dem Weg durch das Naturschutzgebiet Eichwerderwiesen bekommen.

Der Barnimer-Dörfer-Weg schlängelt sich durch das Tegeler Fließ hin nach Hermsdorf und Tegel. Ich erblicke Schwäne, Stockenten und Mandarin-Enten mit einem Gefieder, das wie aufgemalt erscheint. Wer bei solchen Aussichten keine gute Laune bekommt, der möge zu Hause bleiben. In Tegel tauche ich ein in das städtische Getriebe. Aber es gibt erfreulicherweise auch hier wenig befahrene Nebenstraßen und radtaugliche Pfade.

Zwischen Stadtautobahn und umgebenden Industriebetrieben liegt versteckt der einzige Russisch Orthodoxe Friedhof Berlins. Mit einer Kapelle aus dem Jahre 1894, die ein wenig so aussieht wie eine Kleinversion der Basiliuskathedrale am Moskauer Roten Platz. 4000 Tonnen russische Erde wurde anlässlich der Friedhofsgestaltung herantransportiert. So habe ich an diesem Tag in Tegel russischen Boden betreten. Eigenartiges Gefühl. Die Zwiebeltürme mit den Andreaskreuzen recken sich als blaue Farbkleckse in den nebelgrauen Himmel. Ich bin neugierig und steige die Treppe zur geöffneten Kirchentür hoch. Innen ist es wohlig warm, das Licht von vielen Kerzen tauchen den mit Ikonen und Verzierungen reichlich ausgestatteten kleinen Raum in goldenes Licht. Vor mir steht ein aufgebahrter Sarg . Ich atme tief durch und ziehe mich ehrfurchtsvoll zurück.

Ein wahres Kleinod ist hier in Tegel versteckt. Eine kleine Spazierrunde über den Friedhof gibt einen Einblick auf die russisch-orthodoxe Tradition in Berlin.

Hinter dem verlassen traurig daliegenden Ex-Flughafen rolle ich auf der Trasse des Radweges Berlin – Kopenhagen in Richtung Stadtmitte. Die Gebäude von Westhafen und des Kraftwerk sind regelrecht eingenebelt und erscheinen in einer Schwarz-Weiß-Version.

Als ich am Gelände des ehemaligen Lehrter Bahnhofs ankomme, staune ich über die in den letzten Jahren entstandenen neuen Wohnbauten. Auf dem Weg ins Büro war ich 15 Jahre lang über die Heidestraße an trist daliegenden alten Gleisen und Lagerschuppen entlang gefahren. Heute steht hier reichlich Beton. Mehr oder weniger schön anzuschauen. Ganz sicher aber teuer ist es, hier zu wohnen, in der „Europacity“

Ich frage mich, warum man ausgerechnet in der Stadt des Mauerbaus in einem modern gestalteten Wohngebiet wieder braune Betonmauern errichtet? Beton gibt es doch ohnehin reichlich. Keine Bäume, keine Pflanzen, nur Beton, Eisen und Glas. Da trösten mich auch die von der Baugesellschaft in Auftrag gegebenen Wandgemälde wenig.

Über eine neu gebaute Fußgängerbrücke wechsele ich auf die nördliche Seite vom Spandauer Schiffahrtskanal, der so lange die Ost-West-Grenze markierte, und fahre über den Invalidenfriedhof, dann am Hauptbahnhof und den alte Charité-Gebäuden vorbei. Der Komplex von Kanzleramt und Elisabeth-Lüders-Haus wird nach Osten verlängert. Die Abgeordneten brauchen mehr Platz, und es sind mehr geworden nach dieser Wahl.

Vor dem gläsernen Futurium parkt der InnoTruck.

Das Brandenburger Tor steht heute einsam da. Wenige Menschen sind auf Entdeckungsgang. Nur die Fahrradboten und ein paar schwarze Regierungslimousinen kurven über das feuchte Pflaster vom Pariser Platz.

Ich visiere das neue Humboldt-Forum an. Fast ohne Baustellen, Kräne und Bauzäune präsentiert sich der Boulevard Unter den Linden. Das tröstet mich über Kälte und Nebel hinweg. Endlich freie Sicht auf die neuen und alten Gebäude. Ein markierter Radstreifen macht endlich eine sichere Fahrt möglich.

Die wichtigsten historischen Gebäude Berlins sind hier in Mitte versammelt. Man muss nur lange genug warten, bis in dieser Stadt das Neue endlich fertig ist und Altes, wie der Palast der Republik, abgerissen ist, und das neue Schloss samt Humboldtforum auch Schinkel, Thaer und Beuth friedlich blicken lässt. Ich sauge die neuen Eindrücke auf und fahre einige Schleifen über die Plätze, bevor ich wieder auf die Seite der Alten Staatsgalerie und zur Museumsinsel wechsle. Es hat zwar einen besonderen Charme, die Touristenattraktionen ohne Touristen zu erleben – gefüllt mit gut gelaunten Menschen aus aller Welt gefällt mir die Stadt aber doch am besten. Restaurants, Cafés, Dönerbuden, Currywurststände – alles verwaist. In Warteposition für bessere Zeiten.

„Drei Mädchen und ein Knabe“ von Wilfried Fitzenreiter

Der Berliner Bildhauer Wilfried Fitzenreiter hatte ein Faible für Menschen-Skulpturen und -Büsten. Knaben, Mädchen, Liebespaare, Spielende sind im Osten des Landes einige zu sehen. In Wandlitz, Chemnitz, Rostock, Eisenhüttenstadt…

Plastiken, wie sie typisch waren für die in der DDR geförderte Kunst. Schön anzusehen.

Als Kontrast dazu fotografiere ich den Hektor von Markus Lüpertz auf der Monbijoubrücke vor dem Bode-Museum. Eine Brutalplastik, die mich mit ihrer Kraft und Grobheit immer wieder beeindruckt. Nicht schön, aber stark.

Hektor von Markus Lüpertz

Neben der Brücke steht das traurig aussehende Kassenhäuschen des Monbijou-Theaters, das immer erst zum Sommer hin dort aufgebaut wird.“Das Monbijou Theater ist ein Open-Air-Theater im gleichnamigen Monbijoupark in Berlin-Mitte. Das hölzerne Amphitheater wird jeden Sommer auf dem Dach eines ehemaligen Weltkriegsbunkers errichtet und bildet die Kulisse für sommerliches Theaterspektaktel.“ Auf dem darunter an der Spree gelegenen Platz konnte man das Tanzen lernen und in der Bar Cocktails schlürfen. Und, oh Wunder, auf dem nassen Platz tanzt sich ein Paar nach der Musik „Every breath you take“ von Sting warm. Berührend schön und tröstlich.

einfach nur schön

Für meinen Heimweg habe ich die Panke als Wegweiser auserkoren. Das kleine Flüsschen, eigentlich ein Bach, der sich über 29 Kilometer vom alten Bernau ins junge Berlin hineinschlängelt. Der Bach, der dem Ortsteil Pankow seinen Namen gegeben hat. Ein Bach, der über viele Jahre abgedeckt war, in den die Fäkalien geleitet wurden und der entsprechend stank: „Stinke-Panke“.

Hier ein paar Sätze von meinem regionalen Lieblingsdichter Fontane dazu – im Gedicht „Afrikareisender“ zu lesen.

Meine Herren, was soll dieser ganze Zwist,
Ob der Kongo gesund oder ungesund ist?
Ich habe drei Jahre, von Krankheit verschont,
Am grünen und schwarzen Graben gewohnt,
Ich habe das Prachtstück unsrer Gossen,
Die Panke, dicht an der Mündung genossen
Und wohne nun schon im fünften Quartal
Noch immer lebendig am Kanal.
Hier oder da, nah oder fern
Macht keinen Unterschied, meine Herrn,
Und ob Sie’s lassen oder tun,
Ich gehe morgen nach Kamerun.

Sei für Rothschild statt für Ranke,
Nimm den Main und laß die Panke,
Nimm den Butt und laß die Flunder,
Geld ist Glück, und Kunst ist Plunder

Heute fließt die Panke wieder im Wesentlichen frei und ohne Betonabdeckung. Fäkalien wurden schon in der Zeit von James Hobrecht auf den nördlich gelegenen Rieselfeldern ausgebracht. Wer nun meint, es flösse hier trinkbares Wasser, der schaue nur auf Plastikmüll, Kippen und anderen Unrat, der hier auch zu finden ist.

An dieser Panke entlang arbeite ich mich wieder nach Norden, nach Pankow, Hermsdorf und dann wieder nach Glienicke-Nordbahn. Erstaunlich, in wie viele alte Ziegelbauten, die noch vor zehn Jahren kurz vorm endgültigen Verfall standen, jetzt Ateliers, Theater, Läden eingezogen sind. Von außen bunt und schräg, drinnen ausgerüstet mit schnellem Internet und funktionierenden Heizungen. Zu besichtigen in der Ecke zwischen Kolberger- und Gerichtsstraße.

Zum Ende meiner heutigen Runde rolle ich durch die Uferstraße, nahe dem Bahnhof Gesundbrunnen, wo im Pianosalon von Christoph Schreiber in einer ehemaligen Motorenbauhalle Konzerte von höchster Klasse zu erleben sind. Allein darüber könnte ich jetzt einen langen, begeisterten Beitrag schreiben. Heute treffe ich ihn vor der Halle, als er gemeinsam mit seinem Sohn Weinkartons, Toilettenpapier, und Sprudelkisten aus seinem dazu recht wenig geeigneten Porsche Carrera auslädt. Er ist guten Mutes und bereitet die nächsten Konzerte vor.

Kaum zu glauben, aber wunderbare Realität: In dieser alten Motorhalle spielen Weltklasse-Solisten Konzerte alter und neuer Meister auf meisterhaft restaurierten Konzertflügeln.

Zum guten Schluss noch ein architektonisches Schmankerl, zu finden in der Klemkestraße im Wedding. Die Siedlung Paddenpuhl aus den 20er und 30er Jahren.

Siedlung Paddenpuhl in Reinickendorf

Nur knapp über 50 Kilometer bin ich heute gefahren. Mit gefühlten 100 Fotostopps. Mit der Ausbeute bin ich zufrieden, und gute Laune habe ich auch bekommen.

Dit is Berlin – Kunst an jeder Ecke

Schon vor einem Jahr lagen zwei schöne Bücher von Norbert und Melanie Martins auf meinem Gabentisch. Nur kurz habe ich reingeschaut, war beeindruckt, und trotzdem landeten die beiden Bände „Street Art Galerie“ und „Hauswände statt Leinwände“ in der unteren Reihe des wohl gefüllten Bücherregals. Einfach vergessen hatte ich sie. Bis mich meine bessere Hälfte an diesen Weihnachtstagen sanft, aber deutlich an die Preziosen erinnerte. Kurzum: Ich habe die herrlichen Fotos samt Beschreibungen unverzüglich aus ihrem Schlummer geweckt, und genauso unverzüglich weckten die Bilder bei mir den Wunsch, die Druckversionen in der Berliner Realität zu entdecken. Heute war es so weit, ein halbwegs trockener Tag mit etwas Sonnenschein ist vorhergesagt. Mein Basso bekommt eine frische Kettenschmierung und Öl auf Schaltgelenke und -röllchen.

Um 10 Uhr sitze ich gut gelaunt auf dem alten Stahlgerät und rolle Richtung Charlottenburg, wo laut Bildbeschreibung in der Sömmeringstraße ein ganzes Hotel bemalt sein soll. Vorsorglich habe ich einen Wegpunkt für das Garmin gesetzt, um zumindest das erste Wandgemälde ohne langes Suchen zu finden. Es funktioniert:

Künstlergruppe GRACO, Jahr 2000

Als das Econtel Hotel die Arbeit im Jahre 1999 in Auftrag gab, sollten Touristen dargestellt werden, die das Brandenburger Tor fotografieren und dann am besten im Superior *** für 60 € übernachten. Dann mit dem roten Motorroller von emmy ab in die Stadt. „Urban mobility.“

Ein paar Meter weiter, in der Quedlinburger Straße, wird derzeit das alte Tanklager abgerissen. Die Baustelle bietet Perspektiven, die einem großen Wandgemälde nicht nachstehen. Und das Ganze kommt dreidimensional daher. Auf dem 28000 qm großen Gelände sollen in den nächsten zwei Jahren 1100 Wohnungen entstehen. Berlin wächst!

Ich komme ins Gespräch mit den beiden Enkeln des Abbruchunternehmers aus Ratzeburg, der hier alles abräumt und die Vorbereitungen für eine Wohnbebauung erledigt. Er hat die beiden Jungen mitgenommen nach Berlin, und die finden es sehr spannend hier. Sogar einen Fuchs, der in einer Abbruchhalle nächtigt, haben sie entdeckt. Abenteuer Großstadt!

Der Uferweg an der Spree ist gut befahrbar, nur wenige, dafür freundliche Spaziergänger sind unterwegs. Gegenüber leuchtet in Weiß das imposante Gebäude von TU und Fraunhofer-Gesellschaft. Hier wird gedacht, hier wird erfunden für die Zukunft.

Ich fahre am Südrand des Tiergartens durch den Park und staune über eine große Filmcrew, die dabei ist, Scheinwerfer und Kameras in Position zu bringen. Am heute irgendwie trist wirkenden Glaspalast der CDU biege ich nach Süden ab, um kurz danach am Nollendorfplatz das zweite Wandgemälde des Tages zu erspähen.

In den 70er Jahren soll die Vorführung pornografischer Filme die Spezialität des Metropol-Theaters gewesen sein. Schauspielhaus, Bühne, Tanzclub. Alle Aktivitäten in diesem Haus waren mal erfolgreich, mal stürzten sie nach wenigen Monaten in die Insolvenz. Das Haus mit Baujahr 1905 hat sicher so manche interessante Geschichte zu erzählen. Um den Nollendorfplatz herum wohnten berühmte Persönlichkeiten: Max Beckmann, Wilhelm Furtwängler, Frank Wedekind. Und Altkanzler Helmut Schmidt soll seiner Loki gar im Jahre 1942 auf einer Bank am Nollendorfplatz einen Heiratsantrag gemacht haben. Ein Platz mit Geschichte und Geschichten also.

Der Häftling mit dem rosa Winkel. Es ist ein ganz besonderes, eindringliches großformatiges Wandbild, das einem an einer Wand in der Bülowstraße begegnet. Mit ernstem Blick schaut einen Walter Degen an, der in der Nazizeit im Alter von 32 Jahren wegen seiner Homosexualität und als deutscher politischer Gefangener deportiert und am 29. August 1941 im Konzentrationslager Auschwitz registriert wurde. Im Mai 1942 wurde Degen in das Konzentrationslager Mauthausen überführt. Es ist nicht bekannt, ob er überlebt hat. Homosexuelle wurden im KZ mit dem rosa Winkel gekennzeichnet.

Auf meiner Streetart-Erkundungsrunde fahre ich so manche Schleife und sehe dann im Westen über den Häusergiebeln das Gerippe des alten Gasometers. Es zieht mich einfach an, jetzt muss ich dorthin, weil ich dort noch nie war. Die restlichen 700 plus x Wandgemälde können erst einmal warten. Ich nehme also Direktkurs auf den Gasometer, am Bahnhof Südkreuz vorbei, dann auf dem Alfred-Lion-Steg über die Gleise nach Schöneberg. Am Aufstieg zur Brücke fängt ein großes Backsteingebäude meinen Blick:

Wo heute eine der Abteilungen des Robert-Koch-Instituts residiert, befand sich 1933 ein berüchtigtes SA-Gefängnis, in dem mehr als 2000 Menschen inhaftiert und zum Teil brutal gefoltert wurden. Eine Ausstellung im Gebäude zeugt von den vergangenen Gräueltaten.

Erst der Blick über die Gleise, dann der Gasometer über dem Haus in Rosa. Noch einen Bogen um die nächste Hausecke, dann wächst vor mir der riesige Komplex des EUREF-Campus in die Höhe, daneben der Gasometer in Vollformat. Noch schöner und für Berliner Verhältnisse eine echte Überraschung: ein zweispuriger Radweg, geradezu eine Autobahn, daneben eine breite Spur für Fußgänger. Chapeau! Dass ich das noch erleben darf in dieser Stadt!

Eine breite Einfahrt mit Schranke führt in den EUREF-Innenbereich. Freundlich, Daumen hoch, wird für mich geöffnet. Die Architektur der neuen Bauten beeindruckt mich, nicht nur der riesige Gasometer. Allerdings wird der gerade saniert und umgestaltet in einen „Büroturm“. Die Büros werden sich aber in der alt aussehenden Schale verstecken.

Die Fotos lasse ich einfach mal für sich sprechen. Nur so viel: Der Komplex atmet Innovation! Schön zu erleben in Berlin. EUREF

Nur 100 Meter weiter tauche ich in die andere Realität der Stadt ein, mit rostigen Eisenbahnbrücken, mit Obdachlosenmatratzen an den Mauerseiten.

 „Adanzé“ nennt Christian Awe sein Werk, ein Wort in westafrikanischen Sprachen, das „Herzliches Willkommen“ bedeutet. Kennengelernt habe er die Grußformel in Burkina Faso, erzählt der 37-jährige Schüler von Georg Baselitz.

„Das sieht doch richtig schön aus!“, ruft mir eine vorbeigehende Frau zu, als ich mit der Kamera in der Hand vor der Wand stehe. Recht hat sie!

Langsam wird es dämmrig an diesem grauen Januartag, und ich rolle wieder heimwärts auf dem Radweg Berlin–Kopenhagen, der am Kanal entlangführt, am Rand des verlassenen Flughafens Tegel vorbei, vorbei an Mauerfragmenten, an denen sich seit vielen Jahren Graffiti-Sprayer austoben. „Free Julian Assange“ lese ich beim Durchblick zum Kanal hin. Und wahre Berge aus Spraydosen und Müll liegen fast wie zur Deko hier herum.

Kunst und Ordnungsliebe vertragen sich, zumindest hier, ganz und gar nicht.

Neue Aspekte, neue Eindrücke sammle ich heute : Erstaunliches, Hässliches, Zukunftweisendes, Modernes, Dreckiges, Abstoßendes, Anregendes.

All das ist Berlin.

Nebel, Niesel, Weite – ins Oderbruch zum Jahresende

Wolfgang will unbedingt Kilometer machen für Rapha 500. Im Gegensatz zu ihm bin ich an diesem Jahresende wenig motiviert zum Fahren bei Regen, Kälte und Schnee. Aber gemeinsam mit ihm, Matthias und Peter war das auch immer freudvoll, egal wie das Wetter auch war. So verabreden wir uns für eine Tour ins Oderbruch. Bedeckt soll es sein, trocken soll es bleiben, und die Temperaturen immer über Null. Treffen um 11 Uhr an der Bank bei Hobrechtsfelde. Das bedeutet für mich, losrollen von zu Hause um 10.15 Uhr. Zeit für ein genüssliches Frühstück und Zeit genug zum Luftdruck prüfen, Trinkflasche füllen, diesmal mit Ingwertee und Honig in der Thermosflasche. Etwas Öl auf die Kette, Fett auf die Klick-Pedale. Dann das Garmin Vista Touch mit frischen Akkus bestücken. Zur Sicherheit noch meine Lezyne 300 Rückleuchte an der Satteltasche festmachen. Nach hinten kann man gar nicht auffallend genug sein bei Sauwetter im Winter. Und dann noch zwei Eiweißriegel von Seitenbacher einpacken. In der gastronomischen Diaspora von Barnim und Oderbruch immer zu empfehlen.

Das Langarmtrikot von Rapha und drüber die Winterjacke von Gore werden mich warm halten. Dazu eine lange Winter Bib. Heute mit meiner Neuerwerbung von La Passione. Sitzt perfekt und ist auch noch schön warm und schützt vor Wind und Nässe. Mavic Winterschuhe, auch wasserdicht. Und dann noch zur Sicherheit die Shakedry-Jacke ins Gepäck. Dann kann kommen, was wolle. Pünktlich viertel nach zehn starte ich.

Mein Basso-Crosser aus dem Jahre 1996 hat Übung mit winterlichen Bedingungen, ist ausgerüstet mit Schutzblechen, SON-Nabendynamo und unkaputtbaren Leuchten von Supernova. 32er Conti 4seasons rollen leicht und vertragen den Splitt auf den Wegen klaglos. Drei Grad plus sagt wetteronline voraus. Das trifft zwar zu, der Frost der letzten Tage sitzt aber noch im Boden und sorgt immer noch für Eisflächen. Vorsicht ist also angesagt.

Eine weitere Besonderheit der Wetterlage ist der wabernde Nebel über den Restschneeflächen. Es will gar nicht so richtig hell werden. Ein Grund mehr, an schöne Dinge, schönes Wetter zu denken und die Natur, so wie sie ist, zu genießen. Als ich auf dem Weg nach Hobrechtsfelde den Gorinsee passiere, blicke ich auf eine Eisfläche.

Gorinsee

Auf der Liegewiese liegt niemand, und Hunde wollen auch nicht baden. Die Wildpferde und Hirsche haben sich in die Schönower Heide zurückgezogen und liegen wahrscheinlich im Kiefernwald.

Schönower Heide

Auf dem Radweg mahnt das Resteis zum sensiblen Fahren. Wolfgang kommt von Süden heran, von Buch aus nach Hobrechtsfelde. Nach Osten rollen wir gen Bernau und dann hinein in den Barnim. Die Drehorte des Films „Unterleuten“ liegen verschlafen im nassen Nebel. Für den Bau der dringend notwendigen Stromtrassen liegen schon die Holzbohlen für die LKW auf den Feldern und glänzen nassbraun im fahlen Licht. Der Nebel ist auch nichts anderes als eine auf dem Boden liegende Wolke. Und wenn die Sonne sich zurückzieht und die Bodenkälte wirksam wird, fällt auch noch Nieselregen aus dieser Mischsuppe.

Trassenbau

Wolfgang schleudert mit seinem ungeschützten Hinterrad die dreckigen Tropfen massenweise auf seine neue Shakedry von Gore. Ein echter Härtetest für die feine Regenjacke. Mein Rücken bleibt dank der angeschraubten langen Schutzbleche trocken. Nur meine Schuhe werden zunehmend eingesaut. Macht aber nichts, die Füße bleiben trocken, und das ist die Hauptsache. Beim Reden über unsere Räder, unsere Touren, über die Dinge, die wir in der Natur sehen, machen wir Kilometer und erleben die Barnimwellen als zähe Tempobremser. Warum geht das alles im Sommer so leicht und warum so langsam jetzt im Winter?

In Freudenberg ist die Dorfdurchfahrt auf dem glänzend-glatten Pflaster alles andere als lustig. Wolfgang nimmt es trotzdem mit Humor. Der markante Kirchturm der neogotischen Kirche stochert mit seiner spitzen Spitze im Nebel herum. Wir testen unser Balancevermögen in der vereisten Rinne am Fahrbahnrand.

Wolfgang mit Freude in Freudenberg

Die Gemeinde, deren Gebiet wir queren, trägt den Namen Höhenland. Im Vergleich mit dem Oderbruch liegen die Orte Wollenberg, Leuenberg und Steinbeck tatsächlich auf den Höhen, mit Schwindel erregenden 120 Metern über N.N. Mit der Aussicht auf eine lange wellige Walddurchfahrt nehmen Wolfgang und ich erst einmal vorsorglich einen Schluck aus der Thermosflasche. Der Ingwertee mit Honig schmeichelt meinem Gaumen.

Tee in Steinbeck

Aus dem Barnim arbeiten wir uns hinein in die Wälder der Oderbruchkante. 20 Zentimeter Schnee liegen am Fahrbahnrand. Das sanfte, aber fordernde Auf und Ab sorgt gemeinsam mit dem eingeflößten Tee für eine angenehme Körpertemperatur. Wohlbefinden stellt sich ein trotz Nebelnässe. Bei Schulzendorf schwingen wir uns hinab nach Vevais, dem kleinen Kolonistendörfchen, dessen Name wahrscheinlich von den Siedlern aus Vevey am Genfer See herrührt. Im Jahre 1752 zogen auf Anwerbung vom Alten Fritz 14 Familien hierher, um bei der Urbarmachung des trocken gelegten Oderbruchs ihren Beitrag zu leisten. Das tönerne kleine Denkmal mit Siedlern und Wagen ist eingehaust in Wellblech, um es vor Frost und Wetterunbill zu schützen. Wir genießen die guten, aber immer noch nassen Straßen, die hin zur Oder führen.

Traubeneiche

Eine Traubeneiche, zu Recht auch „Wintereiche“ genannt, beeindruckt uns mit ihrer üppigen, braunen Winterbelaubung. Langsam kommen wir der Oder näher, aber eben nicht ganz an sie heran. Heute bleiben wir auf Abstand zum Deich. Wahrscheinlich ist der Weg dort auch noch vereist, mahnt Wolfgang. Am Ortseingang von Letschin kehren wir im Netto Markt ein und gönnen uns Milchkaffee und Kuchen. Sicher ist sicher. Wer weiß, wo wir sonst noch eine Möglichkeit haben, uns zu stärken. In diesem Ort führte Fontanes Vater einige Jahre lang eine Apotheke , bis seine Spielsucht in der Pleite und dem fluchtartigen Verlassen der Gegend endete. Wir rollen durch den beschaulichen Ort und sichten am südlichen Ende das Denkmal für den Alten Fritz und gegenüber den gleichnamigen Gasthof.

Im Gasthof und der Umgebung spielt Fontanes Kriminal-Novelle „Unterm Birnbaum“, die er aber erst 40 Jahre nach seiner Letschiner Zeit bei einem Rügen-Aufenthalt verfasst hat. So kann man zumindest hinterfragen, ob das finstere Romangeschehen wirklich hier den gedanklichen Ursprung hat. Wir richten unseren Blick auf das Denkmal aus dem Jahr 1905 zu Ehren des Alten Fritz, der vor über 260 Jahren das Oderbruch trockenlegen ließ.
Seitdem ist das 515 Kilogramm schwere Denkmal schon mehrfach umgezogen, so dass die Letschiner bereits scherzhaft von ihrem „Stehaufmännchen“ sprechen. 2008 erst hat der Alte Fritz seinen Bestimmungsort vor dem gleichnamigen Gasthof gefunden. Über Zechin und Golzow führt uns der Weg nach Gorgast, wo wir am Bahnhof von einem freundlichen Einwohner erfahren, dass der nächste Zug nach Berlin hier nicht hält. Aber die Strecke an der B1 entlang nach Küstrin-Kietz, einem der ungastlichsten Bahnhöfe, die ich kenne, ist nur vier Kilometer weit. Um 16.30 Uhr erklimmen wir die Brücke hin zu den Bahnsteigen.

Mit den in Paris-Roubaix-Manier eingeschlämmten Rädern besteigen wir den Regio nach Berlin, wärmen uns auf und lassen die Nebeltour Revue passieren. Schön war es trotzdem nach dem Motto: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.

Die Alte Hamburger Poststraße – sie lässt mich nicht los

Irgendwie war meine letzte Tour über die alte Postroute nicht komplett, wurde ihr nicht gerecht. Über fehl leitende Wegweiser will ich heute nicht meckern. Stattdessen mehr zur Historie und zum Verlauf der Route im Havelland schreiben. Die sogenannte Alte Hamburger Straße, später dann Hamburger Poststraße, ist die älteste noch nachweisbare Wegeverbindung in der Region. In Abhängigkeit von der Befahrbarkeit der Wege, der Einschätzung des Überfallrisikos, nutzten Reisende, Händler und schon Jahrhunderte zuvor Pilgernde verschiedene Wegführungen von Berlin aus nach Hamburg. Vom Ende des 14. Jahrhunderts bis ins 16. Jahrhundert waren die Pilger unterwegs nach Wilsnack. Damals war dies der wichtigste Pilgerweg Nordeuropas. Heute ist der Weg wieder für Pilger beschrieben und ausgeschildert. Ausgangspunkt war die Marienkirche oder das Heilig-Geist-Spital in Berlin-Mitte, das Ziel war die Wunderblutkirche St. Nikolai in Wilsnack im nordwestlichen Brandenburg. Mit dem Ausbau des Postwesens im 17. Jahrhundert manifestierte sich eine Hauptroute entlang der errichteten Poststationen. Kurfürst Friedrich Wilhelm sorgte für eine befestigte Oberfläche, um die Geschwindigkeit der Kutschen und deren Sicherheit zu verbessern. So konnte eine Postkutsche pro Stunde 10 Kilometer zurücklegen. Die Trasse von Berlin führte über Hennigsdorf, Bötzow, durch den Krämer, Staffelde, Flatow und das Storchendorf Linum.

Am westlichen Ortsausgang von Hennigsdorf ist der Weg nach Bötzow als Radweg gut beschildert und genauso gut zu befahren. Schon gegenüber des Hennigsdorfer Friedhofs steht der erste Viertelmeilenstein. Ein Herz ziert passenderweise seinen Sockel. Bei der Recherche zu den Meilensteinen stoße ich auf die Internetadresse der Forschungsgruppe Meilensteine e.V. und auf einen gehaltvollen Beitrag von https://markradler.de/anderthalb-meilen-gen-hamburg/ Eigentlich ist jetzt alles gesagt und geschrieben?! Auf der anderen Seite hat jeder, ob Radfahrer, Wanderer oder ehrenamtlicher Forscher, eine andere Perspektive und sieht wieder Anderes, Neues, Interessantes. So beschließe ich, meinen Artikel weiterzuschreiben.

Hennigsdorf – Viertelmeilenstein

1880 Meter weiter westlich, entsprechend einer Viertelmeile, steht am Feldrand das schöne Replikat eines Ganzmeilensteins.

Ganzmeilenstein zwischen Hennigsdorf und Bötzow – 3 Meilen vom ehemaligen Oranienburger Tor aus

Alle meine Räder habe ich in den vergangenen Jahren an den Sandstein angelehnt und meistens auch fotografiert. Morgens und abends, winters wie sommers. Bei den Meilensteinforschern erfahre ich, dass diese markante Form der Säulen zu den Preußischen Postmeilensteinen gehört, die in der Zeit von 1790 bis 1806 aufgestellt wurden. Der Radweg führt jetzt im Nordknick über die Bahnlinie, dann wieder auf Originalkurs durch Bötzow in Richtung Wansdorf. Auf halber Strecke beginnt die Alte Hamburger Poststraße, die hier abknickt in das Waldgebiet des Krämer. Und schon bald sichte ich den nächsten Stein, einen Halbmeiler.

Halbmeilenstein – bis Berlin 3,5 Meilen

Zwischen Pferdekoppeln führt der Weg hinein in den Krämer Wald, der sich auf einer langgestreckten Grundmoräne der Weichseleiszeit 15 km nach Nordwesten ausdehnt. Der Weg ist zunächst gepflastert, dann geht er über in eine geschotterte Oberfläche. Für das Radfahren mäßig geeignet, für die Postkutschen aus damaliger Zeit wäre das ein höchst komfortabler Untergrund gewesen. Als im Jahre 1698 der Kurfürst Friedrich III die ersten Meilenzeiger in Form von bunt angemalten Holzsäulen errichten ließ, muss eine Fahrt in der Postkutsche ein wahres Martyrium gewesen sein. Nicht wenige Kutschen sollen auf rutschigem Untergrund umgekippt sein, mit verletzten Passagieren als Folge. Genauso eine Holzsäule sichte ich nahe der ehemaligen Poststation Ziegenkrug.

Die neu gefertigte Holzsäule soll hier als Vorgänger für die steinerne Säule ursprünglich Orientierung gegeben haben. Die Postmeilensäule wurde hier nach umfangreicher Restaurierung am Originalstandort im Jahr 2004 wieder aufgestellt.

Die Ausspannstation und das Gasthaus Ziegenkrug wurde schon vor 50 Jahren abgerissen und abgetragen. Nur ein gleichnamiger Rastplatz für Wanderer mit einem Wetterpilz erinnert noch an die historische Stätte.

Weiter rolle ich durch den Krämer, der sich heute von seiner sonnigen Seite zeigt. Im westlichen Teil des Waldgebietes wird erfreulicherweise umfangreich mit Laubbäumen aufgeforstet. In 50 bis 100 Jahren werden die Kiefernstangen von den Eichen und Buchen wieder verdrängt sein. Ein klimafester Mischwald wird dann hoffentlich hier den Wanderern Schatten spenden.

Eine halbe Meile weiter kreuzt die Poststraße die Perwenitzer Chaussee.

Ich bleibe auf der Poststraße, die ab hier rumpeliger wird. Die Hinweise werden spärlicher. Vielleicht kann ich heute endlich „Reckins Grab“ , vom sagenhaften Förster Reckin, der zu den Zeiten, als französische Soldaten durch den Krämer zogen, einige von ihnen aus dem Hinterhalt in einer hohlen Eiche, erschossen haben soll. War das eigentlich eine Heldentat??? Wie auch immer: Letztlich wurde er entdeckt und gerichtet. 300 Schritte von der Eiche entfernt, erinnert ein Findling an den Förster. Ein kleiner Findling mit einem kaum noch erkennbaren Schriftzug „Reckin“.

Reckins Grab

Der jetzt etwas unmotiviert im Zickzack verlaufende Radweg führt letztlich quer über den Autobahnring und dann nach Staffelde, einem kleinen Ort mit Reiterhöfen, Gutshof und Kirche. Der schön restaurierte Dorfkrug war über Jahrhunderte Poststation. Hier wurden die Pferde ausgespannt, Kutschen repariert, und die Gäste hatten die Möglichkeit, sich beim Aufenthalt zu stärken. Aus dieser Zeit stammt auch der Begriff „Schmiergeld“ . Geld, das für die Schmierung der Wagenachsen fällig wurde. Im Bereich der Vorlaube der Station konnten unter dem Schutz des Daches Pferde beschlagen werden und Kutschen repariert werden. Wenn ich mir die Betriebsamkeit dieser Blütejahre vorstelle, mutet die jetzige Einsamkeit und Beschaulichkeit sonderbar an.

Dorfkrug und ehemalige Poststation in Staffelde

Aber: Ideenreiche Menschen haben in den letzten Jahren Mut gezeigt und hier ein Unternehmen gegründet: Das „Forschungs- und Innovationszentrum Mensch-Technik-Straßenverkehr GmbH“ hat sich hier angesiedelt, das Gebäude saniert und weitere Anlagen restauriert. Von hier aus kann man mit einer neu gebauten Postkutsche Ausfahrten unternehmen, die Natur und die alte Art des Reisens erleben. https://alter-dorfkrug-staffelde.de/kutschfahrten/

Über Kremmen, das ehemalige „Cremmen“, dem der Krämer Forst seinen Namen verdankt, rolle ich über Sommerswalde und Germendorf wieder in die heimischen Gefilde. Mit dem guten Gefühl, jetzt endlich eine klare Vorstellung vom Krämer und der Alten Hamburger Poststraße zu haben. Im nächsten Schritt kommt der Abschnitt von Flatow bis Lenzen an der Elbe dran. Einige Orte sind mir aus 8 x Zeitfahren Hamburg–Berlin wohlbekannt. Aber eben nur aus dem schnellen Durchfahren. Zukünftig werde ich mehr hinter die Kulissen blicken und recherchieren, wie es in der Vergangenheit hier aussah.

Zum Schauen:

Mit dem Taurine auf der Alten Hamburger Poststraße

Mein bewährtes Carbon-Taurine ist ein treffliches Gravel-Gerät. Vor 14 Jahren als eins der ersten Mountainbikes mit Carbon-Rahmen gekauft, nach fünf Jahren Frust mit der Cannondale Fatty umgerüstet auf Carbon-Starrgabel von Hitemp, dann die 26er Laufräder gegen 28″er getauscht. Jetzt kann das Wundertier mit seinen 9,2 kg ohne Schutzbleche und Anbauten locker neben den aktuellen Gravel-Bikes bestehen. Vornehmlich in Herbst und Winter kurble ich damit durch Wald und Feld.

Cannondale Taurine

So, nun genug des Vorspanns, aber das musste einfach mal gesagt werden. Und etwas Lob hat sich dieses zuverlässige Bike, das mich in den Jahren auf über 25000 Kilometern willig wie ein Arbeitspferd durch Matsch, Lehm und Sand begleitet hat, rechtschaffen verdient.

Heute wird sich die Sonne nicht blicken lassen, es soll aber trocken bleiben, und die Temperaturen sind fast zweistellig. Also raus ins Havelland! Von Hennigsdorf rolle ich nach Westen auf dem Radweg am Havelkanal entlang. Ich bin allein auf weiter Flur und genieße die totale Ruhe. Kurz vor Schönwalde-Dorf grasen hunderte von herrlichen Schafen in den Auen auf dem Gelände des ehemaligen Fliegerhorstes.

Der Radweg führt mich hin nach Wansdorf und zu einem Rastplatz, von dem aus ich mit Peter in den letzten Jahren -zig Touren durch das Havelland gemacht habe. Ich sollte mich also recht gut auskennen hier. Vor den Wander-Hinweistafeln unter den alten Eichen treffe ich einen Radler, den es, wie auch mich, an diesem grauen Dezembertag hinaus in die Natur gezogen hat. Er blättert in einem Reiseführer. Neugierig frage ich ihn, woher er kommt, wohin er noch will. Er will sich Wansdorf genauer anschauen. Kein aufwendiges Unterfangen bei diesem Ort mit wenigen hundert Einwohnern, einer kleinen Kirche und einem leicht angegammelten Gutshaus. Als ich ihm von meiner Leidenschaft für alte Bäume und meine Freude am Entdecken derselben erzähle, zeigt er mir in seinem Büchlein die „Zwölf-Brüder-Buche“, die dort als Attraktion angepriesen wird. Zwei Kilometer nördlich von hier, im Krämer-Forst, soll die Sehenswürdigkeit zu finden sein. Nein, er war auch noch nicht dort, sagt er. Aber für mich wäre das doch sicher ein schönes Ziel … Meine Neugier ist geweckt, und ich suche einen Weg hinein in das sich weit nach Nordwesten hin erstreckende Waldgebiet. Hinweise auf die Baumschönheit sehe ich nirgendwo, aber die Richtung sollte stimmen. Nach zwei Kilometern wird der gepflasterte Weg zum echten Waldweg. An einer Gabelung treffe ich auf ein Wandererpaar, das von einem großen Jagdhund begleitet wird. „Ja, dieser Weg führt zur Zwölf-Brüder-Buche.“ Ein kleiner Wegweiser würde den richtigen Abzweig weisen. Nur noch ein Kilometer. Allein, der Wegweiser kommt nicht. Oder ich habe ihn übersehen. Stattdessen wird der Weg rumpeliger, fast unfahrbar. Ich bleibe stehen und schaue endlich mal genau in meine OSM-MTB-Karte im Garmin. Ja, die Buche ist dort eingezeichnet. Also hin per Luftliniennavigation. Eine Viertelstunde später erblicke ich das angepriesene Gewächs. Eine vielstämmige Buche, die ihre Fühler weit nach oben streckt. Wirklich alt ist sie offensichtlich nicht. Das Besondere ist ihre Form mit ursprünglich zwölf Stämmen, die ganz eng beieinander eine Wuchsgemeinschaft gebildet haben. Auf nur ca. 100 Jahre schätze ich diesen Baum, gemessen an den geringen Stammdurchmessern.

Ein offenbar kürzlich herausgebrochener Einzelstamm hat nach dem Verlust eines weiteren in der Zeit davor die ursprüngliche Zwölferformation auf eine „Zehn-Brüder-Buche“ reduziert. Der Zahn der Zeit nagt! Auch die Umfriedung des Naturdenkmals befindet sich in maladem Zustand. So verlasse ich nur mäßig beeindruckt die Stätte und mache mich auf den Weg nach Norden. Irgendwann sollte ich auf die Alte Hamburger Poststraße stoßen, auf der ich dann endlich wieder flotter rollen könnte. Nur ist der Weg nicht gänzlich frei von Hindernissen.

Wer sein Rad liebt, der schiebt! Die nächsten Kilometer sind beschwerlich, aber der wunderbar duftende Wald entschädigt mich für die Mühsal. Bei Ziegenkrug, dem Ort einer ehemaligen Ausspann- und Ausruhstätte für Postkutschen, Reisende und Wanderer, erreiche ich die „Alte Hamburger Poststraße“ .

Nach dem Abriss des im Jahre 1751 erbauten Vorlaubenhauses künden nur noch ein großer Rastplatz und ein paar Informationstafeln von der vergangenen Pracht. Über 10 Kilometer führt der ehemalige Heer- und Postweg durch den Krämer. Vier Kilometer davon schnurstracks geradeaus. Gesäumt hauptsächlich von Kiefernwald. Laubbäume sind selten zu erblicken. Und wenn, dann sind sie recht jung. Beim Forsthaus Krämerpfuhl, in dem der legendäre Förster Reckin gelebt haben soll, quert der Postweg die Perwenitzer Chaussee. Just hier erblicke ich einen Wegweiser zur „Königseiche“. 300 Meter in Richtung Perwenitz sollte eine mächtige alte Eiche stehen.

Eine Viertelstunde suche ich im Zickzackkurs das Baum-Monument. Kiefern, Fichten, Gestrüpp, aber kein Gewächs, das sich Eiche nennen könnte. Dann finde ich nach der Methode Geocaching und den im Internet gefundenen Koordinaten das, was einmal die Königseiche war: ein modernder, von Farn und Laub bedeckter Stubben, kaum einen Meter hoch. Ich stehe vor den Überbleibseln der Königseiche!

Die Königseiche, bzw. das, was von ihr übrig ist

Wenn ich jetzt einen dicken Filzstift dabei hätte, würde ich den Hinweis zur Königseiche auf dem Schild durchstreichen.

Halbmeilenstein an der Poststraße

Der Hinweis auf Reckins Eiche verweist nicht auf einen prächtigen Baum, wie man meinen könnte. Nein, in 1,7 km Entfernung finde ich in Klein-Ziethen den schon seit 2019 angegebenen Landgasthof „Zur Eiche“. Hier im Ländchen Glien scheinen Schildbürger ihr Unwesen zu treiben. Jedenfalls vertraue ich ab jetzt den Hinweisen nur, wenn ich sie selbst geprüft habe.

In Klein Ziethen lauert hinter einem Tor ein Außerirdischer mit Schwert und Kampfmontur. Ungemütlich hier und Zeit, zu verschwinden. Das Tageslicht schwindet auch, und ich fahre wieder heimwärts. Am Rand von Bötzow besänftigen mich die wunderbaren Linden, die zum Dorfkern hin sich in einer langen Allee aufreihen.

Berlin – Randerscheinungen

Die Tage schrumpfen Tag für Tag, langsam kommt der Winter nahe. Die Sonnenstunden werden weniger, die Tage mit Sonnenschein auch. Immer kostbarer wird das rare Gut. Heute ist Helios gut gelaunt und sendet warmes Licht auf die weiten, abgeernteten Felder am östlichen Stadtrand. Mühlenbeck, dann vorbei an den Arkenbergen, ein künstlicher Hügel, ein Schuttberg, der wieder begrünt ist und mit 122 Metern überm Meer seit 2015 die höchste Erhebung Berlins. Der Teufelsberg mit 120 Metern ist auf Platz zwei gerutscht. Kürzlich durften hier beim Gravel Krit die Sportler auf das sonst abgesperrte Gelände und Höhenmeter machen. https://www.youtube.com/watch?v=zfh4GkLkUK4

Höher werden die Arkenberge zukünftig nicht mehr, Schutt wird nicht weiter aufgeschüttet, ein Erholungsgebiet für die gestressten Großstädter soll entstehen. Und irgendwann, so die Verwaltung will und kann, dürfen hier die Mountainbiker und Graveller sich jeden Tag austoben. Als ich am Rand der trist daliegenden ehemaligen Kleingartenkolonie Arkenberge vorbeirolle, ist der Zaun noch geschlossen. Ich darf, ich muss also heute nicht da hinauf. Auf den Feldwegen sind Hunde mit ihren Menschen im Auslaufgebiet unterwegs. Französisch Buchholz ist der Ortsteil getauft, den ich auf meinem Kurs nach Südosten als Nächstes im Zickzack durchquere. Ursprünglich war es eine Ansiedlung, die um das Jahr 1770 Hugenotten, die aus Frankreich aus Glaubensgründen vertrieben wurde , eine neue Heimat bieten sollte. Heute empfängt mich ein Konglomerat aus Datschen, Einfamilienhäusern, Handwerksbetrieben, Schrottplätzen, das nach Osten vom Autobahnring abgegrenzt wird. Etwas unharmonisch, befremdlich, aber doch naturnah. Das gilt auch für den nächsten Ortsteil, Blankenburg, wo ich am typischen Empfangsgebäude des Bahnhofs aus den 20er Jahren staunend vorbeirolle. Bahnwärter, Bahnhofsvorsteher, Fahrkartenverkäufer, viel Personal war in der Blütezeit ständig vor Ort. Heute finden sich hier nur noch Fahrkartenautomaten.

Auf meinem Weg nach Osten, hinaus aus der großen Stadt, erreiche ich Neu-Hohenschönhausen. Nicht nur der Name dieses Ortsteils ist ein wahres Ungetüm

Auf dem Wandgemälde prangt der Fischerkahn von Heringsdorf

Die Häuser vor mir bekommen immer mehr Stockwerke, Beton war in Form von Plattenbauten der Lieblingsbaustoff in der DDR. Der Grundstein für mehr modernen Wohnraum wurde 1984 von Erich Honecker gelegt. Die Fertigteile für die Großbauten kamen von Firmen aus Rostock, Schwerin, Neubrandenburg und Frankfurt/Oder. Die Bauteile waren je nach Lieferant unterschiedlich geformt. Daraus resultierten verschiedene Fronten und Formgebungen. Der Herkunftsgegend der Baufirmen entsprechend, bekamen Straßen und Plätze ihre Namen.

Ein Ortsteil samt Infrastruktur mit S-Bahn und Tramlinien wurde als Musterprojekt aus dem Boden gestampft. Die Straßen und Plätze sind nach Orten in Mecklenburg-Vorpommern benannnt. Ribnitz, Ahrenshoop, Wustrow, Zingst und so weiter finden sich auf den Schildern.

Wohnungen für mehr als 60.000 Menschen entstanden. Reichlich Beton, aber auch Spielplätze, Schulen, Schwimmhallen und einige Parkanlagen, die etwas Grün ins Grau der Bauten bringen sollten. Auf der östlichen Seite der S-Bahn-Linie sehen die Bauten anders aus. Die Klötze ragen höher in den Himmel, die Neubrandenburger-, Rostocker- , Demminer Straße künden von den Plattenlieferanten aus dieser Region.

Springbrunnen und Skulpturen sollten die neue Siedlung verschönern, mit der Vergabe von „Goldenen Hausnummern“ wurden besondere Aktivitäten der Bewohner zur individuellen Gestaltung belohnt. Im Oktober 1989, kurz vor der Wende, wurden die Bauarbeiten des Projektes Hohenschönhausen-Nord offiziell für vollendet erklärt.

Auf meinem Zickzack-Kurs durch die Straßen und um die Häuser sehe ich Besonderes und Absonderliches. Schönes und Kaputtes direkt nebeneinander.

In der Mitte der 90er Jahre, kaum zehn Jahre nach Entstehung des Ortsteils, wurden umfangreiche Sanierungen und Umbauten durch die HOWOGE und andere Wohnungsbaugesellschaften vorgenommen. Heizungen und Fenster wurden erneuert, Balkone abgerissen und neu gestaltet. Und dann kam noch mächtig Farbe an die grauen Wände. Und Darstellungen von Natur und Ostsee.

Brunnen der Jugend von Senta Baldamus

Nur einen echten Mittelpunkt, einen Treffpunkt für die Menschen, kann ich nicht entdecken.

Ich sehe eine Vincent-van-Gogh-Schule, eine Schostakowitsch-Musikschule, fahre am „LindenCenter“ vorbei und erblicke den Brunnen der Jugend, der wie aus der Zeit gefallen scheint. Ursprünglich hatte die Stadt Schwerin schon 1975 den Auftrag für einen Brunnen mit Skulpturen an die Berliner Bildhauerin Senta Baldamus vergeben. Dann ging der Stadt das Geld aus und die bis dahin erstellten Entwürfe wanderten in einen Schweriner Schuppen und wurden dort zwischengelagert. Erst lange nach der Wende wurden dank der Marketinggesellschaft Berlin die zur Fertigstellung der Figuren erforderlichen Mittel zur Verfügung gestellt. Erst im Jahre 2002 wurde dann der Brunnen samt Figuren auf dem Stadtplatz errichtet. Nach einer über 25-jährigen abenteuerlichen Vorgeschichte. Die im Jahr 2001 verstorbene Bildhauerin hat die Einweihung nicht mehr erleben dürfen.

Zukunft?

Daneben residiert in einem waschbetonverkleideten, angegammelten Bau das Zukunftswerk Jugend. Auch eine „Tiertafel“ gibt es hier. Auf den Fenstersimsen und auf der Dachkante vergnügen sich Hunderte von Tauben. Offensichtlich Stammgäste, wie an den Hinterlassenschaften am Boden zu erkennen ist. Hier und drumherum soll ein neues „Urbanes Zentrum“ entstehen. Eine Ausschreibung zum Projekt gibt es schon. Ideen werden gesammelt, Arbeitskreise gebildet. Wenn es also in der berlintypischen Geschwindigkeit vorwärtsgeht, können sich die Bewohner in der nächsten Generation über eine echte Mitte freuen. Schaun mer mal.

Nach einer Stunde Ortsteilerkundung freue ich mich wieder auf den Blick in die freie Natur, auf die Wartenberger Feldmark, die im Norden an die Blockbebauung anschließt. Ich rolle vorbei an einem Skatepark, einem aufwändig gestalteten Spielplatz, einem Basketballfeld, einem Japanischen Garten. Das sieht gut aus und versöhnt ein klein wenig mit dem Brutalbeton der Siedlung. Die nächsten Kilometer genieße ich die erstklassige Qualität der Rad- und Wanderwege durch die Flur. Aus der Feldperspektive ist die klotzige Bebauung von Neu-Hohenschönhausen gegen die abgeblendete Sonne als Schattenriss deutlich zu erkennen.

Neu-Hohenschönhausen

Langsam arbeite ich mich zurück nach Westen über Karow und Buch. Am Stadtgut vorbei und den alten Eichen im Park. Neben Brutalbeton und dichter Bebauung ist erfreulich viel Raum für die freie Natur. Es ist eben immer eine Frage der Perspektive. Ich schaue gerne ins Grüne, auf Bäume und die kleinen Zentren der ehemaligen Vororte der großen Stadt.

Am späten Nachmittag, 70 gemächliche Kilometer zeigt das Garmin, rolle ich wieder zu Hause ein. Frische Luft und viele neue Eindrücke im Kopf. Es gibt noch viel zu entdecken.

Langsam an der Schnellen Havel

Auf 14 Kilometern Länge verläuft der Voßkanal parallel zur mäandernden Schnellen Havel von Liebenwalde bis nach Zehdenick. Erbaut in den Jahren 1880 bis 1882 und ausgerüstet mit den Schleusen Bischofswerder, Krewellin und Zehdenick. Auf dieser Wasserstraße konnten endlich die Produkte der Ziegeleien um Mildenberg herum nach Berlin verschifft werden. Die schnell wachsende Großstadt Berlin brauchte um die Jahrhundertwende vor dem Ersten Weltkrieg Millionen Tonnen Ziegel und Klinker für die neu entstehenden Häuser und Bauwerke. Der Radweg Berlin – Kopenhagen begleitet den Voßkanal durch die herrliche Auenlandschaft. Gerade jetzt, im Spätherbst, sind die Farben besonders kräftig. Goldbraun leuchten das letzte Laub an Eichen, Ahorn und Linden und die gefallenen Blätter am Boden. Sattgrün die Wiesen an der Schnellen Havel. Ein Farbrausch, der den Vorteil hat, den Menschen nicht besoffen, sondern einfach nur glücklich zu machen.

Am Voßkanal bei Krewellin
Am Voßkanal

Alle paar Hundert Meter klicke ich die Radschuhe aus den Pedalen, fingere meine Olympus Tough-Kamera aus der Oberrohrtasche und mache Foto um Foto. Mit Schilf, mit Bäumen, mit Wiesen, mit Wolken, mit Wasser…

Beste Nahrung für die herbstdämmerungs-, nebelgeschädigte Seele. Endlich Sonne, klare kalte Luft aus Norden. Flache Cumuluswolken gruppieren sich in Reihen am tiefblauen Himmel. Vereinzelt sind noch Kranichrufe zu hören. Die letzten Zugvögel machen sich auf den Weg nach Süden. Graugänse schnattern zu hunderten um die Wette und bilden schöne Schattenrisse unter den Wolken.

Gänse in der Thermik unter Cumuluswolken

Vereinzelt tuckern Sportboote vorbei, wahrscheinlich auf dem Weg ins Winterquartier oder in die Werft von Malz oder ins Bootslager von Liebenwalde. Am Südrand von Zehdenick vereinigen sich Voßkanal und Schnelle Havel, um sich dann wieder als Havel durch die zahlreichen Tonstich-Seen bis hinauf nach Mildenberg zu schlängeln. Heute schaue ich mir ein historisches Kleinod von Zehdenick endlich mal von innen an: Das Zisterzienserkloster aus dem Jahre 1250. Genauer: Kloster für Zisterzienserinnen. Die wechselvolle Geschichte über die Jahrhunderte ist im verlinkten Artikel nachzulesen. das kleine Eingangstor ist erfreulicherweise geöffnet, so dass mein Basso und ich in den Innenhof der ehemaligen Klosteranlage hineingehen können. Die Mauern atmen Geschichte und hätten sicher viel zu erzählen, wenn sie denn könnten. So lese ich wissensdurstig die Informationen auf den Mauertafeln, bin beeindruckt vom mächtigen Mauerwerk und dem kleinen Klostergarten, in dem heute mannigfaltige Kräuter und Gartenpflanzen in Hochbeeten gedeihen.

Zehdenick hat sich im Laufe der Jahre in der Mitte des Ortes ordentlich herausgeputzt. Sorgfältig restaurierte Häuser in den Farben der Barockzeit und daneben gelegentlich auch leer stehende Läden, die neue Betreiber suchen. Alt und neu, hübsch und hässlich in direkter Nachbarschaft.

Zehdenick, ein Ort, der sich Mühe gibt, wieder attraktiv und lebenswert zu werden.

Auf dem Weg wieder zurück nach Berlin rolle ich in Richtung Löwenberg nach Südwesten über die B 109 sanft eine Bodenwelle hinauf, himmelwärts durch eine junge Allee in die Wolkenbänke schauend.

Himmelwärts

Hammelstall heißt ein Anwesen am Waldrand. Wegsteine zeugen von der Vergangenheit.

„Zehdenicker Bürgerheide 1299“ lese ich auf dem ersten Stein westlich der Straße. Wenig weiter südlich dann „Erbauung der Chaussee 1900/1901 – Berlin 7 Meilen“ Eine Preußische Meile entspricht 7,532 Kilometern, also ist die Distanz nach Berlin etwa 53 Kilometer. Damit ist mein Garmin absolut einverstanden. Kurz vor Falkenthal folge ich einem Radwegweiser, der mich in den ehemaligen königlichen Forst hineinführt. Wieder hin nach Osten in die Havelauen. Ein wunderbarer Weg durch alten Mischwald mit herrlichen Buchen, Eichen und großen Kiefern. Eine Viertelstunde später stehe ich an einer Weggabelung. Links ein riesiger Farbklecks in Form einer Stieleiche, die komischerweise noch nicht ihr Laub abgeworfen hat, und gerade vor meinen staunenden Augen wird eine Herde von wunderbaren braunen und schwarzen Rindern immer größer. Mittendrin eine Gruppe von zotteligen Eseln.

Esel inmitten von Rindern – friedliche Koexistenz

Der Sandweg, der nach Süden führt, ist tief und weich. Ich muss eine Weile schieben. Eigentlich genau richtig, um dieses Stück herrliche Natur richtig in mich hineinzusaugen. Irgendwann komme ich wieder auf festen Rollgrund. An einsamen Gehöften vorbei bis zu einer Reihe von Fischteichen, auf denen hunderte von Schwänen ihre sanften Kurven ziehen.

Fischteiche westlich der Schleuse Bischofswerder

Der mittlerweile feste, glatt geteerte Weg führt mich nach Süden in Richtung Neuholland. Dann hinüber nach Malz und wieder an den Oder-Havel-Kanal.

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In Friedrichsthal, an der Kanalbrücke, schließt sich der Kreis für meine Herbstausfahrt, und ich rolle wieder auf wohlbekannten Wegen nach Hause. Mit dem letzten Licht am Lehnitzsee entlang und wenig weiter mit einer leuchtenden Venus als Glanzpunkt des Tages am orangerot gefärbten Südwesthimmel.