1950 im Sauerland geboren, Uni Bochum, Daimler Stuttgart, dann Berlin. Hobby Segelfliegen, Motorfliegen und spätberufener Langstreckenradler. 3-facher Opa.
Der nahende Winter wird die Farben bald aus Wald und Feld herauswaschen. Heute lacht noch einmal die Herbstsonne, ein kleines Hoch bringt Kälte, aber auch blauen Himmel und lockere Cumulusbewölkung. Nach Norden am Oranienburger Kanal entlang lotse ich Peter und Wolfgang durch den drei Grad kühlen Morgen. Hohen Neuendorf- est? Da ist wohl ein Buchstabe heruntergefallen. Auch dieser Bahnhof fristet ein kümmerliches Dasein, wie so viele andere, die ihre ursprüngliche Funktion verloren haben – kein Service, nur ein einsamer Ticketautomat beim Wartehäuschen. Das Gebäude gammelt verlassen vor sich hin und ist zur Leinwand für die Graffiti-Sprayer geworden.
Gegenüber die reine Idylle. Zumindest in diesem Eckchen des Ortes möchte ich nicht lang verweilen. Ein Grund mehr, bei Borgsdorf auf den Kanalweg zu wechseln.
Hier sind zwar ein paar Hindernisse für die Crosser eingebaut, aber schön ist es hier. Die Bäume spiegeln sich im Wasser und strahlen uns mit ihren verbliebenen Blättern an.
Nach der Querung von Oranienburg von West nach Ost gelangen wir zum Oder-Havel-Kanal. Der Radweg ist einer der schönsten, die ich kenne. Als Teil des Fernweges Berlin-Kopenhagen ist er auch gut beschildert und gut zu finden. Unsere Laune könnte nicht besser sein. Abwechselnd rufen wir uns unsere Begeisterung für die herrliche Natur zu. Das muss einfach raus!
Auf dem Abschnitt von Neuholland nach Liebenwalde durchschneiden kilometerlange Pappelalleen die Felder. Gelbgrün heben sich die Baumspitzen vom blauen Himmel ab. Graugänse und andere nach Süden reisende Federtiere sitzen zu Hunderten auf den Feldern und genießen die Sonnenstrahlen.
An der Bäckerei Kowsky in Hammer bei Liebenwalde kommen wir nie ohne Halt vorbei. Zu lecker schmecken Mohn- und Apfelkuchen. Nebenbei: Hier wird noch mit selbst gemachtem Natursauerteig gebacken. Meister Beuster beherrscht sein Handwerk, und die Verkäuferin macht ihren Job ganz offensichtlich gerne.
An der Wand hinter der Sitzecke sind allerlei Informationen aus dem Örtchen zu finden. Diese Bäckerei ist offensichtlich Treffpunkt der Einwohner zum Kaufen und zum Klönen.
Am Abzweig nach Liebenthal hat sich ein unbekannter Künstler eine Landschaftsszene an die Hauswand gemalt. „Kunst am Bau“.
Nach Osten führt unser Weg nach Groß Schönebeck – durch lange, leuchtende Eichenalleen. Da lacht das Herz der Randonneure.
Der Gasthof Schorfheide bittet zum Wildbuffet. Kein Wunder, um Groß Schönebeck herum werden auch jetzt noch reichlich Wildschweine, Rehe und Hirsche gejagt. Von 1871 bis 1918 jagten die drei deutschen Kaiser Wilhelm I., Friedrich III. und Wilhelm II. in der Schorfheide. Eine Ausstellung im Jagdschloß zeugt von dieser Zeit, beherbergt aber auch eine Ausstellung über Max Schmeling, den großen Boxer, Naturliebhaber und Jäger. Auch Hermann Göring hat von hier aus seine Jagdausflüge gestartet. Aber dazu gleich mehr, wenn wir in Eichhorst einrollen.
Randonneure beim Bändigen eines steinernen Wisent.
Der oben erwähnte Hermann Göring ließ 1934 dieses Relief vom Bildhauer Max Esser fertigen.“Einst zog uriges Großwild durch Deutschlands Wälder seine Fährte. Jagd war Mutprobe unserer germanischen Vorfahren. Im Jahre 1934, unter Reichsjägermeister Hermann Göring, entstand an dieser Stelle ein Urwildgehege. Wisent, Auer, Elche, Wildpferde, Biber und anderes Getier fanden darin eine Freistätte und sollten Zeugnis geben von dem Tierreichtum des einst von Menschen noch nicht beherrschten Deutschland!“ So ist es, pathetisch geschrieben, auf der Rückseite des Denkmals zu lesen.
Das ursprünglich eingearbeitete Hakenkreuz wurde weggemeißelt. Aber immer noch wirkt der Tonklotz wie ein Relikt aus der Zeit des Dritten Reiches.
Wolfgang führt uns auf den Radweg zur Schleuse Rosenbeck und dann zum Schleusengraf in Marienwerder. Hier kann man während der Saison gut eine Rast einlegen und es sich bei Bier und leckeren Happen gut gehen lassen. Heute verschmähen wir das Angebot und fahren weiter auf dem Radweg Berlin – Usedom nach Biesenthal und dann nach Bernau.
In Biesenthal ist das Café Auszeit eine gute Adresse, nur, wir haben uns die Pause hier noch nicht verdient, also bleibt es beim Schauen. Dann ab durch den Wald nach Bernau. Ein paar fiese Bodenwellen zwacken richtig in die Oberschenkel. So soll es sein!
Und in Bernau kehren wir ein im „Leiterwagen“. Das Bier schmeckt, der Lachs auch.
Peter muss noch nach Potsdam, und wir finden eine passende Verbindung vom Startort aus. Also wieder zurück auf „Los“. Hin zum Bahnhof Hohen Neuendorf-West. 18.26 Uhr fährt der RB nach Potsdam.
Hier schließt sich der Kreis für heute. 120 Kilometer. Sonne, Licht, Farben, herrlicher Herbst. Es hat gut getan.
Sonntagmittag – die Sonne kämpft sich durch Herbstnebel und -wolken. Wie wäre es, einen Ritt in die große Stadt hinein zu wagen und auf Skulpturensuche zu gehen. Das flüstert mir mein Basso nach dem Frühstück zu. Also Trinkflasche gefüllt, Kamera eingepackt, und ab geht es nach Tegel. Im Humboldthafen schwimmt noch ein stählerner Wal herum, der noch abgelichtet gehört. Ist das Kunst?
♣︎ Die Figur stammt von dem amerikanischen Architekten Charles Willard Moore (1925 – 1993). Der Vertreter der Postmoderne gewann den 1980 ausgeschriebenen Wettbewerb der Internationalen Bauausstellung für sein Konzept der Gestaltung einer Freizeit- und Wohnanlage am Tegeler Hafen mit Flachwasserbecken und Neubaugebiet rund um den Hafen. Und seitdem schwimmt er nun im Humboldthafen und dient als Landeplatz für Tauben und Ankerplatz für Enten.
Brot ist schädlich für Tiere und Gewässer, kann ich auf dem Schild vor dem Wal lesen. Da werde ich dem Tier mal nichts zu fressen geben.
Am Landwehrkanal entlang rolle ich in Richtung Westhafen und Beusselbrücke. ♣︎ Hier steht „Multiple Fork“ des Schweizer Bildhauers Schang-Hutter. 1991 wurde diese Stahlskulptur an beiden Enden der Brücke spiegelgleich aufgebaut.
Die Auffahrt zur Brücke ist an diesem Sonntagmittag gesperrt. Notarztwagen, Polizeifahrzeuge, ein Kamerateam, um den „Tatort“ genau zu erfassen. Hier ist wenige Minuten vor meiner Vorbeifahrt eine Radfahrerin von einem zum Westhafen abbiegenden Sattelschlepper überrollt worden. Unter einer Plane kann ich noch das Hinterrad erkennen. Ein Menschenleben wurde hier von einem achtlosen Lkw-Fahrer abrupt beendet. Heute habe ich das im Tagesspiegel lesen können. Und ich rolle da ahnungslos vorbei und lasse mich von der fahlen Herbstsonne wärmen… Trauer und Nachdenken!
Nicht wissend, was da passiert war, fahre ich weiter zum Ernst-Reuter-Platz. Auf der Suche nach der „Flamme“ von Bernhard Heiliger.
♣︎ Diese gewaltige Bronzeplastik hat Bernhard Heiliger 1963 zum Gedenken an Ernst Reuter geschaffen. „Friede kann nur in Freiheit bestehen“, dieses Reuter-Zitat ist in die Steine vor der Bronze eingelassen. Ich mache reichlich Fotos, denn aus jedem Winkel sieht die Flamme anders aus. Faszinierend.
♣︎ Gegenüber, vor dem Hochhaus für Bergbau-und Hüttenwesen, stehen die „WachsendenFlügel“ von Karl Hartung. Da war wohl noch etwas Bronze übrig. Aufgestellt wurden die Flügel zeitgleich im Jahre 1963. Und mittendrin im Reuter-Rund steht im Wasser ein überdimensionales Mikado aus Edelstahl oder Aluminium.
♣︎ Eine Installation im Rahmen des Projekts, „Berlin leuchtet“ 2016: Der Brunnen und die dortige Wasserfontäne wurden von dem Künstler Dietmar Korth durch farbliche Animationen in ein Lichtkunstwerk verwandelt. Das verwendete Lisamaterial lässt 15 % UV-Licht durchwandern und streut an den Kanten 85 % ab, dadurch wirkt es schon bei wenig natürlicher Lichteinstrahlung wie von innen beleuchtet.
Um die nächste Ecke herum wartet das nächste Kunstwerk:
♣︎ Otto Herbert Hajek: Stadtzeichen (Raumzeichen) (1972-74)
Werke mit den Bezeichnungen Stadtzeichen und Raumzeichen sind in Stuttgart und neuerdings auch in Potsdam zu sehen. Hajek muss ein arbeitswütiger Bildhauer gewesen sein. Bis zu seinem Tode im Jahr 2005 zählt sein Werkverzeichnis hunderte von Schöpfungen auf. Hajek-Findbuch:
Stahl, 4 m hoch; Fasanenstraße 87, vor dem Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung, Dienstsitz Berlin
Szenenwechsel! Die beiden Peters sind heute parallel zu mir unterwegs auf einer Runde durch das Havelland. Schon früh sind sie gestartet und haben dem „Café Backwahn“ in Päwesin einen Besuch abgestattet. Jetzt sind sie wieder auf dem Wege nach Werder. Dort wollen sie zünftig anstoßen auf das neue, prächtige Tommasini-Stahlgerät von Peter W. Kann ich mir das entgehen lassen? Nein! Also schaue ich in die DB-App und sehe, dass um 14.17 Uhr ein Regionalzug vom Bahnhof Zoo nach Werder fährt. Das passt! Also nichts wie zum Bahnhof gerollt. Dabei komme ich noch an einer interessanten Plastik vorbei – aus Plastik!
♣︎ „Polyester, schwarz„, 250 x 650 x 350 cm, dreiteilig. 1983 aufgestellt. Standort: vor dem Konzertsaal der Universität der Künste, Fasanenstraße / Ecke Hardenbergstraße, Berlin-Charlottenburg, geschaffen von Hans Nagel. Schönheit entsteht bekanntlich im Auge des Betrachters… Und nutzbringend ist dieses Werk allemal: Als zünftiger Beistelltisch für Prosecco und andere alkoholische Getränke.
In Werder/Havel spuckt mich der Regionalzug aus, und ich orientiere mich in Richtung Wachtelberg. Dem Weinberg in Werder, aus dem trinkbare Weißweine kommen. Und mit Weißwein soll das neue Tommasini von Peter getauft werden.
Vor dem nicht ganz so modernen, aber klassisch angehauchten Kino von Werder –“Scala“– warte ich auf die beiden Peters. Das Basso lehnt sich an die lackierten, leicht ramponierten Betonstufen. Nach zehn Minuten kommen die beiden um die Ecke, und Peter führt uns zum Wachtelberg. Das Tommasini glänzt wunderbar, dem Randonneur Peter glänzen die Augen vor Besitzerglück.
Das blitzende Stahlgerät fühlt sich wohl zwischen den Rebstöcken. Vielleicht hat es das Gefühl, im Piemont zu weilen, wo seine Artgenossen so häufig anzutreffen sind.
Eingerahmt vom alten Basso-Crosser und dem noch jungen Genesis-Edelstahlgerät zeigt es stolz seine Campa-Record-Elektronikschaltung. ( Das Tommasini kann im Finish locker mit einem Jaegher mithalten. Genauso verhält es sich mit dem Kaufpreis für das edle Teil.)
Und der frische Besitzer berauscht sich am Duft der gelben Rosen im Weinberg…
Die Weintiene am Wachtelberg hat schon das Saisonende ausgerufen. Wir können nur den Blick über die Rebhänge genießen, nicht aber den leckeren weißen Wein. Also runter auf die Werder-Insel. Dort kennt Peter ein Restaurant mit Sitzplätzen auf Pontons im Wasser.
Dekoration mit Kerze und Sattel
Peter ordert das Taufgetränk
Anstoßen auf Luigi Marco Francesco … Tommasini – und viele gemeinsame Kilometer.
Und dann fahren wir irgendwann wieder nach Hause. Hinein in die Dunkelheit.
Das Zeitfahren von Hamburg nach Berlin hat sich immer stärker etabliert. Wer nicht zügig die Anmeldung auf den Weg bringt, hat das Nachsehen. So sind auch dieses Mal die begehrten Startplätze nach zwei Tagen ausgebucht. Was ist so reizvoll an „HH-B“? Der Wind, der häufige Regen, die schlammigen Wirtschaftswege der Dannenberger Marsch? Oder doch mehr die Gesellschaft leicht verrückter Radsportler, die sich am Ende der Saison noch einmal so richtig die Kante geben wollen? Oder ist es das gleichsam professionell agierende wie warmherzig-freundliche Veranstalter-Team um Burkhard Sielaff ? Etwas von allem muss es sein, schätze ich.
Samstag, 15.Oktober, 06.59 Uhr. Das ist unsere Startzeit. Peter, Peter und ich wollen das Abenteuer angehen. Wolfgang, der ursprünglich Vierte im Bunde hat sich eine Virusinfektion eingefangen und kann uns deshalb nur mental seine Unterstützung bieten. Am Freitag ist Anreisetag: Vier Stunden im Regionalzug bis nach Hamburg-Bergedorf. Ungefähr dreimal so viel Zeit werden wir in der entgegengesetzten Richtung per Rad benötigen. Wenn es gut läuft.
Peter W. holt zur mentalen Vorbereitung ein Fotoalbum vergangener Heldentaten aus seinem Rucksack. Brevets und Ultra-Brevets in Serie… und morgen werden es nur 275 km sein. Lächerlich!Neben der Psyche braucht auch die Physis Nahrung: Peters Frau hat köstliche Muffins gebacken. Ungemein lecker!
Im Hotel in Bergedorf beweisen wir dann noch unsere Qualitäten als „Genießer-Randonneure“. Seeteufel, Erdbeeren auf Mascarpone, dazu köstlicher Rotwein. Wenn sich Chris Froome ein solches Mahl am Vorabend eines Zeitfahrens gegönnt hätte – sein Teamchef hätte ihn wohl suspendiert. Wir hingegen frönen sauberen Gewissens nach dem Goethe-Plädoyer „Das Leben ist viel zu kurz, um schlechten Wein zu trinken“, den Gaumenfreuden. Am nächsten Tag haben wir reichlich Gelegenheit, die eingefahrenen Kalorien wieder „wegzutreten“.
Um fünf Uhr in der Frühe ist die Nacht herum. Duschen, rein in die Radklamotten und ab auf die ersten acht Kilometer in den noch finsteren frühen Morgen zum Alten Fährhaus in Altengamme. Hier ist der Start für HH-B. Hier haben Burkhard und sein Team ein ordentliches Frühstück für die 300 Starter vorbereitet.
In diesem heimelig beleuchteten Pavillon holen wir unsere Startnummern ab
Dann klettern wir die Stufen zum Alten Fährhaus hinab, gönnen uns Rührei, Schinken, Brot und und … junge wilde Sportler, alte ergraute Recken drängen sich friedlich am Buffet, während die ersten oben auf dem Deich schon über die Startlinie rollen.
Hast du den richtigen Track im Navi aufgerufen, Beleuchtung o.k., Trinkflaschen gefüllt, Snickers in der Trikottasche, Regenjacke dabei … gut. Dann kann es losgehen.
„BB-Randos“ – unser Dreierteam wird aufgerufen, und schon sind wir unterwegs in die feuchte Kälte des Morgens.
Foto: Burkhard Sielaff
Warmfahren! Als wir die Elbbrücke bei Geesthacht überqueren, fängt es an zu tröpfeln. Verdammt, der Wetterfrosch liegt richtig mit der Vorhersage: Ab sieben Uhr leichter Regen, und den bekommen wir schön genau von vorn vom Ostwind ins Gesicht geblasen. Spätestens hier werden die Starter mit Dreiviertel-Hosen und dünnen Windjacken sich fragen, ob das die richtige Ausrüstung für heute ist.
Artlenburg, Hittbergen, Bleckede – es regnet gleichmäßig, der Wind frischt auf. Fünfer-Teams, kleine Gruppen … die ersten Schnellen überholen uns. Peter entscheidet kategorisch, dass wir unser Tempo weiterfahren. Keine Windschattenhatz. Der Tag ist noch lang. Mindestens zweimal sind wir wieder vor den Schnellen, weil wir den kürzeren Track herausgefunden haben. Irgendwelche Vorteile dürfen Alter und Streckenkenntnis schließlich haben, frohlocken wir. Die Wellen hinüber nach Hitzacker beißen ordentlich in die Waden, der Ostwind bremst. So sind wir froh, nach regenfeuchten, lehmbelegten Wirtschaftswegen endlich die Elbbrücke bei Dömitz zu erreichen.
Schön nass, schön windig! Aber, wie lautet die alte Erkenntnis: Es gibt kein schlechtes Wetter, nur ungeeignete Kleidung.
Als wir in der Kontrolle in Dömitz einlaufen, habe ich beide Trinkflaschen geleert. Zwei Snickers sind auch schon im Magen gelandet. Meine Gore-Jacke ist vorne feucht vom Regen und hinten vom abdampfenden Schweiß. Ein klares Zeichen dafür, dass die ersten knapp 100 Kilometer eine kraftraubende Angelegenheit waren. 3 h 50 Min. – meinen 27er- Schnitt vom Vorjahr erreichen wir nicht annähernd. Trotzdem mussten wir dafür mehr arbeiten.
Burkhard – souveräner Organisator – guter Laune und gegen die Unbill des Wetters geschütztHarter Kerl – ohne Socken bei sechs Grad!
da bist du von den Socken!
Mollig eingepackte Frauen frieren, Velomobil-Piloten schwitzen die Unterhemden durchJung-Randonneur Ole kann noch lachenDer Quest-Fahrer hat ordentlich Feuer unter der HaubeUnd der Ruderclub Havel gönnt den Teams begleitenden ServiceWasser marschkniefreiTrockenhaube
Nach genau 15 Minuten Pause, Rosinenbrot, Vollkornstulle und Kuchen, gehen wir mit frisch gefüllten Trinkflaschen auf den zweiten Teil der Strecke. Es tröpfelt nur noch leicht, dafür wird der Gegenwind fieser. Wir fahren den Mini-Dreierkreisel. Jeder so lange vorn, wie er Luft hat. Lenzen, Lanz, Cumlosen und auf der anderen Elbseite Gorleben.
Foto: Burkhard Sielaff
Über uns Schwärme von schnatternden Wildgänsen auf dem Weg in den sonnigen Süden. Schnurgerade Wege, Buschreihen, Deiche, riesige Weiden, Kühe und Reiher, Schafe und Rehe. Wo sind die Menschen geblieben? Doch, doch, es gibt sie noch hier in den Elbauen. Die riesigen Traktoren mit breiten, wummernden Reifen werden von Menschen gelenkt. Und sie machen uns Radlern freundlich Platz. Moin, Moin, mit der Hand an der Schiffermütze.
kilometerlang immer geradeaus
Wie schön hätten diese Blumen bei Sonne geleuchtet! Heute liegt der graue Himmel wie ein Filter über den Feldern.
Peter hat Hunger, wir haben Hunger, Peter hat schon vorbereitend den McDonald’s am Westrand von Wittenberge in die Karte eingetragen. Den McD schon in Sicht, hupt uns ein mattgrüner, alter VW-Bulli aggressiv an. An der Ampel erkennen wir rechts und links aufgeklebte rotschwarze, eiserne Kreuze. Solche Autos beanspruchen offensichtlich gerne mal die ganze Straßenbreite. Peter W. lässt sich nur widerwillig in den McD locken. Wobei wir doch gelernt haben: Hier wirst du schnell satt, bekommst reichlich Kalorien in den Körper, und die Toiletten sind sauber. Was will der hungrige Zeitfahrer mehr?! Peter bestellt Pommes, der zweite Peter und ich lassen Steakhouse-Beef-Classic-Menues auffahren. Satt verlassen wir nach 15 Minuten den Fastfood-Tempel.
On the road again. Gefühlt verlaufen hier alle Wege geradeaus bis zum Horizont. Mal eine Allee, mal ein Teich, ein Kirchturm, eine Dorfstraße ohne Menschen, dafür aber gepflastert. Wir leiden. Die Trikots sind feucht von Regen und Schweiß, wir frösteln und schwitzen gleichzeitig. Zu lindern ist dieser Zustand erfreulicherweise durch beherztes Treten in die Kurbeln. Dann überwiegt die körpereigene Wärmeentwicklung die von draußen anrennende Kälte. „Berlin ist regenfrei“, tröstet uns der erkältungsverhinderte Wolfgang und schickt uns ein aufmunterndes „Ich leide mit euch“.
Wir rollen durch Havelberg, bestaunen den massigen, riesigen Dom. Und wieder weiter, immer geradeaus. Bei Gegenwind fühlt sich das doppelt lang an. Wo wir sonst locker mit 28-30 km/h unterwegs wären, zeigt der Sigma heute nur ab und an die 25. Von Ferne schon sehen wir den Fernmeldeturm von Rhinow, 101 Meter hoch und zu DDR-Zeiten als Abhörstation für Fernmeldegespräche gebaut. Einen heißen Kaffee könnten wir hier gut vertragen, doch wo bekommen? Kein Restaurant, keine Imbissbude lacht uns an. Kurz vor der Depression erinnere ich mich an eine kleine Tankstelle am Ortsausgang, an der ich schon vor vier Jahren mal einen Liter Apfelschorle getankt hatte. Gibt es die noch? Es gibt sie noch!
Die tapfere Statthalterin dieser Container-Tankstelle war kurz „geschäftlich“ unterwegs
Dann spendiert uns Peter W. großzügig ein Veltins, das wir gierig aus Kaffeebechern schlürfen. Solchermaßen physisch und psychisch gestärkt, verlassen wir diese Stätte gen Westen. Und nicht vergessen, Lilienthal hat hier seine ersten Flugversuche gemacht, es gibt ein interessantes Museum und nebendran den ältesten Flugplatz weltweit zu besichtigen.
Ein Nachbau des Lilienthalgleiters ist inmitten eines Kreisverkehrs aufgebaut
Der Wind lässt nach, die Sonne ist über dem Grau schemenhaft zu erkennen. Angenehm für Körper und Seele. Unser Tritt ist zäh geworden, nicht mehr locker und leicht. Für die letzten 80 Kilometer werden wir unseren Durchhaltewillen aktivieren müssen. An einem leichten Anstieg, kurz nach Passieren des Lilienthal-Denkmals, erkennen wir vor uns einen Liegeradfahrer, der bedenklich nahe an der Fahrbahnmitte unterwegs ist . Dann wird er langsamer, wir kommen näher, er schwankt und fährt in Schlangenlinien. Kurz bevor wir ihn erreichen, rollt er an den Straßenrand und nimmt die Füße aus den Pedalen. Das war knapp! „Ich habe wohl einen Hungerast und fühle mich nicht gut“, antwortet er auf unser besorgtes Fragen. Wir schauen uns ihn genau an, der Kreislauf scheint o.k. zu sein. Unser Snickers-Hilfeangebot schlägt er aus – er habe selber Schokolade und Süßes dabei und bedeutet uns, wir sollten ruhig weiterfahren. Mit gemischten Gefühlen lassen wir ihn zurück.
Friesack, Paulinenaue, Bienenfarm, wir sind im heimischen Trainingsterrain angekommen. Das Oregon hat seine Schuldigkeit getan, wir kennen uns aus auf den nächsten Kilometern. Peter hat noch eine schöne Umfahrung des Outletcenters in Wustermark erkundet – die ist sehr entspannend im Vergleich zur B5-Parallele. Mittlerweile ist es dunkel geworden. Die LED-Fluter erhellen die Fahrbahn. Und treffen am Stadtrand auf den Berliner Bären.
Der Berliner Bär wird freundschaftlich getätschelt
Die Berliner Radwege sind nicht vom Feinsten, aber das kennen wir ja. Ein paar Minuten noch, dann sind wir im Ziel. Bratwurst, heiße Suppe, Bier, geheizte Räume … das Paradies für Randonneure wartet.
Am StartIm Ziel
Nicht schnell, aber geschafft ohne geschafft zu sein. Start 06.59 , Ziel 20.31 Uhr. Heute haben wir den Altersbonus in Anspruch genommen.
Eine klasse Veranstaltung haben Burkhard und das Team vom Audax Club Schleswig-Holstein auf die Beine gestellt. Chapeau! Danke sagen die BB-Randos.
Und ich bedanke mich bei meinem treuen Endurace und der wasserdichten Ortlieb, die wunderbar als Schutzblech taugt.
Mein Canyon Endurace hat sich wieder einmal mit Bravour geschlagen. 1425 Kilometer „am Stück“ bei der Dutch Capitals Tour. Bei Regen und Wind, auf glatten Straßen und auf Pflaster. Alles funktionierte perfekt.
Und so bin ich mit dem Rad unterwegs gewesen – samt Ausrüstung und Marschgepäck.
Wer also ähnliche Projekte im Auge hat, der möge mal hier schauen. So jedenfalls kann ein Rad aussehen. Muss nicht! Ich habe reichlich Konfigurationen bei den Kollegen bestaunen können. Von klassisch bis hochmodern, Stahl, Carbon, Alu – alles ist machbar. Wenn nur die Qualität stimmt.
Dies ist nun meine aktuelle Version eines Brevet-Randonneurs moderner Art. Gesamtgewicht komplett beladen, ohne Trinkflascheninhalt, ca. 13 kg. Mehr braucht es nicht, weniger geht kaum!