Der Kettenstrebenschreck: Nach meiner Kienitz-Frankfurt-Tour bekam ich beim Putzen erst große Augen, dann wurde mir ganz anders. Ein deutlich erkennbarer, fast umlaufender Riss direkt neben dem Kettenblatt! Das darf doch bei Titan nicht passieren, dem Rahmenmaterial, dem ewige Haltbarkeit nachgesagt wird. Und doch ist es Realität. Ich drücke die Strebe seitlich weg – der Riß wird breiter. Was habe ich für ein Glück gehabt, dass ich nicht bei der Abfahrt hinunter nach Falkenberg bei 70 km/h einen veritablen Abflug gemacht habe. Erleichterung, Enttäuschung, dann Ärger. Ich mache Fotos vom Schaden und schicke sie an Kinesis UK.




Kinesis meldet sich schnell zurück. „Sorry to see you have a crack in your GF Ti Frame“, und der Service macht das Angebot, einen aktuellen Rahmen mit 25% Rabatt zu erwerben. Leider war die Garantie schon 2020 abgelaufen. Also jetzt 2000 € investieren und den gecrashten Rahmen verschrotten?! Darauf habe ich absolut keine Lust.
Was tun also? Ich suche im Internet nach Spezialisten, die Titan und insbesondere Titanrahmen schweißen können. Die Auswahl in deutschen Landen ist bescheiden. Aber schließlich werde ich in Mecklenburg Vorpommern fündig: „Rotte-Schweißtechnik repariert Fahrradrahmen aus Aluminium, Stahl und Titan“. Die Homepage ist informativ, garniert mit Fotos von geschweißten Rahmen mit unterschiedlichen Schäden. Vielversprechend! Ich rufe also in Waren an. Matthias Rotte ist offensichtlich ein Handwerker aus Überzeugung, einer, der das, was er tut, gerne tut. Und er kommt ursprünglich aus meiner alten Heimat Westfalen. Erst seit zwei Monaten wohnt er am Müritzsee und ist hierher mitsamt seiner Werkstattausrüstung umgezogen. Ich sende ihm Fotos meines Rahmens, und schon in der Folgewoche machen wir einen Termin bei ihm zur Reparatur. Morgens hinfahren und das hoffentlich perfekt geschweißte Titanteil am selben Tag wieder mitnehmen können. Gute Aussichten. Auf der Homepage sehe ich mir das YouTube Video eines Mountainbikers an, der einen veritablen Rahmenbruch hatte. Das überzeugt mich vollends, und meine Vorfreude steigt.
Als ich mir die Fahrtroute zum Müritzsee und die Adresse von Matthias Rotte genau ansehe, erinnere ich mich an eine Tour im Oktober 2020, als ich auf dem Weg zur Ostsee in Waren übernachtete und das Granfondo an eine riesige Schiffsschraube an der Einfahrt zum Campingplatz Kamerun angelehnt habe. Von hier ist die Werkstatt von Matthias gerade mal ein Kilometer entfernt.

Heute habe ich mit dem Auto für die 150 Kilometer keine zwei Stunden gebraucht. Mit dem Granfondo war ich seinerzeit sieben Stunden unterwegs. Pünktlich um 9.30 Uhr stehe ich bei Matthias Rotte vorm Tor.

Hier sieht es mehr nach einem Feriendomizil als nach einer Schweißerwerkstatt aus. Matthias empfängt mich herzlich, und schon sind wir mitten im Thema. Den Rahmen unterm Arm begleite ich ihn in die kleine, aber feine Werkstatt. Wir reden über das Langstreckenfahren, die Ausrüstungen dazu, dann kommen wir so nebenbei zum Riss in meiner Kettenstrebe, Pardon, im Rahmen des Granfondo. Das wird nicht so schwierig, meint Matthias nach genauer Begutachtung. Schon ist der Patient eingespannt, und die Arbeit kann losgehen. Ich verabschiede mich zu einem Rundgang durch das Städtchen Waren, Matthias widmet sich derweil der Kettenstrebe. Er wird mich anrufen, wenn das Werk vollendet ist.


Die beiden Fotos stammen aus der Homepage von Matthias.
Ich spaziere durch Waren, laufe zum Hafen, trinke einen großen Kaffee. Schön hier. Ich nehme mir vor, mit dem wiedergenesenen Granfondo Titan bald wieder hierher zu kommen. Auf dem Weg zur Ostseeküste, als idealer Zwischenstopp. Die Zeit vergeht schnell, um halb zwei ruft Matthias an: Er ist zufrieden mit der Reparatur. Das Ergebnis ist zu seiner Zufriedenheit. Ich bin gespannt und mache mich wieder auf den Weg zur Stillen Bucht in Kamerun. Schon eine wilde Adresse!
In der Werkstatt zeigt mir Matthias die feine Schweißnaht.




Er ist zufrieden, ich bin zufrieden. Ich zahle meinen Obolus für die geleistete Arbeit und mache mich auf den Heimweg. Am frühen Abend bin ich wieder daheim. Jetzt muss sich das Werk nur noch im harten Praxiseinsatz bewähren. Und mindestens eine Woche soll ich dem Metallgefüge Zeit geben, sich zu beruhigen.
Zeit- und Kilometersprung: Heute, zwei Wochen und 250 Kilometer später wieder fertig montiert:

Den Schaltzug habe ich, ausgehend vom Innenlager, außen verlegt, weil wir entschieden hatten, die Eingangsöffnung in der Kettenstrebe zu verschließen. Vielleicht lag genau hier die Wurzel des Übels. Eine Sollbruchstelle möglicherweise.
Vorne wird jetzt mit einer Campa-Super Record gebremst, die ich noch in meinem Bestand hatte. Die hydraulische Felgenbremse von SRAM war nicht mehr ordentlich zu entlüften, nachdem eine Dichtung den Geist aufgegeben hatte.
In dieser Konfiguration habe ich dann in dieser Woche einen Ritt mit Gravel-, Pflaster, Platten- und Waldeinlagen über 160 Kilometer absolviert.

Bravo Matthias, alles hält, alles bestens! Danke dafür.
Ein Bericht über die schöne Tour folgt.
























































Die überaus freundliche Verkäuferin preist ihre Kuchen an, schließt eigens für uns das Café auf und bringt uns riesige Milchkaffee zu Schnecken und Streusel. So gestärkt peilen wir zielsicher den Magdeburger Dom an und finden uns 20 Minuten später in der Altstadt wieder.
Das Hundertwasser-Haus versprüht unkonventionellen Charme, Touristen werden über die Geschichte des Gebäudes aufgeklärt, wir hören zu und sind beeindruckt. Ein paar Meter weiter stehen wir vor dem riesigen Dom, dann staunen wir über die herrlich restaurierten Gebäude im Gründerstil, die südlich parallell zur Elbe die Altstadt schmücken. So schön hatten wir das nicht erwartet. Beim Verlassen der Stadt nach Südwesten ereilt uns wieder die graue Realität der Industriebauten, der Gewerbeansiedlungen mit Gebrauchtwagenhändlern und Tankstellen und …





So eindrucksvoll und vielfältig habe ich noch nirgendwo Fachwerkarchitektur erlebt. Die Menschen hier geben sich ganz offensichtlich große Mühe, diesen Schatz zu erhalten und wieder herzustellen. Respekt!







Dann bleiben die Füße zumindest warm. Peter hat es versäumt, seine Schutzbleche zu montieren, schließlich war kein Regen angesagt. Das hilft ihm allerdings herzlich wenig. Auf der Suche nach einem geeigneten Ersatz werden wir in einem Hinterhof fündig:
Peter bindet ein Fichtenbrett mit Kabelbindern auf dem Tubus-Gepäckträger fest, und fertig ist der perfekte Spritzwasserschutz.
Die köstlich scharfe Senfsuppe im Brodhaus sorgt für neue Motivation. Beim Start hinaus aus der Einbecker Altstadt lässt der Regen nach, und wir genießen die lauen Lüfte. Endlich rollen wir auf einem gut geteerten Radweg in Richtung Wesertal hinunter. Immer ganz geradeaus.
Holzminden mit einem rauchenden Fabrikschlot fest im Blick. Holzminden durchkurven wir ohne Aha-Erlebnisse. Irgendwie wirkt diese Stadt wie ein Ort ohne Anziehungskraft und Kultur. Vielleicht sehen wir auch einfach nicht richtig hin. Schließlich wollen wir nur rüber auf die Westseite der Weser und dann nach Corvey mit seiner Klosteranlage.
Beim Frühstück verwöhnt uns Rosi, die aus Brasilien stammt und „Mädchen für alles“ bei Kalle Krome ist.
Das Frühstück ist genauso genussreich wie kurzweilig. Das 



Kontrolle Nr. 2 ist „frei“, das bedeutet, wir müssen uns den Stempel irgendwo in diesem Ort holen. Gar nicht so leicht dieses Mal, denn die Durchgangsstraße ist auf ganzer Breite aufgerissen, die Geschäfte darben, und der Bäcker, den wir zum Stempeln heimsuchen, bietet die spärlichste Auswahl von Brot und Kuchen, die ich jemals gesehen habe.
Die beworbenen Kuchenbrötchen sehen erbärmlich aus – ich ziehe es vor, mein mitgebrachtes Käsebrötchen zu verspeisen.



Wir stehen wieder zur Weiterfahrt bereit, als uns abermals die Truppe um Ingo passiert. Entweder haben sie eine längere Pause gemacht oder einen Umweg durch den Park gefahren. 

Auf unserer Seite treffen Biker, Randonneure, Radtouristen und Autos reichlich ein. Eine richtige Schlange bildet sich am Anlegepunkt, so dass wir schon Bedenken haben, überhaupt beim nächsten Mal mit rüberzukommen.
Unsere „gute Zeit“ bis hierher ist weggeschmolzen und wir finden uns in der nächsten Gruppe um Klaus und Phelim wieder.
Gut, dann haben wir Gesellschaft auf der nächsten Etappe durch den Fläming nach Dobbrikow. In Coswig füllen wir beim Netto-Markt unsere Trinkflaschen auf – ich gönne mir eine Stange Knoppers als Kalorienreserve.
Andy und die Kollegen haben großen Hunger und schaufeln eifrig Reibekuchen mit Apfelkompott, Omelett und andere leckere Sachen in die gierigen Körper.
Letzter Stempel nach 22 Uhr, Durchschnitt in Bewegung knapp 26 km/h.
Für Altrandonneure 65Plus gar nicht so übel, wie Wolfgang und ich feststellen. Die nächsten zwei Stunden genießen wir leckere Pilsner, Lasagne und Salat und den Erfahrungsaustausch mit den Kollegen. Kurz nach Mitternacht starte ich auf die 15 km-Etappe nach Hause durch die immer noch sehr lebendige Stadt. Ich fahre mit Warnweste und zwei hellen Rückleuchten. Da ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass die manchmal gar nicht rücksichtsvollen Autofahrer Abstand halten.






