Festive 500

Ja, ich will es! Noch einmal, aber dieses Jahr in kleinen Schritten. Nicht „in one go“, wie Gerald und die Unerschrockenen es wieder einmal getan haben. Von Flensburg bis Skagen sind sie gefahren. Grrr… bei Kälte bis minus 6 Grad. Dafür bekommen sie meinen höchsten Respekt. Neidisch bin ich nicht. Denn solche Brutalvorhaben gehören in meinem siebten Lebensjahrzehnt nicht mehr in mein Portfolio. Ein klein wenig Wehmut spielt allerdings mit. Weg damit!

Kleine Runden machen auch Freude und wirken förderlich auf die körperliche und mentale Verfassung. Also los! IMG_1906

Nördlich von Wandlitz werfe ich einen langen Schatten auf den noch längeren Radweg. Der Himmel leuchtet blau, die Temperatur knapp über null Grad. Locker kurbeln, warm bleiben, dann macht es Freude. IMG_1908

Immer, wenn ich in Zerpenschleuse nach Westen abbiege, am alten Trödel entlang nach Liebenwalde, zieht der verfallende, ehemalige Gasthof meine Blicke auf sich. Wieder ein Foto, wieder hat sich nichts verändert. IMG_191185 Kilometer am heiligen Abend. Es wird Zeit, dass ich nach Hause komme. Sonst gibt es keine Bescherung.

Am ersten und zweiten Feiertag rolle ich noch 120 Kilometer ab, davon zwei Stunden im kalten Regen und bei Gegenwind. Danach sind zwei Gläser Glühwein fällig.

Peter begleitet mich am 27.12. von Potsdam nach Jüterbog mit einer Zusatzrunde auf dem Fläming-Skate. Knackig kalt, aber die Sonne scheint. Danach rein zum Italiener am Bahnhof Wannsee. IMG_1939

Frau Holle schüttelt eifrig, es bleibt aber nichts liegen auf dem grünen Gras.

28.12. Heute treibt mich der Wind nach Südosten. Erst nach Bernau, dann nach Altlandsberg und wieder zurück nach Berlin und durch Berlin. Nochmal 103 Kilometer. IMG_1946

Heute will ich Schlamm und Gravel. Man gönnt sich ja sonst nichts. Die Contis halten den spitzen Steinchen stand, und nach 4 Kilometern hat der glatte Asphalt mich wieder.

Bleiben noch 90 km bis zu den anvisierten 500 km. IMG_1902

29.1. Schlussrunde durch Hobrechtsfelde. James hat geschlossen heute. IMG_1955Einmal noch rauf nach Biesental und durch den Wald zurück nach Bernau. IMG_1974

Das war die Festive 500 mit mageren, aber ausreichenden 502 Kilometern. Mein Jahresabschluss. „randonneurdidier“ ist heil und gesund geblieben im Jahr 2019, die Räder auch. Gewisse Überlegungen, ein n+1 betreffend, treiben mich um.

Auch 2020 will ich mit vielen erlebnisreichen Touren füllen, mit Kilometern, mit netten Menschen, mit Kultur.

Allen, die meinem Blog folgen, und auch denen, die ihn nicht lesen, denen, die mich mögen, und auch denen, die mich nicht mögen, wünsche ich ein friedvolles und erlebnisreiches 2020. Ganz im Sinne von Albert Camus, der es so wunderbar formuliert hat, was ich mir wünsche.

My dear
In the midst of strife, I found there was, within me, an invincible love.
In the midst of tears, I found there was, within me, an invincible smile.
In the midst of chaos, I found there was within me, an invincible calm.
In the depth of winter, I finally learned that within me, there lay, an invincible summer. And, that makes me happy.
For it says, that no matter how hard the world pushes against me, within me, there’s something stronger…
~ Albert Camus

 

Herbstluft und Kultur an Aller und Weser

Der Altweibersommer mit milden Lüften ist herrlich geeignet für Altherren-Randonneur-Ausfahrten. Ein Hochdruckgebiet, das sich nur ganz langsam in Richtung Polen verlagert, sollte ein paar Tage für gut fahrbares Wetter sorgen. Schnell entscheiden, schnell planen, bald losfahren… Am 22. Oktober wollen wir auf eine kleine Etappentour gehen. Also stricke ich einen Track an der Aller entlang und dann an die Weser – aufwärts bis nach Münden. Der IC soll uns zum Sparpreis von 25 € samt Rädern bis nach Wolfsburg bringen. Gesagt, getan! Am Dienstagmorgen sitzen wir um 08.51 Uhr in Spandau  im Zug. Los geht unser kleines Abenteuer. Eins mit kleinen Hindernissen: Ein Waggon braucht eine „technische Prüfung“, die Lokführerin steigt in Stendal aus und begibt sich mit einer Taschenlampe bewaffnet zu einem verdächtigen Fahrwerk. Läuft hin und wieder zurück und wieder hin … Dann entschließt sie sich, die Fahrt fortzusetzen, zumindest bis Wolfsburg. Wo erfreulicherweise der Startpunkt unserer Tour ist. Der Zug bleibt derweil stehen für eine weitergehende technische Überprüfung. Wir sitzen ein paar Minuten später auf unseren Granfondi und rollen los. Glück gehabt. WhatsApp Image 2019-10-22 at 20.22.45

Volkswagen hat seit dem 11.9. ein neues Logo, das flach und groß auch auf dem historischen Heizkraftwerk prangt. Der Marketingchef von VW hatte schon Ende August stolz verkündet: „Wir glauben, wir haben eine Ikone geschaffen“… Dicker geht es nicht! Halt Marketing-Sprech. Dem Heizkraftwerk und wahrscheinlich den meisten VW-Werkern wird das ziemlich am A… vorbeigehen.

Am Kanal, kilometerweit an den alten Werksanlagen entlang kurbeln wir uns ein. Der Track knickt ab in Richtung Gifhorn und Fallersleben. Nach der Industriekultur jetzt hinein in die humanistische, in die literarische Kultur: Hier schuf Hoffmann von Fallersleben das Lied der Deutschen. „Einigkeit und Recht und Freiheit“… Dafür und für seine „unpolitische“ Art zu dichten wurde er 1842, schon hoch dekoriert, seiner Professur pensionslos enthoben, sogar seine preußische Staatsbürgerschaft  wird ihm in der Folge entzogen. Er hat es verkraftet. Nach langen Jahren des Herumirrens in den deutschen Kleinstaaten wurde er schließlich rehabilitiert, war im Kloster Corvey Schlossbibliothekar und ist dort im Alter von 74 Jahren  gestorben. OLYMPUS DIGITAL CAMERAOLYMPUS DIGITAL CAMERA

Auf Gravel- und leicht verschlammten Waldwegen führt uns der Weg an der Aller entlang in Richtung Celle. Bei Schwachhausen erreichen wir wieder die glatt geteerte Landstraße nach Wienhausen und machen eine kurze Rast vorm gleichnamigen Kloster. Die riesige, sorgfältig restaurierte Anlage wird von derzeit zwölf Konventualinnen und der Äbtissin bewohnt und bewirtschaftet. Die Frauen hätten viel Platz für mehr Frauen, geht mir durch den Sinn. Aber wir sind hier schließlich nicht in Berlin mit seiner grassierenden Wohnungsnot.

Die Sonne hat sich gegen Mittag durch die Nebel gearbeitet und lacht uns ins Gesicht. Celle ist nicht mehr weit. An der B 214 entlang arbeiten wir uns gegen den spürbaren Westwind vor über Altencelle, vorbei an Autohändlern, Metallbauern, Nettomärkten und Tankstellen hin zum Altstadtkern der historischen Stadt. Endlich sehen wir Fachwerk anstelle von Beton. OLYMPUS DIGITAL CAMERA

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Jean Lpoustéguy: Homme passant la porte

Mit über 500 Fachwerkhäusern besitzt Celle das größte geschlossene derartige Ensemble Europas. Wir kurven auch die Gassen und sehen uns satt an der wunderbaren Bausubstanz. Dann kehren wir in eine Eisdiele ein und können uns an köstlichen Waffeln mit Erdbeeren und Sahne laben. Ich schwärme Peter noch vom Barockschloss und den Parkanlagen vor. Genau dorthin führe ich ihn und hin zum Hengst Wohlklang, den ich schon vor drei Jahren bewundert habe.

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Hengst Wohlklang in der Freiheitsdressur, 1984 vom Worpsweder Bildhauer Ulrich Conrad geschaffen

Nach einigen Schleifen durch die sehr sehenswerte Altstadt kurven wir durch den Schlosspark nach Westen und dann aus der Stadt hinaus. Ich erinnere mich an die alten Zeiten beim Daimler, als wir 1989 den R 129 Roadster auf dem Contidrom, ganz in der Nähe, getestet und vorgestellt haben, Erinnerungen an die Ackerlandung bei Buchholz nach meinem ersten Segelflug über 200 Kilometer werden wach. Mehr als 50 Jahre liegt das nun zurück. Ein klein wenig Wehmut beschleicht mich. Zeit, den Blick wieder nach vorn zu richten. OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Das in leichtem Größenwahn beworbene Angebot für „American-Food Lovers“ samt Freiheitsstatue ignorieren wir verächtlich. Noch sorgen die Waffeln und die Erdbeeren und die Sahne als Energiespender für flottes Kurbeln. Um 16 Uhr schauen wir mal rein in Booking.com, mahne ich. In Nienburg an der Weser wollen wir heute übernachten. Es ist Dienstag, wir sind nicht gerade im touristischen Zentrum deutschen Landes unterwegs. Aber in und um Nienburg herum sind alle attraktiven Hotels und Pensionen ausgebucht. Auch die von mir favorisierte Weserkate in der Altstadt ist belegt. Erst am Steinhuder Meer finden wir freie Zimmer im Strand-Hotel Weisser Berg. Bis dort dürfen wir noch 32 Kilometer gegen den spürbaren Südwest auf die Pedale drücken. Die Dunkelheit senkt sich über die Heide. Endlich können wir unsere Festbeleuchtung wirksam in Szene setzen. Die Autofahrer blenden  schon 200 Meter vor uns ab. Gutes Licht nützt, gutes Licht schützt! Über geschätzt 100 kleine Wellen auf dem Radweg arbeiten wir uns zum Strandhotel vor. Das überrascht uns mit Karibikflair. Sitzgelegenheiten draußen, offene Bar… Wo sind wir hier gelandet? Alles wird gut, meint Peter optimistisch und geht schon mal hinein in den Restaurantraum, in dem schon das Kaminfeuer flackert. Der Empfang ist überaus freundlich, unsere Räder finden ein sicheres Plätzchen unter der Treppe zum Obergeschoss, in dem wir zwei große Zimmer beziehen. WhatsApp Image 2019-10-22 at 20.22.49

Nach  dem Genuss von wohlschmeckenden, riesigen Currywürsten nebst üppigen Frittenportionen sind die Energiespeicher wieder gefüllt. Zwar nicht unseren Ernährungsgewohnheiten und Grundsätzen folgend, aber sehr wirksam. Vor dem wärmenden Kamin leeren wir noch eine Flasche Grauburgunder und unterhalten uns über alte und neue Zeiten. Bis das Feuer heruntergebrannt ist und die nette Bedienung das Licht ausschaltet.

Das Frühstück um 8 Uhr ist reichhaltig und köstlich, der Morgennebel lichtet sich, als wir die Räder gegen 9 Uhr über die Düne an den „Meeresstrand“ schieben. Was für ein Blick!OLYMPUS DIGITAL CAMERAOLYMPUS DIGITAL CAMERAOLYMPUS DIGITAL CAMERAOLYMPUS DIGITAL CAMERA

Auf der Südseite des „Meeres“ zeichnet sich die Halde des Kaliwerkes Sigmundshall bei Wunstorf wie ein Tafelberg im Dunst ab. Lange stehen wir und staunen und machen Fotos. Ein echter Magic Moment unser kleinen Reise. Der Radweg führt am Nordrand des Sees nach Westen. Über Rehburg und den Klosterort Loccum nähern wir uns der Weser.

Beim Passieren des  riesigen Steinkohlekraftwerkes bei Petershagen, das mit 865 Megawatt für die Energieversorgung Ostwestfalens sorgt, aber leider auch einer der bedeutendsten CO2- Emittenten ist, lassen wir die Kamera unbenutzt. Die Schweine, die auf einer großen Wiesen-und Lehmfläche genüsslich wühlen, gefallen mir besser. Alte und neue Welt stehen am Hang in Form des Mastes für die Überlandleitung und der Windmühle gegenüber. WhatsApp Image 2019-10-28 at 17.07.38

Von der  Stadt Minden taucht als Erstes die Silhouette der historischen Schachtschleuse auf. Daneben wurde 2017 die neue Weserschleuse in Betrieb genommen, die mit 139 m Troglänge auch Großmotorschiffe aufnehmen kann und den Übergang von Weser zum Mittellandkanal ermöglicht.OLYMPUS DIGITAL CAMERAOLYMPUS DIGITAL CAMERAOLYMPUS DIGITAL CAMERA

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Wie es uns als selbsternannte Kultur-Randonneure zukommt, erkunden wir auch die Altstadt von Minden und kurven durch die Gassen. Unschwer zu erkennen ist: Nicht alles glänzt. Aber die Mischung von Fachwerk, Barock und Backsteingotik, den Patrizierhäusern mit reich verzierten Fronten und Giebeln und das wahrscheinlich älteste Steinhaus Westfalens, die „Alte Münze“, erweist sich der ehemaligen Hansestadt würdig. Durch eine schmale Gasse schieben wir unsere Granfondi hinunter in Richtung Weser. Wieder auf dem Radweg, müssen wir erst einmal die müden Beine wieder in Schwung bringen. Sonne, sattgrüne Wiesen und glatter Asphalt sorgen schnell für gute Laune und Kurbel-Lust. Durch die Porta Westfalica werden wir eingelassen in unsere alte Heimat. Das Kaiser-Wilhelm-Denkmal thront oben herrschaftlich am Hang.OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Ich kann Peter nicht überreden, den steilen Weg zum Denkmal hinaufzukraxeln. Insgeheim bin ich ganz froh, dass wir weiter auf dem Radweg in Richtung Hameln gleiten. Jeder Ort, den wir passieren, betreibt an der Weser einen Campingplatz – überhaupt erscheint der Weserstrand kilometerlang wie eine Anreihung von Wohnmobilen und Wohnwagen. Vlotho, Rinteln – die Weser macht hier einen großen Bogen nach Osten und der auffrischende Wind bringt zwar Sonne satt und würzige Luft, klaut uns aber mindestens 4 km/h an Geschwindigkeit.

Auf dem Marktplatz in Rinteln sind wir versucht, die Räder gegen eine Draisine einzutauschen. Nach einer eingehenden technischen Begutachtung der Mechanik nehmen wir Abstand von diesem Vorhaben.

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Allerliebst: ein architektonisches Kleinod mit zerrissener US- und angefressener Deutschlandflagge. Über Geschmack sollte man  bekanntlich nicht streiten.

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Die Weserversion der Route 66. Auf wassergebundener Decke ostwärts, immer geradeaus. Irgendwann muss doch diese berühmte Rattenfängerstadt kommen, die Stadt,  in der die Ratte als Symbol an jeder Ecke auftaucht.

Wo die Weser sich durch wohlige Hügel schlängelt und sich liebreizende Märchen wie Perlen an einer Kette entlang ihres Ufers reihen, da trug sich im Jahre 1284 ein erschütterndes Ereignis zu. Eine Geschichte um Betrug und Rache, deren Ende fast unerträglich scheint.“

So kann ich es auf der Hameln-Homepage lesen. Wer die wahre Geschichte lesen will, der klicke hier: Die Rattenfänger-Sage

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Die Stadt empfängt uns mit  einer goldenen Riesenratte auf dem Brückenbogen. Rattenscharf!

Auf dem Weg in die Altstadt Ratten auf dem Pflaster, Ratten an den Wänden, Rattenfänger-Haus, Rattenfänger-Krug. Die Ratte ist Symbol und Marketing-Ikone zugleich. Als wir beim Frühstück in der „Altstadtwiege“ sogar das gekochte Ei in einer Rattenhülle serviert bekommen, läuft langsam mein Rattenspeicher über.IMG_1611.jpg

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Der Abend, der Abendspaziergang und das Wildschweingulasch im  (nein, kein Rattengulasch) Rattenfänger-Haus tun Körper und Seele gut. Vor allem das Fläschchen Scheurebe aus der Pfalz, das wir im „Barrique“-Laden erstehen, mundet wunderbar und sorgt für absolut rattenfreie Träume.

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Bis auf die Ratte ist das Frühstück in der Altstadtwiege von bester Qualität. So können wir die nächste Etappe über Höxter nach Bad Karlshafen starten.

Davon im nächsten Beitrag mehr.

HH-B Zeitfahren – Das Neunte

2011 war ich zum ersten Mal dabei, danach wusste ich: HH-B ist der ideale Saisonabschluss. Also habe ich keine Veranstaltung seitdem ausgelassen. An der 10-Stunden-Marke werde ich dieses Jahr nicht mehr kratzen können. Mit Anstand ins Ziel kommen heißt die Devise. Das bedeutet, mit Wolfgang und Matthias gemeinsam von Hamburg nach Berlin rollen und dabei von reichlich vielen  Teams überholt werden. Das für die Randonneurs-Psyche schädliche Passiertwerden von schnelleren Kollegen haben wir durch die späte Startzeit – 7.37 Uhr – schon einmal minimiert. Nur etwa 60 von über 300 Startern werden nach uns auf die Strecke gehen. Davon nochmal eine große Anzahl von Velomobilen, die eher Auto- als Rennradtempo fahren können.

„Lieber Dietmar, startest du bei HH-B und bietest damit die Möglichkeit eines wunderbaren gemeinsamen Radausflugs? Oder bleibst du auf der Couch???“ So nimmt mich Wolfgang am 25.8. per WhatsApp in die Pflicht. Matthias hat schon einen Tag vorher angekündigt, dieses Mal mit seinem Brompton an den Start zu gehen. Damit wir endlich das gute Gefühl genießen können, auch so schnell wie er, oder besser: nicht langsamer zu sein.

Einen Tag später haben wir drei der begehrten Startplätze per Online-Anmeldung ergattert. Startzeit 07.37 Uhr. Nach wenigen Stunden sind  über 300 Randonneure eingeschrieben. Wer es später versucht, findet sich auf der Warteliste wieder.

12. Oktober 2019, wir werden es wieder tun! Mit über 300 alten, jungen, langsamen, schnellen, neuen oder erfahrenen Randonneuren von Hamburg nach Berlin fahren. So schnell, wie ein jeder kann oder auch will.

Am Freitag vor dem Starttag treffe ich mich mit Wolfgang an der Flixbus-Haltestelle in Alt-Tegel. Der grüne Bus ist wider Erwarten fast pünktlich, und der Fahrer gönnt unseren Rädern einen Luxusplatz im Gepäckboden. Souverän und sanft bringt er uns zum ZOB Hamburg, wo wir noch bei Tageslicht unsere kleine Erstetappe von 15 km zum Hotel Alt Lohbrügger Hof unter die Räder nehmen. Der Empfang im Hotel ist wie gewohnt überaus herzlich, und das Abendessen gemeinsam mit Matthias wohlschmeckend und reichlich. Ich gönne mir drei Biere dazu, liege um 23 Uhr im Bett und schlafe wie ein Murmeltier. Um 5.45 Uhr ist die Nacht rum, 6 Uhr Frühstück, um 6.55 Uhr rollen wir los in den dämmernden Morgen zum Startort Vierländer Landhaus, 8 Kilometer. Es regnet, die Straßen sind nass, wir lassen die Räder in die Pfützen tauchen. Angenehm warm ist es – 15 Grad, so wird die Windjacke zwar nass, aber der Körper friert nicht. OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Ein Dalmatiner, ein Zeitfahr-behelmter Kollege, dann die alten Freunde an den Frühstückstischen und bei der Einschreibung. Gerald sitzt entspannt beim Kaffee. Er weiß genau, sieben Stunden später wird er in Berlin eintreffen. 2018 ist er mit einem 37-km/h-Nettoschnitt unterwegs gewesen. Wir kalkulieren mit etwa 12 Stunden. Altherrentempo, wird er sich denken. OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Pünktlich um 7.37 Uhr und keine Sekunde früher lässt uns der Mann am Starttisch auf die Strecke. Ab geht es in den vernieselten frühen Morgen. Die ersten Kilometer bis nach Geesthacht und dann über die Elbbrücke laufen locker. Wir sind warm und bleiben warm. Trotz Regen. Ich spüre die Feuchtigkeit, die meine Windjacke durchgelassen hat, aber es ist nicht kalt auf der Haut. Weiterfahren! Der Regenradar verheißt trockene Wege ab spätestens Dömitz. Und bis dort sind es noch lächerliche 90 Kilometer. OLYMPUS DIGITAL CAMERAOLYMPUS DIGITAL CAMERA

Bei Bleckede im ersten kleinen Anstieg der Strecke winken schon Frank und Bettina mit dichtmilchverschmierten Fingern. Ein fieser spitzer Splitter hat sich erdreistet, Bettinas Vorderrad zu durchpieksen. Mit vereinten Kräften lässt sich der Mantel überreden, von der Felge zu gleiten, und der Ersatzschlauch darf ins Felgenbett rutschen. Wir verabschieden uns mit besten Wünschen für pannenfreie Restkilometer.

Hitzacker, Dannenberg, Dömitz, schon haben wir die Elbbrücke erreicht. OLYMPUS DIGITAL CAMERAOLYMPUS DIGITAL CAMERA

Die Straßen sind abgetrocknet, unsere Laune ist bestens. Gleich erwartet uns die erste und einzige Kontrolle jenseits der Brücke. Kaffee, Kuchen, leckere Brötchen… PA125080.jpgPA125090.jpgOLYMPUS DIGITAL CAMERAOLYMPUS DIGITAL CAMERA

Wolfgang lässt sich das Würstchen schmecken, Matthias hat sein Brommi noch kleiner gemacht, als es schon ist, die Crew von Audax-SH zeigt sich bester Laune, und wir freuen uns über die Gesellschaft von Klaus E. , der im Jahr 2011 Paris-Brest-Paris in 60 Stunden gefinisht hat. Hier an dieser Stelle noch einmal: Lieber Klaus, Du bist ein Vorbild-Randonneur! Schön, dass wir Dich hier begrüßen konnten.

Nach mindestens zwei Kaffee, zwei Brötchen und fünf Gummibärchen steigen wir wieder auf die Räder und nehmen die noch fehlenden 180 Kilometer in Angriff. Halbzeit wird erst in der Gegend von Wittenberge sein. Genau dort erwartet uns ein trefflicher Verpflegungspunkt in Gestalt der Feldküche am Rand von Wittenberge. Wir stärken uns mit Erbsensuppe, Sülze, Pommes und Radler und Kaffee und und …IMG_1532IMG_1533.jpg

Auf solchen Touren werden aus Vegetariern Wurstvertilger. Wir versprechen, demnächst wieder der vegetarischen Küche zu huldigen. Aber geschmeckt hat es!

Am Ortsausgang von Wittenberge grüßt uns der riesige Uhrturm der ehemaligen Singer/ Veritas-Werke. Wo einst Nähmaschinen der Spitzenklasse produziert wurden, ist heute ein kleiner, bescheidener Gewerbepark entstanden. Drei Insolvenzen haben die Betreiber schon hingelegt. Möge die Zukunft besser sein als die jüngste Vergangenheit. OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Auf dem Elbdeich nach Havelberg, so habe ich den Track gelegt. Bis auf ein paar Kilometer Gravel-Passagen und etwas Pflaster in Rühstedt kommen wir gut durch. Am Osthorizont grüßt schon die Lilienthalstadt Rhinow. Es rollt gut, in der Tanke im Ort ordere ich einen Liter Cola als Dope für die letzten 80 Kilometer. Friesack, Paulinenaue, Nauen, … es rollt. In Nauen rumpeln wir durch eine Baustellenpassage, aber das kann uns jetzt auch nicht mehr beeindrucken. Es ist dunkel geworden, wir haben die Lezyne, Lupine und was auch immer für Frontleuchten eingeschaltet. Es werde Licht! Und ab geht es von Nauen über das Outlet von Wustermark an der B5 entlang hin nach Berlin.OLYMPUS DIGITAL CAMERAOLYMPUS DIGITAL CAMERAOLYMPUS DIGITAL CAMERA

Brommie-Matthias braucht noch einen  Power-Nap für die letzten 25 Kilometer. Mit dem Troytec-Race-Lieger ist er Welten schneller unterwegs, aber er wollte ja unbedingt das Brompton testen.

Um 20.33 Uhr sind wir im Ziel. Einige kommen noch nach uns. IMG_1538Die meisten sind schon im Ziel. Suppe, Bier, Quatschen … Und dann noch bis Spandau zur S-Bahn. Dann ein Absacker zu Hause, und nichts wie ins Bett. Schlummern. Zufrieden schlummern.

 

 

Paris – Brest – Paris, Epilog

6320D828-2E6F-4868-A2C8-024DA944486F„Abandon“. Ich lese noch einmal den Stempel vom Vorabend in meinem Brevet-Heft. Eine Kletterrose schaut keck ins Hotelfenster. Die Luft der Bretagne riecht gut. Ein richtiges Frühstück wartet. Kaffee, Rührei und  Baguette schmecken wunderbar. Wie im Urlaub. Gegen 10 Uhr checke ich aus und rolle die wenigen hundert Meter zum Bahnhof von Carhaix.OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Auf dem Gehsteig spurten in Bronze gegossene, glorreiche Tour-Helden der Historie um den Sieg. Hätte ich nur die Beine von Louison Bobet gehabt…

Ich bin nicht der Einzige, der hier abgebrochen hat, so viel ist klar. Randonneure aus Indien, Hongkong, Frankreich, USA und England warten auch auf den nächsten Zug.IMG_1011.jpg

Irgendwie tröstlich – gemeinsames Leid trägt sich leichter. Mit Dolmetscher-Hilfe des französischen Kollegen lösen wir ein Ticket für Züge, die auch Räder mitnehmen. Viermal umsteigen bis Paris-Montparnasse. Wir quetschen uns samt Rädern in den Waggon und kommen auf Englisch, Französisch und irgendetwas dazwischen ins Gespräch. Jeder hat seine Geschichte. Umsteigen in Guingamp. Das Örtchen liegt an der Hauptbahnstrecke nach Brest. Als wir den Bahnsteig zum Umsteigen in den Zug nach Rennes wechseln, warten dort schon Randonneure in Reihe. Bahnbedienste haben sich aufgebaut und wedeln mit  Transportsäcken, in denen man sich normalerweise Kies oder Sand aus dem Baumarkt liefern lässt. Wir sollen die Räder demontieren und in die Säcke stecken, sonst wäre es nichts mit der Weiterfahrt. Wir staunen, und der französische Kollege moniert, dass wir doch Züge gebucht hätten, in denen der Radtransport möglich ist. Ein heftiger Disput entwickelt sich, doch die Offiziellen bestehen darauf: Die Räder müssen rein in die Säcke. Der Zug wartet schon, die ersten „Radsäcke“ werden mühsam hineinbugsiert. Der Unsinn dieser Ansage wird spätestens jetzt klar: Ein riesiger Sack baut viel breiter als ein schlankes Rad. Aber das spielt jetzt keine Rolle mehr. Unter lautem Fluchen würgen wir uns in die Bahn, in der kurioserweise einige Touristenräder samt Packtaschen im Abteil stehen. IMG_1018.jpg

Ich beschließe, dem Unsinn ein Ende zu setzen, und baue mein Rad wieder zusammen, den unseligen Sack stopfe ich unter einen Sitz. Schon haben wir wieder Platz im Durchgang.

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Die meisten nehmen das unnötige Chaos mit Humor. Immerhin sind wir drin im Zug und auf dem Wege nach Paris. Beim nächsten Umsteigen folgen mir weitere Kollegen und bauen ihre Räder wieder zusammen. Wir haben 45 Minuten Wartezeit bis zum Anschluss. Am Bahnsteig sichte ich dann altbekannte  Randonneure aus Berlin: Ralf und Wolf und zwei weitere Kollegen sind auch „Abandon“. Kurzerhand beschließen wir, um die nächste Ecke zu einem Café zu rollen und uns Kaffee zu gönnen. IMG_1034

Gut gelaunte Abbrecher. „Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist“

Irgendwann gegen 19 Uhr rollen wir im Bahnhof Montparnasse ein. Mit Booking.com finde ich 200 Meter weiter ein kleines IBIS-Hotel, in dem ich sofort einchecken kann. Mein Rad darf ich vertikal in den Aufzug bugsieren und auf das Zimmer in den dritten Stock mitnehmen. Jetzt, nach überstandener Bahn-Odyssee, verspüre ich einen Bärenhunger. Duschen, frisch machen, fein machen. Und ein Restaurant suchen. 50 Meter neben dem Hotel lockt mich ein einladend anmutender Italiener zum Hineingehen. Ein schöner Platz ist frei, die Bedienung ist freundlich, das Essen schmeckt herrlich! Ein halber Liter Rotwein lässt mich in Wohligkeit versinken. Als ich schon bezahlt habe und gehen will, winken mir zwei Kollegen in Radtrikots zu, die auf der anderen Seite der Terrasse sitzen. Ich geselle mich zu ihnen. IMG_1049 Mit Stelio aus Milano und Laurent aus Bordeaux unterhalte ich mich über PBP, das Radfahren und Gott und die Welt, bis im Restaurant die Stühle auf die Tische gestellt werden. Das ist auch in Paris ein untrügliches Zeichen dafür, dass Küche und Bar geschlossen werden. Ein letztes Bier noch bringt uns die freundliche Bedienung. Umarmung, Abschied, gute Wünsche… Schön ist’s, euch kennengelernt zu haben.

Ich sinke in das Hotelbett und bin schon eingeschlafen, bevor mein Kopf das Kissen berührt hat.

Beim Frühstück am Donnerstagmorgen beschließe ich, heute eine gemütliche Stadtrundfahrt zu machen. Nach ursprünglicher Planung wäre ich jetzt auf den letzten Kilometern vor dem Zielstrich in Rambouillet unterwegs. Nun werde ich den ersten Schritt der Mutation vom Randonneur zum Kultur-Randonneur gehen. Notre Dame kommt mir als erstes Objekt vor die Linse. Irgendwie komme ich mir vor wie ein Voyeur, der nur sehen will, wie schlimm die Flammen der Kathedrale vor einigen Wochen zugesetzt haben. OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Ein langer Bauzaun ist um das Gebäude gezogen, von bewaffneten Wachleuten beschützt. Als ob irgendwer hier noch weiter zündeln wollte. OLYMPUS DIGITAL CAMERAIm Innenhof des Louvre, durch den kürzlich noch das Fahrerfeld der Tour gerauscht ist, tummeln sich die Touristen.

Paris ist eine Stadt zum Verlieben. OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Eine fernöstliche Dame lustwandelt beschirmt über die Seinebrücke beim Eiffelturm.

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In den Tuillerien warten Roller und Räder auf gehfaule Nutzer. In Paris sind die Rollerfahrer irgendwie entspannter unterwegs als im hektischen Berlin, aber vielleicht bin ja ich es, der heute besonders entspannt ist.

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Ich kann mich kaum sattsehen und fotografiere, was die Kamera hergibt. Irgendwann drehe ich in Richtung West ab, nach Versailles hin. Sanft den Hügel hinauf, dann bin ich schon auf der Allee vor dem Schloss. Alles ist hier riesig. Sanssouci kommt mir im Vergleich wie eine Spielzeugversion vor. OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Von dieser Seite ist der Zugang geregelt, aber ich weiß, dass es einen Kilometer weiter einen Zugang zum Park gibt.OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Ein freundlicher Wärter und Wächter lässt mich hinein und staunen über die kilometerweite Sichtachse. OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Und so sieht Versailles von hinten aus. Dann wende ich den Blick auf den kleinen See mit den Ruderbooten, und eine unbekannte Schöne lässt mich schon wieder den Auslöser drücken.1107E200-C59B-4C5C-96EB-0DAA318AB090

Langsam muss ich mich losreißen – noch 25 Kilometer sind es bis zum IBIS in Coignières, wo mein Reiserucksack mit Rasierzeug und frischer Wäsche wartet, den Michael mir wieder auf mein reserviertes Zimmer hat bringen lassen. IMG_1078

Ein Eis noch genießen, einen Blick noch werfen auf die herrliche Szenerie, dann trete ich wieder in die Kurbeln.

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In der Pizzeria Del Arte, mitten im Industriegebiet von Coignières, speise ich wider Erwarten köstlich und nehme mir zur Feier des Abends noch ein Fläschchen gekühlten Rosé mit als Schlummertrunk.

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Mein Endurace hat einiges erlebt in den letzten Tagen, so wie ich auch. PBP war anstrengend, war schön, mit vielen Begegnungen, mit netten Menschen – Ich muss das jetzt verarbeiten und dann einen schönen Blog-Bericht schreiben…

Paris–Brest–Paris, en route

Nur nicht schon auf den ersten Metern in den Dreck fallen – ich bin froh, als meine J-Gruppe endlich das Parkgelände verlässt und die Landstraße erreicht. Manche machen schon jetzt mächtig Druck und rauschen mit über 30 km/h los. Andere sind dabei, sich zu finden, fingern am Gepäck herum und machen dabei unfeine Schlenker. Schließlich beruhigt sich die Gruppe und findet zu einem auch für mich verträglichen Tempo. Genau um 18.16 Uhr bin ich über die Startlinie gerollt, sehr professionell, wie die Veranstalter es schaffen, entspannt und ohne Hektik, aber trotzdem genau im Zeitplan die Akteure loszuschicken. Die machen das gerne, und sie machen es sehr gut! Mein Tempo finden, meinen Rhythmus – das habe ich mir fest vorgenommen. Aber es ist schwer, und es fällt schwer. So bin ich auch bei meinem dritten PBP etwas zu schnell unterwegs, die Gruppe läuft sehr gut, und ich kann, ohne mich zu plagen, dranbleiben. Angenehme Sache bei dem spürbaren Westwind, der auf dem freien Feld noch deutlicher wird. Da ist der breite Rücken des vor mir fahrenden Mid-Essex-Randonneurs ein schönes, kraftsparendes Schutzschild. Rechts vor mir erkenne ich an den Füßen ohne Socken Wolf aus Berlin. Der ist immer recht zügig und zuverlässig unterwegs. Vielleicht kann ich eine Weile mit ihm mithalten.OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Die Sonne taucht die Felder in mildes Abendlicht, die Reifen surren, es wird kaum geredet im Peloton. So darf es weitergehen. Der erste Verpflegungspunkt ist Mortagne bei km 118. Gegen 21 Uhr wird die Sonne hinterm Horizont verschwinden, und die erste Nacht wird beginnen. Schon auf den ersten Kilometern wird aufs Neue klar: PBP ist ein welliger Kurs – ein stetes, immer wiederkehrendes Auf und Ab. Raufkurbeln und hinunterrauschen. Bei eingeschalteten Lichtern markieren die vor mir Fahrenden den Straßenverlauf und die Anstiege in Form einer roten Perlenschnur. In den Abfahrten überhole ich mühelos die vor mir Fahrenden. In den Anstiegen geht es wieder umgekehrt. Eine große Gruppe „Gelbwesten“ bleibt über 50 Kilometer beisammen. Dann, in einer schnellen Abfahrt, spüre ich einen Arm in meiner rechten Seite. Ich halte gegen, komme aber immer weiter auf die Gegenfahrbahn. Verdammt, will mich der Typ vom Rad holen?! In letzter Sekunde kann ich mich lösen und wieder in die sichere Spur finden. Mein Adrenalin ist in Sekunden hochgeschossen, und ich brülle den „Drücker“ an. Er, ein Japaner, entschuldigt sich vielmals. Sekundenschlaf? Einfach unkonzentriert? Ich werde es nicht erfahren. Wichtig ist, ich sitze noch auf dem Rad, und das Adrenalin kommt wieder runter. Durchatmen, es ist nichts passiert.

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Wir fahren hinein in eine Mondnacht, fahles Licht. Grün-, Braun- und Grautöne lösen die satten Farben des Tages ab. Hügel rauf, Hügel runter. Die Beine arbeiten gut. Um kurz nach 23 Uhr erreiche ich Mortagne. Ich liege eine Stunde vor meinem Zeitplan – beruhigend. Es ist kühl geworden, Zeit, die Jacken überzuziehen, die Beinlinge auszupacken und dann dem Körper einen kleinen Imbiss zuzuführen. Ein großer Kaffee, ein Schinkensandwich, dann drängle ich mich wieder raus. Viele machen hier eine ausgiebige Pause oder liegen schon erschöpft auf dem kühlen Boden. P8184604.jpg

Ich fülle meine Trinkflaschen auf und werfe die Powerbar-Mango hinein. Gut für den Mineralienhaushalt, und schmecken tut es auch.OLYMPUS DIGITAL CAMERA

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“ Warum wurde 1932 die Gangschaltung erfunden? Damit die Hügel von Perche leichter erklommen werden können“

Jetzt weiß ich das endlich auch.

Es dauert ein paar Minuten und ein paar Höhenmeter des nächsten Hügels, bis meine Wohlfühltemperatur wieder erreicht ist. Das Feld zieht sich jetzt weit auseinander, aus der Lichterkette werden Lichtpunkte. 100 Kilometer durch die Nacht und ins Morgengrauen hinein bis zur ersten echten Kontrolle in Villaines Juhel liegen vor mir. Ich fühle mich gut, es kann weitergehen. OLYMPUS DIGITAL CAMERA

2.25 Uhr: Teck Meng aus Singapur hat sich neben seinem Colnago auf dem blanken Stein des Bürgersteigs abgelegt. Die Lichter brennen noch.

Zum Morgengrauen hin sinken die Temperaturen bis in den einstelligen Bereich. Ohne Rettungsdecke oder gar Biwaksack können Liegepausen auf dem ausgekühlten Boden böse Folgen haben. Also entweder rauf auf eine Bank oder rein in eine wärmende Decke. Meine Gedanken scannen noch einmal den Zeitplan ab. Das Tal der Sarthe habe ich gequert, noch 50 Kilometer bis Villaines. Ich erinnere mich an die leckere heiße Suppe, die ich 2015 hier genießen konnte. Vorfreude! OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Endlich, um kurz vor fünf Uhr, das Leuchtfahrrad am Stadtrand von Villaines la Juhel! Die Ortsdurchfahrt ist schmal und vollgestellt mit Absperrgittern und langen Stangen, zum Dranhängen der Räder. Gedränge. Rad abstellen, Treppe rauf zur Kontrolle, Trinkflaschen wieder füllen. Die Suppe gab es doch vor vier Jahren auf der anderen Straßenseite?! Dieses mal aber leider nicht. Nur nicht anfangen, auszukühlen, sage ich mir. In Bewegung bleiben. Zur Not tut es jetzt auch ein dicker Eiweißriegel aus meinem Proviant.

Die Blautöne des Morgengrauens werden zum zarten Rot des nahenden Sonnenaufganges. Nebelschwaden liegen im Bachgrund. Der wunderbar würzige, weiche Pié-d’Angloys-Käse kommt genau aus dieser Region. Ich träume von  einem  Frühstück mit frischem Baguette und Käse und Kaffee. Der nächste Kontrollpunkt ist die alte Festungsstadt Fougères in der Bretagne bei Kilometer 306. Mindestens vier Stunden noch im Sattel aushalten, dann winkt um die Mittagszeit eine ordentliche Mahlzeit. In Le Ribay, wo der Track die N12 kreuzt, haben Fans eine riesige Skulptur aus Fahrrädern, Flaggen und Lampen aufgebaut:

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Ich versuche, auf der gegenüberliegenden Straßenseite einen Kaffee zu ergattern, aber die Warteschlange vor dem Stand lässt mich wieder auf den Kurs abdrehen. Drei Datteln und ein großer Schluck aus der Pulle müssen auch reichen für die nächsten Kilometer. Reicht aber nicht! 30 Kilometer weiter, auf halbem Wege nach Fougères, bekomme ich weiche Knie und rolle in eine Einfahrt zu einem Bauernhof hinein. Kein Mensch ist hier zu sehen, nur zwei zufrieden kauende  Rinder stehen im Garten. fullsizeoutput_50dd

30 Minuten Ruhe und Flachliegen  gönne ich Körper und Seele. Gerade noch rechtzeitig nach 15 Stunden. In Fougères fahre ich um 11.15 Uhr über die Zeitmess-Schwelle. Wasser ins Gesicht, Hände waschen, Zähne putzen, Toilettengang. Dann widme ich mich der Speisekarte:IMG_0970.jpg

Ich wähle Omelette Nature mit Kartoffeln, dazu Cocktail de Fruits, ein halber Liter Apfelschorle ergänzt das Menü. Rundum satt und zufrieden verlasse ich nach 20 Minuten die gastliche Stätte und schlage mein Lager unter den schattigen Bäumen vor der Halle auf. Kaum liege ich flach, kommt Otmar aus Potsdam um die Ecke. Welch freudige Begegnung! Ich erinnere mich immer noch gern daran, wie er mir bei einer Abschlussveranstaltung generös zwei sehr gut erhaltene Campa-Record-Kettenblätter schenkte, die in seinem Keller nach eigenen Aussagen sonst verstaubt wären. Hab Dank, Otmar. Hier in Fougères wartet er auf den Kollegen aus Potsdam, der das erste Mal bei PBP dabei ist und den er begleitet und betreut.

Erst um kurz vor 13 Uhr sitze ich wieder auf meinem Endurace. Schon 54 km weiter wartet Tinteniac, das ich um 15.15 Uhr erreiche. 20 Minuten später kurbele ich weiter, die Trinkflaschen sind aufgefüllt, ich fühle mich gut. Jetzt kommt nach den vielen Geländewellen der erste längere Anstieg zum Sendemast bei Bécherel, einem kleinen Ort mit 660 Einwohnern, aber 15 Büchereien! Ich fahre trotzdem ohne anzuhalten durch das charmante Dörfchen und genieße die herrlich glatte und leicht abfallende Straße.

In Le Parson haben die Anwohner traditionsgemäß wieder einen Verpflegungsstand aufgebaut. Kaffee trinken, Trinkflasche füllen, Gebäck knabbern.

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Wo wäre ich wohl geblieben, wenn hier wirklich Champagner aus der Flasche strömen würde?!

Die Sonne sinkt langsam hinunter auf den Horizont. Um 19.30 lege ich mich in Ménéac für 20 Minuten unter riesigen Stieleichen und einem historischen Kreuz auf eine schattige Bank. Die Randonneure ziehen vorbei, derweil ich die müden Beine hochlege. IMG_0980.jpg

Zwei Stunden später erreiche ich Loudéac, km 445. Die Sonne geht zum zweiten Mal unter. fullsizeoutput_50e7

21.30 Uhr, bei Kontrolle Nr. 4 bin ich 30 Minuten hinter meinem Zeitplan. Stempel holen und zügig weiterfahren, heißt das. Es geht hinein in die zweite Nacht. Als ich meine Nachtbekleidung anziehe, die Beinlinge überstreife, sehe ich Claus, den alten Recken, auf einer Bank sitzen. Auch er macht sich nachtfertig.72AC05B6-0B1B-4AF4-BDF5-981F371697D5.jpg

Claus aus Hamburg ist der Gründervater der deutschen Randonneursbewegung. Er hat schon PBP absolviert, als ich noch nicht an Langstreckenfahren dachte. Und ein paar Jahre älter als ich ist er auch. RESPEKT! Gemeinsam rollen wir aus dem Ort hinaus, in der Hoffnung, ein kleines Restaurant zu finden, in dem wir ohne Warteschlange eine Kleinigkeit zu uns nehmen können. Kurzum, eine Warteschlange gibt es in dem Gasthof nicht, allerdings sind die Tagliatelle, die draußen beworben werden, nicht mehr zu haben. Schließlich müssen wir uns mit einer Portion Pommes zufriedengeben. Bei Claus rumort der Magen, er reagiert empfindlich auf die Kühle der einbrechenden Nacht. So machen wir ein paar Minuten länger als geplant Pause und verlassen dann die wenig gastliche Stätte. Claus will in St. Nicolas-de-Pelem eine Schlafpause einlegen. Dieser Planung schließe ich mich gerne an, schon auf halbem Wege nach Carhaix ist das ideal, um ein paar Stunden Schlaf zu bekommen. Zuerst rausche ich recht schnell in eine kleine Abfahrt hinein – meine E3 Pro plus Lupine Piko machen die Nachtfahrt zum Genuss – dann verliere ich Claus aus den Augen. Ich meine, dass er mich in einer der folgenden Rampen wieder überholt, bin mir aber nicht sicher. Um 01.40 Uhr rolle ich in St. Nicolas aus. Hier haben die Organisatoren eine „Controle surprise“ eingebaut, wie der Kollege, der mir den Stempel in mein Brevet-Heft drückt, verschmitzt bemerkt. Dann gehe ich hinüber zur Halle, wo die Schlafliegen aufgebaut sind, und sage an, dass ich zwei Stunden schlafen will.

Schon nach gut einer Stunde werde ich geweckt. Grrrr! Die Kollegen haben wohl die falsche Zeit notiert gehabt. Was soll es, denke ich und mache mich wieder fahrfertig. Carhaix bei km 521 ist die nächste Kontrolle. Ich werde spürbar langsamer, und die Rampen kommen mir immer steiler vor. Wer hat diese fiesen Hügel hier aufgeschüttet, die waren doch vorher nicht hier. Endlich, um 5.30 Uhr, erreiche ich Carhaix. 15 Minuten später bin ich schon wieder unterwegs. Die Morgendämmerung und die aufgehende Sonne verleihen neue Kräfte. Dann kommt ein echter „magic moment“, als ich in Huelgoat beschließe, auf den Marktplatz des Örtchens zu fahren. Ein kleines Hotel hat die Pforte geöffnet, und ich bekomme einen ultrastarken Espresso und dann ein herrliches Croissant. Meine Morgentoilette kann ich hier auch komfortabel erledigen. P8204665.JPG

So gestärkt steige ich eine halbe Stunde später wieder aufs Rad und kann mich geradezu freuen auf den Anstieg zum Roc’h Trévezel, den mit 384 m höchsten Punkt von PBP. Hört sich nicht gerade gewaltig an, beißt aber ordentlich in die Waden, wenn man schon gefühlt 100 Wellen der Bretagne abgeritten hat.

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Drunten im Tal wallt der Nebel. IMG_0984

Begleitfahrzeuge haben Aufstellung genommen, versorgen die eigenen aber auch die „fremden“ Fahrer. IMG_0991.jpg

Ein Franzose mit aufgepflanztem Eiffelturm und Tricolore zieht vorbei. Ein paar hundert Meter weiter geht es endlich hinunter in Richtung Brest.IMG_0992.jpg

Nicht zu früh freuen, das habe ich in den vergangenen Jahren gelernt, als ich dachte, ich sei schon fast in Brest. Einige üble kurze und lange Rampen warten noch, bis die legendäre Brücke erreicht ist.IMG_1001

Zugegeben, ich habe auch schon mal frischer ausgesehen.

Mit dem Glockenschlag um 12 Uhr überfahre ich die Zeitnahme in Brest und halte mich an der untypisch gar nicht so gastlichen Kontrollstelle, die Halbzeit und Umkehrpunkt von PBP ist, nicht lange auf. Ich ziehe eine schöne Boulangerie auf dem nächsten Hügel vor, die leckere Baguette und guten Kaffee zu bieten hat.

Schon geht es wieder rauf auf den Roc, an dem sich heute einige Gleitschirmflieger in Hangwind und Thermik tummeln. Knapp 100 Kilometer weiter, wieder in Carhaix, wartet die nächste Kontrolle auf dem Rückweg. Eigentlich sollte das Rückenwind geben und  Motivation. Stattdessen werde ich immer langsamer. Gefühlt sind alle anderen schneller als ich. Was ist los mit dir, frage ich in mich hinein. Und finde keine Antwort. Als wenn mir eine unbekannte Hand den Stecker gezogen hätte. Weiterfahren, sagt mir der Kopf. Ins Gras legen, sagen die Beine! 30 Kilometer vor erreichen von Carhaix lege ich mich dann wirklich ins Gras und schlafe eine Stunde lang. Und wache auf, ohne mich erholt zu fühlen. Ist es das Alter? Ist es der Schlafmangel? Kann ich nicht mehr schnell genug regenerieren? Vielleicht ist es eine Mischung von allem. Ich erwische mich dabei, im iPhone und Booking.com nach einem Hotel in der Nähe zu suchen. Jetzt fehlt jemand, der mich in den Allerwertesten tritt. Oder ist es vielleicht genau das Richtige, hier und jetzt aufzuhören?! Der innere Kampf dauert nicht lange. Der Schweinehund trägt den Sieg davon. In Carhaix angekommen, gehe ich zu den netten Herren in der Kontrolle und gebe meine Aufgabe bekannt. „Abandon“ trägt der Grauhaarige um 20.55 Uhr in mein Brevetheft ein. Ich bin nicht traurig, ich fühle mich eher erleichtert, dass ich diese Entscheidung getroffen habe. Ohne echte Not, ohne Schmerz. Aber trotzdem.

Mit meiner Frau habe ich im Vorfeld des Entschlusses telefoniert. Sie ist erleichtert. Sie bestärkt mich darin, genau hier den Punkt zu setzen. IMG_1006.jpg

Dann kurbele ich geradezu leichtfüßig in das Hotel Noz Vad. Das Bier schmeckt wunderbar, die Dusche ist wohltuend, das Bett fühlt sich an wie das Paradies.

Morgen werde ich ausgiebig frühstücken und schauen, wann ein Zug in Richtung Paris fährt. Aber davon im „Epilog“ mehr.

 

Paris–Brest–Paris, Prolog

Willst du das unbedingt noch einmal machen? Fahren durch die Nächte, schwitzen, frieren, bis zur Erschöpfung und dann wieder von vorn … Das werde ich gefragt, das frage ich mich selbst zu Beginn dieses Jahres. Dann kommen die Quali-Brevets: 200, 300, 400, 600 km. Läuft! Schöne Kilometer mit viel Brandenburg, Meck-Pomm und Ostseestrand. Mit Freunden, netten Menschen in herrlicher Natur. Warum also nicht auch noch das Sahnehäubchen obendrauf: Paris–Brest–Paris! Ja, ich will es noch einmal, als Oldie, im 70sten Lebensjahr. Noch einmal die ganz besondere Atmosphäre dieser grandiosen Veranstaltung erleben. Dabei sein!

Immer, wenn ich mit meinem Alter kokettiere, weiß der Leser, dass es dann wohl doch nicht ganz so locker laufen sollte wie erhofft. Und so kommt es dann auch.

Aber von vorn: Welches Rad nehme ich dieses Mal? Das Titan-Granfondo oder doch das Canyon Endurace, das mich schon so zuverlässig und leichtfüßig bei der Dutch–Capitals–Tour über 1425 Kilometer getragen hat. Als ich auch nach Einziehen eines neuen Schaltzuges beim Granfondo die Ultegra nicht richtig exakt eingestellt bekomme – manchmal muss ich leicht nachjustieren beim Schaltvorgang, egal wie ich auch die Zugspannung einstelle – , fällt die Entscheidung zugunsten des Endurace mit seiner feinen Chorus-11-fach, die seit Jahren überaus zuverlässig und exakt schaltet. Die Campa-Bremsen greifen auch härter zu als die Cane-Creek beim Granfondo. Und gut 1 kg leichter ist das Endurace auch. Also baue ich meine Elektronik samt Nabendynamo und E3 Pro und Rücklicht wieder ans Canyon. Übung macht den Meister. fullsizeoutput_50dd

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Never change a winning configuration …

Am 16. August sitze ich samt Radkoffer im ICE von Berlin über Stuttgart nach Paris. Das 1. Klasse-Sparticket für 69 € sorgt für einen bequemen Sitzplatz. Der Bike-Bag lehnt sicher an der Waggonwand, und ich habe ihn sogar im Blick. Entspannung macht sich breit. „Et rollt“. Um 5 Uhr in der Frühe steige ich in Stuttgart aus – zwei Stunden Umsteigezeit sind totzuschlagen. Erst um 7 Uhr startet der TGV nach Paris. Und das Warten im „Umbaubahnhof“ Stuttgart erlebe ich als absolute Zumutung für Fahrgäste. Das ursprüngliche Angebot an Gastlichkeit im alten Bahnhofsgebäude existiert nur noch als leere Hülle, die neuen Läden sind noch nicht in Betrieb. Der Fahrgast steht einfach nur staunend in diesem Katastrophenbahnhof. Und das im „Ländle“ der so perfekten Schwaben. IMG_0842

Stuttgart – Bahnhofshülle ohne Inhalt

Nach langen zwei Stunden hin- und herlaufen, sitzen und staunen, kann ich endlich meinen gemütlichen Platz im TGV genießen. Und Kaffee gibt es auch einen Waggon weiter. Um 10 Uhr rollt der Zug pünktlich im Gare de l’Est ein. Ich laufe 150 Meter bis zu meinem vorgebuchten „Bagdrop“, einem Fotoladen, der sich ein paar Euro mit dem Aufbewahren von Touristengepäck verdient. Nach einer Viertelstunde habe ich mein Rad zusammengebaut und fahre 8 Kilometer durch Paris zum Gare Montparnasse, in dem die Vorstadtzüge starten. Schon eine Stunde später checke ich im Billig-Hotel IBIS-Budget in Coignières ein. Alles automatisch, per Code – Wegfall Personal! Das Zimmer ist winzig, aber das Rad passt noch vor das Bett. Bis 18 Uhr habe ich Zeit, zur Radkontrolle und zum Abholen der Startunterlagen in der Bergerie von Rambouillet zu fahren, dem diesjährigen Startort der letzten Etappe der Tour de France. Welche Ehre. Aber schließlich ist PBP älter als die Tour und deren legitimierter Vorgänger.

Der Himmel ist grau, es regnet leicht, der Wind bläst fies aus westlicher Richtung. Ich warte bis 14 Uhr und fahre los nach Rambouillet. 17 Kilometer, teilweise an der N 10 entlang, auf  einem Radweg, der einigen Unrat und auch Scherben zu bieten hat. Pünktlich zum Einrollen in den Park hört es auf zu regnen. Dafür sind die Parkwege vermatscht und fordern die Fahrtechnik. IMG_0899

 

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Radkontrolle und Übernahme der Startunterlagen sind perfekt organisiert, und so tun  die eingesauten Räder der guten Stimmung keinen Abbruch.IMG_0893 IMG_0874

Um 17 Uhr wollen sich die deutschen Randonneure an der anderen Ecke des Parks treffen zum Fototermin. Als ich mit meinen Unterlagen aus der Bergerie komme, ist es schon fast halb sechs. Die Reden sind gehalten, die offiziellen Bilder gemacht, Randonneure und Räder liegen und stehen noch auf der regenfeuchten Wiese. Alte Bekannte, viele neue Gesichter – das tut gut und beruhigt.

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Claus nimmt einen Novizen unter seine Fittiche

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Reden über vergangene Abenteuer, über Material, über die Stimmung hier, über Freunde, die nicht mehr dabei sein können … Und dann mache ich mich wieder auf den Weg nach Coignières. Mit Papiertüchern mache ich das Endurace zimmerfertig, checke wieder ein und suche mit mäßigem Erfolg in der Nähe eine gastliche Stätte, wo ich mich für den nächsten Tag stärken kann. Mein Aktionsradius ist durch den wieder einsetzenden Regen eingeschränkt. In einem McDonald’s-ähnlichen Schnellfress-Lokal werde ich dann zumindest satt. Um 22 Uhr liege ich im Bett und lasse meine Gedanken zu Strategie und Taktik und Zeitplan und und … kreisen. Irgendwann schlummere ich ein.

Beim Petit déjeuner, das wirklich „petit“ ist, lerne ich Michael und seine Frau kennen, die so freundlich sind, meinen Gepäck-Rucksack über die Tage bis zur Rückkehr aufzubewahren. Das wunderbare Hotel sieht sich nicht in der Lage, dies zu tun. Als die Regenfront gegen 13 Uhr endlich durchgezogen ist, rolle ich los gen Rambouillet. Die ersten Sonnenstrahlen brechen sich Bahn, und bei der Einfahrt in den Park blicke ich in jede Menge gut gelaunt dreinschauende Gesichter. P8184483-1.jpg

Sina, die zu den ganz schnellen deutschen Frauen zählt, unterhält sich bestens mit einem der Veranstalter.

Die meisten Starter haben sich schon um die Mittagszeit eingefunden. Etwas ruhen, etwas essen, rumschauen, Bekannte wiedersehen. Das ist das Vorbereitungsprogramm für den Start.

 

Alex Singer weiß, wie man treffliche Randonneur-Maschinen klassischer Art baut.

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Diese beiden begeisterten jungen Männer stehen beispielhaft für mehr als 2500 Volunteers, die dafür sorgen, dass PBP reibungslos verläuft. Beim Hineingehen in den Innenhof kommt mir  Gerhard entgegen, der sich gerade ein riesiges Bratwurst-Sandwich einverleibt. Draußen am See nehmen die Schweizer Randonneure Aufstellung zum Gruppenfoto:IMG_0950

Ein Kollege aus Japan meditiert mit Blick auf die herrlichen Schwäne.IMG_0945

Und am Eingang zur Bergerie treffe ich William aus Irland, mit dem ich 200 Kilometer der Dutch Capitals Tour Seite an Seite gefahren bin. Die Welt ist klein! OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Auffallend ist, dass Inder, Chinesen und auch Japaner wesentlich stärker vertreten sind als bisher. Die Langstrecken-Begeisterung verbreitet sich offensichtlich zunehmend in den asiatischen Raum. Besonders die Chinesen scheinen allerdings den Begriff „unsupported“ nicht so ganz ernst zu nehmen. Die Kollegen gehen mit Rädern in reiner Race-Konfiguration ohne jedes „überflüssige“ Gepäck an den Start.P8184502.jpg

Die chinesische Art: Trinkflasche, Werkzeug  und sonst gar nichts! Wo ist die Beleuchtung, die bei der Radabnahme kontrolliert wurde??? Jedem das Seine.

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Hier der historische Gegenentwurf aus Frankreich mit Hemd und Fliege und Eiffelturm am Lenker.

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Aus Malaysia geht ein Randonneur mit diesem Fatbike an den Start. Um es vorab aufzulösen: Mr. Cinchotikorn kam noch nicht einmal bis zum ersten Kontrollpunkt.

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Die Fahrer der Begleitmotorräder machen sich schon bereit, bald geht es los mit PBP 2019. Es fängt an zu kribbeln im Bauch. Ich gehe wieder an mein Endurace und schaue nach, ob auch wirklich alles korrekt montiert ist und fest am Rad sitzt. Die Riegel in der Tasche, die Datteln, die Powerbar-Tabletten, Langfinger-Handschuhe für die Nacht, alles ist da, es kann losgehen. Gegen 17 Uhr rolle ich in Richtung Startaufstellung. Mein Start wird um 18.15 Uhr sein.

 

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Der Startbogen rückt näher, die Uhr tickt herunter, Matthias und Stefanie sind zum Start gekommen und wünschen mir „bonne route“. Matthias startet erst am nächsten Morgen in der 84-Std.-Gruppe. P8184548.jpg

Soon Giap aus Thailand hat sich einen Propeller auf den Helm geschnallt und wünscht „happy new year“. Schräger geht es nicht.

Exakt um 18.15 Uhr kurbele ich über die Startlinie. Es geht los. Das Abenteuer hat begonnen.

Spree-Neiße-Elbe Teil 2

Russland – Moskau und St. Petersburg beschäftigen mich immer noch. Die Reise liegt gerade eine Woche zurück. Beide Städte lassen sich am besten zu Fuß, per Metro und Bus erkunden. Und beide Städte sind ein ungeheurer Fundus von Geschichte und auch der neuen Zeit. Erst heute finde ich die Muße und habe ich die Lust, den zweiten Teil meiner Radtour an Spree, Neiße und Elbe in die Feder zu denken.

Ich beziehe mein Zimmer im West-Hotel und freue mich über den herrlichen Blick auf Flachdach und Leuchtreklame. Mein Basso hat Platz gefunden zwischen E-Bikes und sonstigen Leihrädern. Utensilien für die Zimmerreinigung stehen herum, mein italienischer Klassiker fühlt sich gar nicht wohl hier. Ich auch nicht! Und so wandere ich los unter der Bahnbrücke hindurch an der breiten Straße entlang. Wo finde ich hier ein schönes Restaurant, eine Weinstube gar? Zwei Kilometer triste Architektur, Tankstellen und Baumärkte, dann das kleine Wunder: An der Coswiger Straße in Radebeul entdecke ich das Restaurant „Gaumenkitzel“, das sich als absoluter Top-Tipp erweisen sollte. Ich esse einen Matjes mit herrlich gemachten Zutaten, Kartoffeln, winzigen, wohlschmeckenden Bohnen, dazu trinke ich auf Empfehlung des Hauses einen Bacchus-Weißwein von der Elbe. Die netten Tischnachbarn, der Koch, die Hotelchefin, alle sorgen dafür, das dies ein gelungener Abend für mich wird. Jetzt kann ich das Hotel locker ertragen, zumal das Frühstück am nächsten Morgen erstaunlich vielfältig und von guter Qualität ist.

Peter wird heute morgen von Potsdam per Bahn nach Elsterwerda fahren und mir dann entgegenkommen. Irgendwo bei Riesa wollen wir uns treffen.

Es tröpfelt noch leicht aus dem wolken verhangenen Himmel. Die Albrechtsburg von Meißen kommt in Sicht. Den Elberadweg habe ich heute morgen für mich allein. Störche staksen auf der Suche nach Fröschen durch die Elbauen. Im Nordwesten schimmert das erste Blau zwischen den Wolken. In Nünchritz dominiert nicht mehr die Natur, hier prägt die Chemie-Industrie seit 1900 das Landschaftsbild. Silikone, Silikate, Bausteine für Fotovoltaik-Elemente werden hier erzeugt. Ich möchte nicht wissen, welche Schadstoffe hier in den letzten Jahrzehnten in den Boden und in den Fluss gesickert sind.

Wacker-Chemie in Nünchritz

Die mehr als 1500 Beschäftigten werden solche Vermutungen wahrscheinlich weniger umtreiben.

Bei Riesa biege ich ab nach Norden und sichte Peter, der mir von Elsterwerda aus entgegenkommt. Gemeinsam wollen wir weiter die Elbe abwärts rollen. In Mühlberg gönnen wir uns die erste Pause. Vor zwei Jahren hatten wir hier bei unserer Tschechien-Tour übernachtet und festgestellt, dass in diesem Ort „der Hund begraben liegt“. Wie es am hellen Tage hier ausschaut, testen wir heute. Die Familie Fontane hat hier angeblich zwei Jahre die Löwen-Apotheke geführt. Dann trieb es den Vater des Dichterfürsten weiter nach Letschin im Oderbruch.

gehobene Gastlichkeit in Mühlberg
allerliebste Fensterdekoration
Das Postamt ist keines mehr

Der treffliche Mohnkuchen in „Omas Kaffeestübchen“ sorgt für einen versöhnlichen Abschied aus dem Örtchen. Über die neue, weitgeschwungene Elbbrücke gelangen wir auf das linke Elbufer, wo der Radweg im Zick-Zack verläuft und so den Weg nach Torgau weiter erscheinen lässt als er tatsächlich ist. Der aus Nordwest blasende, auffrischende Wind drückt unsere Reisegeschwindigkeit auf 20 km/h. Im Westen bauen sich drohend Gewitterwolken auf. Erste Donner grollen zu uns herüber.

Das Wasserwerk bei Torgau liegt direkt am Radweg, und passenderweise ist hier eine Wassertankstelle aufgestellt. Gute Idee!

Am Abend erreichen wir Wittenberg. Erstaunlicherweise sind Gewitter und Regenschauer immer knapp an uns vorbeigezogen. Ein herrliches Schauspiel. In der Lutherstadt gönnen wir uns eine Übernachtung im Best Western Hotel, direkt neben Martins Wohnhaus. Im Tordurchgang ist dann dieser Spruch zu sehen:

Das Bier war lecker an diesem Abend, auch das letzte war bekömmlich.

Am nächsten Morgen zeigt sich der Himmel wolkenverhangen und muss erst einmal die Feuchtigkeit der heftigen Niederschläge der Nacht verarbeiten. Auf der Hauptstraße von Wittenberg ist um acht Uhr noch kein Mensch zu erblicken. Nebel legt sich über die Elbauen. Erst nach Süden über die Elbbrücke, dann folgen wir dem Radweg nach Wörlitz.

Friedlich und ruhig ist die Stimmung an der Elbe. Rinder ruhen unter riesigen Eichen. Gleich wird sicher Fürst Leopold III mit seiner Kutsche vorbeikommen. Diesen Weg und den riesigen Natur-Landschaftspark hat er vor über 200 Jahren anlegen lassen. Ein Projekt mit herrlicher Langzeitwirkung für die nachfolgenden Generationen.

Bauhaus „Kornhaus“ in Dessau am Fürst-Franz-Radwanderweg

Elbe abwärts rollen wir in die Anhaltinische Ödnis, wie unser Freund Wolfgang bemerkte, der aus Dessau stammt. Das Städtchen Aken beglückt uns erst mit einem Hauch von Gastlichkeit, als wir im Stehcafé vom Lidl einen Milchkaffee schlürfen. Ansonsten sieht es hier einigermaßen trostlos aus. Der immer noch graue Himmel tut das Seinige dazu.

Die Saale-Fähre und die Elbfähre bei Barby haben ihren Dienst wegen Niedrigwasser eingestellt, so müssen wir Saale-aufwärts bis Calbe fahren, um auf die andere Seite hinüberzukommen.

In Calbe hat die Personenfähre laut Fährmann noch ca. 30 cm Wasser unterm Kiel. Vielleicht ist unsere vorerst die letzte Überfahrt. Gegen den spürbaren Nordwest-Wind müssen wir ordentlich arbeiten und sind froh, als wir in Groß Schönebeck den Biergarten der WELTRAD-Manufaktur erreichen.

Wir wollen noch bis Magdeburg rollen und dann per Bahn nach Berlin zurückfahren. So kurven wir durch diverse Industriegelände und vergammelte Vorstadtbereiche von Süden nach Magdeburg hinein. Diese Stadt hat schöne und graue Seiten. Heute sehen wir mehr graues Magdeburg.

Dieser wunderschöne Jaguar aus den 40er Jahren wirkt völlig deplatziert in dieser Gegend. Noch 10 Kilometer bis zum Hbf. Magdeburg – Futter fassen bei McDonald und dann rein in den Zug – zurück nach Berlin.

Spree-Neiße-Elbe Teil 1

Mal wieder rein ins Land, mal wieder ein paar Kilometer machen. Testen, wie es läuft an ein paar Tagen hintereinander auf dem Rad.

Am Mittwochmorgen zeigt sich der Himmel noch bedeckt. Nur mühsam und von Ampelhalten unterbrochen arbeite ich mich nach Osten aus der Stadtregion hinaus in das wilde Brandenburg. Erst bei Ahrensfelde und Mehrow komme ich richtig ins Rollen. Der Westwind schiebt mich vorwärts, dann bläst er auch den grauen Himmel frei. In Woltersdorf bei Erkner sind die ersten 50 Kilometer unter den 32er 4Seasons durchgerollt. Zeit für eine kleine Pause und die mitgenommene Stulle. Der örtliche „Verschönerungsverein“ hat sich schon 1885 um den Kranichshügel mit der darauf thronenden Kirche gekümmert. Ich freue mich über eine im Halbrund angelegte Ruhebank und stärke mich mit Brot und Iso-Getränk.

Schon in der Woche zuvor war ich mit Peter nach Neuzelle gefahren – heute wähle ich einen Track, der etwas weiter südlich verläuft und bei Guben an die Neiße führt. Den Spreewald streifen und zwischen Scharmützelsee und Gross-Schauener Seenkette hindurch. Sanfthügelig führt der Kurs weiter nach Osten. Eine neu angelegte Allee mit glattem Radweg daneben weist hin zum Örtchen Ranzig. Meine Assoziation, als ich die LPG-Gebäude vergangener Zeit sehe, ist klar. „Ranzig“ soll aber aus dem Altsorbischen kommen und „Hier sind Raben“ bedeuten.

Quer über die B87, dann auf dem MST – Radweg Märkische Schlössertour – zum Spreeufer an die Anlegestelle der Personenfähre Leißnitz. Weisungsgemäß läute ich die Glocke, um den Fährmann von der anderen Seite zu mir herüber zu bitten. Es dauert ein paar Minuten, bis sich etwas rührt. Dann setzt sich der Fährkahn in Bewegung. Hier ist noch echte Menschenkraft erforderlich: Zug um Zug am Seil hebelt der Fährmann das Gefährt über die zum Leißnitzsee geweitete Spree. Mürrisch werde ich begrüßt. Kein Blickkontakt, nur Handzeichen. „Das ist ja das reinste Fitnessprogramm für Arme und Oberkörper“, versuche ich mich in einem Kompliment. „Na ja“, ist die lakonische Antwort. Das war es dann auch mit der Kommunikation. Die zwei Euro für die Überfahrt darf ich erst auf der Ostseite bei einer genauso mürrisch dreinblickenden Dame bezahlen. Ich bestelle ein Stück Käsekuchen und einen Pott Kaffee. Das stimmt sie offensichtlich milde. Ich meine, ein Lächeln erkannt zu haben.

Groß Muckrow, Klein Muckrow, so heißen die Ansiedlungen auf dem Weg nach Guben. Wenige hundert Menschen leben hier, und es werden immer weniger. Aus dem ehemaligen, 30 Quadratkilometer großen Truppenübungsplatz bei Reicherskreuz ist ein herrliches Naturschutzgebiet geworden. Kilometerweit führt der glatte Weg durch die Heide.

160 Kilometer – Guben ist erreicht, und ich biege an der Neiße ab nach Süden. Klein Gastrose, Groß Gastrose, Groß Bademeusel, Klein Bademeusel. Seltsam muten die Ortsnamen an.

Die ehemalige Mühle und Papierfabrik verfällt unbarmherzig

Wenige Kilometer südlich von Forst habe ich auf der polnischen Seite der Neiße per Booking.com eine Unterkunft für schlanke 33 Euro gebucht. Jetzt muss ich sie nur noch finden. Südlich von Klein Bademeusel führt die Autobahnbrücke hinüber nach Polen. Radweg: Fehlanzeige! Also wuchte ich mein Basso samt Gepäck die Brücke hoch, stemme das Gerät über die Leitplanken und schleiche mich die ca. 200 Meter bis zum Grenzübergang, wo auch die Autobahn formell endet. Den LKW-Rastplatz mit Billig-Kiosken und einem wilden Mix von Angeboten sollte ich an diesem Abend noch einmal erleben. Das Garmin zeigt mir zuverlässig den Weg nach Olszyna, einer kleinen Ansiedlung zwischen Waldrand und Neiße. Hier soll das „Hotel“ stehen, das ich gebucht habe???

Als ich von der Wirtin in der rustikalen Hofeinfahrt begrüßt werde, weiß ich, dass ich in Olszyna Pod Brzozą angekommen bin. Laut Booking.com „ausgezeichnete Lage“. Heiligenbild, Truthahn auf der Straße, selbstgezimmerte Sitzgruppe im Hof, Plastikdecke auf dem Esstisch. Oha!

In meinem Zimmer habe ich die Auswahl: Vier Betten stehen zur Verfügung. Mein iPhone findet kein Netz, aber, o Wunder, auf einem Notizzettel finde ich handgeschrieben den Zugangscode zum WLAN. Es funktioniert. Nach einer heißen Dusche, die ich dringend nach der Tagesetappe von 203 km brauche, frage ich die Wirtin, wo ich denn noch ein Abendessen bekommen könne. 10 Minuten durch den Wald laufen, dann sind Sie beim Restaurant der Autobahnraststätte. Ich schaffe es in acht Minuten, dann stehe ich vor dem 24-h-Motel Olszyn. Um mich herum hungrige Fernfahrer, die Schnitzel und Gulasch in Riesenportionen verspeisen. Ich ordere einen Hamburger mit Pommes und ein Tyskie-Bier. Das Bier ist lecker, der Hamburger gar fürchterlich, dafür schmecken die Pommes. Nach 20 Minuten verlasse ich mäßig satt die wundersame Stätte.

Es ist zwar ruhig im Zimmer, aber nicht richtig dunkel in der Nacht. Fehlende Vorhänge, dafür eine Straßenlaterne vorm Fenster. Jetzt bin ich gespannt auf das Frühstück.

100 Meter entfernt von meiner Herberge bekomme ich in einem Gartenpavillon ein Riesenfrühstück. Nacheinander stellt mir die Wirtin Wurst, Brot, Käse, einen Teller mit Rührei und Grillwurst mit Speck und noch einen frisch gebackenen Pfannkuchen auf den Tisch. Gut gemeint, aber so ganz und gar nicht mein Geschmack. Vom Rührei esse ich die Hälfte, den Pfannkuchen verputze ich dafür ganz. Ich verabschiede mich höflich und bin trotzdem froh, diesen Ort wieder verlassen zu können.

Die Sonne lacht, als ich aus der geschotterten Hofeinfahrt rolle. Das Heiligenbild grüßt am Wegesrand, ein schmutzig-grauer Truthahn pickt suchend im vertrockneten Rasen herum. Dann setze ich Kurs nach Süden. Wald, Wald und Wald, mindestens 15 Kilometer. „Alkohol, Zigaretten, Kaffee… billig, billig. So sieht das Angebot an der Straße aus. „Grenzwertig“, fällt mir dazu ein. Bei Bad Muskau erreiche ich die Neiße, durchquere einen Billigmarkt, der aussieht wie früher die Mainstreets in den Wildwest-Filmen mit John Wayne. In einem Flachbau bietet ein Friseurladen namens „Metamorphose“ seine Leistungen an.

Der Neiße-Radweg hat viel Natur, wunderbare Auen und ein paar fiese, kleine Rampen zu bieten. Es rollt gut, und ich knabbere genüsslich zwei mitgenommene Riegel. Ein paar Kilometer südlich von Bad Muskau wähne ich mich im Land der Bayern. Die Kasemannl-Alm bietet den Radtouristen Speis und Trank. Um 10 Uhr vormittags ist der Wirt noch daheim und ich habe noch keinen Hunger.

Eine Ansiedlung mit passendem Namen

Um die Mittagszeit erreiche ich Görlitz. Ich freue mich auf diese eindrucksvolle Stadt voller Baudenkmäler. Erfreulicherweise flanieren hier viele neugierige Touristen, die hoffentlich eine Weile bleiben. Es lohnt sich. Heute habe ich nur Zeit für ein Stück Kuchen und einen Milchkaffee im wunderbaren Café Flair in der Altstadt.

Heilig Dreiheit in Görlitz

Bis Zittau sind es 45 Kilometer. Der Radweg führt mich an der Lausitzer Neiße nach Süden aus dem Stadtgebiet, dieser Abschnitt ist einer der schönsten, die ich kenne.

Das im englischen Industriestil um 1890 errichtete Gebäude in Rosenthal kündet von einstigem Wohlstand. Erst Flachsspinnerei, dann in der Nachkriegszeit bis zur Wende Leinenzwirnerei, dann Fertigungsstätte für Polyamidseide mit 1000 Beschäftigten – heute Bildungsstätte mit der Möglichkeit, billig zu übernachten.

Kloster Marienthal

Südlich von Ostritz liegt das Kloster Marienthal direkt am Fluss. Eine beeindruckende barocke Anlage, die der von Neuzelle nicht nachsteht.

Wasser, Wald, steil aufragendes Ufer, dann weitet sich das Tal und Zittau kommt in Sicht. Nicht so herausgeputzt wie Görlitz, etwas ursprünglicher, weniger Touristen, mehr Lausitzer. Ich verweile auf dem Rathausplatz und staune über die verschiedenen Baustile – vom Mittelalter bis in die DDR-Zeit.

Am Rande von Zittau wird hier schon lange nicht mehr getanzt

Beim Belauschen einer Fremdenführerin, die zuerst betont, dass sie hier um die Ecke aufgewachsen ist, erfahre ich, dass auch Bauten der 60er und 70er Jahre unter Denkmalschutz stehen. Solange das nicht überhand nimmt…

In Zittau lasse ich die Stadt auf mich wirken – es wird den vielen Baudenkmälern und Sehenswürdigkeiten sicher nicht gerecht, aber ich verspüre keine Lust, hier zu verweilen. Bauchgefühl! Also radle ich noch ein paar Kilometer bis ins Quellgebiet der Spree, steige bei Neugersdorf in die Bahn und fahre bis Dresden. Dann noch mal 15 Kilometer auf meinem Basso bis Coswig. Bei Booking.com habe ich das West-Hotel gebucht. „An der sächsischen Weinstraße“, lautet die vielversprechende Werbung. „An der Baustelle der Eisenbahnbrücke im Industriegebiet“ wäre aussagekräftiger gewesen.

Zum Nachfahren und Schauen der Track auf Gpsies

Teil 2 folgt