Zwei Oldies unterwegs – Im Mai den Neckar hinunter, Teil 2

Der Schlummer war tief in Lauffen, der leckere Primitivo beim überaus freundlichen Italiener hat unsere Gedanken vom sanierungsbedürftigen Lauffener Städtle nach vorn gelenkt auf unsere nächste Etappe. Der Blick aus dem Fenster zeigt um 8 Uhr 18 einen mächtigen Lastenkahn, der Mühe hat, auf dem Lauffener Neckarkanal die enge Kurve zu bekommen.

Wir genießen das Frühstück und sind um 9 Uhr startbereit.

Alle Taschen und der Tailfin-Aeropack wollen jetzt schnell ans Topstone montiert werden.

Die ersten 1o Kilometer in Richtung Heilbronn führen hinauf in die Weinhänge. Ein Weinberg ist auch ein Berg, bemerkt Peter schwitzend. Und nach dem Hinaufkurbeln folgt bekanntlich immer eine schöne Abfahrt. Und der Peter traut sich jetzt auch, die Bremsen mal offen zu lassen.

Weinreben, so weit das Auge reicht. Am Horizont die Kraftwerke von Heilbronn.

Aktuell werden hier noch 4000 t Steinkohle TÄGLICH angeliefert. Der höchste Kamin misst 250 m. Aber die Tage des Kohlekraftwerks sind gezählt. Neben dem alten Block entsteht ein Gaskraftwerk, das mit Flüssiggas gefüttert werden soll.

Links Gewerbebetriebe und Baumärkte, rechts der Neckar und dominierend Industriebauten. Nur noch ein paar Meter bis Neckarsulm, der Heimatstadt von Audi. Die Werksanlagen erstrecken sich über Kilometer am Neckar entlang, wo wir auf einem Info-Panel lesen können, dass es hier schon im Jahre 1905 mit den Neckarsulmer Fahrrädern und Motorrädern angefangen hat.

Auf der Infotafel zur Audi-Historie pappt der Werbeaufkleber einer „Cannabis Business-School“ Wir schnuppern allerdings hier keine süßen Hanf-Düfte, sondern eher miefige Industrieluft.

Endlich rollen wir wieder in die Neckarauen ein. Grün, mit Blütenduft anstelle Industriegestank. Dann urplötzlich stehen wir auf einer Radautobahn, pardon, einem Radschnellweg! Und staunen! Fünf Meter breit, Mittelstreifen, Seitenstreifen… An Fußgänger wurde hier offensichtlich nicht gedacht!

Wer schrauben, pumpen, reparieren muss, hier stehen die Hilfsmittel dazu
Auf dem Radlerzähler sind wir heute Nr. 192 und 193

Wir fahren auf dem ersten Abschnitt eines gerade mit großem politischen Pomp eingeweihten Radschnellweges. Nach etwa einem Kilometer sind wir schon durch… War es das schon? Irgendwann sollen es 18 Kilometer Pendlerstrecke werden. Hoffentlich werden wir das noch erleben. Und hoffentlich dann mit notwendigen Verbesserungen. Denn wenn sich Fußgänger und die Kinder des nahgelegenen Spielplatzes auf die „Autobahn“ verirren, sind sie arg gefährdet.

Schon sind wir wieder auf dem ganz normalen Neckar-Radweg und blicken bewundernd hoch zur Bad Wimpfener Altstadt.

Bad Wimpfen

Wir bleiben ganz nah am Neckar. Gefühlt auf jedem Hügel thront eine mehr oder weniger erhaltene Burg. Hier zu sehen das Heim von Bernolph Frhr. v. Gemmingen-Guttenberg.

Burg Guttenberg

Nur eine Neckarschleife weiter zieht die Burg Hornberg unsere Blicke an.

Im Jahr 1517 kaufte Götz von Berlichingen, der Ritter mit der eisernen Hand, die Burg mit Steinbach und Haßmersheim für 6500 Gulden von Conz Schott von Schottenstein und lebte auf dieser, zusammen mit seiner Familie, bis zu seinem Tode 1562.

Berühmt ist der Satz, den Götz dem Anführer der überlegenen kaiserlichen Truppen zuruft: „Vor Ihro Kaiserliche Majestät hab ich, wie immer, schuldigen Respekt. Er aber, sag’s ihm, er kann mich im Arsch lecken. 

Geschichtsträchtig, aber im überaus negativen Sinne ist auch der hier zu sehende Eingang zum Stollen für den Gipsabbau in Neckarelz. In diesem Bereich sollten gegen Ende des Weltkriegs riesige unterirdische Produktionsanlagen für Flugmotoren entstehen. Die notwendigen Arbeitskräfte wurden von den Konzentrationslagern Natzweiler und Dachau hierhergebracht. Über 5000 KZ-Häftlinge , die schon entkräftet waren, wurden hier gequält. Die beiden Gruben „Friede und Ernst“ wurden umbenannt in „Goldfisch und Brasse“.

Heute wird in dieser Region wieder Gips abgebaut, über 300.000 t werden im größten Untertagebergbau Deutschlands pro Jahr gewonnen und auf Schiffe verladen.

In der nächsten Neckarschleife wartet schon das nächste „Denkmal“ auf uns: das am 11. Mai 2005 stillgelegte Kernkraftwerk Obrigheim. Vor 25 Jahren also. Der Abbau der Anlagen soll in diesem Jahr noch vollendet werden – wer´s glaubt?! Ein Foto der Kraftwerkanlagen spare ich mir.

Dann, in Neckargerach, locke ich Peter auf einen schmalen Weg, der zunächst direkt am Neckar entlangführt, ohne Steigung. Zunächst! Dann aber geht es rauf in den Wald, immer weiter, dann wird der Weg schlechter und schlechter. Das Garmin zeigt immer noch einen fahrbaren Weg, aber der führt vom Neckar weg, auf die Berghöhen hinauf. Schließlich halten wir an, trinken einen Schluck und beschließen den Rückzug. Peter hält sich mit Flüchen zu meinen Navigationskünsten sehr freundschaftlich zurück. „Er hätte es schließlich auch nicht besser gekonnt“, sagt er mir. Danke Peter!

Wir queren hinüber auf die andere Seite nach Neckargerach, wo der offizielle Neckarweg kilometerweit an der Bundesstraße entlangführt. Aber es rollt gut. Wieder staunen wir über eine Burg im Hang, das Schloss Zwingenberg.

Schloss Zwingenberg

Nur noch eine Neckarkurve, dann sind wir in Eberbach und fahren über die mit „Eberflaggen“ geschmückte Brücke in die Altstadt.

Auf der Suche nach einem Quartier kurven wir durch die Gassen, stärken uns mit Weizenbier, fotografieren die Kirche St. Johannes Nepomuk und tun uns schwer, eine Unterkunft zu finden. Peter ist schließlich erfolgreich und stößt auf das Gasthaus Zur Linde in Neckarwimmersbach. Also wieder hinüber auf die andere Neckarseite und rauf auf den Hügel. Hier werden wir freundlich empfangen, das Essen ist preiswert und lecker, und wir wundern uns über das Durchhaltevermögen der beiden Wirtsleute, die praktisch im Alleingang das Geschäft in Gang halten.

Feierabendwein auf dem Balkon des Gasthauses Zur Linde

Die Lüfte sind mild, unsere Laune ist gut, währenddessen hängt der Wirt die Hotelwäsche im Vorgarten auf die Leine: Selbst ist der Mann!

Am nächsten Morgen lacht die Sonne, der Wind bläst uns nicht mehr von Norden ins Gesicht: Radlerglück! Wir sind schließlich hier im Naturpark Neckartal-Odenwald. Noch nie haben wir solche Mengen von blühendem Bärlauch erlebt. Die Luft ist wahrhaft bärlauchgeschwängert.

Schließlich genehmigen wir unseren Rädern eine kurze Pause im Bärlauchbett.

Koga-Burner und Cannondale Topstone im Bärlauchbett

Die Düfte haften noch Stunden später an Sattel und Gepäck. In Ersheim hat der Neckar beschlossen, eine 180-Grad-Wende nach Süden zu machen. Am Ortseingang bewundern wir die kleine, aber höchst sehenswerte Kapelle aus dem 14. Jahrhundert, die mit einer Ölbergdarstellung an der Außenwand beeindruckt. Und drinnen staunen wir über sehr gut erhaltene Fresken und Deckenmalereien aus mittelalterlicher Zeit.

Ölbergdarstellung an der Ersinger Kapelle

Auf dem gegenüberliegenden Hang leuchten das Schloss Hirschhorn mit der darunter liegenden Kirche im Sonnenlicht.

Schloss und Kirche Hirschhorn

Für uns der schönste Abschnitt des Neckar-Radwegs.

Wir können uns kaum sattsehen an so viel geschichtsträchtigen Bauten, reißen uns aber irgendwann los und nehmen unser nächstes Ziel, Heidelberg, ins Visier.

Schon um die Mittagszeit erreichen wir die Karl-Theodor-Brücke, die zur Altstadt hinüberführt.

Wir sind keine Selfie-Fans, aber das hier muss einfach sein. Auf den nächsten Metern tauchen wir ein in das Touristengewimmel. Menschen aus dem ferneren Osten dominieren die Innenstadtachse.

200 Meter weiter nur, und wir stehen vor der Parfümerie Frosch, die schon im Jahre 1942 hier von Frau Frosch eröffnet wurde. Sie hat dann Anfang der 50er Jahre eine kleine Wohnung im Dachgeschoss an meine Schwiegereltern vermietet, mein Schwager kam hier zur Welt. So habe ich einen ganz besonderen Bezug zu diesem Haus, das immer noch genauso ausschau wie vor 70 Jahren.

Mit den 1000 Düften aus dem Laden in der Nase begeben wir uns auf die Suche nach einem Plätzchen, wo wir der Geschichte ein wenig nachhängen können und dazu ein Bier trinken.

Irgendwann reißen wir uns los, gehen über die Neckarbrücke zurück und nehmen Kurs auf die badische Bergstraße. Mannheim werden wir uns sparen und sofort nach Norden in Richtung Bensheim abbiegen.

In Weinheim wähnen wir uns kurz im nahen oder ferneren Osten. Eine Moschee steht mitten in einem Gewerbegebiet. Dann machen wir einfach stoisch Kilometer. Auch in Weinheim können wir kaum Weinreben entdecken. Die Bundesstraße 3 ist gesäumt von wenig attraktiven Gewerbeansiedlungen. Für uns Radler jedenfalls ist das eher langweilig hier. Und den Umweg hinein in die Hänge und Dörfer des Odenwaldes sparen wir uns. Wir sind schließlich auf unserer Schlussetappe. Sulzbach, Laudenbach, Hemsbach, schließlich Bensheim, wo wir auf die Suche nach einem Nachtquartier gehen. Gefühlt jeder dritte Laden ist hier ein Friseursalon. „Josefine, Friseur relax, Ästhetik Beauty, Haargold, Kajaks Hair, Hatice´s hairstyle … “ Aber wir suchen doch nur ein kleines Hotel. Dann wählen wir für unsere letzte Übernachtung das Parkhotel Krone. Schönes Zimmer, prächtige Fahrradgarage. Aber dann auch für uns Gäste kein Platz mehr auf der Restaurantterrasse. „Bin nur allein und kann nicht mehr Tische bedienen“, redet sich der unwillige junge Mann heraus. Wir sind stocksauer und gehen auf die Suche nach einer Alternative. Star Döner, Kebap Haus, Meat Heaven, Rhodos … Und im einzigen Biergarten, der gut aussieht, feiern junge Damen einen Junggesellinnenabschied. Alle Plätze sind besetzt. Langsam macht sich Frust bei uns breit. Die Erlösung finden wir dann im Angebot eines Lidl-Marktes, wo wir uns mit Bier, Wein, Würstchen und Chips eindecken. Für ein wahrhaft frugales Mahl auf dem Hotelzimmer. Wir lassen die Erlebnisse der Woche Revue passieren, schwelgen in unseren Eindrücken, sind zufrieden mit uns und der Welt. Der Schlummer ist gut und die letzten 28 Kilometer hin zum Darmstädter Bahnhof gelingen locker.

Auf geht es nach Darmstadt, Peter!

Letztes Highlight ist ein stolzer Reiher auf der Wiese. Dann stehen wir vorm Bahnhof.

Abfahrt für Peter 12.31 Uhr nach Aschaffenburg und Regensburg , für mich nach Frankfurt und dann nach Berlin um 12.30 Uhr.

Abschied, Schulterklopfen, drücken, herzen, verabschieden – bis zur nächsten Tour in alter Frische, bester Freund!

P.S: Einen kleinen Beitrag zu meiner bisher besten Bike-Package-Konfiguration werde ich in Kürze noch verfassen.

Elbe – Moldau – Donau, Teil 2

Hier kommt Artikel Nummer zwei des Rückblicks – von Prag nach Krumlov/ Krummau an der Moldau:

Die Klänge des Jazzfestivals auf dem Altstädter Ring klingen noch lange nach. Hunderte Menschen verschiedenster Nationen – stehend, sitzend, essend, trinkend, plauschend – sind auf dem Platz versammelt. Friedlich, freundlich geht es zu. Eine Freude, dies zu erleben.

Die Karlsbrücke und der Hradschin zeigen sich in bestem Nachtlicht. Wir laufen und laufen und laufen, und dann verlaufen wir uns gründlich. Erst per Handy-Navigation finden wir wieder zurück zum U-Bahnhof am Museum. Nach Mitternacht fallen wir wie betäubt in die Betten. Ein schöner Abend war das.

Unsere Räder haben die Nacht im Restaurantraum genossen und wiehern geradezu zum Aufbruch. Kurz vor acht rollen wir ins Stadtgetümmel. Prag ist nicht für Radfahrer gemacht! Pflasterstraßen, Straßenbahnschienen… wo sind denn die Radwege? Wir schlagen uns durch nach Süden, fluchen über den Berufsverkehr und sind eine Stunde später endlich wieder auf freiem Felde unterwegs. Die Hussitenstadt Tabor in Südböhmen ist unser Tagesziel. P1080883P1080892

Riesige Eichen, romantische Weiher und ein Schimmel, der als Einhorn durchgehen könnte. Die Gegend wird traumhaft schön, die Sonne lacht dazu. Nur die fiesen Rampen, die sich aneinanderreihen, klauen unsere Körner. Mal 10 %, dann 15 %. 1500 Hm auf den nächsten 106 Kilometern. Man kann es kaum glauben, schließlich reiht sich nur Hügel an Hügel. Die Tschechen haben die Straßen immer schnurgerade hinaufgeführt. Keine sanften Bogenkurven.

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Irgendwann enteilt mir Peter an einer der Rampen, weil er einen anderen Rhythmus tritt. Ich verliere ihn aus den Augen, dann packt mich der Ehrgeiz. Ich muss ihn doch wieder einholen können, schließlich ist er gnädig und wartet am Straßenrand. Nun bin ich dran und habe 100 m Vorsprung, der größer wird. Jetzt verliert er mich. Nach fünf Kilometern verstecke ich mich in einem lauschigen Wartehäuschen, um ein paar Fotos bei der Vorbeifahrt zu schießen.P1080886

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Und wusch! ist der Peter vorbei, ohne mich entdeckt zu haben. Jetzt ist es wieder an mir, zu ihm aufzuschließen. Er denkt, ich sei noch vorn, und tritt richtig rein. So geht das über Kilometer. Schließlich hält er an, weil er gar nicht glauben kann, dass ich so schnell fahre.  Auf diese Weise haben wir auf diesem Teilabschnitt einen knappen 30er Schnitt eingefahren. Geht doch!

Gegen 16 Uhr rollen wir in die Altstadt von Tabor ein. Die Vorbereitungen für ein Komödianten- und Artistenfest laufen auf vollen Touren. Der Soundcheck ist brutal laut und lässt nichts Gutes für die Nacht erwarten.fullsizeoutput_35f1P1080907

So gönnen wir uns am Marktplatz das obligatorische Zielankunftsbier und fahren dann in die Unterstadt zur Hotelsuche hinunter. Im Hotel Tabor werden wir fündig, duschen den Höhenmeterschweiß ab und begeben uns auf Kulturspaziergang.

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Die nächste Etappe wird uns ins beschauliche Krumlov an der Moldau führen. Doch davor hat der Landschaftsgestalter wieder reichlich Rampen eingebaut. Die erste gleich in südlicher Verlängerung der im Bau befindlichen Brücke. Tschüss Tabor.

Südböhmen at its best.

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Klecaty und Holasovice sind kleine Dörfer, die im Bauernbarock gestaltet sind – zwischen 1830 und 1850, als die Zeit der Leibeigenschaft zu Ende ging.

 

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UNESCO- Weltkulturerbe seit 1998

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In Klecaty und Holasovice fühlen wir uns ins 19. Jahrhundert versetzt. Dörfer, die aussehen, wie eine Filmkulisse. Kurz darauf erreichen wir Budweis. Ein riesiger Marktplatz, Arkadengänge, barocke Ensembles, bunte Fassaden. Und natürlich Budweiser Bier.

Auch unser Ziel für heute zählt zum UNESCO-Welterbe: Krumlov oder Krummau. Herrlich gelegen in einer Moldauschleife. Oben die Festung, unten die Bürgerhäuser, die Wirtschaften und die Läden. Anzuschauen wie eine Puppenstube der Barockzeit. Zuerst kehren wir ein im „Dvorak“. Die Zeltdächer des Biergartens geben uns Schutz vor dem prasselnden Regen. Nur widerwillig werden wir an einen Tisch vorgelassen, offensichtlich wollen die Kellner nicht gerne nass werden und verziehen sich nach drinnen. Auf der Moldau ziehen Schlauchboote und Kajaks mit fröhlichen Menschen vorbei. Nass, aber gut gelaunt.

Krummau ist eine Art Rothenburg ob der Tauber in Tschechien. Touristenströme wälzen sich durch die Gassen. Nie zuvor haben wir so viele Chinesen auf einmal gesichtet. In Fünferformationen erobern sie den beschaulichen Ort. Im Gegensatz zu den eher zurückhaltend freundlichen Japanern treten sie eher forsch und sehr selbstbewusst auf. Die Botschafter der künftigen Führungsnation dieser Erde.

Unser Quartier für die Nacht finden wir im Hotel Leonardo. Traumhaft gelegen und stilvoll ausgestattet mit Antiquitäten.

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Blick aus dem Fenster

 

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unser Prunkgemach

An diesem Abend speisen wir ausnahmsweise einmal vornehm. Und zum Abschluss genehmigen wir uns noch ein Fläschchen guten Roten aus dem „Späti“. In stilvollem Ambiente würdig genossen.

Am nächsten Tag werden wir die Moldau weiter hinauf fahren und dann über die Ausläufer von Bayrischem und Böhmischen Wald hinein ins österreichische Mühlviertel. Höhenmeter warten. Demnächst mehr davon.

Vom Randonneur zum Kultur-Randonneur

 Geschichten zu Kultur, Natur und den Menschen in Brandenburg und drumherum.  Immer aus der Perspektive des Radfahrers.  Sportliche Top-Leistungen  überlasse ich mehr und mehr den Kollegen und Freunden – mit über 70 gönne ich mir ein verträgliches  Tempo – dafür zücke ich öfter die Kamera und versuche, mehr und mehr hinter die Dinge zu schauen, die ich beim Fahren sehe. Auch zukünftig werde ich über Räder, Ausrüstung, geeignete Kleidung und auch Training schreiben. Nur die Prioritäten haben sich geändert. Die Info-Seiten zu Brevets und Beleuchtung habe ich herausgenommen. Zu diesen Themen gibt es mittlerweile reichlich gute und aktuelle Infos im Netz. 

Ich hoffe, Ihr habt auch nach  den veränderten Prioritäten Spaß beim Lesen und Kommentieren. Bleibt gesund und habt Freude beim Radfahren! randonneurdidier

Elbe – Moldau – Donau, Teil 1

Diesen Beitrag habe ich im August 2017 geschrieben. Just heute, beim Bereinigen meines Blogs, kam mir die Idee, die besten Stories der vergangenen fünf Jahre mal in lockerer Folge nach oben zu schieben. Eine schöne Zeit auf diese Weise Revue passieren lassen.

Hier der erste Teil über die 1000 km Tour an Elbe, Moldau und Donau. Im Gedenken an Peter, der 2021 von uns gegangen ist.

2. August: Die Teilnehmer des  Transcontinental Race sind seit dem 28. Juli unterwegs, Björn Lenhard fährt unglaublich gut und führt vor James Hayden. Mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von über 27 km/h. Und das schon 100 Stunden lang – mehr als 2500 Kilometer, zwei Alpendurchquerungen, die Hohe Tatra … Fahren, fahren, kurbeln, kurbeln. Schier unfassbar, was die Frauen und Männer leisten. Dagegen mutet unser Vorhaben, 1000 Kilometer zu radeln, an wie eine gemütliche Kaffeefahrt. Und genau so haben wir das auch geplant. Jeden Tag um die 150 Kilometer fahren, viel Natur, Kultur und Menschen erleben. Endlich mal nicht so wie auf einem langen Brevet unterwegs sein.

Genussvoll soll es sein!

Am 2. August treffen wir uns um 8.30 Uhr an der Fähre in Caputh zum Start auf die erste Etappe nach Mühlberg an der Elbe. 20170802_084643_resized

Peter hat seinen ALAN-Crosser und ich mein neues Granfondo Titan gesattelt. Die neuen Gravel-Packs von Ortlieb nehmen alles Notwendige auf: Ersatztrikot, Hose, Socken, Regenklamotten, Freizeitsachen, leichte Schuhe, Waschzeug. Punkt. 7,5 kg Gepäck reichen für eine komfortable Ausstattung. Schließlich werden wir auch einige Höhenmeter abarbeiten müssen.

Schon in Wildenbruch treffen wir mit Matthias zusammen, der unbedingt mit uns ein paar Kilometer gemeinsam rollen will. Eigentlich hat er keine Zeit, sein Troytec-Lieger ist in der Inspektion, und er hat sein altes Kuwahara-MTB dabei.

Bis Jüterbog fahren wir zu dritt. Und um den Genusscharakter der Etappentour zu etablieren, genehmigen wir uns bei Kilometer 60 Kaffee und Kuchen. Tschüss Matthias, schade, dass du nicht die gesamte Tour dabei sein kannst.

Das Wetter ist wie zum Radfahren gemacht: leichter Schiebewind, 22 Grad, wunderbar leichtes Rollen durch die Wiesen und Felder des Fläming hin zur Elbe. fullsizeoutput_35de

In dem kleinen Örtchen Oehna kann man Liegeräder aller Arten bei Sausetritt kaufen und auch ausleihen. P1080699In Annaburg kommt dann die nächste Überraschung: Raketen, Panzer, Kriegsgerät – alles käuflich zu erwerben bei SFOR. Mich schüttelt es. Ein kleiner Schützenpanzer für den Vorgarten vielleicht? „S.F.O.R. will dabei helfen, Träume zu verwirklichen.“, schreibt der Anbieter auf seiner Homepage. Alpträume bekomme ich, wenn ich das lese!

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Kurz vor Erreichen der Elbbrücke hinüber nach Torgau stehen diese drei Flaggen, die an die Begegnung der amerikanischen und der russischen Armee am 25. April 1945 erinnern. Die Kapitulation wurde eingeläutet. Ein Wunder, dass der historische Kern von Torgau das Kriegsgeschehen fast unbehelligt überstanden hat.

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Das Thermometer zeigt 35 Grad an, wir freuen uns auf ein kühles Getränk in historischem Umfeld.P1080713

Das Schloss Hartenfels begrüßt uns, bevor wir in die Altstadt hinaufradeln.

Wir posieren auf der Schlossbrücke, der Bär im Burggraben liegt faul auf dem Bauch. Seit 1425 werden im Burggraben Bären gehalten. Dieser hier ist offensichtlich jüngeren Datums. Im Innenhof bewundern wir die Wendeltreppe aus dem 16. Jahrhundert und die Schlosskapelle, der erste Neubau einer protestantischen Kirche, die schon im Jahre 1544 Martin Luther entzückte. IMG_1676

Ganz im Sinne von Johann Friedrich dem Grossmütigen gönnen wir uns 20 Kilometer vor dem Tagesziel ein kühles Krostitzer. „Wahre Helden stehen mitten im Leben.“

Wir belassen es bei einem Bier und rollen hinunter an die Elbe und radeln auf der Westseite des Flusses weiter nach Mühlberg.IMG_1680

Im Gasthof Zum Kronprinz haben wir zwei Zimmer reserviert, machen uns frisch und genießen das Tagesgericht, Matjes mit Salzkartoffeln. Kurz nach Einbruch der Dunkelheit haben sich alle Mühlberger in ihre Häuser zurückgezogen. Keine Kneipe weit und breit, kein Mensch in den Gassen. Still steht der Mond und scheinet. Wer Ruhe sucht, der findet sie in Mühlberg. 158 Kilometer stehen für heute zu Buche. Morgen geht es weiter über Meißen, Dresden und Pirna hinein nach Tschechien.

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Der Tag begrüßt uns mit Nieselregen, unserer guten Laune tut das keinen Abbruch, schließlich wollen die Regenjacken auch mal ausgepackt werden. Hinter der nächsten Flussbiegung  thront  die Albrechtsburg  stolz über der Elbe und zieht uns fast hinüber zu einer Altstadtrunde in Meißen. Nein! Wir fahren weiter, befiehlt Peter. Det kenn´wer doch alles schon …, und wir wollen doch ein paar Kilometer machen. Recht hat er, also fahren wir weiter im leichten Regen.fullsizeoutput_35e3

Direkt am Elberadweg bei Brockwitz sind Zelte und Tische aufgebaut, wir rumpeln über die Wiese. Da scheint et wat umsonst zu jeben, meint Peter und steuert direkt auf die Stände zu. Erstaunen: Hier in Brockwitz hat die Ernte der Aronia-Beere begonnen und wird festlich in Szene gesetzt. Majestäten, Fotografen und eine Blütenkönigin sind zugegen.

Arno, der dpa-Fotograf, ist ein Freund von Björn Lenhard, den wir seit Tagen über das Trackleader-Portal beim Transcontinental Race verfolgen. Soeben hat ihn James Hayden an der Spitze abgelöst. Mit Ansage. „Bei der dritten Kontrolle hab ich ihn“, hatte er schon am Start Arno geflüstert. So kam es dann auch. James und Björn sollten  auch schließlich nach mehr als 4000 Kilometern am griechischen Klosterberg Meteora als Erster und Zweiter finishen.

Wir wenden uns derweil wieder der Aronia-Beere und der sächsischen Blütenkönigin zu.20170803_110346_resized

Mit der Kraft der Aronia-Beere machen wir uns auf den Weg nach Dresden. Der Regen lässt nach, die Kilometer laufen durch. Nach Dresden wählen wir die Route über Cossebaude und Niedergöhlis. Übel! Kein vernünftiger Radweg, Riesenbaustelle, LKW an LKW. Wir sind froh, als wir vor der Frauenkirche stehen und die Autoabgase nicht mehr direkt vor und in der Nase haben.fullsizeoutput_35e7

Mein Granfondo lehnt sich kurz an Martin an. Die Pfadfinder tun das auch. Zehn Minuten später rollen wir wieder an die Elbe und sind froh, aus der Stadt hinauszukommen in die Natur. Heute kann uns die innerstädtische Kultur absolut nicht reizen.

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Das Blaue Wunder zieht vorbei, dann Lene Voigt mit ihrem „Gaffeedopp„, und schließlich die letzten kleinen Ortschaften vor der Grenze nach Tschechien. Der Radweg wechselt auf die andere Elbseite, und wir lernen bei Königstein unter der riesigen Festung einen Fährmann kennen, der vor guter Laune und Humor geradezu birst.fullsizeoutput_35eb

Ein paar Kilometer weiter, bei Schmilka, queren wir die Grenze. fullsizeoutput_35ec

Kalter Beton, immer noch wachsame Polizisten, ein Reisebus. Die nächsten Kilometer verlaufen durch Wald, an der gegenüberliegenden Elbseite rattert die Bahn gen Süden. Trostlose Kilometer. Bis das Elbtal sich wieder auftut, breiter wird und hell. Děčín , das ehemalige sudetische Tetschen-Bodenbach mit seinem riesigen Marktplatz kommt in Sicht. Hier wollen wir übernachten. 140 Kilometer sollen genug sein für heute. Eine erste Adresse für Radfahrer ist das Hotel Ceska Koruna, direkt am Marktplatz.

In Decin stiefeln wir hinauf zum Zamek – dem Schloss. Belohnt werden wir mit einem herrlichen Blick auf die Gegend, eine riesige Linde im Schlossinnenhof und dann auf dem oberen Platz mit guter Gastlichkeit und vielen überaus freundlichen Menschen.

So darf es weitergehen in Tschechien. Am nächsten Morgen sind wir schon vor acht auf den Rädern. Usti nad Labem ist die erste Stadt auf dem Wege hin nach Prag, unserem heutigen Etappenziel. Aussig heißt der Ort in Sudetendeutsch. Viel Industrie, alte Bauten, viel Betriebsamkeit, ein Elbhafen. P1080800

Die Elbe wird überspannt von der neuen Marienbrücke, einer der beeindruckendsten Brücken, die ich je gesehen habe. Ganz nahe von hier wurden am 31. Juni 1945 , lange nach dem Kriegsende, hunderte von Deutschen erschlagen, erschossen oder einfach in die Elbe geworfen. Die neuen tschechischen Siedler begingen in blindem Zorn ein wildes Massaker. Am Ende des Krieges waren fast alle der ursprünglich über 40000 Deutschen aus Aussig vertrieben – mitgefangen, mitgehangen. Heute erinnert eine Gedenkplakette an die schrecklichen Tage.

Wie schön, dass wir heute wieder die Landschaft, die Menschen und die Gastfreundschaft genießen können. Möge Europa so nah wie hier fühlbar beieinander bleiben!

An der Staustufe gegenüber der Burg Schreckenstein geht es schrecklich die Treppen rauf. Ein Radweg, wie gemacht für Lastesel. Peter flucht und schiebt. Ein paar Meter weiter ankert eine kleine Reisegruppe aus Dresden mit ihrem Boot. Die Jugendlichen genießen ihren Abenteuerurlaub.

Am Radweg entdecken wir wahre Preziosen: einen Mercedes 380 SL, der wahrscheinlich einmal in den USA seine besseren Zeiten erlebt hat, und eine schier unendlich sich reihende Garagenkette. Was mag da wohl drin sein?

Bei Melnik fließen Elbe und Moldau zusammen, ab hier werden wir der Moldau, der Vltava, nach Prag folgen. Ein Langstreckenradler aus Wales, der aus  Nürnberg kam und über Prag auf dem Wege bis hin zur Ostsee ist, warnt uns vor den Eigenarten des Radweges. Mal Autobahn für Radler, mal Schotter für Mountainbiker. Alles in unregelmäßiger Folge. Genauso kommt es dann auch. Auf den Kilometern bis Prag schwitzen, fluchen, wundern wir uns immer wieder.

Die Nektarinen, die wir am Morgen beim Frühstück eingepackt haben, verspeisen wir genüsslich gegenüber von Melnik. Hinter uns ein riesiges Heizkraftwerk, das sein warmes Kühlwasser hier in die Elbe einleitet.

Wir fahren auf der Sun-Route, dem Eurovelo 7, der vom Nordkap über 7305 km bis nach Malta führt. Das führt uns dann doch zu weit ( für diesen Urlaub zumindest).

Die Hochwassermarken künden von den Fluten der Elbe seit 1784. Den bisher höchsten Stand entdecken wir ganz oben unter dem aufgesetzten Dach: Das Jahr 2012 ist mit Abstand der Rekordhalter.

Weiter rollen wir an der Moldau nach Prag hinein. Im Hotel AIDA haben wir vorsorglich schon vor Tagen ein Zimmer gebucht. Das Hotel finden wir nach kurzer Suche, geleitet von unseren Garmins. Die Etrex 35 touch leisten ausgesprochen zuverlässige, komfortable Dienste.

Wir checken ein, die Dame an der Rezeption ist äußert entgegenkommend und erlaubt uns, die Räder in einem Nebenraum des Restaurants abzustellen. Einen Tipp für das Abendessen hat sie auch noch: In der Pension Hofmanu, die auf der Rückseite gar grauslich ausschaut, gibt es einen gemütlichen Biergarten. Wir genießen das Budweiser und böhmische Knödel.

Dann machen wir uns per Metro auf in die Altstadt. 10 Minuten braucht der superschnelle Zug. Top-sauber, sehr komfortabel. Hallo Berlin, bitte mal vorbeischauen. Hier ist zu erleben, wie U-Bahn-Fahren modern geht.

Wenzel begrüßt uns auf dem gleichnamigen Platz:P1080839.JPG

Jetzt lasse ich einfach noch ein paar Fotos sprechen vom Flair dieser wunderbaren Stadt:P1080847P1080863P1080865P1080872P1080875

Diese Stadt ist eine Reise wert.

Morgen geht es weiter nach Tabor, aber davon im zweiten Teil des Reiseberichts.

Oder-Neiße-Elbe, Teil 2

Auf nach Görlitz

Der Kaffee ist gut, dazu ein gekochtes Ei, eine Scheibe Käse, Marmelade aus der Folienverpackung. Ein Starterfrühstück, kein Genussfrühstück. Um 8.30 Uhr wecke ich mein Granfondo, hänge die Gravel-Packtaschen ein und rolle auf den Oder-Neiße-Radweg hinüber. Die Kulisse von Eisenhüttenstadt kommt näher, alte und neue Industrie reckt die Schlote in den Himmel. Von ehemals 53000 Einwohnern im Jahre 1988 sind bis heute 23000 übrig geblieben. Eisenhüttenstadt war zu Beginn der 50er Jahre als sozialistische Planstadt auf Geheiß der SED entstanden. Ein Eisenhüttenkombinat mit sozialistischer Wohnstadt. Die Schlote qualmten wie im Ruhrgebiet. Fast hätte die Stadt zum 70-jährigen Todestag von Karl Marx den Namen Karl-Marx-Stadt erhalten. Dann bekam Chemnitz den Vorzug und die Planstadt bekam den Namen „Stalinstadt“. Keine zehn Jahre dauerte es, da wurde der Ort im Rahmen der Entstalinisierung umgetauft in Eisenhüttenstadt. Von den Einwohnern schlicht „Hütte“ genannt.

Beim Blick vom Oderdeich hinüber zu Häusern und Fabrikgebäuden wusste ich nur wenig über Eisenhüttenstadt; Wikipedia hat mir geholfen, die Geschichte nachzuvollziehen.

Ganz nah am Radweg steht seit Kriegsende die Ruine des Kraftwerks Vogelsang, das zur Energieversorgung der im 2. Weltkrieg errichteten Werke von Degussa und Rheinmetall dienen sollte. Es ging nie in Betrieb – im Rahmen der Reparationsleistungen wurden die Industrieanlagen und auch die Kraftwerksturbinen gen Osten abtransportiert. Es blieben die leeren Gerippe. Als Vogelsang im Jahr 1998 aus 2,5 Mio DM „Fördermitteln“ abgerissen werden sollte, traten Naturschützer auf den Plan und erwirkten den Abriss-Stopp. Heute hausen hier Fledermäuse, die nur selten von „Entdeckertouristen“ gestört werden.

Ich lasse Eisenhüttenstadt hinter mir; hinter Kornfeldern und Wiesen erhebt sich das Kloster Neuzelle aus der Oderaue. Es hat die Jahrhunderte besser überdauert als Industrie und Kraftwerke.

Kloster Neuzelle am Horizont

Neuzelle ist ein wunderbarer Kontrapunkt zu grauem Beton und sozialistischer Planstadt. Jedem, der in dieser Gegend weilt, sei ein Besuch der Klosteranlage wärmstens empfohlen. Die Barockbauten und die Gartenanlage sind einzigartig.

Ich bleibe heute ausnahmsweise auf dem Oderdamm, weil ich Neuzelle bestens kenne. Vor meinem inneren Auge lasse ich mir ersatzweise einen Erinnerungsfilm der letzten Besuche ablaufen. Die nächsten 30 Kilometer erblicke ich Natur, Natur, Natur. Ein paar Minuten beobachte ich eine freche Elster, die immer wieder auf einen doppelt so großen Milan herabstößt und ihn ärgert. Er wehrt sich nicht, er weicht nur immer wieder aus, bis der Plagegeist von ihm ablässt. Auch eine wirksame Methode.

Während dieser Kilometer hat sich die Oder nach Osten davongemacht, statt ihrer rolle ich seit dem kleinen Örtchen Ratzdorf an der nur halb so breiten Neiße entlang. Kurz darauf bin ich in Guben, auch einer Stadt mit typischer, leidvoller Geschichte. Bis 1945 eine Stadt mit namhaften Tuchmacherbetrieben und über 40000 Einwohnern. Mit vielen prächtigen Bauten und Villen. Am Ende des Krieges wurde Guben, wo in den Rüstingsbetrieben über 4000 Menschen, davon die Hälfte Zwangsarbeiter, die letzten Waffen für Adolf produzierten, zu über 90 Prozent zerstört. Das Potsdamer Abkommen sorgte für die Teilung der Stadt in Guben und das östlich der Neiße liegende Gubin. Heute leben hier weniger als 16000 Menschen. In den Fabrikgebäuden der ehemaligen Tuchfabrik residieren das Plastinarium und die Ausstellung „Körperwelten“ von Gunther von Hagens. Vor dem Gebäude wartet gerade eine Schulklasse auf Einlass.

Die größten Arbeitgeber der Stadt sind heute Trevira und die Großbäckerei Dreißig.

Auf der Neiße paddeln gut gelaunte junge Menschen und rufen mir ein fröhliches cześć zu. Ich erblicke eine Bäckerei von Dreißig und gönne mir Milchkaffee, Croissant und Pfannkuchen. Das hebt meine Laune ungemein. Nächster Halt Rosenstadt Forst, würde der Zugbegleiter verkünden, wenn ich denn mit dem Zug fahren würde. Auch Forst war am Ende des Weltkrieges zu 85 Prozent dem Boden gleich gemacht. Auch Forst war und ist wieder eine Tuchmacherstadt mit Textilindustrie. Radsportler verbinden Forst mit seiner historischen Radrennbahn, auf der zahlreiche Top-Sportler trainiert haben. Die Blumenfreunde schätzen den Rosengarten.

Groß Bademeusel, Klein Bademeusel, gegen 15 Uhr stehe ich vor dem Schloß des Fürsten Pückler in Bad Muskau. Lenné oder Pückler haben fast alle bedeutenden Gartenanlagen in Brandenburg gestaltet oder die Ideen dazu geliefert. Der Park in Bad Muskau ist ein besonders beeindruckendes Zeugnis der Gestaltekunst.

Bevor ich wieder starte, gönne ich mir ein Eis, wie es sicher auch dem Fürsten gemundet hätte. Jetzt noch schlappe 50 Kilometer, und ich werde auf dem Marktplatz von Görlitz stehen. Bis dorthin fließt noch reichlich Schweiß meinen Rücken hinunter. Ein attraktives Tagesziel will eben erarbeitet werden. Eine Ansiedlung am Wege trägt den bezeichnenden Namen „Ungunst“. Als ungünstig empfinde ich auch, dass der Radweg immer wieder durch den Kiefernwald ein paar Höhenmeterauf die Bruchkante macht. Die letzten Kilometer, bevor ich endlich in Görlitz einrolle, ziehen sich. Knapp 170 Kilometer Sonne, Wiesen, Wald, Weitblicke. Jetzt tauche ich in die Kultur der alten Stadt ein. Erstes Ziel ist der Obermarkt, der mit seinen wunderbar restaurierten Bürgerhäusern ein wahres Prunkstück dieser Stadt ist. Das Hotel Am Schwibbogen ist ausgebucht und ich erinnere mich an den Hinweis eines Radlerkollegen in Aurith, der das Hotel Alt Görlitz in höchsten Tönen lobte. Also rufe ich dort an, bekomme ein Zimmer, den Öffnungscode für die Haustür und den Zimmerschlüssel im Umschlag neben der Eingangstür. Dann nehme ich mein Granfondo samt Gepäck auf die Schulter und gönne ihm eine sichere Bleibe in meinem großen Zimmer. Duschen, umziehen und dann bin ich wieder in der Altstadt. Gut gelaunte Menschen flanieren durch die Gassen, am Untermarkt lockt mich ein Italiener mit einer guten Speisekarte.

Die Pasta Calabrese im Restaurant Casanova mundet wunderbar, der Wein ist kühl und verlangt nach einem zweiten Glas. Derweil spielt gegenüber ein mittelalter Gitarrist Songs von Sting, Mark Knopfler und Eric Clapton. In bester Qualität. Besser kann ein Abend für mich nicht laufen. Heute bekommt Görlitz von mir wieder einmal die Note 1. Ich schlummere tief und sitze schon um kurz nach sieben am Frühstückstisch. Das Angebot ist sensationell. Brot, frisch gemachtes Rührei, Müsli, und und und. Ich bediene mich reichlich und genieße. Schon vor acht Uhr stehe ich mit meinem Granfondo auf der Straße und nehme Kurs Süd. Entlang der Neiße will ich nach Zittau fahren. Im Teil 3 mehr davon in Bälde.

Rauf auf den Darß und rüber nach Rügen, Teil 1

Körperschonend und komfortabel. Es soll keine Brevet-Fahrt werden, bei der man 600 oder gar 1000 Kilometer mehr oder weniger am Stück zurücklegt und sich dabei so richtig quält. Immer wieder befrage ich „wetteronline“ in den Tagen vor dem geplanten Start. Durchwachsen soll es werden in der Woche 43 des Jahres 2020. Fest steht, dass es eine Nordrunde mit Fischland-Darß und Rügen wird, und die erste Etappe soll mich nach Norden in Richtung Seenplatte führen. Corona treibt ihr Unwesen zwar auch im Norden, aber es gibt noch keine Hotspots, auch nicht annähernd. Und als Brandenburger darf ich auch noch in Pensionen und Hotels übernachten. Im Radkeller scharrt mein Titan-Granfondo schon unruhig mit den Pedalen. Die zwei Ortlieb-Gravel-Taschen schlucken Radklamotten und Zivilkleidung für die Abende. In der Oberrohrtasche verstaue ich meine Shakedry-Regenjacke und Neoprenfüßlinge – für alle Fälle. Drei dicke Schoko-Eiweißriegel stopfe ich noch hinein. An der Frontgabel habe ich meine neueste Errungenschaft, einen Ortlieb-Forkbag, befestigt. Hier finden Ersatzschläuche, CO2-Kartuschen und ein dickes ABUS-Schloss Platz. Elektronik, Kabel, Powerbank, iPhone, all das liegt vor Nässe geschützt in dem kleinen Frontbag von Topeak.

Am 20.10. rolle ich gegen neun Uhr nach einem ausgiebigen Frühstück los. Ein frischer Wind mit Stärke 3 bis 4 soll aus Südost blasen. Das passt trefflich für den Kurs hin zur Seenplatte und die schöne Stadt Waren am Müritzsee.

Nein, es ist kein Raps! Senfsaat blüht hier bei Liebenberg.

Zuerst geht es auf bekannten Pfaden an Oranienburg vorbei, dann am Voßkanal entlang, dann knicke ich ab nach Malz und nach Liebenberg. Der hilfreich schiebende Wind macht es leicht, in einen schönen Rhythmus ohne Anstrengung zu finden. Kleine Ortschaften, sanfte Landschaftswellen – kurz vor Gransee werden vor einer Hofeinfahrt dicke rote, gelbe und grüne Kürbisse feil geboten.

Gransee liegt verschlafen da. Wo sind die Menschen? Neben dem Ruppiner Tor führt der Weg durch das sogenannte Waldemartor, das nach der vom Kurfürsten verordneten Vermauerung des Haupttors angebaut werden musste. Hier die Geschichte dazu: https://de.wikipedia.org/wiki/Waldemartor

Von Gransee aus führt der Stechlinsee-Radweg auf der historischen Bahntrasse über 10 Kilometer herrlich ausgebaut bis nach Schulzendorf. Ein Gedenkstein und eine bunte Darstellung des Geschehens vom August des Jahres 1316 erinnern an die Schlacht bei Gransee zwischen den Brandenburgern und den Mecklenburgern.

https://www.svz.de/regionales/mecklenburg-vorpommern/mecklenburg-magazin/vor-700-jahren-die-schlacht-bei-gransee-id15583436.html

In Schulzendorf, vor der ARCHE-Kinderranch, rollen auch Köpfe und fließt auch Blut, allerdings hier in einer aufwändigen Installation zu Halloween:

Rheinsberg ist die nächste historische Station am Radweg. Kronprinz Friedrich, der bis 1740 hier seine „glücklichste Zeit“ verbrachte, bis er dann die Nachfolge seines strengen Vaters antrat und nach Berlin umziehen musste, begrüßt die Besucher . Friedrich der Große, wie er genannt wird, sollte nie wieder die Stätte seiner unbeschwerten Jugendzeit besuchen.

Weiter rolle ich auf dem alten Bahndamm-Radweg, der durch herrliche Laubwälder führt. Eichen, Buchen, Linden – starke Bäume atmen CO2 ein und Sauerstoff aus. Waldbaden ist gesund für Körper und Seele.

Der Wald duftet herbstlich, nasses Moos, Pilze, Harzgeruch. Aber Waldbaden macht auch hungrig. So lege ich in Rheinsberg beim Bäcker Läge einen Stopp ein und stärke mich mit Milchkaffee und Apfelkuchen.

Die Bahnlinie, die ursprünglich bis Zempow führte, wurde übrigens nach 1945 im Rahmen von Reparationsleistungen abgebaut. Heute kann ich mich als Spätfolge über den glatten, hügelfreien Radweg freuen. Zempow, Sewekow, Karbow, bald bin ich am Meer. Nein, nicht an der Ostsee, aber am größten Binnensee des deutschen Landes, dem Müritzsee. In Röbel mache ich einen Erkundungsgang um die mächtige Backsteinkirche St. Marien, die auf einem kleinen Hügel thront.

Ein paar Meter weiter stehe ich an der Hafenmole vom Stadthafen Röbel. Am Müritzstrand liegt Kunst in Form von zwei Holzfiguren, die genießend auf das Wasser schauen.

Auf dem Weg nach Waren lasse ich mich auf den Müritz-Rundweg ein, der durch die Wälder, am Wasser entlang, Hügel rauf und runter, über Schotter und durch Sand führt. Aber schön ist er!

Aus dieser Perspektive ist das Ostufer des großen Sees nicht zu sehen. Nur die Bäume sind ab mittlerer Höhe zu ahnen. Die „Wölbungshöhe“ der Erdkrümmung macht auf über 10 Kilometern von Ufer zu Ufer ca. 3 Meter aus. Und da schaut meine Kamera nicht drüber, sondern folgerichtig nur auf und hauptsächlich in das Wasser. Noch ein paar Bögen, dann kommt das Schloss Klink in Sicht. Ich wähne mich an der Loire und nicht am Müritzsee.

Schloss Klink

Die sehr wohlhabende Familie Schnitzler ließ das Herrenhaus von den Architekten Grisebach und Dinklage im Stil der Neorenaissance entwerfen und innerhalb von weniger als drei Jahren errichten. Arthur Schnitzler konnte samt Familie im Jahre 1900 einziehen. Auch für eine große Familie reichlich Platz zum Wohnen und Sein. Zumal auch noch 1150 ha Land samt Dörfern der Umgebung zugekauft wurden. Protz und Prunk. Sogar ein Mausoleum im Stile eines antiken Tempels ließ die Familie aufwändig am Steilufer der Müritz bauen. Schließlich brauchte man auch für die Verblichenen und noch Verbleichenden eine adäquate Ruhestätte. Die ist allerdings 1976 im Auftrag der Gemeinde Klink vom Autobahnkombinat Rostock gesprengt worden. Ein Mausoleum sprengen?! Ich mag mir das gar nicht vorstellen.

Weiter führt der Weg am See entlang – zur Linken ein kleiner Park mit einer aufragenden Skulptur. Auf einem Sockel aus Stahlbeton wirbelt ein Athlet eine Frau und ein Kind durch die Lüfte. Wer hat das denn geschaffen, und wann? So intensiv ich auch google, ich finde partout nichts über dieses Kunstwerk.

Dann mache ich wieder einmal mit Kamerun Bekanntschaft, diesmal in Form eines Campingareals am See mit diesem Namen. Sogar eine Nationalflagge hat der Betreiber gehisst.

Beim Einbiegen zum Strand hin fängt ein riesiger Schiffspropeller meine Aufmerksamkeit. Die hier ansässige Metallguss GmbH fertigt die größten Antriebsschrauben weltweit! Wer hätte das gedacht!

Waren kommt in Sicht. Ein schön anzuschauendes Städtchen mit historischem Flair. Eigentlich ganz untypisch für diese Region. Ansteigende Gassen, historische Häuser, einladende Gastlichkeit.

Am Yachthafen steht die Skulptur „Der verlorene Sohn“ von Stefan Voigtländer. Zur späten Nachmittagsstunde halte ich mich hier nicht lange auf, obwohl das Ambiente einladend ist. Zuerst kurve ich hinüber zum Tiefwarensee und dem gleichnamigen Hotel, in dem ich ein komfortables Zimmer beziehe. Duschen, frischmachen und dann wieder hinüber in die Altstadt. Es hat angefangen zu regnen. Alle Menschen, die ich vorher in den Gassen gesehen hatte, scheinen die wenigen „Corona-Plätze“ in den Restaurants reserviert zu haben. So bin ich froh, bei einem netten Italiener noch eine Pizza und ein Viertel Rotwein zu bekommen. Um 22 Uhr liege ich im Bett, schaue noch die Nachrichten und schlummere hinweg.

Bis Waren waren es 153 Kilometer. Morgen kommt Etappe 2 – hin zum Darß

https://www.strava.com/activities/4236534568/embed/a26d2ea22bde6d7912067369c307def410505f15

Elbe – Moldau – Donau, Finale

Krummau hat uns trotz der Touristenströme in seinen Bann gezogen. Solch ein mittelalterliches und in großen Teilen barockes Ensemble habe ich so durchgängig noch nirgendwo gesehen. Eine Märchenwelt! Im „Leonardo“ durften unsere treuen Lastesel sogar direkt vor der Rezeption parken. Auf historischen Dielen, angelehnt an historischen Bänken. Wir bedanken uns für die äußerst zuvorkommende Behandlung und stehen frisch wie der junge Morgen um 8.30 Uhr an der Moldaubrücke und biegen nach Süden ab. Kurs Linz. Die Moldau ist spätestens ab hier ein Wassersportrevier erster Güte. Schlauchboote und Kajaks fahren in Reihe auf dem Wasser und werden in steter Folge auf Anhängern und LKW auf den Straßen moldau-aufwärts transportiert. Schließlich wollen die Flussfahrer flussabwärts gleiten. Und dazu muss die ganze Armada immer wieder in Richtung Quelle zu den Startorten gebracht werden. Bedřich Smetana https://geboren.am/person/bedrich-smetana hätte aktuell seine Tondichtung „Die Moldau“ um einen Schlauchbootwalzer ergänzen müssen. P1080936

Das Tal der Vltava wird enger, das Grün ist satt, Burgen tauchen nach jeder dritten Biegung auf. Eine wahre Burgen-Bauwut muss hier einst die Baumeister und Steinmetze in Arbeit gebracht haben.

An einem Sammelpunkt, wo die Wasserwanderer campen und auf die nächste Teilstrecke starten, machen wir einen Stopp und schauen dem bunten Treiben zu. Familien, Einzelkanuten, Alt und Jung. Die Menschen stürzen sich in den blauen Fluss. Wir machen ordentlich Strecke in dem flach ansteigenden Geläuf. Die Morgenluft ist würzig und tut unseren Lungen gut. Die werden spätestens ab Vyšší Brod, dem südlichsten Punkt Tschechiens, wieder feste Sauerstoff ins Blut bringen müssen. Hier knickt der Kurs nach Süden ab, weg von der schönen Moldau, hinein in die Berge Südböhmens.P1080959

Die Straße nach Leonfelden steigt sanft an. Wir finden unseren Rhythmus und erfreuen uns an den fetten Farben  der Wiesen und dem Cumulushimmel. Auf jeden Kilometer kommen hier zwei Verkaufsstände für frische Pfifferlinge, Gartenzwerge, Zigaretten und, wie wir vernehmen konnten, sogar für die Partydroge Chrystal Meth!  Die Waren, natürlich nicht die Pfifferlinge, kommen mittlerweile aus Vietnam und China. P1080961

Die ehemalige Grenzkontrolle in Weigetschlag steht seit Schengen 2007 ungenutzt, aber gepflegt da. Ein paar Kilometer noch bergauf, über die 850 Meter Höhe, dann sanft nach Bad Leonfelden einschwingen und den erstbesten Bäcker heimsuchen. Der Milchkaffee ist riesig, der Kuchen schmeckt köstlich, aber det Janze kostet hier doppelt so viel wie in Tschechien. Gestärkt steigen wir auf und kurbeln hinauf nach Glasau. Hier beginnt eine rauschende Abfahrt über mehr als 10 Kilometer nach Linz hinunter. 50 bis 65 km/h stehen permanent auf dem Tacho. Konzentration ist gefragt. Im Tal sind wir froh, wieder normal in die Pedale treten zu dürfen. P1080966

Linz empfängt uns mit seiner ganzen Pracht. Allein, wir sind viel zu früh hier, um uns schon ein Hotel zu suchen, also beschließen wir, die heutige Etappe auf ca. 150 Kilometer zu verlängern. An der Donau entlang sollte das purer Genuss sein!

In der Altstadt finden wir vor der Konditorei Leo Jindrak, dem Haus der original Linzer Torte, noch ein Plätzchen im Schatten und gönnen uns ein gleichsam köstliches wie riesiges Joghurt-Eis. Die können nicht nur Linzer Torten ( davon werden bei Jindrak jährlich 100 000 hergestellt und an Kunden in aller Welt versandt). Nach einem illustren Stündchen Pause und Plausch mit der heimischen Bevölkerung gehen wir um 14.30 Uhr wieder auf Kurs. P1080969

Ein paar Kilometer weiter bremst uns diese geschraubte Edelstahlskulptur. Beeindruckend allemal, nur einen Hinweis auf den Urheber finden wir nicht. Gut, dann lassen wir die Kunst einfach und unverfälscht auf uns wirken. P1080971

Vor dem Schopper-und-Fischer-Museum zupft ein Rennradlerkollege am Lavendel herum.P1080972

Schoppen ist, wie wir erfahren, die Kunst des Abdichtens der Holzfugen zwischen den mächtigen Eschenbrettern des Schiffsrumpfes. Dieser hier konnte bis zu 10 Tonnen tragen. In Aschach betrieb der Schiffmeister Johann Georg Fischer ( 1782-1864) einen großen Schopperplatz und setzte damals schon damals schon für sein Sägewerk große Dampfmaschinen ein. Hightech zu jener Zeit.

In einer  kurzen Pause vor einer Radlerpension, total einsam an der Donau gelegen, mit keiner erkennbaren Anbindung an den Straßenverkehr, verspeisen wir ein paar Würstel mit Meerrettich.  ( Der Hunger treibt es rein, hätte meine Mutter gesagt.)  P1080975

Links Radweg, rechts die Bahn, dazwischen die träge dahinfließende Donau, eingerahmt von Waldhängen. Oben thront der Burgherr.

Beim Würstelessen bekommen wir die Info, dass nur vier Kilometer weiter mindestens drei Gasthöfe mit Pension auf uns „warten“. Also nichts wie hin!

Wir klopfen nicht beim Heiligen Nikolaus, dafür aber bei der Pension Reisinger an und bitten um ein Nachtquartier. Peter verschwindet im Gastraum und kommt erst nach gefühlten 10 Minuten wieder freudestrahlend heraus. Die Seniorwirtin hatte ihm im obersten Stockwerk eine ganze Ferienwohnung mit zwei Schlafzimmern und Wohnküche angeboten. Für 30 € pro Person, inklusive Frühstück!

Darauf genehmigen wir uns ein deftiges Abendessen mit Kartoffelpuffern, Salat und leckerem Gösser-Bier. Zum Ausklang lassen wir uns noch einen Krug mit lauwarmem Sauvignon Blanc füllen und tragen die köstliche Fracht hinauf in unser Wohngemach.

Hinterm Fenster lüftet die Rapha-Weste aus, die Hosen hängen dekorativ am Türrahmen, die Wohnküche wirkt in zartem Rot für sich. Im Waschbecken kühlt sich der Sauvignon im Wasserbad.

Diese Nacht schlafe ich ( mückenlos) wie ein Stein. Peter erschlägt derweil wie das tapfere Schneiderlein mindestens sieben Blutsauger, die ihn nicht in den Schlaf kommen lassen.

Am nächsten Morgen starten wir nach einem Frühstück alter Art – Wurst, Käse, Marmelade, Filterkaffee – auf die Etappe nach Straubing.P1080984

So gut die Beschilderung des Donauradweges bisher gewesen ist, so bescheiden sieht sie auf den nächsten 30 Kilometern aus. Der Weg führt streckenweise über die Bundesstraße ohne Seitenstreifen. Der Landkreis hat hier wohl ein paar Jahre verschlafen.P1080988

Ja, geht es noch? Beim Versuch, zwischen den Stangen hindurchzutauchen, wären wir fast steckengeblieben. Hohoho! Ein Hoch auf den Beschilderer.

Passau muss hinter der nächsten Biegung auftauchen, die Annäherung an die attraktive Altstadt führt allerdings über ein paar Hindernisse.

Der gepriesene Donauradweg führt uns an einer stillgelegten Bahnstrecke über rumpeligen Schotter an die Stadt heran.fullsizeoutput_35ff

Musikantenkultur in Passau: Der Bärtige erfreut Peter mit seinen Liedern. Als Peter ihm das Brandenburglied vorsummt und der Musikant mehr schlecht als recht die richtige Melodie sucht, ergreife ich die Flucht.

Wir trösten uns mit dem Blick auf Maximilian I. , dem ersten König der Bayern, und den beeindruckenden Dom St. Stefan. Dann gönnen uns zum Einritt ins Bayernland eine zünftige Weißwurst und ein Weißbier. In Passau gibt es drei Flüsse zu überqueren, Inn, Ilz und Donau. Dann entlässt uns die Stadt wieder nach Westen an die freie Donau.P1090012

Der Donauradweg wird hier zum Bier-Radlweg. „Bring ma a Hoibe!“ Das merken wir uns und werden so an den nächsten Tagen nicht verdursten müssen. Nach kurzem Hotelsuchintermezzo in Bogen, wo keine Bleibe zu finden ist, starten wir durch nach Straubing und erreichen die Altstadt kurz vor einem dräuenden Gewitter. Im Hotel Seethaler werden wir vom Inhaber abgefangen ( gerne doch) und bekommen zwei nette Zimmer. Der Abend wird gemütlich: IMG_1726fullsizeoutput_35ceEssen bei Röhrl mit dem gleichnamigen Bier. Eine Riesenportion Semmelknödel mit Pfifferlingen, die in einer sämigen Sauce schwimmen. Köstlich. Dann später launige Gespräche in einer Bar, die nach Berliner Maßstäben schon bevor der eigentliche Abend beginnt, gegen 22.30 Uhr den Ausschank schließt. Da musste eben schneller trinken, meint Peter. Wir kommen auf diese Weise wieder zeitig in die Betten und sind fit für die kleinen 55 Schlusskilometer am letzten Tag nach Regensburg.P1090019

Auf dem Donaudeich staunen wir über einen schlaksigen Wanderer, der einen vollbepackten Kinderwagen vor sich her schiebt. Wir kommen ins Gespräch: Der Däne ist auf dem Weg von Kopenhagen über Deutschland, Tschechien, Österreich und jetzt Bayern nach Griechenland und dann noch mit einem Umweg um die Türkei herum noch ein Stückchen weiter. Gestartet war er mit Rucksack, dann irgendwo in Deutschland hat ihm eine Frau den Kinderwagen geschenkt. Da war er seine plagende Last auf dem Rücken los. Der Kinderwagen wurde voll und voller. Läuft prächtig, meint er. Nur die Räder sind etwas klein für rumpelige Wege. Bis zu 60 Kilometer hat er an den besten Tagen geschafft. Beachtlich. Gesund an Körper und Geist. Neugierig und unkonventionell. Mit diesem Menschen hätten wir gern länger geplauscht.

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Rechts oben über den Bäumen am Hang taucht die Walhalla auf. Wir wähnen uns im alten Griechenland. Wikipedia weiß über den Tempel Folgendes: In der Gedenkstätte Walhalla in Donaustauf im bayerischen Landkreis Regensburg werden – ursprünglich auf Veranlassung des bayerischen Königs Ludwig I. – seit 1842 bedeutende Persönlichkeiten „teutscher Zunge“ mit Marmorbüsten und Gedenktafeln geehrt. Benannt ist sie nach Walhall, der Halle der Gefallenen in der nordischen Mythologie. Der Architekt war Leo von Klenze.

Leo von Klenze errichtete im Auftrag von Ludwig I. in den Jahren 1830 bis 1842 den nationalen Gedenktempel nach dem Vorbild des Parthenon. In der Ruhmeshalle haben viele bedeutende Persönlichkeiten aus der germanischen Sprachfamilie einen Ehrenplatz erhalten. Selbst jene wie Heinrich Heine, der den Bau spöttisch als „marmorne Schädelstätte“ bezeichnete, finden sich heute in ihm wieder.

Wir sparen uns den Aufstieg zum Tempel und belassen es beim respektvollen Betrachten.P1090054

In Regensburg steuern wir zunächst den riesigen Dom an: Ich muss unwillkürlich an Walter Röhrl denken, der zu seiner Jugendzeit der rasanteste Chauffeur des Regensburger Bischofs gewesen ist.P1090063

Zu diesen Gedanken passt wunderbar das Bier vom und im Bischofshof. „Das Bier, das uns zu Freunden macht.“

Danach drehen wir eine Kulturrunde durch die Gassen der Altstadt und steuern am Ende die alte steinerne Brücke an. Sie wird gerade aufweisenndig renoviert. Und genau da, wo die Baustelle mit einer Stahlkonstruktion umschifft wird, haben wir eine illustre Begegnung. „Magic Moments“: Unser Randonneursfreund Henning, der im wirklichen Leben Profifotograf ist, steht mit seinem Team auf der Brücke und macht Aufnahmen für eine Kampagne des Landes Bayern. Ein irrer Zufall, ihn hier zu treffen. Nicht in Berlin, 500 Kilometer weiter südlich in Regensburg auf der Brücke! Großes Hallo, ein paar Worte, dann wendet sich der Gestresste wieder seiner Arbeit zu. Wir schieben unsere Räder derweil auf die andere Donauseite und kehren ein im Biergarten Zur alten Linde. Schön, anderen bei der Arbeit zuzuschauen. P1090045

Da unten auf der Insel turnt er herum und dirigiert die großen Schirme, die wohl das helle Sonnenlicht abhalten sollen. Wir fotografieren einfach dann, wenn das Licht schon milder ist …

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So ungefähr sieht das dann aus.

Im Hotel VIII direkt an der Donau bekommen wir ein veritables, etwas kurioses Apartment im 4. Stock.P1090036

Wir wähnen uns im Orient. Fehlt nur noch die Wasserpfeife.

Unsere Räder dürfen auch hier ins Haus. Und das wird um 19 Uhr abgeschlossen. Mit gutem Gewissen können wir noch einen ausgedehnten Stadtbummel machen.IMG_1731

Bei Dampfnudel-Uli kehren wir mangels Hunger nicht ein.

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An der Donau, mitten am attraktivsten Teil des Donauufers, sind die Hausbesetzer aktiv. ANTIFA steht ganz oben zu lesen. Und ich hatte gedacht, det gäb et nur in Berlin. Offensichtlich ist dieselbe Problematik wie in den meisten großen Städten auch hier angekommen.

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Nur noch Barbarossa ist illuminiert. Wir kommen durch den Nebeneingang mittels Transponderkarte ins Hotel, stiefeln die drei Treppen hoch und wissen kaum, wie wir in die Betten gekommen sind. Wir sind am Ziel unserer Etappentour. 1000 erlebnisreiche Kilometer liegen hinter uns. Wir sind zufrieden.

Morgen mittag bringt uns die Bahn wieder zurück nach Berlin.

P.S: Ein Bericht zur Streckenführung mit den Tracks und zur eingesetzten Ausrüstung ist in Arbeit.