Louis Hanri ? Fontane

 

ENTDECKUNGEN IM ODERBRUCH

das Oderbruch hat für mich etwas Magisches, eine besonders starke Anziehungskraft. Woher kommt das eigentlich, frage ich in mich hinein. Die Landschaft und die Kultur sind eher unspektakulär, zumindest wenn man die Gegend mit dem Allgäu oder gar den Tiroler Alpen, wo ich vor wenigen Wochen gewandert bin, in Vergleich bringt. Falscher Denkansatz, sagt mein inneres Ich! Schon Fontane sagte im Vorwort zu seinen Wanderungen in der Mark Brandenburg: „Der Reisende in der Mark muß sich mit einer feineren Art von Natur- und Landschaftssinn ausgerüstet fühlen. Es gibt gröbliche Augen, die gleich einen Gletscher oder Meeressturm verlangen, um befriedigt zu sein. Diese mögen zu Hause bleiben“ 

Schon auf der Anfahrt über die Wellen des Barnim durch kilometerlange Ahorn- Eichen- Linden- und Kastanienalleen wird deutlich: Hinschauen ist erforderlich, nicht nur stures Durcharbeiten und Durchkurbeln. Sonst bleibt das Schöne dem Auge verborgen. Zwischen Grüntal und Klobbicke bewundere ich eine herrliche Ahornallee, die schon eine ganz leichte Herbstfärbung zeigt. Auf dem Weg nach Osten folgt dem Ahorn die Kastanie. Die Bäume sehen aus wie nach einem Frosteinbruch im Spätherbst. Für den frühen Laubfall ist aber nicht Temperatur, Sturm und Jahreszeit , sondern die gefräßige Miniermotte verantwortlich. 

In Gersdorf werden Zierkürbisse feilgeboten, in Dannenberg steht ein ausgedienter Feuerwehr-Robur an der Straßenecke. Nostalgische DDR-Lüfte umwehen mich.

ein echter Robur

Der geflasterte Freienwalder Weg geht am Ostrand des Ortes über in einen gut fahrbaren Waldweg. Nur eine vom letzten Sturm gefällte Fichte will von mir überklettert werden. Auf den nächsten zwei Kilometern führt der als Radweg gekennzeichnete Track durch den Wald. Kurz vor Bad Freienwalde stößt er auf die B 168. Fünf Minuten später kann ich wieder, aufs Neue erstaunt, die Sprungschanze von Bad Freienwalde erblicken. Dann rausche ich mit 50 km/h hinunter gen Oderbruch.

Schwalben und Simsons haben die Tankstelle besetzt

An der Esso-Tankstelle am Ortsausgang herrscht buntes Treiben: Die Fans nostalgischer Mopeds mit Namen Schwalbe und Simson haben sich hier versammelt und blockieren den gesamten Betrieb. Aber sicher nicht böswillig. Die Stimmung ist ausgelassen. Ich schaue mir einige der Zweitakt-Oldtimer an und erfahre, dass die Simson neben mir aus dem Jahr 1988 stammt. Ich nehme ein paar tiefe Züge vom verbrannten Zweitaktgemisch und rette mich wieder auf die Bundesstraße in Richtung Schiffmühle. 

In Schiffmühle hat der Vater meines Lieblings-Brandenburg-Literaten Theodor Fontane seine letzten Lebensjahre in fast schon ärmlichen Umständen verbracht. Seine Spielsucht hatte ihn und die Familie nicht nur einmal in die Pleite getrieben. Bevor ich das Fontane-Haus erreiche, sichte ich an der nächsten Kreuzung Polizeifahrzeuge mit Blaulicht und mehrere Krankenwagen. Als ich, meinen Blick weiter nach vorn gerichtet, die Unfallstelle passiere, sehe ich eine nostalgische Schwalbe verformt am Straßenrand liegen.

Mein Adrenalinspiegel steigt ruckartig an, und mir wird wieder einmal bewusst, wie gefährlich das Fahren auf Schnellstraßen sein kann. Und auf diesem Abschnitt gibt es auch keinen begleitenden Radweg.  

Ich bin froh, als ich in Schiffmühle die Bundesstraße verlassen kann. Das Fontane-Haus ist wieder geöffnet, Kaffee und Kuchen werden feilgeboten, allein, ich habe noch keinen Hunger. Heute will ich durch die Ansiedlung an der Oderbruchkante weiter rollen bis nach Neutornow.

Hier, auf einem  kleinen Friedhof neben der Kirche soll Louis Henri Fontane, der Vater von Theodor begraben sein. Dieser Ort der Fontane-Familiengeschichte fehlt noch in meiner Sammlung. Dort, wo die Wriezener Alte Oder von der Stillen Oder abzweigt, erblicke ich links auf der Abbruchkante thronend ein kleines Kirchlein. Ein paar Meter weiter steht, etwas eingewachsen im Buschwerk ein Hinweisschild auf die Grabstätte. Da heißt es absteigen und raufklettern. Nach 200 Metern komme ich von der Nordseite heran an die alte Kirche. In Neutornow habe ich bislang keinen einzigen Menschen gesichtet. Ganz schön einsam hier. Die Kirche stammt aus der Kolonistenzeit aus dem Jahr 1770. Die Sitzbank neben der Eingangstür hat schon bessere Zeiten gesehen, daneben zeigt ein vom Wetter gegerbtes Schild den Weg zur Fontane-Grabstätte. Ein paar Meter weiter lese ich auf einem Aluminiumschild, was Sohn Theodor zur Grabstelle seines Vaters formuliert hat. 

Ganz nah an der Kirchenmauer, auf dem leicht abschüssigen Gelände, liegt eine von kleinen Findlingen umrahmte große Steinplatte mit einer Inschrift, die mich zum Staunen und Nachdenken bringt:

LOUIS HANRI FONTANE, kann ich lesen. Kein Geburts-und Sterbejahr, nur eben Louis HANRI Fontane. Hat er denn Hanri mit Vornamen geheißen? Nein, hat er nicht. In allen Dokumenten, die ich finden kann, wird der Fontane-Vater nur Henri genannt und geschrieben. Berichte von Veranstaltungen zum Todestag von Louis Henri F. habe ich gefunden und gelesen. Keinem der Schreiber oder Redner ist sie aufgefallen oder gar sauer aufgestoßen, die falsche Schreibweise. Also finde ich meine eigene Erklärung für den bösen Lapsus. Der Steinmetz wird betrunken gewesen sein, als er den Namen in Stein meißelte. Und eine „Korrekturplatte“ wird zu teuer gewesen sein. So mutierte Henri auf dem Grabstein zu Hanri , rede ich mir ein.  Schluss mit der Krittelei, sage ich mir und richte den Blick ins schöne Oderbruch. Und der Blick von diesem Friedhof hin nach Osten ist wirklich grandios. 

„ Sand, Geröll und große Steine, wie sie dort überall in der Erde stecken, liegen auf seinem Grab; sei ihm die Erde leicht“. So schrieb Sohn Theodor. Zu lesen in seiner Biografie. 

Ich setze mich auf die verwitterte Bank unter der von Efeu umrankten Eiche, knabbere einen Müsliriegel und genieße die Fernsicht. 

Mein gesetztes Tagesziel habe ich erreicht, jetzt rolle ich noch gemütlich nach Hohensaaten und dann zurück über Oderberg und den Hügel rauf nach Liepe und dann zum Schiffshebewerk. Dort vertilge ich eine große Portion Pommes, die es leider schon mindestens dreimal im heißen Fett bis zur Verschrumpelung ausgehalten hat. Fast ungenießbar, aber kalorienreich. Zwei Stunden kurbele ich hinüber nach Eberswalde, dann am Kanal entlang bis Zerpenschleuse.  

Die Sonne steht schon niedrig über dem Horizont, als sich auf dem Oder-Havel-Kanal der Tanker Odin auf dem Weg ins ferne Ruhrgebiet unter der Brücke hindurchschiebt. Jetzt noch 30 Kilometer nach Süden, und schon werde ich zu Hause ein wohlverdientes Bier genießen können.

Vielleicht finde ich doch noch irgendwann heraus, wie es zur falschen Schreibweise auf der Grabplatte kam, welche Geschichte dahintersteckt.

4. Etappe: Von der Unstrut an die Elbe

Es ist Donnerstag, und es wird Zeit, von Süd auf Ostkurs umzuschwenken. Von Freyburg hinüber nach Leipzig und dann hin zur Elbe und zum Spreewald. Das ist der Plan für den Tag. Meine Wetter-App verspricht acht Stunden Sonnenschein und frischen Wind aus Südwest. Da lacht mich der Spreewald schon aus 190 Kilometer Entfernung an. Mein Granfondo hat genau wie ich sehr gut geschlummert, und die Motivation für eine wieder etwas längere Etappe ist groß. Beschwingt lasse ich es rollen, mit 30 bis 40 km/h fliegt das Titangerät gen Osten. Erst durch die Größter Berge, dann durch die „Bergbaufolgelandschaft“ mit den künstlichen Seen und der Geiselbachtalsperre. Braunsbedra hört sich schon sehr nach Braunkohle an, die hier bis 1993 gefördert wurde. Sieben Prozent der Weltfördermenge kamen einst aus dieser Region. Heute erinnern die Wasserflächen, die Kornfelder und die jungen neuangelegten Wälder nur noch den an die Bergbauzeit, der sich kundig gemacht hat. Der Radweg führt zwar nahe an den Seeufern entlang, die jungen Bäume und Sträucher verhindern aber die Sicht auf die Seen. Stattdessen muss ich aufpassen, die vielen Wurzelaufbrüche entweder zu Umkurven oder ganz langsam darüberzurumpeln. Irgendwann wird es mir zuviel und ich wechsle vom Radweg auf die glatte Landstraße.

Heute quere ich die Saale wieder bei Merseburg, nur dieses Mal komme ich aus Südwesten an den Ort heran.

Fast 1000 Jahre steht schon die ehemalige Kirche St. Sixti auf einem kleinen Hügel. Sie wurde nie zu Ende gebaut und schon vor ca. 500 Jahren als Kirche aufgegeben. Die Reformation sorgte dafür, dass sie keine Bedeutung mehr hatte. Im 19. Jhd. wurde der Kirchturm gar zum Wasserspeicher umgebaut. Eine wahrlich seltsam anmutende Historie eines Kirchenbauwerks. Bei meiner zweiten Merseburg Durchfahrt bleibe ich auf der Hauptstraße, werfe noch einen Blick hinüber zum Schloss und zum Dom, dann rolle ich nach Osten an das Flüsschen Luppe, das mich nach Leipzig führt. In Dölkau staune ich über das alte und heruntergekommene Gutshaus, das zum herausgeputzten Schloss Dölkau gehört, aber seltsamerweise von der Restaurierung oder nur vom Erhalt gänzlich ausgenommen wurde. Morbider Charme.

Noch mehr wundere ich mich, als ich herausfinde, dass der triste Bau mit der herumflatternden Gardinenresten das ehemalige Rittergut Kleinliebenau sein soll. Fast am Stadtrand von Leipzig kommen sich die Luppe und die weiße Elster ganz nahe. Die Elster darf weiter mäandern, die Luppe wird hier zum Kanal, der von einem neuen asphaltierten Weg begleitet wird. „Befahren und Reiten verboten“ lese ich. Soll ich denn schieben hier? Ich lasse mich von dem leicht missverständlichen Schild nicht abhalten, weiterzufahren. Und tatsächlich steht ein paar Kilometer weiter ein Radweghinweiser.

Ich quere Leipzigs Zentrum, bewundere das Stadion der Roten Bullen und die Renaissance Bauten, und schon bin ich wieder auf dem Lande. In Bennewitz an der Mulde entdecke ich das Sportlerheim, von dem aus ich zu meinem ersten 200er Brevet im Jahre 2009 gestartet war. Lang, lang ist’s her. Vor mir auf Kurs ist Wurzen schon weit vor Erreichen der Stadtgrenzen an den beiden monumentalen Türmen der ehemaligen Getreidemühle zu erkennen. Aus der Nähe betrachtet sehen sie nicht mehr attraktiv aus, ich mache lieber ein Foto vom Wegweiser aus 1774 am Marktplatz.

Wurzen

Es ist gerade mal halb zwei und mein anvisierter Zielort Lübben scheint noch gut erreichbar. Aber dann kommt es anders. Auf einer herrlich grünen Wiese stolzieren zwei Störche ganz nah am Wegesrand. Die musst Du fotografieren, sage ich mir und will nur noch wenden, um in eine bessere Position zu kommen. Dabei mache ich den fatalen Fehler, nicht vorher auszuklicken. „Rumms, da fiel der Reiter um“. Klassischer Anfängerfehler, der mir ein verstauchtes linkes Handgelenk einbringt. Auf jedem weiteren Kilometer werden die Schmerzen deutlicher. Das Gelenk schwillt an, ist aber noch gut beweglich. Fazit: Bis Torgau sollte ich es noch schaffen, aber dann will ich in die Bahn steigen. Gedacht, getan. Ich besorge mir in Torgau noch eine Tube Voltaren und eine Packung Ibuprofen, dann rolle ich zum Bahnhof und sitze um 17 Uhr im fast leeren Regio nach Berlin. Ende einer schönen Reise.

P.S.: Heute, vier Tage später, haben sich die Schmerzen verflüchtigt, die Schwellung ist verschwunden. Bald kann es wieder losgehen. Am besten nach Torgau, in den Spreewald und zurück, dann wäre die Etappentour komplett.

3. Etappe entlang Elbe, Saale und Unstrut

Merseburg – Leuna – Bad Dürrenberg – Weißenfels – Naumburg – Freyburg

Zumindest die Dusche funktioniert im Westfalia-Hotel. Und recht ruhig war die Nacht. Das letzte Fläschchen Budweiser habe ich nicht mehr geschafft, so kann sich Putzfrau oder -mann ein warmes Schlückchen beim Saubermachen gönnen. Um acht Uhr verlasse ich die ungastliche Stätte und lenke das Granfondo und meine Gedanken hinaus aus dem Gewerbegebiet nach Süden, wieder an die Saale. Hinein in die Natur. Eine halbe Stunde später erreiche ich bei Döllnitz einen Flussradweg, nur nicht den an der Saale, sondern den an der Weißen Elster, die ein paar Meter weiter in die Saale mündet. Folglich trägt das bewaldete Gebiet auch den Namen Saale-Elster-Aue. Noch 20 Minuten, dann das erste Schild: „Domblick“. Gemeint ist das eindrucksvolle Turm-Ensemble von Merseburg.

Merseburger Dom und Schloss

Die Kulisse ist herrlich, mein knurrender Magen, der auf ein Frühstück wartet, verhindert aber längeres Verweilen. Mit Vorfreude auf ein nettes Café und leckere Brötchen rolle ich hinein in die alte Stadt. Nur ist sie um neun Uhr leider noch nicht aufgewacht. Die Plätze sind leer, die gastlichen Stätten schlummern noch.

Marktplatz mit Staupenbrunnen

Ich hoffe auf die Innenstadt und lasse mich durch die Hinweisschilder zum Dom und zum Schloss locken. Sehr eindrucksvoll, sehr alt, aber auch hier kein Kaffeeduft in der Luft.

Diese Boulangerie ist Geschichte. Die Kreideaufschrift an der Türtafel lässt vermuten, dass der Schreiber kein Muttersprachfranzose ist. Die Fensterläden am nächsten Haus sind auch nicht mehr in bestem Zustand. Nur wenige Meter weiter kann ich aufwändig restaurierte Bauten bestaunen. Im alten Schloss residiert jetzt die Saale-Kreisverwaltung.

Dieses so schöne Städtchen will mich einfach zu dieser Zeit ( noch) nicht. Unschlüssig rolle ich durch die Fußgängerzone, wo vor einer Bäckerei einige hungrige Handwerker die Tische besetzt haben. Irgendwann habe ich keine Lust mehr, weiterzusuchen, und setze Kurs Süd, hinaus aus Merseburg, hinein in die Geschichte und Neuzeit der Chemieindustrie von Leuna. So historisch beeindruckend die eine, so kalt und industriell, aber durchaus eindrucksvoll wirkt die Industriestadt mit dem riesigen Chemiepark. „Zukunftsort Sachsen-Anhalt“, lese ich.

Und plötzlich ist es da, das Bäckereicafé mit überdachter Terrasse – in Leuna, direkt gegenüber dem alten Eingangstor zu den Chemiewerken.

Nach dem Vertilgen des Käsebrotes und mit dem Milchkaffee im Magen, gibt mein Körper das Signal, wieder aufzusteigen und den Saale-Radweg aufzusuchen. Nach einer Umwegschleife durch die sehenswerten historischen Arbeitersiedlungen tauche ich endlich wieder in die Natur ein. Der Auenwald duftet, die Vögel tirilieren. So habe ich mir das gewünscht. In Bad Dürrenberg bestaune ich den alten Salzförderturm, in dem mittels Pumpenanlagen die Sole nach oben und dann in die Salinen befördert wurde.

Industriekultur, Bäderkultur, es gibt viel zu sehen hier. Tagelang könnte ich verweilen, ohne Langeweile zu bekommen. Heute aber will ich weiter radeln an der Saale entlang. Ich genieße die Ruhe und das Mit-Mäandern des Radweges mit dem Fluss. Weißenfels ist die nächste Stadt. Ich kurve hindurch und sehe alt neben neu, Glanz neben Grau.

Die Stadt fängt mich heute nicht ein, lieber fahre ich nach einer kleinen Pause am Saaleufer weiter in Richtung Naumburg. Noch hält das „Spätstück“ vor und noch ist eine Trinkflasche voll. Das sollte reichen bis Naumburg, oder besser sogar bis Freyburg, das ich noch gar nicht kenne. Auf dem Radweg, ca. fünf Kilometer vor Naumburg, treffe ich einen Langstrecken-Reiseradler, der seinen E-unterstützten Wilier-Renner schiebt statt fährt. Er hat ein ähnliches Erlebnis mit Plattfüßen, Flicken und Luftverlust wie ich zwei Tage zuvor. Ich biete ihm Hilfe an, er hat aber Lust, ein Stündchen bis zur Stadt zu laufen und dann einen Radladen zu suchen. Nach seinen bisher zurückgelegten ca. 1500 Kilometern von Augsburg zur Ostsee und retour scheint er auch ein paar Wanderstunden gerne zu verkraften. Ich lasse die Domstadt links liegen und folge der Saale bis zur Einmündung der Unstrut. Weinberge kommen in Sicht. Habe ich da einen Hinweis zu einer „Straußenwirtschaft“ gelesen? Auf den nächsten Kilometern ändert sich der Ausdruck von Landschaft und Kultur. Ich fühle mich angenehm hineinversetzt in eine typische Weingegend. Steil ragen die Rebhänge auf, und auf jedem Felsabsatz klammern sich Häuschen und Villen in den Hang.

Vorsorglich habe ich meine Unterkunft schon mittags gefunden und gebucht: Das Weinberghotel Edelacker, direkt neben dem Schloss ganz oben auf der Hangkante gelegen. Durch das Städtchen Freyburg kurve ich mit wachsender Vorfreude auf Wein und Gastlichkeit. Doch bis dorthin muss ich noch ein paar Höhenmeter wegdrücken. An Weinbergen vorbei, durch Wald und dann auf einer schmalen Straße hinauf zum Schloss.

Oben angekommen, fahre ich zunächst bis zum Schloss durch. Ich will die Aussicht und die Baulichkeiten erleben und werde reichlich belohnt. Neuenburg ist eine mächtige Burganlage, der Ausblick auf Freyburg und die Weinberge grandios. Wenn jetzt auch das Hotel noch passt … Es passt wunderbar. Das Granfondo bekommt sogar einen eigenen kleinen, abschließbaren Schuppen für die Nacht. Ich breite meine Sachen im Zimmer aus, dusche und lustwandele auf die Aussichtsterrasse, suche mir einen schönen Platz und darf einen erstklassigen Weißburgunder schon einmal als Aperitif vor dem Essen genießen.

An diesem Abend gibt es ein Büffet für alle Gäste – draußen. Ganz schön gewagt, denn im Westen verdichten sich die Wolken und schieben sich näher heran. Der Küchenchef bleibt entspannt, das Büffet wird aufgebaut, eine ganze Reisegesellschaft aus Verden an der Aller wird begrüßt, ein Liedermacher macht seine letzte Probe vorm Auftritt. Andreas Max Martin, eine mehr als nur lokale Größe. Großes Kino also heute. Und Action ist durch einen erfreulicherweise nur wenige Minuten durchrauschenden Regenschauer auch noch geboten. Ich genieße geradezu die Tropfen – die im Glas und die von oben.

Alles in Allem: Ein herrlicher Ausklang einer erholsamen 85-Kilometer-Kurzetappe!

Freyburg ist eine Reise wert.

2. Etappe entlang Elbe, Saale und Unstrut

Magdeburg – Bernburg – Halle

Nach einem reichhaltigen Frühstück befreie ich das Granfondo wieder aus dem Motorradkeller, wo es neben mehr oder weniger gut restaurierten Maschinen aus den 50er Jahren offensichtlich eine gute Nacht verbracht hat. Der hintere Reifen hat die Luft gehalten, und so hänge ich zufrieden die beiden Gravel-Packs wieder am Tubus-Träger ein. Die Trinkflaschen sind gefüllt, die Akkus von Garmin und iPhone auch. Die gestrigen 182 Kilometer habe ich dank gutem Abendessen und langem Schlummer gut verdaut. Es ist kurz nach acht, und schon wieder lacht die Sonne bei milden Temperaturen. Ich setze Kurs Süd, an Magdeburg vorbei, der Blick reicht weit hinein in die abgeernteten Felder der Börde. So träume ich vor mich hin, als – war da nicht wieder das Gefühl des weich werdenden Hinterbaus? Untrüglich, schon wieder schleicht die Luft sich durch ein Leck aus dem Schlauch hinaus. 500 Meter weiter stehe ich bedröppelt auf dem Parkplatz eines Autohändlers. Nur heute , bei Plattfuß Nummer drei, habe ich keine Co2-Kartusche mehr zum Aufpumpen, und zu allem Übel baut die kleine Carbon-Handpumpe aus dem Erbe eines alten Freundes fast keinen Druck auf. Das Gummi, das den Ventilschaft dicht umschließen sollte, ist im Laufe der Zeit spröde geworden. Und das ist dem Ding halt nicht anzusehen. Ich fluche laut, aber genauso vergeblich vor mich hin. Die Ursache des Luftverlustes war offensichtlich der innovative , aber leider nicht mehr gut haftende, nicht hitzeresistenten Flicken. Jetzt weiß ich das auch. Und was nützt ein neuer, unversehrter Schlauch, wenn man ihn nicht vernünftig aufpumpen kann. „Wenn man kein Glück hat, kommt auch noch Pech hinzu!“ Ich befrage Google nach Radgeschäften in der Nähe und werde in Olvenstedt, zwei Kilometer entfernt, fündig. Also Abmarsch auf Schusters Rappen und immer schön die entlastende Hand am Hinterbau. Eine halbe Stunde später stehe ich vor dem Radladen.

Der Aufkleber an der Ladentür schafft deprimierende Klarheit. Wo ist denn der nächste Laden, frage ich Google Maps. Noch einmal 1,5 Kilometer, und Lemmy´s Fahrradcenter soll tatsächlich geöffnet haben. Das Schieben fällt leicht, mit dieser Perspektive. Nach 20 Minuten empfängt mich Ingo Lehmbruch vor seinem Laden, mitten in einem Wohngebiet. Nach fünf Minuten weiß ich: Auch hier bin ich an einen Magdeburger Radsportler von Format geraten. Umso schöner – er berät gut und launig, und nach 15 Minuten habe ich neue Kartuschen, neue Schläuche und eine schöne, kleine Pumpe bekommen. Luft auf den Reifen, Sachen einpacken – herzlichen Dank an den Sportler und Schrauber –, und frohgemut begebe ich mich um 10.30 Uhr wieder auf Kurs. Es rollt gut, und ich leiste mir ein paar Rumpelumwege durch die Bördehügel, vorbei an einem riesigen Motocrossgelände. Dann schnurstracks durch nach Süden in Richtung Bernburg an der Saale , das ich noch von einem 600er Brevet positiv in Erinnerung habe. Wie kann Radfahren doch schön sein, mit genügend Druck in den Reifen, genügend Reserveschläuchen und einer funktionierenden Pumpe ausgerüstet!

Am Ortsrand verdreht mir eine ganz besondere Siedlung den Kopf: „Zickzackhausen“ Hier wurden um 1930 im Bauhausstil etwa 90 Häuser von ursprünglich ganzen 2800 geplanten samt Versorgungsgeschäften und Gemeinschaftsanlagen gebaut.

Beeindruckend zu lesen, welche Geschichte hinter den schlichten Bauten steckt. Das historische Bernburg dagegen, ein paar Meter tiefer an der Saale gelegen, wirkt beschaulich und herausgeputzt. Die Poststraße ist mit einer Reihe von Skulpturen an einem Wasserlauf gestaltet. Und das Schönste: In einem Bäckerladen bekomme ich einen riesigen Milchkaffee und ein genauso riesiges Stück Kuchen.

Ich bin froh, auf den Saale-Radweg einbiegen zu können, gesäumt von gepflegten kleinen Orten. Die Saale mäandert wunderbar durch die Auenwälder. Der Weg ist abschnittweise noch feucht, aber gut zu fahren. Die Düfte von Bäumen und Blumen würzen die Luft. Hier könnte man auch sehr gut wandern und Vieles noch intensiver als beim Radeln erleben und entdecken.

Am späten Nachmittag erinnere ich mich an den Hotelsuchprozess des Vortages und beschließe, jetzt und hier so lange booking.com zu quälen, bis ich eine Unterkunft gefunden habe. In Brachwitz wechselt der Radweg die Saaleseite, und eine kleine Fährfahrt wird nötig. Eine ideale Zwangspause zum Suchen.

In diesem Jahr haben die Fluten andere Teilen des Landes heimgesucht. Aber auch hier wissen die Menschen, was Hochwasser bedeutet. – Ich werde schnell bei meiner Hotelsuche fündig: „Hotel Stadt-gut Westfalia“ hört sich doch ordentlich an. Der Preis passt. Flugs buche ich ein Zimmer. Bis Halle sind es noch wenige Kilometer. Was ich nicht bedacht hatte, ist die Lage der Unterkunft im Ostteil der Stadt. Aber, aber, Halle ist doch historisch, ein schöner Ort mit guten Restaurants und Gasthöfen. Schon läuft mir das Wasser im Munde zusammen. Wie wäre es, ein kühles Bier zu trinken und dazu ein deftiges Mahl zu genießen?! So weit meine Fantasie. Mein Garmin führt mich zuverlässig durch die Stadt, durch den schönen historischen Teil, hinüber in ein Industriegebiet. Hier soll das Hotel sein??? Hat sich mein Navi getäuscht? Nein, es hat sich leider nicht geirrt. Das „Hotel“ entpuppt sich als grauer Schuppen mit der Anmutung eines heruntergekommenen Verwaltungsgebäudes. Daneben Fabriken, Werkhöfe, Lagerplätze … Herrlich! Die Tür ist verschlossen, ich drücke auf die Klingeltaste: “ Ich bin nicht mehr im Hause, tönt es auf der anderen Seite der Leitung. Aber ich öffne die Tür, und Sie finden den Schlüssel in einem Umschlag im zweiten Stock.“ Gesagt, getan. Rein durch die schmale Tür, rein in den schmalen Aufzug. Samt Granfondo hochkant passe ich hinein. Das Zimmer hat zumindest ein Bett, eine Dusche und einen kleinen Fernseher. Stickig ist es, also Fenster auf. Draußen haben es sich in einem Unterstand ein paar Handwerker bei Bier und Würstchen gemütlich gemacht und geben ihrem Wohlgefühl lautstark Ausdruck. Warum grillen die hier vorm Hotel, frage ich mich. Die Antwort ist einfach: Restaurant geschlossen, Personal zu Hause, Frühstück gibt es auch nicht. Uff. Schöne Bescherung.

Luxusherberge

„Ärgere dich nur über Dinge, die du auch ändern kannst“, lautet eine alte Weisheit. So beschließe ich, das Beste aus den misslichen Umständen zu machen. Ich finde zwar in der fußläufigen Nähe kein Restaurant, dafür bekomme ich in einer Tankstelle Bier, Beefi und Chips. Nahrhaft und ungesund. Aber es hilft.

Morgen beginnt ein neuer Tag, und dann suche ich mir eine Bleibe mit allem Komfort.

Mehr dazu in Teil 3

1. Etappe einer kleinen Reise entlang Elbe, Saale und Unstrut

Berlin – Ribbeck – Rathenow – Tangermünde – Wolmirstedt – Ebendorf

In Etappen durch das Land – endlich wieder mal ein paar Tage im Sattel und Neues entdecken. Nach Westen hin will ich aus dem Speckgürtel der Stadt hinaus ins Havelland und dann rüber an die Elbe. Mein Granfondo ist mittlerweile routiniert im Lasten tragen – hinten die beiden Ortlieb Gravelpacks, am Oberrohr eine kurze Tasche, die noch genügend Raum für eine große und eine mittlere Trinkflasche lässt und an der Gabel links noch die erprobte Forkbag mit Flickzeug, Schloss etc.

Insgesamt wiegt mein Gepäck knapp neun Kilo, also nocheinmal soviel wie das Granfondo in Grundausstattung. Ich habe alles dabei, was ich für fünf Tourtage brauche. Ein Zelt und Kochutensilien habe ich eingespart, denn ich werde abends komfortabel in Pension oder Hotel übernachten.

Alles Notwendige ist an Bord

Um halb neun nehme ich die ersten Kilometer unter die Räder. Die Sonne lacht, der sanfte Südwind schiebt erste Cumuluswolken über den ansonsten blauen Himmel. Da überrascht mich eine veritable Riesenpfütze, die vom Starkregen der vergangenen Tage übrig geblieben ist und verhindert in Frohnau die Durchfahrt zum Radweg. So früh habe ich noch keine Lust auf nasse Füße. Bei meiner locker geplanten Tour gibt es keine Umwege. Der Weg ist das Ziel, rufe ich mir zu und lasse es über Nauen und über den Havelradweg nach Ribbeck rollen. Ob Fontane im neobarocken Schloss einmal zu Gast war, ist nicht genau überliefert. Aber sein Gedicht kennt jeder: „Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland…“ der Herrensitz erstrahlt schon seit 2009 wieder in alter neuer Pracht und lockt mit guter Gastlichkeit und interessanten Ausstellungen. Heute mache ich hier nur einen Fotostopp.

Mein Track führt hinüber nach Retzow, Möthlow und Buschow. Beim Sinnieren über die so häufig vorkommende Namensendung „ow“ lenkt der schwabbelig werdende Hinterbau des Granfondo meine Aufmerksamkeit auf den Hinterreifen. In Sekunden verliert er seinen Überdruckinhalt und rumpelt auf der Felge. Stopp! Runter von der Straße und rein in die grüne Wiese, wo ich mir die Bescherung genauer anschauen kann. Klassischer Plattfuß. Das Titangerät auf die Seite legen, Rad ausbauen, Mantel runter und schon habe ich den Übeltäter ertastet: einen fiesen, spitzen Dorn – wahrscheinlich aus einer der schönen wegbegleitenden Hecken. Wenn der Einstichwinkel passt, wird auch der ansonsten resistente 4-seasons-Reifen gelöchert. Zwei Ersatzschläuche habe ich dabei. Ich nehme den ersten, den ich im Beutel greifen kann. Fatalerweise den, den ich schon einmal mit einem blumig beworbenen selbstklebenden Flicken repariert hatte. Nichtsahnend pumpe ich per Kartusche den Reifen auf knackige 7 bar auf und steige frohgemut wieder in die Pedale. In Nennhausen passiere ich das im Tudorstil errichtete Schloss. Fontane hat beim idyllischen Heimatort seiner Effi Briest sich wahrscheinlich den Herrensitz Nennhausen zum Vorbild genommen. Der nächste Ort trägt bezeichnenderweise den Namen Stechow. Genau hier, nach 20 Kilometern, gibt mein frisch aufgepumpter Hinterreifen seinen Überdruck wieder von sich. Diesmal hänge ich den Titanrahmen an ein Gartentor. Optimale Reparaturposition!

Zur Herausforderung und Beweisführung der Zuverlässigkeit moderner Flicktechnik per Aufklebeflicken verwende ich einen der Marke Topeak aus der gleichnamigen, famos gestylten Rescuebox.

Test it!

Ich opfere Kartusche Nr. 2, und flugs hat der frisch geflickte Reifen wieder Betriebsdruck. Und hält ihn auch – vorerst. Aber dazu später mehr …

Bevor nun der Beitrag gänzlich zum „Reparaturspezial“ abdriftet, wende ich mich ab jetzt wieder Kultur und Natur zu. Also aufsteigen und weiter durch Rathenow und dann lang durch den Wald hinüber zur alten Stadt Tangermünde. In Wust, kurz vor Erreichen der Elbbrücke, kann ich an der alten Hausfassade sehen, was die Stunde geschlagen hat.

Eine halbe Stunde später rolle ich in der ehrwürdigen Stadt Tangermünde ein. Nein, heute führt mein Weg zwischen der Elbe und der mächtigen Stadtmauer hindurch, weiter nach Süden. An der Elbe entlang.

Stadtmauer Hansestadt Tangermünde

Dieses Mal locken mich eher die ganz kleinen Orte, die auch Schönes, zumindest Besonderes zu bieten haben. Zum Beispiel Buch mit seinen gerade 300 Einwohnern – einer davon heißt Roland, ist 3,50 Meter groß, aus Sandstein gehauen und hält es hier schon seit dem Jahre 1580 tapfer aus. Dabei hatte er nicht immer eine gute Zeit. Im zarten Alter von etwa 100 Jahren stürzte der Rathausturm auf ihn herunter und lädierte ihn so sehr, dass er einen neuen Kopf brauchte. Kopf Nr. 2 wurde mit einer prächtigen Lockenfrisur versehen. Im Zuge dieser Operation ließ der Lehnschulze Helmicke ihn vom Rathausvorplatz vor seinen eigenen Schulzenhof transportieren und dort aufstellen. Was wird ihn das wohl gekostet haben?! Bis zum heutigen Tage wacht er vor dem Hofgebäude. Ich lehne mein Granfondo an, schaue auf zum Roland und frage mich, was der schon alles gesehen haben mag.

Ich nehme einen großen Schluck aus der Flasche, proste Roland zu und setze mich wieder in Bewegung. Auf den nächsten Kilometern passiere ich die Wiesen der Elbaue, kleinste Ortschaften und schaue auf horizontweite, abgeerntete Kornfelder. Es wird langsam Zeit, dass ich mich um eine Bleibe für die nächste Nacht kümmere. Auf einem Rastplatz mache ich es mir gemütlich, vertilge drei Gemüsefrikadellen und frage Booking.com nach den verfügbaren Betten auf der Strecke, die vor mir liegt. Gestern war hier noch reichlich Angebot vorhanden, aber jetzt sieht es mager aus.

An diesem Gasthof ist die Zeit vorbeigeströmt und hat die Gastlichkeit mitgenommen. Und Diamant Pilsener gibt es seit mehr als 20 Jahren nicht mehr. Also kurbele ich weiter. Noch sind die Beine gut und meine Laune auch. In der Ferne taucht der Kalimandscharo von Zietlitz auf. Aber Obacht, wenn die mehr als 100 Meter hohe Abraumhalde schon nahe scheint, ist sie noch locker 20 Kilometer entfernt.

Der Kalimandscharo

Im Örtchen Loitsche, direkt am Riesenberg, sitzen drei Männer in einem Vorgarten, vor sich einen halb geleerten Kasten Bier und rufen rüber: wohin des Weges, Radler? Ich gebe bereitwillig Auskunft und ernte ungläubiges Staunen, als ich von den heute bis hierher zurückgelegten 150 Kilometern erzähle. „Det is ja unfassbar“, murmelt der Wohlgenährte und streicht sich über seinen mächtigen Bauch. Als mir auch nach einer kleinen Abwartpause kein Bier angeboten wird, suche ich das Weite und richte den Blick nach vorn. Irgendwo wird hier doch ein Hotel zu finden sein! In Wolmirstedt folge ich dem Hinweisschild zum Gasthof Auerbachs Mühle. Sieht gut aus. Gut gelaunte Menschen im Biergarten. Ich bekomme spontan Durst. Nur, auch hier sind alle Betten ausgebucht. Zu meiner Rettung telefoniert die Dame am Empfangstresen in der Gegend herum und wird beim Hotel Bördehof in Ebendorf fündig. Flugs reserviert sie für mich ein Zimmer und kündigt mich an. Treffer! Noch 12 Kilometer, dann warten Dusche und Bier auf mich. Eine halbe Stunde später stehe ich vor dem ansehnlichen Hotel. Mein Granfondo darf im „Motorradkeller“ sicher übernachten, und ich beziehe ein schönes Zimmer unterm Schrägdach.

Im Örtchen Ebendorf mache ich noch eine kleine Spazierrunde zum Beine vertreten und kehre bei einem einladend aussehenden Dönerladen mit Pizzaangebot ein. Die Pasta mit Ei und Pilzen schmeckt köstlich, und Becks Bier löscht bekanntlich „Männerdurst“ ( in unseren Tagen ein unsäglicher Werbespruch). Wieder zurück im Hotel, sind gegen 22 Uhr kaum mehr Gäste zu sehen. Nur hinter der Bar räumt genau der junge Mann auf , der mich schon zum Motorradkeller begleitet hatte und mein Granfondo mit Lob bedachte. Ich fahre auch Rad, bemerkte er – und in meiner Familie sind viele Radsportler. Flandern-Rundfahrt, Tour de France, Paris-Roubaix, all diese Rennen haben die Verwandten meines Barmanns bestritten. Magdeburger Radlegenden: Rolf Pöschke, Robert Wagner… Und Täve Schur ist auch noch der Patenonkel meines bierzapfenden Gesprächspartners. Zuletzt holt er noch sein Stevens-Rennrad vor die Theke zur Begutachtung meinerseits. Anerkennende Worte, fachsimpeln über die Ausstattung. Dann verabschiedet er sich in den Feierabend, wünscht mir eine genussvolle Tour, und ich gehe beseelt und zufrieden auf mein Zimmer und schlummere dem nächsten Tag entgegen.

Teil 2 folgt

Angus-Rinder in Friedrichswalde und ein majestätischer Storch in Densow

„Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über“, so hat Martin Luther einen Vers des Lukas-Evangeliums volksnah übersetzt. Genau so ging es mir gestern! Als ich bei Friedrichswalde eine riesige Rinderherde entdecke, die auf einer weiten, sattgrünen, welligen Weide steht, wusste ich: Hierüber muss ich ein paar Sätze schreiben.

An diesem Dienstag hatte ich beschlossen, wieder einmal eine ordentliche Runde in den Barnim und die Uckermark zu radeln. Hinein in die wunderbare Landschaft, die jetzt so in vollen Farben leuchtet, die alles zeigt, was im Winter nur schlummert und schläft. Alles ist wach, die Vögel überbieten sich in variantenreichen Gesängen, der Wald duftet nach Holz und nach frischen Kräutern. Schwärmerei! Ja, ich gebe es zu, ich lasse mich gerne einfangen von der Stimmung der Natur.

JANINE transportiert Holzhäcksel auf dem Oder-Havel-Kanal nach Westen

Über Zerpenschleuse und Marienwerder rolle ich mich ein. Dann genieße ich die Wald-und Strandkilometer am Werbellinsee entlang und den Radweg hinauf durch den Buchenwald nach Joachimsthal. Mein Trikot saugt gierig meinen Schweiß auf, den ich an diesem schwülwarmen Tag produziere. Meine Beine funktionieren gut, nur eine spürbare Spannung in den Oberschenkeln zeigt mir, dass ich mich anstrengen muss, um die sanften Hügel zu erklimmen.

Von Joachimsthal führt die Landstraße in Richtung Parlow und Glambeck. Am Waldrand steht ein Feldstein mit der Aufschrift: „Toter Mann“.

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Die schaurigen Geschichten dazu sind hier zu lesen: https://www.amt-joachimsthal.de/texte/seite.php?id=37482. Ein paar hundert Meter weiter führt mich der Wegweiser „Uckermärkischer Radrundweg“ in Richtung Friedrichswalde. Über glatten Leichtrollteer durch den kühlenden Wald, dann auf eine Lichtung hinaus, die sich zu saftigen Wiesen weitet. Und da stehen sie! Wie in einer Filmkulisse weiden mindestens 50 schwarze und braune Angusrinder im hoch stehenden Gras. Mein erster Griff geht zur Kamera, ich bleibe stehen, steige ab und gehe an den Weidezaun heran.

Offensichtlich nehmen die Tiere mich nicht als Bedrohung, sondern eher als Anreiz zum Näherkommen wahr. Die ganze Herde bewegt sich gemächlich in meine Richtung. Große Elterntiere und Kälber, alle einträchtig und sehr entspannt.

Zugleich mit mir hält ein Paar an, das mir mit E-Bikes entgegenkommt. „Meine Frau muss wieder einmal fotografieren“, schmunzelt der Mann. So werden die herrlichen, zutraulichen Tiere zig-Mal auf die SD-Cards gebannt. Und ich nehme die Gelegenheit wahr, den beiden Naturrreisenden die Kultur-Schönheiten von Joachimsthal anzuempfehlen. Sie bedanken sich, und ich kurbele weiter hinüber zum Holzschuhmacherdorf Friedrichswalde.

Wieder einmal kehre ich beim Bäcker Hakenbeck ein und verspeise ein wohlschmeckendes Stück Kirschkuchen, zusammen mit einem duftenden Milchkaffee. Hakenbeck ist eine meiner Top-Adressen in Brandenburger Landen. Bernd Hakenbeck ist sogar auf die Idee mit dem „Brotsponsor“ gekommen: Ein junger Immobilienmakler aus Eberswalde lässt ein eigens kreiertes Hanfsamenbrot mit seinem Logo ausrüsten. Da sage einer, die Märker seien nicht innovativ.

Auf den Spuren der alten Holzschuhmacher-Tradition umkurve ich noch die Kirche mit dem Gedenkstein für die ersten 30 Siedler, die vor 250 Jahren im Auftrag Friedrichs des Großen angeworben wurden, hier das Land zu bewirtschaften. Schließlich wurden sie über die Landesgrenzen berühmt durch die trefflichen Holzschuhe, die sie hier schnitzten. In einem kleinen Museum hinter der Kirche wird die Geschichte dazu lebendig.

Der Radweg führt mich weiter in Richtung Templin und zunächst durch die Ortschaften Reiersdorf, Gollin und Ahlimbsmühle. Am Rande von Templin erreiche ich bei Postheim den Badestrand vom Lübbesee.

Unter den Sonnenschirmen mit Südseeflair tummeln sich die Menschen ganz so wie vor Corona-Zeiten. Fröhlichkeit und gute Laune schwingen in der Luft.

Mein alter Freund Rainer sagt so schön: „Templin ist immer eine Reise wert“. Stimmt!

Heute wähle ich den Radweg hinter der Stadtmauer entlang, über die alte Pionierbrücke und dann nach Norden aus der Stadt hinaus– Kurs Lychen. Der Himmel im Nordwesten wird immer dunkler, drohender. Ein Gewitter braut sich zusammen. Aber ich habe Glück heute, die Front zieht immer weiter nach Westen weg. Ich bleibe trocken und passiere Orte wie Alt-Placht, Neu-Placht – alte Gutsdörfer und Vorwerke mit einer Handvoll Einwohner. Dann folge ich einem Wegweiser nach Süden, nach Annenwalde. In der Hoffnung auf eine Abkürzung direkt nach Süden, denn ich will pünktlich zum Anstoß des Spiels Deutschland-England zu Hause sein. Es sollte anders kommen. Die Landstraße hin nach Annenwalde ist gesäumt von einer prächtigen Lindenallee, meine Laune ist gut, eine Trinkflasche ist noch voll. Dann lasse ich mich verführen, einem schmaler werdenden Weg zum Örtchen Beutel zu folgen. Der endet dann im Wald. Kein Durchkommen nach Süden. Nur Wanderer haben eine Chance. Zwei Seen ohne Übergang stehen mir im Weg. Für eine schöne Rundwanderung ein wunderbarer Ausgangsort. Aber mein Granfondo ist für diesen Zweck nicht geeignet. Also zurück auf festen Untergrund und wieder hinüber nach Templin. In Annewalde wartet nicht nur eine wieder zu neuem Leben erweckte Glashütte samt Künstleraltelier, sondern auch in einer alten Scheune ein Hofladen.

Kirsch-Banane-Eis und eine Flasche Mineralwasser zum Wiederbefüllen meiner Trinkflasche trösten mich über den ungewollten Umweg hinweg. „Der Weg ist das Ziel“. Der nächste Ort heißt Densow und zieht meinen Blick zunächst auf ein Storchennest, das auf einem Mast thront. Die Störchin sitzt und bietet aktuell kein gutes Fotomotiv. Dann endecke ich auf dem First des übernächsten Hauses Herrn Storch, der würdig und entspannt auf mich herabblickt.

Schönes Haus
Stolzer Storch

Wie souverän das Tier im Einbeinstand auf dem First des Hauses mit dem herrlich stuckverzierten Giebel aus dem Jahre 1906 thront. Für mich ist dieser Anblick das Highlight der heutigen Tour. Jetzt kann ich die Kamera beruhigt wegstecken und mich auf den Heimweg machen.

Leitspruch aller Randonneure

Noch einmal durch Templin, an dem gelben Hausgiebel mit dem Zitat von Franz von Assisi vorbei, das schon mein alter Freund Claus Czycholl vor vielen Jahren als Motto für die ganz langen Strecken gewählt hatte. Dann über Hindenburg, Hammelspring und Vogelsang nach Zehdenick, wo ich in den Regio nach Berlin klettere, um dann pünktlich zum Fußballspiel in den heimatlichen Gefilden anzukommen. 155 Kilometer Kultur- und Naturgenuss. Die bleiben viel nachhaltiger in Erinnerung als die beiden eingefangenen Gegentore der englischen Mannschaft, die der unseren gezeigt hat, dass sie in Wembley auch gewinnen kann.

Buchenwald, Uckermark und durch das Oderbruch zurück

Auf dem Weg nach Norden, raus aus dem Speckgürtel der großen Stadt, bin ich nach 3o Kilometern am alten Finowkanal, rolle am Werbellin vorbei und nehme Kurs auf den Grimnitzsee. Diesen Weg bin ich schon einige Male bei Brevets gefahren, dann kamen wir meistens wieder von Angermünde her zurück, und es war schon stockfinster. Heute bin ich allein unterwegs, ich bin erst gegen 11 Uhr aufs Rad gestiegen, und die mittägliche Sonne brennt mir auf den Rücken. Am östlichen Rand des Eiszeitsees steht eine restaurierte Bockwindmühle auf einer leichten Anhöhe. Die Flügel hat sie schon vor fast 100 Jahren abgelegt, als ein Verbrennungsmotor zum Antrieb des Mahlwerkes zum Einsatz kam. In unseren Tagen erfreut sie nach liebevoller Rekonstruktion das Auge des Betrachters.

Bockwindmühle Althüttendorf

In Neugrimnitz locken abermals Natur und Kultur, die Kamera auszupacken. Eine wunderbar restaurierte Feldsteinmauer mit Steingewächsen begrünt, lädt das Granfondo zum Anlehnen ein. Hier wird an eine Glashütte erinnert, in der schon 1682 Gebrauchsglas in Form von Flaschen, Fensterglas und Vasen hergestellt wurde. Die Quarzsandvorkommen rund um den Grimnitzsee und der Holzreichtum der umliegenden Wälder boten die notwendigen Ressourcen.

Ein paar Moränenwellen noch, dann tauche ich in den Grumsiner Buchenwald ein. Die alten Bäume mit dem prächtigen Blätterkleid sorgen für angenehme Temperaturen. Noch sehen sie recht gesund aus. Diese Gegend ist prächtig geeignet zum Wandern – hier kann man viele Stunden verweilen und staunen.

Vom Walde erfrischt und vom Pflaster durchgerüttelt nähere ich mich Angermünde, einige sanfte Anstiege sind noch zu bewältigen. Heute will ich einen Bogen durch die historische Altstadt machen und nicht, wie beim Brevetfahren, möglichst schnell vorwärtskommen. Das erste Mal nehme ich wahr, wie schön restauriert die alte Stadtmauer ist, wie liebevoll angelegt die Grünflächen und der Skulpturenpark vor der 700 Jahre alten Franziskaner-Klosterkirche. Zuerst fangen die mächtigen Steinskulpturen meine Blicke, dann sehe ich eine Gruppe festlich gekleideter Jugendlicher vor der Kirchenmauer. Es wird gelacht, es wird fotografiert, posiert… Hier feiern die Abiturienten des Einstein-Gymnasiums, lese ich Tage später in der MOZ.

Nach Osten verlasse ich das schmucke Städtchen. Über Dobberzin und Crussow erreiche ich die Kante des Oderbruchs in Stolpe. Ob wohl das Radlercafé Fuchs und Hase geöffnet hat? Es hat! Und immer noch versprüht die Lokalität den Charme des ehemaligen Betonwerkes. Nur die äußere Kulisse täuscht! Drinnen sind nette Menschen und die Gastlichkeit ist grandios. Radfahrer, die hier achtlos vorbeifahren, verpassen definitiv eine der besten Rast-Adressen Brandenburgs.

Wer in Stolpe noch etwas für die kulturelle Bildung und dazu für die körperliche Ertüchtigung tun will, möge den Hügel zum dicken Turm hinauflaufen und die Aussicht über das Bruch genießen.

Nach einer deftigen Brotzeit mit Auerochsen Bockwurst und Boizenburger Bier setze ich mich gestärkt auf mein Granfondo und rolle weiter oderaufwärts. Wenige Kilometer weiter, bei Lunow, kann ich die Auerochsen, die eigentlich Heckrinder sind, in lebendem Zustand bewundern. Als bekennender Fast-Vegetarier gefallen mir die Tiere so noch viel besser als in Bockwurstform. Die letzten echten Auerochsen sind in Polen im Jahre 1627 dokumentiert. Erst den Zoodirektoren in Berlin und München, Heinz und Lutz Heck, gelang es in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, die Auerochsen nachzuzüchten. Folglich heißen die etwas leichter und weniger massig geratenen Tiere „Heckrinder“.

Heckrinder, Schafe, Schwäne, Störche – Natur pur im Oderbruch zum Sattsehen.

Der Blick auf die Uhr mahnt mich, den Kurs langsam wieder in Richtung Berlin zu setzen. Also biege ich in Hohensaaten ab auf den Radweg entlang der Alten Wriezener Oder. Zuerst nach Oderberg, dann Bralitz und wieder durch die Felder nach Niederfinow. Ein Gravelbike ist für diese Etappe das ideale Gefährt. Beim im Jahre 1894 errichteten Schöpfwerk Liepe führt eine neue Holzbrücke über die Alte Finow.

Angler und Naturbeobachter sind hier unterwegs, keine Touristen wie beim Schiffshebewerk. Ich komme ins Gespräch mit einem Ehepaar, das auf einer hölzernen Brücke mittels Spiegelreflex und langer Brennweite Ausschau nach Bibern hält. Stolz zeigt mir der Fotograf ein wunderbares Bild mit einer Bibermutter, die ihr Kind durch die Fluten trägt. In Niederfinow hat mich die glatte Straße wieder.

Gedankensprung!

Zwei Wochen zuvor radelte ich mit meiner besseren Hälfte den Oderradweg von Hohenwutzen nach Groß Neuendorf und zurück. Das Erleben bei bestem Wetter und frischem Wind passt ideal als Abschluss dieses Beitrags, denn der für mich schönste Teil des Oderbruchs fängt just hier an und erstreckt sich bis in die Gegend von Küstrin.

Groß Neuendorf im Oderbruch. Ich stehe in der Schiebetür eines alten Eisenbahnwaggons, der zum Cafe´-Ausschank umfunktioniert ist. An diesem letzten Wochenende im Mai ist ein Stück Freiheit zurück. Kaffeetrinken und Kuchen genießen im Freien. Andere gut gelaunte Menschen sehen. Auf die leicht vom Wind gekräuselte Oder blicken. Auf der östlichen Stromseite leuchten die Ziegeldächer der Bauernhäuser in strahlendem Rot. 

Cumuluswolken  stehen wie gemalt am Himmel. Ganz ähnlich scheinen Wilhelm von Humboldt und Theodor Fontane dies Fleckchen Erde auch zu ihrer Zeit erlebt zu haben. Die passenden Zitate der beiden zieren die Innenwände der Waggonseiten.

Das Oderbruch entfaltet seine Reize zu jeder Jahreszeit, bei jedem Wetter – am liebsten ist es mir bei milden Temperaturen und bei sehr klarer Luft. Im Frühjahr, wenn die Natur wach wird und  die Oderauen gut im Wasser stehen, sind die Tiere besonders aktiv. Die Vögel brüten, die Frösche überbieten sich in quakendem Konzert, Störche, Schwäne und Reiher schwimmen und staken in friedlicher Eintracht. Und ein Stockwerk darüber kreisen Milane, Seeadler und Rohrweihen. 

Für eine kleine Oderbruchtour kann man das Auto abstellen in Hohenwutzen und von dort losradeln. Dann 30 km bis Groß Neuendorf und wieder zurück. Jede Minute hat neue Eindrücke parat – Hinschauen und entdecken!

Barnim und Oderbruch – 200 frische Frühlingskilometer

Heute muss es endlich sein – endlich wieder eine epische Strecke fahren hin zum Oderbruch. Sehr frisch ist die Morgenluft, zwei Grad zeigt das Thermometer, der Wind weht spürbar aus Nordwest. Mein Granfondo Titan wird mich heute begleiten, es hat Übung und Erfahrung in diesem Terrain. Es freut sich wie ich auf die erste lange Tour des Jahres, eine Corona-Tour. Ich bin mit mir selbst unterwegs. Me and myself. Zwei dicke Proteinriegel und zwei Trinkflaschen mit Apfelsaftschorle müssen reichen für die nächsten zehn Stunden. Und wenn ein Bäckereicafé geöffnet haben sollte, dann wird es noch einen Milchkaffee und ein Stück Kuchen geben. Um 9.15 Uhr sitze ich auf dem Rad und rolle los, hinein in den Barnim. Erste Station Bernau, dann hinüber nach Tempelfelde, wo ich in an einer Seitenstraße eine riesige Eiche entdecke. Natürlich fahre ich hier nicht einfach vorbei, ohne die Hand aufzulegen und ein paar Fotos zu machen. Mangels Metermaß muss ich den Umfang schätzen. So um die fünf bis sechs Meter wird der Stamm messen. Also wird der mächtige Baum hier seit mindestens 300 bis 350 Jahren stehen. Weiter rollt es mit Schiebewind hinüber nach Heckelberg und Haselberg. Tatsächlich gibt es einen kleinen Anstieg hinauf in das Reihendorf, das einen Gutspark hat, samt alter Brennerei. Und natürlich gibt es auch hier eine alte Eiche zu bewundern. Leider nur aus 100 Metern Entfernung. Privatgrund! Abgezäunt. Als ob es hier etwas zu klauen gäbe.

Endlich, nach der Durchfahrt von Schulzendorf kann ich mich ins tief gelegene Oderbruch stürzen, nach Wriezen mit seiner wechselvollen Geschichte. Der Dönerladen, der uns beim 200er Brevet 2019 als Kontroll- und Verpflegungspunkt diente, sieht traurig aus. Die Türen sind verschlossen. Ich tröste mich mit einer Portion Kultur in Form des Lebensbrunnens vor der St.-Marien-Kirche. Hier hat sich der Bildhauer Horst Engelhard Ende der 90er Jahre so richtig austoben dürfen. Fischer, Teufel, eine Nixe, ein Spielmann und dann noch der Herr mit dem Brett vor dem Kopf. Mittlerweile haben sich die Wriezener ausgesöhnt mit der progressiven Kunst. Sogar stolz sollen sie auf den Brunnen sein.

Der Künstler spiegelt hier die wechselvolle Geschichte der kleinen Stadt.

Seit ich Norman Ohlers Roman „Die Gleichung des Lebens“ gelesen habe, sehe ich das Oderbruch mit anderen Augen, sehe mehr die Historie hinter der aktuellen Kulisse. Hier hat in den Jahren 1747 bis 1753 der Deichinspektor Simon Leonhard von Haerlem im Auftrag Friedrichs des Großen die Oder eingedeicht und begradigt. Sein Büro hatte er in Wriezen aufgeschlagen. Finaler Akt des Projektes war der Oderdurchstich zwischen Güstebiese und Hohensaaten. Um 25 Kilometer verkürzte sich dadurch der Lauf der Oder. Aus einem Paradies für Fischer sollte im Laufe der Jahre Bauernland werden, mit angeworbenen Kolonisten und neuen Ansiedlungen neben den alten. Alt Ranft – Neu Ranft, Alt-Küstrinchen – Neuküstrinchen… Die Zeit der Hechtreißergilde in Wriezen ging dem Ende entgegen. Die Kartoffel war der neue Fisch. Zum Fluch der Fischer und zum Segen der Bauern.

Durch den ansehnlichen Ortskern kurbele ich nach Norden und biege ab in die Hafenstraße. Der „Alte Hafen“ wurde erst im Jahre 1902 errichtet und schon 50 Jahre später rückgebaut. Die neuen Häfen in Kienitz und Groß Neuendorf, direkt am Hauptlauf der Oder gelegen, haben ihm über die Jahre den Rang abgelaufen. Reste der alten Kaimauer und die angrenzenden Kalköfen samt ehemaliger herrschaftlicher Villa fristen ein eher tristes Dasein und harren der geplanten Wiedererweckung als Museum und Veranstaltungsort.

Kalköfen und Villa
Der Rost nagt unbarmherzig

Tausende von alten Fotos und Abbildungen des Hafengeländes hat der Besitzer gesammelt und ausgestellt. Nostalgie.

Weiter führt mich mein Weg von der alten Oder hin zum Hauptfluss. Über einen gut fahrbaren Feldweg, vorbei an alten Weiden, nach Neuküstrinchen, dessen Kirchturm am Horizont die näher gelegenen Kollektoren einer Fotovoltaikanlage überragt. Neue und alte Welt.

Blick nach Neuküstrinchen
Kirche von Neuküstrinchen

In Bienenwerder erreiche ich den Oderdeich und die Oder. Genau dort, wo die alte Eisenbahnbrücke ( Europabrücke) hinüber nach Polen führt. Besser: noch im Jahr 2021 nach Restaurierung mit 3,6 Millionen Euro Europafördermitteln ihrem Namen endlich gerecht werden kann und dann Wanderern und Radfahrern die Oderquerung nach Polen wieder ermöglichen soll.

Ab hier setze ich Kurs oderabwärts nach Hohenwutzen, Hohensaaten … Der Wind bläst mir kräftig ins Gesicht, ich lasse die Beine genauso kräftig arbeiten. Es funktioniert noch. Wohlgeformte Cumuluswolken modellieren den tiefblauen Frühlingshimmel. Verrostete, ausgemusterte Fischer- oder Lastkähne liegen auf dem Deich.

Bei Hohensaaten, wo die Alte Oder von Westen her einmündet, biegt der Flusslauf wieder ab nach Norden. Das untere Odertal beginnt, das Oderbruch liegt hinter mir. Der Radweg führt über den Deich zwischen der Oder und der  Hohensaaten-Friedrichsthaler Wasserstraße. Links Wasser und rechts Wasser. Dazwischen endlose Wiesen, die teilweise noch überflutet sind. Einzelne Schwäne haben es sich gemütlich gemacht. Dicke Graugänse watscheln durch das Grün.

Am Eiswachhaus verlasse ich den Deich und nehme den „Grützpott“, den alten Wohnturm von Stolpe, ins Visier. Ein Wanderwegweiser führt hinüber durch die Wiesen und zwischen Tümpeln hindurch zum Hauptradweg. Doch vorher muss ich noch durch eine Barriere, die noch nicht lange hier steht:

Der frisch errichtete Wildschutzzaun zur Eindämmung der Afrikanischen Schweinepest. Auch die Schweine kennen ihr eigenes Corona. Hier oder jedenfalls ganz in der Nähe war Eva ( Takeshi) unlängst bei Vollmond nächtens auf einer genauso wilden wie langen Tour allein und ganze 493 Kilometer unterwegs und stand vor Kälte schlotternd vorm Schutzzaun. Hier sehr anregend zu lesen: https://takeshifaehrtrad.com/2021/03/31/ridefar-493-km-nonstop-durch-den-norden/

Im Vergleich zu ihr bin ich heute geradezu gemütlich auf relativer Kurzstrecke unterwegs. Ich rechne mir einen satten Altersbonus an und fühle mich sogleich wieder wohl. Angekommen unterm Grützpott, rolle ich auf dem Oder-Neiße-Radweg wieder ein Stück stromaufwärts und schwinge mich in Lunow hinein in die Barnim-Hügel, hin zum Parsteiner See, dann wieder über Oderberg nach Liepe und zum Schiffshebewerk.

So sehen glückliche Rinder aus!

Ich verwerfe meine Plan, in Chorin in die Bahn zu steigen, zu schön lacht die Sonne, zu gut fühlen sich die Beine an. Also rolle ich gen Eberswalde, auf dem Treidelweg nach Westen und bin bei Bernau schon fast wieder zu Hause.

Besser ist Beides zu gleichen Teilen, denke ich mir und weiche leicht von der „Fontane-Weisheit“ ab.

Um 20:15 Uhr trage ich das brave Granfondo wieder in den Radkeller, brate mir drei Spiegeleier, drüber lege ich eine große Portion Käse , dazu noch ein köstliches Augustiner Bier. Das wird nicht meine letzte Tour ins Oderbruch sein.

Hier die Strecke zum Nachfahren: https://www.strava.com/activities/5121459518/embed/43130c221f9d14f02f9cb8a867f066ba6402d7d1„>http://https://www.strava.com/activities/5121459518/embed/43130c221f9d14f02f9cb8a867f066ba6402d7d1