Abschied von einem wunderbaren Freund und Randonneur

Im Gedenken an Peter Wylach geboren am 22.11.1948 – gestorben am 9.3.2021

Erst spät in seiner Zeit als Randonneur lernte ich Peter Wylach kennen. Es war bei der Saisonabschlussfahrt im September 2015. Die Berlin-Brandenburger Randonneure trafen sich im Grunewald zu einer Runde durch den Fläming. Gemütliches Tempo war angesagt, damit alle locker mitfahren konnten.

Peter bei der Abschlussfahrt 27.9.2015 – stehend- rechts

Die jungen Wilden genauso wie die alten Erfahrenen. Irgendwo bei Beelitz rollte ich dann Seite an Seite mit einem Oldie der Szene. Ich erzählte ihm von meinem Paris-Brest-Paris-Abenteuer, das ich nach 1100 Kilometern wegen „Shermer’s Neck“ aufgeben musste. Er konterte mit seinem ersten PBP, das er schon im Jahre 1995 gemeinsam mit Claus Czycholl gefahren war. In 72 Stunden. Und gar mit einem 2000-Kilometer-Ultra-Brevet in Skandinavien. Im Vergleich zu ihm war ich also ein Jungspund im Langstreckenfahren. Abends, beim gemütlichen Beisammensein im L`Etape bei Gilles redeten wir lange über Kultur, Natur und auch Radfahren. Es war der Beginn einer intensiven Freundschaft, weit über das Randonnieren hinaus.

Peter Wylach ganz rechts

Peter hatte im Jahr 1997 ARA-Berlin-Brandenburg gegründet und die ersten Brevets von Potsdam aus organisiert. 2009 dann übergab er an Ralf Störmer. Peter hatte jahrelang aus gesundheitlichen Gründen kurztreten müssen und fand just 2015 die Freude am Langstreckenfahren wieder. Zur Freude und zum Glück seiner Mitrandonneure.

Im Winter 2016 genießen wir das Balancieren auf Eis und Schnee, das Radfahren bei jedem Wetter. In dem Beitrag “ Die glorreichen fünf im Winterlicht“ habe ich die Tour durch das vereiste Havelland beschrieben.

Im Februar sind wir das erste Mal gemeinsam auf der Radlerinsel Mallorca. Peter zeigt mir auf der legendären Passstraße Sa Calobra, dass er mutig und schnell hinunterfahren kann. Im heftigen Anstieg wieder hinauf zum „Krawattenknoten“ hängt er mich locker um Minuten ab. Dieser Kerl ist immer noch zäh und schnell in den Bergen.

Mallorca, Can Picafort , am Strand

Bei Claus Czycholl, seinem alten Freund aus den Gründerzeiten von ARA Deutschland, fahren wir in Hamburg ein 200er Brevet. Auch das macht er locker. Auch das 300er und das 400er fährt Peter in diesem Jahr.

Er kann es noch! Nur das 600er auf den Brocken verkneift er sich.

Dafür steht er beim Verpflegungs-Support in Schierke mit seinem Campingbus stundenlang an der Strecke und reicht heißen Tee, Erbsensuppe mit Würstchen und Energieriegel.

Peter versorgt uns am Fuße des Brockens in Schierke
Peter und Ingo beim 300er Brevet

Bei der Anfahrt per Bahn zum Zeitfahren Hamburg-Berlin hat er ein reich bebildertes Fotoalbum dabei. Ich staune über die unzähligen Brevets und Super-Brevets, die er in über 20 Jahren absolviert hat. Chapeau Peter! Und auch beim Zeitfahren im zarten Alter von 68 Jahren zeigt er, dass er nichts verlernt hat, nur ein paar km/h weniger als früher zeigt das Garmin.

Dietmar, Peter S. und Peter am Start zum Zeitfahren Hamburg-Berlin

Im späten Herbst führt er uns dann eine neue Errungenschaft vor: eine individuell aufgebaute, komplett verchromte Tommasini- Stahl-Schönheit vom Feinsten. Wir taufen den Italo-Renner mit einem wunderbaren Chardonnay in Werder am Havelufer.

Das neue Tommasini wird getauft

2017 sind wir wieder auf der Insel, diesmal gemeinsam mit Claus Czycholl und Ingo Pluns. Geballte Randonneurserfahrung aus Jahrzehnten. Genießen und Kilometermachen in guter Kombination. Im folgenden Sommer gehen wir auf eine Etappentour durch Tschechien, Österreich und die deutschen Lande. Radfahren, Natur und Kultur erleben. So langsam schiebt sich der Kulturgenuss vor das reine Kilometermachen. Die Randonneure mutieren jetzt zu Kultur-Randonneuren.

Auf Mallorca im Blumenmeer

2018 weilen wir auf Sizilien, sehen uns den Ätna genauer an, und genießen herrliche Weine und andere Köstlichkeiten. Zurück in deutschen Landen, sehen wir uns an, was die Weser zu bieten hat, und übernachten im Kloster Corvey.

Claus und Peter beim 200er in Hamburg

Dann kommt ein arger Rückschlag für Peter: Er stürzt unglücklich und bricht sich die Hüfte. Dank der Kunst der Ärzte, einem künstlichen Gelenk und seiner unglaublichen Zähigkeit, kommt er schnell wieder auf die Beine und folglich auf das Rad. Im Oktober, ganze neun Wochen nach der OP, fährt er gemeinsam mit Wolfgang und mir abermals Hamburg-Berlin. 280 Kilometer! Wie macht der Kerl das? Ist das Härte oder manchmal schon bald Unvernunft? Wie auch immer, wir kommen zusammen ins Ziel und genießen den Erfolg.

Im Laufe der Zeit lernt Peter das Langsamfahren, das noch intensivere Hinschauen. Manchmal bekommt die Vorlesung an der TU über Stadtentwicklung und über Klimaschutz den Vorrang gegenüber einer ausgedehnten Radrunde. Ich profitiere davon, denn Peter nimmt mich mit in die Uni und stellt mich alten Bekannten aus der Zeit in seinem Job in der Senatsverwaltung vor. Diskussionen über Wasserbau, Klimaerwärmung und Umweltschutz füllen den Abend. Peter beginnt, wieder mehr zu reisen – mit seiner Frau besucht er die Orte, an denen er schon in den 80er und 90er Jahren mit dem VW-Campingbus war. Etwas Nostalgie und auch Neugier auf alles, was neu entstanden ist, treibt ihn.

Dann kommt der erste echte gesundheitliche Niederschlag, ein Herzinfarkt streckt ihn nieder, Stents werden gesetzt. Er hofft, schnell wieder auf dem geliebten Rad zu sitzen. Es kommt anders – noch eine OP, lange Reha-Zeit. Alles geht ihm viel zu langsam, aber er lernt, mit seinem Körper geduldig zu sein. Kurz nach Weihnachten besuche ich ihn mit Matthias, und wir rollen eine 50-Kilometer-Runde durch die Havelauen. Peter blüht auf, und trotz der Anstrengung hat er beste Laune. Als im Februar noch einmal Kälte und Eis zurückkommen, entdeckt er gemeinsam mit Jutta das genussvolle Wandern.

Ende Februar sitzt er wieder auf dem Rad, stürzt sehr unglücklich und zieht sich schwerste Wirbelverletzungen zu. Diesmal reichen alle ärztliche Kunst und alle Zähigkeit nicht, den geschwächten Körper im Leben zu halten. Schließlich kann er ruhig einschlafen und gehen.

Adieu lieber Peter, bester Freund, wir werden Dich sehr vermissen und nie vergessen.

Brustumfang 7,90 m, aber es kommt noch dicker!

Um so dick zu werden, braucht auch eine schnellwüchsige Eiche etwa 500 Jahre. Also hat die „Kaisereiche“, die zwischen Schönfließ und Bergfelde steht, die frühen Tage beider Ansiedlungen schon erlebt. Hat die unruhigen Zeiten des 30-jährigen Krieges schadlos überstanden, im Gegensatz zur Ortschaft Schönfließ, wo die Kriege und die Pest kaum Einwohner übrig gelassen hatten. Heute kann das Baummonument hinüberblicken zu zwei Orten des Berliner „Speckgürtels“, die prosperieren und mehr und mehr Einwohner aus der Stadt ins ruhigere Grün hinausziehen.

Kaisereiche bei Schönfließ

Der stattliche Baum trägt den Namen Kaisereiche, ich kann allerdings nirgendwo ergooglen, auf welchen Kaiser sich dieser Name wohl beziehen mag.

Einen Kilometer Luftlinie entfernt steht im Kindelwald ein zeitverwandter Baumriese, eine Stieleiche, die über 6 Meter Umfang hat. Heute ist sie umgeben von jüngeren Bäumen – Ahorn, Buchen, Kiefern, Erlen. Sie versteckt sich geradezu vor neugierigen Blicken. So bleibt sie von Spaziergängern und von Radfahrern unbeachtet, unentdeckt. Ein kleiner Abstecher zu diesem eindrucksvollen Baum lohnt sich aber.

https://www.ostdeutsches-baumarchiv.de/albums/froehlich-wege-zu-alten-baeumen-brandenburg/content/nr-72-eiche-kindelwald-glienicke/

Eiche im Kindelwald bei Glienicke

200 Meter weiter östlich stehen auf einer riesigen Pferdekoppel noch zwei Huteeichen, die ein paar Jahre jünger sind als der Kindelwaldriese, aber bei etwa 5 Meter Umfang auch über 300 Lenze zählen.

Weiter führt mich die Suche nach den monumentalen Bäumen der Umgebung nach Osten, hinein in den Barnim.

Bei der Recherche im Ostdeutschen Baumarchiv habe ich schon vor Wochen die Flatterulme von Ladeburg entdeckt, habe aber ungerechterweise bisher immer die Eichen den anderen Baumarten vorgezogen. Heute soll das anders werden. Auch Ulmen können groß und dick und sehr alt werden. Also, auf nach Ladeburg. Der Ort liegt am Radweg Berlin-Usedom, der hier abknickt und über Lobetal nach Biesenthal führt. Diese Tatsache hat bei meinen Touren bisher dafür gesorgt, dass ich immer am alten Ortskern vorbeigefahren bin. Heute habe ich die Koordinaten in mein Garmin geladen und navigiere per Luftlinie zum Ziel. Gegenüber der Kirche rolle ich ca. 150 Meter in die Rüdnitzer Straße, in die alte Dorfstraße hinein, dann stehe ich vor dem alten Riesen, der besonders im Winter, ganz ohne Blattwerk, durch seine Stammstruktur wirkt. Als wenn sich ein barocker Bildhauer hier am Holz ausgetobt hätte.

Alter 500-600 Jahre, Stammumfang stattliche 8,50 Meter

Wie ein riesiges V aus in sich verschlungenem Holz steht das Baum-Monument auf dem Grundstück neben einer Backsteinscheune. Bei Dunkelheit und Nebel ein ideales Versteck für Trolle, Heinzelmännchen und andere Märchenfiguren.

Ein informativer und anregender Beitrag zu dieser Ulme und zu Ulmen im Allgemeinen ist hier zu lesen:

https://www.in-berlin-brandenburg.com/Brandenburg/Landkreise/Barnim/Sehenswuerdigkeiten/Ulme-Ladeburg.html

Keine 10 Kilometer von Ladeburg in Richtung Südosten entfernt, sagt meine Recherche, steht in Börnicke ein Baumriese, der noch ein paar Zentimeter dicker ist als die Flatterulme. Eine Schwarzpappel muss ich in Börnicke finden – am nordwestlichen Ortsrand. Nach einer halben Stunde gemütlichem Kurbeln zieht zunächst ein alter Trabbi meine Blicke auf sich. Traurig steht er unter mittelalten Eichen, einen Scheinwerfer hält es schon nicht mehr im Plaste-Gehäuse. Auf der Motorhaube prangt, leicht übermoost, ein roter Adler. Mein sicher etwa genauso alter Basso-Crosser schaut mitleidig auf die ramponierte „Rennpappe“. Mein Basso erfreut sich mit 35 Jahren nach einer sorgsamen Restauration und roter Neubepulverung bester Gesundheit.

Jetzt aber weiter zum eigentlichen Ziel nahe am Börnicker Schlosspark: Neben der Straße die Böschung hinunter schiebe ich mein Stahlgefährt über einen leicht vermatschten Wiesenweg zur Schwarzpappel, deren Dimensionen erst deutlich werden, als ich die alte, unglaublich dick und grob gefaltete Rinde anfasse. Ich klettere durch das Gestrüpp auf die Rückseite des gewaltigen Stammes und falle fast in den Baum hinein. Ein Seitenstamm ist weggebrochen und hinterläßt eine riesige, klaffende Wunde im Hauptstamm. Schlingpflanzen klettern ins Innere, Spinnweben, Moos, faules Holz kleiden die Baumhöhle aus. Ein Wunder, dass die Pappel noch fest steht und den Winden und Naturgewalten trotzt.

Unglaubliche 9,11 Meter Umfang hat das Ungetüm. Aber nur 180 Jahre hat die Pappel gebraucht, um so groß und so mächtig zu werden. „Schnellwüchsig“ nennt man solch ein Wachstumsvermögen. Im Vergleich dazu wächst eine Stieleiche geradezu in Zeitlupe. Die Schwarzpappel von Börnicke soll die älteste und die dickste ihrer Art in ganz Deutschland sein.

Ich umrunde und umklettere das Ungetüm mehrfach und atme und staune. Starker Charakter, dieser Prachtbaum! Ich kann mich kaum losreißen und blicke immer wieder zurück, bis die Silhouette kleiner und kleiner wird und schließlich am Horizont verschwindet.

Die Suche nach Eichen, Ulmen, Buchen, Pappeln und deren Geschichte wird mich so schnell nicht mehr loslassen. Trotzdem freue ich mich darauf, irgendwann wieder bei lauen Lüften dem reinen Randonnieren frönen zu können. Am besten gemeinsam mit Freunden, am besten wieder mit einer zünftigen Einkehr beim Lieblingsbäcker – abends ein Bier oder zwei….

Hoffentlich bald werden wir zurückblicken auf die Corona-Pein und wieder die gemeinsamen Freiheiten genießen. Aber bis dahin, egal wielange das dauern wird, warten noch viele Bäume auf meine Entdeckung, warten noch viele freilaufende Rinderherden, Schafe, Ziegen, Pferde – Kraniche und Gänse auf den Wiesen. Natur ist nie langweilig, ist immer interessant und staunenswert.

Eben ein „Naturgenuss“, wie schon Alexander von Humboldt diesen damals neuen Begriff vor 200 Jahren formulierte.

In Zeiten abnehmenden Lichts

Etwas wehmütig denke ich zurück an meine Ostsee-Tour im Oktober. Die Bäume standen noch fast voll im Laub. Der Wald leuchtete grün mit braungelbroten Tupfen. Zehn Stunden Licht und Wärme spendete das Himmelsgestirn im günstigsten Falle. Im grauen Endnovember wird es gar nicht mehr richtig hell. Und warm auch nicht.

Trotzdem, oder gerade deswegen ist Waldbaden, ist Laufen, ist Radfahren so enorm wichtig für Körper und Seele. Also rauf aufs Rad und rein in die Natur, egal wie grau der Himmel ist, egal wie niedrig die Temperaturen sind.

Anfang November werfen die noch jungen Maulbeerbäume in der Bornimer Feldflur ihre letzten Blätter auf den Weg und auf die grünen Wiesen. Die Schatten sind auch am Mittag schon lang. Um vier Uhr bei der Heimfahrt grüßt die Heilig-Geist-Kirche von Werder herüber nach Wildpark-West.

Eine halbe Stunde später ist es stockfinster, und meine Supernova-Frontleuchte weist mir den Weg nach Norden. Nach einer Stunde Fahrt dringt die Kälte unbarmherzig durch die dünnen Langfingerhandschuhe hindurch. Also ziehe ich die Finger zurück und balle sie zur Faust. Das wärmt, ist aber schnellen Bremsmanövern abträglich. Trommeln auf den Oberschenkeln bringt auch Linderung. Bei der nächsten Runde in kalter Luft nehme ich die dickeren von Roeckl mit. Später, bei Minustemperaturen, kommen die Dreifingerfäustlinge zum Einsatz.

Am 19. November gehe ich wieder einmal auf Baumsuche – die „Kaisereiche“ von Schönfließ hat sich des Laubs mittlerweile komplett entledigt. Die mächtigen Äste sind einzeln zu erkennen und machen aus der 500-jährigen Eiche ein dreidimensionales Kunstwerk.

Kaisereiche bei Schönfließ
https://www.ostdeutsches-baumarchiv.de/albums/bemerkenswerte-eichen-in-brandenburg/content/kaisereiche-bei-schoenfliess/

http://maps.google.de/maps?q=N52°39.7267%27,E13°19.6058%27&t=k&z=15

Die herrliche Stieleiche ist 26 Meter hoch und hat einen Stammumfang von 7,90 Metern. Auf dem Weg nordwärts biege ich zwei Kilometer später in Bergfelde rechts ab zum Friedhof, auf dem Blicke fangend eine wunderbar geformte Traubeneiche ihre Krone schützend über die Gräber streckt. Dieses Naturmonument wächst seit etwa 400 Jahren hier. https://www.ostdeutsches-baumarchiv.de/albums/froehlich-wege-zu-alten-baeumen-brandenburg/content/nr-70-friedhofseiche-bergfelde/

400-jährige Traubeneiche in Bergfelde

Ich lege meine Hände eine Weile auf die tief zerfurchte Rinde, und schon erzählt mir der Baum Geschichten aus alter Zeit.

Zwischen Klosterfelde und Zerpenschleuse sind Jäger bei den Vorbereitungen für eine Treibjagd.

Mich erinnern die aufgehängten Laken an „the running fence“, den Christo und Jeanne-Claude in den 70ern in Kalifornien kilometerweit über die Hügel gespannt hatten – nur eben etwas kleiner, etwas kürzer. Und der Zweck ist auch ein anderer.

An der Rosenbecker Schleuse sitzt die Wirtin der „Kleinen Moldau“ im Garten und wartet auf das Ende der Corona-Einschränkungen.

Der „Werbellin“, wie Fontane den See mit eiszeitlicher Entstehungsgeschichte nannte, liegt glasklar und still da.

Es rollt wunderbar leicht am Seeufer entlang und dann hinüber nach Joachimsthal. Heute mache ich zum ersten Mal eine Kurve hin zur Kirche und zu der alten Schule.

„Was fragt ihr mich nur täglich: Wirst du es denn nicht satt, zu leben in dem Städtchen, das nichts des Schönen hat? Du hörest nie Konzerte, und Schauspiel hast du nicht – wie kannst du dort nur leben, je schaffen ein Gedicht!“

So schreibt der „Dichter des Waldes“, Joachim Brunold, um 1850. Hinschauen! So möchte ich ergänzen – dann gibt es eine Menge schöner Dinge zu entdecken. Heute werde ich reichlich fündig. Weiter nach Norden führt mich mein innerer Kompass, nach Friedrichswalde, das im 18. bis 20 Jhd. einmal das größte Holzschuhmacherdorf Deutschlands war.

Im Mai 1748 erhielt der Amtmann Georg Krause aus Grimnitz den Befehl von König Friedrich II. , Kolonistenfamilien dort anzusiedeln. Unschwer zu erkennen ist, dass die Erstsiedler allesamt aus der Kurpfalz kamen. Sie brachten das notwendige handwerkliche Können mit, um über lange Zeit mit dem Schnitzen und Verkaufen der besten Holzschuhe Deutschlands erfolgreich zu sein.

Mein Lieblingsbäcker Hakenbeck hat heute leider geschlossen, so kurbele ich weiter nach Reiersdorf und zur dortigen Landeswaldoberförsterei. Im Hof des Försters kann ich heute die zweite mächtige Traubeneiche bewundern. Sicher nicht ganz so alt wie die in Bergfelde, aber genauso schön anzusehen.

Von Reiersdorf rumpele ich weiter nach Gollin, wo ein allerliebst anheimelndes „Gemeindezentrum“ die Ortsdurchfahrt verschönert.

Gemeindezentrum oder Ortsgefängnis, das ist hier die Frage

In Grunewald, ja es gibt ein gleichnamiges Dörfchen in der Großdöllner Heide, genau hier – vor der Kirche, stärke ich mich für die letzten knapp 50 Kilometer des Tages mit einem Proteinriegel und heißem Tee. Grunewald hat seine Existenz dem sogenannten „großen Wildzaun“ zu verdanken, den der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm um 1660 hier errichten ließ, um das Wild am Überwechseln auf das nördlich davon liegende Kulturland der Uckermark zu hindern. Welch ein Aufwand! Aus einer der 12 Zaunsetzerstellen entstand später die Ortschaft Grunewald.

Auf dem Heimweg bin ich versucht, einen Umweg über Deutschboden zu machen, sehe doch im Sinne meiner körperlichen Unversehrtheit – der Weg dorthin führt über üble Waldwege – davon ab. Noch einmal den Finowkanal queren im letzten Licht, dann ersetzt meine bewährte Supernova das untergegangene Himmelsgestirn.

Zeiten abnehmenden Lichts!

Rauf auf den Darß und rüber nach Rügen, Teil 3

Westwind, Stärke 4-5, aufklarend. So sieht die Wettersituation aus, als ich am Frühstückstisch sitze. Eine Sonnenetappe erwartet mich heute, eine Etappe zum Erinnern an frühere Urlaube hier, an die Wanderungen mit unserem Retriever, und jetzt zum Entdecken von Neuem, das es immer gibt, wenn man das Herz öffnet. „Aber die Augen sind blind, man muss mit dem Herzen suchen“, lässt Antoine de Saint-Exupéry bekanntlich seinen Kleinen Prinzen sagen.

Ich befreie mein Granfondo aus dem Hausmeisterbereich hinter der Hoteltiefgarage, den ich freimütig genutzt habe, weil das Dorint offensichtlich hauptsächlich an die Autourlauber denkt, weniger an das sichere Unterbringen von Fahrrädern. Ein klares Minus für dieses Hotel. Dreckverkrustet sind Innenlagerbereich, Bremsen und Hinterbau. Auf dem Deich werde ich das einfach abschütteln.

Eine Lustfahrt über den Darß, dann auf dem Ostseeradweg nach Stralsund und dann hinüber auf die Insel Rügen soll es werden. Die ersten Kilometer bleibe ich auf dem Deichweg, der hinüber nach Ahrenshoop führt. Die Steilküste weicht immer weiter zurück, Meter um Meter frisst das Meer den Strand weg. Vor zehn Jahren konnte ich noch laufen, wo jetzt die Abbruchkante verläuft.

In Ahrenshoop kann ich nicht widerstehen, beim wunderbaren Licht dieses Morgens ein paar Fotos aus der Postkartenperspektive zu schießen. Das Reetdachhaus und die Baumgruppe stehen sehr geübt dort, wo sie immer stehen.

Ich mache eine kleine Pause und sauge diesen Blick ganz tief in mich hinein. Dann schwinge ich mich gut gelaunt aufs Rad und fahre hinüber auf die Boddenseite des Künstlerdorfes, vorbei an der Schifferkirche und dem hohen Sendemast. Weit reicht heute der Blick bis nach Born, das ich nach 15 Minuten Rückenwindgleiten erreiche. Eine riesige Rinderherde steht auf einer genauso riesigen Weidefläche. Wasserbüffel als Schattenrisse vor einem kleinen Tümpel.

Auf dem Radweg hin nach Zingst kommen mir unzählige Radlergruppen entgegen. Die E-Bikes werden deutlich favorisiert. So verlieren die Kilometer und auch der Gegenwind den Schrecken. Ich blicke in lachende und zufriedene Gesichter. Als ich Kurs nach Barth und zur Meiningenbrücke setze, bin ich wieder allein auf den Wegen. Zum ersten Mal schaue ich mir die historische Hansestadt genauer an. Bei Brevets aus Berlin kommend, hatten wir es immer eilig, direkt zum Kontrollpunkt in Prerow zu kommen.

Es ist Markt in Barth, nur bin ich noch leidlich satt vom guten Frühstück, so lasse ich die Verkaufsstände links liegen. Nach Osten hin verlasse ich den Stadtkern und fahre weiter in das grüne Land. Die Touristen laufen auf dem Darß herum, hier jedenfalls ist kaum eine Menschenseele unterwegs. Weites Land.

Noch 20 Kilometer bis Stralsund, ich fahre bis an den Strelasund heran und nähere mich dem Stadtkern von Norden. Zwischen den Bäumen kann ich an der Abbruchkante hindurchschauen auf den weißen Strand. Die riesige Rügenbrücke kommt in Sicht, die Hafenspeicher türmen sich vor mir auf. Im Hafenrund wird es touristisch: Backfischstuben und -stände sind hier aufgereiht. Die Besucher stehen Schlange. Auf Anstehen und Einreihen habe ich keine Lust, so mache ich einen Zusatzbogen zur Gorch Fock 1 hin, die als Museumsschiff den Hafen verschönert. Es ist 14 Uhr, als ich unter der neuen Brücke hindurchquere und auf den alten Rügendamm einbiege.

Zwei Kilometer inseleinwärts dann der Imbiss der besonderen Art: Das Bistro „Reiter“ wirbt mit einer Angebotspalette vom Russischen Eis über Backfisch XL und Rauchwurst bis zum Apfelstrudel. Mein Hunger ist so mächtig, dass ich mich heranlocken lasse. Vor mir holt ein Insulaner gerade seinen vorbestellten Heilbutt ab, 10 kg bratpfannengroße Fische in einer Plastiktüte. Folgerichtig entscheide ich mich für eine Portion Backfisch mit Kartoffelspalten. Die Portion ist riesig und sehr schmackhaft.

Satt und zufrieden kurbele ich weiter in Richtung Putbus. Die Fahrt über die „Deutsche Alleenstraße“ eröffnet herrliche Ausblicke, der nicht vorhandene Radweg sorgt aber für ein leichtes Unwohlsein, denn hier sind reichlich Autos unterwegs.

Fürst Malte hat vor über 200 Jahren den Kern des Städtchens seinem Schloss angepasst, alles in Weiß gestrichen, alles im klassizistischen Stil gebaut. Im Laufe der ( DDR)Zeit ergraut und mittlerweile wieder herausgeputzt, steht das Ensemble als Gesamtdenkmal da. Heute lasse ich den Schlosspark einfach „rechts liegen“ und fahre weiter – hin nach Sellin und Baabe, wo endlich ein Radweg nach Alt-Reddevitz abzweigt. In den Sonnenuntergang hinein radle ich einsam gen Middelhagen, wo ich im Gasthof Linde übernachten werde.

Auf der Weide blöken die Rinder noch lange in die Nacht hinein, ich mache noch einen kleinen Rundgang an unserem ehemaligen Feriendomizil vorbei, und dann entdecke ich einen WEINKELLER! Auf Rügen! Das Ehepaar Geller hat 2016 nahe beim Gutshaus 1000 Rebstöcke gepflanzt, mit Sorten wie Ortega und Pinotin. Das Ergebnis der ersten Lese aus 2019 teste ich mit einem Glas Ortega, einem milden, doch aromenreichen weißen Wein. Sehr schmackhaft, ein echter, weil unerwarteter Genuss.

Beim nächsten Familien-Rügenurlaub ist der Weinkeller jedenfalls eine erste Adresse.

Im Gasthof Linde, dem ältesten der Insel, genieße ich noch ein Bier aus der eigenen Brauerei, dann sinke ich in die Federn.

Am nächsten Morgen scheint wieder die Sonne über Mönchgut und den Zickerbergen. Auf dem Weg nach Westen wird mir heute der Wind ins Gesicht blasen. Aber ich kann mir ja Zeit lassen. Bis zum Bahnhof in Greifswald sind es nur knapp 70 Kilometer, auch wenn ich alle Radwegumwege mitfahre.

Mein Granfondo war in der vergangenen Nacht der einzige Gast im Fahrradschuppen der Linde. Ich winke nochmal rüber zur alten Dorfschule und der Keramikwerkstatt, dann bin ich schon wieder on the road. In Alt-Reddevitz stürze ich mich die 13-% -Abfahrt hinunter, obwohl doch Absteigen befohlen ist.

In Moritzdorf hat der Fährmann nach der Urlaubssaison einen kleinen Außenborder am Boot in Betrieb genommen . „Im Sommer rudere ich aber immer“, versichert mir der Wettergegerbte. Von hier aus schwingt sich der Weg über die Hügel und immer wieder runter an die Wasserlinie. In Groß Stresow begegnet mir der Preußenkönig Wilhelm I. – in Form einer leicht ramponierten Statue.

Ursprünglich stand der Wilhelm auf einer hohen Säule, dann wurde er abtransportiert und sollte restauriert werden. Das ganze Projekt scheiterte mehrfach, Wilhelm wurde arg beschädigt. Arm ab, Bein ab, Hutkrempe zerdeppert. Der Arme!

Jetzt steht er einigermaßen sicher wieder ganz nahe der ursprünglichen Stelle. Wer die ganze Geschichte erfahren will, hier ist sie zu lesen:

https://de.wikipedia.org/wiki/Preußensäulen

Über Putbus und Garz rolle ich wieder die Alleenstraße entlang, herrliche Linden und Eichen säumen den Weg.

In Glewitz wartet schon die Fähre, die mich hinüber bringt nach Stahlbrode. Drei Kilometer weiter westlich treffe ich wieder auf den Ostseeküstenradweg. Der verläuft nun parallel zur B 105 auf der ehemaligen Landstraßenallee. Das hört sich zunächst gut an, wenn diese Straße nicht gepflastert wäre – mit sogenanntem Kleinpflaster, das zwar nicht, den Rumpelfaktor betreffend, mit den dickeren „Katzenköpfen“ mithalten kann, aber arg unbequem zu fahren ist. Mit dem Mtb oder dickbereiftem Tourenrad mag das noch verträglich sein, mein Granfondo jedenfalls schüttelt sich unwillig.

Kleinpflaster-Radweg

Kurz vor Erreichen von Greifswald mache ich noch eine Biege hin zum Bodden. Einmal noch Wasser sehen. Die Wohnplätze heißen hier Leist 1, Leist 2, Leist 3. Sehr ideenreiche Namensgebung. So ähnlich wie Ausbau 1, … Dann wende ich mich für heute das letzte Mal der Hansekultur zu. Eine Runde durch Greifswald ist noch drin, bevor der R 3 um 14.39 Uhr in Richtung Berlin abfährt.

Nach 2 1/2 Stunden Bahnfahrt steige ich in Bernau aus und genieße die letzten 24 Kilometer der Etappenreise im strömenden Regen. Zu Hause wartet die beste Ehefrau von allen und vor allem eine heiße Dusche.

500 Kilometer Natur und Kultur. Es hat gut getan.

Als ich diese Zeilen schreibe, ist der Lockdown 2 beschlossen. Gutes Timing war das.

https://www.strava.com/activities/4236661765/embed/13597b3e9f9383a669b454c7b02cd463747fa52a

Demnächst folgt noch ein kleines Kompendium zur Ausrüstung und zur Packliste.

Rauf auf den Darß und rüber nach Rügen, Teil 2

Schön war es in Waren, ein Frühstück mit Bircher Müsli, Rührei und leckerem Brot ist eine gute Grundlage für eine voraussichtlich verregnete Etappe. Also lasse ich mir Zeit heute morgen. Sorgfältig packen, die Regensachen parat halten. Nochmal einen Blick auf wetteronline werfen. Die Vorhersage wird nicht besser, den ganzen Tag über zieht ein gewaltiges Regengebiet übers Land. Durchfahren, akzeptieren, positiv bleiben. Wie lautet doch ein weiser Spruch: “ Du sollst dich nur über Dinge ärgern, die du auch ändern kannst“.

Um 9.30 Uhr stehe ich im Radschuppen des Hotels – mein Granfondo hat die Nacht gut überstanden und wartet samt allen Anbauten fröhlich auf den Start.

Adieu Waren, auf geht es nach Norden. Entgegen meiner ursprünglichen Planung wähle ich die kürzeste Route in Richtung Ribnitz-Damgarten, entlang der B 108. Auf den ersten Kilometern gibt es einen begleitenden Radweg, da kann ich es mir so richtig gemütlich machen im Nieselregen. Doch bald muss ich rauf auf die Bundesstraße, der richtige Zeitpunkt, meine Rückleuchte von Lezyne in den Tageslicht-Blitzmodus zu stellen. Der ist geradezu fies hell – erfreulicherweise halten die Autos und LKW großen Abstand beim Überholen.

Alte Schmiede bei Burg Schlitz

So schöne Plätze wie die Burg Schlitz, das Schloss Schorssow und Ulrichshusen passiere ich heute ohne Umwege dorthin. Überall war ich schon, also kann ich mir die Sehenswürdigkeiten einfach vor mein geistiges Auge holen. Das spart Kilometer. Nur die ehemalige Schmiede von Burg Schlitz banne ich auf ein Foto, denn sie liegt günstig direkt am Straßenrand.

Regenjacke anziehen, ausziehen, Windjacke, Windjacke nass, shakedry an… so geht das munter über die nächsten Stunden. Zwischendurch wird es mal etwas heller, dann kommt der Segen wieder von oben.

Ich teste einige mehr oder weniger luxuriöse Wartehäuschen. So richtig gemütlich ist das nicht. Aber Hauptsache die Füße und die Hände bleiben warm. Ich passiere die bekannten Brevet-Kontrollorte Teterow und Tessin. Meistens kamen wir hier bei Sonnenaufgang oder auch etwas früher vorbei, wenn wir auf einem 600er Brevet unterwegs waren. Wie ist das doch beschaulich heute im Vergleich dazu. Fischland, den ersten Teil der Halbinsel, erreiche ich bei Dierhagen und kurbele mich dort zum Strand durch. Grau ist die Ostsee, nur die Wellenkämme setzen weiße Streifentupfer.

„Bonzen Raus“ lese ich unter dem kleinen Windrad kurz vor Wustrow. Ich fühle mich nicht angesprochen.

Wenige Minuten später stehe ich an der Seebrücke und schiebe mein Granfondo zwischen den Restaurants „Moby Dick“ und „Swantewitt“ hindurch. Wie oft habe ich hier schon gestanden.

Ich lasse die ersten Erinnerungen und Eindrücke erst mal wirken, dann gehe ich hinüber zum Dorint, wo ich ein Zimmer gebucht habe.

Herbsteszeit, Glühweinzeit. Gleich mache ich noch einen kleinen Dorfrundgang, dann gönne ich mir ein leckeres Mahl. Um 22 Uhr liege ich flach, erfreue mich an der Sonnentagvorhersage in wetteronline und schlafe wohlig und erwartungsvoll ein.

https://www.strava.com/activities/4236550734/embed/829c8926c6933f42caaff25850b2d950aa63a2ea

Morgen geht es rüber nach Rügen, bei Rückenwind und Sonnenschein.

Rauf auf den Darß und rüber nach Rügen, Teil 1

Körperschonend und komfortabel. Es soll keine Brevet-Fahrt werden, bei der man 600 oder gar 1000 Kilometer mehr oder weniger am Stück zurücklegt und sich dabei so richtig quält. Immer wieder befrage ich „wetteronline“ in den Tagen vor dem geplanten Start. Durchwachsen soll es werden in der Woche 43 des Jahres 2020. Fest steht, dass es eine Nordrunde mit Fischland-Darß und Rügen wird, und die erste Etappe soll mich nach Norden in Richtung Seenplatte führen. Corona treibt ihr Unwesen zwar auch im Norden, aber es gibt noch keine Hotspots, auch nicht annähernd. Und als Brandenburger darf ich auch noch in Pensionen und Hotels übernachten. Im Radkeller scharrt mein Titan-Granfondo schon unruhig mit den Pedalen. Die zwei Ortlieb-Gravel-Taschen schlucken Radklamotten und Zivilkleidung für die Abende. In der Oberrohrtasche verstaue ich meine Shakedry-Regenjacke und Neoprenfüßlinge – für alle Fälle. Drei dicke Schoko-Eiweißriegel stopfe ich noch hinein. An der Frontgabel habe ich meine neueste Errungenschaft, einen Ortlieb-Forkbag, befestigt. Hier finden Ersatzschläuche, CO2-Kartuschen und ein dickes ABUS-Schloss Platz. Elektronik, Kabel, Powerbank, iPhone, all das liegt vor Nässe geschützt in dem kleinen Frontbag von Topeak.

Am 20.10. rolle ich gegen neun Uhr nach einem ausgiebigen Frühstück los. Ein frischer Wind mit Stärke 3 bis 4 soll aus Südost blasen. Das passt trefflich für den Kurs hin zur Seenplatte und die schöne Stadt Waren am Müritzsee.

Nein, es ist kein Raps! Senfsaat blüht hier bei Liebenberg.

Zuerst geht es auf bekannten Pfaden an Oranienburg vorbei, dann am Voßkanal entlang, dann knicke ich ab nach Malz und nach Liebenberg. Der hilfreich schiebende Wind macht es leicht, in einen schönen Rhythmus ohne Anstrengung zu finden. Kleine Ortschaften, sanfte Landschaftswellen – kurz vor Gransee werden vor einer Hofeinfahrt dicke rote, gelbe und grüne Kürbisse feil geboten.

Gransee liegt verschlafen da. Wo sind die Menschen? Neben dem Ruppiner Tor führt der Weg durch das sogenannte Waldemartor, das nach der vom Kurfürsten verordneten Vermauerung des Haupttors angebaut werden musste. Hier die Geschichte dazu: https://de.wikipedia.org/wiki/Waldemartor

Von Gransee aus führt der Stechlinsee-Radweg auf der historischen Bahntrasse über 10 Kilometer herrlich ausgebaut bis nach Schulzendorf. Ein Gedenkstein und eine bunte Darstellung des Geschehens vom August des Jahres 1316 erinnern an die Schlacht bei Gransee zwischen den Brandenburgern und den Mecklenburgern.

https://www.svz.de/regionales/mecklenburg-vorpommern/mecklenburg-magazin/vor-700-jahren-die-schlacht-bei-gransee-id15583436.html

In Schulzendorf, vor der ARCHE-Kinderranch, rollen auch Köpfe und fließt auch Blut, allerdings hier in einer aufwändigen Installation zu Halloween:

Rheinsberg ist die nächste historische Station am Radweg. Kronprinz Friedrich, der bis 1740 hier seine „glücklichste Zeit“ verbrachte, bis er dann die Nachfolge seines strengen Vaters antrat und nach Berlin umziehen musste, begrüßt die Besucher . Friedrich der Große, wie er genannt wird, sollte nie wieder die Stätte seiner unbeschwerten Jugendzeit besuchen.

Weiter rolle ich auf dem alten Bahndamm-Radweg, der durch herrliche Laubwälder führt. Eichen, Buchen, Linden – starke Bäume atmen CO2 ein und Sauerstoff aus. Waldbaden ist gesund für Körper und Seele.

Der Wald duftet herbstlich, nasses Moos, Pilze, Harzgeruch. Aber Waldbaden macht auch hungrig. So lege ich in Rheinsberg beim Bäcker Läge einen Stopp ein und stärke mich mit Milchkaffee und Apfelkuchen.

Die Bahnlinie, die ursprünglich bis Zempow führte, wurde übrigens nach 1945 im Rahmen von Reparationsleistungen abgebaut. Heute kann ich mich als Spätfolge über den glatten, hügelfreien Radweg freuen. Zempow, Sewekow, Karbow, bald bin ich am Meer. Nein, nicht an der Ostsee, aber am größten Binnensee des deutschen Landes, dem Müritzsee. In Röbel mache ich einen Erkundungsgang um die mächtige Backsteinkirche St. Marien, die auf einem kleinen Hügel thront.

Ein paar Meter weiter stehe ich an der Hafenmole vom Stadthafen Röbel. Am Müritzstrand liegt Kunst in Form von zwei Holzfiguren, die genießend auf das Wasser schauen.

Auf dem Weg nach Waren lasse ich mich auf den Müritz-Rundweg ein, der durch die Wälder, am Wasser entlang, Hügel rauf und runter, über Schotter und durch Sand führt. Aber schön ist er!

Aus dieser Perspektive ist das Ostufer des großen Sees nicht zu sehen. Nur die Bäume sind ab mittlerer Höhe zu ahnen. Die „Wölbungshöhe“ der Erdkrümmung macht auf über 10 Kilometern von Ufer zu Ufer ca. 3 Meter aus. Und da schaut meine Kamera nicht drüber, sondern folgerichtig nur auf und hauptsächlich in das Wasser. Noch ein paar Bögen, dann kommt das Schloss Klink in Sicht. Ich wähne mich an der Loire und nicht am Müritzsee.

Schloss Klink

Die sehr wohlhabende Familie Schnitzler ließ das Herrenhaus von den Architekten Grisebach und Dinklage im Stil der Neorenaissance entwerfen und innerhalb von weniger als drei Jahren errichten. Arthur Schnitzler konnte samt Familie im Jahre 1900 einziehen. Auch für eine große Familie reichlich Platz zum Wohnen und Sein. Zumal auch noch 1150 ha Land samt Dörfern der Umgebung zugekauft wurden. Protz und Prunk. Sogar ein Mausoleum im Stile eines antiken Tempels ließ die Familie aufwändig am Steilufer der Müritz bauen. Schließlich brauchte man auch für die Verblichenen und noch Verbleichenden eine adäquate Ruhestätte. Die ist allerdings 1976 im Auftrag der Gemeinde Klink vom Autobahnkombinat Rostock gesprengt worden. Ein Mausoleum sprengen?! Ich mag mir das gar nicht vorstellen.

Weiter führt der Weg am See entlang – zur Linken ein kleiner Park mit einer aufragenden Skulptur. Auf einem Sockel aus Stahlbeton wirbelt ein Athlet eine Frau und ein Kind durch die Lüfte. Wer hat das denn geschaffen, und wann? So intensiv ich auch google, ich finde partout nichts über dieses Kunstwerk.

Dann mache ich wieder einmal mit Kamerun Bekanntschaft, diesmal in Form eines Campingareals am See mit diesem Namen. Sogar eine Nationalflagge hat der Betreiber gehisst.

Beim Einbiegen zum Strand hin fängt ein riesiger Schiffspropeller meine Aufmerksamkeit. Die hier ansässige Metallguss GmbH fertigt die größten Antriebsschrauben weltweit! Wer hätte das gedacht!

Waren kommt in Sicht. Ein schön anzuschauendes Städtchen mit historischem Flair. Eigentlich ganz untypisch für diese Region. Ansteigende Gassen, historische Häuser, einladende Gastlichkeit.

Am Yachthafen steht die Skulptur „Der verlorene Sohn“ von Stefan Voigtländer. Zur späten Nachmittagsstunde halte ich mich hier nicht lange auf, obwohl das Ambiente einladend ist. Zuerst kurve ich hinüber zum Tiefwarensee und dem gleichnamigen Hotel, in dem ich ein komfortables Zimmer beziehe. Duschen, frischmachen und dann wieder hinüber in die Altstadt. Es hat angefangen zu regnen. Alle Menschen, die ich vorher in den Gassen gesehen hatte, scheinen die wenigen „Corona-Plätze“ in den Restaurants reserviert zu haben. So bin ich froh, bei einem netten Italiener noch eine Pizza und ein Viertel Rotwein zu bekommen. Um 22 Uhr liege ich im Bett, schaue noch die Nachrichten und schlummere hinweg.

Bis Waren waren es 153 Kilometer. Morgen kommt Etappe 2 – hin zum Darß

https://www.strava.com/activities/4236534568/embed/a26d2ea22bde6d7912067369c307def410505f15

Zur Pyramide in den Wald und dann schnell in die Schweiz

Wo habe ich eigentlich die erste Pyramide gesehen, frage ich mich. Als Milchverpackung zu Volksschulzeiten in den 50ern. Oben wurde der Strohhalm reingedrückt. 2a73d683bc1b2a9c93be5b0ac335fe5f

Vier gleich große Dreiecke hat der Tetraeder als Wände. In speziellen, verzinkten Stahlkörben lieferte in den 50er und 60er Jahren die Molkerei die Getränke in die Schule. In derselben Schule lernte ich, dass die Pyramiden von Gizeh viel größer und vor allem viel älter sind als die Getränketüten. Schon 2600 Jahre vor Christi Geburt, also vor mehr als 4600 Jahren errichteten viele fleißige Ägypter für ihren Pharao Cheops ein über 146 Meter hohes Grabmal, mit quadratischem Grundriss und einer Kantenlänge von 230 Metern. tourismus-an-den-touristenattraktionen-in-aegypten-wie-der-cheops-pyramide-ist-kaum-etwas-los-die-zahl-der-besucher-ist-zwar-gestiegen-liegt-aber-noch-unter-der-des-rekordjahres-2010Bis heute ist diese Pyramide die höchste, die je gebaut wurde. Pyramiden hatten auch in deutschen Landen um das Jahr 1800 Hochkonjunktur, weil Fürsten und andere Edelleute sich gerne ein so geformtes Gebäude als Totentempel zu Lebzeiten errichten ließen. Freilich waren das etwas kleinere Exemplare als die Riesen der Ägypter.

Warum schreibe ich heute so viel Text über Pyramiden? Genau: Weil ich bei meiner letzten Ausfahrt ein wunderbares Beispiel für solch ein Mausoleum mitten im Wald entdeckt habe. Wo: ganz nah beim Örtchen Garzau in Märkisch Oderland. Dort nämlich kaufte Graf Friedrich Wilhelm Carl von Schmettau im Jahre 1779 das Gut Garzau und legte nördlich davon einen weitläufigen Landschaftspark an, mit einem schlossähnlichen Bau und einer schmucken Pyramide am Nordrand des Parks, gebaut auf einem kleinen Hügel, garniert mit einem Sonnenhang, den er mit Rebstöcken bepflanzen ließ. Nicht nur als künftige Grabstätte, sondern auch für seine geodätischen Vermessungen hat die Pyramide vermutlich dem Grafen als Messpunkt  gedient. Schmettau und schon sein Vater waren begeisterte und treffliche Kartografen, die auf eigene Initiative die preußischen Lande östlich der Weser erstmals detailliert und geografisch genau in einem Kartenwerk erfassten.

Kartenwerk

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In Garzau fängt ein Wegweiser mit der Jakobswegmuschel und dem Schriftzug “Pyramide“ meine Aufmerksamkeit. Ich biege kurz entschlossen nach links ein und folge den Wegweisern über Pflaster, Schotter und Sand in den Laubwald hinein. Fünf Minuten später stehe ich staunend vor dem kleinen Rebhang und der auf dem Hügel thronenden Pyramide.

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Kein Mensch ist zu sehen, es herrscht die totale Ruhe. Unten, am Fuße des Pyramidenberges, stehen wachsam drei alte, mächtige Eichen im Halbrund.

Ich nehme einen großen Schluck aus der Trinkflasche und kaue genüsslich einen Schokoriegel, bevor ich mein Granfondo hangaufwärts schiebe.

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Das griechisch anmutende Portal aus Sandstein passt nicht so recht zum übrigen Baukörper. Hier wurde ägyptisch-griechisch historisiert. Wie so oft zum Ende des 18. Jahrhunderts in Preußen. Pyramiden finden sich auch in Bad Muskau, im Park Sanssouci, … und in der modernen Zeit sind sie als Glaskonstruktionen  en vogue. Vor dem Louvre zum Beispiel.

Die Schmettausche Pyramide aber ist die einzige und somit auch die größte, die aus Feldsteinen der Mark gebaut wurde. Das ursprüngliche Portal findet sich seit 1815 an der Südseite der Strausberger Marienkirche, wohin es der Landinspektor Haberkorn versetzen ließ. Eine seltsame Reise hat das Eingangsbauwerk hinter sich, seit der Graf Schmettau im Jahr 1804 Garzau verkaufte und sich mit dem Kauf des Schlosses Köpenick wieder neuen Projekten widmete. Der Graf Schmettau muss ein vermögender Mensch   gewesen sein – und ein eifriger Feldherr. Als Generalmajor in der Schlacht von Auerstädt schwer verwundet, schied er in Weimar, im  Hause der Charlotte von Stein, am 18. Oktober dahin, wie ich bei Fontane lesen konnte.

Mein Granfondo lehnt an der Feldsteinmauer vorm Portal, während ich Verbotenes tue. Ich klettere, den aufgemalten Warnschildern zum Trotze die Stufen und Rampen hinauf bis auf die schwindelnde Höhe von 14 Metern.

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Dann stehe ich im Gipfelpavillon, von dem aus der Graf den Blick auf seinen Park und sein Schloss genießen konnte. Ich sehe nur auf den dichten Laubwald, der sich im Laufe der Zeit des freien Feldes bemächtigt hat. Schön grün, schön ruhig. Hier könnte ich gerne länger verweilen, wenn nicht schon der Nachmittag fortgeschritten wäre. Also klettere ich wieder vorsichtig hinunter und rolle wieder auf die Landstraße zurück, die ursprünglich eine Heerstraße war und neuerdings den Verlauf des Europa-Radweges Nr. 1 markiert. Genau der führt mich hinüber nach Garzin, an Bergschäferei vorbei –  hier gibt es einen Hofladen mit allerlei Köstlichkeiten –, nach Waldsieversdorf.

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Der Radweg ist bestens ausgebaut und knickt nach Norden in die Märkische Schweiz ab, nach Buckow, wo es schon Bert Brecht und Helene Weigel so schön fanden, dass sie ein Wochenendhaus an den See bauten. Wie es sich für eine Schweiz gehört, gibt es hier reichlich Berge. Luisenberg, Judendicktenberg, alle um die 70 schwindelnde Meter hoch über Meeresniveau. Die Luft ist gut hier. Und würzig.

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Gerade bin ich am Hotel Bergschlösschen vorbeigekommen.

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Und dies ist in Fontanes „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ über Buckow zu lesen:

„Ja, Buckow ist schön, aber doch mit Einschränkung. Es hängt alles davon ab, ob wir Buckow die Gegend oder Buckow die Stadt meinen; – allen Respekt vor jener, aber Vorsorge gegen diese. Seine Häuser kleben wie Nester an Abhängen und Hügelkanten und sein Straßenpflaster, um das schlimmste vorwegzunehmen, ist lebensgefährlich. Es weckt mit seiner hals- und wagenbrechenden Passage die Vorstellung, als wohnten nur Schmiede und Chirurgen in der Stadt, die schließlich auch leben wollen.“

Zugegeben: Ganz so schlecht sind die Straßen heute nicht mehr, aber die verbliebenen Pflasterpassagen haben durchaus noch Fontane-Qualitäten.

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Rampe in Buckow

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Es war einmal – eine Drogerie

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Es war einmal – ein Café

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Es war einmal – ein Bahnhof

Der R1 führt durch herrlichen Buchenwald hinüber nach Münchehofe und dann heran an die Ostbahn und Obersdorf.

Laut Fahrplan kommt hier der nächste Zug nach Berlin erst um 18.44 Uhr an. Eineinhalb Stunden warten und keine gastliche Stätte in Sicht.

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Ein „Gasthaus“ Oha!

So fahre ich noch eine Runde über Neuhardenberg und dann über Hermersdorf zurück zur Bahn.

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Kunst im Bau

Die zwei Kilometer märkisches Brutalpflaster ohne Seitenstreifen von Wulkow hin nach Hermersdorf kann ich nur Masochisten oder Mountainbikern empfehlen.

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Halt in Obersdorf

Und das Resümee des Tages lautet: Pyramide entdeckt, Wälder genossen, die Schweiz durchkurvt, dem Durst und dem Hunger nur knapp entkommen.

Schön war’s!

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Der Barnim, der Finowkanal, und der Schwan von Eberswalde

Mittwoch, 1. April 2020, 11.43 Uhr. Ich stehe auf dem Vorplatz des Tierpräparators Ernst in Heckelberg. „Schlaue Füchse lassen nur bei Ernst präparieren“, lese ich im Schaufenster. Und nur dumme Füchse lassen sich schießen, um dann beim Ernst ausgestopft zu werden, kommt mir dazu in den Sinn. Im Schaufenster daneben Geweihe, Schnitzfiguren, Tand. Auch Zeitungen, Schreib-und Kurzwaren werden hier feilgeboten.

Der Präparator arbeitet sicher im Homeoffice hinter seiner Werkstatt. Die Ladentür ist verschlossen, so wie das ganze Dorf. Auf der Heckelberger Straße rolle ich rüber nach Brunow, dann lasse ich mich von einem nach Wölsickendorf weisenden Radwegschild verführen, hier abzubiegen. Auf den nächsten Kilometern erinnere ich mich an die Flüche von Peter, als wir vor zwei Jahren auch diesen Weg genommen hatten.

Erst Plattenweg, dann Schotter, dann grobes Pflaster, danach ein sandiger Hohlweg. Selten steige ich ab vom Granfondo, außer ich will eine Pause machen. Hier aber muss ich für 200 Meter runter vom Rad.

Die Hinweisschilder sind auf den Typ „Wanderweg“ reduziert. Nach einem kleinen Anstieg durch Kiefernwald weitet sich der Blick, ein langer Feldweg, der von blühenden Schlehenbüschen gesäumt ist, führt nach Wölsickendorf.

Diese Aussicht tröstet bestens über die Unbill des Rumpelweges hinweg. Auf dem Kirchplatz erinnert die frisch vergoldete Inschrift auf einem riesigen Findling an die Gefallenen des 1. Weltkrieges .

Im Wald  bei Wollenberg  passiere ich das Gelände des riesigen ehemaligen NVA-Bunkers aus den 80er Jahren, der mittlerweile von einer örtlichen Initiative zum Museum umgestaltet wurde. Mit modernster Funktechnik ausgerüstet, komplett autark mit Dieselaggregaten zur Stromerzeugung und mit eigenem Wasserwerk. Vergangenheit.

Die Landstraße 35 ist an die sanften Wellen des Barnim anmodelliert. Cöthen kommt in Sicht.

Hier führt ein Weg hinunter nach Falkenberg und hinüber zur Carlsburg durch den ehemaligen Gutspark des Anwesens der Familie von Carl Friedrich von Jena. Dem ehemaligen Gutshaus ist die alte Pracht abhanden gekommen.

Typisches DDR-graubraun ziert die Fassaden. Ein „mehrheitlich queer-feministisches Kollektiv“ müht sich seit Jahren, wieder Leben in die Liegenschaft zu bringen. Mit augenscheinlich mäßigem Erfolg.

 Vorbei an Wasserrad und Wasserfall gleite ich hinunter nach Falkenberg und bin aufs Neue erstaunt über die Hausbezeichnungen Mon Choix und Mon Plaisir. So taufte seinerzeit Carl Friedrich von Jena seine Sommerresidenz. Heute residiert hier ein kleiner Gasthof mit integriertem Puppenmuseum. In Falkenberg biege ich ab in Richtung Niederfinow-Eberswalde und arbeite mich auf dem Oder-Havel-Radweg  gegen den frischen Westwind vor. Im Wald knarren aneinander reibende Stämme, Spechte hämmern im Totholz an ihren Behausungen. Mein Lieblingsplatz an der Ragöser Schleuse liegt verlassen da.

Sehr erfreulich in Corona-Zeiten. Ich mache es mir gemütlich, knabbere gleich zwei Körnerriegel weg und genieße dazu das kühle Wasser aus der Trinkflasche. Zum ersten Mal lese ich die Schilder an der Schleusenbrücke: Vollendet im Jahre 1877. Also ist dieses Bauwerk erst in einer späteren Ausbauphase des Finowkanals entstanden. Denn der ist schließlich mit der Inbetriebnahme im Jahr 1620 die älteste künstliche Wasserstraße nördlich der Alpen.

Der Finowkanal brachte im 18. Und 19. Jahrhundert mannigfaltige Industriebetriebe in die Region. Eine Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs begann. Wer heute den Radweg auf der ehemaligen Treideltrasse unter die Räder nimmt, dem begegnen auf jedem Meter die Zeugen der vergangenen Zeit. Und jedesmal, wenn ich hier vorbeikomme, entdecke ich wieder Neues und Interessantes. Dieser Weg ist ein historischer Pfad durch die Industriegeschichte der letzten zwei Jahrhunderte. Der Wohlstand der Gründer- und Aufbauzeit ist nur noch zu erahnen.

C(h)orona auch in Eberswalde

Von den großen Fabriken, Kraftwerken, Mühlen stehen nur noch Ruinen am Kanal. Info-Tafeln führen die Gedanken in die alte Zeit.  Als meine Gedanken in die Vergangenheit driften und ich mir die Bauruinen im Blütezustand vorstelle, lenkt ein großer, weißer Schwan meine Aufmerksamkeit einzig auf sich.

Mitten auf dem Treidelweg neben der Eberswalder Schleuse kommt er mir entgegen. Langsam watschelnd, aber in stetigem Tempo, immer näher und näher. Ich halte an und steige vom Rad. Der Schwan läuft weiter, mich immer fest im Blick und umgekehrt. Ganz nah vor mir zischt er mir laut entgegen: „lass mich vorbei, dann bekommst du keinen Ärger“. Nah zum Anfassen schreitet er an mir vorbei und geht wieder auf sein Revier zu, auf das Wasser des Finowkanals. Das ist der „magic-moment“ des heutigen Tages. Allein dafür hätte sich die Ausfahrt schon gelohnt.

Aber zurück zur Industriekultur am Finowkanal. Wer hier mit offenen Augen entlang geht oder fährt, kann die Geschichte vorm geistigen Auge real werden lassen.

Die Ruinen der Papierfabrik
Kraftwerk Heegermühle
Ob Fontane sich auf dieser Brücke 1845 verlobt hat? Zweifel sind angebracht. Angeblich sind Fertigungsstempel eines Walzwerks aus dem Ruhrgebiet vorhanden. Theodor und Emilie wird es nicht mehr kümmern.

Ein Floß nahe der Flößersiedlung

Mit ein wenig Phantasie funktioniert das. Die alte Papierfabrik, die Messingwerksiedlung, das Kraftwerk Heegermühle, die Schöpfurter Mühle, die industriellen und die sozialen Errungenschaften unserer Geschichte. Hinschauen, informieren und nochmal hinschauen. Es lohnt sich!

Zum Nachfahren und Informieren:

https://www.tourismus-eberswalde.de/fileadmin/user_upload/Prospekte/prospekte_2018/Eberswalde-Broschuere-Industriekultur-Webversion.pdf?download

und hier auf STRAVA: https://www.strava.com/activities/3242993968