Paris–Brest–Paris, en route

Nur nicht schon auf den ersten Metern in den Dreck fallen – ich bin froh, als meine J-Gruppe endlich das Parkgelände verlässt und die Landstraße erreicht. Manche machen schon jetzt mächtig Druck und rauschen mit über 30 km/h los. Andere sind dabei, sich zu finden, fingern am Gepäck herum und machen dabei unfeine Schlenker. Schließlich beruhigt sich die Gruppe und findet zu einem auch für mich verträglichen Tempo. Genau um 18.16 Uhr bin ich über die Startlinie gerollt, sehr professionell, wie die Veranstalter es schaffen, entspannt und ohne Hektik, aber trotzdem genau im Zeitplan die Akteure loszuschicken. Die machen das gerne, und sie machen es sehr gut! Mein Tempo finden, meinen Rhythmus – das habe ich mir fest vorgenommen. Aber es ist schwer, und es fällt schwer. So bin ich auch bei meinem dritten PBP etwas zu schnell unterwegs, die Gruppe läuft sehr gut, und ich kann, ohne mich zu plagen, dranbleiben. Angenehme Sache bei dem spürbaren Westwind, der auf dem freien Feld noch deutlicher wird. Da ist der breite Rücken des vor mir fahrenden Mid-Essex-Randonneurs ein schönes, kraftsparendes Schutzschild. Rechts vor mir erkenne ich an den Füßen ohne Socken Wolf aus Berlin. Der ist immer recht zügig und zuverlässig unterwegs. Vielleicht kann ich eine Weile mit ihm mithalten.OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Die Sonne taucht die Felder in mildes Abendlicht, die Reifen surren, es wird kaum geredet im Peloton. So darf es weitergehen. Der erste Verpflegungspunkt ist Mortagne bei km 118. Gegen 21 Uhr wird die Sonne hinterm Horizont verschwinden, und die erste Nacht wird beginnen. Schon auf den ersten Kilometern wird aufs Neue klar: PBP ist ein welliger Kurs – ein stetes, immer wiederkehrendes Auf und Ab. Raufkurbeln und hinunterrauschen. Bei eingeschalteten Lichtern markieren die vor mir Fahrenden den Straßenverlauf und die Anstiege in Form einer roten Perlenschnur. In den Abfahrten überhole ich mühelos die vor mir Fahrenden. In den Anstiegen geht es wieder umgekehrt. Eine große Gruppe „Gelbwesten“ bleibt über 50 Kilometer beisammen. Dann, in einer schnellen Abfahrt, spüre ich einen Arm in meiner rechten Seite. Ich halte gegen, komme aber immer weiter auf die Gegenfahrbahn. Verdammt, will mich der Typ vom Rad holen?! In letzter Sekunde kann ich mich lösen und wieder in die sichere Spur finden. Mein Adrenalin ist in Sekunden hochgeschossen, und ich brülle den „Drücker“ an. Er, ein Japaner, entschuldigt sich vielmals. Sekundenschlaf? Einfach unkonzentriert? Ich werde es nicht erfahren. Wichtig ist, ich sitze noch auf dem Rad, und das Adrenalin kommt wieder runter. Durchatmen, es ist nichts passiert.

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Wir fahren hinein in eine Mondnacht, fahles Licht. Grün-, Braun- und Grautöne lösen die satten Farben des Tages ab. Hügel rauf, Hügel runter. Die Beine arbeiten gut. Um kurz nach 23 Uhr erreiche ich Mortagne. Ich liege eine Stunde vor meinem Zeitplan – beruhigend. Es ist kühl geworden, Zeit, die Jacken überzuziehen, die Beinlinge auszupacken und dann dem Körper einen kleinen Imbiss zuzuführen. Ein großer Kaffee, ein Schinkensandwich, dann drängle ich mich wieder raus. Viele machen hier eine ausgiebige Pause oder liegen schon erschöpft auf dem kühlen Boden. P8184604.jpg

Ich fülle meine Trinkflaschen auf und werfe die Powerbar-Mango hinein. Gut für den Mineralienhaushalt, und schmecken tut es auch.OLYMPUS DIGITAL CAMERA

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“ Warum wurde 1932 die Gangschaltung erfunden? Damit die Hügel von Perche leichter erklommen werden können“

Jetzt weiß ich das endlich auch.

Es dauert ein paar Minuten und ein paar Höhenmeter des nächsten Hügels, bis meine Wohlfühltemperatur wieder erreicht ist. Das Feld zieht sich jetzt weit auseinander, aus der Lichterkette werden Lichtpunkte. 100 Kilometer durch die Nacht und ins Morgengrauen hinein bis zur ersten echten Kontrolle in Villaines Juhel liegen vor mir. Ich fühle mich gut, es kann weitergehen. OLYMPUS DIGITAL CAMERA

2.25 Uhr: Teck Meng aus Singapur hat sich neben seinem Colnago auf dem blanken Stein des Bürgersteigs abgelegt. Die Lichter brennen noch.

Zum Morgengrauen hin sinken die Temperaturen bis in den einstelligen Bereich. Ohne Rettungsdecke oder gar Biwaksack können Liegepausen auf dem ausgekühlten Boden böse Folgen haben. Also entweder rauf auf eine Bank oder rein in eine wärmende Decke. Meine Gedanken scannen noch einmal den Zeitplan ab. Das Tal der Sarthe habe ich gequert, noch 50 Kilometer bis Villaines. Ich erinnere mich an die leckere heiße Suppe, die ich 2015 hier genießen konnte. Vorfreude! OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Endlich, um kurz vor fünf Uhr, das Leuchtfahrrad am Stadtrand von Villaines la Juhel! Die Ortsdurchfahrt ist schmal und vollgestellt mit Absperrgittern und langen Stangen, zum Dranhängen der Räder. Gedränge. Rad abstellen, Treppe rauf zur Kontrolle, Trinkflaschen wieder füllen. Die Suppe gab es doch vor vier Jahren auf der anderen Straßenseite?! Dieses mal aber leider nicht. Nur nicht anfangen, auszukühlen, sage ich mir. In Bewegung bleiben. Zur Not tut es jetzt auch ein dicker Eiweißriegel aus meinem Proviant.

Die Blautöne des Morgengrauens werden zum zarten Rot des nahenden Sonnenaufganges. Nebelschwaden liegen im Bachgrund. Der wunderbar würzige, weiche Pié-d’Angloys-Käse kommt genau aus dieser Region. Ich träume von  einem  Frühstück mit frischem Baguette und Käse und Kaffee. Der nächste Kontrollpunkt ist die alte Festungsstadt Fougères in der Bretagne bei Kilometer 306. Mindestens vier Stunden noch im Sattel aushalten, dann winkt um die Mittagszeit eine ordentliche Mahlzeit. In Le Ribay, wo der Track die N12 kreuzt, haben Fans eine riesige Skulptur aus Fahrrädern, Flaggen und Lampen aufgebaut:

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Ich versuche, auf der gegenüberliegenden Straßenseite einen Kaffee zu ergattern, aber die Warteschlange vor dem Stand lässt mich wieder auf den Kurs abdrehen. Drei Datteln und ein großer Schluck aus der Pulle müssen auch reichen für die nächsten Kilometer. Reicht aber nicht! 30 Kilometer weiter, auf halbem Wege nach Fougères, bekomme ich weiche Knie und rolle in eine Einfahrt zu einem Bauernhof hinein. Kein Mensch ist hier zu sehen, nur zwei zufrieden kauende  Rinder stehen im Garten. fullsizeoutput_50dd

30 Minuten Ruhe und Flachliegen  gönne ich Körper und Seele. Gerade noch rechtzeitig nach 15 Stunden. In Fougères fahre ich um 11.15 Uhr über die Zeitmess-Schwelle. Wasser ins Gesicht, Hände waschen, Zähne putzen, Toilettengang. Dann widme ich mich der Speisekarte:IMG_0970.jpg

Ich wähle Omelette Nature mit Kartoffeln, dazu Cocktail de Fruits, ein halber Liter Apfelschorle ergänzt das Menü. Rundum satt und zufrieden verlasse ich nach 20 Minuten die gastliche Stätte und schlage mein Lager unter den schattigen Bäumen vor der Halle auf. Kaum liege ich flach, kommt Otmar aus Potsdam um die Ecke. Welch freudige Begegnung! Ich erinnere mich immer noch gern daran, wie er mir bei einer Abschlussveranstaltung generös zwei sehr gut erhaltene Campa-Record-Kettenblätter schenkte, die in seinem Keller nach eigenen Aussagen sonst verstaubt wären. Hab Dank, Otmar. Hier in Fougères wartet er auf den Kollegen aus Potsdam, der das erste Mal bei PBP dabei ist und den er begleitet und betreut.

Erst um kurz vor 13 Uhr sitze ich wieder auf meinem Endurace. Schon 54 km weiter wartet Tinteniac, das ich um 15.15 Uhr erreiche. 20 Minuten später kurbele ich weiter, die Trinkflaschen sind aufgefüllt, ich fühle mich gut. Jetzt kommt nach den vielen Geländewellen der erste längere Anstieg zum Sendemast bei Bécherel, einem kleinen Ort mit 660 Einwohnern, aber 15 Büchereien! Ich fahre trotzdem ohne anzuhalten durch das charmante Dörfchen und genieße die herrlich glatte und leicht abfallende Straße.

In Le Parson haben die Anwohner traditionsgemäß wieder einen Verpflegungsstand aufgebaut. Kaffee trinken, Trinkflasche füllen, Gebäck knabbern.

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Wo wäre ich wohl geblieben, wenn hier wirklich Champagner aus der Flasche strömen würde?!

Die Sonne sinkt langsam hinunter auf den Horizont. Um 19.30 lege ich mich in Ménéac für 20 Minuten unter riesigen Stieleichen und einem historischen Kreuz auf eine schattige Bank. Die Randonneure ziehen vorbei, derweil ich die müden Beine hochlege. IMG_0980.jpg

Zwei Stunden später erreiche ich Loudéac, km 445. Die Sonne geht zum zweiten Mal unter. fullsizeoutput_50e7

21.30 Uhr, bei Kontrolle Nr. 4 bin ich 30 Minuten hinter meinem Zeitplan. Stempel holen und zügig weiterfahren, heißt das. Es geht hinein in die zweite Nacht. Als ich meine Nachtbekleidung anziehe, die Beinlinge überstreife, sehe ich Claus, den alten Recken, auf einer Bank sitzen. Auch er macht sich nachtfertig.72AC05B6-0B1B-4AF4-BDF5-981F371697D5.jpg

Claus aus Hamburg ist der Gründervater der deutschen Randonneursbewegung. Er hat schon PBP absolviert, als ich noch nicht an Langstreckenfahren dachte. Und ein paar Jahre älter als ich ist er auch. RESPEKT! Gemeinsam rollen wir aus dem Ort hinaus, in der Hoffnung, ein kleines Restaurant zu finden, in dem wir ohne Warteschlange eine Kleinigkeit zu uns nehmen können. Kurzum, eine Warteschlange gibt es in dem Gasthof nicht, allerdings sind die Tagliatelle, die draußen beworben werden, nicht mehr zu haben. Schließlich müssen wir uns mit einer Portion Pommes zufriedengeben. Bei Claus rumort der Magen, er reagiert empfindlich auf die Kühle der einbrechenden Nacht. So machen wir ein paar Minuten länger als geplant Pause und verlassen dann die wenig gastliche Stätte. Claus will in St. Nicolas-de-Pelem eine Schlafpause einlegen. Dieser Planung schließe ich mich gerne an, schon auf halbem Wege nach Carhaix ist das ideal, um ein paar Stunden Schlaf zu bekommen. Zuerst rausche ich recht schnell in eine kleine Abfahrt hinein – meine E3 Pro plus Lupine Piko machen die Nachtfahrt zum Genuss – dann verliere ich Claus aus den Augen. Ich meine, dass er mich in einer der folgenden Rampen wieder überholt, bin mir aber nicht sicher. Um 01.40 Uhr rolle ich in St. Nicolas aus. Hier haben die Organisatoren eine „Controle surprise“ eingebaut, wie der Kollege, der mir den Stempel in mein Brevet-Heft drückt, verschmitzt bemerkt. Dann gehe ich hinüber zur Halle, wo die Schlafliegen aufgebaut sind, und sage an, dass ich zwei Stunden schlafen will.

Schon nach gut einer Stunde werde ich geweckt. Grrrr! Die Kollegen haben wohl die falsche Zeit notiert gehabt. Was soll es, denke ich und mache mich wieder fahrfertig. Carhaix bei km 521 ist die nächste Kontrolle. Ich werde spürbar langsamer, und die Rampen kommen mir immer steiler vor. Wer hat diese fiesen Hügel hier aufgeschüttet, die waren doch vorher nicht hier. Endlich, um 5.30 Uhr, erreiche ich Carhaix. 15 Minuten später bin ich schon wieder unterwegs. Die Morgendämmerung und die aufgehende Sonne verleihen neue Kräfte. Dann kommt ein echter „magic moment“, als ich in Huelgoat beschließe, auf den Marktplatz des Örtchens zu fahren. Ein kleines Hotel hat die Pforte geöffnet, und ich bekomme einen ultrastarken Espresso und dann ein herrliches Croissant. Meine Morgentoilette kann ich hier auch komfortabel erledigen. P8204665.JPG

So gestärkt steige ich eine halbe Stunde später wieder aufs Rad und kann mich geradezu freuen auf den Anstieg zum Roc’h Trévezel, den mit 384 m höchsten Punkt von PBP. Hört sich nicht gerade gewaltig an, beißt aber ordentlich in die Waden, wenn man schon gefühlt 100 Wellen der Bretagne abgeritten hat.

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Drunten im Tal wallt der Nebel. IMG_0984

Begleitfahrzeuge haben Aufstellung genommen, versorgen die eigenen aber auch die „fremden“ Fahrer. IMG_0991.jpg

Ein Franzose mit aufgepflanztem Eiffelturm und Tricolore zieht vorbei. Ein paar hundert Meter weiter geht es endlich hinunter in Richtung Brest.IMG_0992.jpg

Nicht zu früh freuen, das habe ich in den vergangenen Jahren gelernt, als ich dachte, ich sei schon fast in Brest. Einige üble kurze und lange Rampen warten noch, bis die legendäre Brücke erreicht ist.IMG_1001

Zugegeben, ich habe auch schon mal frischer ausgesehen.

Mit dem Glockenschlag um 12 Uhr überfahre ich die Zeitnahme in Brest und halte mich an der untypisch gar nicht so gastlichen Kontrollstelle, die Halbzeit und Umkehrpunkt von PBP ist, nicht lange auf. Ich ziehe eine schöne Boulangerie auf dem nächsten Hügel vor, die leckere Baguette und guten Kaffee zu bieten hat.

Schon geht es wieder rauf auf den Roc, an dem sich heute einige Gleitschirmflieger in Hangwind und Thermik tummeln. Knapp 100 Kilometer weiter, wieder in Carhaix, wartet die nächste Kontrolle auf dem Rückweg. Eigentlich sollte das Rückenwind geben und  Motivation. Stattdessen werde ich immer langsamer. Gefühlt sind alle anderen schneller als ich. Was ist los mit dir, frage ich in mich hinein. Und finde keine Antwort. Als wenn mir eine unbekannte Hand den Stecker gezogen hätte. Weiterfahren, sagt mir der Kopf. Ins Gras legen, sagen die Beine! 30 Kilometer vor erreichen von Carhaix lege ich mich dann wirklich ins Gras und schlafe eine Stunde lang. Und wache auf, ohne mich erholt zu fühlen. Ist es das Alter? Ist es der Schlafmangel? Kann ich nicht mehr schnell genug regenerieren? Vielleicht ist es eine Mischung von allem. Ich erwische mich dabei, im iPhone und Booking.com nach einem Hotel in der Nähe zu suchen. Jetzt fehlt jemand, der mich in den Allerwertesten tritt. Oder ist es vielleicht genau das Richtige, hier und jetzt aufzuhören?! Der innere Kampf dauert nicht lange. Der Schweinehund trägt den Sieg davon. In Carhaix angekommen, gehe ich zu den netten Herren in der Kontrolle und gebe meine Aufgabe bekannt. „Abandon“ trägt der Grauhaarige um 20.55 Uhr in mein Brevetheft ein. Ich bin nicht traurig, ich fühle mich eher erleichtert, dass ich diese Entscheidung getroffen habe. Ohne echte Not, ohne Schmerz. Aber trotzdem.

Mit meiner Frau habe ich im Vorfeld des Entschlusses telefoniert. Sie ist erleichtert. Sie bestärkt mich darin, genau hier den Punkt zu setzen. IMG_1006.jpg

Dann kurbele ich geradezu leichtfüßig in das Hotel Noz Vad. Das Bier schmeckt wunderbar, die Dusche ist wohltuend, das Bett fühlt sich an wie das Paradies.

Morgen werde ich ausgiebig frühstücken und schauen, wann ein Zug in Richtung Paris fährt. Aber davon im „Epilog“ mehr.

 

Paris–Brest–Paris, Prolog

Willst du das unbedingt noch einmal machen? Fahren durch die Nächte, schwitzen, frieren, bis zur Erschöpfung und dann wieder von vorn … Das werde ich gefragt, das frage ich mich selbst zu Beginn dieses Jahres. Dann kommen die Quali-Brevets: 200, 300, 400, 600 km. Läuft! Schöne Kilometer mit viel Brandenburg, Meck-Pomm und Ostseestrand. Mit Freunden, netten Menschen in herrlicher Natur. Warum also nicht auch noch das Sahnehäubchen obendrauf: Paris–Brest–Paris! Ja, ich will es noch einmal, als Oldie, im 70sten Lebensjahr. Noch einmal die ganz besondere Atmosphäre dieser grandiosen Veranstaltung erleben. Dabei sein!

Immer, wenn ich mit meinem Alter kokettiere, weiß der Leser, dass es dann wohl doch nicht ganz so locker laufen sollte wie erhofft. Und so kommt es dann auch.

Aber von vorn: Welches Rad nehme ich dieses Mal? Das Titan-Granfondo oder doch das Canyon Endurace, das mich schon so zuverlässig und leichtfüßig bei der Dutch–Capitals–Tour über 1425 Kilometer getragen hat. Als ich auch nach Einziehen eines neuen Schaltzuges beim Granfondo die Ultegra nicht richtig exakt eingestellt bekomme – manchmal muss ich leicht nachjustieren beim Schaltvorgang, egal wie ich auch die Zugspannung einstelle – , fällt die Entscheidung zugunsten des Endurace mit seiner feinen Chorus-11-fach, die seit Jahren überaus zuverlässig und exakt schaltet. Die Campa-Bremsen greifen auch härter zu als die Cane-Creek beim Granfondo. Und gut 1 kg leichter ist das Endurace auch. Also baue ich meine Elektronik samt Nabendynamo und E3 Pro und Rücklicht wieder ans Canyon. Übung macht den Meister. fullsizeoutput_50dd

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Never change a winning configuration …

Am 16. August sitze ich samt Radkoffer im ICE von Berlin über Stuttgart nach Paris. Das 1. Klasse-Sparticket für 69 € sorgt für einen bequemen Sitzplatz. Der Bike-Bag lehnt sicher an der Waggonwand, und ich habe ihn sogar im Blick. Entspannung macht sich breit. „Et rollt“. Um 5 Uhr in der Frühe steige ich in Stuttgart aus – zwei Stunden Umsteigezeit sind totzuschlagen. Erst um 7 Uhr startet der TGV nach Paris. Und das Warten im „Umbaubahnhof“ Stuttgart erlebe ich als absolute Zumutung für Fahrgäste. Das ursprüngliche Angebot an Gastlichkeit im alten Bahnhofsgebäude existiert nur noch als leere Hülle, die neuen Läden sind noch nicht in Betrieb. Der Fahrgast steht einfach nur staunend in diesem Katastrophenbahnhof. Und das im „Ländle“ der so perfekten Schwaben. IMG_0842

Stuttgart – Bahnhofshülle ohne Inhalt

Nach langen zwei Stunden hin- und herlaufen, sitzen und staunen, kann ich endlich meinen gemütlichen Platz im TGV genießen. Und Kaffee gibt es auch einen Waggon weiter. Um 10 Uhr rollt der Zug pünktlich im Gare de l’Est ein. Ich laufe 150 Meter bis zu meinem vorgebuchten „Bagdrop“, einem Fotoladen, der sich ein paar Euro mit dem Aufbewahren von Touristengepäck verdient. Nach einer Viertelstunde habe ich mein Rad zusammengebaut und fahre 8 Kilometer durch Paris zum Gare Montparnasse, in dem die Vorstadtzüge starten. Schon eine Stunde später checke ich im Billig-Hotel IBIS-Budget in Coignières ein. Alles automatisch, per Code – Wegfall Personal! Das Zimmer ist winzig, aber das Rad passt noch vor das Bett. Bis 18 Uhr habe ich Zeit, zur Radkontrolle und zum Abholen der Startunterlagen in der Bergerie von Rambouillet zu fahren, dem diesjährigen Startort der letzten Etappe der Tour de France. Welche Ehre. Aber schließlich ist PBP älter als die Tour und deren legitimierter Vorgänger.

Der Himmel ist grau, es regnet leicht, der Wind bläst fies aus westlicher Richtung. Ich warte bis 14 Uhr und fahre los nach Rambouillet. 17 Kilometer, teilweise an der N 10 entlang, auf  einem Radweg, der einigen Unrat und auch Scherben zu bieten hat. Pünktlich zum Einrollen in den Park hört es auf zu regnen. Dafür sind die Parkwege vermatscht und fordern die Fahrtechnik. IMG_0899

 

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Radkontrolle und Übernahme der Startunterlagen sind perfekt organisiert, und so tun  die eingesauten Räder der guten Stimmung keinen Abbruch.IMG_0893 IMG_0874

Um 17 Uhr wollen sich die deutschen Randonneure an der anderen Ecke des Parks treffen zum Fototermin. Als ich mit meinen Unterlagen aus der Bergerie komme, ist es schon fast halb sechs. Die Reden sind gehalten, die offiziellen Bilder gemacht, Randonneure und Räder liegen und stehen noch auf der regenfeuchten Wiese. Alte Bekannte, viele neue Gesichter – das tut gut und beruhigt.

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Claus nimmt einen Novizen unter seine Fittiche

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Reden über vergangene Abenteuer, über Material, über die Stimmung hier, über Freunde, die nicht mehr dabei sein können … Und dann mache ich mich wieder auf den Weg nach Coignières. Mit Papiertüchern mache ich das Endurace zimmerfertig, checke wieder ein und suche mit mäßigem Erfolg in der Nähe eine gastliche Stätte, wo ich mich für den nächsten Tag stärken kann. Mein Aktionsradius ist durch den wieder einsetzenden Regen eingeschränkt. In einem McDonald’s-ähnlichen Schnellfress-Lokal werde ich dann zumindest satt. Um 22 Uhr liege ich im Bett und lasse meine Gedanken zu Strategie und Taktik und Zeitplan und und … kreisen. Irgendwann schlummere ich ein.

Beim Petit déjeuner, das wirklich „petit“ ist, lerne ich Michael und seine Frau kennen, die so freundlich sind, meinen Gepäck-Rucksack über die Tage bis zur Rückkehr aufzubewahren. Das wunderbare Hotel sieht sich nicht in der Lage, dies zu tun. Als die Regenfront gegen 13 Uhr endlich durchgezogen ist, rolle ich los gen Rambouillet. Die ersten Sonnenstrahlen brechen sich Bahn, und bei der Einfahrt in den Park blicke ich in jede Menge gut gelaunt dreinschauende Gesichter. P8184483-1.jpg

Sina, die zu den ganz schnellen deutschen Frauen zählt, unterhält sich bestens mit einem der Veranstalter.

Die meisten Starter haben sich schon um die Mittagszeit eingefunden. Etwas ruhen, etwas essen, rumschauen, Bekannte wiedersehen. Das ist das Vorbereitungsprogramm für den Start.

 

Alex Singer weiß, wie man treffliche Randonneur-Maschinen klassischer Art baut.

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Diese beiden begeisterten jungen Männer stehen beispielhaft für mehr als 2500 Volunteers, die dafür sorgen, dass PBP reibungslos verläuft. Beim Hineingehen in den Innenhof kommt mir  Gerhard entgegen, der sich gerade ein riesiges Bratwurst-Sandwich einverleibt. Draußen am See nehmen die Schweizer Randonneure Aufstellung zum Gruppenfoto:IMG_0950

Ein Kollege aus Japan meditiert mit Blick auf die herrlichen Schwäne.IMG_0945

Und am Eingang zur Bergerie treffe ich William aus Irland, mit dem ich 200 Kilometer der Dutch Capitals Tour Seite an Seite gefahren bin. Die Welt ist klein! OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Auffallend ist, dass Inder, Chinesen und auch Japaner wesentlich stärker vertreten sind als bisher. Die Langstrecken-Begeisterung verbreitet sich offensichtlich zunehmend in den asiatischen Raum. Besonders die Chinesen scheinen allerdings den Begriff „unsupported“ nicht so ganz ernst zu nehmen. Die Kollegen gehen mit Rädern in reiner Race-Konfiguration ohne jedes „überflüssige“ Gepäck an den Start.P8184502.jpg

Die chinesische Art: Trinkflasche, Werkzeug  und sonst gar nichts! Wo ist die Beleuchtung, die bei der Radabnahme kontrolliert wurde??? Jedem das Seine.

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Hier der historische Gegenentwurf aus Frankreich mit Hemd und Fliege und Eiffelturm am Lenker.

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Aus Malaysia geht ein Randonneur mit diesem Fatbike an den Start. Um es vorab aufzulösen: Mr. Cinchotikorn kam noch nicht einmal bis zum ersten Kontrollpunkt.

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Die Fahrer der Begleitmotorräder machen sich schon bereit, bald geht es los mit PBP 2019. Es fängt an zu kribbeln im Bauch. Ich gehe wieder an mein Endurace und schaue nach, ob auch wirklich alles korrekt montiert ist und fest am Rad sitzt. Die Riegel in der Tasche, die Datteln, die Powerbar-Tabletten, Langfinger-Handschuhe für die Nacht, alles ist da, es kann losgehen. Gegen 17 Uhr rolle ich in Richtung Startaufstellung. Mein Start wird um 18.15 Uhr sein.

 

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Der Startbogen rückt näher, die Uhr tickt herunter, Matthias und Stefanie sind zum Start gekommen und wünschen mir „bonne route“. Matthias startet erst am nächsten Morgen in der 84-Std.-Gruppe. P8184548.jpg

Soon Giap aus Thailand hat sich einen Propeller auf den Helm geschnallt und wünscht „happy new year“. Schräger geht es nicht.

Exakt um 18.15 Uhr kurbele ich über die Startlinie. Es geht los. Das Abenteuer hat begonnen.

Spree-Neiße-Elbe Teil 2

Russland – Moskau und St. Petersburg beschäftigen mich immer noch. Die Reise liegt gerade eine Woche zurück. Beide Städte lassen sich am besten zu Fuß, per Metro und Bus erkunden. Und beide Städte sind ein ungeheurer Fundus von Geschichte und auch der neuen Zeit. Erst heute finde ich die Muße und habe ich die Lust, den zweiten Teil meiner Radtour an Spree, Neiße und Elbe in die Feder zu denken.

Ich beziehe mein Zimmer im West-Hotel und freue mich über den herrlichen Blick auf Flachdach und Leuchtreklame. Mein Basso hat Platz gefunden zwischen E-Bikes und sonstigen Leihrädern. Utensilien für die Zimmerreinigung stehen herum, mein italienischer Klassiker fühlt sich gar nicht wohl hier. Ich auch nicht! Und so wandere ich los unter der Bahnbrücke hindurch an der breiten Straße entlang. Wo finde ich hier ein schönes Restaurant, eine Weinstube gar? Zwei Kilometer triste Architektur, Tankstellen und Baumärkte, dann das kleine Wunder: An der Coswiger Straße in Radebeul entdecke ich das Restaurant „Gaumenkitzel“, das sich als absoluter Top-Tipp erweisen sollte. Ich esse einen Matjes mit herrlich gemachten Zutaten, Kartoffeln, winzigen, wohlschmeckenden Bohnen, dazu trinke ich auf Empfehlung des Hauses einen Bacchus-Weißwein von der Elbe. Die netten Tischnachbarn, der Koch, die Hotelchefin, alle sorgen dafür, das dies ein gelungener Abend für mich wird. Jetzt kann ich das Hotel locker ertragen, zumal das Frühstück am nächsten Morgen erstaunlich vielfältig und von guter Qualität ist.

Peter wird heute morgen von Potsdam per Bahn nach Elsterwerda fahren und mir dann entgegenkommen. Irgendwo bei Riesa wollen wir uns treffen.

Es tröpfelt noch leicht aus dem wolken verhangenen Himmel. Die Albrechtsburg von Meißen kommt in Sicht. Den Elberadweg habe ich heute morgen für mich allein. Störche staksen auf der Suche nach Fröschen durch die Elbauen. Im Nordwesten schimmert das erste Blau zwischen den Wolken. In Nünchritz dominiert nicht mehr die Natur, hier prägt die Chemie-Industrie seit 1900 das Landschaftsbild. Silikone, Silikate, Bausteine für Fotovoltaik-Elemente werden hier erzeugt. Ich möchte nicht wissen, welche Schadstoffe hier in den letzten Jahrzehnten in den Boden und in den Fluss gesickert sind.

Wacker-Chemie in Nünchritz

Die mehr als 1500 Beschäftigten werden solche Vermutungen wahrscheinlich weniger umtreiben.

Bei Riesa biege ich ab nach Norden und sichte Peter, der mir von Elsterwerda aus entgegenkommt. Gemeinsam wollen wir weiter die Elbe abwärts rollen. In Mühlberg gönnen wir uns die erste Pause. Vor zwei Jahren hatten wir hier bei unserer Tschechien-Tour übernachtet und festgestellt, dass in diesem Ort „der Hund begraben liegt“. Wie es am hellen Tage hier ausschaut, testen wir heute. Die Familie Fontane hat hier angeblich zwei Jahre die Löwen-Apotheke geführt. Dann trieb es den Vater des Dichterfürsten weiter nach Letschin im Oderbruch.

gehobene Gastlichkeit in Mühlberg
allerliebste Fensterdekoration
Das Postamt ist keines mehr

Der treffliche Mohnkuchen in „Omas Kaffeestübchen“ sorgt für einen versöhnlichen Abschied aus dem Örtchen. Über die neue, weitgeschwungene Elbbrücke gelangen wir auf das linke Elbufer, wo der Radweg im Zick-Zack verläuft und so den Weg nach Torgau weiter erscheinen lässt als er tatsächlich ist. Der aus Nordwest blasende, auffrischende Wind drückt unsere Reisegeschwindigkeit auf 20 km/h. Im Westen bauen sich drohend Gewitterwolken auf. Erste Donner grollen zu uns herüber.

Das Wasserwerk bei Torgau liegt direkt am Radweg, und passenderweise ist hier eine Wassertankstelle aufgestellt. Gute Idee!

Am Abend erreichen wir Wittenberg. Erstaunlicherweise sind Gewitter und Regenschauer immer knapp an uns vorbeigezogen. Ein herrliches Schauspiel. In der Lutherstadt gönnen wir uns eine Übernachtung im Best Western Hotel, direkt neben Martins Wohnhaus. Im Tordurchgang ist dann dieser Spruch zu sehen:

Das Bier war lecker an diesem Abend, auch das letzte war bekömmlich.

Am nächsten Morgen zeigt sich der Himmel wolkenverhangen und muss erst einmal die Feuchtigkeit der heftigen Niederschläge der Nacht verarbeiten. Auf der Hauptstraße von Wittenberg ist um acht Uhr noch kein Mensch zu erblicken. Nebel legt sich über die Elbauen. Erst nach Süden über die Elbbrücke, dann folgen wir dem Radweg nach Wörlitz.

Friedlich und ruhig ist die Stimmung an der Elbe. Rinder ruhen unter riesigen Eichen. Gleich wird sicher Fürst Leopold III mit seiner Kutsche vorbeikommen. Diesen Weg und den riesigen Natur-Landschaftspark hat er vor über 200 Jahren anlegen lassen. Ein Projekt mit herrlicher Langzeitwirkung für die nachfolgenden Generationen.

Bauhaus „Kornhaus“ in Dessau am Fürst-Franz-Radwanderweg

Elbe abwärts rollen wir in die Anhaltinische Ödnis, wie unser Freund Wolfgang bemerkte, der aus Dessau stammt. Das Städtchen Aken beglückt uns erst mit einem Hauch von Gastlichkeit, als wir im Stehcafé vom Lidl einen Milchkaffee schlürfen. Ansonsten sieht es hier einigermaßen trostlos aus. Der immer noch graue Himmel tut das Seinige dazu.

Die Saale-Fähre und die Elbfähre bei Barby haben ihren Dienst wegen Niedrigwasser eingestellt, so müssen wir Saale-aufwärts bis Calbe fahren, um auf die andere Seite hinüberzukommen.

In Calbe hat die Personenfähre laut Fährmann noch ca. 30 cm Wasser unterm Kiel. Vielleicht ist unsere vorerst die letzte Überfahrt. Gegen den spürbaren Nordwest-Wind müssen wir ordentlich arbeiten und sind froh, als wir in Groß Schönebeck den Biergarten der WELTRAD-Manufaktur erreichen.

Wir wollen noch bis Magdeburg rollen und dann per Bahn nach Berlin zurückfahren. So kurven wir durch diverse Industriegelände und vergammelte Vorstadtbereiche von Süden nach Magdeburg hinein. Diese Stadt hat schöne und graue Seiten. Heute sehen wir mehr graues Magdeburg.

Dieser wunderschöne Jaguar aus den 40er Jahren wirkt völlig deplatziert in dieser Gegend. Noch 10 Kilometer bis zum Hbf. Magdeburg – Futter fassen bei McDonald und dann rein in den Zug – zurück nach Berlin.

Spree-Neiße-Elbe Teil 1

Mal wieder rein ins Land, mal wieder ein paar Kilometer machen. Testen, wie es läuft an ein paar Tagen hintereinander auf dem Rad.

Am Mittwochmorgen zeigt sich der Himmel noch bedeckt. Nur mühsam und von Ampelhalten unterbrochen arbeite ich mich nach Osten aus der Stadtregion hinaus in das wilde Brandenburg. Erst bei Ahrensfelde und Mehrow komme ich richtig ins Rollen. Der Westwind schiebt mich vorwärts, dann bläst er auch den grauen Himmel frei. In Woltersdorf bei Erkner sind die ersten 50 Kilometer unter den 32er 4Seasons durchgerollt. Zeit für eine kleine Pause und die mitgenommene Stulle. Der örtliche „Verschönerungsverein“ hat sich schon 1885 um den Kranichshügel mit der darauf thronenden Kirche gekümmert. Ich freue mich über eine im Halbrund angelegte Ruhebank und stärke mich mit Brot und Iso-Getränk.

Schon in der Woche zuvor war ich mit Peter nach Neuzelle gefahren – heute wähle ich einen Track, der etwas weiter südlich verläuft und bei Guben an die Neiße führt. Den Spreewald streifen und zwischen Scharmützelsee und Gross-Schauener Seenkette hindurch. Sanfthügelig führt der Kurs weiter nach Osten. Eine neu angelegte Allee mit glattem Radweg daneben weist hin zum Örtchen Ranzig. Meine Assoziation, als ich die LPG-Gebäude vergangener Zeit sehe, ist klar. „Ranzig“ soll aber aus dem Altsorbischen kommen und „Hier sind Raben“ bedeuten.

Quer über die B87, dann auf dem MST – Radweg Märkische Schlössertour – zum Spreeufer an die Anlegestelle der Personenfähre Leißnitz. Weisungsgemäß läute ich die Glocke, um den Fährmann von der anderen Seite zu mir herüber zu bitten. Es dauert ein paar Minuten, bis sich etwas rührt. Dann setzt sich der Fährkahn in Bewegung. Hier ist noch echte Menschenkraft erforderlich: Zug um Zug am Seil hebelt der Fährmann das Gefährt über die zum Leißnitzsee geweitete Spree. Mürrisch werde ich begrüßt. Kein Blickkontakt, nur Handzeichen. „Das ist ja das reinste Fitnessprogramm für Arme und Oberkörper“, versuche ich mich in einem Kompliment. „Na ja“, ist die lakonische Antwort. Das war es dann auch mit der Kommunikation. Die zwei Euro für die Überfahrt darf ich erst auf der Ostseite bei einer genauso mürrisch dreinblickenden Dame bezahlen. Ich bestelle ein Stück Käsekuchen und einen Pott Kaffee. Das stimmt sie offensichtlich milde. Ich meine, ein Lächeln erkannt zu haben.

Groß Muckrow, Klein Muckrow, so heißen die Ansiedlungen auf dem Weg nach Guben. Wenige hundert Menschen leben hier, und es werden immer weniger. Aus dem ehemaligen, 30 Quadratkilometer großen Truppenübungsplatz bei Reicherskreuz ist ein herrliches Naturschutzgebiet geworden. Kilometerweit führt der glatte Weg durch die Heide.

160 Kilometer – Guben ist erreicht, und ich biege an der Neiße ab nach Süden. Klein Gastrose, Groß Gastrose, Groß Bademeusel, Klein Bademeusel. Seltsam muten die Ortsnamen an.

Die ehemalige Mühle und Papierfabrik verfällt unbarmherzig

Wenige Kilometer südlich von Forst habe ich auf der polnischen Seite der Neiße per Booking.com eine Unterkunft für schlanke 33 Euro gebucht. Jetzt muss ich sie nur noch finden. Südlich von Klein Bademeusel führt die Autobahnbrücke hinüber nach Polen. Radweg: Fehlanzeige! Also wuchte ich mein Basso samt Gepäck die Brücke hoch, stemme das Gerät über die Leitplanken und schleiche mich die ca. 200 Meter bis zum Grenzübergang, wo auch die Autobahn formell endet. Den LKW-Rastplatz mit Billig-Kiosken und einem wilden Mix von Angeboten sollte ich an diesem Abend noch einmal erleben. Das Garmin zeigt mir zuverlässig den Weg nach Olszyna, einer kleinen Ansiedlung zwischen Waldrand und Neiße. Hier soll das „Hotel“ stehen, das ich gebucht habe???

Als ich von der Wirtin in der rustikalen Hofeinfahrt begrüßt werde, weiß ich, dass ich in Olszyna Pod Brzozą angekommen bin. Laut Booking.com „ausgezeichnete Lage“. Heiligenbild, Truthahn auf der Straße, selbstgezimmerte Sitzgruppe im Hof, Plastikdecke auf dem Esstisch. Oha!

In meinem Zimmer habe ich die Auswahl: Vier Betten stehen zur Verfügung. Mein iPhone findet kein Netz, aber, o Wunder, auf einem Notizzettel finde ich handgeschrieben den Zugangscode zum WLAN. Es funktioniert. Nach einer heißen Dusche, die ich dringend nach der Tagesetappe von 203 km brauche, frage ich die Wirtin, wo ich denn noch ein Abendessen bekommen könne. 10 Minuten durch den Wald laufen, dann sind Sie beim Restaurant der Autobahnraststätte. Ich schaffe es in acht Minuten, dann stehe ich vor dem 24-h-Motel Olszyn. Um mich herum hungrige Fernfahrer, die Schnitzel und Gulasch in Riesenportionen verspeisen. Ich ordere einen Hamburger mit Pommes und ein Tyskie-Bier. Das Bier ist lecker, der Hamburger gar fürchterlich, dafür schmecken die Pommes. Nach 20 Minuten verlasse ich mäßig satt die wundersame Stätte.

Es ist zwar ruhig im Zimmer, aber nicht richtig dunkel in der Nacht. Fehlende Vorhänge, dafür eine Straßenlaterne vorm Fenster. Jetzt bin ich gespannt auf das Frühstück.

100 Meter entfernt von meiner Herberge bekomme ich in einem Gartenpavillon ein Riesenfrühstück. Nacheinander stellt mir die Wirtin Wurst, Brot, Käse, einen Teller mit Rührei und Grillwurst mit Speck und noch einen frisch gebackenen Pfannkuchen auf den Tisch. Gut gemeint, aber so ganz und gar nicht mein Geschmack. Vom Rührei esse ich die Hälfte, den Pfannkuchen verputze ich dafür ganz. Ich verabschiede mich höflich und bin trotzdem froh, diesen Ort wieder verlassen zu können.

Die Sonne lacht, als ich aus der geschotterten Hofeinfahrt rolle. Das Heiligenbild grüßt am Wegesrand, ein schmutzig-grauer Truthahn pickt suchend im vertrockneten Rasen herum. Dann setze ich Kurs nach Süden. Wald, Wald und Wald, mindestens 15 Kilometer. „Alkohol, Zigaretten, Kaffee… billig, billig. So sieht das Angebot an der Straße aus. „Grenzwertig“, fällt mir dazu ein. Bei Bad Muskau erreiche ich die Neiße, durchquere einen Billigmarkt, der aussieht wie früher die Mainstreets in den Wildwest-Filmen mit John Wayne. In einem Flachbau bietet ein Friseurladen namens „Metamorphose“ seine Leistungen an.

Der Neiße-Radweg hat viel Natur, wunderbare Auen und ein paar fiese, kleine Rampen zu bieten. Es rollt gut, und ich knabbere genüsslich zwei mitgenommene Riegel. Ein paar Kilometer südlich von Bad Muskau wähne ich mich im Land der Bayern. Die Kasemannl-Alm bietet den Radtouristen Speis und Trank. Um 10 Uhr vormittags ist der Wirt noch daheim und ich habe noch keinen Hunger.

Eine Ansiedlung mit passendem Namen

Um die Mittagszeit erreiche ich Görlitz. Ich freue mich auf diese eindrucksvolle Stadt voller Baudenkmäler. Erfreulicherweise flanieren hier viele neugierige Touristen, die hoffentlich eine Weile bleiben. Es lohnt sich. Heute habe ich nur Zeit für ein Stück Kuchen und einen Milchkaffee im wunderbaren Café Flair in der Altstadt.

Heilig Dreiheit in Görlitz

Bis Zittau sind es 45 Kilometer. Der Radweg führt mich an der Lausitzer Neiße nach Süden aus dem Stadtgebiet, dieser Abschnitt ist einer der schönsten, die ich kenne.

Das im englischen Industriestil um 1890 errichtete Gebäude in Rosenthal kündet von einstigem Wohlstand. Erst Flachsspinnerei, dann in der Nachkriegszeit bis zur Wende Leinenzwirnerei, dann Fertigungsstätte für Polyamidseide mit 1000 Beschäftigten – heute Bildungsstätte mit der Möglichkeit, billig zu übernachten.

Kloster Marienthal

Südlich von Ostritz liegt das Kloster Marienthal direkt am Fluss. Eine beeindruckende barocke Anlage, die der von Neuzelle nicht nachsteht.

Wasser, Wald, steil aufragendes Ufer, dann weitet sich das Tal und Zittau kommt in Sicht. Nicht so herausgeputzt wie Görlitz, etwas ursprünglicher, weniger Touristen, mehr Lausitzer. Ich verweile auf dem Rathausplatz und staune über die verschiedenen Baustile – vom Mittelalter bis in die DDR-Zeit.

Am Rande von Zittau wird hier schon lange nicht mehr getanzt

Beim Belauschen einer Fremdenführerin, die zuerst betont, dass sie hier um die Ecke aufgewachsen ist, erfahre ich, dass auch Bauten der 60er und 70er Jahre unter Denkmalschutz stehen. Solange das nicht überhand nimmt…

In Zittau lasse ich die Stadt auf mich wirken – es wird den vielen Baudenkmälern und Sehenswürdigkeiten sicher nicht gerecht, aber ich verspüre keine Lust, hier zu verweilen. Bauchgefühl! Also radle ich noch ein paar Kilometer bis ins Quellgebiet der Spree, steige bei Neugersdorf in die Bahn und fahre bis Dresden. Dann noch mal 15 Kilometer auf meinem Basso bis Coswig. Bei Booking.com habe ich das West-Hotel gebucht. „An der sächsischen Weinstraße“, lautet die vielversprechende Werbung. „An der Baustelle der Eisenbahnbrücke im Industriegebiet“ wäre aussagekräftiger gewesen.

Zum Nachfahren und Schauen der Track auf Gpsies

Teil 2 folgt

630 km! Der Ostfalen- Ostsee-Brevet

Wo ist denn Ostfalen? Wo ist denn Warberg? Vor meinem ersten Brevet dort musste ich erst einmal Recherche betreiben:

Der Brevet hätte vor 1000 Jahren von Ostfalen nach Abodriten und wieder zurück geführt. Heute kennt kaum jemand die Bedeutung und Aufteilung des Stammesherzogtums Sachsen zu damaliger Zeit. Mein treffliches Garmin im Auto kennt aber den Ort Warberg, nahe bei Helmstedt, und weist 210 km Anreisestrecke aus. Dieses Jahr, bei meinem zweiten 600er im Lande der Ostfalen, genieße ich die Anfahrt über fast leere Autobahnen von Berlin nach Helmstedt. Ich schlürfe heißen Tee aus der Thermoskanne und vertilge ein Brötchen zum zweiten Frühstück. Schließlich braucht der Körper Startkalorien für die erste Etappe. Nach knapp zwei Stunden entspannter Fahrt parke ich mein Auto vor dem Schützenheim in Warberg, packe mein Granfondo aus und rolle zum Start. Bei Hartmut in der Hauseinfahrt sichte ich gut gelaunte Randonneure und -innen.

Die zweite Startergruppe rollt um 8.35 Uhr los – durch Warberg und dann nach Norden. Nach zehn Minuten schiebt sich das Feld an einem Bahnübergang wieder zusammen.

Matthias mit seinem schnellen Troytec-Lieger ist uns schon enteilt. Davor sausen schon die schnellen Velomobile im Autotempo über die Landstraßen. Hartmut wird schon am frühen Sonntagmorgen gegen 6 Uhr zurück auf seiner Terrasse sein. Schließlich will er als Organisator das Geschehen am besten von zu Hause aus begleiten. Für mich heißt es, die Kräfte vernünftig einteilen, das eigene Tempo finden. Gar nicht so leicht, diesen Vorsatz in die Tat umzusetzen. Munter plaudernde und genauso munter kurbelnde Kollegen überholen mich zuhauf. Bin ich so langsam geworden mit zunehmendem Alter? Oder fahren die so schnell? Vielleicht ist es eine Mischung von Beidem. Ahrendsee in der Altmark bei km 104,7 ist der erste Kontrollpunkt. Voriges Jahr waren wir froh, endlich einen Kaffee im Trockenen zu bekommen. Heute ist es eine Lust, sich vom frischen Südwest schieben zu lassen und die Sonne zu genießen.

Quest XS “ Leipzig BigBand“

An der Tanke in Ahrendsee treffe ich wiederum Klaus und seine „regenfeste Frau“, nur ist heute eher Sonnenfestigkeit gefragt. Die beiden haben mich locker überholt, aber schön, sie hier wieder zu treffen. „Dieses Jahr sind wir besser trainiert“, sagt Klaus. Er wird als erfahrener Marathonläufer wissen, wie Ausdauer geht. Ums Eck herum müht sich ein Kollege ab, endlich die Ursache für seine Plattfußserie zu finden. „Neue Felge, neues Felgenband, neuer Mantel, und jetzt sowas…“

Kampf mit dem Pannenteufel

Wir sehen uns wieder, rufe ich zu Klaus rüber und bin nach wenigen Minuten an der Kontrolle wieder „on Track“. Ein mitgebrachtes Schinkenbrot vertilge ich genussvoll während der Fahrt.

Schon bei der Walddurchfahrt bei Kapermoor kapern mich die beiden, abermals fröhlich grüßend. Bald erreiche ich die Elbfähre bei Lenzen – schlechtes Timing! Die Gruppe vor mir rollt gerade auf der anderen Seite den Deich hinauf, und ich darf 15 Minuten warten. So komme ich in den Genuss, den Leipzig-BigBand-Velomobilisten auch außerhalb seines Gefährtes zu sehen.

Elend lang kommt mir die Strecke nach Neustadt vor, erst rumpelige Straßen, dann lang immer geradeaus. Aber die Natur zeigt sich von der besten Seite. Pferde und Rinder auf Riesenweiden, ein Seeadler zieht seine Kreise. Meine Beine kreisen mittlerweile auch leidlich gleichmäßig, das rechte, vor 10 Tagen verstauchte Handgelenk schmerzt dank Manschette kaum. So darf es weitergehen.

Die zweite Kontrolle ist Neustadt/Glewe bei km 177. Mal gespannt, wen ich da antreffe.

wer hätte das gedacht

Meine Brote habe ich weggefuttert, und ich bin froh, in der Tanke ein leckeres Baguette zu bekommen. Einen Bounty-Riegel vertilge ich noch , dann fülle ich die Trinkflaschen auf. Perfekter Stopp. Und natürlich wieder an einem Tisch mit den Überholern. BigBand ist auch mittlerweile eingerollt. Die nächste Etappe ist mehr als 100 km lang. Ich fühle mich gut und habe meinen Rhythmus gefunden. Nicht schnell, dafür schmerzfrei und mit genügend Muße, die Landschaft zu genießen. Schwerin grüßt im Westen der riesigen Felder mit seinem erhabenen Kirchturm. Die Radwege sind glatt asphaltiert, Sanfthügelig geht es nach Norden, am See entlang. Wismar wird gestreift.

Matthias ist schon um 19 Uhr in Kühlungsborn eingerollt, kündet WhatsApp. Wenn es gut läuft, sollte ich gegen 21 Uhr an der Ostsee ankommen. In jedem Fall im Hellen und nicht, wie im Jahr zuvor, in finsterer Nacht bei Regen und nassen Straßen. Alles sieht anders aus dieses Jahr, freundlicher, wärmer, einladender.

Gegen 21 Uhr hole ich mir den Kontrollstempel in Kühlungsborn, versorge mich mit zwei Riesenfrikadellen, fülle meine Trinkflaschen auf und beschließe, eine kleine Strandsiesta einzulegen. Ein knapper Kilometer bis zum Bootshafen, und die Ostsee liegt flach da im Licht der untergehenden Sonne. Kaum bin ich am tiefen Sand abgestiegen, tun es mir zwei Kollegen aus dem Schwabenländle gleich. Ran ans Wasser, hoch das Rad.

„Er hebt das Rad, wenn er es lupft.“ Übersetzt: Er hält das Rad fest, während er es hochhebt. Den echten Schwaben kann ich so beweisen, dass ich in meinen Jahren im Ländle auch“ebbes“ schwäbisch gelernt habe. Sie goutieren es mit Wohlwollen. Ob ich die nächsten Kilometer mitfahren wolle, fragen sie. Ich lehne dankend ab, weil ich einfach für mich sein will, mit meinen Gedanken, mit mir.

Eine Stunde später sitze ich körperlich und mental aufgeladen wieder auf meinem treuen Granfondo. Jetzt geht es hinein in die Nacht. Überflüssig, zu erwähnen, wer mich wohl wieder einmal überholt in den Landschaftswellen nach Süden hin. Die Rücklichter werden schnell kleiner. Ich bin wieder allein. Aber nicht einsam – dafür sorgen schon die wunderbar trällernden Vögel in den Bäumen und Hecken. Ein totgefahrener großer Dachs mitten auf der Straße gehört auch zur Realität. Der auf dem Hinweg so schön schiebende Südwest wird jetzt zur Spaßbremse. Allerdings schläft er in den nächsten Stunden fast gänzlich ein. Eine Bodeninversion sorgt dafür, dass zwar die Windräder der riesigen Windparks querab Rostock sich noch munter drehen, am Boden ist aber kaum noch Gegenwind wahrnehmbar. Manchmal ist es sogar von Vorteil, später hier vorbeizukommen.

Windradleuchten und sinkender Mond

Die Hügel auf den ersten 40 Kilometern Südkurs beißen ganz schön in die Beine. Das Rotlicht der Windräder scheint zum Anfassen nahe, es dauert aber elend lang, bis ich die rote Galerie endlich passiere. Heute Nacht hat offensichtlich ein Filmregisseur die Lichtregie in die Hand genommen. In der sanften Abfahrt von Dreibergen strahlen in gelbem Licht die Mauern der JVA Bützow. Die „Landesstrafanstalt zu Dreibergen“ wurde hier schon im Jahr 1845 errichtet und kann auf eine gar schauerliche Vergangenheit zurückblicken. In der Zeit der Nazidiktatur wurden im sogenannten Apfelkeller hunderte von Todesurteilen vollstreckt. Bis in die heutige Zeit hat die Strafvollzugsanstalt ihren unfeinen Ruf behalten.

Als ich hier vorbeirolle, weiß ich von alldem noch nichts. Ich denke zurück an die harte, kalte Bahnhofstreppe von Bötzow, auf der ich mit Henning und Holger letztes Jahr versuchte, wieder warm zu werden und mich ein wenig zu erholen. Mit mäßigem Erfolg. Heute fühle ich mich noch recht gut, wenn auch die Müdigkeit langsam in die Glieder kriecht. Eine schöne Bushalte mit einer ordentlich breiten Bank, das wäre es, sinniere ich. Ich wünsche mir in den nächsten zwei Stunden mindesten zwanzig Mal diese Komfort-Bushalte, allein sie will nicht kommen. Genau drei Uhr muss es werden, bis ich ein geeignetes Häuschen sichte. Besetzt! Aber wunderbarerweise richtet sich der Vorschläfer gerade auf und macht sich abfahrtbereit. Zitternd! In kurzer Hose und mit dünner Jacke… Es muss ihn überrascht haben, dass es nächtens abkühlt bis in einstellige Temperaturen hinunter. Er hat nur eine Chance: Weiterfahren. Ich packe meinen Biwaksack aus, schlüpfe hinein, mache mich auf der Holzbank lang und liege schon eine Minute später in Morpheus Armen. Genau eine Stunde später, um vier Uhr, wache ich erholt auf, schiebe mir einen Eiweißriegel zwischen die Zähne, trinke ein paar Schlucke obendrauf und sitze wieder auf meinem Granfondo.

Den Sonnenaufgang begrüßen

Nächste Kontrolle Parchim, knapp 400 km sind geschafft, es ist 5.35 Uhr. Ich schlürfe einen Riesenbecher Kaffee, dazu kaue ich ein Croissant und ein belegtes Baguette. Der Liegeradler, den ich schon bei Bötzow überholt hatte, rollt ein. Richtig gute Laune hat er nicht, dafür machen die beiden polnischen Handwerker, die einen Frühstückskaffee genießen, gute Stimmung, indem sie Beifall geben für so bekloppte Radler, die eine ganze Nacht durchfahren und den harten Sattel einem weichen Hotelbett vorziehen.

Eine Stunde später treffe ich Alex auf seinem famosen Meerglas-Stahl-Randonneur, bei den Berliner Brevets haben wir uns schon einige Male gesehen, auch bei PBP. Wir fahren erst zusammen, dann brauche ich eine Pause, Alex fährt weiter. Dann finden wir wieder zusammen – er hat einen kleinen Umweg gefahren, weil sein Garmin den Geist aufgegeben hat. Zugegeben, ein sehr betagtes Garmin.

Auf dem Weg nach Havelberg ist er auf einmal wieder vor mir. Auch ohne viel reden passen wir unser Tempo aufeinander an. So liebe ich das.

Havelberg, km 479, es ist 11.02 Uhr. Jetzt beginnt der gemütliche Teil der Tour. Hahaha. Gemütlich, im Sinne von langsamer, beschaulicher. Die Beine müssen aber jetzt für eine Geschwindigkeit von 24 km/h genauso arbeiten, wie es sich am Anfang bei 28 km/h anfühlte. Mein Körper sagt mir deutlich, dass er abermals eine Pause braucht. Nachdem in Havelberg ein kerniger, durchtrainierter Kollege vom RSF 80 Petersberg zu uns gestoßen ist, kann ich Alex mit ihm guten Gewissens ziehen lassen und lege mich für ein halbes Stündchen in den Kirchgarten von Scharlibbe.

GENAU! Trinken nicht vergessen!
Kirchenrast

Kurz vor der Elbbrücke hinüber nach Tangermünde rollt Alex wieder von der Elbseite her auf meinen Track. Der RSF-Kollege musste mal für große Jungs in den Wald, Alex machte mir zuliebe eine kleinen Umweg durch die Elbauen. Und das war gut so.

Über die Elbe nach Tangermünde

Bis Wolmirstedt lassen wir es locker angehen. Ankommen in einer ordentlichen Zeit definieren wir als gemeinsames Ziel. Wolmirstedt erreichen wir um 16.32 Uhr. Nur noch 56 km sind es bis Warberg.

Die Kalihalden bei Zielitz, auch Kalimandscharo genannt, grüßen aus der Ferne. Klatschmohn und Kali, eine schöne optische Mischung. In Wolmirstedt lassen wir es uns richtig gut gehen. Ich schlecke gleich zwei Magnum-Eis hintereinander, dazu gönne ich mir eine Cola plus eine Knackwurst. Ein echtes Gourmet-Menü. Nicht von Ernährungswissenschaftlern empfohlen, aber wirksam. Entspannt sehen wir einige Kollegen einrollen, die wir genauso entspannt vor uns wieder ziehen lassen.

Eine Stunde später gehen wir guter Dinge auf die letzte Etappe.

Unser Ziel liegt näher, aber als mentale Erfrischung taugt das Jakobsweg-Symbol allemal.

Auf den nächsten Kilometern warten einige Hügel der Börde auf das Hinaufkurbeln: Ammensleben, Rottmersleben, Normersleben, Erxleben, Morsleben…, wir durchfahren das pralle Bördenleben. Jetzt noch den langen Anstieg bei Helmstedt, dann kommt Warberg in Sicht. Wir haben es geschafft, und wir sind geschafft. Hartmut drückt uns die Stempel ins Brevet-Heft. Dann genießen wir zwei Weizenbiere aus der Flasche. Köstlich!

Ausnahmsweise: Ein Blödel-Selfie im Ziel
Ermattetes Meerglas am Boden
Und im Hintergrund Hartmut bei der Erfassung der Karten im Wohnzimmer

Dank an Hartmut und Martin für die klasse Organisation und die sympathische Gastfreundschaft. Danke Alex für die launige Begleitung.

PBP kann kommen!

Mit Sonne und Wind ins Oderbruch

Fitness-Studio, Spinning, freie Rolle, Indoor-Training … Damit komme ich nicht über den Winter! Ich mag es einfach nicht, Wände vor mir zu sehen, vorm Bildschirm zu trainieren, Wind nur vom Ventilator ins Gesicht gepustet zu bekommen.

Radfahren kann man bei jedem Wetter – wenn man es will und wenn man die richtige Ausrüstung hat.

In den Zeitschriften Roadbike, Mountainbike und Tour werden die neuesten Gravel-Räder getestet. Natürlich auf Mallorca, Korsika oder in Kalifornien. Wie wirst Du fit für die Saison, das optimale Workout … Alles dreht sich um die Vorbereitung der „neuen Saison“.

Ich sichte kein einziges Foto von einem Radfahrer im Schnee, alle Bäume sind grün. Tests von Winterjacken und -schuhen finden im Labor statt. Da rufe ich euch zu: Es gibt nicht die EINE Saison von April bis Oktober – 12 Monate kann man lustvoll Räder und Körper in der freien Natur bewegen! Kommt mal raus aus den geheizten Redaktionsstuben und schreibt aus eigener Erfahrung vom Fahren bei Kälte, Nässe und Frost!

In diesem Winter musste ich bislang noch nicht Hauseinfahrt und Gehweg vom Schnee befreien. In Brandenburg lag der Schwerpunkt bisher auf  dem richtigen Schutz vor Kälte und Nässe, der Wahl der geeigneten Bereifung und einer zuverlässigen, hellen Beleuchtung für lange Fahrten bei Dunkelheit.

Was werde ich also morgen für unsere Tour ins Oderbruch anziehen? Der Wetterbericht sagt Nordwestwind Stärke 4 mit Böen bis zu 50 km/h voraus, Temperaturen zwischen plus 2 und 5 Grad, dazu fünf Stunden Sonnenschein. 4 Grad plus bei Windstille fühlen sich bei 20 km/h Wind an wie minus 5 Grad! Der Windchillfaktor ist nicht zu unterschätzen.

So packe ich mich ein: 

Unter diesem Link ist die Bekleidung im Foto zu sehen

https://randonneurdidier.wordpress.com/2018/12/26/ps-winterbekleidung/

von innen nach außen:

  • Unterhemd: Merino Winter-Langarm-Unterhemd ( Rapha deep winter) – ein kostengünstiges Merinoteil einer anderen Marke tut es natürlich auch.
  • Unterhose: Funktionsunterhose ohne Nähte (Odlo) >>> ja, ich trage eine Unterhose unter der Radhose! Wärmt und tut gar nicht weh.
  • Socken: Wintersocken lang ( x-socks)
  • Trikot: Merino-Langarmjersey ( Rapha Brevet Windblock)
  • Hose: Winter-Radhose lang ( Löffler oder Rapha)
  • Jacke: Gore-Winterjacke C5 Thermo
  • Schuhe: Mavic Crossmax Pro Thermo- Schuhe
  • Handschuhe: Specialized-Lobster-Handschuhe, darunter dünne Fingerhandschuhe
  • Mütze: Vaude-Helmmütze
  • Helm: Giro Air Attack Shield mit zugeklebten Lüftungsschlitzen und dem „Shield“, das Stirn, Augen und Jochbeinbereich sehr gut gegen eisigen Wind schützt

Diesmal kommt Peter per Regio zum Treffpunkt Bhf Oranienburg. Pünktlich! rollt der Zug um 10.10 Uhr ein. Ich habe mich auf den ersten 17 Kilometern gegen den Wind schon mal warmgerollt. Mein Track führt über die Barnimwellen bis ins Oderbruch nach Küstrin.

Im vorbildlichen Radparkhaus am Bahnhof stehen erstaunlich viele Räder von Pendlern

Rahmersee, Wandlitzsee, Liepnitzsee, Hellsee … an jeder Ecke leuchtet dunkelblau das klare Wasser durch die Bäume. In Biesenthal künden die zahlreichen, meist gut restaurierten Häuser und Villen aus der Gründerzeit von ehemaligem Wohlstand. Und in Biesenthal baut Michael Hecken seine E-Bikes zusammen mit Kalle Nicolai. HNF – „Hecken-Nicolai and Friends“ heißt die Firma mittlerweile. Zu Hause erinnert mich eines der ersten Produkte, das smart E-Bike meiner Frau, an das ehemalige Startup-Unternehmen.

In Beerbaum, nach den ersten sanften Wellen des Barnim, bollern wir über eine Pflasterpassage, die wir von diversen Ausfahrten und Brevets kennen.

Hier, nach Überstehen des unverfugten Abschnitts, ist einem unbekannten Kollegen seine Maloja-Trinkflasche fliegen gegangen.
Im MOZ.de -Artikel aus 2011 wird ein Café im denkmalgeschützten Gebäude neben dem historischen Lehmhaus von Beerbaum angekündigt. „Gut Ding braucht Weile“, fällt mir dazu ein.

Gute Erinnerung, endlich mal was zu trinken. Bei niedrigen Temperaturen meldet sich der Körperbedarf nicht durch das Durstgefühl. Und der Hunger meldet sich nach dem Frühstück, das bei mir nur aus einem schwarzen Kaffee bestand. Unsere Augen suchen nach allem, was wie ein Bäckerladen aussieht. Vergeblich. Bäcker gibt es nicht mehr im östlichen Barnim. „Viel Steine gab`s und wenig Brot“, schrieb schon Ludwig Uhland in seiner schaurigen Ballade vom wackeren Schwaben. Weiter heißt es dort:

„Den Pferden ward so schwach im Magen, 
fast mußt der Reiter die Mähre tragen.“

So weit kommt es heute nicht. Die tapferen Alt-Randonneure haben die Energieversorgung erfolgreich auf Fettverbrennung umgeschaltet. Eine elend lange Walddurchfahrt mit einhergehenden niedrigeren Temperaturen lässt mich wieder zu meinen Lobster-Überhandschuhen greifen. Ein kurzer Anstieg ( ja, die gibt es im Barnim) führt in das Örtchen Haselberg. Peter greift abrupt in die Bremsen, weil er einen Aufsteller mit „Kaffee und hausgemachter Kuchen“ am Straßenrand entdeckt hat – Öffnungszeiten Sa. und So. von 14-18 Uhr. Heute ist Dienstag!

Der Weihnachtsstern bekommt noch Energie – und wir?

Weitersuchen!

Am Nachbarhaus finden wir diese moderne Variante einer möglichen Frontbeleuchtung mit optischer Linse

In Möglin zeigt ein Radwegschild nach links, Richtung Kunersdorf. Peter folgt mir nur zögerlich – zu oft schon habe ich ihn bei unseren Touren so in Schlamm, Sand und Wald geführt. Diesmal allerdings rollen wir auf einem geradezu göttlich gut gemachten Stück Weges. Quälenden Hunger hatten offensichtlich vor uns schon andere. Vielleicht war der böse Wolf hier am Werke?

Hier hatte jemand noch mehr Hunger als wir – und der war kein Vegetarier

Runter ins Oderbruch nach Kunersdorf rauschen wir, lassen die Grabkolonnaden der Itzenplitze, das Chamisso-Museum und den Alten Fritz samt Querflöte diesmal links liegen. Uns treibt der Wind, uns treibt der knurrende Magen.

Die nächste Ortschaft ist Neutrebbin. Aber aufgemerkt, auch hier gab es mal, aber gibt es nicht mehr – einen Bäcker. Die Erlösung liegt auf der rechten Straßenseite in Form des „nah und gut“-Edeka-Ladens. Peter stürmt die Treppe hinauf und verschwindet zwischen den Regalen. Nach gefühlten 15 Minuten erscheint er strahlend wieder:

„Gut und günstig“ Schnitzel, Frikadelle, zwei Brötchen, dazu zwei Fläschchen Krombacher für sagenhafte 5,30 € inklusive Flaschenpfand!

Eine junge Frau, die im Markt ein Gesteck mit Osterglocken erstanden hat, gibt uns den heißen Tipp, doch unser Picknick auf der „Liebesinsel“ einzunehmen. Lauschig in der Sonne und im Windschatten. Das lassen wir uns nicht zweimal sagen und rollen nach 300 Metern im Park von Neutrebbin aus.

Es ist angerichtet

Nach 20 Minuten sitzen und essen im Park kriecht die Kälte unter die Jacken. Wir brauchen Bewegung. Ab geht es nach Letschin, wo weiland Henri Louis Fontane, der Vater des werten Theodor im Jahre 1838 die Apotheke vom Besitzer Altmann kaufte. Die Stationen davor – Neuruppin, Swinemünde und Mühlberg an der Elbe, endeten jeweils unrühmlich: Spielschulden zwangen Henri F. immer wieder zum Standortwechsel. Wie mag sich wohl Fontane Junior damals gefühlt haben? In Letschin erlernte Theodor das Apothekerhandwerk und arbeitete bei seinem Vater in den Jahren 1843 bis 45. Zwei Jahre später war es wieder so weit: Wein und Spielleidenschaft führten in die nächste Pleite und zur Trennung von seiner Frau. Derweil hatte sich Theodor schon den schönen Künsten der Schriftstellerei zugewendet. Mit großem Erfolg, wie wir wissen.


Den guten Theodor Fontane als den bedeutendsten Dichter des 19. Jahrhunderts zu bezeichnen, erscheint mir doch etwas hochgegriffen. Was soll denn der Johann Wolfgang von Goethe denken!

Nach dem Essgenuss und dem Kulturgenuss wenden wir uns jetzt dem Naturgenuss zu: Ab ins Oderbruch an die Oder und schauen, schauen, schauen.

Peter auf dem Deich
lange Schatten
Alte Grenzstation in Küstrin
Ehemalige Artilleriekaserne
Einstmals stolzer Sitz der Artillerie, dann kamen die Sowjets, dann die Wiedervereinigung, dann der Verfall.

Küstrin-Kietz ist auf einen kleinen Rest seiner ehemaligen Bedeutung geschrumpft. Die Oderinsel, auf der einstmals die Altstadt von Küstrin stand, ist überwuchert. Hier ist in der Endphase des 2. Weltkrieges eine ganze Stadt mit ihrer Historie weggebombt worden. Der Bahnhof von Küstrin-Kietz ist reduziert auf eine Haltestelle für polnische Hauptstadtpendler. Der Putz fällt von den Wänden.

Der Realabgleich mit diesem Foto aus 2017 fällt ernüchternd aus

Am Abend stehen 142 Kilometer zu Buche. Start um 9 Uhr bei 2 Grad, dann im Oderbruch bis 6 Grad (warm). Der Wind hat uns hilfreich erst über den Barnim und dann an der Oder entlang bis Küstrin geblasen. 

Die Auswahl der Bekleidung hat genau gepasst. Nicht gefroren, nicht geschwitzt. Zwischendurch habe ich die Lobster weggepackt und bin mit den dünneren Rapha-Handschuhen gefahren. Mit dem Vorteil, das Navi und die Kamera auch mit gewärmten Fingern bedienen zu können. 

Als wir am Bahnhof in Küstrin-Kietz 30 Minuten auf den Zug warten müssen, packt sich Peter in die mitgenommene federleichte Daunenjacke ein. Und macht mir, als ich mich warmhüpfe, den Vorschlag, doch auch so ein Teil zu erwerben. Nun gut, ich werde drüber nachdenken. 

Herrlich war es heute – Natur, Kultur, Altes sehen, Neues sehen, Frühling ahnen …

Und hier der Track zum Nachfahren https://www.gpsies.com/map.do?fileId=hqzfrymihzagbfem

Winter in Brandenburg

Strava sagt, ich bin im Dezember 49 Stunden und 1061 Kilometer gefahren. Per 10. Januar stehen 12 Stunden und 248 Kilometer zu Buche. Viel Sonne habe ich nicht gesehen in diesen Wochen. Die habe ich mir aus dem traumhaften Sommer einfach in Erinnerung gerufen. Aber die Sonne der Vergangenheit wärmt nicht – zumindest nicht die Füße und die Fingerspitzen. Da helfen nur dicke Winterschuhe und die warmen Lobsters, bei denen aus fünf Fingern drei werden. Bei meinem Giro-Air-Attack-Helm habe ich die vorderen Öffnungen mit Klebeband geschlossen. So bleibt die kalte Luft draußen.

Meine Durchschnittsgeschwindigkeit ist abgesunken auf 22 bis 24 km/h. Dicke Winterluft, dicke Reifen, dicke Sachen, Split und Nässe und Glätte – diese Faktoren drücken die Speed maßgeblich. Im Frühjahr wird das wieder besser – hoffe ich doch, es war doch immer so!

Takeshi-Eva hat aus der Festive 500 eine persönliche 1000er Version gemacht. Chapeau! Solch ein Vorhaben hätte dann doch bei mir den Familienfrieden in Gefahr gebracht. So begnüge ich mich mit Kleinetappen zum Training – die Form erhalten, und dann demnächst auf Malle wieder angreifen und mehr Watt auf das Pedal bringen.

Kurze Runden im Winter haben den Vorteil, dass der Genuss nicht zu kurz kommt. Hier ein Milchkaffee, dort ein süßes Mohnteilchen und zum Abschluss des Tages nach einer 100er Runde mit Peter wieder einmal in den Zollpackhof. Blick hinüber zum Kanzleramt mit all den taktierenden, handelnden und nicht handelnden Politikern, die immer vorsichtig raufschauen ins oberste Stockwerk, wo die getreue Angela waltet.

Wir hocken am Tisch des bayrischen Gasthofes in Berlin, wo das Augustiner so trefflich schmeckt und diesmal sogar leckere Eintopfgerichte kredenzt werden. Ein überaus freundlicher und gut gelaunter Kellner mit „Migrationshintergrund“ bedient uns. Wenn das der Horst nur wüsste! Hoffentlich bleibt dieser Mensch hier bei uns. Wir brauchen euch, rufe ich ( leise in mich hinein).

Peter und ich lassen die Bilder des Tages und der Touren der letzten Wochen Revue passieren. Nette Menschen, fiese Zeitgenossen, auf den Radweg weisende, brüllende Autofahrer, nette Zeitgenossen, die für uns bereitwillig anhalten, graubraune Häuser, bunte Villen, Schweinemast- und Hühnermastanlagen, die zum Himmel stinken, riesige Rinderherden auf genauso riesigen herrlichen Weiden. Pferde, Lamas und Alpakas, Strauße! Adler, die über uns kreisen, Kraniche, die es vorziehen, hier zu überwintern. Rehe, Hirsche, Wildschweine im Rudel.

Det is Brandenburg! So wie wir es kennen und schätzen.

Hier ein paar Eindrücke

 

Am Langen Trödel in Zerpenschleuse
Oranienburg
Weihnachtsmarkt in Hohen Neuendorf
Hohen Neuendorf
Bäcker in Gransee
Bahnhofs-Café-Imbiss in Rheinsberg
Piko und Supernova am Granfondo
Barnim-Tristesse
Mendoza am Schwedter Bahnhof
Tegeler Schwan
Never say Never
Invalidenfriedhof
Ein Zugtier für Matthias
Windparklichter bei Nauen
Kronleuchter im Zollpackhof
Kultur in Großbeuthen
Auf dem Weg nach Jüterbog



 Bleibt munter und unternehmungslustig. Wir sehen uns bei den Brevets.

PBP kommt bald

 

Hamburg-Berlin-Zeitfahren

12. Oktober, 14.15 Uhr. Wolfgang, Peter und ich stehen an der Flixbus-Haltestelle in Berlin-Alt-Tegel.  Das Wetter ist traumhaft, warme Lüfte umschmeicheln uns, gleich wird der grüne Bus kommen und uns mitnehmen nach Hamburg. Um 15.30 warten wir immer noch. Der Berliner Freitagsverkehr sorgt für eine saftige Verspätung von 90 Minuten. Irgendwann sind unsere Räder auf dem Heckträger des MAN festgezurrt, und der immer noch gut gelaunte Fahrer drückt auf das Gaspedal. Um uns herum meist junge Leute, die bereits ihre iPads aufgebaut haben, Filme anschauen oder sich mit Spielen die Zeit vertreiben. Ich nicke ein und träume von einer herrlichen Fahrt durch die Elbauen, vom Geschnatter der ziehenden Gänse und von träge auf den Wiesen liegenden Rindern. Derweil ist Matthias, mit dem wir schon viele lange Brevets gefahren sind, zum ersten Mal mit seinem Quattrovelo, einem Velomobil unterwegs. Weil er das große Gerät nicht in der Bahn mitnehmen kann, fährt er eben mit Muskelkraft am Freitag von Berlin nach HH und am Samstag wieder retour. Unser Busfahrer bemerkt ein paar Kilometer vor dem ZOB Hamburg, dass er seine zulässige Lenkzeit überschritten hat und hält kurzer Hand einfach auf der viel befahrenen Zufahrtsstraße an. Nichts geht mehr! Wir sind leicht verblüfft, dass er sich nicht zumindest eine Parkbucht gesucht hat. Schließlich überreden wir ihn, uns hier rauszulassen. Räder runter vom Gepäckträger und rein ins Stadtgetümmel.

Um 19 Uhr wollen wir uns im Hotel treffen. Als wir um 20 Uhr vorm Hotel einrollen, hat er sein erstes Bier schon genossen.

Zum achten Mal werde ich das Zeitfahren HH-B in Angriff nehmen. Dieses Mal ist es für Wolfgang, mich und eben ganz besonders Peter ein außergewöhnliches Vorhaben. Schließlich hat Peter seit gerade 9 Wochen nach Oberschenkelbruch ein neues Hüftgelenk im Körper. Langsam hat er sich wieder an die längeren Strecken herangearbeitet. Erst 30, dann 50, dann wieder ein paar Touren über 100 Kilometer. Er weiß genau , wie sich wirklich lange Strecken anfühlen. Schließlich gehört er zu den wenigen, die auch schon ein 2000-km-Brevet absolviert haben. In Hamburg traut er sich wieder an  eine Marathon-Distanz heran. Wolfgang und ich wollen ihn eskortieren, das ist eine Frage der Freundschaft und eine besondere Ehre.

Am Samstag sitzen wir um 6 Uhr am Frühstückstisch und laben uns am reichhaltigen Buffet vom Lohbrügger Hof. Unsere Räder durften wieder einmal im Heizungskeller sicher übernachten, um 6.30 Uhr schalten wir die Festbeleuchtung  ein und machen uns auf den Weg zum Startort „Clausens Vierländereck“ in Hamburg Curslack. Nach 9 km rollen wir hinein in das Startgetümmel. WhatsApp Image 2018-10-15 at 08.05.41OLYMPUS DIGITAL CAMERAOLYMPUS DIGITAL CAMERA

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Rainer wird heute mit Wolf einen Schnitt von 28 km/h in den Asphalt brennen!

Startnummern abholen, dicke Jacke gegen Weste tauschen,  Gepäck abgeben, Freunde begrüßen, Schwätzchen halten, letzte Überprüfung von Navi und Licht, dann gehen wir  pünktlich um 7.31 Uhr auf die Strecke.

Zeitfahren Hamburg Berlin 2018 des Audax Club Schleswig-Holstein v. 2000 e.V.
Drei Oldies am Start – Startfoto von Audax-SH

Langsam klettert die Sonne vor uns über die Elbdeichkante und taucht die Wiesen in goldenes Licht. Den richtigen Rhythmus finden – nicht zu schnell und nicht zu langsam.

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Morning Glory

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In Geesthacht wechseln wir über die lange Brücke auf die andere Elbseite. OLYMPUS DIGITAL CAMERAOLYMPUS DIGITAL CAMERATeste, Hohnstorf, Bleckede heißen die verschlafenen Dörfer am Deich. Frisch ist die Luft noch von der klaren Nacht. So ist es angenehm, durch die leichte Belastung eine Wohlfühltemperatur in den Körper zu bringen. Gänsegeschnatter in der Elbaue, auf den Wiesen liegen noch die Rinder im Schlaf.OLYMPUS DIGITAL CAMERA In Neu-Darchau habe ich die Idee, doch mal den im Navi eingezeichneten Radweg, ca. 1 km parallel zur Landstraße zu testen. Für dieses Manöver handle ich mir die Schelte der Begleiter ein. Über Schotter und Sand führt der Weg. Fluchend und dann erleichtert erreichen wir schließlich wieder die wunderbar glatte L 231. Die leichten Wellen bis nach Hitzacker baggert der tapfere Peter brav weg. OLYMPUS DIGITAL CAMERAEine Brückenbaustelle mit Straßensperrung zwingt uns runter von den Rädern. Wir nutzen den Halt, um uns zu entblättern: Beinlinge, Armlinge und Weste wandern in die Taschen. Bald kommt die Dömitzer Brücke in Sicht. OLYMPUS DIGITAL CAMERAOLYMPUS DIGITAL CAMERADer Windsack an der Elbkante wird vom stärker werdenden Südostwind durchpustet. Und genau in diese Richtung weisen die nächsten 200 Kilometer. Arbeiten ist angesagt. Das herrliche Wetter tröstet uns darüber hinweg, ein paar Watt mehr treten zu müssen. Meistens zeigt der Tacho um die 25 km/h an.

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Wolfgang macht die Pace

Ein für Peter noch machbares Tempo. Wolfgang und ich genießen es. In der Ruhe liegt die Kraft.

Kurz hinter der Brücke ist wie immer die Kontrolle und Verpflegungsstation von Audax SH aufgebaut. Und wie immer ist das Team überaus hilfsbereit und bester Laune. Es ist einfach eine klasse Organisation. Alle sind mit Herzblut bei der Sache.

 

Zwei belegte Brötchen drücke ich mir rein. Die Trinkflaschen bekommen eine frische Füllung. Einige Velomobile sind auf dem Platz geparkt, ein Kollege schraubt verzweifelt an Hinterrad und Antrieb herum. Wo mag sich jetzt Matthias befinden mit seinem schnellen QV? ( Nachher erfahren wir, das auch ihn ein Missgeschick ereilt hat – die Schaltung blockierte und er hatte nur die beiden größten Gänge zur Verfügung. Trotzdem war er um 18 Uhr im Ziel! Chapeau, Matthias)

Kurz nach 12 Uhr starten wir auf die lange Teiletappe über Lenzen und Wittenberge nach Havelberg, wo der Track nach Osten in Richtung Berlin abbiegt. Ohne den frischen Gegenwind wären die nächsten fünf Stunden ein gemütlicher Ausflug im Goldenen Oktober gewesen. OLYMPUS DIGITAL CAMERAOLYMPUS DIGITAL CAMERAOLYMPUS DIGITAL CAMERAWunderbare Farben, wunderbar würzige Luft, zwei Seeadler über uns, was will der Randonneur mehr.

Am Rand von Wittenberge entdeckt Peter auch noch eine geradezu luxuriös ausgestattete Feldküche, wo wir eine genauso luxuriös eine große Portion Currywurst mit Pommes und Cola vertilgen.OLYMPUS DIGITAL CAMERA In Wittenberge, so gesteht uns Peter, wollte er entscheiden, ob er dort in den Zug steigt, oder ob er sich noch zutraut, bis ins Ziel zu kommen. Die Kraft der Currywurst bringt ihn weg von allen Bahnfahrtgelüsten. Um kurz nach zwei sind wir wieder unterwegs. Noch 120 Kilometer bis zum Ziel.

Unvermutet wird der Weg wieder einmal gravellig. Hatte ich gar nicht so in Erinnerung. Aber der Ausblick auf die Elbeauen im sanften Licht lassen die rumpeligen Meter schnell  unbedeutend werden.

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kurze Info nach Hause – Es läuft!

In Havelberg machen wir noch einmal Halt an der Eislounge Florida auf der Stadtinsel. Ein alkoholfreies Weizenbier gönnen wir uns,  und ich ordere zum Sonderpreis von drei Euro 1,5 Liter Cola als Brennstoff für den Endspurt. Ab hier rollt es langsam wieder etwas schneller – der Wind überlegt, ob er sich schlafen legen sollte.

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da lacht der Peter

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In Stölln noch schnell posen vor dem Lilienthalmuseum, und weiter geht es. Ab Friesack wählen wir die Route an der B5 entlang, zuerst auf einem neu angelegten Radweg, dann wieder auf der Straße. OLYMPUS DIGITAL CAMERAIch nehme mein Zusatzrücklicht von KNOG in Betrieb. Das ist geradezu gemein hell. Ackern bis Nauen, dann wieder auf den B5-begleitenden Radweg, den wir schon -zig Male gefahren sind. Einige Kollegen, die von hinten herangerollt sind, und nicht sicher sind, wo es langgeht, hängen sich an unser Schlepptau. Erstaunlich, dass  kaum einer eine wirklich langstreckentaugliche Beleuchtung am Rad hat. So fahre ich mit meiner Lupine Piko vorneweg. Berlin-Staaken-Spandau –  gleich kommt das Ziel.

Fast 22 Uhr ist es geworden. Nur noch wenige Randonneure sitzen im Wassersportheim. Ein Bier noch, dazu köstlicher Linseneintopf. DANKE, liebes Team von AUDAX-SH. Wieder einmal habt ihr eine Top-Veranstaltung auf die Beine gestellt.

Dann geben Wolfgang und ich uns noch den „Rest“ und fahren die 25 km nach Hause per Rad. 315 Kilometer stehen heute insgesamt zu Buche.

Lieber Peter: Dir gebührt der imaginäre Siegespokal für den härtesten alten Kernbeißer, der auch diese Herausforderung mit starkem Willen gemeistert hat.