Eine alte Eiche, viel Landschaft und ein Energiedorf

Nach einer ruhigen und erholsamen Nacht genieße ich das Frühstück im Hotel am See. Auf dem Badesteg sitzen die Enten und wärmen sich in der Morgensonne. Als ich die Tür zum Hantel-und Fahrradschuppen öffne, lacht mir mein Granfondo schon erwartungsvoll entgegen. Besser kann Tag zwei meiner Tour nicht beginnen. Den Track habe ich von Löcknitz aus in Richtung Ueckermünde gelegt, einen kleinen Umweg muss ich aber unbedingt machen, denn ich habe schon am Abend beim Spaziergang ein Hinweisschild auf eine 1000-jährige Eiche entdeckt. Und nachdem ich in den vergangenen Jahren bereits die meisten alten Bäume der Region gesucht und auch gefunden habe, kommt mir dieser Zufallsfund gerade recht. Der Weg führt mich am See entlang nach Osten. Fünf Minuten später steht der Baumriese vor mir.

Der Stamm ragt hoch auf, bevor die Krone in die Breite geht. Nur ein einziger, mächtiger Ast streckt sich wie ein Teil eines riesigen Kandelabers zur Seite und dann nach oben. Ursprünglich hatte die Eiche offensichtlich eine ganze Reihe von dicken, früh zur Seite auskragenden Ästen. Die wurden aber bei einer oder mehreren Sanierungen wegoperiert, vielleicht aber vorher schon bei Sturm oder Gewitter herausgebrochen. Die Öffnungen im Stamm wurden mit Lochblechen verschlossen. Seltsam anzuschauen und nicht besonders gelungen oder gar schön zu nennen. Auf einer in einem Findling eingelassenen Infotafel lese ich die Geschichte des Baumes samt zugehörigem Gedicht.

Im Jahre 1127 soll Irmtrud, die den Burgvogt Conrad de Lokenitz besuchen wollte , vom Tempelpriester Sweno gefangen genommen worden sein. Gegen ein saftiges Lösegeld, das Conrad an Sweno zahlte, wurde sie freigelassen und pflanzte dann aus Dankbarkeit eine Eiche, so geht die Sage. Die Irmtrudeiche wäre nach meiner Rechnung heute 895 Jahre alt. Wenn da nicht ein paar Fakten im Wege stünden: Der Baum hat heute einen Umfang „in Brusthöhe“ von 6,80 m. Das Alter einer Eiche mit normaler Wuchsgeschwindigkeit wird geschätzt, indem man den Umfang mit 0,8 multipliziert. Ergibt ein ungefähres Alter dieses Baumes von um die 500 Jahre. Irmtrud wird also bestenfalls den Ahnbaum des heutigen gepflanzt haben, und wenn in der Sage ein wahrer Kern vorhanden ist, mag die 1000-jährige Eiche von Löcknitz vielleicht in der Zeit des 30-jährigen Krieges aus einer Frucht der ursprünglichen Irmtrudeiche gewachsen sein. So, wie ein 8-jähriger Sprössling von Irmtruds Eiche im Jahr 2000 umgepflanzt wurde und nun am Parkplatz des Seehotels wächst und gedeiht.

Nach soviel Eichengeschichte und -Geschichten mache ich mich endlich auf den Weg hin zum Stettiner Haff.

Den herrlichen Rindern auf der Weide bei Rothenklempenow sind meine Mutmaßungen zur Eiche vermutlich vollkommen egal. Jedenfalls strecken sie mir mehrheitlich ihr Hinterteil entgegen.

An der Grenze von Brandenburg zu Mecklenburg-Vorpommern, eigentlich hier zu Pommern, sind die Rinder gegenüber den Menschen, die ich zu Gesicht bekomme, in der Überzahl. Von Westen her schiebt sich eine Regenfront ganz langsam zu mir herüber. Die ersten Tropfen fallen, der optimistische Wetterbericht wird Lügen gestraft. Ich suche Schutz unter dem Vordach des Gemeindehauses von Glashütte. Auch hier ist keine Menschenseele zu erspähen. Nur auf der Straße gischtet ein LKW vorbei.

Ein Maulwurf hat hier ganze Arbeit geleistet und Hügel um Hügel aufgeworfen. Warum läuft das Tier nicht einfach auf der Wiese, sinniere ich… Und das Fachwerkhaus im nächsten Dorf steht am Ende, ist aber nicht am Ende, sondern in einem sehr ordentlichen Zustand. Der Regen lässt nach, meine Gedanken werden auf die vor der abziehenden Regenwand herrlich erleuchteten Bäume gelenkt.

Balsam für die Seele. Dann an einer langen Mauer an der Straße aufgesprüht die Parole: „Arbeitsplätze statt Asylanten“. Von wem fühlen sich die Menschen bei einem Ausländeranteil von 4% bedroht? Wie bemerkte doch schon der von mir so verehrte Alexander von Humboldt: „Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung derer, die die Welt nie angeschaut haben“.

In der Gegend von Eggesin fahre ich kilometerweit an Hinweisschildern „Militärischer Sicherheitsbereich“ vorbei. Alte Kasernen, neue Kasernen. Ein ältlicher Bundeswehrbulli kommt mir entgegen. Ich hoffe sehr, dass die Ausrüstung der Soldaten, die hier Dienst tuen, neueren Datums ist. Über Eggesin und den Nachbarort Torgelow lese ich seitenweise über deren Militärhistorie. Ganz wenig ist geblieben, nur um die 1000 Soldaten sind noch stationiert . Riesige Kasernenblocks stehen zum Verkauf und gammeln vor sich hin. Die Einwohnerzahlen von Eggesin und Torgelow haben sich seit der Wende nahezu halbiert. Angesichts dieser Entwicklung ist es schon erstaunlich, in welch gutem Zustand sich die Infrastruktur zeigt. Eine Eisengießerei, die vor kurzem dem Besitzer gewechselt hat, ist mit 300 Mitarbeitern der größte Arbeitgeber der Stadt.

Ich rolle weiter südwärts in Richtung Pasewalk. Schon von Weitem macht sich das riesige Getreidesilo am Horizont breit. 64 Betonröhren konnten 80000 t Getreide speichern. 1975 von einem VEB erbaut, gab die Anlage 200 Menschen Arbeit, heute werden zur Erhaltung noch ganze drei Personen benötigt. Fortschritt?

Neben dem ausgedienten Riesensilo steht noch die Großkantine des ehemaligen VEB-Betriebes, der 2021 Drehort für den launigen Film  „McLenBurger – 100 % Heimat” war. Als ich hier vorbeifuhr, wusste ich davon nichts, und die wunderbaren Burger, die von Steffi Kühnert und Martin Brambach gebraten wurden, sind leider nur Fiktion.

In Pasewalk walken nur wenige Menschen durch die Stadt, auf dem Marktplatz werden gerade Stände aufgebaut, eine Dönerbude hat geschlossen, die andere in einem Untergeschoss stößt mich mehr ab als sie mich anzieht. Also schiebe ich mir ersatzweise einen Eiweißriegel zwischen die Zähne und verlasse den Ort südwärts. Auf den Grundmöränenhügeln bei Pritzwalk stehen die neuen Wahrzeichen der Region, die Windkraftanlagen.

Nicht jedem gefällt die Verspargelung der Landschaft mit immer höher werdenden Propellertürmen. 240 Meter hoch sind die neuesten Anlagen, die hier Strom erzeugen. Dann entdecke ich im 100-Seelen-Örtchen Nechlin ein Stück Windkraftzukunft: Einen Windwärmespeicher, in dem überschüssige Energie aus Windkraftspitzen dazu genutzt wird, 1000 Kubikmeter Wasser zu erwärmen und damit per Wärmenetz die Häuser des Dorfes heizt. Überhaupt ist in diesem Dorf die Energiewende greifbar umgesetzt. Solaranlagen und Wärmespeicher stellen ganzjährig den Energiebedarf von Nechlin zu geringen Preisen ökologisch vorbildlich sicher.

Ein erstaunliches Beispiel für das, was schon heute machbar ist. Warum gibt es das nur in einem Örtchen in der Uckermark, das kaum jemand kennt? Machbar ist offensichtlich schon heute viel mehr als derzeit realisiert wird.

Nachdenklich rolle ich weiter, arbeite mich Hügel um Hügel weiter nach Boitzenburg und dann nach Templin. Für einen kalten Knacker in der Bahnhofskneipe reicht die Zeit gerade noch, dann fährt der Zug ab, der mich nach Oranienburg bringt. Dann noch mal 20 km per Rad bis unter die heimische Dusche. Dann gönne ich mir ein großes Glas Rotwein und lasse 170 Tageskilometer durch eine herrliche Herbstlandschaft Revue passieren.

Herbst in der Uckermark

Milde Lüfte, Herbstfarben, Zugvögel am Himmel… Die Steuererklärung ist fertig, der Heizungsbauer hat die Heizung gewartet, und das Dach vom Gartenhaus habe ich auch winterfest gemacht. Ein guter Zeitpunkt, wieder Nahrung für Körper und Seele zu tanken. Am besten bei einer langen Ausfahrt in die bunte Landschaft. Grobe Richtung Nordost bis hin zur Ostsee und dann eine gemütliche Übernachtung in der Uckermark. Gedacht, geplant, getan. In Löcknitz buche ich ein Zimmer im Hotel am See. Das Ziel des ersten Tages ist also klar. Den Track vom Radweg Berlin-Usedom nehme ich als grobe Orientierung für meine Fahrstrecke. Dann bessere ich auf der Basis meiner vergangenen Erkundungstouren noch auf Basecamp nach. Diese Art der Vorbereitung liebe ich, denn beim Planen kann ich im Kopf schon mal vorfahren. Bilder aus den gemachten Touren laufen vor meinem geistigen Auge vorbei und erzeugen erwartungsfrohe Gedanken.

Für nur eine Übernachtung und bei angekündigten Spätsommertemperaturen kann ich mein Reisegepäck auf ein Minimum schrumpfen. Zahnbürste, Linola-Creme, Deo – Pulli, dünne Funktionshose und leichte Turnschuhe samt einem Paar hineingestopfter Ersatzsocken. Dann für alle Fälle meine ultraleichte Gore Shakedry zum Überziehen. Das passt alles locker in eine einzige Ortlieb-Gravel-Tasche. Summa summarum wiegt meine Ausrüstung samt Radwerkzeug, Ersatzschlauch, Kamera etc. weniger als 3 kg. Drunter geht es kaum. Dazu kommen noch zwei 750ml Trinkflaschen. Macht zusammen mit meinem Granfondo Titan etwa 14 kg Gepäck plus Rad. Dann noch meine 78kg inclusive Kleidung. Nur knapp über 90 kg muss ich also über die Endmöränenwellen drücken.

Beim Start genau um 9 Uhr sind es noch frische 8 Grad. Dünne Langfingerhandschuhe und meine Rapha-Brevetjacke, dazu Beinlinge für die kälteempfindlichen Knie. Was so ein in die Jahre gekommener Randonneur mittlerweile alles braucht, um sich wohlzufühlen…

Das erste Foto mache in in Eichhorst. Selbstredend von der namensgebenden Eiche des kleinen Ortes.

Als 1709 die „Werbelliner Kanalkolonie“ auf Geheiß von Friedrich I. gegründet wurde, war der Baum schon über 300 Jahre alt und auch damals schon von imposanter Größe. Für den Verbindungskanal vom Werbellinsee zum Oder-Havel-Kanal musste das Gelände vier Meter hoch aufgeschüttet werden – die alte Eiche wurde genauso tief eingegraben. Auch diesen Angriff auf ihre Gesundheit hat sie überstanden. Heute, noch einmal über 300 Jahre später hat das beeindruckende Alter Spuren hinterlassen: Totholz, abgebrochene Äste, allerdings tragen daneben auch einige kräftige, vital wirkende Ausleger reichlich Eicheln und Herbstlaub. Möge es noch lange so bleiben. Der Werbellin liegt ruhig und friedlich da, die Strandgaststätten haben die Herbstruhe eingeläutet. Erst in Joachimsthal sehe ich die ersten Menschen auf der Straße. Das Gasthaus „Zur Krim“ gibt es seit 1883. Ob es hier wohl den berühmt-berüchtigten Krimsekt gibt? Ich kann es nicht testen, denn die Krim hat Betriebsruhe bis zum 8. November.

Jetzt, zur Mittagszeit ist mir auch mehr nach einem Milchkaffee und einem süßen Teilchen. Beim Bäcker Hakenbeck in Friedrichswalde wartet sicher schon ein leckerer Pfannkuchen auf mich. Der erste Duft, der mich erwartet, riecht allerdings nach Teer und nicht nach frischem Kaffee. Die Landstraße wird aufwändig mit einer dicken, neuen Decke versehen, bis hin zum Ortseingang. Die Bauarbeiter sind freundlich und lassen mich an den schweren Maschinen vorbei. „Vorsicht, der Teer ist noch heiß“, werde ich gewarnt.

Erst heißer Teer, dann heißer Kaffee bei Hakenbeck, dem besten Bäcker weit und breit. Gestärkt steige ich nach einer Pause in der wärmenden Sonne wieder auf und kurbele über die sanften Barnimwellen nach Norden. Auf den Äckern und Wiesen rasten Graugänse, drei Kraniche fühlen sich von mir gestört und starten zum kurzen Rundflug.

Kleine Eiszeitseen säumen meinen Kurs, hin zum ersten größeren Gewässer, dem Oberuckersee. Langsam wird es hügeliger, meine Beine werden zunehmend gefordert. Viele kleine Hügel wirken auch wie ein einziger großer. Die Uckermark wirkt menschenleer. Herrliche Ausblicke kann ich in mich hineinsaugen ohne jede Ablenkung. Vor ein paar Jahren kam ich hier vorbei bei einem 400 km Brevet. Der offizielle Track führte über einen rumpeligen Waldweg, den ich mir heute spare.

Bei Warnitz, einem kleinen Ort am Rande des Oberuckersees, bietet der Gasthof „Deutsche Eiche“ eine Karre Mist zur gefälligen Verkostung an. Wobei die kulinarische Übersetzung für Mistfladen, Pferdeäpfel und Hühnerkot tröstlicherweise Schnitzel, Bratkartoffeln und Spiegelei lautet. Ich habe aber noch keinen Hunger, und überdies hat das Haus noch nicht geöffnet.

In Brüssow weist ein Plakat an einem trostlos-grauen Gemäuer auf ein Kino hin. Ein Kulturhaus samt Kneipe, Galerie und 60 Quadratmeter großem Kino soll sich hier verbergen, lese ich auf der Ortsseite nach. Die Sonne wird durch eine Cirrusschicht milde abgedimmt. Das erzeugt eine Stimmung, geeignet für einen melancholischen Film aus der alten Zeit.

Löcknitz ist nicht mehr weit. Bald habe ich 150 Kilometer in den Beinen. Aussicht auf eine Dusche, dann vielleicht ein Bier auf der Terrasse… Vorfreude. Ein kleiner Festungsturm markiert den 3300-Seelen-Ort an der Randow, die hin zum Stettiner Haff fließt. Etwas Kultur muss sein, erinnert mich mein inneres Ich. Also durchschreite ich die Burganlage samt Touristikzentrum. Das ist kein zeitraubendes Unterfangen, nach wenigen Schritten habe ich das Areal durchmessen.

Ein paar hundert Meter weiter erreiche ich das Hotel am See, in dem ich ein Zimmer gebucht habe. Freundlich und professionell werde ich empfangen, mein Granfondo erhält eine sichere Bleibe im sogenannten Radschuppen, der sich als Abstellraum, ehemaliger Fitnessbereich und Rumpelkammer erweist. Trotzdem oder gerade deshalb fühlt sich mein Rad neben einer ausgedienten Hantelbank sehr wohl.

Wo bin ich hier hingeraten? Ja, bin ich denn in Bayern? Alles ist korrekt geschrieben, auch der Obazda und die Brezn.

Das Colnago braucht auch mal frische Luft

Vor genau 40 Jahren fuhr Andre Roest aus Venlo auf einem wunderschönen blau-metallic schimmernden Colnago einige Erfolge bei Rundstreckenrennen ein. Und 1983, im Jahr danach, wurde mir mein geliebtes Koga, das ich im im Jahr zuvor bei Clemens Großimlinghaus, genannt „Mücke“, erworben hatte, einfach aus dem Kellerverschlag geklaut. Die Versicherung zeigte sich gnädig und überwies mir 1600 Mark, den Kaufpreis für das „Gentsracer“. Auf der Suche nach einem geeigneten Nachfolger half mir unser damaliger Fuhrparkleiter von MB in Krefeld mit seinen Beziehungen in die Rennszene. „Fahr einfach zum Andre Roest nach Venlo, der hat sein Colnago, das er nur einige Rennen gefahren ist , im Schaufenster zum Verkauf stehen“. Eine halbe Stunde später sitze ich im 230 CE und sause nach Venlo. Mitten im Arbeitstag. Die Freiheit nehm ich mir, das muss jetzt sein… Dann stehe ich vorm Radladen von Andre Roest. Formatfüllend im Schaufenster prangt ein herrliches Metallic-blaues Colnago zum Kaufpreis von 1800 Mark. Jetzt nur nicht zeigen, dass ich mich schon verliebt habe, nur nicht zeigen, dass ich eigentlich nicht mehr verhandeln will… Es ist um mich geschehen, als ich die Campa-Super-Record Ausstattung, die Mavic SSC-Blue Räder gesehen habe. Ganz cool betrete ich den Laden . Eine halbe Stunde später liegt das Traumrad im Kofferraum. Ich habe es tatsächlich für genau 1600 DM kaufen können. Ein Glückstag.

Viele Tausend Kilometer sitze ich in den 39 Jahren nach dem Glückskauf auf dem herrlichen Rad. Es hat mich keinen einzigen Moment im Stich gelassen. Die Qualität: schier unglaublich. Meine Aufzeichnungen belegen mittlerweile über 100.000 Kilometer Laufleistung. Einzig das Innenlager, die Kurbelgarnitur war einmal und natürlich Ketten und Ritzel regelmäßig zur Erneuerung fällig. Die Laufleistung einer Kurbelgarnitur mit über 60.000 km glaubt mir heute kein Redakteur von ROADBIKE mehr. Aber es ist die Wahrheit! Solange hielten einmal die Baugruppen. Und das Super Record-Schaltwerk, die Schalthebel, die Bremshebel… Alles Original! Funktionieren wunderbar, wie in besten Tagen!

Leder und Stahl

Eine Ode an die Langlebigkeit!

In unseren Tagen suggerieren Herstellermarketing und Fachpresse Lebenserwartungen von Gruppen und Bauteilen im Bereich von < 3000 km. Fortschritt ???

Dem aufmerksamen Leser wird es nicht entgangen sein, metallic-blau ist der Rahmen auch nicht mehr. Einige Macken und Abplatzer hatten mich vor zehn Jahren auf die Idee gebracht, die Columbus-Rohre neu pulvern zu lassen. Die Spezialisten von Neuser am Innsbrucker Platz verwandelten Blau in feines Anthrazit. Die Chromteile wurden noch klar überpulvert. Saubere Arbeit. Bis heute ohne jede Abnutzungserscheinung.

Am Oberrohr der Startnummernhalter von Andre Roest

Zeitsprung!

Heute habe ich nach langen Wochen endlich wieder einmal Ernesto, wie ich mein Colnago getauft habe, aus dem Kellerdunkel ins Licht geholt. Warum habe ich dies wunderbare Rad solange verschmäht? Keine Ahnung. Endurace, TREK, Basso, Granfondo Titan… Sie alle wollten auch bewegt werden. Heute ist aber endlich Ernesto an der Reihe.

Eine schöne Runde nach Norden, hin zum Werbellin, rein in die Barnimwellen, das wird dem alten Renngerät gefallen. Ich rolle über Schönwalde, Basdorf und Klosterfelde nach Norden.

Vorbei am „Tapferen Schneiderlein“ in Klosterfelde, dann hin zum Werbellin, an der Rosenbecker Schleuse mit dem wundersamen Ausflugslokal „Zur kleinen Moldau“ vorbei. Irgendwann muss ich unbedingt hier ein tschechisches Bier trinken.

Weiter rolle ich am Werbellin entlang nach Joachimsthal, endlich den Kaiserbahnhof mal von innen betrachten…

Um von der Hauptstadt in die Schorfheide oder direkt nach Joachimsthal zu kommen, musste man in Britz (1842) bei Eberswalde auf die Kutsche umsteigen. Das galt sogar für den Kaiser. Mit dem Bau der Nebenstrecke Britz-Joachimsthal-Templin-Fürstenberg wurde es vor allem für die kaiserliche Reise zur Jagd wesentlich komfortabler. Hier nahe beim Werbellinsee errichtete man einen Bahnhof, den es so zwischen Berlin und der Schorfheide kein zweites Mal gibt. Dieser wurde im Jahr 1898 eingeweiht. Kaiser Wilhelm der II sorgte dafür, dass eine Bahnstation auch für den Hof und die Staatsgäste entstand. Diese Station erhielt den Namen Bahnhof Werbellinsee (der im Volksmund schon immer Kaiserbahnhof hieß). Quelle: Amt Joachimsthal

Oft habe ich schon vor dem mittlerweile sorgfältig restaurierten Gebäude gestanden, noch nie war ich drinnen. Das hole ich jetzt nach. Eine freundliche Dame, die gerade mit der Pflege der Grünanlage beschäftigt ist, begleitet mich in die Räume, die so gar nichts von einem klassischen Bahnhof haben. Malereien, Schnitzwerk, fürstliche Sitzgelegenheiten, und ein Kamin sollten es Wilhelm II erleichtern, auf seine Kutsche zu warten, die ihn mehrmals pro Jahr in sein Jagdhaus Hubertusstock am Werbellinsee gebracht hat. In der Zeit von 1898 bis 1914 war der Kaiser hier zu Gast. Dann war es vorbei mit der Herrlichkeit. Der erste Weltkrieg war ausgebrochen, nicht ganz ohne Zutun des Kaisers. Die Biografen sind sich nicht ganz einig über seine Rolle dabei.

Am Bahnsteig könnte ich jetzt in den RB 63 einsteigen, der zwischen Eberswalde und Templin verkehrt. Mit Anschluss an die große Welt. Ich ziehe für die Weiterfahrt mein Colnago vor. Ich bleibe aber auf dem Wege nach Templin immer nah dran an der Schorfheide-Bahn.

“ Nächste Station Friedrichswalde“ , wo mein Lieblingsbäcker Hakenbeck sein wunderbares Brot backt. Heute hat er seinen verdienten Ruhetag. Mein Magen knurrt weiter und wird nur unwillig mit einem Saitenbacher-Riegel ruhig gestellt.

Ernesto bewundert die Tierwelt der Schorfheide an der „Kunstkate“ in Friedrichswalde

Friedrichswalde, Ringenwalde, Templin, Vogelsang. Heute, am Montag ist es nicht leicht, eine Futterquelle zu finden.

Erst im Gasthof Stadtgarten in Zehdenick, neben der Zugbrücke an der Havel, werde ich fündig. Ich bestelle einen Käse-Burger mit Pommes, dazu ein großes Bitburger. Schmeckt sehr lecker, gibt Kraft und gute Laune. 45 Minuten später sitze ich wieder auf dem Stahlgerät und freue mich auf die letzten 45 Kilometer des Tages. Ers wird langsam Zeit, denn ich habe nur eine Rückleuchte, aber keine Frontlampe dabei. Völlig untypisch für mich. So muss ich mich beeilen, noch im Hellen wieder daheim anzukommen.

160 Kilometer hat mein Garmin gezählt heute. Ernesto flüstert mir zu, dass er solche Runden mit mir gerne öfter rollen würde. Schaun mer mal.

Kastanien, Sand und tiefe Wasser

Die Kastanien blühen, die gefingerten Blätter spreizen sich in voller Größe. Ganze vier Kilometer lang ist die prächtige Kastanienallee am Weg zwischen Tornow und dem Barsdorfer Haussee. Wunderbar als Radweg ausgebaut ist die schmale Verbindungsstraße, die hinter Barsdorf nach Qualzow hin in einen feinsandigen Weg übergeht. Rapsfelder zu beiden Seiten säumen das satte Blattgrün mit sattem Blütengelb.

In Barsdorf wird der ehemalige Dorfgasthof restauriert. Ich fürchte, eine Gaststätte, wie sie bis mindestens 2016 hier betrieben wurde, wird dann nicht mehr Treffpunkt der Barsdorfer sein. Der laubenartige Vorbau des Hauses mit den gotischen Spitzbögen passt so gar nicht zum übrigen Gebäude. Was alt aussieht, ist nicht immer wirklich alt.

Gaststätte zur alten Schmiede, geschrieben in einer seltsamen Schrift, die an die Altdeutsche erinnert, allerdings mit einem wundersamen „e“, das aussieht wie ein „n“ .

Um die Mittagszeit wirkt Barsdorf verlassen, keine Menschenstimmen, nur Vogelgesang ist zu hören. Am Ortsausgang endet die geteerte Straße und wird zum Feldweg. Beim Haussee sinken meine 25 mm Contis in den trockenen Feinsand ein. Ich steige ab und lege eine kleine Wanderpassage ein. So kann ich den Wald und die Felder intensiv genießen.

QUALzow, ein bezeichnender Name und Synonym für die kleine Qual, die der Randonneur im Sand erfährt. Vorbei am Stolpsee und Bredereiche führt die hügelige Rumpelstraße nach Fürstenberg. Schön die Landschaft, aber arg durchgerüttelt wird man. Ab Fürstenberg hin nach Neuglobsow werde ich durch den herrlichen Radweg entschädigt. Keine Autos, viel Wald und Wasser, viele kleine fiese Wellen, die Körnchen kosten und Kondition bringen. Am Stechlin rolle ich an den Strand und gönne mir am Imbiss ein Stück Schokoladenkuchen und einen großen Kaffee. Die angebotene „Pizza-Meterware“ verschmähe ich. Der Stechlin ist immer schön, und heute zeigt er wieder, was in ihm steckt. Die alten Buchen am Uferrand zaubern eine ganz besondere Stimmung.

Bis zur Wetterstation folge ich dem Uferweg, dann kurbele ich zurück in Richtung Menz und setze Kurs nach Südosten. In Zernikow kurve ich kurz ein auf den Hof vom Gut Zernikow, das schon Fontane begeisterte.

„In Vorbereitung – eine Ausstellung über Achim von Arnim und sein Meteorologieprojekt“. Die Hinweistafel macht mich neugierig. Dieser Ort und die Gebäude haben eine besondere Geschichte, um die ich mich demnächst noch intensiver kümmern sollte. Von Zernikow führt einer der schönsten Radwege Brandenburgs zum kleinen und großen Wentowsee. Allein dieses Stück Natur ist ein besonderer Schatz.

Zugegeben: nicht alles ist hier restauriert. Solvente, tatkräftige Investoren können hier noch interessante Objekte finden. Bei Ribbeck, nicht zu verwechseln mit dem Ribbeck vom Ribbeck auf Havelland, schwinge ich mich wieder auf den Radweg, auf dem ich am Morgen in den Norden gekommen war, und mache Kilometer in Richtung Berlin. Am Voßkanal entlang, nach Liebenwalde und Bernöwe, wo ich einen Stopp beim dem mir seit letztem Jahr bekannten Trabi-Imbiss einlege. Aus einem Bier werden zwei, aus 15 Minuten wird eine halbe Stunde mit anregenden Gesprächen. Die „Eingeborenen“ zeigen sich freundlich, weltoffen und naturverbunden.

Heute hat mein Garmin 182 gehaltvolle Kilometer gezählt, die ich nicht missen möchte. 

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Havelland – Einblicke

Der Brieselang und eine Eiche, die es nicht mehr gibt

Nach Westen führt mein üblicher Weg über Hennigsdorf hin nach Wansdorf. Die ersten 20 Kilometer fühlen sich gegen den frischen Südwest wie Arbeit an. Aus dem grauen Himmel fallen ein paar kalte Tropfen. Aber nur ein paar. Nicht genug zum richtigen Nasswerden. Außerdem schlummert in meiner Rahmentasche meine Shakedry-Regenjacke. Ungemein beruhigend. Beim Imbiss „Auszeit“ habe ich leider noch keinen Hunger, obwohl es hier gut schmeckende Pommes gibt. Ich bin einfach zu früh hier. Also lasse ich meine Blicke schweifen, rechts an der Durchgangsstraße in Pausin der leicht verranzte Lebensmittelladen „Ihre Kette“. Meine Kette würde das sicher nicht sein, wenn ich hier wohnen würde. Wie in so vielen Brandenburger Dörfern ist es auch hier: Ein Imbiss, eine Kneipe, ein Lebensmittelladen. Kein Metzger, kein Bäcker mehr. Letztere gehören offensichtlich einer aussterbenden Spezies an, die in unserer Konsumgesellschaft mit Massenartikeln keine Überlebensfähigkeit besitzen. Parallel zur Durchgangsstraße liegt der gepflegte Pausiner Dorfanger mit der schlicht-schönen Kirche. 

Gutshaus Wansdorf

In Wansdorf gibt es einen kleinen Rastplatz unter alten Eichen. Hier war jahrelang Startplatz für Radtouren mit Freunden. Genau 20 Kilometer sind es von Zuhause bis hierher. Eine knappe Stunde Fahrzeit. Und immer wieder, seit über zehn Jahren, schaue ich in den Innenhof des ehemaligen Gutshauses, auch Wansdorfer Schloss genannt. Der heutige Besitzer kaufte die Liegenschaft im Jahre 2009 der Stadt Berlin ab, die die Bausubstanz über viele Jahre einfach vor sich hin gammeln ließ. Jetzt geht es langsam, aber stetig voran mit den Schritten der Restauration. Ursprünglich hatte sich ein wohlhabender Industrieller aus dem Spreewald die Villa 1906 errichten lassen, um hier einmal mit seiner Familie zu wohnen. Vor dem Umzug starb er. dann wurde an die Stadt Spandau verkauft, und eine wechselvolle Geschichte begann: Lungenheilstätte für Kinder, Genesungsheim, Melkerschule, Lehrerbildungsinstitut, und nach der Wende kam der Verfall. Heute wirkt das Ensemble wieder ansehnlich. 

Fernsehturm Perwenitz

Durch den Wald führt der Radweg vorbei am Fernsehturm von Perwenitz, dem mit 135 Metern höchsten Gebäude im Ländchen Glien. Als Relaisstation für Mobilfunk hat der im Jahr 1956 errichtete Betonriese nach der Zeit für Fernsehübertragungen eine zeitgemäße Bestimmung gefunden. Perwenitz profitiert von der vorbeiführenden A10. Seit 2019 hat sich der Bahnbauer Stadler mit einem neuen Werk niedergelassen. Perwenitz hat mehr Arbeitsplätze als Einwohner. 

Am Industriegelände vorbei führt die alte Nauener Chaussee, die zwar nicht als Radweg ausgezeichnet ist und zudem als Sackgasse gekennzeichnet ist. Das hält mich nicht davon ab, diesen Weg nach Süden, hinein in „den Brieselang“, zu fahren. Ich will einen zweiten Anlauf unternehmen, die von Fontane in seinen „Wanderungen“ erwähnte Königseiche endlich zu finden. In diesem Wald, auf der Grenze von Bütenheide und Brieselanger Forst, soll sie gestanden haben. Als Fontane sie besuchte, war sie schon abgestorben, aber eben noch sehr stattlich in der 40 Meter hohen Erscheinung. „Es gibt Holunderbäume in Pfarrgärten, die in fünfzig Jahren mehr gesehen haben als die große Eiche in fünfhundert. Nur die letzten Jahrzehnte schufen einen Wandel: Landpartien und Berliner kamen.“ So schreibt Fontane über die Eiche, die er im Mai 1870 besuchte und den Brieselang. Ich bleibe mit meinem Granfondo auf der Alten Nauener Chaussee, die bald zu einem vermatschten Waldweg wird. Nach zwei Kilometern entdecke ich an einer Weggabelung eine in die Jahre gekommene Infotafel. 

Reste der Großen Eiche im Brieselang

 … Schon wieder stehe ich nicht am richtigen Ort: Der zerbrochene, verrottende riesige Eichenstamm soll von der  „Alten Eiche“, nicht aber von der Königseiche stammen. Diese soll ein paar hundert Meter weiter östlich gestanden haben. Also mache ich ein paar Fotos und rolle suchend weiter. Ohne Ergebnis. „Wer den Brieselang kennenlernen will, der muss auch, rüstigen Fußes, die beiden andern Staffeln zu erreichen wissen: die Försterei und die Eiche. Nur erst wer bei der „Königseiche“ steht, der hat den Brieselang hinter sich und kann mitsprechen“, schreibt Fontane. Teilziel erreicht, konstatiere ich.

Dörfer, Denkmale, Besonderheiten und Wunderliches

In Alt Brieslang, wo die Försterei gestanden hat, führt eine Brücke über den Havelkanal. Hier sollen sich also „in sommerlicher Lust“ hunderte von Ausflüglern aus Berlin verlustiert haben in alter Zeit. Die Zeit ist vorbei. Der Brieselang hat schon lange wieder seine Ruhe. Nach Westen hin unterquere ich die A10 und setze wieder Kurs nach Norden. Ein riesiger Schriftzug „Amazon“ prangt an einer genauso riesigen Lagerhalle. Das sind die neuen Wahrzeichen der Region. Bei Paaren passiere ich das MAFZ-Freizeitzentrum ( Märkisches Ausflugs- und Freizeitzentrum) Erlebnispark, Mini-Zoo, Braumanufaktur, Kinder- und Erwachsenenbelustigung. Durch den Krämer Forst rolle ich weiter nach Nordwesten. Der nächste Ort heißt Grünefeld.

Grünefeld

Direkt an der Straße steht ein Wohnhaus aus dem Jahr 1909, eine Art von nachempfundenem Vorlaubenhaus. Seltsam unpassend hier. Der 400-Seelen-Ort wirkt wie im Winterschlaf. Im Sommer trafen sich am Waldsee über 8000 Menschen zum „Nation of Gondwana-Festival“ Alternatives Musikfestival. Und im Juli soll es wieder soweit sein. Tausende werden ins Havelland pilgern, um in Grünefeld zu lachen, zu trinken, zu tanzen. 

Nach Grünefeld kommt Börnicke. Das neue Wahrzeichen des Ortes heißt nicht Amazon, sondern DHL. In einer riesigen Halle werden täglich über 500.000 Pakete sortiert und versendet. Bald soll eine neue 220 Meter lange Halle entstehen. Noch mehr Pakete, noch mehr LKW, noch mehr Arbeitsplätze. Mehr als Bürger in Börnicke. Nicht alle sind begeistert. In Börnicke fahre  ich einen Bogen  über den Dorfanger und an der Kirche vorbei. Dann entdecke ich eine alte Bahntrasse, die nach Norden führt. Parallel verläuft ein Fahrweg, hin zum ehemaligen Bahnhof Börnicke.

Alter Bahnhof Börnicke

Hierher verlief von 1914 bis 1967 ein Teil der Nebenbahn Oranienburg-Nauen-Jüterbog. Eine Bahnlinie mit nur kurzer Lebenszeit, nur kurzer Zeit mit Betrieb und Bedeutung. Den Bahnhof hat, wie ich nachgelesen habe, ein junges Paar gekauft, renoviert und zum kleinen Zentrum für Veranstaltungen, Retreats, Coachings, gemacht. Sehr beachtenswert und mutig. Heute muss ich mich an einer Schranke vorbeizwängen, um mit leicht schlechtem Gewissen das „verbotene Privatgelände“ zu queren. Vorbei an einer alten Lok, die an alte Zeiten erinnert. Der bahndammbegleitende Pflasterweg mündet beim Denkmal für die Opfer des KZ Börnicke in die Tietzower Straße.

Mahnmal für das KZ Börnicke

Eines der ersten „wilden KZ“ wurde hier schon 1933, kurz nach der Machtergreifung Hitlers auf dem Gelände einer Zementfabrik betrieben und war bis zum Ende des Krieges Außenstelle des KZ Sachsenhausen. Das in die Jahre gekommene Denkmal erinnert an die Gräuel vergangener Zeit. Irgendwie trist und traurig und verloren wirkt der Ort auf mich heute. In Tietzow erreiche ich kurz danach wieder ein etwas freundlicher wirkendes Umfeld. Ich gönne mir eine ausgiebige Runde über und um den Dorfanger herum.

Dorfanger Tietzow – viel Bäume, wenig Menschen

Einen großen Dorfanger mit alten Bäumen hat hier jedes Dorf. Mittendrin die Kirche und der Friedhof und die Feuerwehr. Sorgfältig mit Ziegeln gepflasterte Gehsteige kontrastieren mit Rumpelpflaster auf dem Fahrweg und den Häusern in sehr unterschiedlichem Erhaltungszustand. Schönes und Verfallenes und neu entstehendes in direkter Nachbarschaft. Mit einem großen Kinderspielplatz in der Mitte, direkt daneben eine Denkmalsäule für Karl Liebknecht. Grau, der Schriftzug verrostet. Die Sitzbank daneben neu. Kontraste! 

Flatow, Staffelde, ORION, Kremmen, das sind die nächsten Stationen meiner Tour. Wobei Orion eine besondere Geschichte hat: Der Ortsteil von Kremmen trägt diese Bezeichnung erst seit dem Beginn des 2. Weltkriegs, nach der gleichnamigen Fabrik, in der Leuchtspur- und Signalmunition in großem Stil produziert und getestet wurden. Mit zwangsweiser Unterstützung von aus den Ostgebieten und der Ukraine herangeschafften Arbeitskräften, die unter grausamen Bedingungen hier geschuftet haben. Erstaunlicherweise finden sich in der Stadthistorie nur nach mühsamem Nachsuchen Informationen zur unrühmlichen Historie der Siedlung. Und auch in Orion selbst entdecke ich keinerlei Hinweis auf die Vergangenheit. Die Vertriebszentren von LIDL, GEL und Fiege dominieren die Flächen. 

Orion bei Kremmen

Mit den unbeantworteten Fragen zu Orion im Kopf erreiche ich das Kremmener Scheunenviertel, das sich auch an diesem grauen Februartag erstaunlich belebt zeigt. Hier residieren das Theater „Tiefste Provinz“, ein Café, ein Museum, kleine Läden, ein Restaurant, ein Friseur gar. Erstaunlich! Kremmen at its best. 

Das Städtchen verlasse ich auf dem gekennzeichneten Radweg, der erst kein Radweg, sondern ein Wiesenweg ist, dann aber zum gut befahrbaren Waldweg durch den Kremmener Forst wird. Vor dem Waldgebiet wartet der mit weißen Folien bedeckte Spargel auf Sonne und steigende Temperaturen. Der Kremmener Spargel hat Tradition, und die Anbaufläche wird mächtig erweitert. Wer soll den ganzen Spargel noch vertilgen. Am Ende der Plastikfelder ragt eine mächtige Eiche am Waldrand auf. Eine beeindruckende Baumskulptur. Sie zieht mich förmlich in ihren Bann. Das Granfondo lehnt sich behaglich an die krakenarm ähnlichen Wurzeln. Ich nehme einige Schlucke aus meiner Trinkflasche und lasse die Eindrücke wirken. 

Der Baum trägt den Namen „Träneneiche“, kann ich bei Google nachlesen. Für mich erzeugt er Wohlbefinden und Frische, also eher Freudentränen. Zehn Minuten später tauche ich ein in den Kremmener Forst, in dem der Sturm der letzten Tage sichtbare Spuren hinterlassen hat. Einige ziemlich wild aussehende Rinder rupfen Gras zwischen umgestürzten Bäumen. Ein paar Meter weiter bremst mich eine Baum-Stiefel-Schuhskulptur. Auf eine solche Idee muss man ersteinmal kommen. Kunst im Forst! Nächster Halt: Verlorenort. Ja, die Ansiedlung heißt tatsächlich so. Keiner weiß genau, woher der Name herrührt. Angeblich hat der Alte Fritz bei einer Kutschfahrt nach einem Achsbruch ausgerufen: „Hier sind wir an einem verloren Ort“.

Eine andere Geschichte berichtet über Holländer, die hier im 18. Jhd. verloren gegangen sein sollen… 10 bunte Häuser, sechs Familien. Wer Ruhe sucht, hier ist sie zu finden.

Immer geradeaus, auf mittlerweile glatt geteertem Weg, rolle ich gen Sommerfeld, dann hinüber nach Germendorf mit seinem illustren Tierpark. Der große Dinosaurier und der gewaltige Elch am Eingang geben ein prächtiges Fotomotiv ab.

Das Granfondo mit Gran Dino. In Hohen-Neuendorf bremse ich noch einmal am Skulpturen-Boulevard für das frisch entstandene „Poetische Weltbild“ der Künstlerin Zaine Brockmeyer-Barbosa . Das bringt Farbe in den grauen Tag und ist ein perfekter Abschluss der heutigen Tour. 

Und als Epilog Fontanes Aufzählung der lachenden Dörfer im Havelland :

Und an dieses Teppichs blühendem Saum

All die lachenden Dörfer, ich zähle sie kaum:

Linow, Lindow,

Rhinow, Glindow,

Beetz und Gatow,

Dreetz und Flatow,

Bamme, Damme, Kriele, Krielow,

Petzow, Retzow, Ferch am Schwielow,

Zachow, Wachow und Groß-Behnitz,

Marquardt-Ütz an Wublitz-Schlänitz,

Senzke, Lenzke und Marzahne,

Lietzow, Tietzow und Rekahne,

Und zum Schluß in dem leuchtenden Kranz:

Ketzin, Ketzür und Vehlefanz.

Langsam an der Schnellen Havel

Auf 14 Kilometern Länge verläuft der Voßkanal parallel zur mäandernden Schnellen Havel von Liebenwalde bis nach Zehdenick. Erbaut in den Jahren 1880 bis 1882 und ausgerüstet mit den Schleusen Bischofswerder, Krewellin und Zehdenick. Auf dieser Wasserstraße konnten endlich die Produkte der Ziegeleien um Mildenberg herum nach Berlin verschifft werden. Die schnell wachsende Großstadt Berlin brauchte um die Jahrhundertwende vor dem Ersten Weltkrieg Millionen Tonnen Ziegel und Klinker für die neu entstehenden Häuser und Bauwerke. Der Radweg Berlin – Kopenhagen begleitet den Voßkanal durch die herrliche Auenlandschaft. Gerade jetzt, im Spätherbst, sind die Farben besonders kräftig. Goldbraun leuchten das letzte Laub an Eichen, Ahorn und Linden und die gefallenen Blätter am Boden. Sattgrün die Wiesen an der Schnellen Havel. Ein Farbrausch, der den Vorteil hat, den Menschen nicht besoffen, sondern einfach nur glücklich zu machen.

Am Voßkanal bei Krewellin
Am Voßkanal

Alle paar Hundert Meter klicke ich die Radschuhe aus den Pedalen, fingere meine Olympus Tough-Kamera aus der Oberrohrtasche und mache Foto um Foto. Mit Schilf, mit Bäumen, mit Wiesen, mit Wolken, mit Wasser…

Beste Nahrung für die herbstdämmerungs-, nebelgeschädigte Seele. Endlich Sonne, klare kalte Luft aus Norden. Flache Cumuluswolken gruppieren sich in Reihen am tiefblauen Himmel. Vereinzelt sind noch Kranichrufe zu hören. Die letzten Zugvögel machen sich auf den Weg nach Süden. Graugänse schnattern zu hunderten um die Wette und bilden schöne Schattenrisse unter den Wolken.

Gänse in der Thermik unter Cumuluswolken

Vereinzelt tuckern Sportboote vorbei, wahrscheinlich auf dem Weg ins Winterquartier oder in die Werft von Malz oder ins Bootslager von Liebenwalde. Am Südrand von Zehdenick vereinigen sich Voßkanal und Schnelle Havel, um sich dann wieder als Havel durch die zahlreichen Tonstich-Seen bis hinauf nach Mildenberg zu schlängeln. Heute schaue ich mir ein historisches Kleinod von Zehdenick endlich mal von innen an: Das Zisterzienserkloster aus dem Jahre 1250. Genauer: Kloster für Zisterzienserinnen. Die wechselvolle Geschichte über die Jahrhunderte ist im verlinkten Artikel nachzulesen. das kleine Eingangstor ist erfreulicherweise geöffnet, so dass mein Basso und ich in den Innenhof der ehemaligen Klosteranlage hineingehen können. Die Mauern atmen Geschichte und hätten sicher viel zu erzählen, wenn sie denn könnten. So lese ich wissensdurstig die Informationen auf den Mauertafeln, bin beeindruckt vom mächtigen Mauerwerk und dem kleinen Klostergarten, in dem heute mannigfaltige Kräuter und Gartenpflanzen in Hochbeeten gedeihen.

Zehdenick hat sich im Laufe der Jahre in der Mitte des Ortes ordentlich herausgeputzt. Sorgfältig restaurierte Häuser in den Farben der Barockzeit und daneben gelegentlich auch leer stehende Läden, die neue Betreiber suchen. Alt und neu, hübsch und hässlich in direkter Nachbarschaft.

Zehdenick, ein Ort, der sich Mühe gibt, wieder attraktiv und lebenswert zu werden.

Auf dem Weg wieder zurück nach Berlin rolle ich in Richtung Löwenberg nach Südwesten über die B 109 sanft eine Bodenwelle hinauf, himmelwärts durch eine junge Allee in die Wolkenbänke schauend.

Himmelwärts

Hammelstall heißt ein Anwesen am Waldrand. Wegsteine zeugen von der Vergangenheit.

„Zehdenicker Bürgerheide 1299“ lese ich auf dem ersten Stein westlich der Straße. Wenig weiter südlich dann „Erbauung der Chaussee 1900/1901 – Berlin 7 Meilen“ Eine Preußische Meile entspricht 7,532 Kilometern, also ist die Distanz nach Berlin etwa 53 Kilometer. Damit ist mein Garmin absolut einverstanden. Kurz vor Falkenthal folge ich einem Radwegweiser, der mich in den ehemaligen königlichen Forst hineinführt. Wieder hin nach Osten in die Havelauen. Ein wunderbarer Weg durch alten Mischwald mit herrlichen Buchen, Eichen und großen Kiefern. Eine Viertelstunde später stehe ich an einer Weggabelung. Links ein riesiger Farbklecks in Form einer Stieleiche, die komischerweise noch nicht ihr Laub abgeworfen hat, und gerade vor meinen staunenden Augen wird eine Herde von wunderbaren braunen und schwarzen Rindern immer größer. Mittendrin eine Gruppe von zotteligen Eseln.

Esel inmitten von Rindern – friedliche Koexistenz

Der Sandweg, der nach Süden führt, ist tief und weich. Ich muss eine Weile schieben. Eigentlich genau richtig, um dieses Stück herrliche Natur richtig in mich hineinzusaugen. Irgendwann komme ich wieder auf festen Rollgrund. An einsamen Gehöften vorbei bis zu einer Reihe von Fischteichen, auf denen hunderte von Schwänen ihre sanften Kurven ziehen.

Fischteiche westlich der Schleuse Bischofswerder

Der mittlerweile feste, glatt geteerte Weg führt mich nach Süden in Richtung Neuholland. Dann hinüber nach Malz und wieder an den Oder-Havel-Kanal.

Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist 80A5FCBC-3C86-42AA-97D2-A629C5F6BA7C_1_201_a-1024x576.jpeg

In Friedrichsthal, an der Kanalbrücke, schließt sich der Kreis für meine Herbstausfahrt, und ich rolle wieder auf wohlbekannten Wegen nach Hause. Mit dem letzten Licht am Lehnitzsee entlang und wenig weiter mit einer leuchtenden Venus als Glanzpunkt des Tages am orangerot gefärbten Südwesthimmel.

Mit Sonne und Wind ins Oderbruch

Fitness-Studio, Spinning, freie Rolle, Indoor-Training … Damit komme ich nicht über den Winter! Ich mag es einfach nicht, Wände vor mir zu sehen, vorm Bildschirm zu trainieren, Wind nur vom Ventilator ins Gesicht gepustet zu bekommen.

Radfahren kann man bei jedem Wetter – wenn man es will und wenn man die richtige Ausrüstung hat.

In den Zeitschriften Roadbike, Mountainbike und Tour werden die neuesten Gravel-Räder getestet. Natürlich auf Mallorca, Korsika oder in Kalifornien. Wie wirst Du fit für die Saison, das optimale Workout … Alles dreht sich um die Vorbereitung der „neuen Saison“.

Ich sichte kein einziges Foto von einem Radfahrer im Schnee, alle Bäume sind grün. Tests von Winterjacken und -schuhen finden im Labor statt. Da rufe ich euch zu: Es gibt nicht die EINE Saison von April bis Oktober – 12 Monate kann man lustvoll Räder und Körper in der freien Natur bewegen! Kommt mal raus aus den geheizten Redaktionsstuben und schreibt aus eigener Erfahrung vom Fahren bei Kälte, Nässe und Frost!

In diesem Winter musste ich bislang noch nicht Hauseinfahrt und Gehweg vom Schnee befreien. In Brandenburg lag der Schwerpunkt bisher auf  dem richtigen Schutz vor Kälte und Nässe, der Wahl der geeigneten Bereifung und einer zuverlässigen, hellen Beleuchtung für lange Fahrten bei Dunkelheit.

Was werde ich also morgen für unsere Tour ins Oderbruch anziehen? Der Wetterbericht sagt Nordwestwind Stärke 4 mit Böen bis zu 50 km/h voraus, Temperaturen zwischen plus 2 und 5 Grad, dazu fünf Stunden Sonnenschein. 4 Grad plus bei Windstille fühlen sich bei 20 km/h Wind an wie minus 5 Grad! Der Windchillfaktor ist nicht zu unterschätzen.

So packe ich mich ein: 

Unter diesem Link ist die Bekleidung im Foto zu sehen

https://randonneurdidier.wordpress.com/2018/12/26/ps-winterbekleidung/

von innen nach außen:

  • Unterhemd: Merino Winter-Langarm-Unterhemd ( Rapha deep winter) – ein kostengünstiges Merinoteil einer anderen Marke tut es natürlich auch.
  • Unterhose: Funktionsunterhose ohne Nähte (Odlo) >>> ja, ich trage eine Unterhose unter der Radhose! Wärmt und tut gar nicht weh.
  • Socken: Wintersocken lang ( x-socks)
  • Trikot: Merino-Langarmjersey ( Rapha Brevet Windblock)
  • Hose: Winter-Radhose lang ( Löffler oder Rapha)
  • Jacke: Gore-Winterjacke C5 Thermo
  • Schuhe: Mavic Crossmax Pro Thermo- Schuhe
  • Handschuhe: Specialized-Lobster-Handschuhe, darunter dünne Fingerhandschuhe
  • Mütze: Vaude-Helmmütze
  • Helm: Giro Air Attack Shield mit zugeklebten Lüftungsschlitzen und dem „Shield“, das Stirn, Augen und Jochbeinbereich sehr gut gegen eisigen Wind schützt

Diesmal kommt Peter per Regio zum Treffpunkt Bhf Oranienburg. Pünktlich! rollt der Zug um 10.10 Uhr ein. Ich habe mich auf den ersten 17 Kilometern gegen den Wind schon mal warmgerollt. Mein Track führt über die Barnimwellen bis ins Oderbruch nach Küstrin.

Im vorbildlichen Radparkhaus am Bahnhof stehen erstaunlich viele Räder von Pendlern

Rahmersee, Wandlitzsee, Liepnitzsee, Hellsee … an jeder Ecke leuchtet dunkelblau das klare Wasser durch die Bäume. In Biesenthal künden die zahlreichen, meist gut restaurierten Häuser und Villen aus der Gründerzeit von ehemaligem Wohlstand. Und in Biesenthal baut Michael Hecken seine E-Bikes zusammen mit Kalle Nicolai. HNF – „Hecken-Nicolai and Friends“ heißt die Firma mittlerweile. Zu Hause erinnert mich eines der ersten Produkte, das smart E-Bike meiner Frau, an das ehemalige Startup-Unternehmen.

In Beerbaum, nach den ersten sanften Wellen des Barnim, bollern wir über eine Pflasterpassage, die wir von diversen Ausfahrten und Brevets kennen.

Hier, nach Überstehen des unverfugten Abschnitts, ist einem unbekannten Kollegen seine Maloja-Trinkflasche fliegen gegangen.
Im MOZ.de -Artikel aus 2011 wird ein Café im denkmalgeschützten Gebäude neben dem historischen Lehmhaus von Beerbaum angekündigt. „Gut Ding braucht Weile“, fällt mir dazu ein.

Gute Erinnerung, endlich mal was zu trinken. Bei niedrigen Temperaturen meldet sich der Körperbedarf nicht durch das Durstgefühl. Und der Hunger meldet sich nach dem Frühstück, das bei mir nur aus einem schwarzen Kaffee bestand. Unsere Augen suchen nach allem, was wie ein Bäckerladen aussieht. Vergeblich. Bäcker gibt es nicht mehr im östlichen Barnim. „Viel Steine gab`s und wenig Brot“, schrieb schon Ludwig Uhland in seiner schaurigen Ballade vom wackeren Schwaben. Weiter heißt es dort:

„Den Pferden ward so schwach im Magen, 
fast mußt der Reiter die Mähre tragen.“

So weit kommt es heute nicht. Die tapferen Alt-Randonneure haben die Energieversorgung erfolgreich auf Fettverbrennung umgeschaltet. Eine elend lange Walddurchfahrt mit einhergehenden niedrigeren Temperaturen lässt mich wieder zu meinen Lobster-Überhandschuhen greifen. Ein kurzer Anstieg ( ja, die gibt es im Barnim) führt in das Örtchen Haselberg. Peter greift abrupt in die Bremsen, weil er einen Aufsteller mit „Kaffee und hausgemachter Kuchen“ am Straßenrand entdeckt hat – Öffnungszeiten Sa. und So. von 14-18 Uhr. Heute ist Dienstag!

Der Weihnachtsstern bekommt noch Energie – und wir?

Weitersuchen!

Am Nachbarhaus finden wir diese moderne Variante einer möglichen Frontbeleuchtung mit optischer Linse

In Möglin zeigt ein Radwegschild nach links, Richtung Kunersdorf. Peter folgt mir nur zögerlich – zu oft schon habe ich ihn bei unseren Touren so in Schlamm, Sand und Wald geführt. Diesmal allerdings rollen wir auf einem geradezu göttlich gut gemachten Stück Weges. Quälenden Hunger hatten offensichtlich vor uns schon andere. Vielleicht war der böse Wolf hier am Werke?

Hier hatte jemand noch mehr Hunger als wir – und der war kein Vegetarier

Runter ins Oderbruch nach Kunersdorf rauschen wir, lassen die Grabkolonnaden der Itzenplitze, das Chamisso-Museum und den Alten Fritz samt Querflöte diesmal links liegen. Uns treibt der Wind, uns treibt der knurrende Magen.

Die nächste Ortschaft ist Neutrebbin. Aber aufgemerkt, auch hier gab es mal, aber gibt es nicht mehr – einen Bäcker. Die Erlösung liegt auf der rechten Straßenseite in Form des „nah und gut“-Edeka-Ladens. Peter stürmt die Treppe hinauf und verschwindet zwischen den Regalen. Nach gefühlten 15 Minuten erscheint er strahlend wieder:

„Gut und günstig“ Schnitzel, Frikadelle, zwei Brötchen, dazu zwei Fläschchen Krombacher für sagenhafte 5,30 € inklusive Flaschenpfand!

Eine junge Frau, die im Markt ein Gesteck mit Osterglocken erstanden hat, gibt uns den heißen Tipp, doch unser Picknick auf der „Liebesinsel“ einzunehmen. Lauschig in der Sonne und im Windschatten. Das lassen wir uns nicht zweimal sagen und rollen nach 300 Metern im Park von Neutrebbin aus.

Es ist angerichtet

Nach 20 Minuten sitzen und essen im Park kriecht die Kälte unter die Jacken. Wir brauchen Bewegung. Ab geht es nach Letschin, wo weiland Henri Louis Fontane, der Vater des werten Theodor im Jahre 1838 die Apotheke vom Besitzer Altmann kaufte. Die Stationen davor – Neuruppin, Swinemünde und Mühlberg an der Elbe, endeten jeweils unrühmlich: Spielschulden zwangen Henri F. immer wieder zum Standortwechsel. Wie mag sich wohl Fontane Junior damals gefühlt haben? In Letschin erlernte Theodor das Apothekerhandwerk und arbeitete bei seinem Vater in den Jahren 1843 bis 45. Zwei Jahre später war es wieder so weit: Wein und Spielleidenschaft führten in die nächste Pleite und zur Trennung von seiner Frau. Derweil hatte sich Theodor schon den schönen Künsten der Schriftstellerei zugewendet. Mit großem Erfolg, wie wir wissen.


Den guten Theodor Fontane als den bedeutendsten Dichter des 19. Jahrhunderts zu bezeichnen, erscheint mir doch etwas hochgegriffen. Was soll denn der Johann Wolfgang von Goethe denken!

Nach dem Essgenuss und dem Kulturgenuss wenden wir uns jetzt dem Naturgenuss zu: Ab ins Oderbruch an die Oder und schauen, schauen, schauen.

Peter auf dem Deich
lange Schatten
Alte Grenzstation in Küstrin
Ehemalige Artilleriekaserne
Einstmals stolzer Sitz der Artillerie, dann kamen die Sowjets, dann die Wiedervereinigung, dann der Verfall.

Küstrin-Kietz ist auf einen kleinen Rest seiner ehemaligen Bedeutung geschrumpft. Die Oderinsel, auf der einstmals die Altstadt von Küstrin stand, ist überwuchert. Hier ist in der Endphase des 2. Weltkrieges eine ganze Stadt mit ihrer Historie weggebombt worden. Der Bahnhof von Küstrin-Kietz ist reduziert auf eine Haltestelle für polnische Hauptstadtpendler. Der Putz fällt von den Wänden.

Der Realabgleich mit diesem Foto aus 2017 fällt ernüchternd aus

Am Abend stehen 142 Kilometer zu Buche. Start um 9 Uhr bei 2 Grad, dann im Oderbruch bis 6 Grad (warm). Der Wind hat uns hilfreich erst über den Barnim und dann an der Oder entlang bis Küstrin geblasen. 

Die Auswahl der Bekleidung hat genau gepasst. Nicht gefroren, nicht geschwitzt. Zwischendurch habe ich die Lobster weggepackt und bin mit den dünneren Rapha-Handschuhen gefahren. Mit dem Vorteil, das Navi und die Kamera auch mit gewärmten Fingern bedienen zu können. 

Als wir am Bahnhof in Küstrin-Kietz 30 Minuten auf den Zug warten müssen, packt sich Peter in die mitgenommene federleichte Daunenjacke ein. Und macht mir, als ich mich warmhüpfe, den Vorschlag, doch auch so ein Teil zu erwerben. Nun gut, ich werde drüber nachdenken. 

Herrlich war es heute – Natur, Kultur, Altes sehen, Neues sehen, Frühling ahnen …

Und hier der Track zum Nachfahren https://www.gpsies.com/map.do?fileId=hqzfrymihzagbfem

Festive 500

Festive 500 – zwischen den Tagen, also von Heiligabend bis Silvester mindestens 500 Kilometer auf die Straße bringen. Formal sind das acht Tage, in der Praxis bleiben fünf oder sechs. Die Familie möchte den Randonneur an den Feiertagen auch ab und an sehen. Nicht nur per Rad in die Natur und wieder den häuslichen Pflichten entfliehen.

 

Und hier ist meine Bilanz der Festive 2017:

24.12. – 51 km

25.12. – 118 km

27.12. – 150 km

29.12. – 154 km

30.12. – 33 km

1x richtig nass geworden

1x zwei riesige Hirsche bei Dreibrück gesichtet

1x den besten Kuchen des Havellandes in Päwesin genossen

1x die riesigste Portion Kesselgoulasch am Schiffshebewerk vertilgt

1x den unfreundlichsten Wirt des Jahres im Mendoza in Schwedt erlitten

506 Kilometer und 22 Stunden auf dem Rad.

Rund 13000 Kcal verbrannt, entsprechend 26 Tafeln Schokolade, 25 l Bier, 17 l Wein, 3,5 kg Pasta oder gar 32 kg Gemüse.

Merke: Radfahren sorgt auch bei weihnachtlichem Völlen für ein mächtig gutes Gewissen, es kommt eben auf die Dosis ( des Radfahrens) an.

Festive-Team 2017

Und weiter geht es in 2018 – regelmäßig, genussvoll, auch anspruchsvoll, manchmal auch schnell, eher aber laaang und laaangsam. Das tut der Seele und dem Körper gut.