Bäume faszinieren mich schon immer. Genauer habe ich mich mit diesen Lebewesen aber erst in den vergangenen fünf Jahren beschäftigt. Vielleicht ist das eine Alterserscheinung. Ein Altersspezifikum. Alt zu alt gesellt sich gern… Wobei ich mit den herrlichen Bäumen, die ich begreifen, umfassen, anfassen, erleben durfte, nicht ansatzweise mithalten kann. Was haben sie alles gesehen, erlebt, erlitten in den vergangenen Jahrhunderten.
Heute besuche ich meine drei Lieblingseichen im Umkreis von fünf Kilometern. Schon oft habe ich nach ihnen geschaut, habe versucht, zu ergründen, wie es ihnen geht. Sind sie gesund, haben sie genug Nahrung, genug Wasser? Woran kann ich das eigentlich erkennen? Der Oberförster Wohlleben würde das sicher viel besser erklären können als ich, der Möchtegern-Baumkenner. Aber der gute Wohlleben lebt nun mal nicht in meiner Nachbarschaft, so mache ich mir die Baumgeschichten halt aus eigener Denke.
Die erste der Drei habe ich vor drei Jahren erst richtig wahrgenommen. Viele Male war ich an dem Baumriesen bei Schönfließ eher achtlos vorbeigefahren. Dann, in der Winterzeit, habe ich erfasst, wie riesig, wie mächtig die Eiche ist. Dann bin ich zu ihr gelaufen, habe sie angefasst, sie umrundet, habe hochgeschaut. Ein unglaublicher Baum! Allein die grobrissige Borke atmet Kraft und Vergänglichkeit zugleich. Sie trägt den Namen „Kaisereiche“, wobei ich nirgendwo finden kann, auf welchen Kaiser sich der Name bezieht. Mein Maßband, das ich ihr um die Taille lege, weist stolze 7,75 m Umfang aus. Wahrhaft kaiserlich! 450 bis 550 Jahre ergibt die gängige Formel für Eichen ( Umfang x 0,7 bis 0,8) , wobei es bei ihrer angeblichen Schnellwüchsigkeit auch 100 Jahre weniger sein könnten. Wer weiß? Sie wird es nicht kümmern.
Kaisereiche bei SchönfließDas Taurine wirkt am mächtigen Stamm wie ein Kinderfahrrad Die Füße der KaisereicheTaille 7,75 m
Nur 1,8 Kilometer südlich, im Kindelwald, hat sich ein weiterer Baumriese Nummer zwei versteckt. Die Kindeleiche, wie ich sie getauft habe, misst knapp 5,90 m Umfang in Brusthöhe. Auf dem Portal Baumkunde.de wird ihr ein vermutliches Alter von um die 400 Jahre und eine Höhe von 26 Metern attestiert.
KindeleicheViel Totholz am unteren Stamm
Die dickrissige Borke der Kindeleiche ist ein wahres Biotop: Käfer und Spinnen haben beim alten Baumriesen Schutz und Nahrung gefunden. Noch hält er stand, obwohl im unteren Stammbereich viel Totholz zu erkennen ist. Aber ganz oben ist die Baumkrone dicht belaubt. Offensichtlich nehmen ihr die nahestehenden Birken und Ahorne Licht und Nahrung. Also streckt sie die obere Krone ins Licht und zeigt den jungen Gewächsen, wie man überlebt.
Eiche Nummer drei am heutigen Tag steht im drei Kilometer nördlich gelegenen Friedhof von Bergfelde. Sie ist eine Trauben-Eiche, zu erkennen an den längeren Blattstielen und an den büscheligen, kurzen Fruchtständen.
Bewässerung als Nothilfeabgestorbene Kronenteile
Mein letzter Besuch des Baumes liegt ein halbes Jahr zurück. Im Winter war nicht auf den ersten Blick zu erkennen, wie es um ihn steht. Heute wird klar, warum er durch rund herum an Baumstücken befestigte Wassersäcke versorgt wird. Er hängt am Tropf wie ein Lebewesen, dem es wirklich schlecht geht. Die nach Süden ausgerichtete Hälfte der riesigen Baldachinkrone, die einen gewaltigen Durchmesser von 28 Metern hat, ist unbelaubt. Komplett trocken und leblos. Erstaunlich, dass noch kein Ast herausgebrochen ist. Ob die zusätzliche Wasserversorgung zu einer Verbesserung des Zustands führen wird, ist noch nicht erkennbar. So ist fraglich, ob das Monument mit gemessenem Taillenumfang von 5,55 m und dem davon abgeleiteten Alter von 300 bis 400 Jahren noch lange Schatten und gute Luft spenden kann.
Mein Granfondo und ich haben in der Pension Burkhardt bestens geschlummert. Das Bächlein Triebisch gluckerte beruhigend in seinem schmalen Bett unter dem Fenster. Um acht Uhr sende ich einen Abschiedsgruß hoch zu der sich in der Morgensonne wärmenden Albrechtsburg.
Ich bleibe zunächst auf dem linkselbischen Radweg, weil ich den noch nicht gut kenne. So früh am Morgen ist noch nichts los auf der sonst vielfrequentierten Reiseroute. Die Elbe fließt behäbig im breiten Bett dahin. Bald schaue ich auf zum Schloss Hirschstein, dessen Bausubstanz ursprünglich aus dem 12 Jhd. datiert. Seine heutige prächtige Erscheinung bekam es aber erst, nachdem 1892 der Glauchauer Tuchfabrikant Leuschner es seiner Tochter Marie-Louise zur Hochzeit schenkte und es aufwändig neu gestalten ließ.
Schloss HirschsteinElbrinder
Oben thront das Schloss, unten an der Elbe weiden glückliche Rinder. Die Großen stillen den Durst mit Elbwasser, ein Kälbchen zieht die Muttermilch vor. Noch zehn Kilometer sind es bis Riesa. Der Weg führt im Zickzack durch die Elbaue, bis er eine wunderschöne Lindenallee erreicht, die sich auf etwa zwei Kilometern am Elbufer bis zur Stadt erstreckt.
Den Kontrapunkt zur Lindenallee setzt auf der Ostseite der Elbe die riesige Kulisse des Wacker-Chemiewerkes Nünchritz.
Wacker-Chemie Nünchritz
Die Sportstadt Riesa hat über die vergangenen Jahrzehnte viele namhafte Sportgrößen hervorgebracht; Sportplätze, Sporthallen, Schwimmhallen sind eindeutig in der Überzahl im Vergleich zur historischen Bausubstanz. Die Sportler wird es freuen. Ich rolle weiter nach Norden an der Elbe entlang.
Als ich das Städtchen Strehla mit seiner Schlossanlage passiert habe, steigt auf der anderen Elbseite bei Mühlberg eine dicke Rauchsäule in den Himmel. Sie wird von Minute zu Minute immer breiter und höher. Offensichtlich ist ein Großfeuer ausgebrochen. Als ich bei Mühlberg über die Elbbrücke auf die Ostseite wechsle, hat sich der Himmel schon rotgelb gefärbt.
Rauchsäule über Mühlberg
Die neuesten Nachrichten berichten über einen gewaltigen Brandherd in der Gohrischheide. Bei Falkenberg/Elster sieht es bei der kleinen Schloßanlage Martinskirchen fast so aus, als ob das Feuer im nahgelegenen Wald loderte . Bedrohlich wirkt die Szenerie.
Schloss Martinskirchen
Erst 20 Kilometer weiter im Norden, bei Herzberg, zeigt sich der Himmel wieder im ursprünglichen Blau. Feuerwehren und Katastrophenschutzfahrzeuge kommen mir auf dem Weg zur Feuersbrunst entgegen. Der Brand scheint offensichtlich größere Dimensionen zu haben. Ich radle an der Schwarzen Elster entlang, auf dem Radweg und den Nebenwegen. Was zur Folge hat, dass ich keine Bäckerei, keine Tanke, kein Lebensmittelgeschäft anzapfen kann, um meinem quälenden Durst mit geeigneten Getränken beizukommen. Mittlerweile zeigt das Thermometer 32 Grad, es wird ungemütlich mit geleerten Trinkflaschen.
München liegt so nah!Schwäne auf der Schwarzen Elstergenauso verlassen wie der ganze Ort Die Rettung auf dem Friedhof
Nachdem sich dieses München als Ort mit 16 Einwohnern entpuppt, wo zwar tatsächlich schon mal ein Oktoberfest gefeiert wurde mit viel Bier und vielen Menschen, hilft mir diese Information wenig. Heute gibt es hier weder Bier noch Mineralwasser. Einfach Garnüscht! Im verlassen da liegenden Bernsdorf zeigt sich keine Menschenseele in den Vorgärten oder gar auf der Straße. Ich erinnere mich daran, dass auf allen einigermaßen gepflegten Friedhöfen Trinkwasser gezapft werden kann. Die Wasserarmatur sieht solide und sauber aus und so komme ich zum Schluss, dass hier normales Leitungswasser fließt. Also Wasser laufen lassen, bis es schön kalt ist, und dann die Flaschen bis zum Rand füllen.
In Wiepersdorf genieße ich den kühlen Schatten im Schlosspark neben der Grabanlage der Arnims; mein Granfondo darf sich an einer Apollo-Statue ausruhen. Kein Mensch ist hier zu sehen oder zu hören.
Apollo im Schlosspark Wiepersdorf
Von hier an kann ich den glatten Asphalt des Fläming-Skate genießen. Es rollt gut über die sanften Wellen des Niederen Fläming bis Luckenwalde. Knapp 160 Kilometer weist mein Garmin aus. Genug für heute, für den letzten Tag meiner Etappentour an Oder, Neiße und Elbe. Ich steige in den Zug und bin eine Stunde später zurück in der großen Stadt. Vier Tage, 600 Kilometer: viel Natur, Neues und Altes, nette Menschen, den Körper gespürt, dem Geist Nahrung gegeben. Es lohnt sich immer, mit dem Rad durchs Land zu streifen.
Wie sagte doch der große Albert Einstein so treffend: „Das Leben ist wie Fahrrad fahren, um die Balance zu halten musst du in Bewegung bleiben.“
Nach Süden aus der Innenstadt von Görlitz hinaus führt mein Weg, vorbei an derObermühle, einer ehemaligen Getreidemühle. Mein Garmin hat an den ersten beiden Tagen 360 Kilometer gezählt. Gegenüber einer echten Brevetstrecke wenig, für einen Randonneur-Oldie im Reisemodus bescheinige ich mir selbstgerecht die Note drei plus. An der Mühle beginnt der Taleinschnitt der Lausitzer Neiße. Ein prächtiger Viadukt, der mit 475 Metern zu den längsten Eisenbahnbrücken Deutschlands gehört, verbindet Sachsen und Schlesien.
Reisezüge rollen mittlerweile wieder über die historische Strecke, die von Dresden nach Breslau führt. Dann passiere ich den Berzdorfer See, auf dessen Strand und Freizeitmöglichkeiten die Görlitzer besonders stolz sind. Der seit 2013 geflutete Braunkohlentagebau hat eine Fläche von 960ha , der drumherum führende Radweg ist 18 Kilometern lang. Von all der Seenschönheit ist vom Oder-Neiße Radweg aus rein gar nichts zu erspähen. Wald , Büsche und Hecken hemmen den freien Blick. „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“, fällt mir dazu ein. Am Ende hätte ich noch einen „Rundumweg“ gemacht…
So kann ich schnell wieder den beschaulichen Teil hinüber nach Ostritz mit dem Kloster Marienthal genießen. Die Gründung des Ordensklosters datiert auf das Jahr 1235. Seit dieser Zeit führen Zisterzienserinnen das älteste Frauenkloster des Ordens in Deutschland. Der Konvent, zu dem 10 Schwestern und eine Äbtissin gehören, ist schon seit geraumer Zeit in finanziellen Nöten. Schon 2010 wurde der mit über 800 ha gesamte Bestand von Wald- und Ackerflächen verkauft. Angeblich an die Textilkette Brenninkmeyer. Seither wurden weitere Schätze verkauft, um die Existenz zu sichern.
Als ich in das Gelände der prächtigen Barockanlage einrolle, präsentiert sich das Kloster in sehr vorzeigbarem Zustand. Möge es noch lange so bleiben.
„Möge dieses Haus erhalten bleiben, bis die Ameise die Neiße ausgetrunken und die Schildkröte die ganze Welt umkreist hat“, so ist über dem Eingang eines Kindergartens im Kloster zu lesen.
Das Kloster strahlt Ruhe und Geborgenheit aus. Hier könnte ich irgendwann mal ein paar Tage verbringen…
Auf dem Zittauer Jakobsweg
Die nächsten zehn Kilometer in dem wild-natürlich anmutenden Neißetal gehören zu den schönsten Radwegabschnitten, die ich kenne. Dicke Findlingsblöcke werden vom schnellen Wasser umströmt. Sattes Grün steht bis zum Uferrand, an den Hängen wachsen Buchen, Eichen, Linden. Das Blätterdach gibt kühlenden Schatten. Zweimal quert die alte Bahnlinie über Stahlbogenbrücken das Flüsschen.
Kurz vor Hirschfelde, in Rosenthal, schlummert das ehemalige Verwaltungsgebäude der Flachsspinnerei.
Nur das Kontorgebäude aus der Gründerzeit, erbaut im historisierenden Tudor-Stil, hat die bewegten Zeiten überstanden. 1998 restauriert, diente es bis 2019 der Ausbildung und Förderung Jugendlicher samt Internat. Seitdem steht es wieder leer. Die Investorsuche verlief erfolglos. Über 1000 Menschen waren hier einmal in Lohn und Brot, eine der ersten Betriebskrankenkassen markierte sozialen Fortschritt. Zu Zeiten der Wende gab es noch 100 Arbeitsplätze. Dann sorgte die zunehmende Verlagerung der Textilproduktion in den fernen Osten für den finalen Niedergang.
Als ich in Hirschfelde aus dem beschaulichen Neißetal auftauche, sehe ich einen Ort mit schönen Umgebindehäusern, die ich vor Jahren schon bei einem Urlaub im Elbsandsteingebirge bewundert habe. Als Kontrast dazu erheben sich auf der polnischen Ostseite des Dorfes die Kühltürme samt Kondenswolken des 2000 Megawatt-Braunkohlekraftwerkes Turow. Am Rande eines riesigen Tagebaues wird laut Beschluss der polnischen Regierung bis mindestens 2044 eifrig CO2 produziert , zusätzlich schwerwiegende Auswirkungen auf die Grundwassersituation im Dreiländereck riskiert. Nun haben sich Tschechien und Polen auf eine „Ausgleichszahlung“ von 45 Mio Euro der polnischen Seite geeinigt. Nicht nur für Greenpeace ein höchst fauler Kompromiss.
Noch 10 Kilometer bis Zittau. Der Radweg verläuft hier weniger schön entlang der B99. Ich bin halt verwöhnt. Die Altstadt von Zittau entschädigt mich mit ihrer historischen Kulisse. Jugendstilfassaden, mächtige Kirchen, ein Rathaus im Stile eines italienischen Palazzo. Man mag nicht glauben, dass diese Stadt in ihrer Geschichte viele Male in Schutt und Asche gelegt wurde: Hussiten, Schweden, Österreicher marschierten ein und hinterließen Trümmer. Immer wieder erholte sich die Stadt. Wurde Anfang des 20. Jahrhunderts dank der Tuchmacher und einem riesigen Besitz an Wald, Grund und Boden reichste Stadt Sachsens.
Anne Frank-Ausstellung
Bis in unsere Zeit hat sich die Struktur mehrfach bedeutsam gewandelt. Die Wende tat das Ihrige dazu. Das Stadtmarketing bezeichnet zwar Zittau immer noch als Tuchmacherstadt, auch stark im Bereich Maschinenbau und Automobilzulieferung, allerdings tauchen in der Statistik der Top 100 Unternehmen in Zittau nur ganz wenige mit über 100 Mitarbeitern auf. Hauptarbeitgeber sind Klinikum, Hochschule und Sparkasse. Auch Zittau schrumpfte seit den frühen 50er Jahren, wo 47000 Einwohner verzeichnet wurden, auf heute 26000 Menschen. Trotzdem wirkt diese Stadt gesund und attraktiv, besonders der herausgeputzte historische Stadtkern. Möge die Entwicklung in eine positive Richtung gehen. Die Region braucht es.
Bei einem Mango-Vanille-Fruchteis lasse ich die Eindrücke sacken und beschließe, den Hauptteil der Strecke hinüber nach Dresden an die Elbe heute hitzehalber per Bahn zurückzulegen. Außerdem soll endlich mein 9 Euro-Ticket zum Einsatz kommen.
In Oberoderwitz ( kein Witz!) , steige ich in den Trilex und bin 70 Minuten später in Dresden Neustadt. Viele Höhenmeter und zwei Liter Schweiß eingespart. In Dresden habe ich Mühe, den Elberadweg zu finden. Ampeln, Ampeln, Autos, Autos… Irgendwann bin ich am Elbufer und kann es wieder rollen lassen. Die Innenstadt von Dresden reizt mich heute überhaupt nicht. Viel zu laut und getriebig finde ich es hier. Bei Niederwartha lasse ich mich verführen, auf die rechte Seite der Elbe nach Coswig zu wechseln. Ein Touristikhinweis lockt mich in die Weinberge hinauf. Das hätte ich besser nicht machen sollen. Fiese Anstiege ziehen mir den Saft aus den Beinen, und Wein trinken am frühen Nachmittag will ich schließlich auch nicht. Ich gleite wieder hinunter in die Elbauen und nehme Kurs Richtung Meißen. Eine halbe Stunde später wächst die Albrechtsburg vor mir in die Höhe.
Hamburger Hof – seit 30 Jahren im Ruhestand
Nach 30 Jahren und mehreren Insolvenzen von Investoren gammelt das ehemals altehrwürdige Etablissement vor sich hin. Schnell wende ich meinen Blick auf die Altstadtseite der schönen Stadt. Auf dem Marktplatz tummeln sich die Touristen, die Stimmung ist gut, der Himmel blau, die Lüfte lau. Booking.com liefert mir mit der Pension Burkhardt schnell eine gute Adresse zum Übernachten. Eingangscode per Telefon, Schlüssel aus der Klappe gefischt, Zimmer bezogen, geduscht und nix wie los in die Stadt. Fast wäre ich schon bei Vinzenz Richters Weinlokal eingekehrt. Mein Entdeckerdrang sorgt allerdings dafür, dass ich erst einmal die Treppen hinauf zu Bischofssitz und Burg hochsteige. Der Blick über die Stadt ist grandios, dann aber meldet mein Hunger mit Magenknurren, meine Kehle ist ausgedörrt. Also wieder treppab auf den Marktplatz.
Auf der Freiterrasse vom Ratskeller sind noch Tische frei, die Speisekarte lockt mich mit Wirsingroulade, gefüllt mit Reis und Champignons. Ungewöhnlich, vegetarisch und eine gute Wahl, wie sich beim Genießen herausstellt. Dazu ein Sauvignon Blanc aus Trauben der umliegenden Weinberge. Herrlich. Über eine Stunde verweile ich hier, schlendere dann zur Pension und gönne mir noch einen Absacker, bevor ich in tiefen Schlummer falle.
Der Kaffee ist gut, dazu ein gekochtes Ei, eine Scheibe Käse, Marmelade aus der Folienverpackung. Ein Starterfrühstück, kein Genussfrühstück. Um 8.30 Uhr wecke ich mein Granfondo, hänge die Gravel-Packtaschen ein und rolle auf den Oder-Neiße-Radweg hinüber. Die Kulisse von Eisenhüttenstadt kommt näher, alte und neue Industrie reckt die Schlote in den Himmel. Von ehemals 53000 Einwohnern im Jahre 1988 sind bis heute 23000 übrig geblieben. Eisenhüttenstadt war zu Beginn der 50er Jahre als sozialistische Planstadt auf Geheiß der SED entstanden. Ein Eisenhüttenkombinat mit sozialistischer Wohnstadt. Die Schlote qualmten wie im Ruhrgebiet. Fast hätte die Stadt zum 70-jährigen Todestag von Karl Marx den Namen Karl-Marx-Stadt erhalten. Dann bekam Chemnitz den Vorzug und die Planstadt bekam den Namen „Stalinstadt“. Keine zehn Jahre dauerte es, da wurde der Ort im Rahmen der Entstalinisierung umgetauft in Eisenhüttenstadt. Von den Einwohnern schlicht „Hütte“ genannt.
Beim Blick vom Oderdeich hinüber zu Häusern und Fabrikgebäuden wusste ich nur wenig über Eisenhüttenstadt; Wikipedia hat mir geholfen, die Geschichte nachzuvollziehen.
Ganz nah am Radweg steht seit Kriegsende die Ruine des Kraftwerks Vogelsang, das zur Energieversorgung der im 2. Weltkrieg errichteten Werke von Degussa und Rheinmetall dienen sollte. Es ging nie in Betrieb – im Rahmen der Reparationsleistungen wurden die Industrieanlagen und auch die Kraftwerksturbinen gen Osten abtransportiert. Es blieben die leeren Gerippe. Als Vogelsang im Jahr 1998 aus 2,5 Mio DM „Fördermitteln“ abgerissen werden sollte, traten Naturschützer auf den Plan und erwirkten den Abriss-Stopp. Heute hausen hier Fledermäuse, die nur selten von „Entdeckertouristen“ gestört werden.
Ich lasse Eisenhüttenstadt hinter mir; hinter Kornfeldern und Wiesen erhebt sich das Kloster Neuzelle aus der Oderaue. Es hat die Jahrhunderte besser überdauert als Industrie und Kraftwerke.
Kloster Neuzelle am Horizont
Neuzelle ist ein wunderbarer Kontrapunkt zu grauem Beton und sozialistischer Planstadt. Jedem, der in dieser Gegend weilt, sei ein Besuch der Klosteranlage wärmstens empfohlen. Die Barockbauten und die Gartenanlage sind einzigartig.
Ich bleibe heute ausnahmsweise auf dem Oderdamm, weil ich Neuzelle bestens kenne. Vor meinem inneren Auge lasse ich mir ersatzweise einen Erinnerungsfilm der letzten Besuche ablaufen. Die nächsten 30 Kilometer erblicke ich Natur, Natur, Natur. Ein paar Minuten beobachte ich eine freche Elster, die immer wieder auf einen doppelt so großen Milan herabstößt und ihn ärgert. Er wehrt sich nicht, er weicht nur immer wieder aus, bis der Plagegeist von ihm ablässt. Auch eine wirksame Methode.
Während dieser Kilometer hat sich die Oder nach Osten davongemacht, statt ihrer rolle ich seit dem kleinen Örtchen Ratzdorf an der nur halb so breiten Neiße entlang. Kurz darauf bin ich in Guben, auch einer Stadt mit typischer, leidvoller Geschichte. Bis 1945 eine Stadt mit namhaften Tuchmacherbetrieben und über 40000 Einwohnern. Mit vielen prächtigen Bauten und Villen. Am Ende des Krieges wurde Guben, wo in den Rüstingsbetrieben über 4000 Menschen, davon die Hälfte Zwangsarbeiter, die letzten Waffen für Adolf produzierten, zu über 90 Prozent zerstört. Das Potsdamer Abkommen sorgte für die Teilung der Stadt in Guben und das östlich der Neiße liegende Gubin. Heute leben hier weniger als 16000 Menschen. In den Fabrikgebäuden der ehemaligen Tuchfabrik residieren das Plastinarium und die Ausstellung „Körperwelten“ von Gunther von Hagens. Vor dem Gebäude wartet gerade eine Schulklasse auf Einlass.
Die größten Arbeitgeber der Stadt sind heute Trevira und die Großbäckerei Dreißig.
Auf der Neiße paddeln gut gelaunte junge Menschen und rufen mir ein fröhliches cześć zu. Ich erblicke eine Bäckerei von Dreißig und gönne mir Milchkaffee, Croissant und Pfannkuchen. Das hebt meine Laune ungemein. Nächster Halt Rosenstadt Forst, würde der Zugbegleiter verkünden, wenn ich denn mit dem Zug fahren würde. Auch Forst war am Ende des Weltkrieges zu 85 Prozent dem Boden gleich gemacht. Auch Forst war und ist wieder eine Tuchmacherstadt mit Textilindustrie. Radsportler verbinden Forst mit seiner historischen Radrennbahn, auf der zahlreiche Top-Sportler trainiert haben. Die Blumenfreunde schätzen den Rosengarten.
Groß Bademeusel, Klein Bademeusel, gegen 15 Uhr stehe ich vor dem Schloß des Fürsten Pückler in Bad Muskau. Lenné oder Pückler haben fast alle bedeutenden Gartenanlagen in Brandenburg gestaltet oder die Ideen dazu geliefert. Der Park in Bad Muskau ist ein besonders beeindruckendes Zeugnis der Gestaltekunst.
Pückler-Schloß
Bevor ich wieder starte, gönne ich mir ein Eis, wie es sicher auch dem Fürsten gemundet hätte. Jetzt noch schlappe 50 Kilometer, und ich werde auf dem Marktplatz von Görlitz stehen. Bis dorthin fließt noch reichlich Schweiß meinen Rücken hinunter. Ein attraktives Tagesziel will eben erarbeitet werden. Eine Ansiedlung am Wege trägt den bezeichnenden Namen „Ungunst“. Als ungünstig empfinde ich auch, dass der Radweg immer wieder durch den Kiefernwald ein paar Höhenmeterauf die Bruchkante macht. Die letzten Kilometer, bevor ich endlich in Görlitz einrolle, ziehen sich. Knapp 170 Kilometer Sonne, Wiesen, Wald, Weitblicke. Jetzt tauche ich in die Kultur der alten Stadt ein. Erstes Ziel ist der Obermarkt, der mit seinen wunderbar restaurierten Bürgerhäusern ein wahres Prunkstück dieser Stadt ist. Das Hotel Am Schwibbogen ist ausgebucht und ich erinnere mich an den Hinweis eines Radlerkollegen in Aurith, der das Hotel Alt Görlitz in höchsten Tönen lobte. Also rufe ich dort an, bekomme ein Zimmer, den Öffnungscode für die Haustür und den Zimmerschlüssel im Umschlag neben der Eingangstür. Dann nehme ich mein Granfondo samt Gepäck auf die Schulter und gönne ihm eine sichere Bleibe in meinem großen Zimmer. Duschen, umziehen und dann bin ich wieder in der Altstadt. Gut gelaunte Menschen flanieren durch die Gassen, am Untermarkt lockt mich ein Italiener mit einer guten Speisekarte.
Die Pasta Calabrese im Restaurant Casanova mundet wunderbar, der Wein ist kühl und verlangt nach einem zweiten Glas. Derweil spielt gegenüber ein mittelalter Gitarrist Songs von Sting, Mark Knopfler und Eric Clapton. In bester Qualität. Besser kann ein Abend für mich nicht laufen. Heute bekommt Görlitz von mir wieder einmal die Note 1. Ich schlummere tief und sitze schon um kurz nach sieben am Frühstückstisch. Das Angebot ist sensationell. Brot, frisch gemachtes Rührei, Müsli, und und und. Ich bediene mich reichlich und genieße. Schon vor acht Uhr stehe ich mit meinem Granfondo auf der Straße und nehme Kurs Süd. Entlang der Neiße will ich nach Zittau fahren. Im Teil 3 mehr davon in Bälde.
Als ich nach dem Wanderurlaub im Chiemgau nach meinen Rädern im Keller schaue, blickt mich besonders das Granfondo vorwurfsvoll und auch ein wenig traurig an. Warum hast du mich so vernachlässigt, warum muss ich nutzlos am Haken hängen? Wann geht es endlich wieder los auf Strecke? Ich lege beruhigend und besänftigend meine Hand auf und beschließe, diesem unhaltbaren Zustand möglichst schnell ein Ende zu machen.
Wann soll es losgehen und wohin? Warme, um nicht zu sagen, heiße Tage sind vorausgesagt. Auf viele Höhenmeter und die damit verbundene Qual habe ich keine Lust. Aber hinein ins Oderbruch, dann nach Süden an der Neiße entlang bis nach Zittau und rüber zur Elbe, das wäre doch was! Mein Titanrad will geradezu vom Montageständer springen, als es meine Gedanken spürt. An dem kommenden Montag sind noch ein paar Regenschauer zu erwarten, dann sehe ich auf wetteronline vier Sonnentage mit um die 30 Grad Maximaltemperatur. Frischer Wind aus Nordwest am Dienstag, ideal für den Start hinein ins Oderbruch. Fix stelle ich mit basecamp einen provisorischen Track zusammen. Pro Tag etwa 150 Kilometer, das sollte zu schaffen sein. Mit genügend verbleibender Zeit für Kultur und Natur und Nahrungsaufnahme.
Jetzt bekommt mein Granfondo noch einen gründlichen Check: Ich montiere das Ritzelpaket 12-28 für zu erwartende kurze, knackige Anstiege; zur Sicherheit und für den geschmeidigen Lauf wird die Kette geölt und wieder sorgfältig abgewischt, Schaltung und Züge überprüft. Die Ortlieb-Gravelpacks und die Rahmentasche sollten für alles Notwendige Platz bieten. Nach den Erfahrungen des Vorjahres mit drei Plattfüßen hintereinander kommen für mein gutes Gefühl gleich drei Ersatzschläuche mit. Das Gesamtpaket Rad und Pack wiegt so immer noch unter 16 Kilogramm.
Am Dienstagvormittag geht es bei herrlich blauem Himmel los. Mein Granfondo lehnt samt Gepäck nach den ersten 40 Kilometern um 10.40 Uhr an der Kircheneiche von Grüntal. Der monumentale Baum und mein Lieblings-Reiserad kennen sich seit Jahren und zahlreichen Begegnungen sehr gut.
Kircheneiche in Grüntal/ Barnim
Es rollt gut , die Luft ist gut, der Barnim leuchtet in Sommerfarben. Hinunter nach Falkenberg zeigt sich bei 50 km/h mein Titangerät äußerst fahrstabil. In der Altstadt von Bad Freienwalde staune ich über die Inschrift “ Kaffeerösterei mit Kraftbetrieb“. Offensichtlich ist hier mit „Kraftbetrieb“ der Fortschritt ( elektrisch) gegenüber dem Handbetrieb gemeint. Das waren Zeiten.
Den Freienwaldern muss man heute zugute halten, dass sie ihre Stadt in einen sehr ansehnlichen Zustand versetzt haben in den vergangenen 30 Jahren. Mit nur wenigen Ausnahmen, die ich wieder einmal vor die Linse nehme.
Heute wähle ich nicht den Bahnradweg von Wriezen hinüber zur Oder, sondern kurve im Zickzack durch die Dörfer – einfach der Nase nach. In Beauregard lasse ich mich vom Ortsschild verleiten und finde mich auf einer Pflaster-Rumpelstraße wieder. Das Schönste an der Ansiedlung aus Kolonistenzeiten ist der Ortsname. Ansonsten entdecke ich nichts, was meinen Augen gut tut. Der Duft der umliegenden Hähnchen- und Schweinemastbetriebe treibt mich aus dem Ortsgebiet hinaus nach Osten.
Beauregard – schöner Blick. Da hat der Ort mit dem gleichnamigen Château am Genfer See, dessen Namen die Kolonisten um 1750 mitgebracht hatten , mehr Attraktives zu bieten.
Der blaue Oderbruchhimmel ist mit Cumuluswolken betupft. Das Wasser der Oder schimmert eher blauschwarz. Die erste Heuernte ist eingefahren, braun-beige liegen die Wiesen da. Einzelne Störche staksen auf der Futtersuche bedächtig umher. Rinderherden weiden diesseits und jenseits der Ufer. Wie schön, dass lange nicht alle dieser wunderbaren Tiere in riesigen Milchviehanlagen ihr trauriges Leben fristen müssen.
Blick nach PolenBlick nach WestenGlückliche Kühe
Bald erreiche ich Küstrin-Kiez. Vor mir erhebt sich der Reitweiner Sporn, bei Lebus rücken die Abbruchhänge nah heran an die Oder. Vor ein paar Wochen habe ich hier die letzten Adonisröschen bewundern können. Auf den Kilometern bis Frankfurt haben die Radwegebauer einige fiese Steigungen eingebaut. Wenige Höhenmeter, die aber auch in die Waden zwacken. In Frankfurt habe ich 160 Kilometer hinter mir, eigentlich ist es Zeit, eine Pension zu suchen und zu finden. Ich kurve an der Alten Oder entlang, bin flugs schon am Südrand der Stadt und wieder „in freier Wildbahn“. Kein Hotel will mir gefallen, auf Ziegenwerder sauge ich den letzten Schluck aus der Trinkflasche und lehne das Granfondo an eine knieende Frau an. Künstler unbekannt.
Ein paar Minuten später staune ich über ein verwahrlostes Gebäude – die ehemalige Stadthalle. Investor gesucht!
In Frankfurt sind erfreulicherweise viele sorgfältig restaurierte Schmuckstücke zu bewundern, mein Blick wird aber immer wieder von solchen „lost places“ gefangen. Mittlerweile ist es halb sechs geworden, ich habe bis auf einen Eiweißriegel und eine Banane noch nichts gegessen. Mit der Perspektive, in der nächsten Stunde ein lauschiges Hotel zu finden und dann ein leckeres Mahl zu mir nehmen, trete ich weiter in die Pedale. Ich träume vor mich hin und finde mich unversehens in einer Schleife nach Westen am Helenesee wieder. Kleine Ostsee wird der ehemalige Tagebau vollmundig genannt. Tagungszentrum, Campingplatz, Hostel, Pension. Aber: Rezeption geschlossen, Strand gesperrt. Eine „Maßnahme zur Abwehr von Gefahren früherer bergbaulicher Tätigkeit“ sorgt für Stillstand. Also rolle ich weiter durch den Wald.
Still ruht der See.
In Schlaubehammer tauche ich aus dem Wald auf und sehe wieder Zivilisation. Der Radweg an der Schlaube ist romantisch und verläuft in langen Bögen bis nach Weissenberg. Kein Hotel in Sicht, also befrage ich Google nach Unterkünften. In Aurith an der Oder werde ich fündig: Der Radlerhof ist Campingplatz, Imbiss, Pension und und. So die Beschreibung. Ich rufe an – der Chef wird sich auf den Weg machen und ein Zimmer richten. Ich muss also nicht am Oderstrand unter freiem Himmel nächtigen. Schöne Aussichten. 45 Minuten Kurbeln werden mir noch abverlangt, bevor ich Aurith erreiche. Der Radlerhof ist wirklich besonders: eine Mixtur von Imbissbude und vorgebautem Dach. Nebendran in einem renovierten, kleinen Haus ein paar Zimmer. Ich gönne mir an der Theke ein alkoholfreies Weizen zur Bekämpfung der beginnenden Dehydrierung. Es wirkt. Die Lebensgeister kommen wieder. Der Chef kommt auch und führt mich zum Abstellraum für mein Granfondo. Direkt neben der Tiefkühltruhe darf es sicher übernachten.Ein Dreibettzimmer steht mir zur Alleinnutzung mit Dusche und Toilette „überm Gang“zur Verfügung. Schnell ziehe ich mich um und bin fünf Minuten später wieder an der Imbisstheke. Jetzt bestelle ich ein Helles . Zwei Radler, die schwer bepackt auf dem Weg nach Norden sind, machen gerade eine Pause und berichten über ihre Pläne. Irgendwie ungläubig nehmen sie zur Kenntnis, dass ich heute knapp 200 Kilometer gefahren bin. Wir reden über Radfahren, Räder, Gott und die Welt. Als ich etwas zu essen bestellen will, beichtet der Chef, dass keine Speisen mehr verfügbar sind. KEINE! Also noch ein Bier und noch eins zum Mitnehmen aufs Zimmer. Um 21.30 Uhr liege ich flach. Hungrig, aber doch recht zufrieden mit dem Tag. Durst ist eben viel schlimmer als Hunger. Und Durst muss ich dank Neuzeller Klosterbräu nicht mehr leiden.
Mein Schlaf ist tief, und guter Laune sitze ich am nächsten Morgen um acht Uhr bei herrlichem Wetter erwartungsvoll am Plastetisch unterm Wellblechdach. Wie mag das Frühstücksgefühl hier bei 12 Grad, Wind und Regen sein? So what, denke ich, heute lacht aber die Sonne, und der Chef bringt gut gelaunt Kaffee, Brötchen, Wurst und Käse. Eine halbe Stunde später rolle ich schon südwärts auf dem Oderradweg gen Eisenhüttenstadt. Davon mehr im Bericht zur zweiten Etappe.
Die auseinandergebrochene Silkebuche wirkt nach – ich entdecke mehr und mehr Buchen, die als Käfer- und Insektenhotel ihre Letztverwendung gefunden haben. Alte Bäume am Ende ihrer Lebenszeit, die aber immer noch einen Nutzen für andere Lebewesen bieten. So ist der Kreislauf der Natur, wenn der Mensch nicht oder nur behutsam eingreift. Ein Wald mit jungem Grün, das sich nach oben streckt, mit alten Baumkronen, die erhaben Schatten bieten, mit Buchen und Kiefern, die sich geradezu ineinandergedreht haben. Mit gemeinsamem Wurzelsystem. Friedliche Koexistenz.
Das riesige Waldgebiet war seit Jahrhunderten bevorzugtes Jagdrevier von Markgrafen und Kurfürsten, Kaisern und Königen, dann von Ministern und dem Reichspräsidenten Hindenburg der Weimarer Republik, dann übernahmen die kruden Köpfe der Nazidiktatur, mit Hermann Göring als oberstem Jagdmeister. Zuletzt jagten die Granden der DDR-Führung Hirsche und Rotwild. Die Schorfheide hat seit jeher eine starke Anziehungskraft für Freunde der Natur und leider auch für deren Ausbeuter. Zu denen zähle ich auch die sogenannten Jäger, die nichts Anderes waren als Jäger von Trophäen. Heutzutage sind die Freunde der Natur in der Überzahl. Sehr erfreulich.
Als ich nach dem besten Waldweg suche, der mich nach Norden führt, stoße ich zunächst auf den grob gepflasterten Groß Schönebecker Damm, der ursprünglich wohl als Weg für die kaiserlichen Kutschen angelegt worden ist. Heute werden eben ich und mein Basso vom Pflaster ordentlich durchgerüttelt. Die Wege tragen Namen wie: Großer und kleiner Kaisergrund und Königsgestell. Abseits des Hauptweges finde ich den Gedenkstein „Königseiche von 1843“.
Der kleine Granitblock erinnert an Friedrich Wilhelm IV, der auch das Jagdschloss Hubertusstock errichten ließ – eher ein großes Landhaus als ein echtes Schloss. Geprotzt hat er wohl mehr in Potsdam bei der Erweiterung der Schlösser. Die Jagd war seine große Leidenschaft, die Schorfheide war königliches Jagdrevier. Kein Normalsterblicher durfte hier ungestraft die Büchse anlegen. Schon mehr als 10 Kilometer kurve ich in diesem Riesenwaldgebiet herum und sehe keine Menschenseele. Eichen, Buchen und auf den nächsten Kilometern in Richtung Norden und Groß Döllner See immer mehr Kiefern. Auch riesig gewachsene, alte Exemplare sind dabei. Und drunter ein grüner Teppich von Heidelbeeren.
Ein Findling trägt die Aufschrift „Bärens Kirchhhof“. Ob hier einmal Bären gelebt haben? Meine Recherche ergibt, dass die letzten Exemplare der sogenannten Beutegreifer, die den Jagdherren die Beute streitig machten, von den Menschen im 16. Jhd. hier ausgerottet wurden. Der Stein mit der „Bärens“- Inschrift deutet hingegen auf den Heidereiter Bärens hin, der unter mysteriösen Umständen hier ums Leben gekommen sein soll.
Weiter rolle ich auf schnurgerade angelegten Forstwegen nach Norden und sauge saubere Waldluft ein. An den wichtigen Wegekreuzungen stehen die alten Hinweissteine. Mein Garmin ist hier überflüssig. Navigation ist hier auf Stein geschrieben seit vielen Jahren.
Kurz bevor ich den Wuckersee erreiche, staune ich über zwei bemerkenswerte Torwärterhäuschen und die zugehörigen Gebäude. Hier, mitten im Wald!
Irgendwie deplatziert und ungewöhnlich. Dahinter dann erstreckt sich ein etwa ein Kilometer langer, schnurgerader Weg. Breiter als die üblichen Forstwege und mit feinem Splitt belegt. Während ich noch nachsinniere, löst sich das Rätsel am Ende des Weges an einem Granitstein auf: Ich stehe vor einem Granitblock mit der Aufschrift „Carinhall“.
Hier also stand einmal das Prunkanwesen vom Reichsjägermeister Hermann Göring. Hier ließ sich der offensichtlich wahnsinnig geltungsbedürftige Machtmensch eine Art Jagdschloss bauen. Mit Skulpturen, Gemälden, aufwändiger Möblierung. Allein die Wohnräume nahmen über 11000 Quadratmeter Fläche ein, dazu kamen noch 15000 Quadratmeter Innenhöfe. Seine erste Frau, Carin, die schon 1931 in Schweden gestorben war, ließ er aus ihrem ersten Grab in Schweden in die Schorfheide transportieren und in eine dafür angelegte Gruft umbetten. Adolf Hitler und viele Nazigrößen waren bei pompös inszenierten zweiten Beisetzung dabei. Wer über Carinhall Details erfahren möchte: hier nachzulesen: Carinhall
Wer an diese Ort Monumentales, Sehenswertes, Erstaunliches sucht, sucht vergeblich. Von dem ehemaligen Anwesen sind nur noch Spuren erkennbar: Fundamentreste, höhlenartige Eingänge zum Bunker, Betonteile. Sonst nichts, einfach nichts. In den letzten Tages des Krieges hatte Göring, der schon nach Berchtesgaden geflohen war, alles Wesentliche, alles Wertvolle wegtransportieren lassen. Als die sowjetischen Soldaten immer näher rückten, ließ er seine Wachmannschaft mittels 80 Fliegerbomben die ganze Herrlichkeit dem Boden gleichmachen. Und so sieht das Gelände auch heute noch aus. Bäume und Sträucher haben sich ausgebreitet, nur schmale Trampelpfade führen durch das Dickicht hinüber zum Steilufer des Groß Döllner Sees. Das Wenige, das hier noch zu finden war, haben in den Jahren „Schatzsucher“ weggetragen.
Geblieben oder besser wiederentwickelt hat sich die ursprüngliche Natur. Der See liegt ruhig da. Wer allein sein will, ist hier genau richtig. Nur kurze Abschnitte des Uferpfades sind befahrbar, schieben ist meistens angesagt. In Gollin hat mich die Zivilisation wieder, und im 400-Seelen-Örtchen Vietmannsdorf backt die Bäckersfrau auch in unseren Tagen noch selbst wunderbares Natursauerteig-Brot. Ich genieße einen großen Kaffee und einen süßen, riesengroßen Krapfen. Neben mir plauschen zwei einheimische Senioren über das Ortsgeschehen und die politische Lage.
„Jwd“ ist man hier: Janz weit draußen. Bald bin ich wieder auf Südkurs und rolle am Havelkanal gen Liebenwalde. Ein Schwanenpaar behütet ihre Jungen und quittiert meine Annäherung mit vernehmbarem, warnenden Zischen.
Noch 40 lockere Kilometer sind es bis nach Hause. Meine Gedanken sind noch in der Schorfheide und der duftenden Natur, der Einsamkeit des riesigen Waldgebietes und auch beim „lost place“ Carinhall mit seiner Vergangenheit.
Diese Buche ist für mich die schönste und die älteste, die ich je gesehen habe. Über 300 Jahre hat sie ihre mächtigen Äste in den Himmel gestreckt, hat mit ihrer erhabenen Erscheinung sicher abertausende Menschen beeindruckt und genausoviel Weidetieren in früherer Zeit als Hutebaum Schutz geboten. Als ich diesen Baum zum ersten Mal sah, konnte ich mich nicht sattsehen am moosigen Grün des Stammes, an der unglaublich weit auskragenden Krone mit den stammdicken Einzeltrieben. Ein Baum, der mich in seinen Bann zog mit seiner Größe und seiner Gestalt.
Im Mai 2020 konnte ich sie noch in voller Pracht bewundern. Sie bot Schutz vor Sonne und vor Regen, wie ein riesiger Schirm wölbten sich die Äste in die Breite. Ich staunte über das statische Wunderwerk der Natur. Da ahnte ich noch nicht, wie krank die Buche schon lange im Inneren war. Borkenkäfer und ihre Verwandten haben über viele Jahre ganze Arbeit geleistet. Die Pilze erzeugten Braun- und Weißfäule. Bis der mächtige Stamm im Inneren komplett marode war und irgendwann nicht mehr in der Lage, die Last der mächtigen Äste zu tragen.
Die Silkebuche ist nun eine Nahrungsquelle für die Käfer, die Pilze und auch die Bäume, die nach ihr hier wachsen werden. Der Kreislauf der Natur! Aus vergangenem Leben wächst neues Leben.
Erinnern werde ich mich immer an den Kraftbaum, wie ich ihn das erste mal sah, riesig, mächtig, voller Ausstrahlung: wie hier zu sehen.
Der Sage nach hatte einst ein Förster den 30. Geburtstag seiner Frau Silke vergessen und kein Geschenk besorgt. Daraufhin wollte er sich voll Gram und Scham im Wald erhängen. Doch da sprach ihn ein kleines Männlein an und gab ihm den Rat, seiner Frau doch diese schöne Buche zum Geschenk zu machen. Der Förster eilte nach Hause, nahm seine Frau an die Hand und führte sie zu der Buche. Dort stand inzwischen – wie von Zauberhand hingestellt – eine festliche Tafel, gedeckt mit allem, was das Herz begehrt, und der Förster feierte mit seiner Silke bis in die tiefe Nacht hinein.
Silke ist seit 300 Jahren nicht mehr, auch der Förster wird das Zeitliche seit Jahrhunderten gesegnet haben. Die Geschichte aber lebt. Auch jetzt noch, wo die Silkebuche sich darniedergelegt hat.
Die Kastanien blühen, die gefingerten Blätter spreizen sich in voller Größe. Ganze vier Kilometer lang ist die prächtige Kastanienallee am Weg zwischen Tornow und dem Barsdorfer Haussee. Wunderbar als Radweg ausgebaut ist die schmale Verbindungsstraße, die hinter Barsdorf nach Qualzow hin in einen feinsandigen Weg übergeht. Rapsfelder zu beiden Seiten säumen das satte Blattgrün mit sattem Blütengelb.
In Barsdorf wird der ehemalige Dorfgasthof restauriert. Ich fürchte, eine Gaststätte, wie sie bis mindestens 2016 hier betrieben wurde, wird dann nicht mehr Treffpunkt der Barsdorfer sein. Der laubenartige Vorbau des Hauses mit den gotischen Spitzbögen passt so gar nicht zum übrigen Gebäude. Was alt aussieht, ist nicht immer wirklich alt.
Gaststätte zur alten Schmiede, geschrieben in einer seltsamen Schrift, die an die Altdeutsche erinnert, allerdings mit einem wundersamen „e“, das aussieht wie ein „n“ .
Um die Mittagszeit wirkt Barsdorf verlassen, keine Menschenstimmen, nur Vogelgesang ist zu hören. Am Ortsausgang endet die geteerte Straße und wird zum Feldweg. Beim Haussee sinken meine 25 mm Contis in den trockenen Feinsand ein. Ich steige ab und lege eine kleine Wanderpassage ein. So kann ich den Wald und die Felder intensiv genießen.
QUALzow, ein bezeichnender Name und Synonym für die kleine Qual, die der Randonneur im Sand erfährt. Vorbei am Stolpsee und Bredereiche führt die hügelige Rumpelstraße nach Fürstenberg. Schön die Landschaft, aber arg durchgerüttelt wird man. Ab Fürstenberg hin nach Neuglobsow werde ich durch den herrlichen Radweg entschädigt. Keine Autos, viel Wald und Wasser, viele kleine fiese Wellen, die Körnchen kosten und Kondition bringen. Am Stechlin rolle ich an den Strand und gönne mir am Imbiss ein Stück Schokoladenkuchen und einen großen Kaffee. Die angebotene „Pizza-Meterware“ verschmähe ich. Der Stechlin ist immer schön, und heute zeigt er wieder, was in ihm steckt. Die alten Buchen am Uferrand zaubern eine ganz besondere Stimmung.
Der StechlinStechlin-Uferweg
Bis zur Wetterstation folge ich dem Uferweg, dann kurbele ich zurück in Richtung Menz und setze Kurs nach Südosten. In Zernikow kurve ich kurz ein auf den Hof vom Gut Zernikow, das schon Fontane begeisterte.
Achim von ArnimGut Zernikow
„In Vorbereitung – eine Ausstellung über Achim von Arnim und sein Meteorologieprojekt“. Die Hinweistafel macht mich neugierig. Dieser Ort und die Gebäude haben eine besondere Geschichte, um die ich mich demnächst noch intensiver kümmern sollte. Von Zernikow führt einer der schönsten Radwege Brandenburgs zum kleinen und großen Wentowsee. Allein dieses Stück Natur ist ein besonderer Schatz.
Zugegeben: nicht alles ist hier restauriert. Solvente, tatkräftige Investoren können hier noch interessante Objekte finden. Bei Ribbeck, nicht zu verwechseln mit dem Ribbeck vom Ribbeck auf Havelland, schwinge ich mich wieder auf den Radweg, auf dem ich am Morgen in den Norden gekommen war, und mache Kilometer in Richtung Berlin. Am Voßkanal entlang, nach Liebenwalde und Bernöwe, wo ich einen Stopp beim dem mir seit letztem Jahr bekannten Trabi-Imbiss einlege. Aus einem Bier werden zwei, aus 15 Minuten wird eine halbe Stunde mit anregenden Gesprächen. Die „Eingeborenen“ zeigen sich freundlich, weltoffen und naturverbunden.
Heute hat mein Garmin 182 gehaltvolle Kilometer gezählt, die ich nicht missen möchte.