Der Titan-Randonneur

Mit dem Verkaufserlös des Troytec Revolution will ich mir einen Titan-Randonneur aufbauen. Nur, welchen Rahmen soll ich wählen? Sehr sauber muss er gearbeitet sein und die Geometrie tauglich für die Langstrecke. Anlötgewinde für Schmutzbleche und Gepäckträger will ich auch haben – für alle Fälle, für die ganz langen Touren. Für Etappenfahrten und Bikepacking.

Van Nicholas aus Holland fahren einige Kollegen bei Brevets.

VPACE ist eine neue Marke von jungen Leuten in Ravensburg.

Wheeldan sitzt auch in Berlin – erfuhr ich leider erst nach Bestellung des Kinesis.

KOCMO residiert in Stahnsdorf bei Berlin und ist für mich ganz nah dran.

Also setze ich mich kurzerhand auf mein Basso und radle einfach hin. KOCMO hat einen Laden in einem alten Gründerzeithaus. Sieht recht sympathisch aus. Die Hollandräder und Trekkingbikes vor der Tür zeugen von einem breiten Angebot. Also rauf die Treppe und rein in den Laden. Ein junger Mann begrüßt mich und geht dann wieder seiner Arbeit nach. Ich schaue mich derweil um. Drei fertige Titanräder hängen an der Wand. Ich begutachte sie ausführlich. Nicht schlecht, der erste Eindruck. Ich hebe ein Rad an, drängle mich vor zu den anderen an der Wand … Interesse zeige ich reichlich. Nur beachtet werde ich als Kunde überhaupt nicht. Als wäre ich Luft, so komme ich mir vor bei KOCMO. Ich versuche Blickkontakt zu dem Kollegen am Tresen aufzunehmen – vergeblich. Langsam schwinden meine Geduld und auch meine gute Laune, die ich mitgebracht hatte. Als ich zur Tür gehe und meinen Unmut kundtue, sagt der Bursche doch: “ Hättense mich doch angesprochen, woher soll ich denn wissen, wat sie wollen.“ In diesem Stil geht das Gespräch noch 10 Minuten. Ich versuche redlich, mein Interesse kundzutun, und klar zu machen, wie ich mir solch ein Rad vorstellen könnte. Nur das interessiert hier keinen! „KOCMO weiß, was Randonneure wünschen!“ Bevor ich noch in ein echtes Stimmungstief hineinfalle, verabschiede ich mich mittelmäßig freundlich.

Fazit KOCMO: Diesen Laden werde ich nicht mehr betreten, dieses Produkt werde ich nicht kaufen. Punktum.

Warum eigentlich Titan? Wenn es ein leichtes und hochstabiles Rad sein soll, ist Carbon doch die beste Wahl?! Mein Endurace ist mit 6,7 kg ein Leichtgewicht und dabei sehr komfortabel und trotzdem sehr torsionssteif im Antrieb und im Steuerrohr. Aber Titan hat eine besondere Anziehungskraft für mich: Titan ist leichter als Stahl, absolut korrosionsfest, es muss nicht lackiert werden, ein gut konstruierter Rahmen federt komfortabel und läuft wunderbar geradeaus. Und Titan hält auch mal einen Rempler aus. Einen Titanrahmen kann man weitervererben! Und Carbon?

Ich wurde schließlich bei der Marke Kinesis fündig. „Kinesis Granfondo Ti V3“. 

Bei Merlin Cycles bekam ich das Frameset mit Gabel für knapp 1900 €. Geliefert innerhalb von einer Woche. Schnell, gut verpackt, perfekt.

Mike hall Racelight

Jetzt musste ich das Gerät nur noch komplettieren.

In dieser Konfiguration fuhr Mike Hall, der im März beim  Indian-Pacific Race bei einem Unfall mit einem Auto ums Leben kam. Im Gedenken an Mike habe ich mein Granfondo dann aufgebaut.

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Nach einer Woche Schrauben  stand es dann so vor meiner Haustür. Bereit für den ersten Ritt.

> Gruppe: Ultegra 6800 11s, Kurbel 170 mm, 50/34, Ritzelpaket 11-32

> Bremsen: Cane Creek SCR-3L

> Laufräder: DT-Swiss Spline 23

> Reifen: Conti 4seasons 28mm

> Sattel: Fizik Arione K3 Kium

> Stütze: Fizik Cyrano

> Lenker: Richey WCS Neoclassic

> Vorbau: Richey WCS C 220 90 mm

>Pedale: Shimano SPD A 600

> Flaschenhalter: Elite Ciussi Edelstahl

Gewicht: 8,9 kg

Hier beim ersten Ausritt, gemeinsam mit Peters famosem Tommasini Stahlrenner. Die beiden haben sich sofort angefreundet.

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Der Granfondo Titan ist sehr fein und sorgfältig gearbeitet. Der Rohrsatz aufwändig im Hydroforming-Verfahren hergestellt. Am Tretlager ist das Unterrohr quer oval geformt, am Steuerrohr vertikal oval. Perfekt gemacht für Stabilität UND Komfort.

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Hier ist die Liste mit Rahmen und Ausstattung für die Titan-interessierten Nachbauer: Kinesis Granfondo Ti V3

… Nach den ersten 500 km und den üblichen Feineinstellungen von Bremsen und Schaltung bin ich schwer begeistert von den Fahreigenschaften. Ein echter Randonneur!

Da wird die Qual der Wahl schwerfallen: Endurace oder Granfondo. Aber auch schön, zwei gleichwertige, wohl aber doch verschiedene Pferde im Stall zu haben.

Milde Lüfte, sanfter Wind, kein Regen: ein 400er für Genießer – oder?

Zum perfekten Wetter wären noch ein paar Sonnenstunden vonnöten gewesen. Es wurden uns dann aber ersatzweise Mondstunden geboten – mit fast komplett erleuchtetem Nachtgestirn.

Zurück zum Start vor dem Start. Bekanntlich gönne ich mir vor den Brevets immer die frühmorgendliche Anfahrt zum Amstelhouse. Um 5.30 Uhr in die noch fast schlafende Stadt hinein. Frühdienstler stehen an Bushaltestellen, Spätheimkehrer wanken mit lecker Bier am langen Arm nach Hause. Irgendein Irrer donnert seinen AMG-Mercedes mit fettem Röhren über die B 96. Die Polizei wird schlafen, denkt der sich – wenn er denn denkt. Um 6.20 Uhr biege ich auf das Kopfsteinpflaster der Waldenser Straße ein.

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Am Wochen-Wandaufschrieb wird klar, dass außer Brevetfahren noch andere schöne Sachen in Berlin zu erleben wären. Aber nein, so um die 60 Starter wollen unbedingt die nächsten 15 bis maximal 27 Stunden auf dem Rad in der freien Natur von Brandenburg und Meck-Pomm. verbringen. Genießer oder Masochisten? Macht ihr das eigentlich freiwillig?, wurde ich mal am Start gefragt.

Und ob! Es macht sogar Spaß. fullsizeoutput_33b4

Unser Streckenplaner Ralf im Gespräch mit zwei schnellen Triathleten, die wir heute wieder nur am Start zu Gesicht bekommen. fullsizeoutput_33ca

 

Kein Wunder, dass die so schnell sind, wenn sie vorne windschnittig auf dem Lenker liegen und selbst zum Essen und Trinken in dieser Haltung verharren.

Manuel ist nach längerer Pause wieder mal dabei und wartet heute mit einer ganz besonderen Rahmenschalthebel-Halterung auf. Klar Innovationspreis-verdächtig.

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Klaus und Ingo sind ausgesprochen gut gelaunt und schicken uns mit humorigen Worten auf den Kurs. In der zweiten Gruppe starte ich um 7.10 Uhr gemeinsam mit Peter. Wir wollen es heute ganz gemächlich angehen lassen. Von wegen Knie ( bei Peter) und Rippe ( bei mir). Es sollte anders kommen.

Nach Westen führt uns Ralf aus der Stadt hinaus. Erfreulicherweise bremsen nur wenige Ampeln unsere zügige Fahrt. Wir unterhalten uns über Ausrüstung, Blogartikel, vergangene und zukünftige Vorhaben. Auf dem Tacho ist fast immer die 3 vorn zu sehen. So geht das bis zum ersten Kontrollpunkt bei km 67, wo die Frage nach der Grundfarbe des Hinweisschildes zum Bändchen Rhinow zu beantworten ist. Ralf macht freundlicherweise ein Kontrollfoto der mindestens 15 Randonneure starken Gruppe. Ich verzichte hier auf diese Perspektive, denn sie zeigt – nicht jugendfrei – mindestens 10 Männer beim Verrichten ihrer Notdurft in Wiese und Wald.

Ab geht die Post weiter Richtung Havelberg und ran an die Elbe.P1080270

Gutes Timing! Der unermüdliche Pacemaker Thomas verspeist genüsslich noch eine stärkende Stulle, bevor die Werbener Fähre anlegt.

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Ein paar Minuten Pause sind sehr willkommen. Essen, quatschen, Luft holen.

Randonneur-Stilleben: Riegelverpackung und Futterkiste

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Ich bin noch beim Anlegen auf der anderen Seite so mit Fotografieren beschäftigt, dass die Jungs mindestens 100 Meter vor mir fahren. Auf den drei Kilometern Kopfsteinpflaster bis nach Werben bekomme ich keinen Anschluss mehr an die Gruppe. Peter ist so gnädig und wartet auf mich. Seehausen ist der nächste Kontrollpunkt bei Kilometer 136.  Ich kann mich an einen anheimelnden NP-Markt mit Imbissecke in der Innenstadt erinnern.

Die riesigen Türme der 800 Jahre alten Kirche St. Petri künden von der reichen Vergangenheit der kleinen Stadt. Sie hat sogar einmal der Hanse angehört. Heute leben hier noch 5000 Menschen. Nach einem kleinen Schlenker finden wir den NP-Markt, und drinnen stehen schon sechs Brötchen- und Teilchen-vertilgende Randonneure. Die Spezialität ( auf die wir heute verzichten) sind sogenannte Metthörnchen. P1080290

Alex macht den starken Max.

Und draußen vor der Tür schlägt wieder einmal die Stunde von Ersatzteil-Samariter Andy. Flugs zaubert er zum Erstaunen des Cleat-Geschädigten Christophe ein neues Schräubchen aus seiner Wundertasche. Fünf Minuten und eine Zigarettenlänge später ist der Schuh repariert. Ab geht die Post nach Norden, 80 Kilometer noch bis Lübz.

Kurz vor Erreichen der Elbe lockt Andy Peter und mich auf einen Schleichweg hin zur Bahn-Brücke über die Elbe. Ein paar Meter weniger Strecke erkaufen wir mit gefühlten drei Kilometern Fahrt über die mehr oder weniger morschen Holzplanken des Fußgängerweges neben der Eisenkonstruktion. Gut durchgerüttelt rollen wir in Wittenberge ein. Sind die Kollegen noch vor uns? Haben wir sie querab überholt? Jedenfalls bekommen wir die Begleiter auf den nächsten 50 Kilometern nicht mehr zu Gesicht. Dafür treffen wir irgendwo zwischen Mahlow, Tessenow, Burow und Siggelkow unseren sehr geschätzten Alt-Randonneur Klaus, der uns unbedingt an der Strecke begrüßen will.

Klaus habe ich noch von Paris-Brest-Paris 2011 in guter Erinnerung. Als er nämlich mit angelegter Kniebandage die 1230 Kilometer in 60 Stunden absolvierte. Rekordzeit – für den damals schon 68-Jährigen. Heute plagt ihn ein hartnäckiges Problem in der Halswirbelsäule, sonst würde er uns wahrscheinlich immer noch um die Ohren fahren. So halten wir einen Plausch und verabschieden ihn wieder nach Hause ins heimatliche Karstädt. Immerhin, 150 Kilometer hat er heute doch noch abgeradelt. Wahrscheinlich würde er 100 km noch mit einem Bein und einem Arm erledigen.

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Klaus (links) und Peter, zwei Randonneure mit vielstelligem Kilometer-Konto

Locker kurbeln wir weiter gen Lübz. Hier in der Stadt mit der gleichnamigen Brauerei sollte sich doch Gastlichkeit für hungrige Breveteure finden. Ein köstliches Mahl mit einem leckeren Bier, das wäre was! Dann kommt Lübz. Links die Brauerei, schöne alte Häuser, ein Gasthof, GESCHLOSSEN. Die Elde-Terrassen, GESCHLOSSEN. „Zum Alten Amtsturm“ GESCHLOSSEN. Lübz macht von 13 bis 17 Uhr Mittagspause. Da weint der hungrige Tourist bittere Tränen.

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Nur die überaus nette Dame des kleinen Eisverkaufs hinter dem Mauerverschlag am alten Turm verschafft uns eine Kontrollunterschrift bei km 217 und dann auch noch zwei riesige Erdbeer-Eisbecher. 16.22 Uhr. Dann bekommen wir noch eine frische Wasserfüllung in unsere Trinkflaschen. Service vom Feinsten. Wenn es doch überall hier so wäre.

Zur Ehrenrettung der kleinen Stadt muss vermerkt werden, dass die Kollegen um Ingo und Andy einen Mexikaner mit guter Küche ausfindig gemacht haben, dem sie dann fast alle Vorräte weggeputzt haben.

Nächster Halt: Röbel am Müritzsee, km 265,8. Knappe 50 Kilometer Vorfreude auf eine warme Mahlzeit, die wir dort erhoffen. Leichter Rückenwind, milde Lüfte und ein paar Sonnenstrahlen erhellen unser Gemüt.

Im „Technik-Center-Röbel“ erwartet uns schon eine illustre Runde mit Ingo, Ralf, Sascha und Andy. Schon wieder haben die Hunger, obwohl sie doch schon den Lübzer Mexikaner geplündert haben. Für Peter und mich gibt es eine heiße Bockwurst und ein Pils. Das muss reichen. IMG_1512

Dann folgen 65 lange Kilometer durch Wald und Feld nach Neuruppin. Zwischendurch lesen wir Manuel auf, bei dem die Frontleuchte den Geist aufgegeben hat. Er tastet sich langsam durch die Dunkelheit und ist froh, als wir ihn in unsere Mitte nehmen. Und immer weiter durch den  Wald, Wald, Wald, Wald. Immer geradeaus. Am Straßenrand ein Wildunfall, Polizei mit Blaulicht, eine Polizistin brüllt Manuel an: „Wo ist dein Licht?“ Wir: vorn und hinten haben wir doch Licht reichlich! Weiter geht es.  Und dann kommt die Esso-Tanke bei km 330. Es ist 22.40 Uhr geworden.

Ich habe keine Lust mehr, Fotos zu machen. Ein süßes Teilchen, ein Milchkaffee, dann sitzen Peter und ich wieder auf den Rädern. Jetzt wieder zu zweit. Zäh läuft es bis zum Rand der großen Stadt. Die Schönwalder Allee mit ihren 3 Kilometern Kopfsteinpflaster rüttelt uns wieder wach und meine Batterie-Zusatzleuchte raus aus der Halterung. Macht nichts, die Supernova E3 macht sattes Licht nach hinten, gespeist vom unermüdlichen SONdelux-Dynamo. Gemeinsam mit zwei netten Kollegen rollen wir die Endspurtkilometer bis zum Amstelhouse. Genau um 2.05 Uhr sind wir im Ziel. O.k., wir sind zwar nicht die Schnellsten, wir waren aber schon mal langsamer, und die meisten kommen erst noch. Freude macht sich breit. Ingo und Ralf sitzen schon vor Lasagne und Bier. IMG_1520

Das Amstelhouse ist schon eine geniale Adresse. Durchgehend geöffnet, immer nette Bedienung, wunderbar, einzigartig!

Um drei in der Früh sitze ich wieder auf dem Rad und rolle gemächlich nach Hause. 14 Kilometer gehen noch, dann falle ich ins Bett.

 

300-km-Brevet – Die Hölle des Nordens

Prolog:

An Karfreitag drehe ich mit Peter eine kurze Genussrunde nach Bernau, lecker essen im „Leiterwagen“. Auf der Heimfahrt im Dunkeln reicht dann eine kleine Unachtsamkeit beim Runterfahren vom Gehsteig. Hart knalle ich auf Handgelenk und Rippenbogen. Das schöne Colnago ist im Gegensatz zu mir bis auf einen verdrehten Bremshebel heil geblieben. Bei mir schmerzen Hand und Rippe höllisch. Und eine Woche später steht das 300-km-Brevet auf dem Plan. Kann das gutgehen? Ich vertraue auf die Heilkraft des  Körpers, die unterstützt wird durch Traumeel-Salbe und Tabletten. Homöopathisch. Und, oh Wunder, drei Tage später ziehe ich insgeheim schon wieder eine Teilnahme in Betracht. Kaum noch Schmerzen, und eine Testfahrt über 60 Kilometer mit dem Basso stimmen mich optimistisch.

Das Brevet:

Am Vortag quäle ich wetteronline.de stündlich – in der Hoffnung, dass die Wetter- und insbesondere die Windvorhersage sich noch günstiger entwickeln mögen. Wind aus NW mit Stärke 4 bis 5 Bft. ( größere Zweige und Bäume bewegen sich), in Böen 70 km/h, mollige 4 bis 8 Grad, dazu vielleicht noch ein paar Hagelschauer. Schöne Aussichten. Es kam auch genau so. Randonneurswetter!

Den frischen Wind kann ich schon bei der Anfahrt zum Amstelhouse spüren. Nur diesmal noch schiebend. Das wird sich auf den ersten 120 Kilometern umkehren. P1080108Ingo und Ralf sitzen am Orga-Tisch und teilen die Brevet-Karten im Akkord aus. Die mehr oder weniger bepackten Räder stehen wie üblich kreuz und quer im Gastraum, im Eingangsbereich, und ein paar wenige müssen draußen warten. Um die 60 bis 70 Teilnehmer haben sich in die Startgruppen eingetragen.

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Was ist die Botschaft? Kleines Leserätsel

Ich staune immer wieder über die vielfältigen Varianten der Langstreckenräder und Ausrüstungen. Der eine mutet sich und seinem Rad schon beim 300er Gepäck zu, wie man es eigentlich nur für ein Brevet über 1000 km benötigt. Andere haben nur einen Mini-Rucksack dabei, das war´s.

Wie üblich rollen wir in der zweiten Startgruppe, pünktlich um 7.10 Uhr los über die ersten Pflastermeter und dann rein in die erwachende Stadt. Flott lässt es Ralf vorne angehen. Er will sich wohl warmfahren. Ich verdränge und vergesse meine Rippen- und Handschmerzen und hänge mich rein in die Gruppe. Es läuft! Vorne wechseln sich die „JungenWilden“ ab im Wind, ich kann mich herrlich schonen, und keiner meckert. Die Aral-Tanke in Zehdenick, km 58,5, erreichen wir um 9.25 Uhr. Trotz Gegenwind. Da will ich nicht meckern. Das nächtliche Treiben an genau dieser Tankstelle beschreibt Moritz von Uslar so trefflich in seinem Roman und dem Film „Deutschboden„, dessen Handlung in Zehdenick spielt. Meckern tut allerdings mittlerweile mein Rippenbogen. Leichtes Stechen spüre ich. Mal schauen, wie das weitergeht. Langsamer fahren ist angeraten. Peter bleibt bei mir, und so fahren wir in gemäßigten Tempo von 25 bis 27 km/h weiter gegen den Wind an. Gemeinsam jetzt mit zwei „Bernauer Leisetretern“, die mit uns eine Mini-Gruppe bilden. Eine richtig schöne Frühjahrsausfahrt ins Brandenburgische scheint das zu werden. Klare Sicht, Cumulus-Wolken ziehen über den tiefblauen Himmel. Kraniche stehen auf den Feldern. Und wir haben uns entschlossen, heute über 300 Kilometer im Sattel zu sitzen und zu treten, zu treten und zu treten. Wie schön wäre es, hier an einem klaren See unter frisch ergrünten Bäumen zu sitzen und nur die Natur zu genießen … hätte, hätte … Auf der rumpeligen Straße über Bredereiche hin nach Fürstenwerder, wo sparsam Teer nur über das alte Pflaster gelegt wurde, drückt sich jeder Buckel rein in meine malträtierten Rippen. Die wunderbare Landschaft entschädigt teilweise für den Schmerz. Wir treffen unseren Streckenplaner Ralf, der sich seine Überschuhe anzieht. So kalt ist es! 5 Grad, 5 Bft. Wind , gefühlt null Grad. 12.35 Uhr, zweite Kontrolle in Mirow bei Kilometer 125,7.

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Der „Long-Haul-Trucker“ spürt die Kilometer

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Das „Meerglas“ von Alexander – ein Traum von Stahlrad

Endlich kann ich ein paar Minuten im Warmen sitzen. Eine heiße Knackwurst und einen genauso heißen, schwarzen Kaffee gönne ich mir.

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Hier an der Oil-Tanke finden einige Teilgruppen wieder zusammen. Wir sind mittendrin. Bewundern kann ich einen sorgfältig aufgebauten Surly-Long-Haul-Trucker. Viel Schwarz, viel Chrom, viel Leder.  Stilvoll dazu passend der Jung-Randonneur.

Daneben eine Stahlschönheit vom Rahmenbauer „Meerglas“. Gratuliere zu dem Prachtexemplar, Alexander,  und gratuliere dem Rahmenbauer Thomas zu dieser feinen Arbeit!

Nachdem ich mich ganz frisch von meinem Carbon-Liegerad getrennt habe – es ging erfreulicherweise an einen echten Liegerad-Kenner und -Renner –, stecke ich schon in einem neuen Rad-Projekt: Ein Titan-Randonneur soll es werden, selbst aufgebaut natürlich. Wenn ich aber die Stahlschönheiten von Meerglas betrachte, könnte ich glatt schwach werden…

Eine Pause für Körper und Sinne war das in Mirow. Aber wir müssen weiter.

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Rinder auf der Weide, so wie ich sie liebe

Das Café Piccolino in der Kratzeburgischen Diaspora wartet als nächster Kontrollpunkt. 532 Einwohner, Fachwerkkirche aus dem Jahre 1450, die Havel entspringt 3 Kilometer nördlich von hier,  eigener Bahnhof mit Anschluss nach Rostock und Neustrelitz. Nein, hier steige ich nicht in die Bahn, die Schmerz-Rippe lässt mich noch weiterfahren. fullsizeoutput_3340

Ingo sitzt schon gemütlich im Warmen und preist die Matjesbrötchen des Hauses an. Das Stempeln ist heute äußerst professionell gelöst:

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Die Leisetreter am Stempeltisch

An einem Seitentisch hat der Herr des Hauses seine Gerätschaften aufgebaut und stempelt Brevetheftchen im Sekundentakt. Draußen prasselt derweil ein erster Graupelschauer auf den Sonnenschirm.

Die Eiszeitgletscher haben hier ganze Arbeit geleistet und schöne Endmöränen-Wellen in die Landschaft geformt. Und genau die queren wir jetzt mehrfach, immer schön rauf und runter. Das bringt auch Höhenmeter. Der Gegenwind, der ab hier zum Schiebewind wird, entschädigt uns für die Hügelkurbelei. P1080145Herrliche Landschaft, wenige Menschen.

Quadenschönfeld, Kilometer 188,8. Punkt 16 Uhr erreichen wir den alten Bahnhof. Das Restaurant St. Moritz, in dem ich vor Jahren einmal köstliche Pasta genießen durfte, ist geschlossen. Nur noch für Veranstaltungen öffnet der Eigentümer. Schade!P1080150 Wir machen das obligatorische Kontrollfoto, schreiben die Zeit ins Brevet-Heft, und weiter geht es.

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Die Störche sind obenauf

Mit links fällt das Greifen mittlerweile schwer, rechts zwackt der Rippenbogen. „Dem Randonneur ist nichts zu schwör.“ Peter muntert mich auf und meint, dass seinem Knie eine gemäßigte Gangart auch gut täte. Also: Laaangsam weiterfahren. fullsizeoutput_333cAn  einer Bushaltestelle im Örtchen Koldenhof bitte ich um eine Pause. Ein schönes Café wäre mir lieber gewesen, aber seit 50 Kilometern haben wir keine geöffneten Gasthöfe mehr entdecken können. Wohl dem, der ein paar Gemüsefrikadellen in der Fronttasche hat, dazu einen Schluck aus der Trinkflasche. Die Sonne auf den Bauch scheinen lassen, und die Kräfte kommen wieder. Nicht nur die Kräfte, auch Matthias kommt. Ab hier fahren wir wieder zu dritt. Die Beiden sind so nett und lassen mich vorne fahren, damit ich nicht das Gefühl bekomme, immer nur hintendran zu sein. Orte wie Triepkendorf und Beenz schleichen vorbei. dann endlich kommt Lychen in Sicht, und ich erinnere mich an eine Pause bei einer Sommertour, wo ich schon vor drei Jahren auf einer Caféterrasse Kaffee und Kuchen genossen hatte. Die Rettung! Und die Beiden kommen auch noch mit. fullsizeoutput_3338Wirt und Wirtin stehen auf selbiger Terrasse und strahlen gute Laune aus. Im Gastraum flackert ein wärmendes Feuerchen im Kamin. Wir ordern Weizenbier, Kaffee und Stachelbeerkuchen. Köstlich! Ein Top-Tipp: Strandcafé Lychen.

Nach Templin rollt es endlich wieder recht schnell. Die 30 ist ab und an auf dem Tacho zu sehen. 18.35 Uhr, km 232,5. In der Aral-Tankstelle haben es sich die „Leisetreter“ schon gemütlich gemacht. fullsizeoutput_3335Vor ihnen stehen riesige Tassen mit dampfendem Kakao. Wir bleiben nur zum Stempeln und sind zwei Minuten später wieder auf Kurs. Ein Fehler! Denn es fängt an zu graupeln, der Himmel verdunkelt sich. 500 Meter weiter suchen wir Schutz unter einer Glasüberdachung. Fünf Minuten später ist der Spuk vorbei. Nur die Straßen glänzen jetzt nass und schwarz. Peter sprüht mir die Hinterradgischt ins Gesicht. Sehr erfrischend.

Als alter Templin-Kenner weiß ich um den Weg direkt am Rathaus vorbei nach Süden und dann wieder zum Stadttor hinaus. 300 Meter sparen. Kleine Randonneurssünde. Und genau hier beginnt eine denkwürdige Naturinszenierung: P1080169fullsizeoutput_330d

P1080177Im Osten ist der Himmel grauschwarz, die tiefstehende Sonne produziert einen Regenbogen der Extraklasse. Und die Altstadtkulisse des Templiner Marktes ist einfach nur filmreif.

Ich kann mich gar nicht satt fotografieren. Auf dem Weg nach Süden bei Hammelspring grollt noch das abziehende Gewitter nach.P1080185 Am Himmel künden  Mammatus-Wolken von heftigen Auf- und Abwinden am Rande der Gewitterzelle. Wir wissen, der Westwind drückt die schwarze Wand nach Osten weg. Freie Bahn vor uns. Unten nass, oben trocken. Gleichmäßig treten wir die Kilometer weg. In Zehdenick schließt sich die Schleife der großen Brevet-Nordrunde, und der Kurs führt jetzt direkt zurück in die Hauptstadt. Diese knapp 60 Kilometer werde ich auch noch überstehen, beschließe ich. Matthias und Peter sind meine geradezu fürsorglichen Begleiter. Matthias löst eine Aspirin-Sprudeltablette in der Trinkflasche auf, und ich kippe das Mittelchen in den Rachen. Darauf noch einen Schluck Cola zum Wachbleiben. Und weiter geht die Post. Die Dunkelheit ereilt uns bei Liebenwalde. Voriges Jahr saß ich um diese Zeit schon im Amstelhouse und labte mich an warmer Lasagne. Heute wird es später.

Große Pfützen und gischtende Autos ärgern uns zwar, aber dann überwiegt die Freude über die grandios gelungene „Schauervermeidungs-Taktik“. 20 Minuten früher hat es hier noch aus Kübeln geschüttet. Die letzten Kilometer in der Stadt sind richtig fies zu fahren. Riesige Wasserlachen und „nette“ Autofahrer, die uns eine Dusche verschaffen. Ole wird in einer gefluteten Unterführung sogar komplett durchnässt. IMG_1409

Endlich: Um 22.30 stehen wir im Amstelhouse. Spät, aber zufrieden. Dank an Matthias und Peter für die mitfühlende, motivierende Begleitung. Da ist der Rippenschmerz fast weg.P1080189P1080190P1080191

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Alexander, der Meerglas- und Salatgenießer

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Die schnellere Gruppe mit Ingo sitzt in Frotteetücher gewickelt an den Tischen und zittert sich warm. Noch zwei Stunden halten wir aus, genießen Lasagne und Bier, empfangen die noch später Kommenden und haben viel zu bereden über die Erlebnisse des Tages.

Alexander mit seinem „Meerglas-Randonneur“, der Erbauer des Kleinods und der unvermeidliche Andy sitzen am Tisch. Sie bleiben noch bis halb vier. Bis der Letzte sein Rad durch die Tür geschoben hat.

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Safety first, so sieht eine vorbildliche Nachtkluft aus

Peter bringt mich heute per Auto nach Hause. Dafür bin ich sehr dankbar!  Ich spüre, dass eine Menge Adrenalin den Schmerz der Rippe gedämpft hat. Jetzt kommt er wieder. Aber wir sind daheim. Der Schmerz wird schwinden, das Erlebnis bleibt.

Bis zum 400er dann am 6. Mai – ausgeruht, frisch und bei sicher frühlingshaften Temperaturen.

214 Kilometer über den Fläming reiten

Das Endurace scharrt schon ungeduldig mit den Hufen. Die Kette ist geölt, der Carbonrahmen glänzt in schwärzestem Schwarz, zwei Brötchen stecken in der kleinen Ortlieb-Satteltasche, die Trinkflaschen sind randvoll. Um 5.45 Uhr rolle ich los zum Startort Amstelhouse. 15 Kilometer zum Warmwerden. Im Osten leuchtet ein phantastisches Morgenrot, kaum ein Auto ist um diese Zeit auf den Berliner Straßen unterwegs. Peinlich genau habe ich alle Teile am Endurace gecheckt, nur meine Radschuhe habe ich offensichtlich vernachlässigt, jedenfalls wackelt der rechte Schuh nach wenigen Kilometern bedenklich auf dem Pedal. An einer Ampel steige ich ab und schaue mir die Sache von unten an: Schöne Bescherung! Eine Schraube fehlt in der Cleatbefestigung. Zur Not muss auch eine  reichen, und die ziehe ich jetzt satt an. Blödes Gefühl. Hoffentlich verliere ich den Cleat nicht unterwegs.

Im Amstelhouse herrscht schon reges Treiben. 90 Randonneure reden kreuz und quer. Alte „Silberrücken“ und auch einige „Rookies“ sind dabei. Die Organisatoren sind bester Laune und geben die Startkarten mit ebenso launigen Kommentaren heraus. Schön, wenn man sich kennt und schätzt in der Szene. Ich begrüße „Andy-Rando“ und erzähle ihm von meinem Cleat-Missgeschick – flugs eilt er zu seinem Rad, klappt einen großen, grünen Koffer auf und greift zielsicher in eine Plastiktüte mit allerlei Schrauben.

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Andy-Rando-Zauberkiste

Volltreffer! Schnell drehe ich die Ersatzschraube in den rechten Schuh ein, festziehen, fertig. Danke, Andy.

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Nach der kleinen Schraubaktion bin ich entspannt – es kann losgehen

Die üblichen Verdächtigen, wie die Bernauer Leisetreter, aber auch der „alte Hans“, den ich frevelhafterweise mit Hänschen, seinem Spitznamen anrede, sind versammelt. „Gerade bin ich 80 geworden, und dann ist man kein Hänschen mehr“, weist er mich wohlmeinend zurecht. Gerald hat sein frisch eingefahrenes Bottecchia-Zeitfahr-Rad mitgebracht. Mal schauen, ob er rechtzeitig zum Mittagessen zurück ist.

In drei Gruppen mit je 30 Fahrern soll das Feld auf die Reise gehen. Diese Aufteilung hat sich bewährt beim morgendlichen Ritt über zig Ampelkreuzungen der großen Stadt.

Mit den beiden Peters, Wolfgang und Andy starte ich in der zweiten Gruppe um 7.10 Uhr. Streckenplaner Ralf führt uns über die ersten Kilometer aus der Stadt hinaus.

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Ralf hat sein neu aufgebautes SOMA-Grand Randonneur, made in USA, mitgebracht

Nach gefühlten 30 Ampelstopps enteilen wir dem Stadtgebiet und rollen uns über Stahnsdorf und Güterfelde warm. Die 30 steht wieder einmal vorn auf dem Tacho. Ich freue mich über die breiten Windschattenrücken der Jung-Randonneure vor mir. So geht es locker voran. Dass der immer fröhliche Kollege aus Neumünster mich dann auch noch anschiebt, geht doch etwas zu weit. Ich trete wieder rein – „geht doch!“, ruft Peter rüber. Um 9.10 Uhr erreichen wir nach 54 Kilometern Kontrollpunkt Nr. 1, die Landfleischerei in Hennickendorf. Wir halten uns nicht lange auf und nehmen das zweite Frühstück in Form einer Salamistulle beim Fahren ein. Wie war das noch: Brevets werden in den Pausen entschieden. Da gönnen wir den Jungen und mittelalten Schnellen den Kaffee und die Mettbrötchen. Irgendwann werden sie uns schon wieder einholen. Mit spürbarem Schiebewind kurbeln wir locker die Kilometer durch. Luckenwalde, Baruth,

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Im Urstromtal gibt es noch einiges aufzubauen

dann schon Golßen, die zweite Kontrolle nach 99,6 km. Es ist erst 10.55 Uhr, der Rückenwind hat uns die gute Zwischenzeit spendiert. Ab jetzt dreht der Kurs auf Nord, der Wind bläst uns schräg ins Gesicht. Auf den nächsten Kilometern, die ich mit Peter alleine unterwegs bin, jammere ich ihm von meinem Kaffee- und Kuchenhunger vor. Friedrichshof, Staakow, Briesen, die Dorfbäcker halten Mittagsschlaf. Erst in Halbe entdecken wir einen Backshop in einem EDEKA-Laden. Die Rettung! Mohn- und Erdbeerkuchen, dazu ein riesiger Milchkaffee. Ideales Randonneur-Doping. Und dazu noch legal. Aus den Augenwinkeln sehen wir einige Gruppen passieren. Es wird Zeit, wieder reinzutreten. Die nächste Kontrolle ist die HEM-Tanke in Teupitz bei Kilometer 128,9.

12.36 Uhr ist es geworden. Die Pause in Halbe tat dem Körper gut, die Speed hat allerdings gelitten. Was soll´s. “ Wir sind ja nicht auf der Flucht“, meint Peter.

Die Sonne hat sich mittlerweile durch die Wolkendecke gearbeitet und spendet uns Wärme und wohlige Gefühle.

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Das leicht zerknitterte Verbotsschild steht herrlich komisch auf der Tankstellenwiese

Töpchin, Wünsdorf, Sperenberg. Sanfte Wellen, aber der Wind bläst fies ins Gesicht. Da ist es schön, wieder einmal in der Gruppe zu fahren. Diesmal können wir uns leicht absetzen. Das Malle-Training trägt Früchte. Und Andy fährt mit seinem Nähmaschinentritt auch noch die meisten Kilometer vorn im Wind.

Auf zur letzten Kontrolle in Trebbin. Mir fällt auf, dass ich nicht so intensiv wie sonst die Natur wahrnehme. Fahre ich vielleicht etwas zu schnell, bin ich zu sehr mit mir selbst beschäftigt? Vielleicht. Aber ab jetzt sehe ich die Kraniche, die Gänse, die weidenden Schafe, die herrlichen Pferde auf den Wiesen. Es ist schön hier, viel zu schön, um nur auf das Hinterrad des Vordermannes fixiert zu sein.

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Trebbin, Kontrolle Nr. 4 nach 169,5 Kilometern, es ist 14.30 Uhr.  Galaktisch gewinnen werden wir heute sicher nicht, aber riesigen Spaß haben wir. Deshalb ordert Peter gönnerisch ein Weizenbier und teilt es kameradschaftlich auf uns drei auf. P1080054

Wohl bekomm´s. Nach dieser Kohlenhydrat- und Mineralienaufnahme begeben wir uns auf die letzten 45 km. Davon 15 wieder Stop and Go. Ampelverkehr in Berlin. „Det musste eben aushalten“, sagt der Berliner. Um 16.45 Uhr schieben wir unsere Räder hinein ins Amstelhouse. IMG_1378IMG_1380

Die ganz Schnellen sind schon lange vor uns eingetroffen. Gerald hat seinem Bottecchia ordentlich die Sporen gegeben. Durchschnitt: 34,7 km/h. Profiverdächtig!

Wir fühlen uns mittendrin im Feld sehr wohl und genießen die Ankünfte aller, die nach uns eintreffen. Die Lasagne mundet, das Weizenbier schmeckt köstlich, und die Crew vom Amstelhouse ist überaus freundlich – wie immer!

Und Hans rollt auch noch im Zeitlimit ein.Hans im Ziel Chapeau! 80 Jahre und fit wie ein Turnschuh.

Am 22. April starten wir das 300er. Hiermit fängt das Langstreckenfahren erst so richtig an.

 

 

 

Erst in die Bahn, dann auf die Bahn

Der Wind soll heute mit Stärke 4 aus West blasen. Schon beim Weg zum Restaurant geben uns die Böen im Park zwischen den Hotelgebäuden einen kleinen Eindruck von dem, was uns heute erwartet. Beim Frühstück zeigen sich die Randonneure ebenso faul wie findig: Wir wollen zunächst dem Wind bis Sa Pobla die Stirn bieten, dann aber in die Inselbahn nach Palma einsteigen. Ein guter Plan! Denn so können wir vom Ballermann aus mit Seiten- und dann Rückenwind wieder nach Hause ballern. P1070707

Für 4,10 € bringt uns die Bahn mitten in die Inselhauptstadt, Fahrräder fahren kostenfrei mit. Das wäre doch mal eine nette Idee für die Deutsche Bahn. P1070709

Die Palmen werden vom Wind ordentlich durchgerüttelt. Wir rollen zuerst nach Süden an der Strandpromenade entlang – hart am Wind. Dann über die sanft ansteigenden Wellen nach Llucmajor hinüber. Vorbei am eindrucksvoll gestalteten Hilton Hotel in Sa Torre.P1070711

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Hier ein „geklautes Foto“ bei besserem Wetter

Von Sa Torre aus rauschen wir über die leicht hügelige Landschaft bis Llucmajor. Von dort führt uns Ingo über einen herrlichen Nebenweg nach Algaida. Ein paar kleine Höhenmeter sind bis hierher zu überwinden – ideal, denn so bleiben wir warm, kommen aber nicht ins Schwitzen. Im urigen Café D Es Poble  bekommen wir köstliche Olivenbrote mit Schinken –  Pa amb Oli, serviert. Die Rentner des Dorfes sind wahrscheinlich hier komplett versammelt, um Karten zu spielen, was das Zeug hält.

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Gestärkt und wohlig entspannt steigen wir wieder auf die Räder. Sineu ist der nächste Stopp. Peter hat mir schon bei der Anfahrt von der Radrennbahn erzählt, und so biegen wir am westlichen Ortsrand ab zum Velodromo del Tirador.“Die Piste mit den Steilwandkurven wurde 1903 eingeweiht, es war die Erste ihrer Art in ganz Spanien – ein Hinweis auf die große Bedeutung des Radrennsports in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts auf Mallorca. Das dazugehörige Vereinsheim von „Veloz Sport Balear“ stammt von 1918 und ist ein Werk des bekannten Architekten Gaspar Bennàssar, der unter anderem auch die Stierkampfarena gebaut hat.“  So ist es im Mallorca-Magazin von 2015 zu lesen. Erst im Jahre 2016 wurde die verfallene Betonbahn komplett restauriert und jedermann wieder zugänglich gemacht.

Also: rauf auf die Bahn, Randonneure!P107071420170227_154650P1070722

Nach ein paar Testrunden auf der 333 Meter langen Bahn begeben wir uns wieder auf das echte Randonneursterrain – die Straße. Immer mit der 3, manchmal auch mit der 4 vorn auf dem Tacho fliegen wir nach Hause. P1070724

Die Silhouette von Muro lassen wir hinter uns, dann taucht schon Can Picafort auf. Das Abendessen wartet.

Deutschboden finden

Eisig und saukalt ist es an diesem Dienstagmorgen. „Bei minus 8 Grad sollte man keinen Sport treiben“, mahnt mich meine bessere Hälfte. Ist ja auch kein Sport, wir fahren nur ein paar Kilometer durch die Winterlandschaft, ganz locker, ganz ruhig, beruhige ich. Heute starten wir in Frohnau und rollen nach Norden aus der Stadt hinaus. Invalidensiedlung, Birkenwerder, Lehnitz. An der Lehnitzschleuse biegen wir auf den Kanal-Radweg ein.p1070250

Hier bekommen wir einen ersten Vorgeschmack von Schneeglätte und Eis. Meine Crossreifen greifen gut, Peter ist mit den 4Seasons unterwegs, da ist Konzentration gefragt. 20170117_104216

Schaut her, ihr auf dem warmen Sofa sitzenden, daheim gebliebenen. So schön kann ein Wintertag auf dem Rad aussehen. Vorausgesetzt, die Füße stecken in warmen Winterschuhen – ich habe heute sogar noch Überschuhe drüber gezogen – und die Hände sind geschützt.

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Auf dem Weg über Malz nach Neuholland wird das Fahren abschnittweise ungemütlich. Dort, wo die Sonne nicht mehr hinscheint, liegen 5 cm Schnee, und drunter lauert blankes Eis. Erleichtert biegen wir nach Norden auf die Nassenheider Chaussee ein. Hier sind zwar die Autos unterwegs, dafür ist die Straße griffig. Wir fangen an, die herrliche Wintersonne zu genießen. p1070259

Die Stadtkirche von Liebenwalde trägt unverkennbar die Handschrift Schinkels und ist ein echter Hingucker im auch drumherum gepflegt aussehenden Städtchen. Nach Osten hin verlassen wir Liebenwalde – unwiderstehlich zieht uns unser Lieblingsbäcker im Örtchen Hammer an. Genau um 12 Uhr lehnen sich unsere Crosser am  Geländer vor der Bäckerei  Kowsky an.20170117_120140

Aufgewärmt und gestärkt von Kaffee und Apfelstreusel, komme ich auf die Idee, Peter den direkten Weg nach Zehdenick vorzuschlagen – durch die Schorfheider Wälder. Reichlich 20 Kilometer über verschneite und von Autos eisig gefahrene Waldwege führt der Kurs. Schlingerkurs! Schlitterkurs! p1070269

Wir machen unsere Späßchen und lenken uns von der realen Gefahr, hier unsanft auf das Eis zu knallen, einfach ab. Das hilft. p1070278Wieder einmal wollen wir Zehdenick einen Besuch abstatten, um ganz genau hinzuschauen. Warum? Weil der Randonneursfreund Wolfgang den Film „Deutschboden“ in der RBB-Mediathek entdeckt hatte. Deutschboden spielt in Zehdenick, das im Film „Oberhavel“ heißt. Deutschboden . Moritz von Uslar hat nach seiner dreimonatigen Auszeit in Zehdenick ein wunderbares Buch geschrieben und dann daraus einen überaus sehenswerten Film gemacht.fullsizeoutput_2c5a.jpeg

An der Hauptstraße in Zehdenick finden sich einige „Sehenswürdigkeiten“

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Hier gab es mal Cocktails „Do – 2 für 1“ . Schade, schade, heute scheint das Etablissement geschlossen zu sein. Weiter also – hin nach Deutschboden.

Aber wo, verflixt, ist dieser Ort zu finden. Im Nordosten von Zehdenick im Wald soll er sein. Kein Verkehrsschild, kein Wanderhinweis… Aber mein Garmin kennt Deutschboden!  Fünf Kilometer noch, dann kommt der Abzweig nach Vogelsang, und wir stehen wieder mal im Wald. Mein  Oregon  weist uns auf einen vereisten Pfad. Noch 500m bis Deutschboden. Und dann das Schild „Vogelsang“. Nix mit Deutschboden. Wer irrt sich hier? Das Oregon? Oder hat jemand das Ortsschild abgeschraubt? fullsizeoutput_2c5c

Wir stehen 45 m entfernt vom „Zentrum“. Wir sind am Ziel. Ein Haus, ein Zaun und Keramik auf den Pfählen. Kunst im Wald – in Deutschboden.20170117_141848.jpg

Und hier ist zu lesen, wie es zum Ortsnamen kam: p1070292

Wer es also ganz genau wissen will, der möge schauen.

Erschöpft von soviel Suche, soviel Kultur, soviel Wald und Eis, zieht es uns gen Templin. Dort ist unsere Kanzlerin aufgewachsen, dort können wir uns womöglich stärken und aufwärmen. Vogelsang, Hammelspring, und dann ein Hinweisschild: „Chocolaterie“. Hier im Outback? Eine Chocolaterie? Ja, und was für eine:

Das Versprechen „Die Beste! heiße Schokolade in ganz Europa und Übersee“, klingt vollmundig. Tatsächlich genießen wir in Hammelspring ein wahres Schokoladen-Doping. Heiß, gehaltvoll, wunderbar im Geschmack. Köstlich! Ein Top-Tipp in Berlin-Brandenburg.

Leichten Fußes rollen wir die nächsten Kilometer nach Templin. Die Sonne im Rücken. Bestens gelaunt. Durch das mittelalterliche Berliner Tor schieben wir die Räder in die Stadt. 20170117_154715

Die 1735 Meter lange, sehr gut erhaltene Mauer aus dem 13.Jahrhundert ist sicher das beeindruckendste Bauwerk der alten Stadt. Drinnen fahren wir zunächst auf den Rathausplatz, auf dem gerade die letzten Stände des Wochenmarktes abgeräumt werden. p1070319

Das Rathaus, ein prächtiger Barockbau aus dem Jahre 1751.

Wir streben weiter in den tiefer gelegenen Teil der Stadt, wo uns schon von Ferne der Kirchturm der Maria-Magdalenen-Kirche anleuchtet.p1070331

 

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Auch die Kirche ist ein Barockbau und datiert aus dem Jahre 1749.

Wir reißen uns nur schwer los und schlagen den Weg zum Bahnhof ein. Und nochmal beeindruckt uns die Stadtmauer. Diesmal garniert mit einem vornehmen Krawatten-Schneemannp1070347

Noch 300 Meter bis zum Stadtbahnhof. Der ist mittlerweile „umgenutzt“ zu einem Imbiss mit Kneipe und anhängender Bahnhaltestelle.

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Wenn schon kein Bahnhofsgebäude alter Prägung mehr benötigt wird, dann lasse ich mir diese Art der Umgestaltung gerne gefallen. fullsizeoutput_2c5e

Die Zugbegleiterin der ODEG ist freundlich und erträgt mit Fassung unsere Schneemaschinen, die im warmen Waggon ihre Eislast in Schmutzwasser verwandeln.

Hundert Kilometer blauer Himmel, erfrischende Luft, Naturgenuss vom Feinsten. Freundliche Menschen.

Und um es mit Moritz von Uslar zu sagen:

„Ich will dahin, wo Leute in strahlend weißen Trainingsanzügen an Tankstellen rumstehen und ab und an einen Spuckefaden zu Boden fallen lassen!“

 

 

Vor sieben Jahren – eine Dezembertour: Kälte, Wind, Sonne – Herbstkilometer

Winde wehen kalt

Tage schlafen schneller ein

Wasser friert zu Eis

Sonntag will ich zu meiner Abschlusstour starten. Der Winter steht vor der Tür, und die Schönwetterfenster sind selten. Bis Mittwoch soll die Sonne lachen. Also starten – hinein in die kalte Luft, hinein in die frierende Landschaft. Noch einmal Sauerstoff und Sonnenstrahlen tanken.

Im Spätherbst sieht eine Etappentour anders aus als im Sommer. 200 Kilometer sind nicht mehr im Hellen zu fahren. Es kann empfindlich kalt werden. 150 Kilometer sollten aber machbar sein pro Tag. Mein Plan sieht vor, ab Brandenburg in drei Etappen ins Sauerland, meine alte Heimat, zu fahren. Abends ein Hotel anlaufen, gut essen und trinken, und am nächsten Tag mit dem ersten Licht wieder auf die Straße.“ Wetteronline“ verspricht Sonne – aber auch mit nach Ost drehendem Wind knackige Kälte bis minus 6 Grad. Winterausrüstung ist gefragt: Mein Endurace rollt auf Conti 4Seasons 25/28mm, Die Supernova E3 und das Taillight werden vom SONdelux mit Strom gefüttert. Eine 10000 mAh Powerbank steckt zur Sicherheit auch noch in der Tasche.  Auf dem Körper drei Schichten Kleidung – Assos-Shirt, Rapha-Brevet-Trikot, Gore Winterjacke. Dünne Handschuhe in dicken Roeckl Fingerlingen. Lange Winterhose von Sugoi, Winterschuhe Polaris MTB. Auf dem Kopf eine Wintermütze, um den Hals ein Buff zum Hochziehen über Gesicht und Nase.

So eingepackt habe ich schon manche lange Wintertour überstanden. Der Regionalzug bringt mich bis Brandenburg, dann geht es endlich los. Langsamer als ich geplant habe! Der Nordwest bläst kräftig und kalt ins Gesicht und bremst meinen Eifer. Viel mehr als 20 km/h sehe ich selten auf dem Tacho.

In Wusterwitz entdecke ich in einem verwahrlosten Park dieses Thälmann-Denkmal. Die Skulptur strahlt, passend zum Wetter, Eiseskälte aus. Also raus aus dem Gelände und warm fahren. fullsizeoutput_2ae7

In Burg zeigt der Wegweiser 1143 km nach La Roche-sur-Yon an und 335 km bis Gummersbach im Bergischen Land. Das liest sich doch ganz freundlich, wo ich doch nur  die Region des näher gelegenen Ziels anpeile. Die Sonne tut der Seele gut, Finger und Füße bleiben so eben auf angenehmer Temperatur. Wenn nur dieser fiese Gegenwind nicht wäre. fullsizeoutput_2ae8

Nach einigen überflüssigen Umwegen komme ich schließlich von Süden an der mächtigen Trogbrücke bei Hohenwarthe an. Hier wird der Mittelland-Kanal über die Elbe geleitet und seit 2003 mit dem Elbe-Havel-Kanal verbunden. Ich stehe staunend vor der 918 m langen Stahlkonstruktion, der längsten Kanalbrücke Europas.fullsizeoutput_2ae9

Und so sieht das von der anderen Seite aus. Blaues Wasser – blauer Himmel.

Am Mittellandkanal komme ich nur zäh voran. Der Weg ist mit feinem Split belegt, der Wind bläst auf der Deichkrone unbarmherzig. Also treten, treten, treten.

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In Gutenswegen in der Magdeburger Börde sind die Straßen wieder ordentlich glatt, und gegen den späten Nachmittag wird auch der Nordwest schwächer. Warum gibt es nur hier nirgendwo ein Café oder zumindest eine Tankstelle zum Aufwärmen und Kalorien tanken?

In diesem Landstrich bis hin nach Helmstedt erstreckt sich eine wahre  „Service-Diaspora“. Dafür endet jeder zweite Ort mit -leben. Dieses Kürzel bedeutet soviel wie “ Überbleibsel, Hinterlassenschaft, Rest“. Es hat also mit Leben , wie „Leib und Leben“, nichts zu tun. So kann ich es beim Namensforscher Udolph nachlesen. Bis Königslutter will ich heute noch kommen und dann im „Alten Brauhaus“ nächtigen. Bis dahin muss ich noch reichlich viele Hügel hinaufkurbeln, manchen Wald durchqueren und drei Stunden lang auf die Lumen-spendende E3 Leuchte vertrauen. Als ich gegen 19.30 Uhr im Brauhaus nachfrage, bekomme ich erst ein freundliches Ja auf meine Zimmernachfrage und dann doch noch die Absage des Hotelbetreibers. Will der keine Radfahrer??? Ich bin leicht frustriert und suche weiter. Eine halbe Stunde später werde ich im „Avalon“, einem typischen Tagungshotel an der Straße nach Braunschweig,   fündig. Freundliche Menschen, gute Dinkel-Pasta, leckeres Warsteiner Pils. Alle Mühsal des Tages ist vergessen. Und 150 Kilometer stehen auch zu Buche.

Klarer Himmel, Minus 4 Grad, gute Laune nach reichlichem Frühstück! Start um 9 Uhr in Richtung Braunschweig und Hildesheim. Locker geht es voran. Heute ist der Wind gnädig. Er schiebt sanft, bringt aber noch mehr Kälte mit sich. p1060853fullsizeoutput_2aec

Rauhreif auf den Radwegen, und am Ampelschalter schmilzt das Eis nur langsam weg.

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Zuckerfabriken und Kraftwerke als Orientierungspunkte in der Hildesheimer Börde.

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Mein Endurace steckt die Beladung spielerisch weg. Am Oberrohr hängt neuerdings eine Tasche von „Burgfyr“ aus Hamburg. Sie passt genau ins vordere Rahmendreieck und lässt noch Platz für die hintere Trinkflasche. Klasse und wertig gemacht.  Ein neues Ausrüstungsteil der Kategorie „Randonneurs-best“.

Um die Mittagszeit erreiche ich Hildesheim. Hier will ich irgendwo einkehren und mich aufwärmen. Doch: diese Stadt will mich einfach nicht. Schon vor zwei Jahren hatte ich mich fast bei einer Schienenquerung lang gelegt. Dieses Mal habe ich übel geflucht über die mäßige Radweg-Beschilderung. Und die genau so bescheidene Radweg-Qualität in der Stadt. Irgendwann will ich nur noch raus nach Westen. Nach 10 Kilometern finde ich eine Tankstelle, in der ich einen riesigen Milchkaffee, ein Brötchen und eine Bockwurst vertilge. Kein Genuss, aber hilfreich für Körper und Seele. Die nächste Stadt am Track ist Hameln, das ich im späten Nachmittagslicht erblicke. fullsizeoutput_2af6

Ein riesiges Besteck am rumpeligen Radweg, aber nichts zum Speisen.

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Hameln wirkt bei der Einfahrt aus Osten wie eine Ruhrgebietsstadt. Trist und grau und abgeschabt. Kann sein, dass ich der Rattenfängerstadt Unrecht tue. Schließlich habe ich die historische Altstadt links liegen lassen. 150 Kilometer sollen es auch heute noch werden. Und deshalb muss ich einfach weiterfahren – hinein in die Dunkelheit. Und hinein in die Hügel des Weserberglandes. Warm wird es beim Kurbeln, und nach zwei Stunden stehe ich vor dem Bahnhof von Steinheim. Über Paderborn geht ein Zug nach Soest. Das ist verlockend. Schließlich ist die alte Stadt für einen sehenswerten Weihnachtsmarkt bekannt. Und die Aussicht auf 90 Minuten wärmende Kilometer im Regionalzug ziehen mich hinein in den Bahnhof.

In Soest steige ich gewärmt und ausgeruht aus und schaue mich im Internet nach einem geeigneten Hotel um. Schnell ist das „Am Wall“ gefunden. Und beim Finden des direkten Weges dorthin ist mir ein Ehepaar behilflich, das auch großes Interesse an meinem Rad und meiner Ausrüstung zeigt. Was ist das für eine Lampe, woher kommt die Tasche… Ich werde gelöchert. Von Markus, der auch engagiert Rennrad fährt, wie sich im weiteren Gespräch herausstellt. Gegen 19 Uhr checke ich im Hotel Am Wall ein und nehme mein Endurace mit aufs Zimmer. „Nie ohne mein Pferd“. Neben dem Bett hat es das treue Gefährt warm, und es muss sich nicht vor Dieben fürchten.

Ich dusche, ziehe mich um und bin 20 Minuten später auf dem Weg zum Altstadt-Weihnachtsmarkt. fullsizeoutput_2b04Hier werden zwar schon „die Stühle hochgeklappt“, aber einige Buden bieten noch Glühwein und Bratwurst an. Ich ziehe es vor, im „Wilden Mann“ einzukehren. img_1121In diesem urigen Gasthaus bekomme ich leckeres Krombacher und dazu Grünkohl mit Mettwurst. Die riesige, wohlschmeckende Portion schaffe ich trotz Kaloriendefizit nicht ganz. Zufrieden und satt schlüpfe ich um 23 Uhr unter die warme Bettdecke.

Am nächsten Morgen zeigt das Thermometer Minus 6 Grad. Ursprünglich wollte ich heute noch eine Etappe von ca. 110 km über Werdohl nach Meschede fahren. Mal sehen, wie sich die Kälte anfühlt. Um 9Uhr sitze ich wieder im Sattel. Den Buff habe ich über Mund und Nase hochgezogen. Der Giro „Air attack“ mit seinem Visier ist ideal geeignet, Stirn und Jochbeinregion vor dem kalten Luftstrom zu schützen. Ein Aero-Helm als Kälteschutz!

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In Soest ist das Radfahren sehr angenehm, auf guten Radwegen geht es entspannt hinaus der Stadt nach Süden in Richtung Möhnesee. Der Haarstrang bringt ein paar Höhenmeter, die etwas anstrengen, aber auch den Körper wohlig durcharbeiten lassen und wärmen. Auf der Südseite führt der Track wieder hinunter ins Möhnetal. Erst jetzt spüre ich die beißende Kälte. Das erste Mal auf dieser Tour bekomme ich kalte Finger und kalte Zehen. Im Schatten zeigt der Sigma minus 7 Grad. Das Tal bekommt den ganzen Tag über keinen Sonnenstrahl ab. fullsizeoutput_2af9

So sieht ein kalter Morgen aus.

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Und so die kalte Ruhr.

In Neheim-Hüsten beschließe ich, meine Etappe abzukürzen und auf direktem Wege nach Meschede zu fahren. Nochmal mehr als 100 km bei Minusgraden sind mir heute zu ungemütlich. In Meschede wartet ein köstliches, warmes Mittagsmahl auf mich. Und ein herzlicher Empfang noch dazu. Wenn das kein Grund ist, heute ausnahmsweise auch einmal mit 60 Km zufrieden zu sein. Den Tag und den Abend genieße ich in der alten Heimat.

Am nächsten Morgen bringt mich die Bahn – mit ein paar Verspätungen und Umwegen – aber letztlich sicher, nach Berlin zurück. Und in Dortmund mache ich in der 2 Stunden-Umsteigepause einen Currywurst-Test. Ergebnis: Preis-Leistung-Geschmack vorzüglich.

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Weihnachten kommt bald! Und damit auch wieder die „Festive 500“. Bis dahin werde ich mich mit kurzen Einheiten fit halten. Eine Winterpause gibt es nicht.

Wie hat Albert Camus doch geschrieben:

“In the midst of winter, I found there was, within me, an invincible summer“.

Schorfheide im Herbstkleid

p1160629Der nahende  Winter wird die Farben bald aus Wald und Feld herauswaschen. Heute lacht noch einmal die Herbstsonne, ein kleines Hoch bringt Kälte, aber auch blauen Himmel und lockere Cumulusbewölkung. Nach Norden am Oranienburger Kanal entlang lotse ich Peter und Wolfgang durch den drei Grad kühlen Morgen. Hohen Neuendorf- est? Da ist wohl ein Buchstabe heruntergefallen. Auch dieser Bahnhof fristet ein kümmerliches Dasein, wie so viele andere, die ihre ursprüngliche Funktion verloren haben – kein Service, nur ein einsamer Ticketautomat beim Wartehäuschen. Das Gebäude gammelt verlassen vor sich hin und ist zur Leinwand für die Graffiti-Sprayer geworden.p1160633p1160634

Gegenüber die reine Idylle. Zumindest in diesem Eckchen des Ortes möchte ich nicht lang verweilen. Ein Grund mehr, bei Borgsdorf auf den Kanalweg zu wechseln.

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Hier sind zwar ein paar Hindernisse für die Crosser eingebaut, aber schön ist es hier. Die Bäume spiegeln sich im Wasser und strahlen uns mit ihren verbliebenen Blättern an.p1160651

Nach der Querung von Oranienburg von West nach Ost gelangen wir zum Oder-Havel-Kanal. Der Radweg ist einer der schönsten, die ich kenne. Als Teil des Fernweges Berlin-Kopenhagen ist er auch gut beschildert und gut zu finden. Unsere Laune könnte nicht besser sein. Abwechselnd rufen wir uns unsere Begeisterung für die herrliche Natur zu. Das muss einfach raus! fullsizeoutput_2a70

Auf dem Abschnitt von Neuholland nach Liebenwalde durchschneiden kilometerlange Pappelalleen die Felder. Gelbgrün heben sich die Baumspitzen vom blauen Himmel ab. Graugänse und andere nach Süden reisende Federtiere sitzen zu Hunderten auf den Feldern und genießen die Sonnenstrahlen.

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An der Bäckerei Kowsky in Hammer bei Liebenwalde kommen wir nie ohne Halt vorbei. Zu lecker schmecken Mohn- und Apfelkuchen. Nebenbei: Hier wird noch mit selbst gemachtem Natursauerteig gebacken. Meister Beuster beherrscht sein Handwerk, und die Verkäuferin macht ihren Job ganz offensichtlich gerne.

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An der Wand hinter der Sitzecke sind allerlei Informationen aus dem Örtchen zu finden. Diese Bäckerei ist offensichtlich Treffpunkt der Einwohner zum Kaufen und zum Klönen.

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Am Abzweig nach Liebenthal hat sich ein unbekannter Künstler eine Landschaftsszene an die Hauswand gemalt. „Kunst am Bau“.p1160679fullsizeoutput_2a6bfullsizeoutput_2a71

Nach Osten führt unser Weg nach Groß Schönebeck – durch lange, leuchtende Eichenalleen. Da lacht das Herz der Randonneure.

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Der Gasthof Schorfheide bittet zum Wildbuffet. Kein Wunder, um Groß Schönebeck herum werden auch jetzt noch reichlich Wildschweine, Rehe und Hirsche gejagt. Von 1871 bis 1918 jagten die drei deutschen Kaiser Wilhelm I., Friedrich III. und Wilhelm II. in der Schorfheide. Eine Ausstellung im Jagdschloß zeugt von dieser Zeit, beherbergt aber auch eine Ausstellung über Max Schmeling, den großen Boxer, Naturliebhaber und Jäger. Auch Hermann Göring hat von hier aus seine Jagdausflüge gestartet. Aber dazu gleich mehr, wenn wir in Eichhorst einrollen.p1160715p1160718

Randonneure beim Bändigen eines steinernen Wisent.

Der oben erwähnte Hermann Göring ließ 1934 dieses Relief vom Bildhauer Max Esser fertigen.“Einst zog uriges Großwild durch Deutschlands Wälder seine Fährte. Jagd war Mutprobe unserer germanischen Vorfahren. Im Jahre 1934, unter Reichsjägermeister Hermann Göring, entstand an dieser Stelle ein Urwildgehege. Wisent, Auer, Elche, Wildpferde, Biber und anderes Getier fanden darin eine Freistätte und sollten Zeugnis geben von dem Tierreichtum des einst von Menschen noch nicht beherrschten Deutschland!“ So ist es, pathetisch geschrieben,  auf der Rückseite des Denkmals zu lesen.

Das ursprünglich eingearbeitete Hakenkreuz wurde weggemeißelt. Aber immer noch wirkt der Tonklotz wie ein Relikt aus der Zeit des Dritten Reiches.

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Wolfgang führt uns auf den Radweg zur Schleuse Rosenbeck und dann zum Schleusengraf in Marienwerder. Hier kann man während der Saison gut eine Rast einlegen und es sich bei Bier und leckeren Happen gut gehen lassen. Heute verschmähen wir das Angebot und fahren weiter auf dem Radweg Berlin – Usedom nach Biesenthal und dann nach Bernau. p1160749p1160758

In Biesenthal ist das Café Auszeit eine gute Adresse, nur, wir haben uns die Pause hier noch nicht verdient, also bleibt es beim Schauen. Dann ab durch den Wald nach Bernau. Ein paar fiese Bodenwellen zwacken richtig in die Oberschenkel. So soll es sein! P1160759.JPG

Und in Bernau kehren wir ein im „Leiterwagen“. Das Bier schmeckt, der Lachs auch.

Peter muss noch nach Potsdam, und wir finden eine passende Verbindung  vom Startort aus. Also wieder zurück auf „Los“. Hin zum Bahnhof Hohen Neuendorf-West. 18.26 Uhr fährt der RB nach Potsdam. p1160760

Hier schließt sich der Kreis für heute. 120 Kilometer. Sonne, Licht, Farben, herrlicher Herbst. Es hat gut getan.