Wir starten unsere kleine Etappentour nach Bad Driburg am Bahnhof in Kirchmöser, Brandenburg-Kirchmöser genau. Die ersten 50 Kilometer legen wir per Bahn zurück, weil wir bis zum Tagesziel Osterwieck auch dann noch 160 Kiometer zurücklegen müssen. Außerdem kennen wir die Gegend um Potsdam bis hin nach Brandenburg wie unsere Westentasche. Neue Eindrücke wollen wir sammeln, Bilder für das Innere. Als wir in Kirchmöser, was für ein Name, aussteigen, stehen wir wieder einmal vor einem verlotterten, halb verfallenen Bahnhofsgebäude.

Fenster und Türen des Erdgeschosses sind mit Brettern zugenagelt. Als ob es hier noch etwas zu holen gäbe. Davor ein schief dastehender Bauzaun. Und die Personalabteilung der Deutschen Bahn hat sich nicht entblödet, vor dieser Kulisse per Plakat für neue Mitarbeiter zu werben: „Du machst ein starkes Team zum stärksten Team“, können wir amüsiert und leicht verwundert lesen.
Der „Radweg“ Berlin–Hameln führt uns über unendlich lange, langweilige Geraden der viel befahrenen Landstraße entlang. Sattelzüge, Baufahrzeuge, Busse. Alle haben heute beschlossen, unseren Track zu befahren. Nach zwei Stunden und 50 Kilometern melden sich unsere Körper und verlangen nach Kohlenhydraten und Koffein. Am besten zu bekommen bei einer netten Bäckersfrau. Nur wo finden wir die zugehörige Bäckerei? Kilometer um Kilometer radeln wir durch die Ortschaften – keine gastliche Stätte lockt. Nur ein fahrender Bäcker steht mit seinem Marktfahrzeug am Straßenrand. Kuchen gibt es hier, nur Kaffee hat der nette Mann nicht an Bord. Wenn der schon durch die Dörfer rollt, um Brot und Kuchen zu verkaufen, wird klar, dass der letzte ansässige Bäcker schon lange aufgegeben hat.

Dann ziehen wir eben durch bis Magdeburg für unseren Milchkaffee, lechzt Peter leicht frustriert. So schlimm kommt es dann doch nicht. Nach Durchfahren von Ortschaften wie Zwölf Apostel und Jakobsberg, deren Namen aber keinen biblischen Ursprung haben – ursprünglich 12 Grundstücke des Fleckens führten 1946/47 zur biblisch anmutenden Bezeichnung –, treten wir weiter und weiter durch die anhaltinische Diaspora. Völlig unvermutet erspäht Peter dann in Königsborn kurz vor Magdeburg ein Stehcafé.
Die überaus freundliche Verkäuferin preist ihre Kuchen an, schließt eigens für uns das Café auf und bringt uns riesige Milchkaffee zu Schnecken und Streusel. So gestärkt peilen wir zielsicher den Magdeburger Dom an und finden uns 20 Minuten später in der Altstadt wieder.
Das Hundertwasser-Haus versprüht unkonventionellen Charme, Touristen werden über die Geschichte des Gebäudes aufgeklärt, wir hören zu und sind beeindruckt. Ein paar Meter weiter stehen wir vor dem riesigen Dom, dann staunen wir über die herrlich restaurierten Gebäude im Gründerstil, die südlich parallell zur Elbe die Altstadt schmücken. So schön hatten wir das nicht erwartet. Beim Verlassen der Stadt nach Südwesten ereilt uns wieder die graue Realität der Industriebauten, der Gewerbeansiedlungen mit Gebrauchtwagenhändlern und Tankstellen und …
Wir schwingen uns hinein in die Region der Orte, die fast alle ein „Leben“ im Namen tragen: Wanzleben, Hadmersleben, Kleinalsleben, Großalsleben, Badersleben. Mit unserem Begriff Leben hat der Namensanhang allerdings wenig zu tun: -leben bedeutet soviel wie Nachlass oder Erbe.
Beim Neuausbau des Radweges Anderbeck-Badersleben, „Hier investiert Europa in die ländlichen Gebiete“ , finden wir diese Einfahrtregelung eines Feldweges. Für einige Traktoren pro Jahr, die diese Auffahrt nutzen, wurden diese Schilder aufgestellt! Schilda lässt grüßen!
Schließlich erreichen wir unser Tagesziel Osterwieck. Diesen Ortsnamen hatte ich eigentlich irgendwo an der Nordseeküste vermutet, aber nicht im Harzvorland. Und der Gasthof, in dem wir übernachten werden, heißt passenderweise auch noch Hafenbar. Osterwieck liegt in einer sanften Senke am Ufer der Ilse. Auf das Jahr 974 wird die Gründung des Ortes datiert, mehr als 400 Fachwerkhäuser verschiedener Stilarten sind hier zu bewundern. 



So eindrucksvoll und vielfältig habe ich noch nirgendwo Fachwerkarchitektur erlebt. Die Menschen hier geben sich ganz offensichtlich große Mühe, diesen Schatz zu erhalten und wieder herzustellen. Respekt!
Wir finden die Hafenbar neben historischem Fachwerk in einem Zweckbau der Nachkriegszeit, dem die Eigentümer nur nachträglich etwas Fachwerkcharme eingehaucht haben. Macht nichts: Die Wirtsleute sind warmherzig und freundlich. Wir werden aufgenommen wie alte Freunde.
Im kleinen Innenhof genießen wir die ersten leckeren Biere, bevor wir eine kleine Stadtbesichtigung machen. Historisches, Kurioses, wunderbar restauriertes Fachwerk, und auch die Erkenntnis, dass es hier nicht leicht ist, im Gastgewerbe erfolgreich zu sein.





Am nächsten Morgen erwartet uns entgegen der Vorhersage ein grauer Himmel. Wir genießen das gute Frühstück umso länger. Es nützt nichts: Eine Stunde später, nachdem wir die Altstadt von Goslar bestaunt haben, fängt es an, sanft, aber stetig zu regnen. Meine Füße werden nass, und ich ziehe meine Neopren-Fußspitzen über.


Dann bleiben die Füße zumindest warm. Peter hat es versäumt, seine Schutzbleche zu montieren, schließlich war kein Regen angesagt. Das hilft ihm allerdings herzlich wenig. Auf der Suche nach einem geeigneten Ersatz werden wir in einem Hinterhof fündig:
Peter bindet ein Fichtenbrett mit Kabelbindern auf dem Tubus-Gepäckträger fest, und fertig ist der perfekte Spritzwasserschutz.
In Einbeck trösten wir uns über den anhaltenden Regen mit einem Härke-Sommer-Ale und einem Einbecker Urbock hinweg.
Die köstlich scharfe Senfsuppe im Brodhaus sorgt für neue Motivation. Beim Start hinaus aus der Einbecker Altstadt lässt der Regen nach, und wir genießen die lauen Lüfte. Endlich rollen wir auf einem gut geteerten Radweg in Richtung Wesertal hinunter. Immer ganz geradeaus.
Holzminden mit einem rauchenden Fabrikschlot fest im Blick. Holzminden durchkurven wir ohne Aha-Erlebnisse. Irgendwie wirkt diese Stadt wie ein Ort ohne Anziehungskraft und Kultur. Vielleicht sehen wir auch einfach nicht richtig hin. Schließlich wollen wir nur rüber auf die Westseite der Weser und dann nach Corvey mit seiner Klosteranlage.
Für einen als Weltkulturerbe ausgezeichneten Ort wirkt die Gesamtanlage recht zwiespältig. Ein restaurierter Kernbereich mit der Klosterkirche ist sehr schön anzusehen, daneben als Kontrast die stark renovierungsbedürftigen, langgestreckten Speicher und scheunenähnlichen Gebäude. Am Abend, als wir in Höxter mit einem Betreiber einer guten Pizzeria ins Gespräch kommen, erfahren wir, dass es derzeit Zwist wegen der Verwendung von europäischen Fördergeldern gibt: Der Herzog von Ratibor, Eigner der Gesamtanlage, soll überproportional in seine eigenen Gemächer investiert haben. So die Vermutung des kundigen Bürgers.
Doch zurück in die Klostermauern. In einem Seitenflügel betreibt Kalle Krome seit mittlerweile 20 Jahren sein Familien-Aktiv-Hotel. Kanufahrten auf der Weser bietet er an, und Wasser- und auch Radwanderer finden hier eine treffliche Unterkunft. Einfach, sauber, unkonventionell. Peter und ich bekommen jeweils ein Zimmer mit vier Stockbetten. Ruhe pur hinter meterdicken Wänden. Und zum Abschluss des Abends genießen wir auf der kleinen Terrasse leckeres Corveyer Bier. Unser Schlummer ist tief und erholsam in dieser Klosternacht.
Beim Frühstück verwöhnt uns Rosi, die aus Brasilien stammt und „Mädchen für alles“ bei Kalle Krome ist.
Das Frühstück ist genauso genussreich wie kurzweilig. Das Weser- Aktiv-Hotel ist DER Geheimtipp für alle Weserradler.
Die letzte Teiletappe unserer Tour führt uns durch herrliche Natur und über bestens ausgebaute Radwege nach Bad Driburg. Hier hole ich um 11 Uhr meinen neuen Benz ab.
Das war ein schöner Anlass für eine kleine Etappentour ins Weserbergland, auf der wir mindestens neun verschiedene –leben durchfahren haben.
Am 25. Juni wird es wieder ernst. Das 600er-Brevet in Warberg-Ostfalen steht an. Dann wird es weniger komfortabel.





Kontrolle Nr. 2 ist „frei“, das bedeutet, wir müssen uns den Stempel irgendwo in diesem Ort holen. Gar nicht so leicht dieses Mal, denn die Durchgangsstraße ist auf ganzer Breite aufgerissen, die Geschäfte darben, und der Bäcker, den wir zum Stempeln heimsuchen, bietet die spärlichste Auswahl von Brot und Kuchen, die ich jemals gesehen habe.
Die beworbenen Kuchenbrötchen sehen erbärmlich aus – ich ziehe es vor, mein mitgebrachtes Käsebrötchen zu verspeisen.



Wir stehen wieder zur Weiterfahrt bereit, als uns abermals die Truppe um Ingo passiert. Entweder haben sie eine längere Pause gemacht oder einen Umweg durch den Park gefahren. 

Auf unserer Seite treffen Biker, Randonneure, Radtouristen und Autos reichlich ein. Eine richtige Schlange bildet sich am Anlegepunkt, so dass wir schon Bedenken haben, überhaupt beim nächsten Mal mit rüberzukommen.
Unsere „gute Zeit“ bis hierher ist weggeschmolzen und wir finden uns in der nächsten Gruppe um Klaus und Phelim wieder.
Gut, dann haben wir Gesellschaft auf der nächsten Etappe durch den Fläming nach Dobbrikow. In Coswig füllen wir beim Netto-Markt unsere Trinkflaschen auf – ich gönne mir eine Stange Knoppers als Kalorienreserve.
Andy und die Kollegen haben großen Hunger und schaufeln eifrig Reibekuchen mit Apfelkompott, Omelett und andere leckere Sachen in die gierigen Körper.
Letzter Stempel nach 22 Uhr, Durchschnitt in Bewegung knapp 26 km/h.
Für Altrandonneure 65Plus gar nicht so übel, wie Wolfgang und ich feststellen. Die nächsten zwei Stunden genießen wir leckere Pilsner, Lasagne und Salat und den Erfahrungsaustausch mit den Kollegen. Kurz nach Mitternacht starte ich auf die 15 km-Etappe nach Hause durch die immer noch sehr lebendige Stadt. Ich fahre mit Warnweste und zwei hellen Rückleuchten. Da ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass die manchmal gar nicht rücksichtsvollen Autofahrer Abstand halten.
Ab geht es nach Süden durch Wald und Heide. Kleine Kaffeepause in Treuenbrietzen:





























Ich erkenne Gerald, eine halbe Stunde später als wir gestartet und auf seinem Bottecchia Chrono pfeilschnell unterwegs. Sagenhafte 37,5 km/h netto wird er im Ziel verbuchen können.

In Wustermark bremst uns dann unser alter Randonneursfreund Peter aus Spandau, der uns ein wenig entgegengekommen ist. Foto, und weiter geht die Reise. Er bleibt im Bereich des Outlet-Centers ohne für uns erkennbaren Grund zurück. Ein Kollege, der mit einem wunderhübschen türkisfarbenen DF-Velomobil wie wir auf dem B5-Radweg fährt – offensichtlich mittlerweile total leergefahren und platt, ist in eine scharfen 180-Grad-Kehre umgekippt und benötigt Hilfe. Peter hilft und lotst den Velomobilisten aus Schweden sicher bis zum Ziel.






























Essen bei Röhrl mit dem gleichnamigen Bier. Eine Riesenportion Semmelknödel mit Pfifferlingen, die in einer sämigen Sauce schwimmen. Köstlich. Dann später launige Gespräche in einer Bar, die nach Berliner Maßstäben schon bevor der eigentliche Abend beginnt, gegen 22.30 Uhr den Ausschank schließt. Da musste eben schneller trinken, meint Peter. Wir kommen auf diese Weise wieder zeitig in die Betten und sind fit für die kleinen 55 Schlusskilometer am letzten Tag nach Regensburg.








