Quer durch die anhaltinischen Leben

Wir starten unsere kleine Etappentour nach Bad Driburg am Bahnhof in Kirchmöser, Brandenburg-Kirchmöser genau. Die ersten 50 Kilometer legen wir per Bahn zurück, weil wir bis zum Tagesziel Osterwieck auch dann noch 160 Kiometer zurücklegen müssen. Außerdem kennen wir die Gegend um Potsdam bis hin nach Brandenburg wie unsere Westentasche. Neue Eindrücke wollen wir sammeln, Bilder für das Innere. Als wir in Kirchmöser, was für ein Name, aussteigen, stehen wir wieder einmal vor einem verlotterten, halb verfallenen Bahnhofsgebäude.

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Du machst ein starkes Team zum stärksten Team

Fenster und Türen des Erdgeschosses sind mit Brettern zugenagelt. Als ob es hier noch etwas zu holen gäbe. Davor ein schief dastehender Bauzaun. Und die Personalabteilung der Deutschen Bahn hat sich nicht entblödet, vor dieser Kulisse per Plakat für neue Mitarbeiter zu werben: „Du machst ein starkes Team zum stärksten Team“, können wir amüsiert und leicht verwundert lesen.

Der „Radweg“ Berlin–Hameln führt uns über unendlich lange, langweilige Geraden der viel befahrenen Landstraße entlang. Sattelzüge, Baufahrzeuge, Busse. Alle haben heute beschlossen, unseren Track zu befahren. Nach zwei Stunden und 50 Kilometern melden sich unsere Körper und verlangen nach Kohlenhydraten und Koffein. Am besten zu bekommen bei einer netten Bäckersfrau. Nur wo finden wir die zugehörige Bäckerei? Kilometer um Kilometer radeln wir durch die Ortschaften – keine gastliche Stätte lockt. Nur ein fahrender Bäcker steht mit seinem Marktfahrzeug am Straßenrand. Kuchen gibt es hier, nur Kaffee hat der nette Mann nicht an Bord. Wenn der schon durch die Dörfer rollt, um Brot und Kuchen zu verkaufen, wird klar, dass der letzte ansässige Bäcker schon lange aufgegeben hat.

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Das Kulturhaus von Königsborn steht unter Denkmalschutz

Dann ziehen wir eben durch bis Magdeburg für unseren Milchkaffee, lechzt Peter leicht frustriert. So schlimm kommt es dann doch nicht. Nach Durchfahren von Ortschaften wie Zwölf Apostel und Jakobsberg, deren Namen aber keinen biblischen Ursprung haben – ursprünglich 12 Grundstücke des Fleckens führten 1946/47 zur biblisch anmutenden Bezeichnung –, treten wir weiter und weiter durch die anhaltinische Diaspora. Völlig unvermutet erspäht Peter dann in Königsborn kurz vor Magdeburg ein Stehcafé. IMG_2366Die überaus freundliche Verkäuferin preist ihre Kuchen an, schließt eigens für uns das Café auf und bringt uns riesige Milchkaffee zu Schnecken und Streusel. So gestärkt peilen wir zielsicher den Magdeburger Dom an und finden uns 20 Minuten später in der Altstadt wieder. IMG_2369Das Hundertwasser-Haus versprüht unkonventionellen Charme, Touristen werden über die Geschichte des Gebäudes aufgeklärt, wir hören zu und sind beeindruckt. Ein paar Meter weiter stehen wir vor dem riesigen Dom, dann staunen wir über die herrlich restaurierten Gebäude im Gründerstil, die südlich parallell zur Elbe die Altstadt schmücken. So schön hatten wir das nicht erwartet. Beim Verlassen der Stadt nach Südwesten ereilt uns wieder die graue Realität der Industriebauten, der Gewerbeansiedlungen mit Gebrauchtwagenhändlern und Tankstellen und …

Wir schwingen uns hinein in die Region der Orte, die fast alle ein „Leben“ im Namen tragen: Wanzleben, Hadmersleben, Kleinalsleben, Großalsleben, Badersleben. Mit unserem Begriff Leben hat der Namensanhang allerdings wenig zu tun: -leben bedeutet soviel wie Nachlass oder Erbe.OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Beim Neuausbau des Radweges Anderbeck-Badersleben, „Hier investiert Europa in die ländlichen Gebiete“ , finden wir diese Einfahrtregelung eines Feldweges. Für einige Traktoren pro Jahr, die diese Auffahrt nutzen, wurden diese Schilder aufgestellt! Schilda lässt grüßen!

Schließlich erreichen wir unser Tagesziel Osterwieck. Diesen Ortsnamen hatte ich eigentlich irgendwo an der Nordseeküste vermutet, aber nicht im Harzvorland. Und der Gasthof, in dem wir übernachten werden, heißt passenderweise auch noch Hafenbar. Osterwieck liegt in einer sanften Senke am Ufer der Ilse. Auf das Jahr 974 wird die Gründung des Ortes datiert, mehr als 400 Fachwerkhäuser verschiedener Stilarten sind hier zu bewundern. OLYMPUS DIGITAL CAMERAP5230042.jpgOLYMPUS DIGITAL CAMERAP5230056.jpgP5230058.jpgSo eindrucksvoll und vielfältig habe ich noch nirgendwo Fachwerkarchitektur erlebt. Die Menschen hier geben sich ganz offensichtlich große Mühe, diesen Schatz zu erhalten und wieder herzustellen. Respekt!

Wir finden die Hafenbar neben historischem Fachwerk in einem Zweckbau der Nachkriegszeit, dem die Eigentümer nur nachträglich etwas Fachwerkcharme eingehaucht haben. Macht nichts: Die Wirtsleute sind warmherzig und freundlich. Wir werden aufgenommen wie alte Freunde.

Im kleinen Innenhof genießen wir die ersten leckeren Biere, bevor wir eine kleine Stadtbesichtigung machen. Historisches, Kurioses, wunderbar restauriertes Fachwerk, und auch die Erkenntnis, dass es hier nicht leicht ist, im Gastgewerbe erfolgreich zu sein.

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Es gibt noch viel zu tun

Am nächsten Morgen erwartet uns entgegen der Vorhersage ein grauer Himmel. Wir genießen das gute Frühstück umso länger. Es nützt nichts: Eine Stunde später, nachdem wir die Altstadt von Goslar bestaunt haben, fängt es an, sanft, aber stetig zu regnen. Meine Füße werden nass, und ich ziehe meine Neopren-Fußspitzen über.

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Auf dem historischen Marktbrunnen von Goslar breitet der goldene Adler seine Schwingen aus

P5240080.jpgP5240081.jpgDann bleiben die Füße zumindest warm. Peter hat es versäumt, seine Schutzbleche zu montieren, schließlich war kein Regen angesagt. Das hilft ihm allerdings herzlich wenig. Auf der Suche nach einem geeigneten Ersatz werden wir in einem Hinterhof fündig: P5240089.jpgPeter bindet ein Fichtenbrett mit Kabelbindern auf dem Tubus-Gepäckträger fest, und fertig ist der perfekte Spritzwasserschutz.

In Einbeck trösten wir uns über den anhaltenden Regen mit einem Härke-Sommer-Ale und einem Einbecker Urbock hinweg. P5240096.jpgDie köstlich scharfe Senfsuppe im Brodhaus sorgt für neue Motivation. Beim Start hinaus aus der Einbecker Altstadt lässt der Regen nach, und wir genießen die lauen Lüfte. Endlich rollen wir auf einem gut geteerten Radweg in Richtung Wesertal hinunter. Immer ganz geradeaus. OLYMPUS DIGITAL CAMERAHolzminden mit einem rauchenden Fabrikschlot fest im Blick. Holzminden durchkurven wir ohne Aha-Erlebnisse. Irgendwie wirkt diese Stadt wie ein Ort ohne Anziehungskraft und Kultur. Vielleicht sehen wir auch einfach nicht richtig hin. Schließlich wollen wir nur rüber auf die Westseite der Weser und dann nach Corvey mit seiner Klosteranlage.

Für einen als Weltkulturerbe ausgezeichneten Ort wirkt die Gesamtanlage recht zwiespältig. Ein restaurierter Kernbereich mit der Klosterkirche ist sehr schön anzusehen, daneben als Kontrast die stark renovierungsbedürftigen, langgestreckten Speicher und scheunenähnlichen Gebäude. Am Abend, als wir in Höxter mit einem Betreiber einer guten Pizzeria ins Gespräch kommen, erfahren wir, dass es derzeit Zwist wegen der Verwendung von europäischen Fördergeldern gibt: Der Herzog von Ratibor, Eigner der Gesamtanlage, soll überproportional in seine eigenen Gemächer investiert haben. So die Vermutung des kundigen Bürgers.

Doch zurück in die Klostermauern. In einem Seitenflügel betreibt Kalle Krome seit mittlerweile 20 Jahren sein Familien-Aktiv-Hotel. Kanufahrten auf der Weser bietet er an, und Wasser- und auch Radwanderer finden hier eine treffliche Unterkunft. Einfach, sauber, unkonventionell. Peter und ich bekommen jeweils ein Zimmer mit vier Stockbetten. Ruhe pur hinter meterdicken Wänden. Und zum Abschluss des Abends genießen wir auf der kleinen Terrasse leckeres Corveyer Bier. Unser Schlummer ist tief und erholsam in dieser Klosternacht. OLYMPUS DIGITAL CAMERABeim Frühstück verwöhnt uns Rosi, die aus Brasilien stammt und „Mädchen für alles“ bei Kalle Krome ist. P5250115.jpgDas Frühstück ist genauso genussreich wie kurzweilig. Das Weser- Aktiv-Hotel ist DER Geheimtipp für alle Weserradler.

Die letzte Teiletappe unserer Tour führt uns durch herrliche Natur und über bestens ausgebaute Radwege nach Bad Driburg. Hier hole ich um 11 Uhr meinen neuen Benz ab.

Das war ein schöner Anlass für eine kleine Etappentour ins Weserbergland, auf der wir mindestens neun verschiedene –leben durchfahren haben.

Am 25. Juni wird es wieder ernst. Das 600er-Brevet in Warberg-Ostfalen steht an. Dann wird es weniger komfortabel.

 

 

Das 300er Brevet – Sonne pur!

13 Stunden Sonne, 22 Grad, ein laues bis frisches Lüftchen, so sieht die Wettervorhersage für den 21. April aus. Und so wird das Wetter auch. Zur Freude der ca. 100 Randonneure und Randonneurinnen, die sich schon um vor sechs Uhr im Amstelhouse in Berlin-Moabit eingefunden haben. Oldies, Youngsters, Speedsters… alle Kategorien sind stark vertreten.

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Rafal und Andy sind wie immer zu Späßen aufgelegt
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Gerald hat es heute wieder einmal eilig. 35,4 km/h in Bewegung resummiert STRAVA am Abend für ihn. Chapeau! Brevets sind zwar keine Rennen, aber es ist schön, wenn jemand so souverän und schnell unterwegs ist ( gemeinsam mit Tom)

Auch vor dem Start wird schon geflickt – In diesem Fall ein schlechtes Omen – nach 120 Kilometern sehen wir den Kollegen wieder, diesmal flickend am Wegesrand. 30425321_10155789892990432_5294638898529482_o

Wolfgang und ich starten in der zweiten Gruppe um 7.10 Uhr Beim Ampelhopping nach Süden, hinaus aus der großen Stadt, wird gequatscht, wird erzählt was die Vorhaben für das Jahr sind und auch, welche Heldentaten 2017 vollbracht wurden.

In Stahnsdorf beträgt unser Schnitt gerade einmal 22,5  km/h. Doch das sollte sich rasch zum Schnelleren hin ändern. Der Wind schiebt sanft aber spürbar aus Nordwest, und der Speed unserer Gruppe mit Rainer an meiner Seite pendelt immer um die 30-35 km/h. Die Tankstelle in Trebbin erreichen wir schon um 8.45 Uhr. Stempeln und sofort wieder aufsitzen. Zwei- dreimal müssen wir eine typische Flämingwelle wegdrücken, dafür geht es nach Dahme hin schön abwärts mit 35-40 km/h.fullsizeoutput_3d20 Kontrolle Nr. 2 ist „frei“, das bedeutet, wir müssen uns den Stempel irgendwo in diesem Ort holen. Gar nicht so leicht dieses Mal, denn die Durchgangsstraße ist auf ganzer Breite aufgerissen, die Geschäfte darben, und der Bäcker, den wir zum Stempeln heimsuchen, bietet die spärlichste Auswahl von Brot und Kuchen, die ich jemals gesehen habe. OLYMPUS DIGITAL CAMERADie beworbenen Kuchenbrötchen sehen erbärmlich aus – ich ziehe es vor, mein mitgebrachtes Käsebrötchen zu verspeisen.fullsizeoutput_3cdf

Ab jetzt ist Gegenwind angesagt: Bis  Oehna sind es ca. 35 km. Um 12.20 Uhr rollen wir in den Innenhof des Landgasthofs Witte ein. Fast alle Plätze im Biergarten sind schon mit Randonneuren besetzt.

Spaghettigerichte duften auf den Tischen, Radler in Krügen stehen daneben. Die Kollegen sind bester Laune. Also Stempel rein ins Heft, Platz genommen und nach kurzem Blick in die Speisenkarte „Spaghetti olio e aglio“ bestellt. OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Wir plauschen mit den Sitzenden und den Kommenden und nach einer wahren Genuss-Pause fällt es schwer, wieder auf die Räder zu steigen und dann wieder einen Rhythmus zu finden. Der Wind frischt auf und bläst uns genau ins Gesicht. Etwas härtere Arbeit bis hin nach Wittenberg ist angesagt. OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Auf der Elbebrücke passiert uns die Gruppe um Ingo, die uns kurz vorher überholt hatte. Tja, manchmal hat Ortskenntnis Vorteile, und ein paar vermiedene Ampeln hatten uns wieder nach vorn gebracht.OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Eine wahre Lust sind die nächsten Kilometer bis hin ins Wörlitzer Gartenreich. Eigentlich wirkt die ganze Elbaue zu dieser Zeit wie ein riesiger Garten. Wolfgang und ich beschließen, den Kontrollstempel bei Streckenkilometer 184,3 mit einem großen Eis zu verquicken. Erst der Stempel, dann der eisige Genuss. OLYMPUS DIGITAL CAMERAWir stehen wieder zur Weiterfahrt bereit, als uns abermals die Truppe um Ingo passiert. Entweder haben sie eine längere Pause gemacht oder einen Umweg durch den Park gefahren. OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Dieses Mal sollte sich ihr kleiner Vorsprung zu einem 40 Minuten Nachteil für uns auswirken. Als wir an der Fähre in Coswig ankommen, sehen hinter  den  Voreilenden nur noch die Heckwelle. Dann beschließt der Fährmann, ganze 35 Minuten auf der anderen Seite zu pausieren.fullsizeoutput_3d28

Bei dieser Zwangspause können wir die überaus fein gebauten Meerglas-Räder von Tom bewundern. Bildschön und gleichsam zweckmäßig und zuverlässig.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAAuf unserer Seite treffen Biker, Randonneure, Radtouristen und Autos reichlich ein. Eine richtige Schlange bildet sich am Anlegepunkt, so dass wir schon Bedenken haben, überhaupt beim nächsten Mal mit rüberzukommen.

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Das Warten auf die Fähre tut der Gruppe um Andy und Flo keinen Abbruch

Wir drängen also in die vordere Reihe und stehen irgendwann auf der Fähre. Nun aber dauert es abermals: Der Fährmann und sein Kassierer sorgen erst einmal dafür, dass kein Fährgast die Zeche prellt. Wir stehen und warten und warten. P4210308.jpgUnsere „gute Zeit“ bis hierher ist weggeschmolzen und wir finden uns in der nächsten Gruppe um Klaus und Phelim wieder. OLYMPUS DIGITAL CAMERAGut, dann haben wir Gesellschaft auf der nächsten Etappe durch den Fläming nach Dobbrikow. In Coswig füllen wir beim Netto-Markt unsere Trinkflaschen auf – ich gönne mir eine Stange Knoppers als Kalorienreserve.

Die Sonne beleuchtet wunderbar die herrliche Landschaft. Felder, Wälder, Alleen mit blühenden Bäumen. Das liebt der Randonneur!

In Dobbrikow holen wir uns gegen 19.45 Uhr den vorletzten Kontrollstempel und genießen ein kühles Radler für den Radler. Brevet 300 BB73Andy und die Kollegen haben großen Hunger und schaufeln eifrig Reibekuchen  mit Apfelkompott, Omelett und andere leckere Sachen in die gierigen Körper.

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natürlich nur mit Radler und Weizenbier ohne Alkohol,  und die Zigaretten sind nikotinfrei

Ab geht es auf die letzen 50 Kilometer, hinein in die Abenddämmerung. Die Singvögel starten ihr Konzert und untermalen die Strecke bis zum Rand von Berlin auf das Feinste.

Dann wieder Ampelhopping – Zehlendorfer Damm, Hohenzollerndamm, ein paarmal links und rechts, dann stehen wir wieder vor dem Amstelhouse. Der Kreis hat sich geschlossen für heute. OLYMPUS DIGITAL CAMERALetzter Stempel nach 22 Uhr, Durchschnitt in Bewegung knapp 26 km/h. P4210333.jpgFür Altrandonneure 65Plus gar nicht so übel, wie Wolfgang und ich feststellen. Die nächsten zwei Stunden genießen wir leckere Pilsner, Lasagne und Salat und den Erfahrungsaustausch mit den Kollegen. Kurz nach Mitternacht starte ich auf die 15 km-Etappe nach Hause durch die immer noch sehr lebendige Stadt. Ich fahre mit Warnweste und zwei hellen Rückleuchten. Da ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass die manchmal gar nicht rücksichtsvollen Autofahrer Abstand halten.

Eine knappe Stunde später noch einen Schluck Rotwein zum Entspannen und dann kommt der tiefe Schlummer.

Heute waren das in Summe 345 Kilometer und bei diesem Wetter, der wunderbaren Frühlings-Landschaft und so vielen alten und jungen Kollegen war das die reine Freude!

 

P.S   Mit Dank für die Fotos von Rafal und Andy

Die wundersame Vermehrung von Rädern und Randonneuren

17. April – einer der ersten warmen Tage des Jahres tröstet über die fiesen Erfahrungen bei den ersten Brevets in Kälte und bei Dauerregen. Heute wollen wir die Sonne genießen und einfach nur durch die Landschaft rollen. Am Schwielowsee entlang – Peter zeigt mir das Schloß Petzow, das gerade restauriert und durch einen Anbau ergänzt wird, in dem sich demnächst Wohlhabende eine schöne Wohnung mit Blick auf den See gönnen können. OLYMPUS DIGITAL CAMERA Ab geht es nach Süden durch Wald und Heide. Kleine Kaffeepause in Treuenbrietzen:OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Wir kommen mit David ins Gespräch, der beim Candy B. Traveller mitgefahren ist. Frankfurt nach Berlin – 630 Kilometer – mit viel Schotter und Waldwegen – mit „Overnightern“ in freier Natur. Er ist auf dem Rückweg nach Frankfurt und will in Dessau eine Übernachtung einlegen. Sein eingeschlammtes Merida zeugt vom Fahren auf schwerem Geläuf bei mehr Regen als Sonne. Heute lacht die Sonne vom blauen Himmel und macht das fiese Wetter der vergangenen Woche vergessen. OLYMPUS DIGITAL CAMERAOLYMPUS DIGITAL CAMERA

In den ehemaligen Kammerspielen von Treuenbrietzen werden nur noch Filme gezeigt, die Volksbuchhandlung hat offensichtlich schon bessere Zeiten gesehen.

Über die Grund-und Endmöränen des Fläming kurbeln wir stetig in Richtung Wittenberg. Vor 501 Jahren nagelte Martin Luther seine Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg – ein guter Grund, das  Städtchen nach überstandenen Jubiläumsfeierlichkeiten mal wieder aufzusuchen. OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Einen kleinen Umweg über die Ortschaft Zahna leisten wir uns noch – ich will meine Reifen ein paar Kilometer  den Track des 300 km-Brevets, das am 21. April gefahren werden will,  fühlen lassen. Ein wundersames Objekt, in dem es mal Tapeten, Lacke und Bodenbeläge zu kaufen gab, steht zum Verkauf. Ich fürchte, der Verkauf könnte noch dauern…

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Um 16.40 Uhr begrüßt uns die bronzene Katharina von Bora im Innenhof des Lutherhauses, einem ehemaligen Augustinerkloster, in dem Martin über 35 Jahre mit seiner Frau und seinen Kindern lebte und lehrte. Heute genießen wir zuerst den Blick auf eine riesige, wunderbar blühende Magnolie, erst dann schauen wir uns Katharina an und wenden uns nach erstem Kultur- dem leiblichen Genusse zu. Sicher ganz im Sinne Luthers, der bekanntlich ein Freund des Bieres war. Wir laben uns an kühlem Paulaner Weizen.

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Der Altstadt von Wittenberg ist das 500-Jahre Reformation-Jubiläum gut bekommen. Häuser, Plätze und Brunnen sind aufwändig restauriert oder neu hergerichtet. OLYMPUS DIGITAL CAMERA

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Allerdings: Wittenberg hat zwei Gesichter – das bunte restaurierte des Altstadtkerns und das graubraune in den Reihen dahinter:

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Schließlich fahren wir nach Osten in Richtung Bahnhof, vorbei am alten Bunkerberg, der komplett umgestaltet ist. Die Spiegelkonstruktion mit Plattformen und Gängen macht uns neugierig. OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Zum Reformationsjubiläum wurde ein Entwurf von Studenten der „Peter Behrens School of Arts“ in Düsseldorf realisiert – ein Geschenk der EKD an die Stadt Wittenberg.

Die Installation trägt den Titel „Spiritualität“. Treffend, wie ich meine. Wir jedenfalls können uns nicht satt sehen an den Perspektiven, den Spiegelungen, den optischen Effekten – und ich kann mich nicht satt-fotografieren.

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Ein Peter oben, einer unten
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Die wundersame Colnago-Vervielfachung
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Die echte und die gespiegelte Kirsche
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Der dreifache Peter

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Blütentraum
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Schüler auf der Suche nach dem Bethel-Haus. Wir konnten ihnen helfen, das Ziel zu finden

Dann gönnen wir uns noch eine Pizza und ein Bier in der Altstadt, bevor uns der Zug wieder heim nach Berlin bringt.

Gutes Wetter, gute Laune, gute Beine, guter Trainingseffekt für das 300er Brevet am kommenden Samstag.

( Ja, ja, der Bericht ist in Arbeit…)

Festive 500

Festive 500 – zwischen den Tagen, also von Heiligabend bis Silvester mindestens 500 Kilometer auf die Straße bringen. Formal sind das acht Tage, in der Praxis bleiben fünf oder sechs. Die Familie möchte den Randonneur an den Feiertagen auch ab und an sehen. Nicht nur per Rad in die Natur und wieder den häuslichen Pflichten entfliehen.

 

Und hier ist meine Bilanz der Festive 2017:

24.12. – 51 km

25.12. – 118 km

27.12. – 150 km

29.12. – 154 km

30.12. – 33 km

1x richtig nass geworden

1x zwei riesige Hirsche bei Dreibrück gesichtet

1x den besten Kuchen des Havellandes in Päwesin genossen

1x die riesigste Portion Kesselgoulasch am Schiffshebewerk vertilgt

1x den unfreundlichsten Wirt des Jahres im Mendoza in Schwedt erlitten

506 Kilometer und 22 Stunden auf dem Rad.

Rund 13000 Kcal verbrannt, entsprechend 26 Tafeln Schokolade, 25 l Bier, 17 l Wein, 3,5 kg Pasta oder gar 32 kg Gemüse.

Merke: Radfahren sorgt auch bei weihnachtlichem Völlen für ein mächtig gutes Gewissen, es kommt eben auf die Dosis ( des Radfahrens) an.

Festive-Team 2017

Und weiter geht es in 2018 – regelmäßig, genussvoll, auch anspruchsvoll, manchmal auch schnell, eher aber laaang und laaangsam. Das tut der Seele und dem Körper gut.

 

HH-B – Zeitfahren at its best

14. August 2017, null Uhr. Ich sitze am Mac und versuche, mich für HH-B 2017 anzumelden. Es dauert, bis der Server von Audax-SH sich rührt. Nach 20 Minuten ist es vollbracht. Ich habe einen Startplatz.

Schon im Laufe des Montags ist HH-B ausgebucht. Wie heißt es doch: „The early bird catches the worm.“

Im Alt-Lohbrügger Hof haben Peter, Wolfgang und ich Zimmer gebucht und reisen am Freitag, dem 13. !! an. Per Flixbus, weil die Bahn schon alle Radstellplätze vergeben hatte. In drei Stunden von Alt-Tegel bis HH-ZOB. Der Busfahrer ist freundlich und humorvoll, flexibel auch noch, denn unsere Renner dürfen im Gepäckabteil sicher mitreisen. Und der Preis von 23 € für die Reise inklusive Radtransport ist unschlagbar.

Um kurz vor 20 Uhr stürzen wir uns in den Hamburger Stadtverkehr und rollen die 15 km bis Bergedorf. Auch sehr komfortabel, denn HH verfügt über breite Radwege, abseits der Hauptstraße. Ein Genuss! Auch im Hotel hat man ein Herz für Radfahrer – die Renner können wir sicher im Heizungskeller abstellen. Vorwärmen für das Zeitfahren am kommenden Tag. Unsere Startzeit um 7.40 Uhr erlaubt uns, um 6 Uhr ein komfortables Frühstück im Hotel einzunehmen: Müsli, Rührei, Marmeladenbrötchen. Die Randonneure stärken sich. Dann erstmal zum Warmrollen  8 km bis zum Startort Vierländereck in HH-Curslack. Milde Lüfte umspielen die gestählten Körper. Das Hotel Vierländereck ist im Vergleich zum bisherigen Startort am alten Fährhaus ein Komforttempel.

Start Vierländerhaus
Anstehen für die Startunterlagen

Das Team um Burkhard Sielaff und Michael Nagel hat eine perfekte Organisation auf die Beine gestellt. Wir bekommen unsere Teilnehmerschilder und eine Startkarte, die eingescannt wird.

Am Starttisch
Foto von Audax-SH

Hightech-Startzeitnahme per Handyscan. Um 7.40 Uhr gehen wir auf Kurs.

16 Grad warme Luft bringt der spürbare Südwestwind ins Land. Sehr angenehm. Wir ziehen die Jacken aus und fahren in Trikot plus Weste los. Einrollen, langsam beginnen. So haben wir uns das vorgenommen. Schließlich sind wir Oldies mit Durchschnittsalter 65. Nein, wir sind nicht geplagt vom Ehrgeiz, schnell zu sein, wir fahren nie schneller, als wir eigentlich sollen oder gar können. Uns reizt keine schnelle Gruppe, die vorbeirauscht –  Lüge! Es kitzelt natürlich doch, und ein paar km/h schneller als sonst sind wir schon unterwegs. Wolfgang wird anfangs von fiesem Asthmahusten heimgesucht. Wir sorgen uns schon, als er dann doch immer besser in Fahrt kommt. Gut so! Jetzt rollt es. Rüber über die unendlich lange Brücke bei Geesthacht, auf die Niedersachsener Seite. Gefühlt auf jedem dritten Bauernhof weht die Flagge des Landes. Da war doch was: Ja, es wird  am Sonntag gewählt.

Der Himmel gibt sich zunächst grau an diesem Morgen. Wildgänse schnattern über uns , Starenschwärme rauschen durch die Lüfte. Im Fachwerkstädtchen Bleckede locken die Marktstände zum zweiten Frühstück. Manche lassen sich bremsen und halten an beim Bäcker.

Wir freuen uns am gleichmäßigen Rollieren. Schön flach hier – aber es bleibt nicht flach. Die erste kleine Prüfung wartet auf dem rumpligen Waldweg bei Alt Garge. Ich habe den Track gebaut und übernehme die Verantwortung für das kleine Ungemach. Links und rechts liegen vom Sturm entwurzelte und geknickte Bäume. Unter einer flachgelegten Buche müssen wir hindurch und schieben. Gönnerisch halten wir einer herankommenden Gruppe das Absperrband hoch.

Von Neu-Darchau bis Hitzacker gibt es eine kurze und eine bequeme Trackvariante. Heute locke ich, überraschend für Wolfgang und Peter, die beiden  auf die Elbuferstraße. Kürzer, aber dafür mit einigen fiesen Rampen bestückt. 13 Steigungsprozente am Elberand. Wer hätte das gedacht?! Wir keuchen uns die Wellen hinauf, rauschen wieder ins Wellental und das Ganze noch ein paarmal. DSCN2252

Auf der Kuppe nach  einem kurzen 10-Prozenter hat Harald Legner  einen genauso unvermuteten wie schnuckeligen Versorgungsstand aufgebaut:P1090210

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Hamsterbacke – Gummibären geben Kraft

Wir keuchen uns aus und genießen Radler, Gummibären und Knabberzeugs. Harald spricht uns Mut zu: „Ihr seht doch noch gar nicht so kaputt aus.“ fullsizeoutput_3742

Ab geht es in die nächste Bodensenke mit 13 Prozent Gefälle – 70 km/h. Das fetzt.

Bis nach Hitzacker noch ein paar kleine Wellen, die wir mit Schwung nehmen. Dann entscheiden wir uns für den Weg über Dannenberg und die Bundesstraße entlang zur Dömitzer Brücke. Da ist zwar ordentlich Verkehr, aber dafür rollt es  gut.

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Am Ende der Brückenabfahrt stehen schon die Kollegen vom Audax und weisen uns auf den Parkplatz ein. 95 Kilometer liegen hinter uns. Karte raus zum Scan und dann  ab zur Kaffeetheke.

Wolfgang bemüht sich, festzustellen, dass diese Veranstaltung ein Zeitfahren, keine Kaffeefahrt ist. O.k., ein Schnitt von 28 km/h bis hierher geht ganz in Ordnung. Der Aufwand, den das Team um Burkhard Sielaff treibt, um uns zu umsorgen, ist beispielhaft. Kaffee, Brötchen, Bananen, Iso-Getränke, Zuspruch. Wunderbar, wie ihr das macht! DANKE!

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Unser Berliner Brevet-Strecken-Designer Ralf hat sein kampferprobtes SOMA auf dem Pflaster abgelegt.

Mit dem SOMA hat er im Sommer schon reichlich Höhen- und Streckenkilometer bei der Torino-Nice-Rally gesammelt. Sehr lesenswert: Ralphs Torino-Nice-Bericht

Das Brötchen noch im Mund, starten wir gen Lenzen an der Elbe. Flott geht es weiter mit Schiebewind. Selten zeigt der Tacho weniger als 30 km/h. Das motiviert. Wenn nicht die schnellen, jungen Wilden wären, die an uns im Team und alleine vorbeirauschen. GeraldIch erkenne Gerald,  eine halbe Stunde später als wir gestartet und auf seinem Bottecchia Chrono pfeilschnell unterwegs.  Sagenhafte 37,5 km/h netto wird er im Ziel verbuchen können.

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Wolfgang schießt ein Foto mit mir und diesem herrlichen Longhorn-Rind und seinem Kälbchen. In der Nähe von Lenzen steht eine ganze Herde auf einer riesigen Weide. Herzerwärmend und beeindruckend.

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Wittenberge von der bescheidenen Seite

Wolfgang und Peter verfluchen bei zwei, drei Gravel-Abschnitten meine Streckenführung. Kurz, aber nicht gleichbedeutend mit schnell. Und die beiden wollen SCHNELL nach Berlin kommen. Ich füge mich und mache keine weiteren Experimente. Stattdessen fabuliere ich von einer wunderbaren Pause mit Kuchen und  Kaffee. Es kommt aber in der brandenburgischen Diaspora weder eine Bäckerei noch gar ein Café vorbei. Erst in Rhinow, mit Blick auf die Hügel vom alten Lilienthal, entdecken wir einen „NP-Discount-Markt“ . Wir biegen auf den Parkplatz ein und treffen auf eine Gruppe Berliner Triathleten, die sich auch hier mit Getränken eindecken. Ich kaufe ein Paket Butterwaffeln und eine Flasche Apfelsaft. Das sollte reichen für die letzten 75 Kilometer. Peter treibt uns zum Aufsteigen, als die Triathletentruppe sich zum Aufbruch bereit macht. Eine Minute später befinden wir uns in munterer Fahrt. 30 km/h plus x. Das geht so eine ganze Weile, lecker gewürzt mit anregenden Gesprächen. Wenn die nicht auch ab und an unsere Führungsarbeit erwartet hätten … 25 Kilometer halten wir munter mit, dann schere ich aus und entscheide mich für eine weniger schweißtreibende Gangart. Peter wäre gern noch im D-Zug weitergefahren. Ich habe aber den Verdacht, dass auch er letztlich ganz dankbar für die Temporeduzierung ist.

N9EV7Mtm2joH6I5aREYPk8s5dLDEej4D7zoy5BRxPlY-96x128 In Wustermark bremst uns dann unser alter Randonneursfreund Peter aus Spandau, der uns ein wenig entgegengekommen ist. Foto, und weiter geht die Reise. Er bleibt im Bereich des Outlet-Centers ohne für uns erkennbaren Grund zurück. Ein Kollege, der mit einem wunderhübschen türkisfarbenen DF-Velomobil wie wir auf dem B5-Radweg fährt – offensichtlich mittlerweile total leergefahren und platt, ist in eine scharfen 180-Grad-Kehre umgekippt und benötigt Hilfe. Peter hilft und lotst den Velomobilisten aus Schweden sicher bis zum Ziel.

Gegen 18.35 Uhr rollen wir auf dem Hof des Wassersportheims in Alt-Gatow ein. 10:55 Stunden brutto. Schön, dass auch nach uns noch eine ganze Reihe Teilnehmer einrollen. Ganz hintendran waren wir also nicht. Auch die Triathleten kommen nach uns ins Ziel. Ein Defekt in der Nähe des alten Olympischen Dorfs hatte sie Zeit gekostet.P1090240

Die Velomobil-Armada, die so eindrucksvoll und schnell unterwegs war, ruht schon eine Weile im Ziel aus.

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Ernestine von den Cycology-Triathleten freut sich über ihre Finisher-Medaille.

Wir freuen uns auch und erholen uns bei Bratwurst, Bier, Linsensuppe und bei Gesprächen mit alten und neuen HH-B-Fahrern.

Es war eine Lust, an diesem Samstag 275 Kilometer durch die milde Luft zu rollen. Gemeinsam mit mehr oder  weniger ehrgeizigen, mit mehr oder weniger schnellen  Sportlern.

Viele zufriedene Gesichter, lachen, abklatschen, umarmen. Freude an der eigenen Leistung. Das macht es aus. So soll es sein!

 

P.S:  Ganz herzlichen Dank an das Team vom Audax-Club Schleswig-Holstein. Ihr seid so nah am Teilnehmer, so schnell, so verbindlich, so freundlich und kompetent. Alle Achtung!

 

 

Ein Besuch bei Emma Emmelie

Es ist Samstag, die Einkäufe sind getätigt, der Hund hat seinen Spaziergang gemacht, meine bessere Hälfte freut sich auf die Fußballübertragung. Die richtige Zeit, auf das Granfondo zu steigen und noch eine schöne Runde zu drehen.

Die Routine führt mich nach Norden über Wandlitz nach Zerpenschleuse. Hier biege ich ab auf den Radweg nach Liebenwalde, der am Langen Trödel entlangführt, dem ältesten noch schiffbaren Kanal in Deutschland. Zwischen 1605 und 1609 wurde der Kanal samt fünf Schleusen von Liebenwalde  bis Schöpfurth gebaut. Ohne Bagger, ohne Großmaschinen. Einfach mit der Kraft vieler Hände und Spaten. Durch den Wiederaufbau der Ziehbrücken in Liebenwalde und die Öffnung der Durchfahrt in Zerpenschleuse wurde dieses Teilstück aus seinem fast hundertjährigen Sackgassendasein befreit und für die Wassertouristen wieder durchgängig schiffbar gemacht.

Orientalische Musik schallt zwischen den alten Häusern am Trödel hindurch und lockt mich in eine Seitengasse: Die Zerpenschleuser feiern Erntedankfest – auf erstaunliche Weise. Auf der einen Seite eine Theke, betrieben von der Feuerwehr, dann Bänke und Tische, dahinter eine kleine Bühne, auf der drei morgenländisch gekleidete Damen Hüfte und Bauch rhythmisch zur Musik bewegen. Bauchtanz in Zerpenschleuse! Da sage einer, im ländlichen Brandenburg gäbe es keine Integration. Wohlgefällig hören und schauen die Feuerwehrmänner, junge und alte Zerpenschleuser, dem Treiben auf der Bühne zu.fullsizeoutput_36fe

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Ein paar hundert Meter weiter, auch am Ufer des Langen Trödel, betreibt Ines Schweighöfer ihr Antiquitäten-Café „Emma Emmelie“. Schon zig Male bin ich hier vorbeigerollt, immer war geschlossen. Das liegt einfach an der Tatsache, dass ich sehr selten freitags, samstags oder sonntags zwischen 11 und 18 Uhr gerade hier gewesen bin. Denn das sind die Öffnungszeiten. Heute ist Samstag, 16.30 Uhr. Treffer!

Ines und Michael Schweighöfer geben mir heute persönlich die Ehre. Ich lasse mir einen ebenso vorzüglichen wie wohlschmeckenden Milchkaffee bereiten und genieße draußen am massiven Holztisch die theaterreife Gesamtinszenierung: silberne Kerzenleuchter, blütenweiße Tischdecke, Blumen über Blumen. Und vor dem langgestreckten Wohnhaus wachsen bis in Dachrinnenhöhe prächtige Hortensien.IMG_1949

Direkt am Kanal sind sehr dekorativ antike Damenschlüpfer an die Wäscheleine gehängt.IMG_1940

Im Holzhaus quellen die Regale und Tische über von Wäsche, Porzellan, alten Büchern… fullsizeoutput_3700

Emma Emmelie ist sicher kein Geheimtipp mehr, allerdings sicher eine Reise wert. Mit dem Rad und auch mit dem Auto erreichbar – 30 Kilometer nördlich vom Berliner Stadtrand entfernt.

Die Luft ist mild und duftet würzig nach Holz und Wiese. Weiter kurbele ich hin nach Liebenwalde und dann wieder Richtung Oranienburg auf dem Radweg Berlin–Kopenhagen.

An der Schleuse in Lehnitz verlasse ich den herrlichen Weg und den Kanal, in dem sich Wolken und Wald so unwirklich spiegeln.IMG_1964

Naturgenuss vom Besten!

Hier der Track auf Gpsies: Emma Emmelie besuchen

 

Colnago?

Ein stahlblauer Himmel lacht über Berlin am 5. September. Also trage ich mein Schönwetter-Rad aus dem Keller ans Tageslicht: das Colnago-Mexico , das in diesem Jahr seinen 37. Geburtstag feiert. „Only steel is real“ – Tatsächlich verfügt das Stahlgerät aus 1980 noch über die Original-Campa-Record-Titan-Gruppe. Nur das Innenlager habe ich vor einem Jahr erneuert. Sattel, Steuersatz, Lenker und Vorbau sind nicht mehr die ursprünglichen. Aber: Kettenblätter, Ritzelpaket und Naben, das alles funktioniert noch wunderbar. Und schließlich sind das Verschleißteile. Wenn ich in „Roadbike“ über die Lebensdauer in sogenannten Dauertests über 4000 km von teuren Ritzelpaketen und Kettenblättern lese, die am Ende des Tests am Ende sind, kann mein altes Colnago nur souverän in sich hineinschmunzeln – nach mehr als 80 000 Kilometern.

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Lässig lehnt das Mexico aus 1980 an der Ziegelei-Lok aus den 50er Jahren. IMG_1824IMG_1825

Diese Preziosen sind zu sehen im Ziegeleipark Mildenberg, in dem mittlerweile viel Interessantes für Jung und Alt geboten wird. Ein leicht angerosteter Container ist umfunktioniert zur Imbissbude. Ich bestelle einen Pott Kaffee mit Schoko-Muffin für 2,70 €. Martin aus Velten, der auch mit dem Rad an seinem freien Tag hierhergekurbelt ist, zieht die Kaffee-Currywurst-Kombi  vor.

Was ist denn das für ein Rad, Colnago?, fragt er mich. Einigermaßen perplex muss ich erst einmal realisieren, dass ein Tourenradler nichts mit der Marke Colnago anzufangen weiß. Ich erkläre ihm, dass Ernesto Colnago für Rennräder so in etwa die Bedeutung hat wie Enzo Ferrari für Sportwagen. Zu alledem waren die beiden auch noch eng befreundet. Enzo hat Ernesto beim Laminieren seines ersten Carbonrahmens tatkräftig unterstützt. Brav hört sich Martin meine Ausführungen an. „Da hab´ich doch wieder was dazugelernt“, meint er, als wir wieder aufbrechen und ich ihm noch einige Tipps zur Ersatzteilbeschaffung für sein betagtes, aber sehr gepflegtes Rennrad aus dem Hause Neckermann gegeben habe.

Den traumhaften Radweg Berlin-Kopenhagen, dem ich bis zum Ziegeleipark gefolgt bin, verlasse ich nun in Richtung Templin. Weil ich nicht den Südbogen über Burgwall nehmen will, folge ich einem Wegweiser, der mich schnurstracks in den tiefen Wald führt. Und in tiefsandige Wege. Zwei Kilometer schieben sind die Belohnung für diese Entscheidung. Abkürzung: zwei Kilometer, Zeitverlust: 20 Minuten. Aber schön ist dieser Laubwald mit Erlen und Buchen und Eichen. IMG_1831

In Templin-Postheim, am Lübbesee, finde ich mich an einem Südstrand wieder. Ernesto lehnt lässig an einer Strandbar, die leider außer Betrieb ist.

Von hier aus führt der Radweg in Richtung Angermünde wunderbar durch die Wälder bis Ahlimbsmühle. Dieses Stück gehört zu den schönsten Routen, die ich in Brandenburg und Meck-Pomm. kenne. Ich folge dem Uckermärkischen Radrundweg  bis Friedrichswalde. Von hier führt der gut beschilderte und glatt asphaltierte Weg noch weiter bis Angermünde. Dieser Ritt noch weiter nach Osten wäre für heute zu weit für mich. Auch so werden über 170 Kilometer am Abend auf der Uhr stehen.

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Ernesto auf Kurs Ost

In Friedrichswalde biege ich ab in Richtung Joachimsthal. An der Dorfstraße entdecke ich die Landbäckerei Hakenbeck, die ich noch in guter Erinnerung habe, als ich im Frühjahr auf der Flucht vor einem heftigen Gewitterschauer Schutz suchte. Heute scheint die Nachmittagssonne mild, und die freundliche Bäckersfrau bringt mir Kaffee, Pfannkuchen und Apfelkuchen nach draußen.IMG_1842

Ein Geheimtipp, diese Bäckerei, in der noch selbst gebacken wird. Köstlich!

Knapp 60 Kilometer liegen noch vor mir. Joachimsthal, Werbellinsee, Zerpenschleuse, Wandlitz.

Am „Werbellin“, wie Fontane den See nannte, genieße ich den Blick über das blaugrüne Wasser. Würzige Luft, herrliches Abendlicht.

Südlich von Zerpenschleuse  liebäugele ich mit dem Einstieg in die Heidekrautbahn, die am Lottschesee hält. 18.27 Uhr wäre Abfahrt, noch 15 Minuten also. Nee, dann kann ich doch weiterfahren nach Klosterfelde. Auch hier bin ich noch vor der Bahn. Ich bin motiviert, richtig reinzutreten, um mir zu beweisen, dass ich genauso früh in Schönwalde sein kann wie die Niederbarnimer Eisenbahn. Es gelingt genau: Ich treffe die Bahn am Übergang und dem Bahnhof Schönwalde. Geht doch!

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20 Minuten später bin ich zu Hause. Duschen, essen. Einen leckeren Wein trinken. Eindrücke verarbeiten.

Knapp 180 Kilometer waren es. Mehr, als ich wollte am Morgen.

Strava-Track: 

 

 

 

 

Elbe – Moldau – Donau, Finale

Krummau hat uns trotz der Touristenströme in seinen Bann gezogen. Solch ein mittelalterliches und in großen Teilen barockes Ensemble habe ich so durchgängig noch nirgendwo gesehen. Eine Märchenwelt! Im „Leonardo“ durften unsere treuen Lastesel sogar direkt vor der Rezeption parken. Auf historischen Dielen, angelehnt an historischen Bänken. Wir bedanken uns für die äußerst zuvorkommende Behandlung und stehen frisch wie der junge Morgen um 8.30 Uhr an der Moldaubrücke und biegen nach Süden ab. Kurs Linz. Die Moldau ist spätestens ab hier ein Wassersportrevier erster Güte. Schlauchboote und Kajaks fahren in Reihe auf dem Wasser und werden in steter Folge auf Anhängern und LKW auf den Straßen moldau-aufwärts transportiert. Schließlich wollen die Flussfahrer flussabwärts gleiten. Und dazu muss die ganze Armada immer wieder in Richtung Quelle zu den Startorten gebracht werden. Bedřich Smetana https://geboren.am/person/bedrich-smetana hätte aktuell seine Tondichtung „Die Moldau“ um einen Schlauchbootwalzer ergänzen müssen. P1080936

Das Tal der Vltava wird enger, das Grün ist satt, Burgen tauchen nach jeder dritten Biegung auf. Eine wahre Burgen-Bauwut muss hier einst die Baumeister und Steinmetze in Arbeit gebracht haben.

An einem Sammelpunkt, wo die Wasserwanderer campen und auf die nächste Teilstrecke starten, machen wir einen Stopp und schauen dem bunten Treiben zu. Familien, Einzelkanuten, Alt und Jung. Die Menschen stürzen sich in den blauen Fluss. Wir machen ordentlich Strecke in dem flach ansteigenden Geläuf. Die Morgenluft ist würzig und tut unseren Lungen gut. Die werden spätestens ab Vyšší Brod, dem südlichsten Punkt Tschechiens, wieder feste Sauerstoff ins Blut bringen müssen. Hier knickt der Kurs nach Süden ab, weg von der schönen Moldau, hinein in die Berge Südböhmens.P1080959

Die Straße nach Leonfelden steigt sanft an. Wir finden unseren Rhythmus und erfreuen uns an den fetten Farben  der Wiesen und dem Cumulushimmel. Auf jeden Kilometer kommen hier zwei Verkaufsstände für frische Pfifferlinge, Gartenzwerge, Zigaretten und, wie wir vernehmen konnten, sogar für die Partydroge Chrystal Meth!  Die Waren, natürlich nicht die Pfifferlinge, kommen mittlerweile aus Vietnam und China. P1080961

Die ehemalige Grenzkontrolle in Weigetschlag steht seit Schengen 2007 ungenutzt, aber gepflegt da. Ein paar Kilometer noch bergauf, über die 850 Meter Höhe, dann sanft nach Bad Leonfelden einschwingen und den erstbesten Bäcker heimsuchen. Der Milchkaffee ist riesig, der Kuchen schmeckt köstlich, aber det Janze kostet hier doppelt so viel wie in Tschechien. Gestärkt steigen wir auf und kurbeln hinauf nach Glasau. Hier beginnt eine rauschende Abfahrt über mehr als 10 Kilometer nach Linz hinunter. 50 bis 65 km/h stehen permanent auf dem Tacho. Konzentration ist gefragt. Im Tal sind wir froh, wieder normal in die Pedale treten zu dürfen. P1080966

Linz empfängt uns mit seiner ganzen Pracht. Allein, wir sind viel zu früh hier, um uns schon ein Hotel zu suchen, also beschließen wir, die heutige Etappe auf ca. 150 Kilometer zu verlängern. An der Donau entlang sollte das purer Genuss sein!

In der Altstadt finden wir vor der Konditorei Leo Jindrak, dem Haus der original Linzer Torte, noch ein Plätzchen im Schatten und gönnen uns ein gleichsam köstliches wie riesiges Joghurt-Eis. Die können nicht nur Linzer Torten ( davon werden bei Jindrak jährlich 100 000 hergestellt und an Kunden in aller Welt versandt). Nach einem illustren Stündchen Pause und Plausch mit der heimischen Bevölkerung gehen wir um 14.30 Uhr wieder auf Kurs. P1080969

Ein paar Kilometer weiter bremst uns diese geschraubte Edelstahlskulptur. Beeindruckend allemal, nur einen Hinweis auf den Urheber finden wir nicht. Gut, dann lassen wir die Kunst einfach und unverfälscht auf uns wirken. P1080971

Vor dem Schopper-und-Fischer-Museum zupft ein Rennradlerkollege am Lavendel herum.P1080972

Schoppen ist, wie wir erfahren, die Kunst des Abdichtens der Holzfugen zwischen den mächtigen Eschenbrettern des Schiffsrumpfes. Dieser hier konnte bis zu 10 Tonnen tragen. In Aschach betrieb der Schiffmeister Johann Georg Fischer ( 1782-1864) einen großen Schopperplatz und setzte damals schon damals schon für sein Sägewerk große Dampfmaschinen ein. Hightech zu jener Zeit.

In einer  kurzen Pause vor einer Radlerpension, total einsam an der Donau gelegen, mit keiner erkennbaren Anbindung an den Straßenverkehr, verspeisen wir ein paar Würstel mit Meerrettich.  ( Der Hunger treibt es rein, hätte meine Mutter gesagt.)  P1080975

Links Radweg, rechts die Bahn, dazwischen die träge dahinfließende Donau, eingerahmt von Waldhängen. Oben thront der Burgherr.

Beim Würstelessen bekommen wir die Info, dass nur vier Kilometer weiter mindestens drei Gasthöfe mit Pension auf uns „warten“. Also nichts wie hin!

Wir klopfen nicht beim Heiligen Nikolaus, dafür aber bei der Pension Reisinger an und bitten um ein Nachtquartier. Peter verschwindet im Gastraum und kommt erst nach gefühlten 10 Minuten wieder freudestrahlend heraus. Die Seniorwirtin hatte ihm im obersten Stockwerk eine ganze Ferienwohnung mit zwei Schlafzimmern und Wohnküche angeboten. Für 30 € pro Person, inklusive Frühstück!

Darauf genehmigen wir uns ein deftiges Abendessen mit Kartoffelpuffern, Salat und leckerem Gösser-Bier. Zum Ausklang lassen wir uns noch einen Krug mit lauwarmem Sauvignon Blanc füllen und tragen die köstliche Fracht hinauf in unser Wohngemach.

Hinterm Fenster lüftet die Rapha-Weste aus, die Hosen hängen dekorativ am Türrahmen, die Wohnküche wirkt in zartem Rot für sich. Im Waschbecken kühlt sich der Sauvignon im Wasserbad.

Diese Nacht schlafe ich ( mückenlos) wie ein Stein. Peter erschlägt derweil wie das tapfere Schneiderlein mindestens sieben Blutsauger, die ihn nicht in den Schlaf kommen lassen.

Am nächsten Morgen starten wir nach einem Frühstück alter Art – Wurst, Käse, Marmelade, Filterkaffee – auf die Etappe nach Straubing.P1080984

So gut die Beschilderung des Donauradweges bisher gewesen ist, so bescheiden sieht sie auf den nächsten 30 Kilometern aus. Der Weg führt streckenweise über die Bundesstraße ohne Seitenstreifen. Der Landkreis hat hier wohl ein paar Jahre verschlafen.P1080988

Ja, geht es noch? Beim Versuch, zwischen den Stangen hindurchzutauchen, wären wir fast steckengeblieben. Hohoho! Ein Hoch auf den Beschilderer.

Passau muss hinter der nächsten Biegung auftauchen, die Annäherung an die attraktive Altstadt führt allerdings über ein paar Hindernisse.

Der gepriesene Donauradweg führt uns an einer stillgelegten Bahnstrecke über rumpeligen Schotter an die Stadt heran.fullsizeoutput_35ff

Musikantenkultur in Passau: Der Bärtige erfreut Peter mit seinen Liedern. Als Peter ihm das Brandenburglied vorsummt und der Musikant mehr schlecht als recht die richtige Melodie sucht, ergreife ich die Flucht.

Wir trösten uns mit dem Blick auf Maximilian I. , dem ersten König der Bayern, und den beeindruckenden Dom St. Stefan. Dann gönnen uns zum Einritt ins Bayernland eine zünftige Weißwurst und ein Weißbier. In Passau gibt es drei Flüsse zu überqueren, Inn, Ilz und Donau. Dann entlässt uns die Stadt wieder nach Westen an die freie Donau.P1090012

Der Donauradweg wird hier zum Bier-Radlweg. „Bring ma a Hoibe!“ Das merken wir uns und werden so an den nächsten Tagen nicht verdursten müssen. Nach kurzem Hotelsuchintermezzo in Bogen, wo keine Bleibe zu finden ist, starten wir durch nach Straubing und erreichen die Altstadt kurz vor einem dräuenden Gewitter. Im Hotel Seethaler werden wir vom Inhaber abgefangen ( gerne doch) und bekommen zwei nette Zimmer. Der Abend wird gemütlich: IMG_1726fullsizeoutput_35ceEssen bei Röhrl mit dem gleichnamigen Bier. Eine Riesenportion Semmelknödel mit Pfifferlingen, die in einer sämigen Sauce schwimmen. Köstlich. Dann später launige Gespräche in einer Bar, die nach Berliner Maßstäben schon bevor der eigentliche Abend beginnt, gegen 22.30 Uhr den Ausschank schließt. Da musste eben schneller trinken, meint Peter. Wir kommen auf diese Weise wieder zeitig in die Betten und sind fit für die kleinen 55 Schlusskilometer am letzten Tag nach Regensburg.P1090019

Auf dem Donaudeich staunen wir über einen schlaksigen Wanderer, der einen vollbepackten Kinderwagen vor sich her schiebt. Wir kommen ins Gespräch: Der Däne ist auf dem Weg von Kopenhagen über Deutschland, Tschechien, Österreich und jetzt Bayern nach Griechenland und dann noch mit einem Umweg um die Türkei herum noch ein Stückchen weiter. Gestartet war er mit Rucksack, dann irgendwo in Deutschland hat ihm eine Frau den Kinderwagen geschenkt. Da war er seine plagende Last auf dem Rücken los. Der Kinderwagen wurde voll und voller. Läuft prächtig, meint er. Nur die Räder sind etwas klein für rumpelige Wege. Bis zu 60 Kilometer hat er an den besten Tagen geschafft. Beachtlich. Gesund an Körper und Geist. Neugierig und unkonventionell. Mit diesem Menschen hätten wir gern länger geplauscht.

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Rechts oben über den Bäumen am Hang taucht die Walhalla auf. Wir wähnen uns im alten Griechenland. Wikipedia weiß über den Tempel Folgendes: In der Gedenkstätte Walhalla in Donaustauf im bayerischen Landkreis Regensburg werden – ursprünglich auf Veranlassung des bayerischen Königs Ludwig I. – seit 1842 bedeutende Persönlichkeiten „teutscher Zunge“ mit Marmorbüsten und Gedenktafeln geehrt. Benannt ist sie nach Walhall, der Halle der Gefallenen in der nordischen Mythologie. Der Architekt war Leo von Klenze.

Leo von Klenze errichtete im Auftrag von Ludwig I. in den Jahren 1830 bis 1842 den nationalen Gedenktempel nach dem Vorbild des Parthenon. In der Ruhmeshalle haben viele bedeutende Persönlichkeiten aus der germanischen Sprachfamilie einen Ehrenplatz erhalten. Selbst jene wie Heinrich Heine, der den Bau spöttisch als „marmorne Schädelstätte“ bezeichnete, finden sich heute in ihm wieder.

Wir sparen uns den Aufstieg zum Tempel und belassen es beim respektvollen Betrachten.P1090054

In Regensburg steuern wir zunächst den riesigen Dom an: Ich muss unwillkürlich an Walter Röhrl denken, der zu seiner Jugendzeit der rasanteste Chauffeur des Regensburger Bischofs gewesen ist.P1090063

Zu diesen Gedanken passt wunderbar das Bier vom und im Bischofshof. „Das Bier, das uns zu Freunden macht.“

Danach drehen wir eine Kulturrunde durch die Gassen der Altstadt und steuern am Ende die alte steinerne Brücke an. Sie wird gerade aufweisenndig renoviert. Und genau da, wo die Baustelle mit einer Stahlkonstruktion umschifft wird, haben wir eine illustre Begegnung. „Magic Moments“: Unser Randonneursfreund Henning, der im wirklichen Leben Profifotograf ist, steht mit seinem Team auf der Brücke und macht Aufnahmen für eine Kampagne des Landes Bayern. Ein irrer Zufall, ihn hier zu treffen. Nicht in Berlin, 500 Kilometer weiter südlich in Regensburg auf der Brücke! Großes Hallo, ein paar Worte, dann wendet sich der Gestresste wieder seiner Arbeit zu. Wir schieben unsere Räder derweil auf die andere Donauseite und kehren ein im Biergarten Zur alten Linde. Schön, anderen bei der Arbeit zuzuschauen. P1090045

Da unten auf der Insel turnt er herum und dirigiert die großen Schirme, die wohl das helle Sonnenlicht abhalten sollen. Wir fotografieren einfach dann, wenn das Licht schon milder ist …

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So ungefähr sieht das dann aus.

Im Hotel VIII direkt an der Donau bekommen wir ein veritables, etwas kurioses Apartment im 4. Stock.P1090036

Wir wähnen uns im Orient. Fehlt nur noch die Wasserpfeife.

Unsere Räder dürfen auch hier ins Haus. Und das wird um 19 Uhr abgeschlossen. Mit gutem Gewissen können wir noch einen ausgedehnten Stadtbummel machen.IMG_1731

Bei Dampfnudel-Uli kehren wir mangels Hunger nicht ein.

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An der Donau, mitten am attraktivsten Teil des Donauufers, sind die Hausbesetzer aktiv. ANTIFA steht ganz oben zu lesen. Und ich hatte gedacht, det gäb et nur in Berlin. Offensichtlich ist dieselbe Problematik wie in den meisten großen Städten auch hier angekommen.

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Nur noch Barbarossa ist illuminiert. Wir kommen durch den Nebeneingang mittels Transponderkarte ins Hotel, stiefeln die drei Treppen hoch und wissen kaum, wie wir in die Betten gekommen sind. Wir sind am Ziel unserer Etappentour. 1000 erlebnisreiche Kilometer liegen hinter uns. Wir sind zufrieden.

Morgen mittag bringt uns die Bahn wieder zurück nach Berlin.

P.S: Ein Bericht zur Streckenführung mit den Tracks und zur eingesetzten Ausrüstung ist in Arbeit.