Elbe – Moldau – Donau, Teil 1

Diesen Beitrag habe ich im August 2017 geschrieben. Just heute, beim Bereinigen meines Blogs, kam mir die Idee, die besten Stories der vergangenen fünf Jahre mal in lockerer Folge nach oben zu schieben. Eine schöne Zeit auf diese Weise Revue passieren lassen.

Hier der erste Teil über die 1000 km Tour an Elbe, Moldau und Donau. Im Gedenken an Peter, der 2021 von uns gegangen ist.

2. August: Die Teilnehmer des  Transcontinental Race sind seit dem 28. Juli unterwegs, Björn Lenhard fährt unglaublich gut und führt vor James Hayden. Mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von über 27 km/h. Und das schon 100 Stunden lang – mehr als 2500 Kilometer, zwei Alpendurchquerungen, die Hohe Tatra … Fahren, fahren, kurbeln, kurbeln. Schier unfassbar, was die Frauen und Männer leisten. Dagegen mutet unser Vorhaben, 1000 Kilometer zu radeln, an wie eine gemütliche Kaffeefahrt. Und genau so haben wir das auch geplant. Jeden Tag um die 150 Kilometer fahren, viel Natur, Kultur und Menschen erleben. Endlich mal nicht so wie auf einem langen Brevet unterwegs sein.

Genussvoll soll es sein!

Am 2. August treffen wir uns um 8.30 Uhr an der Fähre in Caputh zum Start auf die erste Etappe nach Mühlberg an der Elbe. 20170802_084643_resized

Peter hat seinen ALAN-Crosser und ich mein neues Granfondo Titan gesattelt. Die neuen Gravel-Packs von Ortlieb nehmen alles Notwendige auf: Ersatztrikot, Hose, Socken, Regenklamotten, Freizeitsachen, leichte Schuhe, Waschzeug. Punkt. 7,5 kg Gepäck reichen für eine komfortable Ausstattung. Schließlich werden wir auch einige Höhenmeter abarbeiten müssen.

Schon in Wildenbruch treffen wir mit Matthias zusammen, der unbedingt mit uns ein paar Kilometer gemeinsam rollen will. Eigentlich hat er keine Zeit, sein Troytec-Lieger ist in der Inspektion, und er hat sein altes Kuwahara-MTB dabei.

Bis Jüterbog fahren wir zu dritt. Und um den Genusscharakter der Etappentour zu etablieren, genehmigen wir uns bei Kilometer 60 Kaffee und Kuchen. Tschüss Matthias, schade, dass du nicht die gesamte Tour dabei sein kannst.

Das Wetter ist wie zum Radfahren gemacht: leichter Schiebewind, 22 Grad, wunderbar leichtes Rollen durch die Wiesen und Felder des Fläming hin zur Elbe. fullsizeoutput_35de

In dem kleinen Örtchen Oehna kann man Liegeräder aller Arten bei Sausetritt kaufen und auch ausleihen. P1080699In Annaburg kommt dann die nächste Überraschung: Raketen, Panzer, Kriegsgerät – alles käuflich zu erwerben bei SFOR. Mich schüttelt es. Ein kleiner Schützenpanzer für den Vorgarten vielleicht? „S.F.O.R. will dabei helfen, Träume zu verwirklichen.“, schreibt der Anbieter auf seiner Homepage. Alpträume bekomme ich, wenn ich das lese!

fullsizeoutput_35df

Kurz vor Erreichen der Elbbrücke hinüber nach Torgau stehen diese drei Flaggen, die an die Begegnung der amerikanischen und der russischen Armee am 25. April 1945 erinnern. Die Kapitulation wurde eingeläutet. Ein Wunder, dass der historische Kern von Torgau das Kriegsgeschehen fast unbehelligt überstanden hat.

P1080705
fullsizeoutput_35e0

Das Thermometer zeigt 35 Grad an, wir freuen uns auf ein kühles Getränk in historischem Umfeld.P1080713

Das Schloss Hartenfels begrüßt uns, bevor wir in die Altstadt hinaufradeln.

Wir posieren auf der Schlossbrücke, der Bär im Burggraben liegt faul auf dem Bauch. Seit 1425 werden im Burggraben Bären gehalten. Dieser hier ist offensichtlich jüngeren Datums. Im Innenhof bewundern wir die Wendeltreppe aus dem 16. Jahrhundert und die Schlosskapelle, der erste Neubau einer protestantischen Kirche, die schon im Jahre 1544 Martin Luther entzückte. IMG_1676

Ganz im Sinne von Johann Friedrich dem Grossmütigen gönnen wir uns 20 Kilometer vor dem Tagesziel ein kühles Krostitzer. „Wahre Helden stehen mitten im Leben.“

Wir belassen es bei einem Bier und rollen hinunter an die Elbe und radeln auf der Westseite des Flusses weiter nach Mühlberg.IMG_1680

Im Gasthof Zum Kronprinz haben wir zwei Zimmer reserviert, machen uns frisch und genießen das Tagesgericht, Matjes mit Salzkartoffeln. Kurz nach Einbruch der Dunkelheit haben sich alle Mühlberger in ihre Häuser zurückgezogen. Keine Kneipe weit und breit, kein Mensch in den Gassen. Still steht der Mond und scheinet. Wer Ruhe sucht, der findet sie in Mühlberg. 158 Kilometer stehen für heute zu Buche. Morgen geht es weiter über Meißen, Dresden und Pirna hinein nach Tschechien.

fullsizeoutput_35e2

Der Tag begrüßt uns mit Nieselregen, unserer guten Laune tut das keinen Abbruch, schließlich wollen die Regenjacken auch mal ausgepackt werden. Hinter der nächsten Flussbiegung  thront  die Albrechtsburg  stolz über der Elbe und zieht uns fast hinüber zu einer Altstadtrunde in Meißen. Nein! Wir fahren weiter, befiehlt Peter. Det kenn´wer doch alles schon …, und wir wollen doch ein paar Kilometer machen. Recht hat er, also fahren wir weiter im leichten Regen.fullsizeoutput_35e3

Direkt am Elberadweg bei Brockwitz sind Zelte und Tische aufgebaut, wir rumpeln über die Wiese. Da scheint et wat umsonst zu jeben, meint Peter und steuert direkt auf die Stände zu. Erstaunen: Hier in Brockwitz hat die Ernte der Aronia-Beere begonnen und wird festlich in Szene gesetzt. Majestäten, Fotografen und eine Blütenkönigin sind zugegen.

Arno, der dpa-Fotograf, ist ein Freund von Björn Lenhard, den wir seit Tagen über das Trackleader-Portal beim Transcontinental Race verfolgen. Soeben hat ihn James Hayden an der Spitze abgelöst. Mit Ansage. „Bei der dritten Kontrolle hab ich ihn“, hatte er schon am Start Arno geflüstert. So kam es dann auch. James und Björn sollten  auch schließlich nach mehr als 4000 Kilometern am griechischen Klosterberg Meteora als Erster und Zweiter finishen.

Wir wenden uns derweil wieder der Aronia-Beere und der sächsischen Blütenkönigin zu.20170803_110346_resized

Mit der Kraft der Aronia-Beere machen wir uns auf den Weg nach Dresden. Der Regen lässt nach, die Kilometer laufen durch. Nach Dresden wählen wir die Route über Cossebaude und Niedergöhlis. Übel! Kein vernünftiger Radweg, Riesenbaustelle, LKW an LKW. Wir sind froh, als wir vor der Frauenkirche stehen und die Autoabgase nicht mehr direkt vor und in der Nase haben.fullsizeoutput_35e7

Mein Granfondo lehnt sich kurz an Martin an. Die Pfadfinder tun das auch. Zehn Minuten später rollen wir wieder an die Elbe und sind froh, aus der Stadt hinauszukommen in die Natur. Heute kann uns die innerstädtische Kultur absolut nicht reizen.

fullsizeoutput_35e6
fullsizeoutput_35e8
P1080786

Das Blaue Wunder zieht vorbei, dann Lene Voigt mit ihrem „Gaffeedopp„, und schließlich die letzten kleinen Ortschaften vor der Grenze nach Tschechien. Der Radweg wechselt auf die andere Elbseite, und wir lernen bei Königstein unter der riesigen Festung einen Fährmann kennen, der vor guter Laune und Humor geradezu birst.fullsizeoutput_35eb

Ein paar Kilometer weiter, bei Schmilka, queren wir die Grenze. fullsizeoutput_35ec

Kalter Beton, immer noch wachsame Polizisten, ein Reisebus. Die nächsten Kilometer verlaufen durch Wald, an der gegenüberliegenden Elbseite rattert die Bahn gen Süden. Trostlose Kilometer. Bis das Elbtal sich wieder auftut, breiter wird und hell. Děčín , das ehemalige sudetische Tetschen-Bodenbach mit seinem riesigen Marktplatz kommt in Sicht. Hier wollen wir übernachten. 140 Kilometer sollen genug sein für heute. Eine erste Adresse für Radfahrer ist das Hotel Ceska Koruna, direkt am Marktplatz.

In Decin stiefeln wir hinauf zum Zamek – dem Schloss. Belohnt werden wir mit einem herrlichen Blick auf die Gegend, eine riesige Linde im Schlossinnenhof und dann auf dem oberen Platz mit guter Gastlichkeit und vielen überaus freundlichen Menschen.

So darf es weitergehen in Tschechien. Am nächsten Morgen sind wir schon vor acht auf den Rädern. Usti nad Labem ist die erste Stadt auf dem Wege hin nach Prag, unserem heutigen Etappenziel. Aussig heißt der Ort in Sudetendeutsch. Viel Industrie, alte Bauten, viel Betriebsamkeit, ein Elbhafen. P1080800

Die Elbe wird überspannt von der neuen Marienbrücke, einer der beeindruckendsten Brücken, die ich je gesehen habe. Ganz nahe von hier wurden am 31. Juni 1945 , lange nach dem Kriegsende, hunderte von Deutschen erschlagen, erschossen oder einfach in die Elbe geworfen. Die neuen tschechischen Siedler begingen in blindem Zorn ein wildes Massaker. Am Ende des Krieges waren fast alle der ursprünglich über 40000 Deutschen aus Aussig vertrieben – mitgefangen, mitgehangen. Heute erinnert eine Gedenkplakette an die schrecklichen Tage.

Wie schön, dass wir heute wieder die Landschaft, die Menschen und die Gastfreundschaft genießen können. Möge Europa so nah wie hier fühlbar beieinander bleiben!

An der Staustufe gegenüber der Burg Schreckenstein geht es schrecklich die Treppen rauf. Ein Radweg, wie gemacht für Lastesel. Peter flucht und schiebt. Ein paar Meter weiter ankert eine kleine Reisegruppe aus Dresden mit ihrem Boot. Die Jugendlichen genießen ihren Abenteuerurlaub.

Am Radweg entdecken wir wahre Preziosen: einen Mercedes 380 SL, der wahrscheinlich einmal in den USA seine besseren Zeiten erlebt hat, und eine schier unendlich sich reihende Garagenkette. Was mag da wohl drin sein?

Bei Melnik fließen Elbe und Moldau zusammen, ab hier werden wir der Moldau, der Vltava, nach Prag folgen. Ein Langstreckenradler aus Wales, der aus  Nürnberg kam und über Prag auf dem Wege bis hin zur Ostsee ist, warnt uns vor den Eigenarten des Radweges. Mal Autobahn für Radler, mal Schotter für Mountainbiker. Alles in unregelmäßiger Folge. Genauso kommt es dann auch. Auf den Kilometern bis Prag schwitzen, fluchen, wundern wir uns immer wieder.

Die Nektarinen, die wir am Morgen beim Frühstück eingepackt haben, verspeisen wir genüsslich gegenüber von Melnik. Hinter uns ein riesiges Heizkraftwerk, das sein warmes Kühlwasser hier in die Elbe einleitet.

Wir fahren auf der Sun-Route, dem Eurovelo 7, der vom Nordkap über 7305 km bis nach Malta führt. Das führt uns dann doch zu weit ( für diesen Urlaub zumindest).

Die Hochwassermarken künden von den Fluten der Elbe seit 1784. Den bisher höchsten Stand entdecken wir ganz oben unter dem aufgesetzten Dach: Das Jahr 2012 ist mit Abstand der Rekordhalter.

Weiter rollen wir an der Moldau nach Prag hinein. Im Hotel AIDA haben wir vorsorglich schon vor Tagen ein Zimmer gebucht. Das Hotel finden wir nach kurzer Suche, geleitet von unseren Garmins. Die Etrex 35 touch leisten ausgesprochen zuverlässige, komfortable Dienste.

Wir checken ein, die Dame an der Rezeption ist äußert entgegenkommend und erlaubt uns, die Räder in einem Nebenraum des Restaurants abzustellen. Einen Tipp für das Abendessen hat sie auch noch: In der Pension Hofmanu, die auf der Rückseite gar grauslich ausschaut, gibt es einen gemütlichen Biergarten. Wir genießen das Budweiser und böhmische Knödel.

Dann machen wir uns per Metro auf in die Altstadt. 10 Minuten braucht der superschnelle Zug. Top-sauber, sehr komfortabel. Hallo Berlin, bitte mal vorbeischauen. Hier ist zu erleben, wie U-Bahn-Fahren modern geht.

Wenzel begrüßt uns auf dem gleichnamigen Platz:P1080839.JPG

Jetzt lasse ich einfach noch ein paar Fotos sprechen vom Flair dieser wunderbaren Stadt:P1080847P1080863P1080865P1080872P1080875

Diese Stadt ist eine Reise wert.

Morgen geht es weiter nach Tabor, aber davon im zweiten Teil des Reiseberichts.

Eine alte Eiche, viel Landschaft und ein Energiedorf

Nach einer ruhigen und erholsamen Nacht genieße ich das Frühstück im Hotel am See. Auf dem Badesteg sitzen die Enten und wärmen sich in der Morgensonne. Als ich die Tür zum Hantel-und Fahrradschuppen öffne, lacht mir mein Granfondo schon erwartungsvoll entgegen. Besser kann Tag zwei meiner Tour nicht beginnen. Den Track habe ich von Löcknitz aus in Richtung Ueckermünde gelegt, einen kleinen Umweg muss ich aber unbedingt machen, denn ich habe schon am Abend beim Spaziergang ein Hinweisschild auf eine 1000-jährige Eiche entdeckt. Und nachdem ich in den vergangenen Jahren bereits die meisten alten Bäume der Region gesucht und auch gefunden habe, kommt mir dieser Zufallsfund gerade recht. Der Weg führt mich am See entlang nach Osten. Fünf Minuten später steht der Baumriese vor mir.

Der Stamm ragt hoch auf, bevor die Krone in die Breite geht. Nur ein einziger, mächtiger Ast streckt sich wie ein Teil eines riesigen Kandelabers zur Seite und dann nach oben. Ursprünglich hatte die Eiche offensichtlich eine ganze Reihe von dicken, früh zur Seite auskragenden Ästen. Die wurden aber bei einer oder mehreren Sanierungen wegoperiert, vielleicht aber vorher schon bei Sturm oder Gewitter herausgebrochen. Die Öffnungen im Stamm wurden mit Lochblechen verschlossen. Seltsam anzuschauen und nicht besonders gelungen oder gar schön zu nennen. Auf einer in einem Findling eingelassenen Infotafel lese ich die Geschichte des Baumes samt zugehörigem Gedicht.

Im Jahre 1127 soll Irmtrud, die den Burgvogt Conrad de Lokenitz besuchen wollte , vom Tempelpriester Sweno gefangen genommen worden sein. Gegen ein saftiges Lösegeld, das Conrad an Sweno zahlte, wurde sie freigelassen und pflanzte dann aus Dankbarkeit eine Eiche, so geht die Sage. Die Irmtrudeiche wäre nach meiner Rechnung heute 895 Jahre alt. Wenn da nicht ein paar Fakten im Wege stünden: Der Baum hat heute einen Umfang „in Brusthöhe“ von 6,80 m. Das Alter einer Eiche mit normaler Wuchsgeschwindigkeit wird geschätzt, indem man den Umfang mit 0,8 multipliziert. Ergibt ein ungefähres Alter dieses Baumes von um die 500 Jahre. Irmtrud wird also bestenfalls den Ahnbaum des heutigen gepflanzt haben, und wenn in der Sage ein wahrer Kern vorhanden ist, mag die 1000-jährige Eiche von Löcknitz vielleicht in der Zeit des 30-jährigen Krieges aus einer Frucht der ursprünglichen Irmtrudeiche gewachsen sein. So, wie ein 8-jähriger Sprössling von Irmtruds Eiche im Jahr 2000 umgepflanzt wurde und nun am Parkplatz des Seehotels wächst und gedeiht.

Nach soviel Eichengeschichte und -Geschichten mache ich mich endlich auf den Weg hin zum Stettiner Haff.

Den herrlichen Rindern auf der Weide bei Rothenklempenow sind meine Mutmaßungen zur Eiche vermutlich vollkommen egal. Jedenfalls strecken sie mir mehrheitlich ihr Hinterteil entgegen.

An der Grenze von Brandenburg zu Mecklenburg-Vorpommern, eigentlich hier zu Pommern, sind die Rinder gegenüber den Menschen, die ich zu Gesicht bekomme, in der Überzahl. Von Westen her schiebt sich eine Regenfront ganz langsam zu mir herüber. Die ersten Tropfen fallen, der optimistische Wetterbericht wird Lügen gestraft. Ich suche Schutz unter dem Vordach des Gemeindehauses von Glashütte. Auch hier ist keine Menschenseele zu erspähen. Nur auf der Straße gischtet ein LKW vorbei.

Ein Maulwurf hat hier ganze Arbeit geleistet und Hügel um Hügel aufgeworfen. Warum läuft das Tier nicht einfach auf der Wiese, sinniere ich… Und das Fachwerkhaus im nächsten Dorf steht am Ende, ist aber nicht am Ende, sondern in einem sehr ordentlichen Zustand. Der Regen lässt nach, meine Gedanken werden auf die vor der abziehenden Regenwand herrlich erleuchteten Bäume gelenkt.

Balsam für die Seele. Dann an einer langen Mauer an der Straße aufgesprüht die Parole: „Arbeitsplätze statt Asylanten“. Von wem fühlen sich die Menschen bei einem Ausländeranteil von 4% bedroht? Wie bemerkte doch schon der von mir so verehrte Alexander von Humboldt: „Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung derer, die die Welt nie angeschaut haben“.

In der Gegend von Eggesin fahre ich kilometerweit an Hinweisschildern „Militärischer Sicherheitsbereich“ vorbei. Alte Kasernen, neue Kasernen. Ein ältlicher Bundeswehrbulli kommt mir entgegen. Ich hoffe sehr, dass die Ausrüstung der Soldaten, die hier Dienst tuen, neueren Datums ist. Über Eggesin und den Nachbarort Torgelow lese ich seitenweise über deren Militärhistorie. Ganz wenig ist geblieben, nur um die 1000 Soldaten sind noch stationiert . Riesige Kasernenblocks stehen zum Verkauf und gammeln vor sich hin. Die Einwohnerzahlen von Eggesin und Torgelow haben sich seit der Wende nahezu halbiert. Angesichts dieser Entwicklung ist es schon erstaunlich, in welch gutem Zustand sich die Infrastruktur zeigt. Eine Eisengießerei, die vor kurzem dem Besitzer gewechselt hat, ist mit 300 Mitarbeitern der größte Arbeitgeber der Stadt.

Ich rolle weiter südwärts in Richtung Pasewalk. Schon von Weitem macht sich das riesige Getreidesilo am Horizont breit. 64 Betonröhren konnten 80000 t Getreide speichern. 1975 von einem VEB erbaut, gab die Anlage 200 Menschen Arbeit, heute werden zur Erhaltung noch ganze drei Personen benötigt. Fortschritt?

Neben dem ausgedienten Riesensilo steht noch die Großkantine des ehemaligen VEB-Betriebes, der 2021 Drehort für den launigen Film  „McLenBurger – 100 % Heimat” war. Als ich hier vorbeifuhr, wusste ich davon nichts, und die wunderbaren Burger, die von Steffi Kühnert und Martin Brambach gebraten wurden, sind leider nur Fiktion.

In Pasewalk walken nur wenige Menschen durch die Stadt, auf dem Marktplatz werden gerade Stände aufgebaut, eine Dönerbude hat geschlossen, die andere in einem Untergeschoss stößt mich mehr ab als sie mich anzieht. Also schiebe ich mir ersatzweise einen Eiweißriegel zwischen die Zähne und verlasse den Ort südwärts. Auf den Grundmöränenhügeln bei Pritzwalk stehen die neuen Wahrzeichen der Region, die Windkraftanlagen.

Nicht jedem gefällt die Verspargelung der Landschaft mit immer höher werdenden Propellertürmen. 240 Meter hoch sind die neuesten Anlagen, die hier Strom erzeugen. Dann entdecke ich im 100-Seelen-Örtchen Nechlin ein Stück Windkraftzukunft: Einen Windwärmespeicher, in dem überschüssige Energie aus Windkraftspitzen dazu genutzt wird, 1000 Kubikmeter Wasser zu erwärmen und damit per Wärmenetz die Häuser des Dorfes heizt. Überhaupt ist in diesem Dorf die Energiewende greifbar umgesetzt. Solaranlagen und Wärmespeicher stellen ganzjährig den Energiebedarf von Nechlin zu geringen Preisen ökologisch vorbildlich sicher.

Ein erstaunliches Beispiel für das, was schon heute machbar ist. Warum gibt es das nur in einem Örtchen in der Uckermark, das kaum jemand kennt? Machbar ist offensichtlich schon heute viel mehr als derzeit realisiert wird.

Nachdenklich rolle ich weiter, arbeite mich Hügel um Hügel weiter nach Boitzenburg und dann nach Templin. Für einen kalten Knacker in der Bahnhofskneipe reicht die Zeit gerade noch, dann fährt der Zug ab, der mich nach Oranienburg bringt. Dann noch mal 20 km per Rad bis unter die heimische Dusche. Dann gönne ich mir ein großes Glas Rotwein und lasse 170 Tageskilometer durch eine herrliche Herbstlandschaft Revue passieren.

Herbst in der Uckermark

Milde Lüfte, Herbstfarben, Zugvögel am Himmel… Die Steuererklärung ist fertig, der Heizungsbauer hat die Heizung gewartet, und das Dach vom Gartenhaus habe ich auch winterfest gemacht. Ein guter Zeitpunkt, wieder Nahrung für Körper und Seele zu tanken. Am besten bei einer langen Ausfahrt in die bunte Landschaft. Grobe Richtung Nordost bis hin zur Ostsee und dann eine gemütliche Übernachtung in der Uckermark. Gedacht, geplant, getan. In Löcknitz buche ich ein Zimmer im Hotel am See. Das Ziel des ersten Tages ist also klar. Den Track vom Radweg Berlin-Usedom nehme ich als grobe Orientierung für meine Fahrstrecke. Dann bessere ich auf der Basis meiner vergangenen Erkundungstouren noch auf Basecamp nach. Diese Art der Vorbereitung liebe ich, denn beim Planen kann ich im Kopf schon mal vorfahren. Bilder aus den gemachten Touren laufen vor meinem geistigen Auge vorbei und erzeugen erwartungsfrohe Gedanken.

Für nur eine Übernachtung und bei angekündigten Spätsommertemperaturen kann ich mein Reisegepäck auf ein Minimum schrumpfen. Zahnbürste, Linola-Creme, Deo – Pulli, dünne Funktionshose und leichte Turnschuhe samt einem Paar hineingestopfter Ersatzsocken. Dann für alle Fälle meine ultraleichte Gore Shakedry zum Überziehen. Das passt alles locker in eine einzige Ortlieb-Gravel-Tasche. Summa summarum wiegt meine Ausrüstung samt Radwerkzeug, Ersatzschlauch, Kamera etc. weniger als 3 kg. Drunter geht es kaum. Dazu kommen noch zwei 750ml Trinkflaschen. Macht zusammen mit meinem Granfondo Titan etwa 14 kg Gepäck plus Rad. Dann noch meine 78kg inclusive Kleidung. Nur knapp über 90 kg muss ich also über die Endmöränenwellen drücken.

Beim Start genau um 9 Uhr sind es noch frische 8 Grad. Dünne Langfingerhandschuhe und meine Rapha-Brevetjacke, dazu Beinlinge für die kälteempfindlichen Knie. Was so ein in die Jahre gekommener Randonneur mittlerweile alles braucht, um sich wohlzufühlen…

Das erste Foto mache in in Eichhorst. Selbstredend von der namensgebenden Eiche des kleinen Ortes.

Als 1709 die „Werbelliner Kanalkolonie“ auf Geheiß von Friedrich I. gegründet wurde, war der Baum schon über 300 Jahre alt und auch damals schon von imposanter Größe. Für den Verbindungskanal vom Werbellinsee zum Oder-Havel-Kanal musste das Gelände vier Meter hoch aufgeschüttet werden – die alte Eiche wurde genauso tief eingegraben. Auch diesen Angriff auf ihre Gesundheit hat sie überstanden. Heute, noch einmal über 300 Jahre später hat das beeindruckende Alter Spuren hinterlassen: Totholz, abgebrochene Äste, allerdings tragen daneben auch einige kräftige, vital wirkende Ausleger reichlich Eicheln und Herbstlaub. Möge es noch lange so bleiben. Der Werbellin liegt ruhig und friedlich da, die Strandgaststätten haben die Herbstruhe eingeläutet. Erst in Joachimsthal sehe ich die ersten Menschen auf der Straße. Das Gasthaus „Zur Krim“ gibt es seit 1883. Ob es hier wohl den berühmt-berüchtigten Krimsekt gibt? Ich kann es nicht testen, denn die Krim hat Betriebsruhe bis zum 8. November.

Jetzt, zur Mittagszeit ist mir auch mehr nach einem Milchkaffee und einem süßen Teilchen. Beim Bäcker Hakenbeck in Friedrichswalde wartet sicher schon ein leckerer Pfannkuchen auf mich. Der erste Duft, der mich erwartet, riecht allerdings nach Teer und nicht nach frischem Kaffee. Die Landstraße wird aufwändig mit einer dicken, neuen Decke versehen, bis hin zum Ortseingang. Die Bauarbeiter sind freundlich und lassen mich an den schweren Maschinen vorbei. „Vorsicht, der Teer ist noch heiß“, werde ich gewarnt.

Erst heißer Teer, dann heißer Kaffee bei Hakenbeck, dem besten Bäcker weit und breit. Gestärkt steige ich nach einer Pause in der wärmenden Sonne wieder auf und kurbele über die sanften Barnimwellen nach Norden. Auf den Äckern und Wiesen rasten Graugänse, drei Kraniche fühlen sich von mir gestört und starten zum kurzen Rundflug.

Kleine Eiszeitseen säumen meinen Kurs, hin zum ersten größeren Gewässer, dem Oberuckersee. Langsam wird es hügeliger, meine Beine werden zunehmend gefordert. Viele kleine Hügel wirken auch wie ein einziger großer. Die Uckermark wirkt menschenleer. Herrliche Ausblicke kann ich in mich hineinsaugen ohne jede Ablenkung. Vor ein paar Jahren kam ich hier vorbei bei einem 400 km Brevet. Der offizielle Track führte über einen rumpeligen Waldweg, den ich mir heute spare.

Bei Warnitz, einem kleinen Ort am Rande des Oberuckersees, bietet der Gasthof „Deutsche Eiche“ eine Karre Mist zur gefälligen Verkostung an. Wobei die kulinarische Übersetzung für Mistfladen, Pferdeäpfel und Hühnerkot tröstlicherweise Schnitzel, Bratkartoffeln und Spiegelei lautet. Ich habe aber noch keinen Hunger, und überdies hat das Haus noch nicht geöffnet.

In Brüssow weist ein Plakat an einem trostlos-grauen Gemäuer auf ein Kino hin. Ein Kulturhaus samt Kneipe, Galerie und 60 Quadratmeter großem Kino soll sich hier verbergen, lese ich auf der Ortsseite nach. Die Sonne wird durch eine Cirrusschicht milde abgedimmt. Das erzeugt eine Stimmung, geeignet für einen melancholischen Film aus der alten Zeit.

Löcknitz ist nicht mehr weit. Bald habe ich 150 Kilometer in den Beinen. Aussicht auf eine Dusche, dann vielleicht ein Bier auf der Terrasse… Vorfreude. Ein kleiner Festungsturm markiert den 3300-Seelen-Ort an der Randow, die hin zum Stettiner Haff fließt. Etwas Kultur muss sein, erinnert mich mein inneres Ich. Also durchschreite ich die Burganlage samt Touristikzentrum. Das ist kein zeitraubendes Unterfangen, nach wenigen Schritten habe ich das Areal durchmessen.

Ein paar hundert Meter weiter erreiche ich das Hotel am See, in dem ich ein Zimmer gebucht habe. Freundlich und professionell werde ich empfangen, mein Granfondo erhält eine sichere Bleibe im sogenannten Radschuppen, der sich als Abstellraum, ehemaliger Fitnessbereich und Rumpelkammer erweist. Trotzdem oder gerade deshalb fühlt sich mein Rad neben einer ausgedienten Hantelbank sehr wohl.

Wo bin ich hier hingeraten? Ja, bin ich denn in Bayern? Alles ist korrekt geschrieben, auch der Obazda und die Brezn.

Das Colnago braucht auch mal frische Luft

Vor genau 40 Jahren fuhr Andre Roest aus Venlo auf einem wunderschönen blau-metallic schimmernden Colnago einige Erfolge bei Rundstreckenrennen ein. Und 1983, im Jahr danach, wurde mir mein geliebtes Koga, das ich im im Jahr zuvor bei Clemens Großimlinghaus, genannt „Mücke“, erworben hatte, einfach aus dem Kellerverschlag geklaut. Die Versicherung zeigte sich gnädig und überwies mir 1600 Mark, den Kaufpreis für das „Gentsracer“. Auf der Suche nach einem geeigneten Nachfolger half mir unser damaliger Fuhrparkleiter von MB in Krefeld mit seinen Beziehungen in die Rennszene. „Fahr einfach zum Andre Roest nach Venlo, der hat sein Colnago, das er nur einige Rennen gefahren ist , im Schaufenster zum Verkauf stehen“. Eine halbe Stunde später sitze ich im 230 CE und sause nach Venlo. Mitten im Arbeitstag. Die Freiheit nehm ich mir, das muss jetzt sein… Dann stehe ich vorm Radladen von Andre Roest. Formatfüllend im Schaufenster prangt ein herrliches Metallic-blaues Colnago zum Kaufpreis von 1800 Mark. Jetzt nur nicht zeigen, dass ich mich schon verliebt habe, nur nicht zeigen, dass ich eigentlich nicht mehr verhandeln will… Es ist um mich geschehen, als ich die Campa-Super-Record Ausstattung, die Mavic SSC-Blue Räder gesehen habe. Ganz cool betrete ich den Laden . Eine halbe Stunde später liegt das Traumrad im Kofferraum. Ich habe es tatsächlich für genau 1600 DM kaufen können. Ein Glückstag.

Viele Tausend Kilometer sitze ich in den 39 Jahren nach dem Glückskauf auf dem herrlichen Rad. Es hat mich keinen einzigen Moment im Stich gelassen. Die Qualität: schier unglaublich. Meine Aufzeichnungen belegen mittlerweile über 100.000 Kilometer Laufleistung. Einzig das Innenlager, die Kurbelgarnitur war einmal und natürlich Ketten und Ritzel regelmäßig zur Erneuerung fällig. Die Laufleistung einer Kurbelgarnitur mit über 60.000 km glaubt mir heute kein Redakteur von ROADBIKE mehr. Aber es ist die Wahrheit! Solange hielten einmal die Baugruppen. Und das Super Record-Schaltwerk, die Schalthebel, die Bremshebel… Alles Original! Funktionieren wunderbar, wie in besten Tagen!

Leder und Stahl

Eine Ode an die Langlebigkeit!

In unseren Tagen suggerieren Herstellermarketing und Fachpresse Lebenserwartungen von Gruppen und Bauteilen im Bereich von < 3000 km. Fortschritt ???

Dem aufmerksamen Leser wird es nicht entgangen sein, metallic-blau ist der Rahmen auch nicht mehr. Einige Macken und Abplatzer hatten mich vor zehn Jahren auf die Idee gebracht, die Columbus-Rohre neu pulvern zu lassen. Die Spezialisten von Neuser am Innsbrucker Platz verwandelten Blau in feines Anthrazit. Die Chromteile wurden noch klar überpulvert. Saubere Arbeit. Bis heute ohne jede Abnutzungserscheinung.

Am Oberrohr der Startnummernhalter von Andre Roest

Zeitsprung!

Heute habe ich nach langen Wochen endlich wieder einmal Ernesto, wie ich mein Colnago getauft habe, aus dem Kellerdunkel ins Licht geholt. Warum habe ich dies wunderbare Rad solange verschmäht? Keine Ahnung. Endurace, TREK, Basso, Granfondo Titan… Sie alle wollten auch bewegt werden. Heute ist aber endlich Ernesto an der Reihe.

Eine schöne Runde nach Norden, hin zum Werbellin, rein in die Barnimwellen, das wird dem alten Renngerät gefallen. Ich rolle über Schönwalde, Basdorf und Klosterfelde nach Norden.

Vorbei am „Tapferen Schneiderlein“ in Klosterfelde, dann hin zum Werbellin, an der Rosenbecker Schleuse mit dem wundersamen Ausflugslokal „Zur kleinen Moldau“ vorbei. Irgendwann muss ich unbedingt hier ein tschechisches Bier trinken.

Weiter rolle ich am Werbellin entlang nach Joachimsthal, endlich den Kaiserbahnhof mal von innen betrachten…

Um von der Hauptstadt in die Schorfheide oder direkt nach Joachimsthal zu kommen, musste man in Britz (1842) bei Eberswalde auf die Kutsche umsteigen. Das galt sogar für den Kaiser. Mit dem Bau der Nebenstrecke Britz-Joachimsthal-Templin-Fürstenberg wurde es vor allem für die kaiserliche Reise zur Jagd wesentlich komfortabler. Hier nahe beim Werbellinsee errichtete man einen Bahnhof, den es so zwischen Berlin und der Schorfheide kein zweites Mal gibt. Dieser wurde im Jahr 1898 eingeweiht. Kaiser Wilhelm der II sorgte dafür, dass eine Bahnstation auch für den Hof und die Staatsgäste entstand. Diese Station erhielt den Namen Bahnhof Werbellinsee (der im Volksmund schon immer Kaiserbahnhof hieß). Quelle: Amt Joachimsthal

Oft habe ich schon vor dem mittlerweile sorgfältig restaurierten Gebäude gestanden, noch nie war ich drinnen. Das hole ich jetzt nach. Eine freundliche Dame, die gerade mit der Pflege der Grünanlage beschäftigt ist, begleitet mich in die Räume, die so gar nichts von einem klassischen Bahnhof haben. Malereien, Schnitzwerk, fürstliche Sitzgelegenheiten, und ein Kamin sollten es Wilhelm II erleichtern, auf seine Kutsche zu warten, die ihn mehrmals pro Jahr in sein Jagdhaus Hubertusstock am Werbellinsee gebracht hat. In der Zeit von 1898 bis 1914 war der Kaiser hier zu Gast. Dann war es vorbei mit der Herrlichkeit. Der erste Weltkrieg war ausgebrochen, nicht ganz ohne Zutun des Kaisers. Die Biografen sind sich nicht ganz einig über seine Rolle dabei.

Am Bahnsteig könnte ich jetzt in den RB 63 einsteigen, der zwischen Eberswalde und Templin verkehrt. Mit Anschluss an die große Welt. Ich ziehe für die Weiterfahrt mein Colnago vor. Ich bleibe aber auf dem Wege nach Templin immer nah dran an der Schorfheide-Bahn.

“ Nächste Station Friedrichswalde“ , wo mein Lieblingsbäcker Hakenbeck sein wunderbares Brot backt. Heute hat er seinen verdienten Ruhetag. Mein Magen knurrt weiter und wird nur unwillig mit einem Saitenbacher-Riegel ruhig gestellt.

Ernesto bewundert die Tierwelt der Schorfheide an der „Kunstkate“ in Friedrichswalde

Friedrichswalde, Ringenwalde, Templin, Vogelsang. Heute, am Montag ist es nicht leicht, eine Futterquelle zu finden.

Erst im Gasthof Stadtgarten in Zehdenick, neben der Zugbrücke an der Havel, werde ich fündig. Ich bestelle einen Käse-Burger mit Pommes, dazu ein großes Bitburger. Schmeckt sehr lecker, gibt Kraft und gute Laune. 45 Minuten später sitze ich wieder auf dem Stahlgerät und freue mich auf die letzten 45 Kilometer des Tages. Ers wird langsam Zeit, denn ich habe nur eine Rückleuchte, aber keine Frontlampe dabei. Völlig untypisch für mich. So muss ich mich beeilen, noch im Hellen wieder daheim anzukommen.

160 Kilometer hat mein Garmin gezählt heute. Ernesto flüstert mir zu, dass er solche Runden mit mir gerne öfter rollen würde. Schaun mer mal.

Metropole Ruhr – RUB – vergänglicher Beton

Es ist Freitagnachmittag, nur schwerlich kann ich mich lösen von den neuen Eindrücken und den alten Erinnerungen, die mich im Umfeld der Galerie m in Weitmar ergreifen. Es ist vier Uhr geworden, und ich muss mich beeilen, wenn ich noch das letzte Ziel meiner Ruhrgebietstour erreichen will. Nur wenige Kilometer sind es hinüber zur Uni, aber auf dem Weg warten ein paar fiese An- und Abstiege auf mich. Fies, weil es über 30 Grad warm ist und 100 hm sich anfühlen wie fünfmal so viele.

In Stiepel kann ich schon hinunterblicken ins Ruhrtal.

Auf dem nächsten Hügel stehen die Betonklötze der Uni unübersehbar an der Hangkante zum Lottental. Vor 45 Jahren bin ich gerne im beschaulichen Tal gelaufen. Das Studentenwohnheim Am Kalwes ist ein idealer Ausgangspunkt für solche Art der Aktivitäten. Und auch zur Uni konnte ich quer durch den Wald in 15 Minuten Fußweg gelangen. Jetzt schwinge ich mich von Süden kommend auf dem schmalen Weg hinunter ins Tal, und dann klettere ich am Rande vom Botanischen Garten den steilen Fußweg hinauf zu den „N-Gebäuden“ der naturwissenschaftlichen Fakultät. Als ich aus dem Wald auftauche und den ersten Blick aus der Nähe auf die Uni habe, erkenne ich die alte Herrlichkeit kaum wieder.

Gerippe, entkernte Gehäuse, Schuttberge. Von dieser Seite ist kaum ein Durchkommen zum Audimax hin. Einen großen Bogen nach Osten muss ich gehen und dann wieder durch die Betonschluchten zum zentralen Campus hin.

Bauzäune versperren den Durchgang. Die Kunstwerke von Victor Vasarely wurden zwar 2015 restauriert, fangen aber schon wieder an zu verblassen. Viel stärker noch als die Kunst, die mich in den 70ern so beeindruckt hat, haben die Bauten gelitten. Der Beton befindet sich offensichtlich in ähnlicher Verfassung wie die Autobahnbrücken der Sauerlandlinie, die zur gleichen Zeit gebaut wurden. Jetzt laufen die Vorbereitungen für Ersatzneubauten, kann ich auf dem großen Plakat lesen. Was ich sehe, schockt mich. Ich wusste nicht, in welch erbärmlichem Zustand die Bausubstanz ist.

Nach einigen Tragepassagen über angegraute Waschbetontreppen stehe ich in der Mitte der Uni. Zwischen dem Audimax und dem Gebäude der Kunstsammlung. Mein Granfondo steht auf den wackligen Platten des Wasserreliefs von Erich Reusch. Ohne Wasser, ohne das alte Flair. Vom Neon-Schriftzug hängen nicht mehr alle Leuchtröhren. Ich lese: „TSAMM… UNGEN… DER RUHRUNIVER… ITÄTBOCHUM“ .

Blamabel! Übel! Fällt das keinem auf? Ist das den Verantwortlichen nicht peinlich?

Ich lehne mein Rad neben dem Eingang an und will wissen, wie es drinnen aussieht in der Bibliothek, in der ich ein- und ausgegangen bin. Drinnen werde ich zumindest nicht noch einmal enttäuscht. Und ein paar Kilometer weiter, auf meinem Weg hierher, konnte ich die bedeutende Sammlung „Situation Kunst“ anschauen, die auch mittlerweile zur Uni gehört.

Am Audimax wird gebuddelt und gebaut. Heute nicht, aber es sieht nach Erneuerung, zumindest nach Erhaltung aus. Auf einem Plakat strahlt die alte Herrlichkeit. Es ist nur ein Plakat! Drinnen habe ich wunderbare Konzerte genossen. Maurice André, Aurel Nicolet, Frans Brüggen … Große Künstler gingen hier ein und aus in den 70ern.

Nicht alles ist vergammelt, nicht alles verschreckt mich. Viele neue Gebäude sind in den vergangenen zehn Jahren entstanden, viele Bauten wurden entkernt und saniert. Im Grunde wurde und wird die gesamte Ruhr-Uni neu errichtet. Und behält ihr altes Betongesicht wegen Denkmalschutz! Nicht wegen erwiesener Schönheit.

Wie konnte ich mich glücklich schätzen, dass ich damals den frischen Beton noch riechen konnte.

Staunend, nachdenklich, gedanklich durchgebeutelt, überrascht von vergammelt Altem und ideenreich gestalteten Neuem verlasse ich die Bildungsstätte. So wie ich von Süden hineingefahren bin, so wurschtele ich mich in Richtung Querenburg hinaus aus dem Gelände. An Radfahrer wurde offensichtlich nicht bei den Umleitungen gedacht. Fast wäre ich auf der Autobahn gelandet. Auf dem Weg hinunter nach Witten-Heven mache ich noch einen Bogen am Studentenwohnheim Auf dem Kalwes vorbei. Geradezu luxuriös habe ich hier mit Nasszelle, Einbauküche und Telefon auf dem Flur zugebracht. Eine schöne Zeit war es!

Im Apartment habe ich gebüffelt, unter dem Parkdeck den Vergaser meines Scirocco TS repariert.

Fast hätte ich vergessen, dass ich noch keine Bleibe für die kommende Nacht habe. Also boocking.com, was hast du zu bieten im Umkreis von zehn Kilometern? Ganz nah, nur wenige Minuten entfernt, hat das Rittergut Laer, ein Zimmer frei. Nichts wie hin.

Volltreffer! Die Dame des Hauses führt mich in die Juniorsuite mit Namen Dr. Kortum. Mein Granfondo darf, so sauber wie es ist, mit hinein. Der Empfang ist überaus freundlich, aber leider gibt es heute Abend nichts zu speisen hier. Auch kein Frühstück ist geboten. Das Rittergut ist spezialisiert auf Veranstaltungen, Feiern etc., wo dann ein Catering geboten wird. Nur, heute Abend bin ich der einzige Gast. Kein Buffet. Nur eine Flasche Mineralwasser gegen den Durst.

Und die historischen Möbel und Gemälde erfreut zwar den Geist, machen aber nicht satt. Ich dusche, ziehe mich um und laufe dann zum Blauen Engel, einer Studentenkneipe, die schon seit 30 Jahren für Speis und Trank sorgt. Ein sehr hilfreicher Tipp der Hausdame. Nach einer Viertelstunde illustrem Fußweg kann ich auf der lauschigen Terrasse Platz nehmen, werde zuvorkommend bedient, kann über alte und neue Zeiten plauschen. Bei Warsteiner-Pils und leckeren Bandnudeln mit Pfifferlingen lasse ich den Tag ausklingen.

Satt, zufrieden und voller Gedanken an den vergangenen Tag wandere ich wieder hinüber ins Rittergut. Ruhe, gute Luft, ein weiches Bett. Am nächsten Tag geht es per 9-€-Ticket heim gen Berlin. Aus der alten in die neue Heimat.

Metropole Ruhr – kreuz und quer durch den Pott – Teil 3

Nach einem opulenten Frühstück im Hotel-Café Deluxe in Hervest bei Yasemin verabschiede ich mich herzlich und auch dankbar für die erwiesene Gastfreundschaft. Ganz im Sinne der ursprünglichen Ruhrpott-Kumpel.

Der Tag beginnt beschaulich und entspannt. Vom Nordrand an den Südrand des Potts will ich heute radeln. Bis hin zur Ruhr-Uni und schauen, wie die Stätte meines langsemestrigen Lernens sich entwickelt hat. Auf dem ersten Abschnitt des Tages verschmähe ich die City von Marl. Zu Unrecht, wie ich später nachlese. Am Citysee stehen Skulpturen von Hans Arp und Bernhard Heiliger. Mögen die beiden es mir nachsehen, dass ich ihre Werke achtlos passiert habe.

Das erste Industriedenkmal des Tages bekomme ich in Langenbochum zu Gesicht. Langenbochum ist ein Stadtteil von Herten und hat mit der Stadt Bochum so gar nichts zu tun. Langenbochum – von einer langen Buchenallee gesäumt: Daher rührt der Name des Stadtteils.

Die alte Schachtanlage „Schlägel und Eisen“ ist umfunktioniert zum Standort neuer Unternehmen, die im historischen Umfeld Hallen und Flächen nutzen. Schön anzusehen.

Ein paar Meter weiter passiere ich den Eingangsbereich von Herta. Genau! Für die älteren Semester der Inbegriff von Wurst- und Fleischwaren. Größter Arbeitgeber in der Region. Schon 1986 verkaufte die Gründerfamilie Schweisfurth das Unternehmen an den Nestlé-Konzern. Bis heute wird hier Fleisch zu Wurst verarbeitet. In den frühen 70ern, als oft mein Frühstück aus einem Kringel Fleischwurst plus Brötchen bestand, war Herta für mich der Inbegriff von Wurstgenuss. Im Verlauf der Zeit habe ich dem Genuss von Fleisch fast gänzlich abgeschworen, und der ursprüngliche Eigner Karl-Ludwig Schweisfurth mutierte „in seinem zweiten Leben“ vom Wurstfabrikanten sogar zum Ökolandwirt und Vegetarier.

Auf den folgenden Südwärts-Kilometern wächst vor mir die imposante Halde Hoheward in die Höhe. Ein gesperrter Tunnel führt geradewegs nach Süden unter dem Abraum hindurch, ist aber zugesperrt. Der Radweg führt im Osten herum um die Halde, die sich in Schichten aufgebaut auf erstaunliche 152 Meter Höhe auftürmt. Über 100 Meter menschengemachter Berg im Pott. Obendrauf ein Observatorium, wo in zwei riesigen Bögen der Jahresverlauf der Sonne nachgebildet ist.

Ein Gravelweg verläuft in weiten Bögen auf halber Höhe um die gesamte Halde herum, Aussichtplattformen laden ein zum Schauen und zum Rasten. Am Ende schwinge ich mich hinunter zur ehemaligen Zeche Ewald mit ihrem mächtigen Doppelbock-Förderturm. Schon vor 150 Jahren wurde hier mit dem Abteufen von Kohle in über 400 Metern Tiefe begonnen. Am Anfang der Zechengeschichte drehten sich die Förder-Scheibenräder im Ziegelbauwerk des Malakowturms, erst in den 50er Jahren wurde der Stahlförderturm über Schacht 7 errichtet. Auf diesem Zechengelände ist die Bergbaugeschichte des Ruhrgebietes in einem einzigen Rundgang erlebbar.

Mit dem jungen Mann, der den Imbissstand betreibt, komme ich ins Gespräch: Hier ist viel geplant: Oldtimerausstellungen, Gastlichkeit, Events … Er ist sehr optimistisch, was die Zukunft des Areals betrifft, und will trotz BWL-Qualifikation hier bleiben. Es gefällt ihm. Er ist motiviert. Mir gefällt das auch.

Wieder einmal, fast unvermeidlich, schwenke ich auf dem Kurs nach Süden ein auf die Erzbahntrasse. Holgers Erzbahnbude ist, zumindest auf meiner Ruhr-Tour, der Mittelpunkt des Potts. Ein Kaffee, ein Pläuschchen, weiter geht’s. Die Jahrhunderthalle markiert den Rand von Bochum. „Fuck Putin“ lese ich auf einem besprühten Stein.

Ich stimme zu! Das Parkgelände ist weitläufig und schön gestaltet. Trotzdem zieht es mich weiter: Ich will unbedingt nach Bochum-Weitmar, zur Galerie m, zum Park Weitmar. Damit verbinde ich meine frühe „Bildungs-Sozialisierung“ . Erich Reusch, schon in den 70ern ein namhafter Bildhauer und damals Professor an der Kunstakademie Düsseldorf, nahm mich 1974 mit zu einer Vernissage im Schlosspark Weitmar, in der Galerie m. Norbert Kricke, Max Imdahl – diesen Kunstgrößen wurde ich unbedeutender Student vorgestellt. Und, oh Wunder, sie diskutierten, sie tranken Wein mit mir … sie nahmen mich ernst. Ein prägendes Erlebnis für mein Leben. Und heute will ich unbedingt in diesen Schlosspark, zur Galerie m.

Auch heute noch, immer noch, sind das Schloss und die Galerie m ein Hort der modernen Kunst. Einfach wirken lassen, einfach verweilen, einfach wohlfühlen, dankbar zurückdenken.

Der Tag ist noch lang, die Ruhr-Uni wartet noch auf mich, aber darüber werde ich im nächsten Beitrag berichten.

Metropole Ruhr – kreuz und quer durch den Pott – Teil2

Das Frühstück im wundersamen Hotel City Max war mäßig, auch der „Prunksaal“ mit viel Gold und Nippes hat die labberigen Brötchen nicht knusprig gemacht. Mein Blick schweift nur einen Foto-Augenblick zurück:

In die Liste meiner Hotel-Empfehlungen werde ich die Herberge definitiv nicht aufnehmen. Zehn Minuten später rolle ich schon wieder auf der Erzbahntrasse gen Norden. Nochmal bei Holger vorbeischauen.

Die Erzbahnbude schlummert noch zu dieser Morgenstunde – ein E-Biker hat es sich gemütlich gemacht und zieht genüsslich an seiner Fluppe. Weiter führt der Weg über eine lange Pfeilerbrücke, über die einst die Erzbahnloren gezogen wurden. Das Fahren ist hier der reine Genuss. Keine Ampeln, viel Grün, immer interessante Aussichten. Bald habe ich den Rhein-Herne-Kanal erreicht mit der Marina Graf Bismarck, vom heimlichen Herrscher der Ruhr-Dienstleistungsbranche „Stölting Harbour“ getauft. Eindrucksvoll, die neuen Bauten. Eine Erfolgsgeschichte schreibt die Stölting-Gruppe mit über 14000 Mitarbeitern.

Wenige Meter weiter zieht ein Eiltanker an den riesigen Öltanks der Veba vorbei. Neue und alte Welt nah beieinander. Ich staune über die herrlichen, neuen Radwegbrücken, über die Kulturstätten, über die Kunst am Wegesrand.

Der Pott ist ergrünt! Die Bergwerkshalden sehen aus wie naturgewachsene Hügel. Weiter fahre ich nach Bottrop. Diesmal nicht, um Bodo Buschmann und seine Mercedes-Tuning-Schmiede zu besuchen, diesmal, 25 Jahre später, um den Tetraeder auf der Halde der Schachtanlage Prosper anzuschauen. Vor den Erfolg haben die Götter bekanntlich den Schweiß gesetzt. Der Weg hinauf auf das 110 m hohe Plateau ist steil, aber erfreulich kurz. Oben reckt sich der 50 m hohe Stahl-Tetraeder in den blauen Himmel. Auf einer Mondlandschaft aus Abraumgestein .

Ich laufe kreuz und quer, von der nördlichen auf die südliche Seite. Das Panorama ist traumhaft. Kraftwerkskamine und Fördertürme, Windräder, Wald- und Wiesenflächen, riesige Hallen von Logistikunternehmen. In der Ferne das Dach der Veltins-Arena. Gefühlt reicht der Blick über den gesamten Ruhrpott. Besser: Die Metropole Ruhr! Vom ehemaligen rauchenden, stinkenden rußenden Pott ist nicht mehr viel zu erkennen. Nach einer kurzen, rauschenden Abfahrt erreiche ich wieder die „Talsohle“ und rolle gen Bottrop, wo ich mir ein großes Eis gönne. Zum Abkühlen, zum Verarbeiten der Eindrücke. Auf dem Weg nach Westen quere ich den Kanal noch zweimal, dann stehe ich vor dem riesigen Gasometer in Oberhausen.

In dem mit 117 Metern Höhe größten Gasbehälter Europas wurden Gichtgas und Koksgas, Abfallprodukte aus Verhüttung und Kokerei, gespeichert. Heute, fast 100 Jahre später, ist drinnen die Ausstellung „Das zerbrechliche Paradies“ über die Schönheit der Erde zu bewundern. Nur kurz mache ich halt, mein Granfondo kann ich schlecht samt Gepäck dem Parkplatz stehen lassen. Es könnte schnell unerwünschte Beine bekommen.

Bei Duisburg Meiderich erreiche ich den Landschaftspark Duisburg, der sich selbst die schönste Großstadtoase Deutschlands nennt. Ich bin gespannt, ob das Übertreibung oder Realität ist. Wo man heute flanieren, Kunstwerke bewundern, Open air Kino und Festivals erleben kann, baute August Thyssen Anfang des 20. Jahrhunderts ein riesiges Hütten- und Stahlwerk. 80 Jahre später, am 4. April 1985 war die Zeit für die letzte Schicht gekommen. Nach der Kohlekrise in den 60er Jahren schlug die Stahlkrise in den späten 7oern zu. Wieder gingen Tausende von Arbeitsplätzen verloren, wieder wurde die Region von einem gewaltigen Infrastrukturwandel gebeutelt. Heute erinnern die Hallen, die Hochöfen, die rostigen Industrieruinen an die glorreiche Zeit. Schön, dass dies alles zu erleben ist. Geschichte der Industrie.

Eine Sunde lang kurve ich durch die Anlagen, durch die wieder erwachte Natur – an den Stahlgerüsten vorbei. Ich stelle mir vor, wie dies alles in vollem Betrieb ausgesehen hat, wie es gerochen haben mag, wie laut es hier war, wie staub- und rußgeschwängert die Luft hier war. Heute duftet es nach Blumen, nach frischem Gras, und nach einer vorzüglichen Currywurst, die ich mir am Imbissstand einverleibe. Übertreibung oder Realität – Die Behauptung mit der schönsten Großstadtoase? Ich jedenfalls bin schwer beeindruckt von der Inszenierung. Danke Duisburg!

Gegen 15.30 Uhr setze ich Kurs Nordost. Sterkrade, Halde Haniel, Kirchhellen. Jetzt bin ich wieder am landwirtschaftlichen Rand des Potts. Dort, wo Wiesen, Moore, Bauernhöfe das Bild der Landschaft prägen, mehr im Osten dann die Chemiebetriebe von Scholven und Marl-Hüls. Auf dem Flugplatz Dinslaken Schwarze Heide war ich Mitte der 70er einmal bei den Segelflugmeisterschaften dabei. Früheres Leben! Vergangenheit. Schöne Erinnerungen.

„Am Anfang war die Kohle“, lese ich in einem Artikel über die Historie des Ruhrgebietes. Und die Energie von Kohle und Koks sorgte für die notwendige Power zur Verhüttung von Eisenerz und dann auch zur Gewinnung von Phenol, Benzin, Zinkfarben und Düngemitteln. Die Kohle machte alle energieintensiven Prozesse möglich. Während ich über die Geschichte sinniere, mache ich Kilometer nordwärts. Ich erreiche Dorsten mit seiner kleinen. beschaulichen Innenstadt. Es ist fünf Uhr geworden, ich sollte mich langsam um eine Bleibe für die Nacht kümmern. In Dorsten lockt mich kein Angebot, aber in Hervest, ein paar Kilometer nördlich von Lippe und Weser-Datteln-Kanal, finde ich einen Hinweis auf ein „Deluxe-Hotel“ zum schmalen Preis von 55 €. Was mag das wohl sein? Nach einiger Herumkurverei – der Besitzer des Hotels war kürzlich in ein neues Haus umgezogen – entdecke ich den Schriftzug an einem schlichten Gebäude am Feldrand.

Der Empfang ist überaus herzlich, so als wenn mich der Wirt schon jahrelang kennen würde. Trotzdem nicht anbiedernd. Einfach nur sympathisch. Mein Granfondo kommt erst einmal einen Stellplatz im abschließbaren Hinterraum, dann beziehe ich mein Zimmer. Mit riesigem Kühlschrank, einem schönen Bad und einem breiten Bett. Blick auf die Wiese. Was will man mehr.

Eine Flasche Rosé, Gemüsefrikadellen, Kartoffelsalat und eine Packung Chips trösten mich über die Tatsache hinweg, dass es keine Verpflegung abends im Hotel gibt. Fernsehen, futtern, Wein trinken, einschlafen. Herrlich. Alles unter dem Dach vom netten Besitzer Yasemin.

Am nächsten Morgen bekomme ich das Frühstück persönlich von Yasemin serviert. Kaffee, Früchte, Käse, Müsli… was das Herz begehrt. Preis-Leistung-Herzlichkeit. Top!

So kann es gerne weitergehen. Nächste Etappe wieder quer durch in Richtung Bochum und Ruhruni. Aber davon mehr im nächsten Teil.

Metropole Ruhr – kreuz und quer durch den Pott – Teil1

So titelt die Beilage zur ZEIT im Juli 2022. „Vieles so nah“ , mit diesem Beitrag lockt mich Thomas Machoczek auf eine Reise durch die Metropole Ruhr. Als ich den Artikel lese, bekomme ich spontan Lust, sofort loszufahren in die Region, in der ich gelebt habe, studiert habe, eine wesentlichen Teil meines Lebens verbracht habe. Vor über 50 Jahren habe ich an der RUB – Ruhruni – Bochum studiert. Und seit 40 Jahren bin ich nicht mehr intensiv in dieser Region gewesen. Ein guter Grund, endlich nachzusehen, nachzuforschen, wie es dort heute aussieht, was sich getan hat, wie es dort aussieht jetzt.

Drei bis vier Tage lang will ich die alte Heimat erkunden. Altes und Neues sehen . Nach den ersten positiven Erfahrungen mit dem 9-Euro-Ticket bei einer Oder-Neiße-Elbe-Tour will ich testen, ob ich so günstig und gut auch gen Westen starten kann. Bis nach Hamm will ich per Bahn rollen und dann im ZickZack durch den Pott kurven. Berlin – Stendal – Wolfsburg – Hannover – Minden -Hamm. Bei meinem Start in Spandau am Dienstag ist der Regio nur mäßig besetzt. Es geht entspannt los. Drei junge Männer mit Rädern und Reisegepäck verkürzen mir mit intensiven Gesprächen über Ausrüstung und Material die Fahrt. Nach Amsterdam wollen die drei. Und gute Laune haben sie, gepaart mit Wissensdurst zum Langstreckenfahren. Als ich kund tue, welche Touren ich schon per Rad gemacht habe, löchern sie mich mit Fragen zu Ausrüstung und Knowhow. Wie schön für mich. Wie entspannend und kurzweilig. Die Zeit vergeht wie „im Zuge“. Allerdings verpasse ich in Minden den Anschlusszug . Also radle ich ein paar Kilometer bis Porta Westfalica und steige dort entspannt in den nächsten Regio ein. Der bringt mich dann zuverlässig bis Hamm. Nach über sieben Stunden netto auf der Schiene bin ich froh, endlich wieder frische Luft zu atmen.

Kurz vor Erreichen von Werne baut sich vor mir die erste „Kathedrale“ des Potts auf. Das RWE-Gersteinwerk, ein Kraftwerk, das für die Energiegewinnung aus Gas und Kohle konzipiert wurde. Heute sind nur noch zwei Gasblöcke von ursprünglich vier Einheiten mit über 750 MW Leistung als sogenannte Energiereserve bis 2024 am Netz. Als die Energiegewinnung aus Erdgas 1971 begonnen wurde, hatte ich mich gerade in der neuen Ruhruni eingeschrieben. „Long time ago“. Der Abgaskamin hat mit 282 Metern Höhe nahezu Eiffelturm-Maße und bläst Wärme und Schadstoffe über eine typische Bodeninversion, die wie eine Sperrschicht für aufsteigende Luft wirkt, hinaus.

In Werne habe ich ein Zimmer im Hotel Kolpinghaus gebucht. Nur der Hintereingang ist geöffnet – und der macht nicht gerade eben einen schönen Eindruck. Allerdings werde ich freundlich von einer jungen Dame begrüßt, und mein Granfondo darf sicher im Raum der Kegelbahn übernachten. ich bekomme ein schlichtes, aber sehr sauberes Einzelzimmer. Die Dusche funktioniert, und eine halbe Stunde später lustwandele ich schon durch den „historischen Kern“ von Werne. Matjes mit Bratkartoffeln, dazu ein Bier aus dem Münsterland – ein Platz mit Blick auf den Markt und das Rathaus.

Herrlich. Milde Luft, gute Laune. Gegenüber werden die Stühle der Eisdiele gestapelt für die Nacht. Als der Besitzer den Laden abschließt, bin ich satt und zufrieden.

Der erste Kontakt mit dem Pott ist positiv. So kann es weitergehen. Am nächsten Morgen sitze ich um 7.30 Uhr im Frühstücksraum und labe mich am Filterkaffee, weichen Brötchen, Marmelade aus der Folienverpackung und Butterkäse. Genuss wäre der falsche Begriff für das Mahl. Aber die Freundlichkeit der jungen Dame, die sowohl am späten Abend wie auch in der Frühe den Laden am Laufen hält, gleicht die Defizite locker aus.

Das Städtchen Werne, nahe bei Hamm, liegt an der östlichen Grenze des Ballungsraumes Ruhrgebiet. Moers und Duisburg markieren die Westgrenze der Region. Dazwischen leben ca. 5 Mio Menschen. Die zentrale West-Ost-Achse wird durch die Großstädte Essen, Bochum und Dortmund gebildet. Hier wird Industriegeschichte auf vielfältige Weise sichtbar und erlebbar. Kohle und Stahl – 150 Jahre lang wurde das Ruhrgebiet vom Bergbau und Hüttenwesen geprägt.

Aufgrund des Kohlevorkommens entwickelte sich das Ruhrgebiet Anfang des 19. Jahrhunderts zum größten Ballungsgebiet Europas. Im Zuge der Industrialisierung erfuhren die damals noch kleinen Dörfer im Ruhrgebiet ein explosionsartiges Bevölkerungswachstum. Grund hierfür war das natürliche Steinkohlevorkommen in der Region, das für die Herstellung von Eisen, Stahl, Dampfmaschinen und Eisenbahnen verwendet wurde. In der Folge entwickelte sich eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Monostruktur, die ganz auf die Bedürfnisse der Montanindustrie abgestimmt war. Man beschränkte sich vollkommen auf die Kohleförderung und vor- und nachgelagerte Wirtschaftszweige. Die Namen Krupp, Thyssen, Haniel, Hoesch stehen für die bedeutendsten Unternehmen.

Aber halt, ich will mich nicht in geschichtlichen Betrachtungen verlieren. Ich will die Augen und die Sinne öffnen für den Ruhrpott von heute. Durch die Lippeauen führt der Radweg beschaulich durch Felder und Wiesen, vorbei an Reiterhöfen und Gemüsebauern. Wo ist denn die Industrie? Sie lässt nicht lange auf sich warten. Der alte Gasthof „Zum Lüner Brunnen“ und das Trianel Kohle- und Klärschlammkraftwerk stehen in einem interessanten Kontrast.

An der Südseite des Emscherverlaufs ragen die ersten Halden auf. Begrünt sind sie und nicht mehr schwarzgrau wie zu Bergbauzeiten.

Daneben landwirtschaftliche Idylle.

In Lünen staune ich über eine lange Allee mit alten Platanen aus den 30er Jahren. Platanen sind schnellwüchsig und im Alter von fast 100 Jahren voll ausgewachsen.

Die Natur hat sich hier wieder erholt und ist ergrünt. Die Lippe biegt nach Norden ab. Am Rande von Waltrop lockt mich ein schmaler Schotterweg hinauf auf die Halde Brockenscheidt. Oben steht eine Pyramide, der Spurwerkturm, den der Castrop-Rauxler Künstler Jan Bormann im Jahr 2000 hier aus 1000 Metern alter Spurlatten der ehemaligen Bergwerksbahn der Zeche Waltrop errichten ließ. Von hier oben reicht der Blick weit ins Land und nach Norden auf die restaurierten Gebäude der ehemaligen Zeche.

Als ich hinunterrolle, entdecke ich auf einem kubusförmigen Gebäude den Schriftzug „Hase-Bikes“. Das sagt mir was. Hase ist seit vielen Jahren innovativer Entwickler und Produzent von besonderen Fahrrädern. Ich kenne die Dreiräder und auch das Pino-Tandem. Vor der Fertigungshalle komme ich mit einem Mitarbeiter ins Gespräch, der gerade eine Pause macht. Der Laden läuft, die Auftragsbücher sind voll, und ein noch ordentlich gefülltes Lager mit Bauteilen sorgt dafür, dass auch in diesen Zeiten viele feine Räder gebaut werden können.

Als ich hinübergehe zur alten Schaltwerkshalle, staune ich über die riesige, hochinteressante Ausstellung des zukünftigen Flagshipstores. Nach fachmännischer Begutachtung meines Titan-Granfondo bekomme ich sofort eine Einladung zur Eröffnungsfeier in die Hand gedrückt.

Chapeau! Marec Hase steht für Innovation, für Mut und Tatkraft. 1989 gewann er mit einem Tandem Dreirad den Wettbewerb „Jugend forscht“ 1994 begann er in einer Bochumer Garage, Spezialbikes zu bauen. 2001 zog er um in die ehemalige Zeche Waltrop. Heute arbeiten engagiert 100 Menschen für Hase. Eine echte Erfolgsgeschichte.

Wenige Kilometer weiter erreiche ich das Schiffshebewerk Henrichenburg. Hier sind im Umkreis von 100 Metern das Historische Hebewerk von 1899, der neue , 1962 erbaute Nachfolger und die aktuelle Schleusenanlage für die heutigen Tanker und Schubverbände zu besichtigen. Das Durchkurven der Bauten und Becken ist recht verwirrend. Zumal vom vielfach gerühmten Hebewerk aus Kaiser Wilhelms Zeiten vom Radweg aus gar nicht viel zu sehen ist.

Erst will ich mir das Industriemuseum anschauen, ich habe aber Bedenken, mein Rad samt Gepäck unbewacht draußen stehen zu lassen. So bin ich hier Kulturbanause und fahre einfach weiter. Über dem kleinen Schild „Kulturkanal“ prangt weiß auf rot „Demut“ – ich übe mich darin.

Dann tauche ich ein in die feuchten Wälder des Castroper Holzes und stehe unvermittelt vor dem Torhaus vom Wasserschloss Bladenhorst. Seit dem 14. Jahrhundert wohnten hier Ritter, Freiherren und Grafen. Heute können Wohlhabende Eigentumswohnungen erwerben. Als ich auf die Rückseite der Anlage rolle, sehe ich eine Frau mit einem Sammelkorb an einer mächtigen Brombeerhecke, die am Schlossgraben wächst. Die reifen Beeren schmecken wunderbar feinsäuerlich. Ich muss mich bremsen, dass ich nicht zu viel von den herrlichen Früchten esse.

Nächster Halt: Herne – Siedlung Teutoburgia. Über diese Arbeitersiedlung hatte ich schon bei der Vorbereitung meiner Tour nachgelesen. In den Jahren 1909 bis 1923 entstand die größte Arbeitersiedlung des Ruhrgebietes für 1400 Arbeiter der Zeche Teutoburgia. !36 Häuser, 20 verschiedene Hausformen. Nach dem Vorbild einer englischen Gartenstadt. Für damalige Zeiten Luxus. Auch heute noch interessant, durch schmale Wege und kleine Plätze zu kurven.

Und hier sichte ich auch eine der so typischen „Trinkhallen“ des Potts.

Diese komfortable Location ist sogar mit einer Dachterrasse ausgestattet. Erinnerungen an meine Zeit hier vor fast 50 Jahren kommen wieder hoch. Die Luft ist sauberer, kein Kohlenstaub liegt mehr auf den Fensterbrettern. Und es gibt glatt asphaltierte Radwege. Radfahren war damals etwas für Proleten und Minderbemittelte, die sich weder Auto noch Moped leisten konnten. Die Radwegweiser führen mich auf die Nordseite des Rhein-Herne-Kanals ( merke: Kulturkanal). Feiner Split löst Glattasphalt ab, ist aber gut befahrbar.

Wanne-Eickel – ZWODREI NAZIFREI – Gut so! Ein paar Meter weiter kurve ich auf den riesigen Platz, wo der Aufbau der Cranger Kirmes voll im Gange ist.

50 Fahrgeschäfte, vier Millionen Besucher in 10 Tagen! Vielleicht die größte Kirmes weltweit! Ein gigantisches Corona-Spreading-Event. Schaun mer mal. Noch ein paar Kilometer am Kanal entlang rollen, dann heißt es, abbiegen zur Veltins-Arena, der Spielstätte von Schalke 04. Das ist schließlich mein Kernziel für den heutigen Tag. Die beste aller Ehefrauen ist seit 50 Jahren unverbrüchlicher Schalke-Fan und war lange Clubmitglied. Aus ihrer ersten Wohnung konnten wir ins alte Parkstadion hinüber blicken. Logisch, dass ich nachschauen muss, wie das Ganze heute aussieht.

Erst noch über eine schwungvoll geführte Radwegbrücke, dann kommt das markante Dach der Veltins-Arena ins Blickfeld. Leicht überrascht erblicke ich viele Menschen, die so gar nicht wie Fußballfans aussehen. Sie strömen heran, sie warten, sie kaufen Fan-Artikel. Was ich nicht wusste: am Abend spielen die Stones in der Arena. Ausnahmezustand!

Lange kurve ich kreuz und quer über das riesige Gelände. Im Bereich des alten Parkstadions befinden sich die Trainingsplätze. Ein Tribüne ist noch erhalten. Nostalgie!

Im Schalke-Fanshop erstehe ich noch zwei Trikots für die Enkel. danach rolle ich die Schalke-Meile entlang. Das Vereinslokal steht genau am Eingang der Glückauf-Kampfbahn. Spätestens hier habe ich genügend Schalke-Luft aufgesogen, habe gesehen, welchen Stellenwert dieser Verein im Pott hat.

Nächstes Ziel: Holgers Erzbahnbude. der bekannteste Radler-Futter-Trink-Treff im Revier.

Beim Versuch, die Erzbahntrasse auf dem direkten Weg zu erreichen, strande ich erst einmal in einem Halden-Wildwuchsgebiet ohne Ausgang. Nach einem großen Südbogen entere ich schließlich den ehemaligen Erzbahnweg, und kurz darauf stehe ich vor einem Zweimannbunker aus der Weltkriegszeit, bemalt mit dem Schriftzug „Erzbahnbude“. Hier trifft man sich, hier ist eine lockere Stimmung. Reiseradler, Rennradler, Ausflügler. Alle sind gut versorgt und haben gute Laune. Ich komme mit einer Dreiergruppe von älteren Herren meines Alters ins muntere Gespräch. Kurz darauf kommt Holger aus seiner Bude und begutachtet mein Titan-Granfondo. Wir fachsimpeln, ich genieße ein Fiege-Pils, gönne mir eine Bockwurst und werde schlussendlich von Holger und seinem Kompagnon gebeten, doch einmal hinter der Theke zu posieren. Das tue ich sehr gern.

Die Erzbahnbude: Bester Imbiß- und Kommunikationspunkt für alle Radverrückten. TOP!

Nächstes Ziel des Tages: Die Zeche Zollverein. Es wäre unverzeihlich, dieses Monument nicht zu besuchen. Einige Radwegkurven sind noch zu kurven, aber dann stehe ich auf dem Gelände der Zeche. Riesig, geradezu erhaben, beeindruckend. Allein, es ist spät geworden heute. 17.30 Uhr. Lange kann ich mich nicht mehr vergnügen hier.

Um diese Zeit habe ich das gesamte Gelände für mich allein. Auch ein besonderer Reiz. Gegen 18 Uhr schaue ich mal auf Booking.com, wo ich am schönsten nächtigen kann in der Nähe. Eine Fehlanzeige reiht sich an die nächste. Warum gibt es hier denn keine Zimmer mehr? Dann geht mir ein Licht auf: das Rolling Stones Konzert! Uff. Selbst die mäßigen Herbergen haben die Gelegenheit beim Schopfe gepackt und die Preise saftig erhöht. Erst in Bochum-Wattenscheid, 15 Kilometer in Bögen weit entfernt, finde ich das mäßig bewertete City-Max-Hotel. Ich schlage für 103 € für die Übernachtung zu. Wucher. Normalerweise kostet das hier die Hälfte. Was soll’s, ich habe ein Bett für die Nacht. Der junge Mann an der Rezeption ist nett, mein Granfondo darf im Durchgang zur Küche parken. Dafür darf ich mit Gepäck in den dritten Stock steigen. Der Aufzug ist defekt. Auch im Zimmer ist so Einiges renovierungsbedürftig. Das Duschwasser strömt warm, in den dunklen Gassen finde ich noch eine Dönerbude, wofür mich der letzte Fetzen Rindfleisch vom Spieß geschnitten wird. Dann der krönende und unverhoffte Abschluss des Tages: In der kleinen Zunftstube neben dem Hotel tummeln sich Skat-, Trink- und Fußballfans. Und ich bekomme noch ein kühles Bier und erlebe unter dem Jubel der angesäuselten Altherrengruppe den Einzug der deutschen Frauen ins Finale. Wenn das kein versöhnlicher Ausklang ist. Ruhrpott eben!

Ende Teil 1, bald geht es weiter mit der nächsten Etappe.