300-km-Brevet – Die Hölle des Nordens

Prolog:

An Karfreitag drehe ich mit Peter eine kurze Genussrunde nach Bernau, lecker essen im „Leiterwagen“. Auf der Heimfahrt im Dunkeln reicht dann eine kleine Unachtsamkeit beim Runterfahren vom Gehsteig. Hart knalle ich auf Handgelenk und Rippenbogen. Das schöne Colnago ist im Gegensatz zu mir bis auf einen verdrehten Bremshebel heil geblieben. Bei mir schmerzen Hand und Rippe höllisch. Und eine Woche später steht das 300-km-Brevet auf dem Plan. Kann das gutgehen? Ich vertraue auf die Heilkraft des  Körpers, die unterstützt wird durch Traumeel-Salbe und Tabletten. Homöopathisch. Und, oh Wunder, drei Tage später ziehe ich insgeheim schon wieder eine Teilnahme in Betracht. Kaum noch Schmerzen, und eine Testfahrt über 60 Kilometer mit dem Basso stimmen mich optimistisch.

Das Brevet:

Am Vortag quäle ich wetteronline.de stündlich – in der Hoffnung, dass die Wetter- und insbesondere die Windvorhersage sich noch günstiger entwickeln mögen. Wind aus NW mit Stärke 4 bis 5 Bft. ( größere Zweige und Bäume bewegen sich), in Böen 70 km/h, mollige 4 bis 8 Grad, dazu vielleicht noch ein paar Hagelschauer. Schöne Aussichten. Es kam auch genau so. Randonneurswetter!

Den frischen Wind kann ich schon bei der Anfahrt zum Amstelhouse spüren. Nur diesmal noch schiebend. Das wird sich auf den ersten 120 Kilometern umkehren. P1080108Ingo und Ralf sitzen am Orga-Tisch und teilen die Brevet-Karten im Akkord aus. Die mehr oder weniger bepackten Räder stehen wie üblich kreuz und quer im Gastraum, im Eingangsbereich, und ein paar wenige müssen draußen warten. Um die 60 bis 70 Teilnehmer haben sich in die Startgruppen eingetragen.

P1080098
Was ist die Botschaft? Kleines Leserätsel

Ich staune immer wieder über die vielfältigen Varianten der Langstreckenräder und Ausrüstungen. Der eine mutet sich und seinem Rad schon beim 300er Gepäck zu, wie man es eigentlich nur für ein Brevet über 1000 km benötigt. Andere haben nur einen Mini-Rucksack dabei, das war´s.

Wie üblich rollen wir in der zweiten Startgruppe, pünktlich um 7.10 Uhr los über die ersten Pflastermeter und dann rein in die erwachende Stadt. Flott lässt es Ralf vorne angehen. Er will sich wohl warmfahren. Ich verdränge und vergesse meine Rippen- und Handschmerzen und hänge mich rein in die Gruppe. Es läuft! Vorne wechseln sich die „JungenWilden“ ab im Wind, ich kann mich herrlich schonen, und keiner meckert. Die Aral-Tanke in Zehdenick, km 58,5, erreichen wir um 9.25 Uhr. Trotz Gegenwind. Da will ich nicht meckern. Das nächtliche Treiben an genau dieser Tankstelle beschreibt Moritz von Uslar so trefflich in seinem Roman und dem Film „Deutschboden„, dessen Handlung in Zehdenick spielt. Meckern tut allerdings mittlerweile mein Rippenbogen. Leichtes Stechen spüre ich. Mal schauen, wie das weitergeht. Langsamer fahren ist angeraten. Peter bleibt bei mir, und so fahren wir in gemäßigten Tempo von 25 bis 27 km/h weiter gegen den Wind an. Gemeinsam jetzt mit zwei „Bernauer Leisetretern“, die mit uns eine Mini-Gruppe bilden. Eine richtig schöne Frühjahrsausfahrt ins Brandenburgische scheint das zu werden. Klare Sicht, Cumulus-Wolken ziehen über den tiefblauen Himmel. Kraniche stehen auf den Feldern. Und wir haben uns entschlossen, heute über 300 Kilometer im Sattel zu sitzen und zu treten, zu treten und zu treten. Wie schön wäre es, hier an einem klaren See unter frisch ergrünten Bäumen zu sitzen und nur die Natur zu genießen … hätte, hätte … Auf der rumpeligen Straße über Bredereiche hin nach Fürstenwerder, wo sparsam Teer nur über das alte Pflaster gelegt wurde, drückt sich jeder Buckel rein in meine malträtierten Rippen. Die wunderbare Landschaft entschädigt teilweise für den Schmerz. Wir treffen unseren Streckenplaner Ralf, der sich seine Überschuhe anzieht. So kalt ist es! 5 Grad, 5 Bft. Wind , gefühlt null Grad. 12.35 Uhr, zweite Kontrolle in Mirow bei Kilometer 125,7.

P1080122
Der „Long-Haul-Trucker“ spürt die Kilometer

P1080123

P1080128

fullsizeoutput_3319
Das „Meerglas“ von Alexander – ein Traum von Stahlrad

Endlich kann ich ein paar Minuten im Warmen sitzen. Eine heiße Knackwurst und einen genauso heißen, schwarzen Kaffee gönne ich mir.

20170422_125723

Hier an der Oil-Tanke finden einige Teilgruppen wieder zusammen. Wir sind mittendrin. Bewundern kann ich einen sorgfältig aufgebauten Surly-Long-Haul-Trucker. Viel Schwarz, viel Chrom, viel Leder.  Stilvoll dazu passend der Jung-Randonneur.

Daneben eine Stahlschönheit vom Rahmenbauer „Meerglas“. Gratuliere zu dem Prachtexemplar, Alexander,  und gratuliere dem Rahmenbauer Thomas zu dieser feinen Arbeit!

Nachdem ich mich ganz frisch von meinem Carbon-Liegerad getrennt habe – es ging erfreulicherweise an einen echten Liegerad-Kenner und -Renner –, stecke ich schon in einem neuen Rad-Projekt: Ein Titan-Randonneur soll es werden, selbst aufgebaut natürlich. Wenn ich aber die Stahlschönheiten von Meerglas betrachte, könnte ich glatt schwach werden…

Eine Pause für Körper und Sinne war das in Mirow. Aber wir müssen weiter.

P1080136

fullsizeoutput_331a
Rinder auf der Weide, so wie ich sie liebe

Das Café Piccolino in der Kratzeburgischen Diaspora wartet als nächster Kontrollpunkt. 532 Einwohner, Fachwerkkirche aus dem Jahre 1450, die Havel entspringt 3 Kilometer nördlich von hier,  eigener Bahnhof mit Anschluss nach Rostock und Neustrelitz. Nein, hier steige ich nicht in die Bahn, die Schmerz-Rippe lässt mich noch weiterfahren. fullsizeoutput_3340

Ingo sitzt schon gemütlich im Warmen und preist die Matjesbrötchen des Hauses an. Das Stempeln ist heute äußerst professionell gelöst:

fullsizeoutput_3341
Die Leisetreter am Stempeltisch

An einem Seitentisch hat der Herr des Hauses seine Gerätschaften aufgebaut und stempelt Brevetheftchen im Sekundentakt. Draußen prasselt derweil ein erster Graupelschauer auf den Sonnenschirm.

Die Eiszeitgletscher haben hier ganze Arbeit geleistet und schöne Endmöränen-Wellen in die Landschaft geformt. Und genau die queren wir jetzt mehrfach, immer schön rauf und runter. Das bringt auch Höhenmeter. Der Gegenwind, der ab hier zum Schiebewind wird, entschädigt uns für die Hügelkurbelei. P1080145Herrliche Landschaft, wenige Menschen.

Quadenschönfeld, Kilometer 188,8. Punkt 16 Uhr erreichen wir den alten Bahnhof. Das Restaurant St. Moritz, in dem ich vor Jahren einmal köstliche Pasta genießen durfte, ist geschlossen. Nur noch für Veranstaltungen öffnet der Eigentümer. Schade!P1080150 Wir machen das obligatorische Kontrollfoto, schreiben die Zeit ins Brevet-Heft, und weiter geht es.

fullsizeoutput_330a
Die Störche sind obenauf

Mit links fällt das Greifen mittlerweile schwer, rechts zwackt der Rippenbogen. „Dem Randonneur ist nichts zu schwör.“ Peter muntert mich auf und meint, dass seinem Knie eine gemäßigte Gangart auch gut täte. Also: Laaangsam weiterfahren. fullsizeoutput_333cAn  einer Bushaltestelle im Örtchen Koldenhof bitte ich um eine Pause. Ein schönes Café wäre mir lieber gewesen, aber seit 50 Kilometern haben wir keine geöffneten Gasthöfe mehr entdecken können. Wohl dem, der ein paar Gemüsefrikadellen in der Fronttasche hat, dazu einen Schluck aus der Trinkflasche. Die Sonne auf den Bauch scheinen lassen, und die Kräfte kommen wieder. Nicht nur die Kräfte, auch Matthias kommt. Ab hier fahren wir wieder zu dritt. Die Beiden sind so nett und lassen mich vorne fahren, damit ich nicht das Gefühl bekomme, immer nur hintendran zu sein. Orte wie Triepkendorf und Beenz schleichen vorbei. dann endlich kommt Lychen in Sicht, und ich erinnere mich an eine Pause bei einer Sommertour, wo ich schon vor drei Jahren auf einer Caféterrasse Kaffee und Kuchen genossen hatte. Die Rettung! Und die Beiden kommen auch noch mit. fullsizeoutput_3338Wirt und Wirtin stehen auf selbiger Terrasse und strahlen gute Laune aus. Im Gastraum flackert ein wärmendes Feuerchen im Kamin. Wir ordern Weizenbier, Kaffee und Stachelbeerkuchen. Köstlich! Ein Top-Tipp: Strandcafé Lychen.

Nach Templin rollt es endlich wieder recht schnell. Die 30 ist ab und an auf dem Tacho zu sehen. 18.35 Uhr, km 232,5. In der Aral-Tankstelle haben es sich die „Leisetreter“ schon gemütlich gemacht. fullsizeoutput_3335Vor ihnen stehen riesige Tassen mit dampfendem Kakao. Wir bleiben nur zum Stempeln und sind zwei Minuten später wieder auf Kurs. Ein Fehler! Denn es fängt an zu graupeln, der Himmel verdunkelt sich. 500 Meter weiter suchen wir Schutz unter einer Glasüberdachung. Fünf Minuten später ist der Spuk vorbei. Nur die Straßen glänzen jetzt nass und schwarz. Peter sprüht mir die Hinterradgischt ins Gesicht. Sehr erfrischend.

Als alter Templin-Kenner weiß ich um den Weg direkt am Rathaus vorbei nach Süden und dann wieder zum Stadttor hinaus. 300 Meter sparen. Kleine Randonneurssünde. Und genau hier beginnt eine denkwürdige Naturinszenierung: P1080169fullsizeoutput_330d

P1080177Im Osten ist der Himmel grauschwarz, die tiefstehende Sonne produziert einen Regenbogen der Extraklasse. Und die Altstadtkulisse des Templiner Marktes ist einfach nur filmreif.

Ich kann mich gar nicht satt fotografieren. Auf dem Weg nach Süden bei Hammelspring grollt noch das abziehende Gewitter nach.P1080185 Am Himmel künden  Mammatus-Wolken von heftigen Auf- und Abwinden am Rande der Gewitterzelle. Wir wissen, der Westwind drückt die schwarze Wand nach Osten weg. Freie Bahn vor uns. Unten nass, oben trocken. Gleichmäßig treten wir die Kilometer weg. In Zehdenick schließt sich die Schleife der großen Brevet-Nordrunde, und der Kurs führt jetzt direkt zurück in die Hauptstadt. Diese knapp 60 Kilometer werde ich auch noch überstehen, beschließe ich. Matthias und Peter sind meine geradezu fürsorglichen Begleiter. Matthias löst eine Aspirin-Sprudeltablette in der Trinkflasche auf, und ich kippe das Mittelchen in den Rachen. Darauf noch einen Schluck Cola zum Wachbleiben. Und weiter geht die Post. Die Dunkelheit ereilt uns bei Liebenwalde. Voriges Jahr saß ich um diese Zeit schon im Amstelhouse und labte mich an warmer Lasagne. Heute wird es später.

Große Pfützen und gischtende Autos ärgern uns zwar, aber dann überwiegt die Freude über die grandios gelungene „Schauervermeidungs-Taktik“. 20 Minuten früher hat es hier noch aus Kübeln geschüttet. Die letzten Kilometer in der Stadt sind richtig fies zu fahren. Riesige Wasserlachen und „nette“ Autofahrer, die uns eine Dusche verschaffen. Ole wird in einer gefluteten Unterführung sogar komplett durchnässt. IMG_1409

Endlich: Um 22.30 stehen wir im Amstelhouse. Spät, aber zufrieden. Dank an Matthias und Peter für die mitfühlende, motivierende Begleitung. Da ist der Rippenschmerz fast weg.P1080189P1080190P1080191

P1080198

P1080199
Alexander, der Meerglas- und Salatgenießer

P1080188

Die schnellere Gruppe mit Ingo sitzt in Frotteetücher gewickelt an den Tischen und zittert sich warm. Noch zwei Stunden halten wir aus, genießen Lasagne und Bier, empfangen die noch später Kommenden und haben viel zu bereden über die Erlebnisse des Tages.

Alexander mit seinem „Meerglas-Randonneur“, der Erbauer des Kleinods und der unvermeidliche Andy sitzen am Tisch. Sie bleiben noch bis halb vier. Bis der Letzte sein Rad durch die Tür geschoben hat.

P1080200
Safety first, so sieht eine vorbildliche Nachtkluft aus

Peter bringt mich heute per Auto nach Hause. Dafür bin ich sehr dankbar!  Ich spüre, dass eine Menge Adrenalin den Schmerz der Rippe gedämpft hat. Jetzt kommt er wieder. Aber wir sind daheim. Der Schmerz wird schwinden, das Erlebnis bleibt.

Bis zum 400er dann am 6. Mai – ausgeruht, frisch und bei sicher frühlingshaften Temperaturen.

214 Kilometer über den Fläming reiten

Das Endurace scharrt schon ungeduldig mit den Hufen. Die Kette ist geölt, der Carbonrahmen glänzt in schwärzestem Schwarz, zwei Brötchen stecken in der kleinen Ortlieb-Satteltasche, die Trinkflaschen sind randvoll. Um 5.45 Uhr rolle ich los zum Startort Amstelhouse. 15 Kilometer zum Warmwerden. Im Osten leuchtet ein phantastisches Morgenrot, kaum ein Auto ist um diese Zeit auf den Berliner Straßen unterwegs. Peinlich genau habe ich alle Teile am Endurace gecheckt, nur meine Radschuhe habe ich offensichtlich vernachlässigt, jedenfalls wackelt der rechte Schuh nach wenigen Kilometern bedenklich auf dem Pedal. An einer Ampel steige ich ab und schaue mir die Sache von unten an: Schöne Bescherung! Eine Schraube fehlt in der Cleatbefestigung. Zur Not muss auch eine  reichen, und die ziehe ich jetzt satt an. Blödes Gefühl. Hoffentlich verliere ich den Cleat nicht unterwegs.

Im Amstelhouse herrscht schon reges Treiben. 90 Randonneure reden kreuz und quer. Alte „Silberrücken“ und auch einige „Rookies“ sind dabei. Die Organisatoren sind bester Laune und geben die Startkarten mit ebenso launigen Kommentaren heraus. Schön, wenn man sich kennt und schätzt in der Szene. Ich begrüße „Andy-Rando“ und erzähle ihm von meinem Cleat-Missgeschick – flugs eilt er zu seinem Rad, klappt einen großen, grünen Koffer auf und greift zielsicher in eine Plastiktüte mit allerlei Schrauben.

P1080002
Andy-Rando-Zauberkiste

Volltreffer! Schnell drehe ich die Ersatzschraube in den rechten Schuh ein, festziehen, fertig. Danke, Andy.

P1080006
Nach der kleinen Schraubaktion bin ich entspannt – es kann losgehen

Die üblichen Verdächtigen, wie die Bernauer Leisetreter, aber auch der „alte Hans“, den ich frevelhafterweise mit Hänschen, seinem Spitznamen anrede, sind versammelt. „Gerade bin ich 80 geworden, und dann ist man kein Hänschen mehr“, weist er mich wohlmeinend zurecht. Gerald hat sein frisch eingefahrenes Bottecchia-Zeitfahr-Rad mitgebracht. Mal schauen, ob er rechtzeitig zum Mittagessen zurück ist.

In drei Gruppen mit je 30 Fahrern soll das Feld auf die Reise gehen. Diese Aufteilung hat sich bewährt beim morgendlichen Ritt über zig Ampelkreuzungen der großen Stadt.

Mit den beiden Peters, Wolfgang und Andy starte ich in der zweiten Gruppe um 7.10 Uhr. Streckenplaner Ralf führt uns über die ersten Kilometer aus der Stadt hinaus.

P1080014
Ralf hat sein neu aufgebautes SOMA-Grand Randonneur, made in USA, mitgebracht

Nach gefühlten 30 Ampelstopps enteilen wir dem Stadtgebiet und rollen uns über Stahnsdorf und Güterfelde warm. Die 30 steht wieder einmal vorn auf dem Tacho. Ich freue mich über die breiten Windschattenrücken der Jung-Randonneure vor mir. So geht es locker voran. Dass der immer fröhliche Kollege aus Neumünster mich dann auch noch anschiebt, geht doch etwas zu weit. Ich trete wieder rein – „geht doch!“, ruft Peter rüber. Um 9.10 Uhr erreichen wir nach 54 Kilometern Kontrollpunkt Nr. 1, die Landfleischerei in Hennickendorf. Wir halten uns nicht lange auf und nehmen das zweite Frühstück in Form einer Salamistulle beim Fahren ein. Wie war das noch: Brevets werden in den Pausen entschieden. Da gönnen wir den Jungen und mittelalten Schnellen den Kaffee und die Mettbrötchen. Irgendwann werden sie uns schon wieder einholen. Mit spürbarem Schiebewind kurbeln wir locker die Kilometer durch. Luckenwalde, Baruth,

P1080017
Im Urstromtal gibt es noch einiges aufzubauen

dann schon Golßen, die zweite Kontrolle nach 99,6 km. Es ist erst 10.55 Uhr, der Rückenwind hat uns die gute Zwischenzeit spendiert. Ab jetzt dreht der Kurs auf Nord, der Wind bläst uns schräg ins Gesicht. Auf den nächsten Kilometern, die ich mit Peter alleine unterwegs bin, jammere ich ihm von meinem Kaffee- und Kuchenhunger vor. Friedrichshof, Staakow, Briesen, die Dorfbäcker halten Mittagsschlaf. Erst in Halbe entdecken wir einen Backshop in einem EDEKA-Laden. Die Rettung! Mohn- und Erdbeerkuchen, dazu ein riesiger Milchkaffee. Ideales Randonneur-Doping. Und dazu noch legal. Aus den Augenwinkeln sehen wir einige Gruppen passieren. Es wird Zeit, wieder reinzutreten. Die nächste Kontrolle ist die HEM-Tanke in Teupitz bei Kilometer 128,9.

12.36 Uhr ist es geworden. Die Pause in Halbe tat dem Körper gut, die Speed hat allerdings gelitten. Was soll´s. “ Wir sind ja nicht auf der Flucht“, meint Peter.

Die Sonne hat sich mittlerweile durch die Wolkendecke gearbeitet und spendet uns Wärme und wohlige Gefühle.

P1080018
Das leicht zerknitterte Verbotsschild steht herrlich komisch auf der Tankstellenwiese

Töpchin, Wünsdorf, Sperenberg. Sanfte Wellen, aber der Wind bläst fies ins Gesicht. Da ist es schön, wieder einmal in der Gruppe zu fahren. Diesmal können wir uns leicht absetzen. Das Malle-Training trägt Früchte. Und Andy fährt mit seinem Nähmaschinentritt auch noch die meisten Kilometer vorn im Wind.

Auf zur letzten Kontrolle in Trebbin. Mir fällt auf, dass ich nicht so intensiv wie sonst die Natur wahrnehme. Fahre ich vielleicht etwas zu schnell, bin ich zu sehr mit mir selbst beschäftigt? Vielleicht. Aber ab jetzt sehe ich die Kraniche, die Gänse, die weidenden Schafe, die herrlichen Pferde auf den Wiesen. Es ist schön hier, viel zu schön, um nur auf das Hinterrad des Vordermannes fixiert zu sein.

P1080055P1080059

Trebbin, Kontrolle Nr. 4 nach 169,5 Kilometern, es ist 14.30 Uhr.  Galaktisch gewinnen werden wir heute sicher nicht, aber riesigen Spaß haben wir. Deshalb ordert Peter gönnerisch ein Weizenbier und teilt es kameradschaftlich auf uns drei auf. P1080054

Wohl bekomm´s. Nach dieser Kohlenhydrat- und Mineralienaufnahme begeben wir uns auf die letzten 45 km. Davon 15 wieder Stop and Go. Ampelverkehr in Berlin. „Det musste eben aushalten“, sagt der Berliner. Um 16.45 Uhr schieben wir unsere Räder hinein ins Amstelhouse. IMG_1378IMG_1380

Die ganz Schnellen sind schon lange vor uns eingetroffen. Gerald hat seinem Bottecchia ordentlich die Sporen gegeben. Durchschnitt: 34,7 km/h. Profiverdächtig!

Wir fühlen uns mittendrin im Feld sehr wohl und genießen die Ankünfte aller, die nach uns eintreffen. Die Lasagne mundet, das Weizenbier schmeckt köstlich, und die Crew vom Amstelhouse ist überaus freundlich – wie immer!

Und Hans rollt auch noch im Zeitlimit ein.Hans im Ziel Chapeau! 80 Jahre und fit wie ein Turnschuh.

Am 22. April starten wir das 300er. Hiermit fängt das Langstreckenfahren erst so richtig an.

 

 

 

Erst in die Bahn, dann auf die Bahn

Der Wind soll heute mit Stärke 4 aus West blasen. Schon beim Weg zum Restaurant geben uns die Böen im Park zwischen den Hotelgebäuden einen kleinen Eindruck von dem, was uns heute erwartet. Beim Frühstück zeigen sich die Randonneure ebenso faul wie findig: Wir wollen zunächst dem Wind bis Sa Pobla die Stirn bieten, dann aber in die Inselbahn nach Palma einsteigen. Ein guter Plan! Denn so können wir vom Ballermann aus mit Seiten- und dann Rückenwind wieder nach Hause ballern. P1070707

Für 4,10 € bringt uns die Bahn mitten in die Inselhauptstadt, Fahrräder fahren kostenfrei mit. Das wäre doch mal eine nette Idee für die Deutsche Bahn. P1070709

Die Palmen werden vom Wind ordentlich durchgerüttelt. Wir rollen zuerst nach Süden an der Strandpromenade entlang – hart am Wind. Dann über die sanft ansteigenden Wellen nach Llucmajor hinüber. Vorbei am eindrucksvoll gestalteten Hilton Hotel in Sa Torre.P1070711

12052323605-vorbei-am-sa-torre-hilton-bei-llucmajor
Hier ein „geklautes Foto“ bei besserem Wetter

Von Sa Torre aus rauschen wir über die leicht hügelige Landschaft bis Llucmajor. Von dort führt uns Ingo über einen herrlichen Nebenweg nach Algaida. Ein paar kleine Höhenmeter sind bis hierher zu überwinden – ideal, denn so bleiben wir warm, kommen aber nicht ins Schwitzen. Im urigen Café D Es Poble  bekommen wir köstliche Olivenbrote mit Schinken –  Pa amb Oli, serviert. Die Rentner des Dorfes sind wahrscheinlich hier komplett versammelt, um Karten zu spielen, was das Zeug hält.

20170227_144752

Gestärkt und wohlig entspannt steigen wir wieder auf die Räder. Sineu ist der nächste Stopp. Peter hat mir schon bei der Anfahrt von der Radrennbahn erzählt, und so biegen wir am westlichen Ortsrand ab zum Velodromo del Tirador.“Die Piste mit den Steilwandkurven wurde 1903 eingeweiht, es war die Erste ihrer Art in ganz Spanien – ein Hinweis auf die große Bedeutung des Radrennsports in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts auf Mallorca. Das dazugehörige Vereinsheim von „Veloz Sport Balear“ stammt von 1918 und ist ein Werk des bekannten Architekten Gaspar Bennàssar, der unter anderem auch die Stierkampfarena gebaut hat.“  So ist es im Mallorca-Magazin von 2015 zu lesen. Erst im Jahre 2016 wurde die verfallene Betonbahn komplett restauriert und jedermann wieder zugänglich gemacht.

Also: rauf auf die Bahn, Randonneure!P107071420170227_154650P1070722

Nach ein paar Testrunden auf der 333 Meter langen Bahn begeben wir uns wieder auf das echte Randonneursterrain – die Straße. Immer mit der 3, manchmal auch mit der 4 vorn auf dem Tacho fliegen wir nach Hause. P1070724

Die Silhouette von Muro lassen wir hinter uns, dann taucht schon Can Picafort auf. Das Abendessen wartet.

Deutschboden finden

Eisig und saukalt ist es an diesem Dienstagmorgen. „Bei minus 8 Grad sollte man keinen Sport treiben“, mahnt mich meine bessere Hälfte. Ist ja auch kein Sport, wir fahren nur ein paar Kilometer durch die Winterlandschaft, ganz locker, ganz ruhig, beruhige ich. Heute starten wir in Frohnau und rollen nach Norden aus der Stadt hinaus. Invalidensiedlung, Birkenwerder, Lehnitz. An der Lehnitzschleuse biegen wir auf den Kanal-Radweg ein.p1070250

Hier bekommen wir einen ersten Vorgeschmack von Schneeglätte und Eis. Meine Crossreifen greifen gut, Peter ist mit den 4Seasons unterwegs, da ist Konzentration gefragt. 20170117_104216

Schaut her, ihr auf dem warmen Sofa sitzenden, daheim gebliebenen. So schön kann ein Wintertag auf dem Rad aussehen. Vorausgesetzt, die Füße stecken in warmen Winterschuhen – ich habe heute sogar noch Überschuhe drüber gezogen – und die Hände sind geschützt.

p1070253

Auf dem Weg über Malz nach Neuholland wird das Fahren abschnittweise ungemütlich. Dort, wo die Sonne nicht mehr hinscheint, liegen 5 cm Schnee, und drunter lauert blankes Eis. Erleichtert biegen wir nach Norden auf die Nassenheider Chaussee ein. Hier sind zwar die Autos unterwegs, dafür ist die Straße griffig. Wir fangen an, die herrliche Wintersonne zu genießen. p1070259

Die Stadtkirche von Liebenwalde trägt unverkennbar die Handschrift Schinkels und ist ein echter Hingucker im auch drumherum gepflegt aussehenden Städtchen. Nach Osten hin verlassen wir Liebenwalde – unwiderstehlich zieht uns unser Lieblingsbäcker im Örtchen Hammer an. Genau um 12 Uhr lehnen sich unsere Crosser am  Geländer vor der Bäckerei  Kowsky an.20170117_120140

Aufgewärmt und gestärkt von Kaffee und Apfelstreusel, komme ich auf die Idee, Peter den direkten Weg nach Zehdenick vorzuschlagen – durch die Schorfheider Wälder. Reichlich 20 Kilometer über verschneite und von Autos eisig gefahrene Waldwege führt der Kurs. Schlingerkurs! Schlitterkurs! p1070269

Wir machen unsere Späßchen und lenken uns von der realen Gefahr, hier unsanft auf das Eis zu knallen, einfach ab. Das hilft. p1070278Wieder einmal wollen wir Zehdenick einen Besuch abstatten, um ganz genau hinzuschauen. Warum? Weil der Randonneursfreund Wolfgang den Film „Deutschboden“ in der RBB-Mediathek entdeckt hatte. Deutschboden spielt in Zehdenick, das im Film „Oberhavel“ heißt. Deutschboden . Moritz von Uslar hat nach seiner dreimonatigen Auszeit in Zehdenick ein wunderbares Buch geschrieben und dann daraus einen überaus sehenswerten Film gemacht.fullsizeoutput_2c5a.jpeg

An der Hauptstraße in Zehdenick finden sich einige „Sehenswürdigkeiten“

fullsizeoutput_2c5b.jpeg

Hier gab es mal Cocktails „Do – 2 für 1“ . Schade, schade, heute scheint das Etablissement geschlossen zu sein. Weiter also – hin nach Deutschboden.

Aber wo, verflixt, ist dieser Ort zu finden. Im Nordosten von Zehdenick im Wald soll er sein. Kein Verkehrsschild, kein Wanderhinweis… Aber mein Garmin kennt Deutschboden!  Fünf Kilometer noch, dann kommt der Abzweig nach Vogelsang, und wir stehen wieder mal im Wald. Mein  Oregon  weist uns auf einen vereisten Pfad. Noch 500m bis Deutschboden. Und dann das Schild „Vogelsang“. Nix mit Deutschboden. Wer irrt sich hier? Das Oregon? Oder hat jemand das Ortsschild abgeschraubt? fullsizeoutput_2c5c

Wir stehen 45 m entfernt vom „Zentrum“. Wir sind am Ziel. Ein Haus, ein Zaun und Keramik auf den Pfählen. Kunst im Wald – in Deutschboden.20170117_141848.jpg

Und hier ist zu lesen, wie es zum Ortsnamen kam: p1070292

Wer es also ganz genau wissen will, der möge schauen.

Erschöpft von soviel Suche, soviel Kultur, soviel Wald und Eis, zieht es uns gen Templin. Dort ist unsere Kanzlerin aufgewachsen, dort können wir uns womöglich stärken und aufwärmen. Vogelsang, Hammelspring, und dann ein Hinweisschild: „Chocolaterie“. Hier im Outback? Eine Chocolaterie? Ja, und was für eine:

Das Versprechen „Die Beste! heiße Schokolade in ganz Europa und Übersee“, klingt vollmundig. Tatsächlich genießen wir in Hammelspring ein wahres Schokoladen-Doping. Heiß, gehaltvoll, wunderbar im Geschmack. Köstlich! Ein Top-Tipp in Berlin-Brandenburg.

Leichten Fußes rollen wir die nächsten Kilometer nach Templin. Die Sonne im Rücken. Bestens gelaunt. Durch das mittelalterliche Berliner Tor schieben wir die Räder in die Stadt. 20170117_154715

Die 1735 Meter lange, sehr gut erhaltene Mauer aus dem 13.Jahrhundert ist sicher das beeindruckendste Bauwerk der alten Stadt. Drinnen fahren wir zunächst auf den Rathausplatz, auf dem gerade die letzten Stände des Wochenmarktes abgeräumt werden. p1070319

Das Rathaus, ein prächtiger Barockbau aus dem Jahre 1751.

Wir streben weiter in den tiefer gelegenen Teil der Stadt, wo uns schon von Ferne der Kirchturm der Maria-Magdalenen-Kirche anleuchtet.p1070331

 

p1070344

Auch die Kirche ist ein Barockbau und datiert aus dem Jahre 1749.

Wir reißen uns nur schwer los und schlagen den Weg zum Bahnhof ein. Und nochmal beeindruckt uns die Stadtmauer. Diesmal garniert mit einem vornehmen Krawatten-Schneemannp1070347

Noch 300 Meter bis zum Stadtbahnhof. Der ist mittlerweile „umgenutzt“ zu einem Imbiss mit Kneipe und anhängender Bahnhaltestelle.

p1070349

Wenn schon kein Bahnhofsgebäude alter Prägung mehr benötigt wird, dann lasse ich mir diese Art der Umgestaltung gerne gefallen. fullsizeoutput_2c5e

Die Zugbegleiterin der ODEG ist freundlich und erträgt mit Fassung unsere Schneemaschinen, die im warmen Waggon ihre Eislast in Schmutzwasser verwandeln.

Hundert Kilometer blauer Himmel, erfrischende Luft, Naturgenuss vom Feinsten. Freundliche Menschen.

Und um es mit Moritz von Uslar zu sagen:

„Ich will dahin, wo Leute in strahlend weißen Trainingsanzügen an Tankstellen rumstehen und ab und an einen Spuckefaden zu Boden fallen lassen!“

 

 

Vor sieben Jahren – eine Dezembertour: Kälte, Wind, Sonne – Herbstkilometer

Winde wehen kalt

Tage schlafen schneller ein

Wasser friert zu Eis

Sonntag will ich zu meiner Abschlusstour starten. Der Winter steht vor der Tür, und die Schönwetterfenster sind selten. Bis Mittwoch soll die Sonne lachen. Also starten – hinein in die kalte Luft, hinein in die frierende Landschaft. Noch einmal Sauerstoff und Sonnenstrahlen tanken.

Im Spätherbst sieht eine Etappentour anders aus als im Sommer. 200 Kilometer sind nicht mehr im Hellen zu fahren. Es kann empfindlich kalt werden. 150 Kilometer sollten aber machbar sein pro Tag. Mein Plan sieht vor, ab Brandenburg in drei Etappen ins Sauerland, meine alte Heimat, zu fahren. Abends ein Hotel anlaufen, gut essen und trinken, und am nächsten Tag mit dem ersten Licht wieder auf die Straße.“ Wetteronline“ verspricht Sonne – aber auch mit nach Ost drehendem Wind knackige Kälte bis minus 6 Grad. Winterausrüstung ist gefragt: Mein Endurace rollt auf Conti 4Seasons 25/28mm, Die Supernova E3 und das Taillight werden vom SONdelux mit Strom gefüttert. Eine 10000 mAh Powerbank steckt zur Sicherheit auch noch in der Tasche.  Auf dem Körper drei Schichten Kleidung – Assos-Shirt, Rapha-Brevet-Trikot, Gore Winterjacke. Dünne Handschuhe in dicken Roeckl Fingerlingen. Lange Winterhose von Sugoi, Winterschuhe Polaris MTB. Auf dem Kopf eine Wintermütze, um den Hals ein Buff zum Hochziehen über Gesicht und Nase.

So eingepackt habe ich schon manche lange Wintertour überstanden. Der Regionalzug bringt mich bis Brandenburg, dann geht es endlich los. Langsamer als ich geplant habe! Der Nordwest bläst kräftig und kalt ins Gesicht und bremst meinen Eifer. Viel mehr als 20 km/h sehe ich selten auf dem Tacho.

In Wusterwitz entdecke ich in einem verwahrlosten Park dieses Thälmann-Denkmal. Die Skulptur strahlt, passend zum Wetter, Eiseskälte aus. Also raus aus dem Gelände und warm fahren. fullsizeoutput_2ae7

In Burg zeigt der Wegweiser 1143 km nach La Roche-sur-Yon an und 335 km bis Gummersbach im Bergischen Land. Das liest sich doch ganz freundlich, wo ich doch nur  die Region des näher gelegenen Ziels anpeile. Die Sonne tut der Seele gut, Finger und Füße bleiben so eben auf angenehmer Temperatur. Wenn nur dieser fiese Gegenwind nicht wäre. fullsizeoutput_2ae8

Nach einigen überflüssigen Umwegen komme ich schließlich von Süden an der mächtigen Trogbrücke bei Hohenwarthe an. Hier wird der Mittelland-Kanal über die Elbe geleitet und seit 2003 mit dem Elbe-Havel-Kanal verbunden. Ich stehe staunend vor der 918 m langen Stahlkonstruktion, der längsten Kanalbrücke Europas.fullsizeoutput_2ae9

Und so sieht das von der anderen Seite aus. Blaues Wasser – blauer Himmel.

Am Mittellandkanal komme ich nur zäh voran. Der Weg ist mit feinem Split belegt, der Wind bläst auf der Deichkrone unbarmherzig. Also treten, treten, treten.

fullsizeoutput_2aea

In Gutenswegen in der Magdeburger Börde sind die Straßen wieder ordentlich glatt, und gegen den späten Nachmittag wird auch der Nordwest schwächer. Warum gibt es nur hier nirgendwo ein Café oder zumindest eine Tankstelle zum Aufwärmen und Kalorien tanken?

In diesem Landstrich bis hin nach Helmstedt erstreckt sich eine wahre  „Service-Diaspora“. Dafür endet jeder zweite Ort mit -leben. Dieses Kürzel bedeutet soviel wie “ Überbleibsel, Hinterlassenschaft, Rest“. Es hat also mit Leben , wie „Leib und Leben“, nichts zu tun. So kann ich es beim Namensforscher Udolph nachlesen. Bis Königslutter will ich heute noch kommen und dann im „Alten Brauhaus“ nächtigen. Bis dahin muss ich noch reichlich viele Hügel hinaufkurbeln, manchen Wald durchqueren und drei Stunden lang auf die Lumen-spendende E3 Leuchte vertrauen. Als ich gegen 19.30 Uhr im Brauhaus nachfrage, bekomme ich erst ein freundliches Ja auf meine Zimmernachfrage und dann doch noch die Absage des Hotelbetreibers. Will der keine Radfahrer??? Ich bin leicht frustriert und suche weiter. Eine halbe Stunde später werde ich im „Avalon“, einem typischen Tagungshotel an der Straße nach Braunschweig,   fündig. Freundliche Menschen, gute Dinkel-Pasta, leckeres Warsteiner Pils. Alle Mühsal des Tages ist vergessen. Und 150 Kilometer stehen auch zu Buche.

Klarer Himmel, Minus 4 Grad, gute Laune nach reichlichem Frühstück! Start um 9 Uhr in Richtung Braunschweig und Hildesheim. Locker geht es voran. Heute ist der Wind gnädig. Er schiebt sanft, bringt aber noch mehr Kälte mit sich. p1060853fullsizeoutput_2aec

Rauhreif auf den Radwegen, und am Ampelschalter schmilzt das Eis nur langsam weg.

fullsizeoutput_2aeffullsizeoutput_2af0

Zuckerfabriken und Kraftwerke als Orientierungspunkte in der Hildesheimer Börde.

fullsizeoutput_2af2

Mein Endurace steckt die Beladung spielerisch weg. Am Oberrohr hängt neuerdings eine Tasche von „Burgfyr“ aus Hamburg. Sie passt genau ins vordere Rahmendreieck und lässt noch Platz für die hintere Trinkflasche. Klasse und wertig gemacht.  Ein neues Ausrüstungsteil der Kategorie „Randonneurs-best“.

Um die Mittagszeit erreiche ich Hildesheim. Hier will ich irgendwo einkehren und mich aufwärmen. Doch: diese Stadt will mich einfach nicht. Schon vor zwei Jahren hatte ich mich fast bei einer Schienenquerung lang gelegt. Dieses Mal habe ich übel geflucht über die mäßige Radweg-Beschilderung. Und die genau so bescheidene Radweg-Qualität in der Stadt. Irgendwann will ich nur noch raus nach Westen. Nach 10 Kilometern finde ich eine Tankstelle, in der ich einen riesigen Milchkaffee, ein Brötchen und eine Bockwurst vertilge. Kein Genuss, aber hilfreich für Körper und Seele. Die nächste Stadt am Track ist Hameln, das ich im späten Nachmittagslicht erblicke. fullsizeoutput_2af6

Ein riesiges Besteck am rumpeligen Radweg, aber nichts zum Speisen.

fullsizeoutput_2af7

Hameln wirkt bei der Einfahrt aus Osten wie eine Ruhrgebietsstadt. Trist und grau und abgeschabt. Kann sein, dass ich der Rattenfängerstadt Unrecht tue. Schließlich habe ich die historische Altstadt links liegen lassen. 150 Kilometer sollen es auch heute noch werden. Und deshalb muss ich einfach weiterfahren – hinein in die Dunkelheit. Und hinein in die Hügel des Weserberglandes. Warm wird es beim Kurbeln, und nach zwei Stunden stehe ich vor dem Bahnhof von Steinheim. Über Paderborn geht ein Zug nach Soest. Das ist verlockend. Schließlich ist die alte Stadt für einen sehenswerten Weihnachtsmarkt bekannt. Und die Aussicht auf 90 Minuten wärmende Kilometer im Regionalzug ziehen mich hinein in den Bahnhof.

In Soest steige ich gewärmt und ausgeruht aus und schaue mich im Internet nach einem geeigneten Hotel um. Schnell ist das „Am Wall“ gefunden. Und beim Finden des direkten Weges dorthin ist mir ein Ehepaar behilflich, das auch großes Interesse an meinem Rad und meiner Ausrüstung zeigt. Was ist das für eine Lampe, woher kommt die Tasche… Ich werde gelöchert. Von Markus, der auch engagiert Rennrad fährt, wie sich im weiteren Gespräch herausstellt. Gegen 19 Uhr checke ich im Hotel Am Wall ein und nehme mein Endurace mit aufs Zimmer. „Nie ohne mein Pferd“. Neben dem Bett hat es das treue Gefährt warm, und es muss sich nicht vor Dieben fürchten.

Ich dusche, ziehe mich um und bin 20 Minuten später auf dem Weg zum Altstadt-Weihnachtsmarkt. fullsizeoutput_2b04Hier werden zwar schon „die Stühle hochgeklappt“, aber einige Buden bieten noch Glühwein und Bratwurst an. Ich ziehe es vor, im „Wilden Mann“ einzukehren. img_1121In diesem urigen Gasthaus bekomme ich leckeres Krombacher und dazu Grünkohl mit Mettwurst. Die riesige, wohlschmeckende Portion schaffe ich trotz Kaloriendefizit nicht ganz. Zufrieden und satt schlüpfe ich um 23 Uhr unter die warme Bettdecke.

Am nächsten Morgen zeigt das Thermometer Minus 6 Grad. Ursprünglich wollte ich heute noch eine Etappe von ca. 110 km über Werdohl nach Meschede fahren. Mal sehen, wie sich die Kälte anfühlt. Um 9Uhr sitze ich wieder im Sattel. Den Buff habe ich über Mund und Nase hochgezogen. Der Giro „Air attack“ mit seinem Visier ist ideal geeignet, Stirn und Jochbeinregion vor dem kalten Luftstrom zu schützen. Ein Aero-Helm als Kälteschutz!

img_1123

In Soest ist das Radfahren sehr angenehm, auf guten Radwegen geht es entspannt hinaus der Stadt nach Süden in Richtung Möhnesee. Der Haarstrang bringt ein paar Höhenmeter, die etwas anstrengen, aber auch den Körper wohlig durcharbeiten lassen und wärmen. Auf der Südseite führt der Track wieder hinunter ins Möhnetal. Erst jetzt spüre ich die beißende Kälte. Das erste Mal auf dieser Tour bekomme ich kalte Finger und kalte Zehen. Im Schatten zeigt der Sigma minus 7 Grad. Das Tal bekommt den ganzen Tag über keinen Sonnenstrahl ab. fullsizeoutput_2af9

So sieht ein kalter Morgen aus.

fullsizeoutput_2afb

Und so die kalte Ruhr.

In Neheim-Hüsten beschließe ich, meine Etappe abzukürzen und auf direktem Wege nach Meschede zu fahren. Nochmal mehr als 100 km bei Minusgraden sind mir heute zu ungemütlich. In Meschede wartet ein köstliches, warmes Mittagsmahl auf mich. Und ein herzlicher Empfang noch dazu. Wenn das kein Grund ist, heute ausnahmsweise auch einmal mit 60 Km zufrieden zu sein. Den Tag und den Abend genieße ich in der alten Heimat.

Am nächsten Morgen bringt mich die Bahn – mit ein paar Verspätungen und Umwegen – aber letztlich sicher, nach Berlin zurück. Und in Dortmund mache ich in der 2 Stunden-Umsteigepause einen Currywurst-Test. Ergebnis: Preis-Leistung-Geschmack vorzüglich.

IMG_1130.JPG

Weihnachten kommt bald! Und damit auch wieder die „Festive 500“. Bis dahin werde ich mich mit kurzen Einheiten fit halten. Eine Winterpause gibt es nicht.

Wie hat Albert Camus doch geschrieben:

“In the midst of winter, I found there was, within me, an invincible summer“.

Schorfheide im Herbstkleid

p1160629Der nahende  Winter wird die Farben bald aus Wald und Feld herauswaschen. Heute lacht noch einmal die Herbstsonne, ein kleines Hoch bringt Kälte, aber auch blauen Himmel und lockere Cumulusbewölkung. Nach Norden am Oranienburger Kanal entlang lotse ich Peter und Wolfgang durch den drei Grad kühlen Morgen. Hohen Neuendorf- est? Da ist wohl ein Buchstabe heruntergefallen. Auch dieser Bahnhof fristet ein kümmerliches Dasein, wie so viele andere, die ihre ursprüngliche Funktion verloren haben – kein Service, nur ein einsamer Ticketautomat beim Wartehäuschen. Das Gebäude gammelt verlassen vor sich hin und ist zur Leinwand für die Graffiti-Sprayer geworden.p1160633p1160634

Gegenüber die reine Idylle. Zumindest in diesem Eckchen des Ortes möchte ich nicht lang verweilen. Ein Grund mehr, bei Borgsdorf auf den Kanalweg zu wechseln.

p1160642

Hier sind zwar ein paar Hindernisse für die Crosser eingebaut, aber schön ist es hier. Die Bäume spiegeln sich im Wasser und strahlen uns mit ihren verbliebenen Blättern an.p1160651

Nach der Querung von Oranienburg von West nach Ost gelangen wir zum Oder-Havel-Kanal. Der Radweg ist einer der schönsten, die ich kenne. Als Teil des Fernweges Berlin-Kopenhagen ist er auch gut beschildert und gut zu finden. Unsere Laune könnte nicht besser sein. Abwechselnd rufen wir uns unsere Begeisterung für die herrliche Natur zu. Das muss einfach raus! fullsizeoutput_2a70

Auf dem Abschnitt von Neuholland nach Liebenwalde durchschneiden kilometerlange Pappelalleen die Felder. Gelbgrün heben sich die Baumspitzen vom blauen Himmel ab. Graugänse und andere nach Süden reisende Federtiere sitzen zu Hunderten auf den Feldern und genießen die Sonnenstrahlen.

p1160667fullsizeoutput_2a6fp1160670

An der Bäckerei Kowsky in Hammer bei Liebenwalde kommen wir nie ohne Halt vorbei. Zu lecker schmecken Mohn- und Apfelkuchen. Nebenbei: Hier wird noch mit selbst gemachtem Natursauerteig gebacken. Meister Beuster beherrscht sein Handwerk, und die Verkäuferin macht ihren Job ganz offensichtlich gerne.

p1160672

An der Wand hinter der Sitzecke sind allerlei Informationen aus dem Örtchen zu finden. Diese Bäckerei ist offensichtlich Treffpunkt der Einwohner zum Kaufen und zum Klönen.

p1160675

Am Abzweig nach Liebenthal hat sich ein unbekannter Künstler eine Landschaftsszene an die Hauswand gemalt. „Kunst am Bau“.p1160679fullsizeoutput_2a6bfullsizeoutput_2a71

Nach Osten führt unser Weg nach Groß Schönebeck – durch lange, leuchtende Eichenalleen. Da lacht das Herz der Randonneure.

p1160700p1160709

Der Gasthof Schorfheide bittet zum Wildbuffet. Kein Wunder, um Groß Schönebeck herum werden auch jetzt noch reichlich Wildschweine, Rehe und Hirsche gejagt. Von 1871 bis 1918 jagten die drei deutschen Kaiser Wilhelm I., Friedrich III. und Wilhelm II. in der Schorfheide. Eine Ausstellung im Jagdschloß zeugt von dieser Zeit, beherbergt aber auch eine Ausstellung über Max Schmeling, den großen Boxer, Naturliebhaber und Jäger. Auch Hermann Göring hat von hier aus seine Jagdausflüge gestartet. Aber dazu gleich mehr, wenn wir in Eichhorst einrollen.p1160715p1160718

Randonneure beim Bändigen eines steinernen Wisent.

Der oben erwähnte Hermann Göring ließ 1934 dieses Relief vom Bildhauer Max Esser fertigen.“Einst zog uriges Großwild durch Deutschlands Wälder seine Fährte. Jagd war Mutprobe unserer germanischen Vorfahren. Im Jahre 1934, unter Reichsjägermeister Hermann Göring, entstand an dieser Stelle ein Urwildgehege. Wisent, Auer, Elche, Wildpferde, Biber und anderes Getier fanden darin eine Freistätte und sollten Zeugnis geben von dem Tierreichtum des einst von Menschen noch nicht beherrschten Deutschland!“ So ist es, pathetisch geschrieben,  auf der Rückseite des Denkmals zu lesen.

Das ursprünglich eingearbeitete Hakenkreuz wurde weggemeißelt. Aber immer noch wirkt der Tonklotz wie ein Relikt aus der Zeit des Dritten Reiches.

p1160723fullsizeoutput_2a64

Wolfgang führt uns auf den Radweg zur Schleuse Rosenbeck und dann zum Schleusengraf in Marienwerder. Hier kann man während der Saison gut eine Rast einlegen und es sich bei Bier und leckeren Happen gut gehen lassen. Heute verschmähen wir das Angebot und fahren weiter auf dem Radweg Berlin – Usedom nach Biesenthal und dann nach Bernau. p1160749p1160758

In Biesenthal ist das Café Auszeit eine gute Adresse, nur, wir haben uns die Pause hier noch nicht verdient, also bleibt es beim Schauen. Dann ab durch den Wald nach Bernau. Ein paar fiese Bodenwellen zwacken richtig in die Oberschenkel. So soll es sein! P1160759.JPG

Und in Bernau kehren wir ein im „Leiterwagen“. Das Bier schmeckt, der Lachs auch.

Peter muss noch nach Potsdam, und wir finden eine passende Verbindung  vom Startort aus. Also wieder zurück auf „Los“. Hin zum Bahnhof Hohen Neuendorf-West. 18.26 Uhr fährt der RB nach Potsdam. p1160760

Hier schließt sich der Kreis für heute. 120 Kilometer. Sonne, Licht, Farben, herrlicher Herbst. Es hat gut getan.

Artfahren und dann das Tommasini taufen

Sonntagmittag – die Sonne kämpft sich durch Herbstnebel und -wolken. Wie wäre es, einen Ritt in die große Stadt hinein zu wagen und auf Skulpturensuche zu gehen. Das flüstert mir mein Basso nach dem Frühstück zu. Also Trinkflasche gefüllt, Kamera eingepackt, und ab geht es nach Tegel. Im Humboldthafen schwimmt noch ein stählerner Wal herum, der noch abgelichtet gehört. Ist das Kunst?

p1060631

♣︎ Die Figur stammt von dem amerikanischen Architekten Charles Willard Moore (1925 – 1993). Der Vertreter der Postmoderne gewann den 1980 ausgeschriebenen Wettbewerb der Internationalen Bauausstellung für sein Konzept der Gestaltung einer Freizeit- und Wohnanlage am Tegeler Hafen mit Flachwasserbecken und Neubaugebiet rund um den Hafen. Und seitdem schwimmt er nun im Humboldthafen und dient als Landeplatz für Tauben und Ankerplatz für Enten.

Brot ist schädlich für Tiere und Gewässer, kann ich auf dem Schild vor dem Wal lesen. Da werde ich dem Tier mal nichts zu fressen geben.

Am Landwehrkanal entlang rolle ich in Richtung Westhafen und Beusselbrücke. fullsizeoutput_2a37  ♣︎ Hier steht  „Multiple Fork“ des Schweizer Bildhauers Schang-Hutter. 1991 wurde diese Stahlskulptur an beiden Enden der Brücke spiegelgleich aufgebaut.

Die Auffahrt zur Brücke ist an diesem Sonntagmittag gesperrt. Notarztwagen, Polizeifahrzeuge, ein Kamerateam, um den „Tatort“ genau zu erfassen. Hier ist wenige Minuten vor meiner Vorbeifahrt eine Radfahrerin von einem zum Westhafen abbiegenden Sattelschlepper überrollt worden. Unter einer Plane kann ich noch das Hinterrad erkennen. Ein Menschenleben wurde hier von einem achtlosen Lkw-Fahrer abrupt beendet. Heute habe ich das im Tagesspiegel lesen können. Und ich rolle da ahnungslos vorbei und lasse mich von der fahlen Herbstsonne wärmen… Trauer und Nachdenken!

Nicht wissend, was da passiert war, fahre ich weiter zum Ernst-Reuter-Platz. Auf der Suche nach der „Flamme“ von Bernhard Heiliger. fullsizeoutput_2a18

♣︎ Diese gewaltige Bronzeplastik hat Bernhard Heiliger 1963 zum Gedenken an Ernst Reuter geschaffen. „Friede kann nur in Freiheit bestehen“, dieses Reuter-Zitat ist in die Steine vor der Bronze eingelassen. Ich mache reichlich Fotos, denn aus jedem Winkel sieht die Flamme anders aus. Faszinierend.

fullsizeoutput_2a35♣︎ Gegenüber, vor dem Hochhaus für Bergbau-und Hüttenwesen, stehen die „Wachsenden Flügel“ von Karl Hartung. Da war wohl noch etwas Bronze übrig. Aufgestellt wurden die Flügel zeitgleich im Jahre 1963. Und mittendrin im Reuter-Rund steht im Wasser ein überdimensionales Mikado aus Edelstahl oder Aluminium.p1060646

♣︎ Eine Installation im Rahmen des Projekts, „Berlin leuchtet“ 2016: Der Brunnen und die dortige Wasserfontäne wurden von dem Künstler Dietmar Korth durch farbliche Animationen in ein Lichtkunstwerk verwandelt. Das verwendete Lisamaterial lässt 15 % UV-Licht durchwandern und streut an den Kanten 85 % ab, dadurch wirkt es schon bei wenig natürlicher Lichteinstrahlung wie von innen beleuchtet.

p1060659Um die nächste Ecke herum wartet das nächste Kunstwerk:

♣︎ Otto Herbert Hajek: Stadtzeichen (Raumzeichen) (1972-74)

Werke mit den Bezeichnungen Stadtzeichen und Raumzeichen sind in Stuttgart und neuerdings auch in Potsdam zu sehen. Hajek muss ein arbeitswütiger Bildhauer gewesen sein. Bis zu seinem Tode im Jahr 2005 zählt sein Werkverzeichnis hunderte von Schöpfungen auf. Hajek-Findbuch:

Stahl, 4 m hoch; Fasanenstraße 87, vor dem Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung, Dienstsitz Berlin

Szenenwechsel! Die beiden Peters sind heute parallel zu mir unterwegs auf einer Runde durch das Havelland. Schon früh sind sie gestartet und haben  dem „Café Backwahn“ in Päwesin einen Besuch abgestattet. Jetzt sind sie wieder auf dem Wege nach Werder. Dort wollen sie zünftig anstoßen auf das neue, prächtige Tommasini-Stahlgerät von Peter W. Kann ich mir das entgehen lassen? Nein! Also schaue ich in die DB-App und sehe, dass um 14.17 Uhr ein Regionalzug vom Bahnhof Zoo nach Werder fährt. Das passt! Also nichts wie zum Bahnhof gerollt. Dabei komme ich noch an einer interessanten Plastik vorbei – aus Plastik! p1060653

♣︎ „Polyester, schwarz„, 250 x 650 x 350 cm, dreiteilig. 1983 aufgestellt. Standort: vor dem Konzertsaal der Universität der Künste, Fasanenstraße / Ecke Hardenbergstraße, Berlin-Charlottenburg, geschaffen von Hans Nagel. Schönheit entsteht bekanntlich im Auge des Betrachters… Und nutzbringend ist dieses Werk allemal: Als zünftiger Beistelltisch für Prosecco und andere alkoholische Getränke.

In Werder/Havel spuckt mich der Regionalzug aus, und ich orientiere mich in Richtung Wachtelberg. Dem Weinberg in Werder, aus dem trinkbare Weißweine kommen. Und mit Weißwein soll das neue Tommasini von Peter getauft werden.fullsizeoutput_2a32

Vor dem nicht ganz so modernen, aber klassisch angehauchten Kino von Werder –“Scala“– warte ich auf die beiden Peters. Das Basso lehnt sich an die lackierten, leicht ramponierten Betonstufen. Nach zehn Minuten kommen die beiden um die Ecke, und Peter führt uns zum Wachtelberg. Das Tommasini glänzt wunderbar, dem Randonneur Peter glänzen die Augen vor Besitzerglück.

Das blitzende Stahlgerät fühlt sich wohl zwischen den Rebstöcken. Vielleicht hat es das Gefühl, im Piemont zu weilen, wo seine Artgenossen so häufig anzutreffen sind.

p1060682

Eingerahmt vom alten Basso-Crosser und dem noch jungen Genesis-Edelstahlgerät zeigt es stolz seine Campa-Record-Elektronikschaltung. ( Das Tommasini kann im Finish locker mit einem Jaegher mithalten. Genauso verhält es sich mit dem Kaufpreis für das edle Teil.)p1060685

Und der frische Besitzer berauscht sich am Duft der gelben Rosen im Weinberg…

fullsizeoutput_2a1f

Die Weintiene am Wachtelberg hat schon das Saisonende ausgerufen. Wir können nur den Blick über die Rebhänge genießen, nicht aber den leckeren weißen Wein. Also runter auf die Werder-Insel. Dort kennt Peter ein Restaurant mit Sitzplätzen auf Pontons im Wasser.

Dekoration mit Kerze und Sattel

Peter ordert das  Taufgetränk

p1060717

Anstoßen auf Luigi Marco Francesco … Tommasini – und viele gemeinsame Kilometer.

fullsizeoutput_2a2a

p1060712

Und dann fahren wir irgendwann wieder  nach Hause. Hinein in die Dunkelheit.

Herbstluft – fallende Blätter – feuchter Waldboden – frisch geschlagenes Holz duftet. img_1063

Ein Fliegenpilz reckt keck sein Haupt durch das gefallene Birkenlaub.

 

It´s a long way – So lang können 270 Kilometer sein

Das Zeitfahren von Hamburg nach Berlin hat sich immer stärker etabliert. Wer nicht zügig die Anmeldung auf den Weg bringt, hat das Nachsehen. So sind auch dieses Mal die begehrten Startplätze nach zwei Tagen ausgebucht. Was ist so reizvoll an „HH-B“? Der Wind, der häufige Regen, die schlammigen Wirtschaftswege der Dannenberger Marsch? Oder doch mehr die Gesellschaft  leicht verrückter Radsportler, die sich am Ende der Saison noch einmal so richtig die Kante geben wollen? Oder ist es das gleichsam professionell agierende wie warmherzig-freundliche Veranstalter-Team um Burkhard Sielaff ? Etwas von allem muss es sein, schätze ich.

Samstag, 15.Oktober, 06.59 Uhr. Das ist unsere Startzeit. Peter, Peter und ich wollen das Abenteuer angehen. Wolfgang, der ursprünglich Vierte im Bunde hat sich eine Virusinfektion eingefangen und kann uns deshalb nur mental seine  Unterstützung bieten. Am Freitag ist Anreisetag: Vier Stunden im Regionalzug bis nach Hamburg-Bergedorf. Ungefähr dreimal so viel Zeit werden wir in der entgegengesetzten Richtung per Rad benötigen. Wenn es gut läuft.

p1060557
Peter W. holt zur mentalen Vorbereitung ein Fotoalbum vergangener Heldentaten aus seinem Rucksack. Brevets und Ultra-Brevets in Serie… und morgen werden es nur 275 km sein. Lächerlich!

p1060559
Neben der Psyche braucht auch die Physis Nahrung: Peters Frau hat köstliche Muffins gebacken. Ungemein lecker!

Im Hotel in Bergedorf beweisen wir dann noch unsere Qualitäten als „Genießer-Randonneure“. Seeteufel, Erdbeeren auf Mascarpone, dazu köstlicher Rotwein. Wenn sich Chris Froome ein solches Mahl am Vorabend eines Zeitfahrens gegönnt hätte – sein Teamchef hätte ihn wohl suspendiert. Wir hingegen  frönen sauberen Gewissens nach dem Goethe-Plädoyer „Das Leben ist viel zu kurz, um schlechten Wein zu trinken“, den Gaumenfreuden. Am nächsten Tag haben wir reichlich Gelegenheit, die eingefahrenen Kalorien wieder „wegzutreten“.

Um fünf Uhr in der Frühe ist die Nacht herum. Duschen, rein in die Radklamotten und ab auf die ersten acht Kilometer in den noch finsteren frühen Morgen zum Alten Fährhaus in Altengamme. Hier ist der Start für HH-B. Hier haben Burkhard und sein Team ein ordentliches Frühstück für die 300 Starter vorbereitet.

p1060564
In diesem heimelig beleuchteten Pavillon holen wir unsere Startnummern ab

Dann klettern wir die Stufen zum Alten Fährhaus hinab, gönnen uns Rührei, Schinken, Brot und und … junge wilde Sportler,  alte ergraute Recken drängen sich friedlich am Buffet, während die ersten oben auf dem Deich schon über die Startlinie rollen.

Hast du den richtigen Track im Navi aufgerufen, Beleuchtung o.k., Trinkflaschen gefüllt, Snickers in der Trikottasche, Regenjacke dabei … gut. Dann kann es losgehen.

p1060566

„BB-Randos“ – unser Dreierteam wird aufgerufen, und schon sind wir unterwegs in die feuchte Kälte des Morgens.

161015_0659_hhb_0085
Foto: Burkhard Sielaff

Warmfahren! Als wir die Elbbrücke bei Geesthacht überqueren, fängt es an zu tröpfeln. Verdammt, der Wetterfrosch liegt richtig mit der Vorhersage: Ab sieben Uhr leichter Regen, und den bekommen wir schön genau von vorn vom Ostwind ins Gesicht geblasen. Spätestens hier werden die Starter mit Dreiviertel-Hosen und dünnen Windjacken sich fragen, ob das die richtige Ausrüstung für heute ist.

Artlenburg, Hittbergen, Bleckede – es regnet gleichmäßig, der Wind frischt auf. Fünfer-Teams, kleine Gruppen … die ersten Schnellen überholen uns. Peter entscheidet kategorisch, dass wir unser Tempo weiterfahren. Keine Windschattenhatz. Der Tag ist noch lang. Mindestens zweimal sind wir wieder vor den Schnellen, weil wir den kürzeren Track herausgefunden haben. Irgendwelche Vorteile dürfen Alter und Streckenkenntnis schließlich haben, frohlocken wir. Die Wellen hinüber nach Hitzacker beißen ordentlich in die Waden, der Ostwind bremst. So sind wir froh, nach regenfeuchten, lehmbelegten Wirtschaftswegen endlich die Elbbrücke bei Dömitz  zu erreichen.

p1060576

p1060573

Schön nass, schön windig! Aber, wie lautet die alte Erkenntnis: Es gibt kein schlechtes Wetter, nur ungeeignete Kleidung.

Als wir in der  Kontrolle in Dömitz einlaufen, habe ich beide Trinkflaschen geleert. Zwei Snickers sind auch schon im Magen gelandet. Meine Gore-Jacke ist vorne feucht vom Regen und hinten vom abdampfenden Schweiß. Ein klares Zeichen dafür, dass die ersten knapp 100 Kilometer eine kraftraubende Angelegenheit waren. 3 h 50 Min. – meinen 27er- Schnitt vom Vorjahr erreichen wir nicht annähernd. Trotzdem mussten wir dafür mehr arbeiten.

p1060596
Burkhard – souveräner Organisator – guter Laune und gegen die Unbill des Wetters geschützt

p1060590
Harter Kerl – ohne Socken bei sechs Grad!

p1060584
Mollig eingepackte Frauen frieren, Velomobil-Piloten schwitzen die Unterhemden durch

p1060594
Jung-Randonneur Ole kann noch lachen

p1060578
Der Quest-Fahrer hat ordentlich Feuer unter der Haube

p1060604
Und der Ruderclub Havel gönnt den Teams begleitenden Service

161015_1102_hhb_0263
Wasser marsch

161015_1052_hhb_0234
kniefrei

161015_1107_hhb_0276
Trockenhaube

Nach genau 15 Minuten Pause, Rosinenbrot, Vollkornstulle und Kuchen, gehen wir mit frisch gefüllten Trinkflaschen auf den zweiten Teil der Strecke. Es tröpfelt nur noch leicht, dafür wird der Gegenwind fieser. Wir fahren den Mini-Dreierkreisel. Jeder so lange vorn, wie er Luft hat. Lenzen, Lanz, Cumlosen und auf der anderen Elbseite Gorleben.

161015_1011_hhb_0127
Foto: Burkhard Sielaff

Über uns Schwärme von schnatternden Wildgänsen auf dem Weg in den sonnigen Süden. Schnurgerade Wege, Buschreihen, Deiche, riesige Weiden, Kühe und Reiher, Schafe und Rehe. Wo sind die Menschen geblieben? Doch, doch, es gibt sie noch hier in den Elbauen. Die riesigen Traktoren mit breiten, wummernden Reifen werden von Menschen gelenkt. Und sie machen uns Radlern freundlich Platz. Moin, Moin, mit der Hand an der Schiffermütze.

p1060610
kilometerlang immer geradeaus

Wie schön hätten diese Blumen bei Sonne geleuchtet! Heute liegt der graue Himmel wie ein Filter über den Feldern.

Peter hat Hunger, wir haben Hunger, Peter hat schon vorbereitend den McDonald’s am Westrand von Wittenberge in die Karte eingetragen. Den McD schon in Sicht, hupt uns ein mattgrüner, alter VW-Bulli aggressiv an. An der Ampel erkennen wir rechts und links aufgeklebte rotschwarze, eiserne Kreuze. Solche Autos beanspruchen offensichtlich gerne mal die ganze Straßenbreite. Peter W. lässt sich nur widerwillig in den McD locken. Wobei wir doch gelernt haben: Hier wirst du schnell satt, bekommst reichlich Kalorien in den Körper, und die Toiletten sind sauber. Was will der hungrige Zeitfahrer mehr?! Peter bestellt Pommes, der zweite Peter und ich lassen Steakhouse-Beef-Classic-Menues auffahren. Satt verlassen wir nach 15 Minuten den Fastfood-Tempel.

On the road again. Gefühlt verlaufen hier alle Wege geradeaus bis zum Horizont. Mal eine Allee, mal ein Teich, ein Kirchturm, eine Dorfstraße ohne Menschen, dafür aber gepflastert. Wir leiden. Die Trikots sind feucht von Regen und Schweiß, wir frösteln und schwitzen gleichzeitig. Zu lindern ist dieser Zustand erfreulicherweise durch beherztes Treten in die Kurbeln. Dann überwiegt die körpereigene Wärmeentwicklung die von draußen anrennende Kälte. „Berlin ist regenfrei“, tröstet uns der erkältungsverhinderte Wolfgang und schickt uns ein aufmunterndes „Ich leide mit euch“.

Wir rollen durch Havelberg, bestaunen den massigen, riesigen Dom. Und wieder weiter, immer geradeaus. Bei Gegenwind fühlt sich das doppelt lang an. Wo wir sonst locker mit 28-30 km/h unterwegs wären, zeigt der Sigma heute nur ab und an die 25. Von Ferne schon sehen wir den Fernmeldeturm von Rhinow, 101 Meter hoch und zu DDR-Zeiten als Abhörstation für Fernmeldegespräche gebaut. Einen heißen Kaffee könnten wir hier gut vertragen, doch wo bekommen? Kein Restaurant, keine Imbissbude lacht uns an. Kurz vor der Depression erinnere ich mich an eine kleine Tankstelle am Ortsausgang, an der ich schon vor vier Jahren mal einen Liter Apfelschorle getankt hatte. Gibt es die noch? Es gibt sie noch!

fullsizeoutput_29b6
Die tapfere Statthalterin dieser Container-Tankstelle war kurz „geschäftlich“ unterwegs

Dann spendiert uns Peter W. großzügig ein Veltins, das wir gierig aus Kaffeebechern schlürfen. Solchermaßen physisch und psychisch gestärkt, verlassen wir diese Stätte gen Westen. Und nicht vergessen, Lilienthal hat hier seine ersten Flugversuche gemacht, es gibt ein interessantes Museum und nebendran den ältesten Flugplatz weltweit zu besichtigen.

fullsizeoutput_29b7
Ein Nachbau des Lilienthalgleiters ist inmitten eines Kreisverkehrs aufgebaut

Der Wind lässt nach, die Sonne ist über dem Grau schemenhaft zu erkennen. Angenehm für Körper und Seele.  Unser Tritt ist zäh geworden, nicht mehr locker und leicht. Für die letzten 80 Kilometer werden wir unseren Durchhaltewillen aktivieren müssen. An einem leichten Anstieg, kurz nach Passieren des Lilienthal-Denkmals, erkennen wir vor uns einen Liegeradfahrer,  der bedenklich nahe an der Fahrbahnmitte unterwegs ist . Dann wird er langsamer, wir kommen näher, er schwankt und fährt in Schlangenlinien. Kurz bevor wir ihn erreichen, rollt er an den Straßenrand und nimmt die Füße aus den Pedalen. Das war knapp! „Ich habe wohl einen Hungerast und fühle mich nicht gut“, antwortet er auf unser besorgtes Fragen. Wir schauen uns ihn genau an, der Kreislauf scheint o.k. zu sein. Unser Snickers-Hilfeangebot schlägt er aus – er habe selber Schokolade und Süßes dabei und bedeutet uns, wir sollten ruhig weiterfahren. Mit gemischten Gefühlen lassen wir ihn zurück.

Friesack, Paulinenaue, Bienenfarm, wir sind im heimischen Trainingsterrain angekommen. Das Oregon hat seine Schuldigkeit getan, wir kennen uns aus auf den nächsten Kilometern. Peter hat noch eine schöne Umfahrung des Outletcenters in Wustermark erkundet – die ist sehr entspannend im Vergleich zur B5-Parallele. Mittlerweile ist es dunkel geworden. Die LED-Fluter erhellen die Fahrbahn. Und treffen am Stadtrand auf den Berliner Bären.

p1060614
Der Berliner Bär wird freundschaftlich getätschelt

p1060615

Die Berliner Radwege sind nicht vom Feinsten, aber das kennen wir ja. Ein paar Minuten noch, dann sind wir im Ziel. Bratwurst, heiße Suppe, Bier, geheizte Räume … das Paradies für Randonneure wartet.

die-drei-beim-fruhstuck
Am Start

fullsizeoutput_29b5
Im Ziel

Nicht schnell, aber geschafft ohne geschafft zu sein. Start 06.59 , Ziel 20.31 Uhr. Heute haben wir den Altersbonus in Anspruch genommen.

Eine klasse Veranstaltung haben Burkhard und das Team vom Audax Club Schleswig-Holstein auf die Beine gestellt. Chapeau! Danke sagen die BB-Randos.

 

Und ich bedanke mich bei meinem treuen Endurace und der wasserdichten Ortlieb, die wunderbar als Schutzblech taugt.

Nachtrag: 334 Fahrer gemeldet, 270 Starter, 236 Finisher