Festive 500

Festive 500 – zwischen den Tagen, also von Heiligabend bis Silvester mindestens 500 Kilometer auf die Straße bringen. Formal sind das acht Tage, in der Praxis bleiben fünf oder sechs. Die Familie möchte den Randonneur an den Feiertagen auch ab und an sehen. Nicht nur per Rad in die Natur und wieder den häuslichen Pflichten entfliehen.

 

Und hier ist meine Bilanz der Festive 2017:

24.12. – 51 km

25.12. – 118 km

27.12. – 150 km

29.12. – 154 km

30.12. – 33 km

1x richtig nass geworden

1x zwei riesige Hirsche bei Dreibrück gesichtet

1x den besten Kuchen des Havellandes in Päwesin genossen

1x die riesigste Portion Kesselgoulasch am Schiffshebewerk vertilgt

1x den unfreundlichsten Wirt des Jahres im Mendoza in Schwedt erlitten

506 Kilometer und 22 Stunden auf dem Rad.

Rund 13000 Kcal verbrannt, entsprechend 26 Tafeln Schokolade, 25 l Bier, 17 l Wein, 3,5 kg Pasta oder gar 32 kg Gemüse.

Merke: Radfahren sorgt auch bei weihnachtlichem Völlen für ein mächtig gutes Gewissen, es kommt eben auf die Dosis ( des Radfahrens) an.

Festive-Team 2017

Und weiter geht es in 2018 – regelmäßig, genussvoll, auch anspruchsvoll, manchmal auch schnell, eher aber laaang und laaangsam. Das tut der Seele und dem Körper gut.

 

HH-B – Zeitfahren at its best

14. August 2017, null Uhr. Ich sitze am Mac und versuche, mich für HH-B 2017 anzumelden. Es dauert, bis der Server von Audax-SH sich rührt. Nach 20 Minuten ist es vollbracht. Ich habe einen Startplatz.

Schon im Laufe des Montags ist HH-B ausgebucht. Wie heißt es doch: „The early bird catches the worm.“

Im Alt-Lohbrügger Hof haben Peter, Wolfgang und ich Zimmer gebucht und reisen am Freitag, dem 13. !! an. Per Flixbus, weil die Bahn schon alle Radstellplätze vergeben hatte. In drei Stunden von Alt-Tegel bis HH-ZOB. Der Busfahrer ist freundlich und humorvoll, flexibel auch noch, denn unsere Renner dürfen im Gepäckabteil sicher mitreisen. Und der Preis von 23 € für die Reise inklusive Radtransport ist unschlagbar.

Um kurz vor 20 Uhr stürzen wir uns in den Hamburger Stadtverkehr und rollen die 15 km bis Bergedorf. Auch sehr komfortabel, denn HH verfügt über breite Radwege, abseits der Hauptstraße. Ein Genuss! Auch im Hotel hat man ein Herz für Radfahrer – die Renner können wir sicher im Heizungskeller abstellen. Vorwärmen für das Zeitfahren am kommenden Tag. Unsere Startzeit um 7.40 Uhr erlaubt uns, um 6 Uhr ein komfortables Frühstück im Hotel einzunehmen: Müsli, Rührei, Marmeladenbrötchen. Die Randonneure stärken sich. Dann erstmal zum Warmrollen  8 km bis zum Startort Vierländereck in HH-Curslack. Milde Lüfte umspielen die gestählten Körper. Das Hotel Vierländereck ist im Vergleich zum bisherigen Startort am alten Fährhaus ein Komforttempel.

Start Vierländerhaus
Anstehen für die Startunterlagen

Das Team um Burkhard Sielaff und Michael Nagel hat eine perfekte Organisation auf die Beine gestellt. Wir bekommen unsere Teilnehmerschilder und eine Startkarte, die eingescannt wird.

Am Starttisch
Foto von Audax-SH

Hightech-Startzeitnahme per Handyscan. Um 7.40 Uhr gehen wir auf Kurs.

16 Grad warme Luft bringt der spürbare Südwestwind ins Land. Sehr angenehm. Wir ziehen die Jacken aus und fahren in Trikot plus Weste los. Einrollen, langsam beginnen. So haben wir uns das vorgenommen. Schließlich sind wir Oldies mit Durchschnittsalter 65. Nein, wir sind nicht geplagt vom Ehrgeiz, schnell zu sein, wir fahren nie schneller, als wir eigentlich sollen oder gar können. Uns reizt keine schnelle Gruppe, die vorbeirauscht –  Lüge! Es kitzelt natürlich doch, und ein paar km/h schneller als sonst sind wir schon unterwegs. Wolfgang wird anfangs von fiesem Asthmahusten heimgesucht. Wir sorgen uns schon, als er dann doch immer besser in Fahrt kommt. Gut so! Jetzt rollt es. Rüber über die unendlich lange Brücke bei Geesthacht, auf die Niedersachsener Seite. Gefühlt auf jedem dritten Bauernhof weht die Flagge des Landes. Da war doch was: Ja, es wird  am Sonntag gewählt.

Der Himmel gibt sich zunächst grau an diesem Morgen. Wildgänse schnattern über uns , Starenschwärme rauschen durch die Lüfte. Im Fachwerkstädtchen Bleckede locken die Marktstände zum zweiten Frühstück. Manche lassen sich bremsen und halten an beim Bäcker.

Wir freuen uns am gleichmäßigen Rollieren. Schön flach hier – aber es bleibt nicht flach. Die erste kleine Prüfung wartet auf dem rumpligen Waldweg bei Alt Garge. Ich habe den Track gebaut und übernehme die Verantwortung für das kleine Ungemach. Links und rechts liegen vom Sturm entwurzelte und geknickte Bäume. Unter einer flachgelegten Buche müssen wir hindurch und schieben. Gönnerisch halten wir einer herankommenden Gruppe das Absperrband hoch.

Von Neu-Darchau bis Hitzacker gibt es eine kurze und eine bequeme Trackvariante. Heute locke ich, überraschend für Wolfgang und Peter, die beiden  auf die Elbuferstraße. Kürzer, aber dafür mit einigen fiesen Rampen bestückt. 13 Steigungsprozente am Elberand. Wer hätte das gedacht?! Wir keuchen uns die Wellen hinauf, rauschen wieder ins Wellental und das Ganze noch ein paarmal. DSCN2252

Auf der Kuppe nach  einem kurzen 10-Prozenter hat Harald Legner  einen genauso unvermuteten wie schnuckeligen Versorgungsstand aufgebaut:P1090210

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Hamsterbacke – Gummibären geben Kraft

Wir keuchen uns aus und genießen Radler, Gummibären und Knabberzeugs. Harald spricht uns Mut zu: „Ihr seht doch noch gar nicht so kaputt aus.“ fullsizeoutput_3742

Ab geht es in die nächste Bodensenke mit 13 Prozent Gefälle – 70 km/h. Das fetzt.

Bis nach Hitzacker noch ein paar kleine Wellen, die wir mit Schwung nehmen. Dann entscheiden wir uns für den Weg über Dannenberg und die Bundesstraße entlang zur Dömitzer Brücke. Da ist zwar ordentlich Verkehr, aber dafür rollt es  gut.

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Am Ende der Brückenabfahrt stehen schon die Kollegen vom Audax und weisen uns auf den Parkplatz ein. 95 Kilometer liegen hinter uns. Karte raus zum Scan und dann  ab zur Kaffeetheke.

Wolfgang bemüht sich, festzustellen, dass diese Veranstaltung ein Zeitfahren, keine Kaffeefahrt ist. O.k., ein Schnitt von 28 km/h bis hierher geht ganz in Ordnung. Der Aufwand, den das Team um Burkhard Sielaff treibt, um uns zu umsorgen, ist beispielhaft. Kaffee, Brötchen, Bananen, Iso-Getränke, Zuspruch. Wunderbar, wie ihr das macht! DANKE!

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Unser Berliner Brevet-Strecken-Designer Ralf hat sein kampferprobtes SOMA auf dem Pflaster abgelegt.

Mit dem SOMA hat er im Sommer schon reichlich Höhen- und Streckenkilometer bei der Torino-Nice-Rally gesammelt. Sehr lesenswert: Ralphs Torino-Nice-Bericht

Das Brötchen noch im Mund, starten wir gen Lenzen an der Elbe. Flott geht es weiter mit Schiebewind. Selten zeigt der Tacho weniger als 30 km/h. Das motiviert. Wenn nicht die schnellen, jungen Wilden wären, die an uns im Team und alleine vorbeirauschen. GeraldIch erkenne Gerald,  eine halbe Stunde später als wir gestartet und auf seinem Bottecchia Chrono pfeilschnell unterwegs.  Sagenhafte 37,5 km/h netto wird er im Ziel verbuchen können.

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Wolfgang schießt ein Foto mit mir und diesem herrlichen Longhorn-Rind und seinem Kälbchen. In der Nähe von Lenzen steht eine ganze Herde auf einer riesigen Weide. Herzerwärmend und beeindruckend.

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Wittenberge von der bescheidenen Seite

Wolfgang und Peter verfluchen bei zwei, drei Gravel-Abschnitten meine Streckenführung. Kurz, aber nicht gleichbedeutend mit schnell. Und die beiden wollen SCHNELL nach Berlin kommen. Ich füge mich und mache keine weiteren Experimente. Stattdessen fabuliere ich von einer wunderbaren Pause mit Kuchen und  Kaffee. Es kommt aber in der brandenburgischen Diaspora weder eine Bäckerei noch gar ein Café vorbei. Erst in Rhinow, mit Blick auf die Hügel vom alten Lilienthal, entdecken wir einen „NP-Discount-Markt“ . Wir biegen auf den Parkplatz ein und treffen auf eine Gruppe Berliner Triathleten, die sich auch hier mit Getränken eindecken. Ich kaufe ein Paket Butterwaffeln und eine Flasche Apfelsaft. Das sollte reichen für die letzten 75 Kilometer. Peter treibt uns zum Aufsteigen, als die Triathletentruppe sich zum Aufbruch bereit macht. Eine Minute später befinden wir uns in munterer Fahrt. 30 km/h plus x. Das geht so eine ganze Weile, lecker gewürzt mit anregenden Gesprächen. Wenn die nicht auch ab und an unsere Führungsarbeit erwartet hätten … 25 Kilometer halten wir munter mit, dann schere ich aus und entscheide mich für eine weniger schweißtreibende Gangart. Peter wäre gern noch im D-Zug weitergefahren. Ich habe aber den Verdacht, dass auch er letztlich ganz dankbar für die Temporeduzierung ist.

N9EV7Mtm2joH6I5aREYPk8s5dLDEej4D7zoy5BRxPlY-96x128 In Wustermark bremst uns dann unser alter Randonneursfreund Peter aus Spandau, der uns ein wenig entgegengekommen ist. Foto, und weiter geht die Reise. Er bleibt im Bereich des Outlet-Centers ohne für uns erkennbaren Grund zurück. Ein Kollege, der mit einem wunderhübschen türkisfarbenen DF-Velomobil wie wir auf dem B5-Radweg fährt – offensichtlich mittlerweile total leergefahren und platt, ist in eine scharfen 180-Grad-Kehre umgekippt und benötigt Hilfe. Peter hilft und lotst den Velomobilisten aus Schweden sicher bis zum Ziel.

Gegen 18.35 Uhr rollen wir auf dem Hof des Wassersportheims in Alt-Gatow ein. 10:55 Stunden brutto. Schön, dass auch nach uns noch eine ganze Reihe Teilnehmer einrollen. Ganz hintendran waren wir also nicht. Auch die Triathleten kommen nach uns ins Ziel. Ein Defekt in der Nähe des alten Olympischen Dorfs hatte sie Zeit gekostet.P1090240

Die Velomobil-Armada, die so eindrucksvoll und schnell unterwegs war, ruht schon eine Weile im Ziel aus.

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Ernestine von den Cycology-Triathleten freut sich über ihre Finisher-Medaille.

Wir freuen uns auch und erholen uns bei Bratwurst, Bier, Linsensuppe und bei Gesprächen mit alten und neuen HH-B-Fahrern.

Es war eine Lust, an diesem Samstag 275 Kilometer durch die milde Luft zu rollen. Gemeinsam mit mehr oder  weniger ehrgeizigen, mit mehr oder weniger schnellen  Sportlern.

Viele zufriedene Gesichter, lachen, abklatschen, umarmen. Freude an der eigenen Leistung. Das macht es aus. So soll es sein!

 

P.S:  Ganz herzlichen Dank an das Team vom Audax-Club Schleswig-Holstein. Ihr seid so nah am Teilnehmer, so schnell, so verbindlich, so freundlich und kompetent. Alle Achtung!

 

 

Ein Besuch bei Emma Emmelie

Es ist Samstag, die Einkäufe sind getätigt, der Hund hat seinen Spaziergang gemacht, meine bessere Hälfte freut sich auf die Fußballübertragung. Die richtige Zeit, auf das Granfondo zu steigen und noch eine schöne Runde zu drehen.

Die Routine führt mich nach Norden über Wandlitz nach Zerpenschleuse. Hier biege ich ab auf den Radweg nach Liebenwalde, der am Langen Trödel entlangführt, dem ältesten noch schiffbaren Kanal in Deutschland. Zwischen 1605 und 1609 wurde der Kanal samt fünf Schleusen von Liebenwalde  bis Schöpfurth gebaut. Ohne Bagger, ohne Großmaschinen. Einfach mit der Kraft vieler Hände und Spaten. Durch den Wiederaufbau der Ziehbrücken in Liebenwalde und die Öffnung der Durchfahrt in Zerpenschleuse wurde dieses Teilstück aus seinem fast hundertjährigen Sackgassendasein befreit und für die Wassertouristen wieder durchgängig schiffbar gemacht.

Orientalische Musik schallt zwischen den alten Häusern am Trödel hindurch und lockt mich in eine Seitengasse: Die Zerpenschleuser feiern Erntedankfest – auf erstaunliche Weise. Auf der einen Seite eine Theke, betrieben von der Feuerwehr, dann Bänke und Tische, dahinter eine kleine Bühne, auf der drei morgenländisch gekleidete Damen Hüfte und Bauch rhythmisch zur Musik bewegen. Bauchtanz in Zerpenschleuse! Da sage einer, im ländlichen Brandenburg gäbe es keine Integration. Wohlgefällig hören und schauen die Feuerwehrmänner, junge und alte Zerpenschleuser, dem Treiben auf der Bühne zu.fullsizeoutput_36fe

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Ein paar hundert Meter weiter, auch am Ufer des Langen Trödel, betreibt Ines Schweighöfer ihr Antiquitäten-Café „Emma Emmelie“. Schon zig Male bin ich hier vorbeigerollt, immer war geschlossen. Das liegt einfach an der Tatsache, dass ich sehr selten freitags, samstags oder sonntags zwischen 11 und 18 Uhr gerade hier gewesen bin. Denn das sind die Öffnungszeiten. Heute ist Samstag, 16.30 Uhr. Treffer!

Ines und Michael Schweighöfer geben mir heute persönlich die Ehre. Ich lasse mir einen ebenso vorzüglichen wie wohlschmeckenden Milchkaffee bereiten und genieße draußen am massiven Holztisch die theaterreife Gesamtinszenierung: silberne Kerzenleuchter, blütenweiße Tischdecke, Blumen über Blumen. Und vor dem langgestreckten Wohnhaus wachsen bis in Dachrinnenhöhe prächtige Hortensien.IMG_1949

Direkt am Kanal sind sehr dekorativ antike Damenschlüpfer an die Wäscheleine gehängt.IMG_1940

Im Holzhaus quellen die Regale und Tische über von Wäsche, Porzellan, alten Büchern… fullsizeoutput_3700

Emma Emmelie ist sicher kein Geheimtipp mehr, allerdings sicher eine Reise wert. Mit dem Rad und auch mit dem Auto erreichbar – 30 Kilometer nördlich vom Berliner Stadtrand entfernt.

Die Luft ist mild und duftet würzig nach Holz und Wiese. Weiter kurbele ich hin nach Liebenwalde und dann wieder Richtung Oranienburg auf dem Radweg Berlin–Kopenhagen.

An der Schleuse in Lehnitz verlasse ich den herrlichen Weg und den Kanal, in dem sich Wolken und Wald so unwirklich spiegeln.IMG_1964

Naturgenuss vom Besten!

Hier der Track auf Gpsies: Emma Emmelie besuchen

 

Colnago?

Ein stahlblauer Himmel lacht über Berlin am 5. September. Also trage ich mein Schönwetter-Rad aus dem Keller ans Tageslicht: das Colnago-Mexico , das in diesem Jahr seinen 37. Geburtstag feiert. „Only steel is real“ – Tatsächlich verfügt das Stahlgerät aus 1980 noch über die Original-Campa-Record-Titan-Gruppe. Nur das Innenlager habe ich vor einem Jahr erneuert. Sattel, Steuersatz, Lenker und Vorbau sind nicht mehr die ursprünglichen. Aber: Kettenblätter, Ritzelpaket und Naben, das alles funktioniert noch wunderbar. Und schließlich sind das Verschleißteile. Wenn ich in „Roadbike“ über die Lebensdauer in sogenannten Dauertests über 4000 km von teuren Ritzelpaketen und Kettenblättern lese, die am Ende des Tests am Ende sind, kann mein altes Colnago nur souverän in sich hineinschmunzeln – nach mehr als 80 000 Kilometern.

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Lässig lehnt das Mexico aus 1980 an der Ziegelei-Lok aus den 50er Jahren. IMG_1824IMG_1825

Diese Preziosen sind zu sehen im Ziegeleipark Mildenberg, in dem mittlerweile viel Interessantes für Jung und Alt geboten wird. Ein leicht angerosteter Container ist umfunktioniert zur Imbissbude. Ich bestelle einen Pott Kaffee mit Schoko-Muffin für 2,70 €. Martin aus Velten, der auch mit dem Rad an seinem freien Tag hierhergekurbelt ist, zieht die Kaffee-Currywurst-Kombi  vor.

Was ist denn das für ein Rad, Colnago?, fragt er mich. Einigermaßen perplex muss ich erst einmal realisieren, dass ein Tourenradler nichts mit der Marke Colnago anzufangen weiß. Ich erkläre ihm, dass Ernesto Colnago für Rennräder so in etwa die Bedeutung hat wie Enzo Ferrari für Sportwagen. Zu alledem waren die beiden auch noch eng befreundet. Enzo hat Ernesto beim Laminieren seines ersten Carbonrahmens tatkräftig unterstützt. Brav hört sich Martin meine Ausführungen an. „Da hab´ich doch wieder was dazugelernt“, meint er, als wir wieder aufbrechen und ich ihm noch einige Tipps zur Ersatzteilbeschaffung für sein betagtes, aber sehr gepflegtes Rennrad aus dem Hause Neckermann gegeben habe.

Den traumhaften Radweg Berlin-Kopenhagen, dem ich bis zum Ziegeleipark gefolgt bin, verlasse ich nun in Richtung Templin. Weil ich nicht den Südbogen über Burgwall nehmen will, folge ich einem Wegweiser, der mich schnurstracks in den tiefen Wald führt. Und in tiefsandige Wege. Zwei Kilometer schieben sind die Belohnung für diese Entscheidung. Abkürzung: zwei Kilometer, Zeitverlust: 20 Minuten. Aber schön ist dieser Laubwald mit Erlen und Buchen und Eichen. IMG_1831

In Templin-Postheim, am Lübbesee, finde ich mich an einem Südstrand wieder. Ernesto lehnt lässig an einer Strandbar, die leider außer Betrieb ist.

Von hier aus führt der Radweg in Richtung Angermünde wunderbar durch die Wälder bis Ahlimbsmühle. Dieses Stück gehört zu den schönsten Routen, die ich in Brandenburg und Meck-Pomm. kenne. Ich folge dem Uckermärkischen Radrundweg  bis Friedrichswalde. Von hier führt der gut beschilderte und glatt asphaltierte Weg noch weiter bis Angermünde. Dieser Ritt noch weiter nach Osten wäre für heute zu weit für mich. Auch so werden über 170 Kilometer am Abend auf der Uhr stehen.

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Ernesto auf Kurs Ost

In Friedrichswalde biege ich ab in Richtung Joachimsthal. An der Dorfstraße entdecke ich die Landbäckerei Hakenbeck, die ich noch in guter Erinnerung habe, als ich im Frühjahr auf der Flucht vor einem heftigen Gewitterschauer Schutz suchte. Heute scheint die Nachmittagssonne mild, und die freundliche Bäckersfrau bringt mir Kaffee, Pfannkuchen und Apfelkuchen nach draußen.IMG_1842

Ein Geheimtipp, diese Bäckerei, in der noch selbst gebacken wird. Köstlich!

Knapp 60 Kilometer liegen noch vor mir. Joachimsthal, Werbellinsee, Zerpenschleuse, Wandlitz.

Am „Werbellin“, wie Fontane den See nannte, genieße ich den Blick über das blaugrüne Wasser. Würzige Luft, herrliches Abendlicht.

Südlich von Zerpenschleuse  liebäugele ich mit dem Einstieg in die Heidekrautbahn, die am Lottschesee hält. 18.27 Uhr wäre Abfahrt, noch 15 Minuten also. Nee, dann kann ich doch weiterfahren nach Klosterfelde. Auch hier bin ich noch vor der Bahn. Ich bin motiviert, richtig reinzutreten, um mir zu beweisen, dass ich genauso früh in Schönwalde sein kann wie die Niederbarnimer Eisenbahn. Es gelingt genau: Ich treffe die Bahn am Übergang und dem Bahnhof Schönwalde. Geht doch!

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20 Minuten später bin ich zu Hause. Duschen, essen. Einen leckeren Wein trinken. Eindrücke verarbeiten.

Knapp 180 Kilometer waren es. Mehr, als ich wollte am Morgen.

Strava-Track: 

 

 

 

 

Elbe – Moldau – Donau, Finale

Krummau hat uns trotz der Touristenströme in seinen Bann gezogen. Solch ein mittelalterliches und in großen Teilen barockes Ensemble habe ich so durchgängig noch nirgendwo gesehen. Eine Märchenwelt! Im „Leonardo“ durften unsere treuen Lastesel sogar direkt vor der Rezeption parken. Auf historischen Dielen, angelehnt an historischen Bänken. Wir bedanken uns für die äußerst zuvorkommende Behandlung und stehen frisch wie der junge Morgen um 8.30 Uhr an der Moldaubrücke und biegen nach Süden ab. Kurs Linz. Die Moldau ist spätestens ab hier ein Wassersportrevier erster Güte. Schlauchboote und Kajaks fahren in Reihe auf dem Wasser und werden in steter Folge auf Anhängern und LKW auf den Straßen moldau-aufwärts transportiert. Schließlich wollen die Flussfahrer flussabwärts gleiten. Und dazu muss die ganze Armada immer wieder in Richtung Quelle zu den Startorten gebracht werden. Bedřich Smetana https://geboren.am/person/bedrich-smetana hätte aktuell seine Tondichtung „Die Moldau“ um einen Schlauchbootwalzer ergänzen müssen. P1080936

Das Tal der Vltava wird enger, das Grün ist satt, Burgen tauchen nach jeder dritten Biegung auf. Eine wahre Burgen-Bauwut muss hier einst die Baumeister und Steinmetze in Arbeit gebracht haben.

An einem Sammelpunkt, wo die Wasserwanderer campen und auf die nächste Teilstrecke starten, machen wir einen Stopp und schauen dem bunten Treiben zu. Familien, Einzelkanuten, Alt und Jung. Die Menschen stürzen sich in den blauen Fluss. Wir machen ordentlich Strecke in dem flach ansteigenden Geläuf. Die Morgenluft ist würzig und tut unseren Lungen gut. Die werden spätestens ab Vyšší Brod, dem südlichsten Punkt Tschechiens, wieder feste Sauerstoff ins Blut bringen müssen. Hier knickt der Kurs nach Süden ab, weg von der schönen Moldau, hinein in die Berge Südböhmens.P1080959

Die Straße nach Leonfelden steigt sanft an. Wir finden unseren Rhythmus und erfreuen uns an den fetten Farben  der Wiesen und dem Cumulushimmel. Auf jeden Kilometer kommen hier zwei Verkaufsstände für frische Pfifferlinge, Gartenzwerge, Zigaretten und, wie wir vernehmen konnten, sogar für die Partydroge Chrystal Meth!  Die Waren, natürlich nicht die Pfifferlinge, kommen mittlerweile aus Vietnam und China. P1080961

Die ehemalige Grenzkontrolle in Weigetschlag steht seit Schengen 2007 ungenutzt, aber gepflegt da. Ein paar Kilometer noch bergauf, über die 850 Meter Höhe, dann sanft nach Bad Leonfelden einschwingen und den erstbesten Bäcker heimsuchen. Der Milchkaffee ist riesig, der Kuchen schmeckt köstlich, aber det Janze kostet hier doppelt so viel wie in Tschechien. Gestärkt steigen wir auf und kurbeln hinauf nach Glasau. Hier beginnt eine rauschende Abfahrt über mehr als 10 Kilometer nach Linz hinunter. 50 bis 65 km/h stehen permanent auf dem Tacho. Konzentration ist gefragt. Im Tal sind wir froh, wieder normal in die Pedale treten zu dürfen. P1080966

Linz empfängt uns mit seiner ganzen Pracht. Allein, wir sind viel zu früh hier, um uns schon ein Hotel zu suchen, also beschließen wir, die heutige Etappe auf ca. 150 Kilometer zu verlängern. An der Donau entlang sollte das purer Genuss sein!

In der Altstadt finden wir vor der Konditorei Leo Jindrak, dem Haus der original Linzer Torte, noch ein Plätzchen im Schatten und gönnen uns ein gleichsam köstliches wie riesiges Joghurt-Eis. Die können nicht nur Linzer Torten ( davon werden bei Jindrak jährlich 100 000 hergestellt und an Kunden in aller Welt versandt). Nach einem illustren Stündchen Pause und Plausch mit der heimischen Bevölkerung gehen wir um 14.30 Uhr wieder auf Kurs. P1080969

Ein paar Kilometer weiter bremst uns diese geschraubte Edelstahlskulptur. Beeindruckend allemal, nur einen Hinweis auf den Urheber finden wir nicht. Gut, dann lassen wir die Kunst einfach und unverfälscht auf uns wirken. P1080971

Vor dem Schopper-und-Fischer-Museum zupft ein Rennradlerkollege am Lavendel herum.P1080972

Schoppen ist, wie wir erfahren, die Kunst des Abdichtens der Holzfugen zwischen den mächtigen Eschenbrettern des Schiffsrumpfes. Dieser hier konnte bis zu 10 Tonnen tragen. In Aschach betrieb der Schiffmeister Johann Georg Fischer ( 1782-1864) einen großen Schopperplatz und setzte damals schon damals schon für sein Sägewerk große Dampfmaschinen ein. Hightech zu jener Zeit.

In einer  kurzen Pause vor einer Radlerpension, total einsam an der Donau gelegen, mit keiner erkennbaren Anbindung an den Straßenverkehr, verspeisen wir ein paar Würstel mit Meerrettich.  ( Der Hunger treibt es rein, hätte meine Mutter gesagt.)  P1080975

Links Radweg, rechts die Bahn, dazwischen die träge dahinfließende Donau, eingerahmt von Waldhängen. Oben thront der Burgherr.

Beim Würstelessen bekommen wir die Info, dass nur vier Kilometer weiter mindestens drei Gasthöfe mit Pension auf uns „warten“. Also nichts wie hin!

Wir klopfen nicht beim Heiligen Nikolaus, dafür aber bei der Pension Reisinger an und bitten um ein Nachtquartier. Peter verschwindet im Gastraum und kommt erst nach gefühlten 10 Minuten wieder freudestrahlend heraus. Die Seniorwirtin hatte ihm im obersten Stockwerk eine ganze Ferienwohnung mit zwei Schlafzimmern und Wohnküche angeboten. Für 30 € pro Person, inklusive Frühstück!

Darauf genehmigen wir uns ein deftiges Abendessen mit Kartoffelpuffern, Salat und leckerem Gösser-Bier. Zum Ausklang lassen wir uns noch einen Krug mit lauwarmem Sauvignon Blanc füllen und tragen die köstliche Fracht hinauf in unser Wohngemach.

Hinterm Fenster lüftet die Rapha-Weste aus, die Hosen hängen dekorativ am Türrahmen, die Wohnküche wirkt in zartem Rot für sich. Im Waschbecken kühlt sich der Sauvignon im Wasserbad.

Diese Nacht schlafe ich ( mückenlos) wie ein Stein. Peter erschlägt derweil wie das tapfere Schneiderlein mindestens sieben Blutsauger, die ihn nicht in den Schlaf kommen lassen.

Am nächsten Morgen starten wir nach einem Frühstück alter Art – Wurst, Käse, Marmelade, Filterkaffee – auf die Etappe nach Straubing.P1080984

So gut die Beschilderung des Donauradweges bisher gewesen ist, so bescheiden sieht sie auf den nächsten 30 Kilometern aus. Der Weg führt streckenweise über die Bundesstraße ohne Seitenstreifen. Der Landkreis hat hier wohl ein paar Jahre verschlafen.P1080988

Ja, geht es noch? Beim Versuch, zwischen den Stangen hindurchzutauchen, wären wir fast steckengeblieben. Hohoho! Ein Hoch auf den Beschilderer.

Passau muss hinter der nächsten Biegung auftauchen, die Annäherung an die attraktive Altstadt führt allerdings über ein paar Hindernisse.

Der gepriesene Donauradweg führt uns an einer stillgelegten Bahnstrecke über rumpeligen Schotter an die Stadt heran.fullsizeoutput_35ff

Musikantenkultur in Passau: Der Bärtige erfreut Peter mit seinen Liedern. Als Peter ihm das Brandenburglied vorsummt und der Musikant mehr schlecht als recht die richtige Melodie sucht, ergreife ich die Flucht.

Wir trösten uns mit dem Blick auf Maximilian I. , dem ersten König der Bayern, und den beeindruckenden Dom St. Stefan. Dann gönnen uns zum Einritt ins Bayernland eine zünftige Weißwurst und ein Weißbier. In Passau gibt es drei Flüsse zu überqueren, Inn, Ilz und Donau. Dann entlässt uns die Stadt wieder nach Westen an die freie Donau.P1090012

Der Donauradweg wird hier zum Bier-Radlweg. „Bring ma a Hoibe!“ Das merken wir uns und werden so an den nächsten Tagen nicht verdursten müssen. Nach kurzem Hotelsuchintermezzo in Bogen, wo keine Bleibe zu finden ist, starten wir durch nach Straubing und erreichen die Altstadt kurz vor einem dräuenden Gewitter. Im Hotel Seethaler werden wir vom Inhaber abgefangen ( gerne doch) und bekommen zwei nette Zimmer. Der Abend wird gemütlich: IMG_1726fullsizeoutput_35ceEssen bei Röhrl mit dem gleichnamigen Bier. Eine Riesenportion Semmelknödel mit Pfifferlingen, die in einer sämigen Sauce schwimmen. Köstlich. Dann später launige Gespräche in einer Bar, die nach Berliner Maßstäben schon bevor der eigentliche Abend beginnt, gegen 22.30 Uhr den Ausschank schließt. Da musste eben schneller trinken, meint Peter. Wir kommen auf diese Weise wieder zeitig in die Betten und sind fit für die kleinen 55 Schlusskilometer am letzten Tag nach Regensburg.P1090019

Auf dem Donaudeich staunen wir über einen schlaksigen Wanderer, der einen vollbepackten Kinderwagen vor sich her schiebt. Wir kommen ins Gespräch: Der Däne ist auf dem Weg von Kopenhagen über Deutschland, Tschechien, Österreich und jetzt Bayern nach Griechenland und dann noch mit einem Umweg um die Türkei herum noch ein Stückchen weiter. Gestartet war er mit Rucksack, dann irgendwo in Deutschland hat ihm eine Frau den Kinderwagen geschenkt. Da war er seine plagende Last auf dem Rücken los. Der Kinderwagen wurde voll und voller. Läuft prächtig, meint er. Nur die Räder sind etwas klein für rumpelige Wege. Bis zu 60 Kilometer hat er an den besten Tagen geschafft. Beachtlich. Gesund an Körper und Geist. Neugierig und unkonventionell. Mit diesem Menschen hätten wir gern länger geplauscht.

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Rechts oben über den Bäumen am Hang taucht die Walhalla auf. Wir wähnen uns im alten Griechenland. Wikipedia weiß über den Tempel Folgendes: In der Gedenkstätte Walhalla in Donaustauf im bayerischen Landkreis Regensburg werden – ursprünglich auf Veranlassung des bayerischen Königs Ludwig I. – seit 1842 bedeutende Persönlichkeiten „teutscher Zunge“ mit Marmorbüsten und Gedenktafeln geehrt. Benannt ist sie nach Walhall, der Halle der Gefallenen in der nordischen Mythologie. Der Architekt war Leo von Klenze.

Leo von Klenze errichtete im Auftrag von Ludwig I. in den Jahren 1830 bis 1842 den nationalen Gedenktempel nach dem Vorbild des Parthenon. In der Ruhmeshalle haben viele bedeutende Persönlichkeiten aus der germanischen Sprachfamilie einen Ehrenplatz erhalten. Selbst jene wie Heinrich Heine, der den Bau spöttisch als „marmorne Schädelstätte“ bezeichnete, finden sich heute in ihm wieder.

Wir sparen uns den Aufstieg zum Tempel und belassen es beim respektvollen Betrachten.P1090054

In Regensburg steuern wir zunächst den riesigen Dom an: Ich muss unwillkürlich an Walter Röhrl denken, der zu seiner Jugendzeit der rasanteste Chauffeur des Regensburger Bischofs gewesen ist.P1090063

Zu diesen Gedanken passt wunderbar das Bier vom und im Bischofshof. „Das Bier, das uns zu Freunden macht.“

Danach drehen wir eine Kulturrunde durch die Gassen der Altstadt und steuern am Ende die alte steinerne Brücke an. Sie wird gerade aufweisenndig renoviert. Und genau da, wo die Baustelle mit einer Stahlkonstruktion umschifft wird, haben wir eine illustre Begegnung. „Magic Moments“: Unser Randonneursfreund Henning, der im wirklichen Leben Profifotograf ist, steht mit seinem Team auf der Brücke und macht Aufnahmen für eine Kampagne des Landes Bayern. Ein irrer Zufall, ihn hier zu treffen. Nicht in Berlin, 500 Kilometer weiter südlich in Regensburg auf der Brücke! Großes Hallo, ein paar Worte, dann wendet sich der Gestresste wieder seiner Arbeit zu. Wir schieben unsere Räder derweil auf die andere Donauseite und kehren ein im Biergarten Zur alten Linde. Schön, anderen bei der Arbeit zuzuschauen. P1090045

Da unten auf der Insel turnt er herum und dirigiert die großen Schirme, die wohl das helle Sonnenlicht abhalten sollen. Wir fotografieren einfach dann, wenn das Licht schon milder ist …

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So ungefähr sieht das dann aus.

Im Hotel VIII direkt an der Donau bekommen wir ein veritables, etwas kurioses Apartment im 4. Stock.P1090036

Wir wähnen uns im Orient. Fehlt nur noch die Wasserpfeife.

Unsere Räder dürfen auch hier ins Haus. Und das wird um 19 Uhr abgeschlossen. Mit gutem Gewissen können wir noch einen ausgedehnten Stadtbummel machen.IMG_1731

Bei Dampfnudel-Uli kehren wir mangels Hunger nicht ein.

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An der Donau, mitten am attraktivsten Teil des Donauufers, sind die Hausbesetzer aktiv. ANTIFA steht ganz oben zu lesen. Und ich hatte gedacht, det gäb et nur in Berlin. Offensichtlich ist dieselbe Problematik wie in den meisten großen Städten auch hier angekommen.

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Nur noch Barbarossa ist illuminiert. Wir kommen durch den Nebeneingang mittels Transponderkarte ins Hotel, stiefeln die drei Treppen hoch und wissen kaum, wie wir in die Betten gekommen sind. Wir sind am Ziel unserer Etappentour. 1000 erlebnisreiche Kilometer liegen hinter uns. Wir sind zufrieden.

Morgen mittag bringt uns die Bahn wieder zurück nach Berlin.

P.S: Ein Bericht zur Streckenführung mit den Tracks und zur eingesetzten Ausrüstung ist in Arbeit.

Das Granfondo Ti als Lastesel

Auch bei Brevets über 1000 Kilometer haben mich die Revelate Viscacha oder aktuell der Ortlieb Seatpack bestens begleitet. Absolute Minimalisierung ist bei solchen Veranstaltungen angesagt. Möglichst wenig Gewicht, schlank am Rad. Diesmal will ich aber auf eine Etappentour starten. Pro Tag so um 150 bis 180 Kilometer fahren, dann Land und Leute und Kultur genießen. Für solch ein Vorhaben sieht der Packplan auch Freizeitkleidung vor. Hose, Schuhe, Fleece Jacke, Wechselwäsche müssen mit. Und für diesen Umfang reicht eine Sattelstützentasche nicht aus.

Jetzt schlägt die Stunde der Anlötösen an meinem neuen Titan-Granfondo. Doch zurück zur Planung der Strecke. Schließlich ist die der Auslöser für die umfangreichere Ausrüstung. Um die sieben Tage wollen Peter und ich durch Deutschland, Tschechien und Österreich rollern. 1000 Kilometer mehr werden unsere Garmins am Zielort Regensburg aufgezeichnet haben.

Welcher Gepäckträger passt für das Titan-Gerät, welche Satteltaschen kommen infrage? Nach zwei Stunden Googelei in diversen Foren und bei den einschlägigen Anbietern steht fest: An einem Tubus Airy werden die neuen Gravel-Packs von Ortlieb hängen. P1170219

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Ein feines Teil, der Airy. 230 Gramm leicht und sehr stabil. Die linke Befestigungsstrebe hin zur Sattelstrebe musste ich um den Anlekhebel der Ultegra-Bremse biegen. Leicht zu machen, weil die Stangen aus Massiv-Titan gefertigt sind. Im oberen Bild ist auch das famose Steckschutzblech von Rose zu sehen. Passt nach Bearbeitung des Halters genau unter den Airy und ist stabil und schon für 8 € zu haben.

Nun zu den Gravel Packs ( hier in mtb-news detailliert beschrieben) : 1150 Gramm leicht, 25 l Inhalt. Absolut wasserdicht.

Versteht sich von selbst, dass ich den SON-Nabendynamo, die Supernova-Beleuchtung und den Dynamo-Harvester vom Endurace auf das Granfondo umgebaut habe. So kann ich mit dem jetzt wieder 7 kg-Carbon-Endurace wieder die „Leichtigkeit des Seins“ genießen, und das Granfondo ist fit für lange und längste Touren.

Mit Gepäckträger, Nabendynamo, Beleuchtung, Dynamo-Harvester und Fronttasche wiegt das Granfondo jetzt um die 11 kg. Für einen Reiseboliden sehr ordentlich, wie ich meine.

Am 2. August gehe ich mit Peter „on Tour“.

Mein Titan Granfondo und sein ALAN Mercurial pro werden zeigen müssen, was sie auf der Langstrecke können.

Darß-Brevet 600 km – Halbzeitimpressionen

Peter und ich sind dieses Mal nur Zuschauer beim 600-km-Brevet. Peter hat „Knie“ und ich habe „Wade“. Also haben wir uns schnell entschlossen, den tüchtigen Randonneuren bei Halbzeit der Strecke in Prerow auf dem Darß ein wenig Support zu bieten.

40 Liter Trinkwasser, 60 Knackwürste, reichlich Kartoffelsalat, selbstgebackene Heidelbeermuffins, Gummibären … und eine von unserem Lieblingsschrauber Basim ( Fahrradladen Potsdam Babelsberg) gesponserte Ersatzteil- Riegel- Isopulver- und Gelkiste.

Mit Peters Oldie-Camper-Bulli machen wir uns um 14 Uhr auf den Weg nach Norden. Der kleine Diesel brummt genauso vernehmlich wie Vertrauen erweckend. Mehr als 100 km/h sind kaum drin. Der böige Nordwest rüttelt kräftig am hohen Westfalia-Aufbau. Bei Krakow stehen wir 30 Minuten im Stau vor einer Brückenbaustelle. Wir hatten geplant, spätestens um 17 Uhr am Ostrand von Prerow Position zu beziehen. Das wird nun nichts mehr. Peter flucht heftig, als uns schon zwischen Born und Wiek die ganz Schnellen entgegenkommen. Die machen eh keine Pausen, so wie die unterwegs sind, tröste ich meinen unzufriedenen Fahrer. Ich erkenne Jens Burger, Thomas Bockshecker und Stefan Meisner. 17.15 Uhr ist es.. Die haben tatsächlich bis hierher einen Schnitt von über 30 km/h trotz kräftigem Gegenwind hingelegt. Alle Achtung!

Ein Viertelstunde später stehen wir auf dem  Parkplatz an der lang geradeaus am Deich entlangführenden Straße. Als wir unsere Vorräte auspacken, taucht schon die nächste Gruppe auf. Peter wirft flugs den Herd an und die Würste in den Topf.

Um 17.45 Uhr rollen die Kollegen runter vom Deich und vor unsere Füße:

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Rafal, der „Viertelvorzwölfte“

P1100173P1100161P1100159P1100182Stempel ins Brevet-Heft, Wasser in die Flaschen, Pulver rein, Wurst verschlingen, schnell ´ne WhatsApp an die Freunde loslassen, und schon scharren die ersten wieder mit den Hufen. Um 18.10 Uhr gehen die Jungs auf die zweite Halbetappe – nochmal 300 Kilometer.

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Nils rollt ein, als die Achtergruppe startet. Er hatte kurz abreißen lassen und danach keine Chance mehr gehabt, bei dem starken Gegenwind wieder heranzukommen. So frisch, wie er aussieht, kann er weiter gut alleine fighten.

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18.40 Uhr – Peter setzt den Stempel ins Heftchen

Thomas, unser Kilometerfresser aus Eberswalde, und Clemens liefern sich einen kleinen Spurt: Clemens auf dem Deich, Thomas auf der Straße.

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Inzwischen habe ich es auch geschafft, die zwei Hinweistrikots windfest und halbwegs stabil zwischen Bulli und Zaun zu befestigen. Schließlich soll uns jeder rechtzeitig erkennen können.

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Haribo macht Kinder froh – und Randonneure ebenso

Um Punkt 19 Uhr erkennt Peter unseren Schweizer Randonneur Ueli Bächli auf dem Deichweg. Am Morgen vor dem Start hatte er schon einen kleinen Plausch mit ihm gehalten. Wir feuern ihn auf den letzten Metern bis zum Abzweig an… Beifallsbekundungen und begeistertes Publikum sind dem Ueli nicht fremd. Schließlich hat er als Bobfahrer in den 70er und 80er Jahren WM- und Olympiamedaillen reichlich gesammelt.

Bravo Ueli, und lass dir die Wurst schmecken!

Um 19.20 Uhr kommen Wolf Beisswanger und zwei junge Randonneure heran.DSC_0022DSC_0023DSC_0028DSC_0029

Randonneure können auch stylish aussehen, wie hier unter Beweis gestellt ist.

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Zehn Minuten später kurbelt Matthias auf seinem Titan-Randonneur heran. Offensichtlich auch bestens gelaunt:

Unser Organisator Ingo folgt auf dem Fuße und gibt im warmen Abendlicht ein wunderbares Fotomotiv ab.DSC_0042DSC_0043DSC_0048

Er führt im hinteren Trinkflaschenhalter eine gekühlte Flasche alkoholfreies Bier mit – was für ein Luxus! DSC_0051DSC_0056

Dann nähert sich wieder eine ganze Gruppe, die sich im Gegenwind zusammengefunden hat. DSC_0079DSC_0087DSC_0073

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Saschas Banana-Trikot-Taschen bleiben wohlgefüllt mit den gesunden Energiebomben.

Und ich freue mich, endlich Eva ( Takeshi),  die wunderbare Blogberichte über das Radfahren schreibt, persönlich in Empfang zu nehmen.

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Eine illustrer Gegenwindvierer rollt hier ein. Gut gelaunt und hungrig.

 

In der nächsten halben Stunde wirkt unser „Service Point“ wie ein lustiges Radfahrerpicknick am Ostseerand. Als wir neugierigen Strandwanderern erklären, dass die „Picknicker“ schon 300 Kilometer auf dem Rad zurückgelegt haben und nochmal 300 Kilometer wegarbeiten werden, ernten wir ungläubiges Staunen.

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Ingo und Eva gehen wieder auf die Strecke.

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Powerstrümpfe machen den Liegeradler schnell
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Manuel würdigt uns keines Blickes
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Matthias rollt ein

Nach einer halben Stunde Essen, Trinken und Plauschen verlässt uns diese Wohlfühltruppe leider wieder und startet in die Nacht. Die nächste Kontrolle wartet in Teterow, 100 Kilometer weiter in den sanften Hügeln von Meck-Pomm.

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Jung-Randonneur Ole hat sich auch herangekämpft. Ein Reifenplatzer und dann viele Kilometer allein im Gegenwind, das zehrt!

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Team mit Strahlkraft!

Die beiden wollen bei Freunden in Zingst eine Luxuspause einlegen und dann ausgeruht das Feld von hinten aufrollen…

Immer noch sind ca. 15 Teilnehmer auf der Strecke zu uns hin, und es wird langsam dämmrig und deutlich kühler. DSC_0138

So sieht ein gut gelaunter Organisator aus: Klaus lässt es heute gemütlich angehen und genießt Land und Leute. Souverän halt.

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Die Sonne ist unterm Horizont, also Warnwesten überziehen und Beleuchtung anzünden. So macht dann die Fahrt durch die Nacht Freude.

Um kurz nach 22 Uhr begrüßen wir die beiden Unverwüstlichen, die beiden, die nur im Team auftreten und immer durchhalten. Susanne und Peter. Chapeau!

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Kommt gut durch die Nacht! Und alle anderen vor euch auch, und auch die hoffentlich noch guter Dinge Kurbelnden, die noch nicht bei Halbzeit dieses 600ers angekommen sind.

Peter und ich packen unsere Siebensachen und sind gegen 22.30 Uhr startfertig – da kommt noch unser „Ruderfrank“ um die Ecke gerollt. Unsere Wassertanks sind leer, nur ein paar Riegel und Gels können wir noch bieten. Sorry, Frank.

Es hat uns Freude gemacht heute an der Strecke – mal nicht selber auf dem Rad. Ihr seid schon eine klasse Truppe!

 

P.S  Wer ein Foto von sich in Originalauflösung haben möchte – bitte E-Mail an mich, „Dietmar.Clever@online.de“, dann bringe ich das auf den Weg.

Und wie es Eva – Takeshi ergangen ist, findet ihr hier: 600er Brevet: Mit den Berliner Randonneuren LESEN!

 

Die drei Neuen im Brandenburger Frühling

Die neuen Räder müssen ausgeführt werden: Feineinstellungen vornehmen, den Charakter erfahren und Besonderheiten aufspüren. Fotos machen.  Jetzt sind es schon drei Neue: Peters neues Tommasini Stahlgerät, mein Granfondo-Titan und ganz frisch Peters neuer Carbon-Renner von De Rosa.

Die Anzahl der Räder, die der engagierte Randonneur braucht, lautet bekanntlich n+1, wobei n die Anzahl der bereits vorhandenen Räder ist. Das fatale an der Formel ist, dass n+1, wie Cyclista so trefflich beschreibt: es hört nimmer auf mit der Suche nach dem letzten Rad.

So haben Peter und ich in den letzten Ausfahrten unsere vorläufig letzten Räder getestet.

Irio ( nach Irio Tommasini), Ugo ( nach Ugo de Rosa) und mein Granfondo ( heimlicher Vorname Mike, nach Mike Hall). Und wo kann man diese wunderbaren Fahr-Untersätze am besten ausführen: natürlich bei bestem Frühlingswetter im erblühenden Brandenburg. Hier ein paar Foto-Kostproben: P1080333P1080334P1080362

Das Granfondo und Irio in der Schönower Heide. Von hier aus fahren wir auf dem Radweg Berlin-Usedom über Lobetal und Biesenthal nach Marienwerder. Hier machen wir Rast bei dem originellen Schleusengraf, wo uns der genauso originelle Wirt sein allradgetriebenes Gios vorstellt und auch noch Probe fahren läßt.

Das Fahrgerät des Ingenieurs Bernd Monno aus Birkenwerder tauschen wir dann doch nicht gegen unsere Renner aus. Nach Westen rollen wir am „Langen Trödel“ entlang nach Zerpenschleuse,

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wo uns „Kunst am Kanal“ erwartet:

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Alte Fassaden, eine Janosch-Tigerente und ein Busch voller Tassen. Gegenüber von „Emma Emelie“, einem Antiquitätencafé, das von Ines Schweighöfer betrieben wird, lehne ich mein Granfondo an eine dekorierte Modepuppe an. Neben dem Tassenstrauch hängt auf einem Steg als Kunstobjekt Kinderwäsche. Seit Weihnachten trocknet die hier schon. Kunst! 20170511_162337_resized

Nach den deftigen Bratkartoffeln mit Spiegeleiern beim Schleusengraf können wir es verkraften, dass Emma Emmelie noch geschlossen hat.

Hier die Strecke zum Nachfahren: Genusstour Bernau-Marienwerder-Liebenwalde

Ein paar Tage später teste ich nochmal mein Granfondo. Den Vorbau habe ich umgedreht, jetzt sitzt der Lenker 3cm tiefer. So fährt sich das Titangerät noch einen Tick besser. Rheinsberg ist für diesen Tag mein Ziel.P1080509

Die Kirche von Meseberg ist wesentlich einladender als das Gästehaus von Angela M. P1080523Ein Polizist vor dem Gittertor wacht über die nichtvorhandenen Gäste. Über Lindow finde ich auf einen Radweg, der geradewegs nach Rheinsberg führt. Immer geradeaus durch die Wälder. Wunderschön, nur leider kilometerlang arg rumpelig durch die vielen Wurzeln, die von unten durch die Teerdecke drücken.P1080525

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Hier einmal so, wie es sich der Radler wünscht: glatt! Geht doch auch.

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In Rheinsberg erwarten mich am See singende Odysseus-Nixen. Wieder einmal KUNST.

Von Rheinsberg biege ich nach Westen ab nach Wittstock. Dort kenne ich den aufwändig restaurierten Bahnhof und den Stadtsee. Schön anzusehen, aber zum Baden noch zu kalt.fullsizeoutput_33f5 Bis Neuruppin reicht heute mein Energievorrat noch. 160 Kilometer hat das Granfondo  wieder gesammelt.

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Und am 19. Mai müssen nochmal das Granfondo und diesmal das neue De Rosa von Peter ran. Durch die Rapsfelder des Fläming. Durch einen heißen Tag mit über 30 Grad.

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Vorbei an echter Brandenburger „Platte“. P1080569

Und hin zur Weinschmiede in Fresdorf, wo uns der Sauvignon Blanc wunderbar schmeckt.P1080591.JPG

Und der Blick auf die alte Dorfeiche und die Dorflinde im Abendlicht zeigt uns wieder einmal: Brandenburg hat viel zu bieten für Körper und Sinne.fullsizeoutput_33f6