Randonneure fahren bei jedem Wetter und zu jeder Jahreszeit. Es gibt kein schlechtes Wetter, sondern nur ungeeignete Ausrüstung.
Vor ein paar Tagen war ich abends mit dem Auto in der großen Stadt unterwegs. Nieselwetter, nasse Straßen, Dunkelheit. Vor mir erkenne ich in letzter Sekunde einen Fixie-Fahrer – also rein in die Bremse, ausweichen und fluchen!
Schwarze Klamotten, kein Licht, kein Helm. Beste Voraussetzungen, bald im Krankenhaus zu landen. Sicher war das kein Randonneur, denn die sind ja bestens ausgerüstet, immer mit hellem Licht und immer mit Reflexweste unterwegs. So weit die Theorie!
Bei den langen Brevets, wo man die ganze Nacht hindurch auf dem Rad sitzt, habe ich auch schon Randonneure gesichtet, die mit einer Frontfunzel und einem kaum sichtbaren Lichtlein hinten unterwegs waren. Die dann, wenn die Batterien leer waren, einfach ohne Beleuchtung weiter durch die Nacht fuhren. Mehrmals habe ich mit Front- und Rücklicht ausgeholfen, denn einen Satz Leuchten habe ich immer in Reserve. Zugegeben, in unserer Szene ist solch ein Verhalten die Ausnahme. In Berlin-Mitte gehört es fast zum guten Ton, ohne Licht unterwegs zu sein.
Wer nächtens unbeleuchtet und ohne Reflexweste fährt, riskiert sein Leben und kann auch einen Autofahrer lebenslang in Schuldgefühle stürzen.
Um die verschiedenen Möglichkeiten/ Konfigurationen sichtbar zu machen, habe ich gemeinsam mit den Freunden auf einer für Autos nicht befahrbaren Straße mal getestet, wie unterschiedlich „Sehen und gesehen werden“ aussehen kann:
> Zuerst musste Peter seine Reflexweste ausziehen und nur mit einem kleinen Rücklicht losfahren. Außer dem Rücklichtpunkt ist fast nichts zu erkennen.
Dunkle Kleidung – nur das kleine Rücklicht ist zu erkennen
Wie eine geeignete Beleuchtung aussehen sollte, kommt auf den Einsatzzweck an:
Wer ab und an in der Dämmerung fährt, ist gut beraten, eine gut sichtbare Jacke oder Weste zu tragen, am besten mit Reflexelementen. Dazu eine Akku-Frontlampe und eine Akku-Rückleuchte mit Leuchtdauer 3 bis 5 Stunden reichen allemal. Für ca. 100 € zu haben.
Wer regelmäßig im Dunkeln fährt, sollte sich einen Nabendynamo und die entsprechenden Front- und Rückleuchten gönnen. Dann ist das Thema Akku-Laden passé. Rund 300 € werden fällig.
Und nun zu den Hardcore-Nachtradlern: Viel Licht nach vorn und viel Licht nach hinten! Je nach Wetter und Geschwindigkeit. Meine Lichtanlage sieht so aus: Vorn Nabendynamo SONdelux, Frontleuchte Supernova E3 Pro, dazu für fieses Wetter und schnelle Abfahrten Lupine Piko 4 mit 1200 Lumen und dickem 6400-mAh-Akku. Hinten Supernova E3 Taillight plus Knog Blinder für alle Fälle. Mit einem Preis von ca. 600 € ist dies sicher eine sehr teure, allerdings auch überaus leistungsfähige Zusammenstellung. Für den engagierten Fahrer, der bei jedem Wetter und zu allen Jahreszeiten auf dem Rad sitzt, allemal eine gute Investition. Ein einziges Carbonlaufruso viel!
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Eine gut erkennbare Oberbekleidung ist die ideale Ergänzung zur guten Beleuchtung.
Der Hersteller Rapha ist ein besonders gutes Beispiel für den durchgängigen Einsatz von Reflexelementen bei Jacken, Westen und Trikots.
Rapha Insulated Brevet Jacket, E3 Taillight ( hier etwas unter Wert geschlagen, weil von der Kamera angeblitzt) und Ortlieb Gravel mit klasse Reflektor
Die Brevet-Serie ist zwar sehr teuer, aber auch absolut top in Qualität und Tragekomfort.
Sehr löblich, dass mittlerweile auch von Vaude und Endura reflektierende Trikots und Jacken angeboten werden.
Das Supernova E3 Taillight ist auch noch in 100 m Entfernung nicht zu übersehen.Auf dem Radweg: Peter mit Mavic-Reflexweste und Supernova E3 Taillight im Licht einer Lupine Piko 4 in mittlerer Leuchtstufe
Hier im Bild links die wunderbar wasserdichte und atmende Shakedry von Löffler – leider nur ausgestattet mit einem kleinen Reflex-Markenlogo neben dem Frontreißverschluss. Nachtfahrten mit einer solchen dunkelgrauen „Hightechjacke“ sind nur zu empfehlen mit einem zusätzlichen Reflexgurt darüber, siehe rechtes Foto. Löffler und auch der Shakedry-Erfinder GORE sehen sich noch nicht in der Lage, das Material mit größeren Reflexelementen auszustatten.
Aktuell habe ich mir eine Allwetterjacke von AGU mit Heizelementen und einer LED-Reihe auf dem Rücken geleistet. Sehr warm, sehr gut Sichtbarkeit. Vernünftiger Preis. Besonders für Pendler zu empfehlen.
Merke! Sicherheit für Radfahrer kommt von Sichtbarkeit!
Und weiter geht es mit den Rückblicken: Diesmal in den Februar 2017. Verdammt kalt war es geworden, Schnee war gefallen. Aber das war kein Grund, den Tag am heimischen Herd zu verbringen. Lest selbst:
Peter hat wieder mal eine Idee: Nach Küstrin mit der Bahn und dann nach Nordwesten an der Oder lang. Da waren wir doch schon lange nicht mehr.
Die Oderlandbahn bringt uns für bescheidene 11,70 € von Lichtenberg nach Küstrin. Die freundliche Zugbegleiterin, die schon seit drei Uhr in der Frühe „on tour“ ist, nimmt uns bis zum Endbahnhof Küstrin mit. Schon beim Blick aus dem gut geheizten Waggon bekommen wir einen Vorgeschmack von dem, was uns im Oderbruch erwartet: Schnee reichlich!
Vor dem Bahnhof posiert Peter samt neuem Helm und Probecrosser von ALAN. Ludovico Falconi hat 1972 seine Räder nach seinen beiden Kindern benannt: ALberto und ANnamaria. nachdem ich das ergoogelt habe, weiß ich endlich, was es mit dem Markennamen ALAN auf sich hat. So werden wir uns mit Ludovico und Alcide ( Basso) ins Oderbruch begeben. Doch zuvor locke ich Peter in die Festung Küstrin, wo schon Friedrich der Große eingekerkert war und am 6.November 1730 dabei zusehen musste, wie sein Jugendfreund Katte auf Befehl von Friedrich Wilhelm enthauptet wurde. Weil er Friedrich zur Flucht verhelfen wollte. Küstrin hat eine lange und grausame Historie.
Das Berliner Tor ist einer der restaurierten Bereiche der Bastion.
Dieser Sockel kündet vom Gründer der Festung, Johann Markgraf von Brandenburg- Küstrin ( 1513-1571).
Auf der Suche nach einer Gedenkplakette für den hingerichteten Katte suchen wir vergeblich. Nur den Kattewall bekommen wir zu Gesicht. Bei Schnee und Eis zeigt sich die Festung abweisend und unwirtlich. Das mag sich bei lauer Frühlingsluft anders anfühlen als heute, wo wir froh sind, endlich aus diesem Ruinenumfeld hinauszukommen. Die ersten Kilometer über Küstrin-Kietz an der Oder entlang können wir locker rollen. Die Straße ist freigeräumt. Doch wie immer bei unseren Winterausflügen – irgendwann wird es heftig.
Links eine fahrbare Sackgasse, rechts Schnee und Eis. Also erst mal den Rückwärtsgang einlegen und über einen gerade noch fahrbaren Deichweg nach Letschin balancieren. Das schult den Gleichgewichtssinn. Weg mit den Fingern von der Bremse.
In Sophienthal, einem winzigen Ortsteil von Letschin, finden wir an jeder Ecke blaue Fahrräder. Überhaupt ist hier mehr Blau als anderswo.
Das Kolonistendorf Sophienthal feierte 2016 sein 250-jähriges Bestehen. Und dies war dazu in der Märkischen Oderzeitung zu lesen:
Zum Dorffest hatten Rothmanns ein blaues Fahrrad mitgebracht und es versteigert. 36 Euro kamen zusammen, die in die Festkasse gehen. Familie Engel aus Sophienthal ersteigerte das Gefährt, wird es nun im eigenen Garten entsprechend platzieren. Rothmanns sind bereit, weitere blaue Fahrräder zu gestalten. Interessenten können alte Drahtesel zu ihnen bringen oder sich selbst versuchen. „Ich wünsche mir, dass viele mitmachen“, sagt der Ortsvorsteher.
Offensichtlich haben viele mitgemacht.
Die Fahrspur ist auf den nächsten Kilometern nach Kienitz ein paar Reifenbreiten frei. Das reicht für flottes Fahren bei spürbarem Rückenwind. Am Rand von Kienitz lehnt an einem Vorgartenzaun eine veritable Ski-Sammlung aus mehreren Jahrzehnten. Bunt und wunderbar passend zum heutigen Wetter.
Alcide und Ludovico stellen wir einfach in den Tiefschnee vor dem Kienitzer Panzer, den wir schon zu allen Jahreszeiten und bei allen Wettern passiert haben. Sollen wir es wagen? Am Oderdeich die nächsten Kilometer auf Eis und Schnee? Immer langsam voran, meint Peter, dann packen wir das schon.
In Groß-Neuendorf liegt das „Bahnhotel“ noch in tiefem Winterschlaf. Anders die Rehe und Wildgänse. Noch nie haben wir so viele Rehe im Rudel über die Felder rennen und Vögel auf den Feldern sitzen sehen. Warum rennen die so, wenn keiner sie verfolgt, das kostet doch nur unnötig Energie, fragt sich Peter. Uns verfolgt auch keiner, und wir verbrennen auch reichlich Energie.
Roter Bell mit Schwarzem Peter
Erst fahrbar, dann Probe für unser Fahrkönnen. Der Oderdeich hin nach Zollbrücke.
Oh Wunder, am Grenzpfahl Nummer 615, an der Deichscharte der ehemaligen Zollbrücke, hat das Gasthaus geöffnet. Wir können es kaum glauben. Die Gaststube ist geheizt, es gibt einen köstlichen Glühwein, danach eine heiße Wildgulaschsuppe, dazu die markigen Kommentare der Wirtin mit Ostcharme. Peter hatte gefragt: Haben sie einen Glühwein oder sonst noch was? „Glühwein könnse haben, sonstwat hamwa nich.“
Wir biegen in Zollbrücke ab nach Westen, der Weg am Deich entlang ist eisig, und wir wollen endlich wieder unverkrampft auf den Rädern sitzen. Quer durch das Oderbruch: Zäckeriger Loose, Neuranft, Schiffmühle. Winter im Oderland, fahles Licht, Wolkendecke mit Sonnenrand. Herrlich, wenn es nicht so kalt wäre. Wir lassen es zügig rollen bis nach Oderberg und bleiben dann auf der Hauptstraße. Eine gute Wahl! Es hat in diesem Streifen so reichlich geschneit, dass sich die Kiefernäste schwer nach unten biegen.
Der Oder-Havel-Kanal trägt dickes Eis.
In den Anstiegen der Oder-Abbruchkante können wir uns warmarbeiten. Die 20 Kilometer nach Eberswalde erscheinen uns doppelt lang.
8 % ??? Na, das ist wohl leicht übertrieben. Aber in die Waden geht der Anstieg schon. Eberswalde kommt irgendwann. 16.42 Uhr, und genau um diese Zeit fährt der RE3 nach Berlin. Wir sitzen gerade drin, als er schon losrollt. Gutes Timing. Nach 32 Minuten sind wir in Gesundbrunnen und gönnen uns Speis und Trank in der „Lichtburg“. Hier stand einmal in der Brunnenstraße, am Ku´damm des Nordens, der Kinopalast Lichtburg.
Neue Radbrücke in Werder„Wings“ von Daniel Libeskind vorm Siemens.Verwaltungsbebäude SpandauTegeler SeeZwei Lieger auf WerderPark Sanssouci, Chinesisches TeehausMarmorpalais PotsdamSchwanenfamilie im Park SanssouciGlienicker Brücke Große Neugierde beim Schloss GlienickeHeilandskirche SacrowSchloss CecilienhofDas Denkmal steht seit dem 1.November 1989 am Seglerkopf an der Malche in Tegel. Hannah Höch war die Pionierdame der Fotocollage und wichtige Person der deutschen Dada-Bewegung. Geboren in Gotha 1889, verstarb sie 1978 in ihrem Refugium in Berlin-Heiligensee.Sechserbrücke in TegelOder-Havelkanal bei FriedrichsthalAm Langen Trödel in ZerpenschleuseKunst am Langen Trödel
Hier kommt Artikel Nummer zwei des Rückblicks – von Prag nach Krumlov/ Krummau an der Moldau:
Die Klänge des Jazzfestivals auf dem Altstädter Ring klingen noch lange nach. Hunderte Menschen verschiedenster Nationen – stehend, sitzend, essend, trinkend, plauschend – sind auf dem Platz versammelt. Friedlich, freundlich geht es zu. Eine Freude, dies zu erleben.
Die Karlsbrücke und der Hradschin zeigen sich in bestem Nachtlicht. Wir laufen und laufen und laufen, und dann verlaufen wir uns gründlich. Erst per Handy-Navigation finden wir wieder zurück zum U-Bahnhof am Museum. Nach Mitternacht fallen wir wie betäubt in die Betten. Ein schöner Abend war das.
Unsere Räder haben die Nacht im Restaurantraum genossen und wiehern geradezu zum Aufbruch. Kurz vor acht rollen wir ins Stadtgetümmel. Prag ist nicht für Radfahrer gemacht! Pflasterstraßen, Straßenbahnschienen… wo sind denn die Radwege? Wir schlagen uns durch nach Süden, fluchen über den Berufsverkehr und sind eine Stunde später endlich wieder auf freiem Felde unterwegs. Die Hussitenstadt Tabor in Südböhmen ist unser Tagesziel.
Riesige Eichen, romantische Weiher und ein Schimmel, der als Einhorn durchgehen könnte. Die Gegend wird traumhaft schön, die Sonne lacht dazu. Nur die fiesen Rampen, die sich aneinanderreihen, klauen unsere Körner. Mal 10 %, dann 15 %. 1500 Hm auf den nächsten 106 Kilometern. Man kann es kaum glauben, schließlich reiht sich nur Hügel an Hügel. Die Tschechen haben die Straßen immer schnurgerade hinaufgeführt. Keine sanften Bogenkurven.
Irgendwann enteilt mir Peter an einer der Rampen, weil er einen anderen Rhythmus tritt. Ich verliere ihn aus den Augen, dann packt mich der Ehrgeiz. Ich muss ihn doch wieder einholen können, schließlich ist er gnädig und wartet am Straßenrand. Nun bin ich dran und habe 100 m Vorsprung, der größer wird. Jetzt verliert er mich. Nach fünf Kilometern verstecke ich mich in einem lauschigen Wartehäuschen, um ein paar Fotos bei der Vorbeifahrt zu schießen.
Und wusch! ist der Peter vorbei, ohne mich entdeckt zu haben. Jetzt ist es wieder an mir, zu ihm aufzuschließen. Er denkt, ich sei noch vorn, und tritt richtig rein. So geht das über Kilometer. Schließlich hält er an, weil er gar nicht glauben kann, dass ich so schnell fahre. Auf diese Weise haben wir auf diesem Teilabschnitt einen knappen 30er Schnitt eingefahren. Geht doch!
Gegen 16 Uhr rollen wir in die Altstadt von Tabor ein. Die Vorbereitungen für ein Komödianten- und Artistenfest laufen auf vollen Touren. Der Soundcheck ist brutal laut und lässt nichts Gutes für die Nacht erwarten.
So gönnen wir uns am Marktplatz das obligatorische Zielankunftsbier und fahren dann in die Unterstadt zur Hotelsuche hinunter. Im Hotel Tabor werden wir fündig, duschen den Höhenmeterschweiß ab und begeben uns auf Kulturspaziergang.
Die nächste Etappe wird uns ins beschauliche Krumlov an der Moldau führen. Doch davor hat der Landschaftsgestalter wieder reichlich Rampen eingebaut. Die erste gleich in südlicher Verlängerung der im Bau befindlichen Brücke. Tschüss Tabor.
Südböhmen at its best.
Klecaty und Holasovice sind kleine Dörfer, die im Bauernbarock gestaltet sind – zwischen 1830 und 1850, als die Zeit der Leibeigenschaft zu Ende ging.
UNESCO- Weltkulturerbe seit 1998
In Klecaty und Holasovice fühlen wir uns ins 19. Jahrhundert versetzt. Dörfer, die aussehen, wie eine Filmkulisse. Kurz darauf erreichen wir Budweis. Ein riesiger Marktplatz, Arkadengänge, barocke Ensembles, bunte Fassaden. Und natürlich Budweiser Bier.
Auch unser Ziel für heute zählt zum UNESCO-Welterbe: Krumlov oder Krummau. Herrlich gelegen in einer Moldauschleife. Oben die Festung, unten die Bürgerhäuser, die Wirtschaften und die Läden. Anzuschauen wie eine Puppenstube der Barockzeit. Zuerst kehren wir ein im „Dvorak“. Die Zeltdächer des Biergartens geben uns Schutz vor dem prasselnden Regen. Nur widerwillig werden wir an einen Tisch vorgelassen, offensichtlich wollen die Kellner nicht gerne nass werden und verziehen sich nach drinnen. Auf der Moldau ziehen Schlauchboote und Kajaks mit fröhlichen Menschen vorbei. Nass, aber gut gelaunt.
Krummau ist eine Art Rothenburg ob der Tauber in Tschechien. Touristenströme wälzen sich durch die Gassen. Nie zuvor haben wir so viele Chinesen auf einmal gesichtet. In Fünferformationen erobern sie den beschaulichen Ort. Im Gegensatz zu den eher zurückhaltend freundlichen Japanern treten sie eher forsch und sehr selbstbewusst auf. Die Botschafter der künftigen Führungsnation dieser Erde.
Unser Quartier für die Nacht finden wir im Hotel Leonardo. Traumhaft gelegen und stilvoll ausgestattet mit Antiquitäten.
Blick aus dem Fenster
unser Prunkgemach
An diesem Abend speisen wir ausnahmsweise einmal vornehm. Und zum Abschluss genehmigen wir uns noch ein Fläschchen guten Roten aus dem „Späti“. In stilvollem Ambiente würdig genossen.
Am nächsten Tag werden wir die Moldau weiter hinauf fahren und dann über die Ausläufer von Bayrischem und Böhmischen Wald hinein ins österreichische Mühlviertel. Höhenmeter warten. Demnächst mehr davon.
Auf der WordPress-Plattform betreibe ich mein Blog seit 2013 in immer wieder leicht angepasstem Outfit. Aktuell habe ich Lust, wieder Neues zu erproben. Es war notwenig geworden, seit ich meinen Tarif von „Business“ auf „Premium“ reduziert habe. Ich benötige für die zukünftigen Berichte nicht mehr 200 GB Speichervolumen. Auch Funktionen, die nur für wirkliche Business-Seiten Nutzen bringen, will ich nicht teuer bezahlen. Also begnüge ich mich mit max. 13 GB Speicher. Immer noch genügend, um über 100 Beiträge mit hochauflösenden Fotos verfügbar zu haben. Aber eben nicht genug, um über 300 Stories seit 2013 hier online zu haben. So kann jeder Leser, wenn er denn will, zurückblättern bis 2017. Und ich bin dabei, die besten Geschichten der letzten fünf Jahre auszusuchen, aufzufrischen und nach und nach ganz nach oben zu schieben.
Natürlich werde ich auch zukünftig regelmäßig in Brandenburg und darüberhinaus unterwegs sein. Immer auf der Suche nach alten Bäumen, herrlicher Natur, schönen und auch schaurigen Ansichten unserer Region.
Geschichten zu Kultur, Natur und den Menschen in Brandenburg und drumherum. Immer aus der Perspektive des Radfahrers. Sportliche Top-Leistungen überlasse ich mehr und mehr den Kollegen und Freunden – mit über 70 gönne ich mir ein verträgliches Tempo – dafür zücke ich öfter die Kamera und versuche, mehr und mehr hinter die Dinge zu schauen, die ich beim Fahren sehe. Auch zukünftig werde ich über Räder, Ausrüstung, geeignete Kleidung und auch Training schreiben. Nur die Prioritäten haben sich geändert. Die Info-Seiten zu Brevets und Beleuchtung habe ich herausgenommen. Zu diesen Themen gibt es mittlerweile reichlich gute und aktuelle Infos im Netz.
Ich hoffe, Ihr habt auch nach den veränderten Prioritäten Spaß beim Lesen und Kommentieren. Bleibt gesund und habt Freude beim Radfahren! randonneurdidier
Diesen Beitrag habe ich im August 2017 geschrieben. Just heute, beim Bereinigen meines Blogs, kam mir die Idee, die besten Stories der vergangenen fünf Jahre mal in lockerer Folge nach oben zu schieben. Eine schöne Zeit auf diese Weise Revue passieren lassen.
Hier der erste Teil über die 1000 km Tour an Elbe, Moldau und Donau. Im Gedenken an Peter, der 2021 von uns gegangen ist.
2. August: Die Teilnehmer des Transcontinental Race sind seit dem 28. Juli unterwegs, Björn Lenhard fährt unglaublich gut und führt vor James Hayden. Mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von über 27 km/h. Und das schon 100 Stunden lang – mehr als 2500 Kilometer, zwei Alpendurchquerungen, die Hohe Tatra … Fahren, fahren, kurbeln, kurbeln. Schier unfassbar, was die Frauen und Männer leisten. Dagegen mutet unser Vorhaben, 1000 Kilometer zu radeln, an wie eine gemütliche Kaffeefahrt. Und genau so haben wir das auch geplant. Jeden Tag um die 150 Kilometer fahren, viel Natur, Kultur und Menschen erleben. Endlich mal nicht so wie auf einem langen Brevet unterwegs sein.
Genussvoll soll es sein!
Am 2. August treffen wir uns um 8.30 Uhr an der Fähre in Caputh zum Start auf die erste Etappe nach Mühlberg an der Elbe.
Peter hat seinen ALAN-Crosser und ich mein neues Granfondo Titan gesattelt. Die neuen Gravel-Packs von Ortlieb nehmen alles Notwendige auf: Ersatztrikot, Hose, Socken, Regenklamotten, Freizeitsachen, leichte Schuhe, Waschzeug. Punkt. 7,5 kg Gepäck reichen für eine komfortable Ausstattung. Schließlich werden wir auch einige Höhenmeter abarbeiten müssen.
Schon in Wildenbruch treffen wir mit Matthias zusammen, der unbedingt mit uns ein paar Kilometer gemeinsam rollen will. Eigentlich hat er keine Zeit, sein Troytec-Lieger ist in der Inspektion, und er hat sein altes Kuwahara-MTB dabei.
Bis Jüterbog fahren wir zu dritt. Und um den Genusscharakter der Etappentour zu etablieren, genehmigen wir uns bei Kilometer 60 Kaffee und Kuchen. Tschüss Matthias, schade, dass du nicht die gesamte Tour dabei sein kannst.
Das Wetter ist wie zum Radfahren gemacht: leichter Schiebewind, 22 Grad, wunderbar leichtes Rollen durch die Wiesen und Felder des Fläming hin zur Elbe.
In dem kleinen Örtchen Oehna kann man Liegeräder aller Arten bei Sausetritt kaufen und auch ausleihen. In Annaburg kommt dann die nächste Überraschung: Raketen, Panzer, Kriegsgerät – alles käuflich zu erwerben bei SFOR. Mich schüttelt es. Ein kleiner Schützenpanzer für den Vorgarten vielleicht? „S.F.O.R. will dabei helfen, Träume zu verwirklichen.“, schreibt der Anbieter auf seiner Homepage. Alpträume bekomme ich, wenn ich das lese!
Kurz vor Erreichen der Elbbrücke hinüber nach Torgau stehen diese drei Flaggen, die an die Begegnung der amerikanischen und der russischen Armee am 25. April 1945 erinnern. Die Kapitulation wurde eingeläutet. Ein Wunder, dass der historische Kern von Torgau das Kriegsgeschehen fast unbehelligt überstanden hat.
Das Thermometer zeigt 35 Grad an, wir freuen uns auf ein kühles Getränk in historischem Umfeld.
Das Schloss Hartenfels begrüßt uns, bevor wir in die Altstadt hinaufradeln.
Wir posieren auf der Schlossbrücke, der Bär im Burggraben liegt faul auf dem Bauch. Seit 1425 werden im Burggraben Bären gehalten. Dieser hier ist offensichtlich jüngeren Datums. Im Innenhof bewundern wir die Wendeltreppe aus dem 16. Jahrhundert und die Schlosskapelle, der erste Neubau einer protestantischen Kirche, die schon im Jahre 1544 Martin Luther entzückte.
Ganz im Sinne von Johann Friedrich dem Grossmütigen gönnen wir uns 20 Kilometer vor dem Tagesziel ein kühles Krostitzer. „Wahre Helden stehen mitten im Leben.“
Wir belassen es bei einem Bier und rollen hinunter an die Elbe und radeln auf der Westseite des Flusses weiter nach Mühlberg.
Im Gasthof Zum Kronprinz haben wir zwei Zimmer reserviert, machen uns frisch und genießen das Tagesgericht, Matjes mit Salzkartoffeln. Kurz nach Einbruch der Dunkelheit haben sich alle Mühlberger in ihre Häuser zurückgezogen. Keine Kneipe weit und breit, kein Mensch in den Gassen. Still steht der Mond und scheinet. Wer Ruhe sucht, der findet sie in Mühlberg. 158 Kilometer stehen für heute zu Buche. Morgen geht es weiter über Meißen, Dresden und Pirna hinein nach Tschechien.
Der Tag begrüßt uns mit Nieselregen, unserer guten Laune tut das keinen Abbruch, schließlich wollen die Regenjacken auch mal ausgepackt werden. Hinter der nächsten Flussbiegung thront die Albrechtsburg stolz über der Elbe und zieht uns fast hinüber zu einer Altstadtrunde in Meißen. Nein! Wir fahren weiter, befiehlt Peter. Det kenn´wer doch alles schon …, und wir wollen doch ein paar Kilometer machen. Recht hat er, also fahren wir weiter im leichten Regen.
Direkt am Elberadweg bei Brockwitz sind Zelte und Tische aufgebaut, wir rumpeln über die Wiese. Da scheint et wat umsonst zu jeben, meint Peter und steuert direkt auf die Stände zu. Erstaunen: Hier in Brockwitz hat die Ernte der Aronia-Beere begonnen und wird festlich in Szene gesetzt. Majestäten, Fotografen und eine Blütenkönigin sind zugegen.
Arno, der dpa-Fotograf, ist ein Freund von Björn Lenhard, den wir seit Tagen über das Trackleader-Portal beim Transcontinental Race verfolgen. Soeben hat ihn James Hayden an der Spitze abgelöst. Mit Ansage. „Bei der dritten Kontrolle hab ich ihn“, hatte er schon am Start Arno geflüstert. So kam es dann auch. James und Björn sollten auch schließlich nach mehr als 4000 Kilometern am griechischen Klosterberg Meteora als Erster und Zweiter finishen.
Wir wenden uns derweil wieder der Aronia-Beere und der sächsischen Blütenkönigin zu.
Mit der Kraft der Aronia-Beere machen wir uns auf den Weg nach Dresden. Der Regen lässt nach, die Kilometer laufen durch. Nach Dresden wählen wir die Route über Cossebaude und Niedergöhlis. Übel! Kein vernünftiger Radweg, Riesenbaustelle, LKW an LKW. Wir sind froh, als wir vor der Frauenkirche stehen und die Autoabgase nicht mehr direkt vor und in der Nase haben.
Mein Granfondo lehnt sich kurz an Martin an. Die Pfadfinder tun das auch. Zehn Minuten später rollen wir wieder an die Elbe und sind froh, aus der Stadt hinauszukommen in die Natur. Heute kann uns die innerstädtische Kultur absolut nicht reizen.
Das Blaue Wunder zieht vorbei, dann Lene Voigt mit ihrem „Gaffeedopp„, und schließlich die letzten kleinen Ortschaften vor der Grenze nach Tschechien. Der Radweg wechselt auf die andere Elbseite, und wir lernen bei Königstein unter der riesigen Festung einen Fährmann kennen, der vor guter Laune und Humor geradezu birst.
Ein paar Kilometer weiter, bei Schmilka, queren wir die Grenze.
Kalter Beton, immer noch wachsame Polizisten, ein Reisebus. Die nächsten Kilometer verlaufen durch Wald, an der gegenüberliegenden Elbseite rattert die Bahn gen Süden. Trostlose Kilometer. Bis das Elbtal sich wieder auftut, breiter wird und hell. Děčín , das ehemalige sudetische Tetschen-Bodenbach mit seinem riesigen Marktplatz kommt in Sicht. Hier wollen wir übernachten. 140 Kilometer sollen genug sein für heute. Eine erste Adresse für Radfahrer ist das Hotel Ceska Koruna, direkt am Marktplatz.
In Decin stiefeln wir hinauf zum Zamek – dem Schloss. Belohnt werden wir mit einem herrlichen Blick auf die Gegend, eine riesige Linde im Schlossinnenhof und dann auf dem oberen Platz mit guter Gastlichkeit und vielen überaus freundlichen Menschen.
So darf es weitergehen in Tschechien. Am nächsten Morgen sind wir schon vor acht auf den Rädern. Usti nad Labem ist die erste Stadt auf dem Wege hin nach Prag, unserem heutigen Etappenziel. Aussig heißt der Ort in Sudetendeutsch. Viel Industrie, alte Bauten, viel Betriebsamkeit, ein Elbhafen.
Die Elbe wird überspannt von der neuen Marienbrücke, einer der beeindruckendsten Brücken, die ich je gesehen habe. Ganz nahe von hier wurden am 31. Juni 1945 , lange nach dem Kriegsende, hunderte von Deutschen erschlagen, erschossen oder einfach in die Elbe geworfen. Die neuen tschechischen Siedler begingen in blindem Zorn ein wildes Massaker. Am Ende des Krieges waren fast alle der ursprünglich über 40000 Deutschen aus Aussig vertrieben – mitgefangen, mitgehangen. Heute erinnert eine Gedenkplakette an die schrecklichen Tage.
Wie schön, dass wir heute wieder die Landschaft, die Menschen und die Gastfreundschaft genießen können. Möge Europa so nah wie hier fühlbar beieinander bleiben!
An der Staustufe gegenüber der Burg Schreckenstein geht es schrecklich die Treppen rauf. Ein Radweg, wie gemacht für Lastesel. Peter flucht und schiebt. Ein paar Meter weiter ankert eine kleine Reisegruppe aus Dresden mit ihrem Boot. Die Jugendlichen genießen ihren Abenteuerurlaub.
Am Radweg entdecken wir wahre Preziosen: einen Mercedes 380 SL, der wahrscheinlich einmal in den USA seine besseren Zeiten erlebt hat, und eine schier unendlich sich reihende Garagenkette. Was mag da wohl drin sein?
Bei Melnik fließen Elbe und Moldau zusammen, ab hier werden wir der Moldau, der Vltava, nach Prag folgen. Ein Langstreckenradler aus Wales, der aus Nürnberg kam und über Prag auf dem Wege bis hin zur Ostsee ist, warnt uns vor den Eigenarten des Radweges. Mal Autobahn für Radler, mal Schotter für Mountainbiker. Alles in unregelmäßiger Folge. Genauso kommt es dann auch. Auf den Kilometern bis Prag schwitzen, fluchen, wundern wir uns immer wieder.
Die Nektarinen, die wir am Morgen beim Frühstück eingepackt haben, verspeisen wir genüsslich gegenüber von Melnik. Hinter uns ein riesiges Heizkraftwerk, das sein warmes Kühlwasser hier in die Elbe einleitet.
Wir fahren auf der Sun-Route, dem Eurovelo 7, der vom Nordkap über 7305 km bis nach Malta führt. Das führt uns dann doch zu weit ( für diesen Urlaub zumindest).
Die Hochwassermarken künden von den Fluten der Elbe seit 1784. Den bisher höchsten Stand entdecken wir ganz oben unter dem aufgesetzten Dach: Das Jahr 2012 ist mit Abstand der Rekordhalter.
Weiter rollen wir an der Moldau nach Prag hinein. Im Hotel AIDA haben wir vorsorglich schon vor Tagen ein Zimmer gebucht. Das Hotel finden wir nach kurzer Suche, geleitet von unseren Garmins. Die Etrex 35 touch leisten ausgesprochen zuverlässige, komfortable Dienste.
Wir checken ein, die Dame an der Rezeption ist äußert entgegenkommend und erlaubt uns, die Räder in einem Nebenraum des Restaurants abzustellen. Einen Tipp für das Abendessen hat sie auch noch: In der Pension Hofmanu, die auf der Rückseite gar grauslich ausschaut, gibt es einen gemütlichen Biergarten. Wir genießen das Budweiser und böhmische Knödel.
Dann machen wir uns per Metro auf in die Altstadt. 10 Minuten braucht der superschnelle Zug. Top-sauber, sehr komfortabel. Hallo Berlin, bitte mal vorbeischauen. Hier ist zu erleben, wie U-Bahn-Fahren modern geht.
Wenzel begrüßt uns auf dem gleichnamigen Platz:
Jetzt lasse ich einfach noch ein paar Fotos sprechen vom Flair dieser wunderbaren Stadt:
Diese Stadt ist eine Reise wert.
Morgen geht es weiter nach Tabor, aber davon im zweiten Teil des Reiseberichts.
Nach einer ruhigen und erholsamen Nacht genieße ich das Frühstück im Hotel am See. Auf dem Badesteg sitzen die Enten und wärmen sich in der Morgensonne. Als ich die Tür zum Hantel-und Fahrradschuppen öffne, lacht mir mein Granfondo schon erwartungsvoll entgegen. Besser kann Tag zwei meiner Tour nicht beginnen. Den Track habe ich von Löcknitz aus in Richtung Ueckermünde gelegt, einen kleinen Umweg muss ich aber unbedingt machen, denn ich habe schon am Abend beim Spaziergang ein Hinweisschild auf eine 1000-jährige Eiche entdeckt. Und nachdem ich in den vergangenen Jahren bereits die meisten alten Bäume der Region gesucht und auch gefunden habe, kommt mir dieser Zufallsfund gerade recht. Der Weg führt mich am See entlang nach Osten. Fünf Minuten später steht der Baumriese vor mir.
Der Stamm ragt hoch auf, bevor die Krone in die Breite geht. Nur ein einziger, mächtiger Ast streckt sich wie ein Teil eines riesigen Kandelabers zur Seite und dann nach oben. Ursprünglich hatte die Eiche offensichtlich eine ganze Reihe von dicken, früh zur Seite auskragenden Ästen. Die wurden aber bei einer oder mehreren Sanierungen wegoperiert, vielleicht aber vorher schon bei Sturm oder Gewitter herausgebrochen. Die Öffnungen im Stamm wurden mit Lochblechen verschlossen. Seltsam anzuschauen und nicht besonders gelungen oder gar schön zu nennen. Auf einer in einem Findling eingelassenen Infotafel lese ich die Geschichte des Baumes samt zugehörigem Gedicht.
Im Jahre 1127 soll Irmtrud, die den Burgvogt Conrad de Lokenitz besuchen wollte , vom Tempelpriester Sweno gefangen genommen worden sein. Gegen ein saftiges Lösegeld, das Conrad an Sweno zahlte, wurde sie freigelassen und pflanzte dann aus Dankbarkeit eine Eiche, so geht die Sage. Die Irmtrudeiche wäre nach meiner Rechnung heute 895 Jahre alt. Wenn da nicht ein paar Fakten im Wege stünden: Der Baum hat heute einen Umfang „in Brusthöhe“ von 6,80 m. Das Alter einer Eiche mit normaler Wuchsgeschwindigkeit wird geschätzt, indem man den Umfang mit 0,8 multipliziert. Ergibt ein ungefähres Alter dieses Baumes von um die 500 Jahre. Irmtrud wird also bestenfalls den Ahnbaum des heutigen gepflanzt haben, und wenn in der Sage ein wahrer Kern vorhanden ist, mag die 1000-jährige Eiche von Löcknitz vielleicht in der Zeit des 30-jährigen Krieges aus einer Frucht der ursprünglichen Irmtrudeiche gewachsen sein. So, wie ein 8-jähriger Sprössling von Irmtruds Eiche im Jahr 2000 umgepflanzt wurde und nun am Parkplatz des Seehotels wächst und gedeiht.
Nach soviel Eichengeschichte und -Geschichten mache ich mich endlich auf den Weg hin zum Stettiner Haff.
Den herrlichen Rindern auf der Weide bei Rothenklempenow sind meine Mutmaßungen zur Eiche vermutlich vollkommen egal. Jedenfalls strecken sie mir mehrheitlich ihr Hinterteil entgegen.
An der Grenze von Brandenburg zu Mecklenburg-Vorpommern, eigentlich hier zu Pommern, sind die Rinder gegenüber den Menschen, die ich zu Gesicht bekomme, in der Überzahl. Von Westen her schiebt sich eine Regenfront ganz langsam zu mir herüber. Die ersten Tropfen fallen, der optimistische Wetterbericht wird Lügen gestraft. Ich suche Schutz unter dem Vordach des Gemeindehauses von Glashütte. Auch hier ist keine Menschenseele zu erspähen. Nur auf der Straße gischtet ein LKW vorbei.
Ein Maulwurf hat hier ganze Arbeit geleistet und Hügel um Hügel aufgeworfen. Warum läuft das Tier nicht einfach auf der Wiese, sinniere ich… Und das Fachwerkhaus im nächsten Dorf steht am Ende, ist aber nicht am Ende, sondern in einem sehr ordentlichen Zustand. Der Regen lässt nach, meine Gedanken werden auf die vor der abziehenden Regenwand herrlich erleuchteten Bäume gelenkt.
Balsam für die Seele. Dann an einer langen Mauer an der Straße aufgesprüht die Parole: „Arbeitsplätze statt Asylanten“. Von wem fühlen sich die Menschen bei einem Ausländeranteil von 4% bedroht? Wie bemerkte doch schon der von mir so verehrte Alexander von Humboldt: „Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung derer, die die Welt nie angeschaut haben“.
In der Gegend von Eggesin fahre ich kilometerweit an Hinweisschildern „Militärischer Sicherheitsbereich“ vorbei. Alte Kasernen, neue Kasernen. Ein ältlicher Bundeswehrbulli kommt mir entgegen. Ich hoffe sehr, dass die Ausrüstung der Soldaten, die hier Dienst tuen, neueren Datums ist. Über Eggesin und den Nachbarort Torgelow lese ich seitenweise über deren Militärhistorie. Ganz wenig ist geblieben, nur um die 1000 Soldaten sind noch stationiert . Riesige Kasernenblocks stehen zum Verkauf und gammeln vor sich hin. Die Einwohnerzahlen von Eggesin und Torgelow haben sich seit der Wende nahezu halbiert. Angesichts dieser Entwicklung ist es schon erstaunlich, in welch gutem Zustand sich die Infrastruktur zeigt. Eine Eisengießerei, die vor kurzem dem Besitzer gewechselt hat, ist mit 300 Mitarbeitern der größte Arbeitgeber der Stadt.
Ich rolle weiter südwärts in Richtung Pasewalk. Schon von Weitem macht sich das riesige Getreidesilo am Horizont breit. 64 Betonröhren konnten 80000 t Getreide speichern. 1975 von einem VEB erbaut, gab die Anlage 200 Menschen Arbeit, heute werden zur Erhaltung noch ganze drei Personen benötigt. Fortschritt?
80000 t Silo
Neben dem ausgedienten Riesensilo steht noch die Großkantine des ehemaligen VEB-Betriebes, der 2021 Drehort für den launigen Film „McLenBurger – 100 % Heimat” war. Als ich hier vorbeifuhr, wusste ich davon nichts, und die wunderbaren Burger, die von Steffi Kühnert und Martin Brambach gebraten wurden, sind leider nur Fiktion.
In Pasewalk walken nur wenige Menschen durch die Stadt, auf dem Marktplatz werden gerade Stände aufgebaut, eine Dönerbude hat geschlossen, die andere in einem Untergeschoss stößt mich mehr ab als sie mich anzieht. Also schiebe ich mir ersatzweise einen Eiweißriegel zwischen die Zähne und verlasse den Ort südwärts. Auf den Grundmöränenhügeln bei Pritzwalk stehen die neuen Wahrzeichen der Region, die Windkraftanlagen.
Nicht jedem gefällt die Verspargelung der Landschaft mit immer höher werdenden Propellertürmen. 240 Meter hoch sind die neuesten Anlagen, die hier Strom erzeugen. Dann entdecke ich im 100-Seelen-Örtchen Nechlin ein Stück Windkraftzukunft: Einen Windwärmespeicher, in dem überschüssige Energie aus Windkraftspitzen dazu genutzt wird, 1000 Kubikmeter Wasser zu erwärmen und damit per Wärmenetz die Häuser des Dorfes heizt. Überhaupt ist in diesem Dorf die Energiewende greifbar umgesetzt. Solaranlagen und Wärmespeicher stellen ganzjährig den Energiebedarf von Nechlin zu geringen Preisen ökologisch vorbildlich sicher.
Ein erstaunliches Beispiel für das, was schon heute machbar ist. Warum gibt es das nur in einem Örtchen in der Uckermark, das kaum jemand kennt? Machbar ist offensichtlich schon heute viel mehr als derzeit realisiert wird.
Nachdenklich rolle ich weiter, arbeite mich Hügel um Hügel weiter nach Boitzenburg und dann nach Templin. Für einen kalten Knacker in der Bahnhofskneipe reicht die Zeit gerade noch, dann fährt der Zug ab, der mich nach Oranienburg bringt. Dann noch mal 20 km per Rad bis unter die heimische Dusche. Dann gönne ich mir ein großes Glas Rotwein und lasse 170 Tageskilometer durch eine herrliche Herbstlandschaft Revue passieren.